Eknzelpreks 10 Pfennig
KaMer Neueste Nachrichten
Kaffeler Abendzeitung
erfeehmnalroetfe; «SchenMS feSSmel noNmIttasS- SBonnemettfa»ret8: ffir »en Mon«« 2,80 X bei freier Zn- stell UNO tu» H«US iw der Gcschäsisklelle abscholl 2.10 X. Durch die Pott monatlich 2.30 X ausschlietzllch Zu- stellun-S^bSbr. Sn Bällen von böberer Gewalt beliebt kein Anspruch aus Lieferung der Zeitung oder aus Rüü«d:uns de» veeugSoretfes. Verlag. Schriftleimng und Druckerei: Kölnische Strotze 10. — Telephon: Sammel wummer 6800. Juristische Sprechstunde leien Dienstag von 5 bis 7 Uhr Kölnische Stratze Nr. 10.
Hessische Abendzeitung
Anzeigenpreise: Geschäfts- und Kamilien-Anzeigen die SO mm'»Zeile 11 Mennig. Kleine Anzeige« au» Kassel das Wort 7 A. Auswärtige Kleine Anzeigen die 30 mm breite Zeile 11 A, Anzeigen im ReklameieU di« 78 mm breite Zeile 45 A Cffertgebübr 25 A sbei Zustellung 85 4). — Für das Erscheinen von Anzeigen in bestimmten Ausgaben, an besonderen Plätzen und iiir telephonisch erteilte Aufträge keine Gewähr. Rechnungsbeträge innerhalb von 5 Tagen zahlbar. Gerichtsuand Kassel. — Postscheckkonto Frankfurt a. M. 6380,
Nummer 281*
Montag, 1. Dezember 1930
20. Jahrgang
Brüning bel ichtet dem Reichspräsidenten
Kabinettsberatung über die Notverordnung abgeschlossen / Veröffentlichung erst morgen / Die amerikanisch-französischen Verhandlungen in Paris
Nachtfihung bis 4 Lthr früh
(Von unserer Berliner Echristleitung.)
th. Berlin, 1. Dezember.
Die Sitzung des Reichskabinetts, in de« die Bergungen über die Verkündung des Reform- Programms endgültig abgeschlossen wurden, hat von Sonntag nachmittag 5 Uhr bis 4 Uhr morgens gedauert. D:e Reickwrcgicrung ist in dieser saft zwölf- ftundigen Sitzung endgültig über den Umfang der Notverordnung einig geworden. Die Notverordnung in der bei bei weitem größte Teil des ganzen Resormprogramms unter Anwendung des Artikels 48 in »rast gesetzt wird, wird im Lause des morgigen Tages erscheinen. Ausgenommen bleiben lediglich die unten erwähnten Teile, die verfaffungs- ändernven Charakter tragen. Der Reichskanzler wird sich nun heute nachmittag zum Reichspräsidenten von Hindenburg begeben und ihn um den Erlaß einer Verkündung dieser Notverordnung ersuchen.
Angesichts des außerordentlich umfangreichen Stof- fes. aus dem sich diese Notverordnung mit ihren zahlreichen Einzelentwürfen zusammensetzt, wird schon aus technischen Gründen die Fertigstellung des Reichsgesctzblattes, durch welches diese Notverordnung verkündet wird, nicht vor heute nacht möglich sein, so daß vir Veröffentlichung erst unter dem morgigen Datum erfolgen kann.
Heute vormittag traten auch die Ausschüsse des Reichsrates zusammen, um das Steuerver- ernfachnngSgesetz um, die Aenderung des Finanzausgleichs zu behandeln.
*
Fm einzelnen berichtet unsere Berliner Schriftleitung noch folgendes:
Beim Reformprogramm werden lediglich einige Ausnahmen gemacht werden und zwar in den Punkten, in denen ein verfassungsänderndes Gesetz notwendig geworden wäre. Hier haben die Sozialdemokraten den Wunsch geäußert, daß
verfassungsändernde Bestimmungen nicht mit Hilfe des Artikels 48 in Kraft gesetzt
t 'en sollen. Deswegen ist man bemüht gewesen, eu.weder den verfassungsändernden Charakter dieser Bestimmungen zu beseitigen oder die entsprechenden Vorlagen aus der Notverordnung herauszunehmen. Es handelt sich dabei um das sogenannte Plafondgesetz und um das Sperrgesetz. Das Plafond- gesetz verbietet dem Reich, den Ländern und Gemeinden die Erhöhung ihrer Etats von 1931 in den folgenden Jahren 1932 und 1933, legt also einen normalen Etat für drei Etatsjahre fest. Diese Bestimmung hat verfassungsändernden Charakter insofern, als dadurch in die Etatgebahrung der Länder eingegriffen wird. Man hat nun den Versuch gemacht, durch eine andere juristische Formulierung den versassungsändernden Charakter zu umgehen.
Diese Möglichkeit liegt jedoch beim Beamten- besoldungs - Sperrgesetz nicht vor, welches den Ländern und Gemeinden die Pflicht auferlegt, ihre Beamten nicht höher zu besolden, als es das Reich in den gleichen Beamtenstufen tut. Da inan
hier um den verfassungsändernden Charakter nicht herum kommt, wird
das Beamtenbesoldungs-Sperrgesetz aller Voraussicht nach nicht iu die Notverordnung ausgenommen
werden; vielmehr wird man hier den Weg beschreiten, daß man den Länderregierungen nahelegt, von sich aus, durch Landesgesetzgebung diese Bestimmung durchzuführen, und wenn etwa — ein Einwand, auf den wir bereits vor einigen Tagen aufmerksam machten, — dieses oder jenes Landesparlament anderer Meinung sein sollte, so würde die Reichsregierung immerhin die Möglichkeit haben, durch Beschränkung der Ueberweisungen an die Länder, also durch Einnahmebeschränkungj die Länder auch zu der Ausgabenbeschränkung zu zwingen.
Ob die Aenderungen der alten Notverordnung vom IM direkt in die neue Notverordnung ausgenommen werden, oder ob man dafür einen einfacheren Weg wählt, wird erst heute entschieden werden. Es gilt als wahrscheinlich, daß man diese Aenderungen ohne die feierliche Form der Notverordnung auf dem normalen Verordniunzs- wege regelt, in dem z. B. durch Unordnung des Reichsardeitsaiinisters die Krankenscheingebühr für langfristige Erwerbslose und für Schwerkranke entweder stark herabgesetzt oder völlig beseitigt wird. Eine andere Aenderung der alten Nowerordnung wird darin bestehen, daß die
Bürgersteuer, die bisher nur drei große Staffelungsstufen enthielt, stärker durchgeftaffelt wird, um eine höhere Belastung der großen Einkommen zu erreichen. Ob dies im Weg der einfachen Kwbinettsvewrdnung ober durch Notverordnung geschieht, muß vorläufig noch dahingestellt bleiben-
IU der großen Notverordnung werden sich voraussichtlich ferner einige Maßnahmen zum Schutze der Landwirtschaft befinden. So vor allem die Ermächtigung für den Ostkommissar, zur Durchführung dringender Meliorations- und anderer Rotstandsarbeiten Kräfte aus den Reihen der Arbeits- losen anzufordern. Das würde ein
erster Versuch der Verbindung einer Art Arbeitsdienstpflicht mit der Erwerbslosenfürsorge
bedeuten. Dagegen werden in der neuen Notverordnung noch zwei andere Fragen nicht enthalten sein, die vorläufig vom Reichsrat noch nicht verabschiedet sind, nämlich das Steuerverein- fachungsaeseh und die Aenderung des Finanz- arsgleichs Diese beiden Gegenstände, werden erst in dieser Woche vom Reichsrat verabschiedet werden, aber entgegen der ursprünglichen Annahme hält man es nicht mehr für wahrscheinlich, daß zu diesem Zwecke die Ministerpräsidenten der Länder noch einmal persönlich nach Berlin kommen werden.
„Oer Polizeiknüppel über Europa"
Gerüchte von einer amerikanisch-französischen Goldentente
Washington, 1, Dezember.
Die Sonntagblätter brachten merkwürdig übereinstimmende Meldungen aus Paris über ein engeres Zusammengehen der Vereinigten Staaten und Frankreichs, sowohl in der Form einer Goldentente, die, wie der Korrespondent der Washington Post erfahren haben will, den Polizeiknüppel über das unruhige Europa halten und kriegerisch veranlagte Staaten durch Richtgewährung von Anleihen zur Räson bringen werde, als auch in der Abrüstungsfrage, in der nach Informationen der Pariser Korrespondenten der „Washington Stars" und der „Chicago Daily News" England. Amerika und Frankreich ent schloffen seien, die.malkontenten' Länder, wie Deutschland, Italien und Rußland, nicht mit ihren Wünschen auf eine weitgehende Abrüstung und Revision des Vertrages vn» Versailles durchdringen zu taffen.
Alle diese Nachrichten wurden hier mit skeptischem Lächeln ausgenommen, und in eingeweih teil Kreisen auf völlige Verkennung des amerikanischen Standpunktes bezeichnet. Besprechungen, die in Paris zwischen Tardieu, Harrison und Owen Aoung stattgefunden haben sollen, waren offenbar tritt finanztechnischer Natur und erfolgten, wie im Staatsdepartement betont wird, nicht im Auftrage der ameriktmifcheu Regierung.
Es wurde gleichzeitig erneut darauf hingewieicn, daß G i b s 0 n in Genf bei feiner Zustimmung zu dem Paragraphen über die Einhaltung der internationalen Verträge, die in Pariser Blättern begierig als angebliche amerikanische Indoffierung der Unverletzlichkeit des Versailler Vertrages aufgegriffen wurde, lediglich die Seeverträge von Washington und London im Ange hatte. Dies wird zu gegebener Zeit vom Staatsdepartement nochmals eindeutig betont werden.
Außerdem ist damit zu rechnen, daß Staatssekretär S t i m s 0 n heute nach seiner Rückkehr von einer mehrtägigen Urlausreise Gelegenheit nehmen wird, Amerikas Abrüstungspolitik zu definieren, sowie die törichte Falschmeldung gewisser Pariser Blätter zu dementieren, wonach Botschafter von Prittwitz ihm gegenüber mit einer deutschen Aufrüstung gedroht habe.
Dingeldeh patteivorflhender
Dr. Scholz zum Ehrenvorsitzenden der D. B. P. ernannt.
Berlin, 1. Dezember.
Nachdem am Sonntag morgen der Reichsausschuß der Deutschen Vollspartti zusammengetzetez war, ^ab
schließend zu dem neuen Organisationsstatut der Partei Stellung zu nehmen, versammelte sich am Nachmittag der Zentralvorstand.
Der stellvertretende Parteivorsitzende eröffnete die Tagung mit einem Hinweis auf die schwere politische Sage. Das Schicksal der Partei sei unvermutet aufs schwerste noch dadurch berührt worden, daß Dr. Scholz sich entschlossen habe, die bis dahin von ihm geleiteten Aemter als Vorsitzender der Partei und der Reichstagsfraktion niederzulegen. Der Parteivorstand habe beschlossen, Dr. Scholz den Ehrenvorsitz der Partei anzutragen. Dieser Vorschlag wurde unter lauter Zustimmung einmütig angenommen. . .lU.
Dann nahm Regierungsrat Sauerborn als Vorsitzender des Organisationsausschusses das Wort zu den neuen Organisationsstatuten. Der Grundgedanke der neuen Satzung besteht in einer schärferen Zusammenfassung der Kräfte durch Stärkung der Befugnisse des Parteivorstandes. Der Zentralvorstand nahm das neue Organisationsstatut nach den Vorschlägen des Organisationsausschusses mit großer Mehrheit an.
Unter dem Vorsitz des Seniors d«r Partei, Geheimrat Professor Kahl, erfolgte dann die Wahl des neuen Parteiführers. Auf Vorschlag von Dr. Kahl wurde der Abg. Dingeldeh durch Zuruf zum Parteivorsitzenden gewählt.
Todeskampf des Kabinetts Tardieu (Vonunferem Korrespondenten.)
Dr. Pz. Paris, 1. Dezember.
Es ist ein sehr merkwürdiges, wenn auch wenig beachtetes Zusammentreffen: An dem gleichen 21. November, genau um die gleiche Stunde des Nachmittags — nur schrieb man damals 1892 — wo der Sammer« ausschutz eingesetzt wurde, um die politischen Schuldigen im Finanzskandal Oustric und Genossen festzustel- len, wurde das französische Parlament mit drei Anträgen befaßt, die auf den Panamaschwindel Bezug hatten: Einer dieser Anträge trug die Unterschrift eines jungen Abgeordneten namens Raymond P 0 i n- e a r s. So wiederholt sich die Geschichte — und auch der Mensch, besonders der politische, bleibt immer der gleiche...
Wiederholen wir kurz die Ereignisse der letzten Tage. Gleich von Anfang an war offenkundig, daß der Milliardenkrach Oustric starke politische Wellen schlagen müßte. Als erstes Opfer fiel Raoul Psret, der Justizminister und „Rechtsberater" des abenteuerlichen Bankiers, nachdem ihn Tardieu selber vor kaum drei Tagen in öffentlicher Kammersttzung gedeckt hatte. Dann drang die vereinigte Linke mit ihrem Rus nach einem Parlamentarischen untersuchungsausschuß durch.
Dem Kabinett war es nunmehr bloß darum zu tun, die Kommission in einer ihr günstigen Weise zusammenznsetzen. Von den dreißig Ministern, die als Abgeordnete ihre Stimme abgabeu, fehlte nur ein einziger: Aristide Brian d. Er ist zwar keine Ratte, verläßt aber doch das Schiff.
Bis dahin war, von dem Zwischenfall P«ret abgesehen, im Grunde alles für das Kabinett Tardieu nach Wunsch gegangen: einen Augenblick sogar konnte man glauben, der ganze politische Skandal würde auf ein totes Gleis geschoben werden, zumal die Vorlage des Kriegsministers Maginot über die Rüstungskredite alle „Patrioten" um die Regierung scharte. Aber da ereignete sich etwas gänzlich Unvorhergesehenes: der gleiche Briand, der sich geweigert hatte, an der Wahl des „Vertuschungsausschusses" teilzunehmen, trat plötzlich an den Ministerpräsidenten mit der Bitte heran, einen vertraulichen Minist er rat einzuberufen, nm in offener Aussprache über die Anschuldigungen zu befinden, die von der Opopsition gegen ein paar Mitglieder des Kabinetts erhoben wurden- Nun war Tardieu seinerseits gezwungen, das große Spiel zu spielen: Im Einverständnis mit Briand ersuchte er die Staatsanwaltschaft um Mitteilung der Namen von Ministern, die auf irgendeine Weise in den Oustricskandal verwickelt seien. Zu allen diesen gewiß sehr merkwürdigen Vorgängen sei noch gesagt, daß L^on Sendet schon vor einer Woche in der „Action Francaise" schrieb, der Krach Oustric sei das Werk der „Allgemeinen Sicherheit", die mit dem Qu a i d Orsay Hand in Hand arbeite. Es wird also jetzt Leute genug geben, die behaupten, der alte Fuchs Briand wolle auf diese Weise den unbequemen Tardieu erledigen, und der nächste Schritt wird sein, daß man — Deutschland beschuldigt, feine Hand mit im Spiele zu haben. Warten wir die Entwicklung ab; sie wird gewiß noch weitere Ueberraschungen bringen.
-"'Tas „Parquet". wie in Frankreich die Staatsanwaltschaft heißt, übermittelte Tardieu die Namen von zwei Mitgliedern des Kabinetts, beide bloß „Unterminister": Falcoz von den OeffentlichenArbeiten und Lautier, der bekannte Direktor des „Homme Libre", Unterstaatssekretär der Schönen Künste. Man behauptet, es fei vorläufig nur auf die Vertreter der Linken im Kabinett abgesehen. Fal- coz sowohl wie Lautier gehörten vor nicht allzu langer Zeil noch der radikalen Partei an. Richtig ist ia ohne Zweifel, daß auch der nächste Mitarbeiter Tar- dicus selber, Unterstaatssekretär Marcel H e r a u b, bei Oustric ein und aus ging; seinen ehemaligen Kabinettschef hatte der Ministerpräsident anscheinend I leaar au» des Liesst» Sustrics übernommen, j
Andererseits hat auch wohl die Opposition ganz triftige Gründe, die Angelegenheit nicht bis zu Ende zu treiben. Man kann jedenfalls nicht von einem ein- fettigen Skandal sprechen, da färntliche Parteien, vielleicht mit alleiniger Ausnahme der Sozialisten, kompromittierte Persönlichkeit ien in ihren Reihen aufweifen.
Man darf sich darum auch nicht über den wahren Charakter der Schlacht täufchen, die um bett Bestand des Kabinetts Tardieu gegenwärtig entbrannt ist, und bei der die Ausfichten Tardieus ohne Zweifel trüb genug erfreuten. Der Kampf ist rein politifcher Natur und wird weniger von der eigentlichen Opposition, den Radikalen und Sozialisten. als von der bisher regierungsfeindlichen Mitte geführt. Der gemäßigte Abgeordnete Landry war es, der in der denkwürdigen Donnerstagsttzung den entscheidenden Stotz führte; und die persönlichen Anhänger Briands klatschten Beifall. Das ehemalige Kartell weiß sehr wohl, daß es unter den gegenwärtigen Umständen zu keiner Regierungsbildung fähig ist; darum enthielten sich Sozialisten wie Radikale der Stimme, um auf keinen Fall als Nachfolger Tardieus in Betracht zu kommen.
Die Dinge liegen jetzt eben fo, daß alle Äugen sich auf Poincare richten: er ist der „Homme integre", der Robespierre der dritten Republik, der in gewissen Augenblicken — bet Not ober des Skandals — einzig und allein das Vertrauen des französischen Bürgers besitzt. Die Unbekannte dabei ist Briand: manövriert er für ober gegen ben Lothringer?
Als Ministerpräsident kommt er selber wohl kaum in Frage; bei der hartnäckigen Gegnerschaft der Nationalisten müßte er sich zum mindesten auf die Radikalen stützen können, was eine völlige Umwälzung der parlamentarischen Sage zur Voraussetzung hätte. Anderseits ist der Gesundheitszustand Poin- careg nicht so, baß er ben ungeheuren Anstrengungen ber Ministerpräsidentschaft nebst bem Finanzministerium das er zugleich übernehmen müßte, gewachsen wäre nach seiner Operation scheint er zwar wieder gekräftigt zu sein, aber die ehemalige eiserne Ausdauer, die Freund und Gegner verblüffte, ist verloren gegangen. Bliebe schließlich ein Vertrauensmann Poincares, der zugleich die Freundschaft Briands besitzt: der kluge Normanne EHeron. Ohne der Entwicklung soweit vorgreifen zu wollen, können wir jedenfalls heute schon seststellen:
Das Kabinett Tardieu ist zu Tode ge< troffen. Wie bei einem Aussätzigen fällt ein Glied nach dem andern ab, sodaß schließlich nur mehr ein ohnmächtiger Torso übrig bleibt.
Bezeichnend und vom europäischen Standpunkt bedauerlich ist nur, daß einzig und allein ein innerer Skandal, vermischt mit persönlichen Intrigen, die Ursache des Zersetzungsprozefles bildet. Das „Kabinett Oustric" — so genannt, weil es im Hotel „Royal Monceau", das keinem anderen als eben Oustric gehörte, zustande kam — leidet nicht im geringsten an den Folgen jener ungeheuerlichen Erklärungen, dm Tardieu etwa über die Unantastbarkeit der europäa sehen Grenzen in öffentlicher Kammersitzung abgai^ und ebensowenig an seiner Militärpolitik, di^ wie wir aus sicherer Quelle erfahren, noch vor toenfc. gen Tagen zu gewissen Besprechungen mit bem polnischen General stab führte. Ein Gerücht nur fei wiedergegeben: Briand soll Verttauten gegenüber erklärt haben, er könne unter ben gegenwärtigen Umftänben nicht als Vorsitzender an den Januarverhandlungen des europäischen Ausschusses teilnehrnen. Dadurch wären manche Vorgänge leichter verständlich, aber es ist eben nur, wie gesagt, eia Gerücht , ,.