Kummer 280
Sonnabend/Sonntag, 29. 30. November 1930
20. Jahrgang
Kasseler Abendzeitung
Orf«e<nungSweN«: wSKenttl« fe6$ma! naifimtttaaS. «SonnemeMSvret«: ffhr bett Monat 2,30 X Set tretet 8«- ftkllung ms Saus, in bei GeschakEelle abgebolt 2.10 X. Durch Sie Post monatlich 2.80 x ausschließlich Zu- stellungsgebübr. An Kallen von höherer Gewalt besteht kein Anspruch aus Sieferuns Ser Zeitung oSer aus Rückzahlung des Bezugspreises. Verlag. Schrtstlettung unb Druckerei: Kölnische Strotze 10. — Telephon: Sammelnummei 8800 Juritttkche Sprechstunde leben Dienstag von 6 bts 7 Uhr Kölnische Strotze Nr 10.
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Kasseler Neueste Nachrichten
Hessische Abendzeitung
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Montag Verkündung der Notverordnung
Berücksichtigung der sozialdemokratischen Wünsche in einer Ergänz; ngsverordnung / Oer Inhalt der deutschen Note gegen polen
Die Antwort der Sozialdemokraten
(Von unserer Berliner Schrtftleitung.)
folgt und entschlossen ist. vermittelnd einzugreifen. Allerdings ist bis Montag nicht mehr viel Zeit zu verlieren.
Mussolinis Preisabbauaktion
th. Berlin, 29. November.
Wie wir erfahren, liegt die endgültige Antwort der Sozialdemokratie, in der ihre Stellung zum Finanzprogramm Präzifiert ist, nunmehr vor. Die Formulierung lptt die optimistische Auffassung über die Aussichten einer parlamentarischen Erledigung, die an den unterrichteten Stellen gestern abend noch vorherrschte, zerstört. Man betrachtet nunmehr die Notverordnung als so gut wie sicher Das Kabinett wird sie voraussichtlich am Sonntag vormittag soweit fertigsteven, daß sie dem Reichspräsidenten zur Unterschrift vorgelegt und am Montag, spätestens am Dienstag ver- öffenlicht werden kann.
Damit werden die nachfolgenden Au.sfichrn.iyen unserer Berliner Schriftleitung in vollem Umfang bestätigt:
*
Dr. Brüning hat bekanntlich seine Verhandlungen im wesentlichen daraus abqestellt, die eine Reichstagsmehrheit aus den Mittelparteien und den Sozialdemokraten zu bekommen, die damit einverstanden ist, daß die Regierung chr Gesamtprogram« auf dem Wege der Notverordnung verkündet. Er hat noch gestern eine Reihe von Besprechungen über dieses Thema geführt und wird heute die Vertreter der Regierungsparteien im Hauptausschuß die Abgeordneten Pertitius (Zentrum), Dr. Cremer (Deutsche Volkspartei), Gereke (Landvolk), Hartwig (Christl. Soz.) und Leicht (Bahr. Volkspartei) zu einer gemeinsamen Besprechung empfangen. Es ist jedcch kaum anzunehmen, daß die noch bestehenden Meinungsverschiedenheiten völlig geklärt werden können.
Die Sozialdemokraten haben neuerdings zwei Ein- Wendungen erhoben: 1. wolle» sie nicht zugeben, si auch verfassungsandernde Gesetze mit Hilfe des Arttkels 48 in Kraft gesetzt werden und 2. machen sie ihre Zustimmung von der Behandlung ihrer AbanderungSanträge zur alten Notverordnung vom Ault ablrängig.
•Sn der ersten Frage ist bekanntlich ein Gutachten des Reichsjustizministeriums zu erwarten, welche wahrscheinlich in der Richtung gehen wird, daß die übrigen verfafsungsändernden Gesetze mit Hilfe des Artikels 48 in Kraft gesetzt werden können. Der -Vorwärts- warnt nun heute die Regierung ausdrücklich, sich auf ein derartiges Gutachten einzustellen, und erklärt, die Sozialdemokratie würde damit unter keinen Umständen einverstanden
In der zweiten Frage, die die Sozialdemokraten angeschnitten haben, der Abänderung der alten Notverordnungen vom Juli, ist eine Entscheidung im Hauptausschuß des Reichstags nicht möglich gewesen, da die bürgerlichen Parteien sich den weitgehenden Abänderungs-Wünschen der Sozial- denwkraten nachdrücklichst widersetzt haben. Ta aber der Reichskanzler die Sozialdemokraten für die oben erwähnte Mehrheit zur Sicherheit seiner bevorstehenden No.Verordnung braucht, möchte er den Sozialdemokraten gern entgegenkommen. Er wird daher wahrscheinlich die von ihm für tragbar gehaltenen Abänderungen der alten Notverordnungen wieder auf dem Wege einer Notverordnung in Kraft setzen Wir stehen also vor einer Situation, in der wir
binnen wenigen Tagen mit der Verkündung von zwei Notverordnungen zu rechne» haben, 1. einer großen umfangreichen Verordnung, in der sich das gesam e Reformprogramm befinde» wird, 2. mit einer kleineren Notverordnung, in der einige Abänderungen der alten Notverordnung uom 3uIL besonders auf dem Gebiete der Kran tenversicherung verkünde! werden.
Der Kanzler hat zwar nicht die volle Garantie, aber doch die ziemlich gut begründete Meinung, daß diese beiden Notverordnungen vom Reichstag »ich sofort wieder aufgehoben werden.
Abkehr von Genf
wird von den Deutschnailonalen gefordert.
Berlin, 29. November.
Dr. Huge »berg hat namens der Deutsch- nationalen Volkspartei an den Reichskanzler Brüning folgendes Telegramm gerichtet: .Die Vorgänge in der Genfer Abrüstungskonferenz enthüllen kraß den bösen Willen Frankreichs und der seine Rüstungspolitik stützenden Staaten in der für die Erhaltung des europäischen Friedens en.scheidenden Abrüstungsfrage. Sie widerlegen zugleich Kurs und Methoden der bisherigen deutschen Außenpolitik. Angesichts dieser Ersah rum gen uich angesichts der für die ungeschützte Ostmark
durch Polens Terror drohenden Gefahren wiederholen wir Selbsterhallungsrechte der deutschen Rüstungsfreiheit. Bei Nichtanerkennung dieses Rechts durch die Versailler Vertraysgegner hallen wir den Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund, in dem die Gleichberechtigung zur hohlen Phrase wurde, für unerläßlich.
England vor einemBergarbetterstreik?
London, 29. November.
Der gestern gefaßte Beschluß des Bergarbeiterperbandes, den Antrag einiger Bergwerksbezirke auf Genehmigung einer abgestuften Arbeitszeit anstelle des starren 7)4 Smnden-Tages abzulehnen, hat die Lage in ernster Weise verschärft. Der Sekretär des Bergarbeiterverbandes Gook glaubt trotz des Be- schluffes noch an eine friedliche Regelung und will alles tun, um eine Arbeitseinstellung in den Kohlenfeldern zu verhindern.
Wenn aber die Friedensbemühungen der Regierung in letzter Stunde scheitern sollten, so würde dies bedeuten, daß am Montag etwa 300 000 Bergarbeiter feiern werden, und daß es vielleicht zu einer das gesamte Land umfassenden Arbeitseinstellung in den Kohlenbergwerken kommt. Die Lage läßt sich dahin zusammenfasse», daß zwar die Bergarbeiter und Ze- chenbesttzer vor einem verhängnisvollen Konflikt stehen. daß aber die Regierung die Lage genau ver-
Rom, 29. November.
Unter den Maßnahmen der Preissenkungsaktion verdient der Beschluß des Kammerausschusses Erwähnung, der eine 12prozentige Herabsetzung der Abgeordnetendiäten vorsieht.
Der Vorsitzende des Faschistischen Jndustriellenver- bandes hat beschlossen, alle Aktiengesellschaften aufzu- sordern, die Tantiemen der Vorsitzenden und Verwaltungsräte um 25 Prozent zu kürzen. Die Leiter der industriellen Unternehmungen haben ihrerseits eine 12pro;entige Kürzung ihrer Gehälter beschlossen. Ab 1. Dezember werden die Eintrittspreise der Theater und Kinos um 10 Prozent ermäßigt.
-Oie schwarze Sat?ne'
für drei Monate verboten.
Königsberg. 29. November.
Der Oberpräsident der Provinz Ostpreußen hat aus Grund des Gesetzes zum Schutze der Republik die Zeitung „Die schwarze Fahne" in Königsberg, wegen eines Artikels, der eine ernste Bedrohung der verfassungsmäßig festgestellten republikanischen staatsformu und grobe Beschuldigungen von Mitgliedern der preußischen Landesregierung enthält, auf die Dauer von drei Monaten und zwar vom 1. Dezember 1930 bis zum 28. Februar 1931 einschließlich verboten.
Die .Schwarze Fahne" ist das Organ der ost- preuxn-ehen Bauern-Notbewegung, ‘
Polens Sündenregister
Oie deutsche Protestnote gegen Polen beim Völkerbund und bei allen Großmächten überreicht
Berlin, 29. November.
Die deutsche Regierung hat der „Vossischen Zeitung" zufolge dem Generalsekretariat des Völkerbundes die angekündigte Rote über die Verfolgung und Unterdrückung der Deutschen in Oberschlesien überreichen lassen. Der Rote sind mehrere Anlagen beigefügt, in denen die Berechtigung der Beschwerden durch Auszählung bestimmter Einzelfälle nachgewiesen wird. Die deutsche Regierung verlangt in der Note, daß der Völkerbund auf Grund der bestehenden Abkommen über die Behandlung der Minderheiten gegen die Verletzung der Rechte c i n g r e i f e, daß die durch polnische Terrorakte betroffenen Deutschen e n t- s chä d i g t und die politischen Rechte- der deutschen Minderheit in Zukunft gewahrt werden. Das Auswärtige Amt hat gleichzeitig den Regierungen jener Staaten, die im Völkerbund vertreten sind — u. dazu gehören alle europäischen Großmächte — durch die diplomatischen Vertreter'die Rote überreichen und auch mündlich erläutern lassen.
Das Material, auf das sich die Beschwerdenote stützt, ist, wie das Blatt berichtet, in zwei Gruppen behandelt:
Politische Entrechtung der deutschen Minderheit und Terrorakte gegen einzelne Deutsche. Zu der ersten Gruppe gehört die Feststellung, daß zahlreiche Pol
der Vorfall in Golassowitz, wo es nicht gelang, die Polizei gegen den Ueberfall polnischer Aufständischer auf das deutsche Gemeindehaus und die Minderheitenschule zu mobilisieren.
Schließlich haben bei den terroristischen Vorgängen Tausende von Briefen eine Roll gespielt, die ganz offen mit dem Stempel der Aufftänbischen- verbände Angehörigen der deutschen Mindecheit zu gestellt Wunden mit der Drohung, daß sie ihr Testament machen müßten, wenn sie nicht Haus und Hof verließen.
Ealonder reist nach Warschau
Warschau, 29. November.
Wie von gut unterrichteter Stelle verlautet, dürste der Präsident der gemischten Kommission in Ober- "chlesien Calonder der im Zusammenhänge mit den letzten Vorgängen in Oberschlesien von dem polnischen Außenminister Zalefli eingeladen wurde, wahrscheinlich am nächsten Donnerstag in Warschau ein treffen.
Knappe Mehrheit für Taröieu
Der Onstric-Skandal zieht weitere Kreise.
Paris, 29. November.
Nische Staatsangehörige deutscher Nationalität nicht in die Wählerlisten ausgenommen wurden mit der Begründung, sie besäßen nicht die polnische Staatsangehörigkeit. Allein in Katwwitz und Königshütte ist 30 000 Wählern deutscher Nationalität die Aufnahme in die Wählerlisten verweigert toorben-
Zu den
Terrorakten in Oberschlesien
wird festgestellt, daß die polnischen Behörden das Vorgehen des Schlesischen Aufständischenverbandes wohlwollend geduldet haben, daß der höchste Beamte in Polnisch-Oberschlesten, der Wojewode, Ehrenvorsitzender des Ausständischen- verbanoes ist, und daß der zu Gewalttaten auffordernde Aufruf der Ausständischenverbände von zahlreichen Inhabern öffentlicher Aemter unterzeichnet war. In Nicolai waren vier polnische Polizeibeamte Augenzeuge des Uebersalls von 25 Aufständischen auf eine deutsche Wahlversammlung, ohne einzugreisen. In Sorau wurden vier deutsche Stadtverordnete beim Verlassen des Rachauses überfallen und so schwer mißhandelt, daß einer von ihnen besinnungslos liegen blieb, ohne daß die Rachauspoli- zeiwache eingrisf.
Besonders schwerwiegend ist der mehrstündige Angriff auf eine deutsche Häuser gruppe in Hohenbir- ken, der trotz seiner langen Dauer nicht zum Eingreifen der Polizei führte. Richt weniger ernst ist
Der Unterstaatssekretär für Kunstpflege, Abg. Lautier, und der Unterstaatssekretär im Ministerium für öffentliche Arbeiten, Falcoz, sind, ebenso wie vor einigen Tagen der Justizminister, im Zusammenhang mit der Oustric-Affüre zurückgetreten.
Oustric selbst wurde auf Antrag der Staatsanwaltschaft verhaftet, und zwar auf Grund eines Sachverftändigenberichts, in dem gesagt wird, daß Oustric gemeinsam mit zwei Kulissenmaklern eine betrügerische Aktiennotierung vorgenommen habe. Die beiden Makler, Brieux und Block, sind ebenfalls verhaftet worden. Zwei weitere Helfershelfer Oustrics werden noch gesucht.
Die Kammer unterbrach gestern nachmittag die Interpellationsdebatte über das französische Flugwesen, um eine Interpellation des Abgeordneten Fabry (Fraktion Loucheur) entgegenzunehmen. Fabry ging auf den Rücktritt der beiden Unterstaatssekretäre Lautier und Falcoz ein und forderte Aufklärung über die näheren Umstände dieser Demission.
Ministerpräsident Tar^dieu erwiderte, daß die beiden Unterstaatssekretäre durchaus loyal gehandelt hätten. Landry ließ diese Erklärung des Ministerpräsidenten jedoch nicht gelten und forderte die sogenannte einfache Tagesordnung, weil er der Regierung das Vertrauen nicht aussprechen könne. Bei der Abstimmung wurde die einfache Tagesordnung mit 293 gegen 279 Stimmen abgelehnt.
Die Heimatlosen
W. P. Nachkrieg — der Beginn dieser Nachkriegszeit steht natürlich nach Tag und Stunde fest, das Ende der Epoche aber, die mit dem 1L November des Jahres 1918 eröffnet wurde, ist heute noch nicht vorauszusehen. Nur das ist gewiß: Sie ist noch nicht abgeschlossen, abgeschlossen sind nur die ersten Etappen auf diesem Wege durch eine Zeit, deren Aufgabe es ist, die materiellen und seelischen Wirkungen des Krieges in eine Neuordnung der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse und in eine Neuorientierung des menschlichen Denkens und Fühlens aufgehen zu lassen. Vorüber sind die Jahre, in denen mit Gewehren und Handgranaten um die Macht in Deutschland gekämpft wurde, in denen Freikorps und Reichswehr gegen Volksgenossen standen, in denen der Kriegsgegner feine Waffen weit ins innere Deutschland hineintrug. Vergangen ist der Hüllenspuk der Inflation, der Wahnsinn der Millionen und Billionen ist längst durch das Wunder der Rentenmark abgelöst worden. Aber die Wunden, die Krieg und Inflation geschlagen hatten, find noch nicht vernarbt, die großen Probleme der Nachkriegszeit find noch nicht gelöst, ja, fie waren eine ganze Zeit lang in ihrer vollen Bedeutung überhaupt noch nicht erkannt. Wir stehen heute dem 14. September zeitlich noch zu nahe, um den geschichtlichen Sinn dieses Wahlergebnisses mit vollkommener Sicherheit erkennen zu können. Aber das eine kann doch schon heule gesagt weiden: Der Motor, der di« starke innerpolitische Bewegung in Deutschland antreibt, ist das Gefühl der Enttäuschung, das jetzt weite Kreise der Bevölkerung ergriffen hat. Sie empfinden bas Krisenhafte unserer Zeit, fie sind unsicher geworben, weil alle sozialen unb wirtschaftlichen Verhältnisse erschüttert sind, unb sie sind enttäuscht, weil vieles, was Voraussetzung für die Neuordnung und Neuorientierung ist, unerfüllt geblieben ist. Was für die Innenpolitik gilt, das hat' in gewissem Sinne auch Gültigkeit für die Außenpolitik und für das wirtschaftliche Leben, das in Deutschland und in der ganzen Welt erst jetzt in die entscheidende Nachkriegs-Krise eingetreten ist: Wir stehen, wenn wir das Wort nicht gar zu eng fassen, noch im „Nachkriege", wir leben noch in einer Zeit, die aus den Schwierigkeiten, die der Krieg heraufbeschworen hat, zum wirklichen Frieden hinüberführt oder, bescheidener gesagt, hinüberführen soll. Die Erkenntnis dieser Schwierigkeiten gefördert zu haben —darin wird man vifleicht später einmal die positive Bedeutung der Septemberwahlen, mögen sie heute auch für viele nur ein Werk des Geistes, der stets verneint, sein, erblicken.
Die seelisch« Auseinandersetzung mit dem Kriegs- erlsbnis selbst ist heute im wesentlichen beendet, die Literatur hat sich jetzt eines neuen Themas bemächtigt. Sie unternimmt den Versuch, das innere Erleben der ersten Etappe der Nachkriegszeit, jener Zeit, die von der Novemberrevolution bis zum Kapp - Putsch etwa reicht, jener chaotischen Jahre der Wirren, Unruhen und Putsche zu klären. Unter den Interpreten dieses Nachkriegserlebens tauchen bekannte Namen auf: Remarque, der gewandte Literat (aber eben Nur-Literat), tfer die günstige Konjunktur für die Kriegsliteratur schuf, kündigt einen Nach- kriegsroman an, und Ludwig Renn, dessen grundehrliches und grundanständiges Buch „Krieg" zu dem halben Dutzend wertbeständiger Kriegsbücher gehört, hat feinen Rechenschaftsbericht über den „Nachkrieg" — das Wort hier im engeren Sinne, in der Beschränkung auf die ersten Nachkriegsjahre gebraucht — der Öffentlichkeit bereits vorgelcgt.
Die Geschichte des Feldwebels Renn, der aus dem Kriege heimkehrt, ohne eine Heimstätte für seinen müden Körper und — was schlimmer ist — für seine unsicher gewordene Seele zu finden, der als Mitglied der sächsischen Sicherheitswehr und als Beamter der Sipo die Kämpfe der Nachkriegsjahre mitmacht, diese Geschichte enthält das Schicksal des unpolitischen Menschen, der — ein Haltloser, der Halt sucht — dem parteipolitischen Spiel verständnislos gegenübersteht und von dem kleinlichen Egoismus der Akteure abge- stogen wird. „Eine Pflicht schien mich zu hetzen, aber ich wußte nicht welche. Das Gefühl irgendeiner Schuld hatte ich, die mir jede Freude verdarb. Vielleicht war es das Bewußtsein, daß ich keinem Ziele diente, daß ich ohne Wurzeln war und doch so nicht leben konnte . . . Beim Militär hatte ich gehorcht. Das hatte ich für ein großes Ziel gehalten, nicht den Nationalismus mit der Hurrabegeisterung, sondern irgend etwas, das sich nicht so genau sagen läßt. Und das war in mir vollkommen zerbrochen, war tot . . . Aber ich hatte nichts Neues." Renn, hoffnungs- und humorlos, sucht dieses Reue. Er, der ehrliche Wahrheitssucher, wird ungerecht, weil er sich in dieser fremden Welt der Partei- und Nurparteipolitik nicht zurechtfindet. Das ist das Tragische im Leben dieses Mannes, das Tragische, das auch diejenigen, die Renns Ungerechtigkeiten zu spüren bekommen, entwaffnen sollte. Vielleicht liegt aber auch darin eine gewisse Tragik, daß Renn »ach Jahren dex