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r Seite 4 1. Beilage

Kasseler Neueste Nachricht«,

Montag, 1. Dezember 1930

Turniag des Gaues MrdHessen

Der größte Teil beä Gauvorstandes neugewählt / Oberzwehren übernimmt das Gauturnfest 1931

H. 8p. Kassel, 1. Dezember.

Ter 35. Gauturntag ies Gaues Nord Hessen lnr OLerweserkrets der DT. am gestrigen Sonntag in R o - thenditmolö, zu dem 65 Abgeordnete. 36 Bezirks­und 10 Gauvorstandsmitglieder erschienen waren, brachte in mehrstündiger Beratung po s i t i v e Arbeit im Sinne der Deutschen Turnerschaft. Hauptpunkte der umsangrei­chen Tagesordnung waren Beschlußfassung und Annahme der neue» Gausatzungen, Neuwahlen, Bespre­chung des Arbeitsplanes für das kommende Jahr und Genehmigung des Voranschlages einschließlich des G-u- beitrages. Die wesentlich vereinfachten G - u s a tz u n - gen wurden durchberaten und mit einigen Aenderungen von der Versammlung angenommen.

Als Ort des nächstjährige» Gauturuscstes wurde mit Mehrheit Lberzwehreu bestimmt.

»nd den Vereinen Niederzwehren und I h r i n g s - bansen das Recht zuerkannt, nach dem Gauturnfest ein »auoffenes Gerätewetturnen zu veranstalten.

Gaumäunerturuwart: Weber- Harleshausen, Gaufraueutnruwart: Frl. Engelbrecht-Kassel, Ga«juge»dwart: Schnitzler- Sassel, Gauschwimmwart: Reuz-Sassel, Gauspielwart: W » r z l e r - Kassel.

Ausgeschicden sind also: Rode, Christ, Jünge, Hellmuth, Gutzschebauch und Hofmann.

Wir habe» zu dem neue« Ganoorstand das Vertraue», daß er die Geschicke das Turuganes Rordbesse» im

Stone einer modernen, zielbewussten tnrnerifchen Auffassung weiterführt.

Bei den Jahresberichten gab das Verhältnis Ser Ju­gend zu Veranstaltungen der Turner Grund zur Ausspra­che. Der alte Beschluß, die Jugend nur in besonderen Jugendveranftaltungen zu beschäftigen, ist seinem tieferen Sinn nach in den Turnerkreifen noch nicht richtig ersaßt und es war richtig, daß Rektor Seibert-Niederzwehren vor­schlug, weiteres Material zu dieser Krage bis zum näch­sten Gauturntag zu sammeln. Der Jugend kann nicht ge­nug Aufmerksamkeit geschenkt werden.

Der Jahresarbeitsplan 1931

steht im übrigen folgendermaßen aus:

i 4- 1. Versammlung des Turnansschusscs und der Be­zirks-Kachwarte.

15. 2. Gauvorturuerstunde für Männer und Kranen.

15. 3. Ganjngendgerätewettkämpse in Kassel.

22. 3. Kampsrichterlehrgang für Vereiusriegenturuc».

22. 3. Schiedsrichterlehrgäuge in den Bezirken.

18. n. 19. 4. Lehrgang für Bolkstnrneu llj^-tägig).

14. 5. Götzwandernng.

31. 5. 4>robe der Turnerinnen für das Ganturnsesi.

7. 6. Gannolkstnrntag in Sassel.

5. 7. Gantnrnfest in Oberzwehren.

19. 7. G a « s ch w i m m t a g und G a n s v i e l t a g.

4. 10. Gangeländelänse.

31. 10. rund 1. 11. Lehrgang für Männerturnen fl^täg.j

1 7. n. 8. 11. Lehrgang für Frauenturnen ll^tägig).

29. 11. Gantnrntag.

Die Sassrnverhältniffe

des Gaues sind, trotzdem der diesjährige Abschluß ohne Mehr- oder Fehlbetrag abschließt, gesund. Erfreulich ist, daß daneben in der Gau-Baukaffe ein Vermögenswert von 4700 Rillt, vorhanden ist, der bis auf rund 300 RM. in Bur­da rlehe» oder durch' Beschaffung von Turngeräten mit langfristigen Raten unter di« Turnvereine ausgeliehen ist. Der Voranschlag balanziert in Einnahmen und Aus­gaben mit 18 780 RM. Die Steuerfrage wird sich für das kommende Jahr wie folgt auswirken: Beitrag an die DT. 80 Rpsg., Kreis 85 Rpfg., Gau 35 Rvfg. und 3 Rpfg., Kampsrichterfonds, sodaß für 1931 2,03 RM. Steuern pro Kopf zu entrichten sind. Gauvertreter Rode konnte dann, nachdem noch einig« turnerische Angelegenheiten durchgesprochen worden waren, nach 15 Uhr den 55. Gau- turntag mit dem Dank an di« Anwesenden schließe».

HallenschwimmsestderAchetter-Waffechortler

Das Schwimmfest der Arbeiterwafsersvortler in dem Kasseler Hallenbad nahm vor ca. 600 Zu­schauern einen glänzenden Verlauf. Nach jeder Hinsicht be­deutet es für den Veranstalter einen Erfolg. Die Orga­nisation war gut und reibungslos konnten die Kämpf« burchgefübrt werden. Die gemeldeten Vereine waren ver­treten. Hildesheim, Hannover und Erfurt erwiesen sich als die Favoriten und konnten die meisten Siege erringen. Unsere Kasseler Vertretung hatte gegen eine derartig« Konkurrenz wenig zu bestellen.

Geese, Hannover, 1,27, 2. Becker, Kassel, 1,32,1, 3. Klet» Hans, Göttingen, 1,35.

bringen: 1. Grimme, Hannover, 29% $., 1 Fischer, Kassel. 27%, 3. Tittmar, Erfurt, 25%.

SB af f er 6 a t If 9 i t le : Göttingen Jgd. Hildes­heim 3 ab. 0:3, Kassel Jgd. Hildesheim Jgd. 0:5, Kassel- ,^ora£,aufcn B 3:3, Kassel A Hildesheim A 0:9, £.> ®"etm Göttingen a 1:0, Hannover A Erfurt A

3.

2.

Vereiusmehrkampf: 1. Hannover 77%, Hildesheim 60%, Kassel 59% P.

Jngendlagenstafette 4 mal 50 m: L Hildesheim 2,39,1, Kassel 2,40,3, 3. Göttingen 2,43,1.

Die Resultate:

Männerlagenssafette 4 mal 100 m: 1. Hildesheim 5,31, 2. Hannover 5,37,4, 3. Erfurt 5,49, 4. Kassel 6,09.

Frauenbrnstschwimmen 100 m: 1. Bode-Hildesheim 1,39, 2. Bollbracht-Erfurt 1,44,4, 3. Hollftein-Kaffel 1,49,4.

Sranlschwimme» männliche Jugend 50 m: 1. Dittmar- Erfurt 32,3, 2. Brennecke-Hildesheim 32,4, 3. Gocke-Hanno- ver 34,2, 4. Becker-Kaffel 36,1.

«inderfchwimmen 50 m: Mädchen: 1. Schütte-Kassel 51,2, Knaben: 1. Ott-Kassel 47,2.

Rückenschwimmen für Männer 100 m: 1. Eger-Hilbes- beim^ 1,28, 2. Laube-Erfurt 1,30,2, 3. Schiittwolf-Nordhausen

Seiteschwimmen kür Männer 100 m: 1. Gubsch«-Hanno­ver 1,21,4, 2. Kreter-.Hildesheim 1,22,4, 3. Gössel-Norö- Sausen 1,27,3, 4. Henkel-Kassel 1,29,2.

Svortlerschwimmen 50 m beliebig: L Bieuer 42, 2.

Meier 48, beide Kassel.

Kranlschwimmen für Frauen 50 m: 1. Rode-Hildesheim 37,1, 2. Bollbracht-Erfurt 43,4, 3. Dehne-Kaffel 44,3.

Kraulschwimmen für Männer 100 Meter: 1. Eger-Hil- desheim 1,10,1, 2. Meyer-Hannover 1,12, 3. Hentsch-Erfurt 1,12,4.

Tauchen: 1. Hildesheim, 2. Nordhausen, 3. Kassel.

Rückenschwimmen für Frauen, 50 Meter: 1. Bredc, ^uldesheim, 44,3, 2. Montag, Erfurt, 49,3, 3. Dehne,

Bru st schwimmen für Männer, 100 Meter: 1.

Camera schlägt paolino

100 000 Zuschauer in Barcelona.

Ganz Barcelona stand am Sonntag unter d«m Eindruck des großen Boxkampfes zwischen dem Spanier Pao­lino und dem ttalienischen Riefen Primo Carnera. 100 000 Zuschauer strömten aus all«» Teilen Spaniens »u- fainmen, um dies«» sensationellen Kamv's zu sehen. Di« Spanier erlebten aber eine arge Enttäuschung, denn ihr Nationalheros Paolino bewies, daß von seinem alte», gro­ße» Können nicht m«hr viel übrig ist. Paolino hatte zwar gegen das Uobergewicht Carweras von 54 Pfund schwer anzukämpfen uirü er schlug sich auch mit größter Bravour, aber technisch war er so schwach, - er den über 15 Runden angesetzten Kampf glatt nach Punkten verlor. Auch Carnera hatte an wirklich boxerischem Können nicht viel aufzuwers«», aber seine riesigen Kräfte gestattete» es ihm, in der Mehrzahl der Runden den To« anzugeben und dem Spanier schwer zuzusetze».

Was gibt rs Neues?

in I1n'l: °

vc Main) und Fs. Pirmaieus (Gruppe Saari ermittelt. *

Stu H § ckeu -LL» derkamvf der Damen zwischen Deutschland nnd Australien trugen in Köln die deutsche» Damen mit einem 3:2 (0:1) Sieg einen sehr schönen Er­folg davon.

*

.Der 1. FC, Nürnberg, der am Sonntag über­raschend von Wnrrbnrg 04 2:1 geschlagen ronrie. trägt am ?|^®eVfber i« VetDäia gegen Fortuna ein Freund-

Bon besonderer Bedeutung für die weitere Gestaltung des Turngaues Novdheffen waren die Neuwahlen. Der langjährige u. verdienstvolle 1. Gauvertreter Rode- Wal- Hau und der Gauoberturnwart C b r i st-Oberzwehreu hat­te» ihre Aemter niedergelegt und eine Wiederwahl abge­lehnt. Dem Gauvertreter Rode, der nach zwölfjähriger erfolgreicher Arbeit tm Bezirk und Gau von seinem Poste» »»rücktrat, wurde von der Versammlung der Dank der

DENKEN SIE

AN DIE JURISTISCHE

SPRECHSTUNDE

AM DIENSTAG VON 5-7 UHR IN UNSEREN REDAKTIONS- RAUMEN KÖLNISCHE STR. 10

Deutsche» Turnerschaft ausgesprochen und der neue 1. Gauvertreter Becker- Simmershausen überreichte feinem Vorgänger eine Ehrenurkunde, sowie ihm und dem bisherigen Gauoberturnwart Christ die goldene Ehrennadel. Die durch einen Wahlausschuß vorbe­reiteten Neuwahlen hatten folgendes Ergebnis:

k 1. Gauvertreter: Becker- Sirnmershansen,

ß 2. Ganvertreter: Schäfer-Kassel,

Ganobertnrnwart: Ries-Kassel,

Turner-Handball

Wilhelmshöhe I. C. T. I. 2:2 (2:2) abgebrochen.

Ein aufgeregter Kampf, der leider noch kurz vor Ablauf der Spielzeit zum Abbruch führte. C. T. fand sich auf dem kleinen Platz nur schwer zurecht.. Wilhelmshöhe spielte mit großem Eifer und ersetzte dadurch einige technische Schwächen. In der 2. Hälfte war C. T. etwas besser. Wenige Minuten vor Schluß fühlt« sich der Schiedsrichter veranlaßt, das Spiel abzubrechen!

Reichsbahn I. Aelt. C. T. I. 3:3 (2:2).

Auch das Rückspiel zwischen beide» Gegnern endet« un­entschieden. In Bezug auf Spielaufbau war Reichsbahn wenig bester. Bald fand ffch aber Zielt. C. T. besser zu­sammen und holte 2 Tore auf. Die 2. Hälfte war meistens ausgeglichener und ergab für jede Partei noch ei» 3. Tor.

Bettenhaus«» I. Fulda I.

fi«l aus. Fulda verzichtete auf die Punkte und da­mit auf die weitere Teilnahme an den Reihenspielen.

Eschweg« 61 I. Jahn Eschweae I. 1:2 (1:1).

Eschwege 61 hielt sich ausgezeichnet gegen den Gruppen­führer. 61 lag erst in Führung, doch holte Jahn kurz vor der Pause auf. Einige Minuten vor Schluß erzielte Jahn de» Siegestreffer.

Boveude» I. Tusvo Göttingen I. 7:3 (2:3).

Bovenden landete einen Ueberraschungsfieg. Göttingen trat mit reichlichem Ersatz an und verschenkte damit den Sieg. Das einzige Tor des Tages fiel schon in der ersten Hälfte.

Göttingen 48 I. Holzminden I. 3:11 (0:3).

Holzminden ließ sich auch von Göttingen in seinem Siegeszug nicht aufhalten. Nur die Höbe des Sieges über­rascht. Der Holzmindener Sturm war der öeste Mann­schaftsteil.

Allendorf I. Polizei Münden I.

wurde abgesetzt und wird neu angefetzt werden.

Gnm«. Tv. Warbarg I. Jahn Gentongen I. 2:6 (1:3).

Eine große Ueberraschung gab es in Warburg. All­gemein batte man mit einem offenen Kampf zweier gleich-

werttger Gegner gerechnet. Guthernruth (Ae. C. T.) leitete korrekt.

Henschelmerke I. 4. Kraftfahrer I. 7:3 (2:3).

spannendes Spiel, welches Henschelmerke ziem­lich hoch gewinnen konnte. Die Kraftfahrer lagen bis zur Pause noch in Führung, mußten sich dann aber schließlich eine Niederlage gefallen lassen.

Spiel« der nuteten Klassen. A-Kl.: Sandersh. I. Har-

L Nie- Hell.

fe/j»ttfen l. 4:2, Bettenhausen II. Wilhelmshöhe II. 16:0. Reichsbahn II. Ae. C. T. II. 3:8, 1886 II. H.-W. II. 3:3. B-Klosse: Helsa I. H.-W. III. 3:0. Jugend: Reichsbahn I. Niederzwehren I. 4:0, C. T. I. Sondershausen I. 11:0, Wilhelmshöhe Harleshausen 17:1, A. St. 9 Bettenhausen 1:3, Kirchbauna '

derzwebre» I. 2:0.

Handball (OSB.)

Hessen 09 Kurhessen 0:9.

Die Kurhessen setzten ihren Siegeszug weiter fort und gewannen in Kirchditmold überraschend sicher und hoch. Fünf Tore fielen allerdings in den letzten Minuten.

Hessen-Preußen Sportklub 03 3:3.

Die Hessen-Preußen zeigten in diesem Spiel trotz mehr­fachen Ersatzes eine leichte Formverbefferung. Das Spiel litt sehr unter den schlechten Platzverbältniffe».

Guxhagen Tura 5:0.

®ie Wehlheider mußten sich in Guxhagen verdient ge­schlagen bekennen.

Haudballvokalruud« der Damen.

Kurhessen I. S. C. Wilhelmshöhe I. 4:1.

Kurhessen II. C. T. II. 3:1.

6. X. L Kurhessen III. 13:0.

Die Svv gFü r f 6 schlug am Sonntag in Magde­burg vor aOOO Zuschauern eine Auswahlmannschaft des Gaues Mtttelelbe überlege« mit 3:0 Treffer«.

Bor dem Spiel in Köln schlugen Australiens ockev-Damen rn Brussel am «amstag Belgiens Dame« inswahlelf mrt 4:1 Treffern.

«S Zusammentreffen der beiden führenden süddeuttchen Hockeumauuschasten SC. 80 Frankfurt und Heidelberger HC. eniete in Frankfurt mit einem 2:1 Sieg von Herdelberg.

---------------i

DieB er (tu e r Ei s ar e na im Sportpalast wurde mit ernem Treffe» zwischen dem Berliner Schlittschubklub und dem Wiener Eislausverein eröffnet. Di« Mauufchas» teu trennten sich nach enttäuschendem Sviel mit einem Uucntidnebeu von 2:2.

3 m 0 81 n e r Sechstagerennen lagen noch 43 Stunden (Sonntag nachmittag 5 Uhr) die Mannschaften atTtet ^niOe^ ett& Damm-«choru mit Ruudeuvörsprung

»Wollen Sie den Kampf aufgeben?"

»Jetzt, ja, aber der wird was von mir erleben, wenn alle Zuschauer fort sind!" (»Muskete")

DELON

mme

eee nu

Dann berichtete ich noch von meinem Versuch, Dera zu treffen, und sagte ihm ganz offen, daß viel­leicht nur der Umstand meiner Abweisung an jenem Abend ein blutiges Geschehen verhindert hätte. Schließlich sagte ich ihm noch, daß ich trotz allem an die Möglichkeit glaubte, daß Vera schuldlos sei, daß ich aber in dieser Angelegenheit den klaren Ueber- blick verloren hätte und den Rat eines Freundes bitter entbehrte.

_ Lchne auch nur im geringsten die Miene zu ändern, hörte Hauptmann Jarovitzki mich an. Wer zur Zeit des Umsturzes in Rußland war, hat so viel mitge­macht, daß ihn nichts mehr in Erstaunen setzt. Genau die gleiche unerschütterliche Ruhe hatte ich Jarovitzki zeigen sehen, als das Leben seiner Frau und sein eigenes auf dem Spiele standen. Ich hatte seine ruhige und sichere Urteilskraft schätzen gelernt.

Als ich schwieg, schüttelte Jarovitzki den Kopf. Ich weiß noch nicht genug, um mir eine sichere Mei­nung bilden zu können", sagte er.Sie haben mir nur erzählt, was jetzt in Paris vor sich gegangen ist. Ich erinnere mich, daß Sie mir damals während unserer gemeinsamen Flucht auch etwas über Ihre Verhaftung erzählten. Aber ich habe von Ihren da­maligen Mitteilungen inzwischen wieder allerhand vergeffen. Erzählen Sie mir noch einmal so genau wie möglich alles, was damals in Rußland geschah. Sogar irgendeine Einzelheit kann nämlich entschei­dende Bedeutung haben."

Hauptmann Jarovitzki hatte recht. Wenn sein Rat mir irgendwie Helsen sollte, mußte er zunächst über alles unterrichtet sein.

Als ich fertig war, saß er lange stumm da, wäh­rend er nachdenklich ein Glas Kognak nach dem ande­ren trank. Schließlich unterbrach er das Schweigen. Am meisten von allem beschäftigt mich jener ano­nyme Bries an Ihre Mutter, der von Veras Tod be­richtete. Ich glaube nicht, daß jemand in der Tscheka diesen Brief geschrieben hat."

Aber warum sagte Warag:Ja. sie wurde er­schossen, und auf meinen Befehl!"

Das hat wohl gar nichts zu bedeuten. Das brauchte bloß eine ausgeklügelte Bosheit Warags sein, und bei der Behandlung, die Sie ihm ange- .deihen ließen, war das. ja nicht gerade auffallend, daß.

er Ihnen zum Abschied gern einen solchen Dolchstich versetzte."

Aber wenn in der Tscheka niemand diesen Brief geschrieben hat, wer kann meine Mutter dann von Veras Tod unterrichtet haben?"

Jarovitzki versuchte meinen Mick zu vermeiden.

Er antwortete nicht gleich, aber ich glaubte seine Gedanken erraten zu haben.Sie meinen, daß Vera selbst den Brief mit der Nachricht von ihrem Tode an meine Mutter geschickt hat?" fragte ich.Sieglau­ben, daß sie auf diese Art alle Brücken hinter sich hat abbrechen wollen?"

Jarovitzki schüttelte den Kopf.Ich habe mir noch keine bestimmte Meinung von der Sache gebildet", sagte er. ,»Jm übrigen ist nicht gerade der Brief mit der Nachricht von Veras Tod das Entscheidende, son­dern das Bild von Ihnen, das dem Briefe beilag. Die entscheidende Frage ist also: Wie konnte Ihr bei­gefügtes Bild, wie konnte eine Aufnahme, die Ihre Frau immer in einem Medaillon auf der Brust trug, in jenen Brief mit der unwahren Nachricht von Veras Tod hineingelangen? Wie ist die Aufnahme überhaupt aus dem Medaillon herausgekommen? Das ist der Kern oer Sache, und der einzige, der darauf antwor­ten kann, ist Frau Vera selbst. Ich schlage Ihnen vor, daß ich ihr morgen einen Besuch abstatte und mir bei ihr selbst Aufschlüsse einhole."

Der Vorschlag des Hauptmanns sagte mir nicht im allergeringsten zu.Das einzige Ergebnis eines solchen Besuches wird sein, daß Vera und Gromow erfahren, daß ich lebe und zur Zeit in Paris bin", antwortete ich ungeduldig,und dann ersinnen die beiden irgendeine Geschichte, um sich zu decken."

Jarovitzki schüttelte lächelnd den Kopf.Ich denke ja gar nicht daran, Frau Vera irgend etwas zu ver­raten", sagte er. ,,5d) will nicht einmal meinen rech­ten Namen nennen, sondern erzählen, daß ich zufäl­lig von ihrer Anwesenheit in Paris gehört hätte. Während des Umsturzes, werde ich sagen, hätte ich mit ihrem verstorbenen Manne zusammen im Butirka- Gefängnis gesessen. Ich erzähle dann, daß er .da­mals im Gefängnis ständig von ihr gesprochen habe und ich mich darum veranlaßt fühlte, sie aufzusuchen, um von seinen letzten Tagen zu erzählen. Das hört sich nicht so. seltsam an, nicht wahr? Und toenn wir

erst angefangen haben, Erinnerungen an jene Tage auszutauschen, .ist es vielleicht nicht so ganz ausge­schlossen, daß ich allerhand aus ihr herausbekomme. Vielleicht erzählt sie mir sogar Dinge, die die son­derbare Angelegenheit mit dem Bild und dem Me­daillon erklären. Ist sie unschuldig, dann wird sie sich natürlich nicht fürchten, über diese Dinge zu sprechen. Ist sie dagegen schuldig, wird ihr Wesen unwillkürlich von einer versteckten Wachsam­keit geprägt sein. Ich gehe gänzlich vorurteilsfrei in dieses Haus hinein, und wenn ich es wieder verlasse, werde ich mir vielleicht eine Ansicht über all diese Dinge gebildet haben."

Der Vorschlag sagte mir noch immer recht wenig zu, aber selbst wußte ich keinen besseren Ausweg, und schließlich fühlte ich auch, daß jetzt eine Lösung erzwun­gen werden müsse. Jarovitzki bekam also seinen Willen.

Ich verbrachte eine schlaflose Nacht und der nächste Vormittag schien mir unendlich lang. Ich saß in mei­nem Hotelzimmer und wartete auf den Hauptmann. Endlich um ein Uhr klopfte es an die Tür und er trat ein.

Strahlend vor Siegesfreude winkte er mir zu. Sie ist unschuldig", rief er und fuhr mit gedämpfter Stimme fort: Gromow hat Vera und auch Sie hin­tergangen; er ist es, der Ihrer Mutter die falsche Meldung von Veras Tod geschickt hat. Die Aufnahme, die in dem Brief lag, hat er von Ihrer Frau bekom­men. Trotzdem aber: Frau Vera ist unschuldig!"

XXVIII.

Die Wahrheit.

Hauptmann Jarovitzki erzählte mir jetzt sein Ge­spräch mit Vera im Zusammenhang. Als ich ihn bis zu Ende gehört hatte, wußte ich, daß Vera unschuldig war. Sich von dem verraten zu sehen, der einem von allen am liebsten war, ist ein unendlich bitteres Ge­fühl. Das Schicksal hatte uns getrennt und Vera war mir nun fremd geworden. Aber die glücklichste Zeit meiner Jugend gehörte ihr. Ihr hatte ich das Beste in mir gegeben. Darum hatte der Verdacht gegen Vera mein ganzes Wesen vergiften können.

Als Hauptmann Jarovitzki jetzt berichtete urid die­sen Verdacht von mir nahm, war mir, als ob ich mich selbst plötzlich wiederfände. Ich atmete freier und leichter. Meine Tatkraft war wiedergekehrt. '

Im Zusammenhang mit den bereits geschilderten stellten sich die Ereignisse des Jahres 1918 folgender­maßen dar: Anfang September kam Iwan Wolkow nach Moskau, nachdem er in seiner Bank in Kiew eine Unterschlagung begangen hatte. Das wußte icb aus der Depesche von Harvey Davis.

In Moskau wurde Wolkow von Baryschko ausge­nommen. Das hatte ich gewußt schon seit meinem Be­such bei Marußja am Abend meiner Flucht aus der Tscheka. Während seines Aufenthaltes in Moskau verschaffte Wolkow sich dann unter dem Namen Jwau

Gromow einen neuen Paß mit Sichtvermerk fürs Ausland. Ich nehme an, daß er ihn durch Bestechung erhielt. Er beabsichtigte sicher, mit den in Kiew unter­schlagenen Geldern ins Ausland zu flüchten.

Aber das Schicksal schien ihm eine noch viel grö­ßere Beute zu gönnen.

Durch Tatjana hatte er Einzelheiten aus meinen Gesprächen mit Vera erfahren, und aus diesen aus reiner Unvorsichtigkeit und ohne den geringsten Hin­tergedanken weitergegebenen Mitteilungen erfuhren Baryschko und Wolkow, daß ich an eine Auslands­reise dachte und zu diesem Zwecke ein Millionenver-» mögen an Diamanten versteckt hielt.

Nun sahen Baryschko und Wolkow plötzlich eine Möglichkeit, den Mann empfindlich zu treffen, den sie beide haßten. Gleichzeitig bot sich ihnen Gelegen­heit zu einem ganz großen Gaunerstreich. Sie ent­warfen einen Plan, um mich aus dem Wege zu räu­men und sich in den Besitz der Diamanten zu setzen. Ich bin fest überzeugt, daß die Anregung und der Plan von Wolkow ausgingen. Baryschko hat sicher nur die Rolle eines Handlangers gespielt.

Am Abend vor meiner Verhaftung ging Wolkow, oder Gromow, wie sein Paß ihn damals nannte, ge­meinsam mit Baryschko ans Werk. Sie hatten einige Briefe geschriÄen, die mich als Spion des Generals Denikin entlarven sollten, und nähten diese Schreiben in meinen Pelzmantel unter dem Pelzfutter ein, während Silberschwang und ich mit de» Diamanten beschäftigt waren.

Das war das erste Mied ihres Planes, der darauf abzielte, mich verhaften und als Spion stinrichten zu lassen. Das zweite Glied wurde dann die Anzeige bei der Tscheka.

Baryschko hatte Marußja gegenüber ja selbst zuge­geben, daß Gromow und er diese Meldung an die Tscheka schickten, indem er Vera dieser Handlung be­schuldigte. Und dann ist es eine selbstverständliche Folgerung, daß es die gleichen Täter waren, die jenen belastenden Briefwechsel in meinen Pelz ein­genäht hatten. Das fällt nämlich mit einer anderen, sonst unerklärlichen Erscheinung zusammen, nämlich dem Gummikeil, der unter die Tür geschoben wurde, als SWerschwang und ich mit der Abschätzung der Diamanten beschäftigt waren. Natürlich ioar das eine Vorsichtsmaßregel Gromows und Baryschkos, die sich während des Einnähests der Briefe vor einer Ueberraschung durch mich sichern wollten.

Von Tatjanas Schlüssel hatten sie sich sehr wahr­scheinlich einen Abdruck verschafft, so daß sw das Haus nach Belieben durch den Küchenflur betreten und verlassen konnten. Sie liefen dabei weiter keine Gefahr. Man muß bedenken, daß Baryschko Tatjanas Schwager war und in seiner Anwesenheit im Hause würde niemand etwas Ausfälliges gesehen haben.

.(Fortsetzung folgt.)