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Kasseler Neueste Nachrichten
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Nummer 277* Mittwoch, 26. November 1930 20. Jahrgang
Schweres Erdbeben in Japan
Oie Halbinsel Zdsu schwer heimgesucht / Noch keine Entscheidung über Dredts Nücktrittsgesuch / Notverordnung unabwendbar?
200 Tote, 1000 Verletzte (Eigener Drahtbericht).
Tokio, 26. November.
Die 70 Kilometer südwestlich von Tokio gelegene Stadt M i s ch i m a auf der Halbinsel Jdsu ist von einem schweren Erdbeben heimgesucht worden. Etwa 200 Personen sollen getötet, über 1000 v e r- l e tz t sein. Bisher sind fünfzehn Leichen geborgen. Nach dem Erdbeben brachen Brände aus.
Die Halbinsel Idsu war in der letzten Zeit mehrmals der Schauplatz schwerer Erderschütterungen. Das heutige Erdbeben begann um 4.03 Uhr früh und dauerte ungefähr 10 Minuten. Infolge Störung der Verbindungen fehlen Einzelheiten. Doch scheint es, daß großer Schaden in Mischima selbst und auch in der benachbarten Stadt Numadsu sowie zwei benachbarten Dörfern angerichtet worden ist.
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Nach einer späteren Meldung hat das Erdbeben auf einem großen Teil des Bezirks Schidsuoka südwestlich der Hauptstadt besonders gewütet Ueberall haben Brände die Schäden der Erdstöße noch vermehrt. Die Orte, die am meisten gelitten haben, sind Mischima, Numadsu, Ragako, Ito und Atami. Die Sommerstation Hakonenatschi, die 1923 bereits zerstört worden war, wurde von neuem dem Erdboden gleich gemacht.
Was Amerika interessiert
Neuyork, 26". November.
Kurz vor seiner Abreise mit dem Lloyddampfer „Columbus" äußerte sich Dr. Schacht dem Vertreter des WTB. gegenüber sehr befriedigt über seine Amerikareise. Er sei, so sagte der ehemalige Reichsbankpräsident, überall auf das freundlichste ausgenommen worden und habe feststellen können, daß das Interesse für alle internationalen Fragen nicht nur im Osten, sondern auch im Westen der Vereinigten Staaten außerordentlich lebhaft sei. Neben dem Reparationsproblem erweckten besonderes Interesse folgende Fragen: Pan-Europa, Kolonialwirtschaft, die deutsche Währungspolitik und die Verhältnisse auf de>m internationalen Geldmärkte. Die Beantwortung der Frage, wie er sich persönlich zu der weiteren Behandlung der von ihm erörterten Probleme einstelle, lehnte Dr. Schacht ab. Ueber seine eigenen weiteren Pläne befragt, erklärte Dr. Schacht dem Vertreter des WTB., er beabsichtige nach seiner Rückkehr nach (Europa, sich seinen privaten Interessen zu widmen.
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Zu der Rede Dr. Schachts vor dem Oekonomischen Klub wird noch berichtet: Besonderen Eindruck machte Dr. Schachts Befürwortung einer Rückgabe der deutschen Kolonien, sowie seine Bemerkung, als Volks- Wirtschaftler und Geschäftsmann erscheine es ihm geradezu absurd, daß, nachdem die Kriegführenden rund 88 Milliarden Mark im Kriege verpulvxrt hätten.
jetzt lediglich alle Mühe darauf verwandt werde, aus einem einzigen Mitglied der internationalen Kulturgemeinschaft weitere 40 Milliarden herauszupressen und dadurch die Welt in dauernder politischer, sozialer und wirtschaftlicher Unruhe zu erhalten, anstatt alle Bemühungen gemeinsam auf die Förderung der Weltwirtschaft zu richten.
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Oie neue „europäische Allianz"
London, 26. November.
Zu dem Besuch des russischen Außenministers Litwinow in Italien stellt der „Daily Herald" fest, daß seine Unterredung mit Grandi der erste Schritt zur Bildung einer neuen europäischen Allianz sei. Gerüchte seien im Umlauf, daß der russische Außenminister nach Rußland mit endgültigen Vorschlägen gehe, die aus dem Abschluß eines Freundschaftsvertrages zwischen Italien und Rußland bestehen.
Hierzu erklärt der römische Korrespondent der „Times", daß nur wirtschaftliche Fragen erörtert worden seien. Es bestehe kein Grund für die phantastischen Gerüchte, die in der französiscyen und der ausländischen Presse verbreitet seien. Der Korrespondent gibt zu, daß diese Nachrichten mit den halbamtlichen Erklärungen Italiens selbst übereinstimmen.
polen sucht Sündenböcke
Warschau, 26. November.
Das polnische Außenmini st erium veröffentlicht zu den Ausschreitungen gegen die Deutschen in Ostoberschlesien eine Erklärung, worin festgestellt wird, daß die Behörden Ruhe und Sicherheit während des Wahlfeldzuges und bei der Wahl selbst gewährleistet hätten. Leider sei es in einigen Ortschaften, so heißt es in der Erklärung, infolge allzu eifriger Wahlagitation zu Ruhestörungen gekommen. Leider sei der ruhige Verlauf der Wahlen durch das provokatorische Auftreten des wegen seiner aufhetzenden Tätigkeit bekannten Pastors Harlfinger gestört worden. Eine deutsche Bande habe einen polnischen Polizeibeamten während seines Dienstes ermordet. Auch sei es vorgekommen, daß drei deutschpolnische Staatsangehörige geschlagen, ein Lokal zerstört und der polnische Arbeiter Stelmach in Neudorf ermordet worden seien. Kein deutsch-polnischer Staatsangehöriger habe sein Leben eingebützt. Wegen dieser Fälle sei sofort eine Untersuchung, sowohl gegen die Ruhestörer als auch gegen die betreffenden Sicherheitsbehörden eingeleitet worden. Bisher seien bereits einige Personen im Zusammenhang mit diesen Vorgängen verhaftet worden. (Siehe auch die Meldungen auf Seite 2 !)
Oie Verschwörung der Ingenieure
politischer Monstreprozeß in Moskau
Moskau, 26. November.
Die Sowjetunion hat einmal wieder ihre Sensation. Vor dem Moskauer Obersten Gericht stehen 8 Angeklagte. Alles Männer von Ruf, Wissenschaftler und anerkannte Fachleute. Zum Teil geben sie offen zu, Gegner des kommunistischen Systems zu sein. Die Voruntersuchung will genügend Material gesammelt haben, das den Angeklagten das Delikt einer Verschwörung gegen den Staat nachweist. Die Anklage behauptet, daß die
Ingenieure zu politischen Kreisen Frankreichs, Rumäniens und Polens sehr enge Beziehungen
unterhalten hätten, und daß ein Plan ausgearbeitel wovden wäre, der nichts Geringeres als ein bewafs- netes Vorgehen Polens urtb Rumäniens unter finanzieller Beihilfe Frankreichs gegen Sowjetrußland zum Ziel hatte. Werter wird behauptet, daß die Zusammensetzung einer neuen bürgerlichen Regierung anstelle der Sowjets, wenigstens auf dem Papier, erfolgt wäre und daß unter den Verschwörern über den künftigen Kurs in Rußland schon völlige Einigung erzielt worden sei.
Die Anklage sieht dies alles als erwiesen an. Da man aber hört, daß der jetzt vor dem Obersten Gerichtshof in Moskau begonnene Prozeß gegen eine Anzahl von Ingenieure in einem der größten Ver-
I fammlungssäle der Stadt abläuft und von den Sow- jetbchörden allen Interessenten und Neugierigen Eintrittskarten zu diesem Spektakulum sehr freigebig ausgehändigt wurden, so wird man annehmen dürfen, daß es sich hier mehr um eine
große politische Demonstration
handelt als um die sachliche Behandlung eines kriminellen Falles. Schon allein die Tatsache, daß die zur Anklage stehenden Vergehen von Ingenieuren ausgeübt wurden, gibt der Angelegenheit ihre Bedeutung. Die Ingenieure in Rußland bilden, wenn man dies so nennen will, eine ganz besondere und bevorzugte Kaste im Sowjetregime. Wenn es in anderen Ländern zu revolutionären Bewegungen kommt, so werden sie dort zumeist von Militärs getrieben, eben von der Kaste, die in diesen Ländern die bestimmende Rolle spielt. In Rußland fällt diese Ausgabe den Ingenieuren zu, eben weil sie letzten Endes das Heft in der Hand haben und schließlich auch den Einblick in die Dinge, die das zukünftige Bild Rußlands bestimmen sollen.
Oie Vernehmung -er Angeklagten
Nach der Verlesung der Anklageschrift begann die Vernehmung der Angeklagten. Professor Ramsin
leitete seine Aussage mit der Erklärung ein: „Ich will mich nicht verteidigen, denn meine Schädlingsund Verrätertätigkeit ist klar.
Ich möchte, daß durch diesen Prozeß die Nichtigkeit konterrevolutionärer Versuche zutage tritt
und der Widerstand eines gewissen Teiles der Ingenieure und der technischen Kräfte aufhört". Sodann berichtete Ramsin über die Organisierung des von Paltschinski geschaffenen Jngenieurzentrums und schilderte die Tätigkeit der gegenrevolutionären Organisation, als sie sich bereits mit dem „Handelsund Industrie-Komitee" in Paris, einer Organisation russischer Weißgardisten, und mit einzelnen Mitgliedern französischer Regierungskreise zur Beratung der für 1928 in Aussicht genommenen Jn- terventionspläne in Verbindung gesetzt hatte. In jener Zeit ging der Gedanke einer Intervention, wie Ramsin betonte, mehr von Regierungskreisen Frankreichs und Englands als vom Handels- und Industrickomitee aus. Während eine Anzahl von Mit
gliedern der „Industrie-Partei* unter ihnen Fed»-« t o w und S i t n i n, auf Reisen waren, traf die Nach« richt von Verhandlungen des Handels- und Industriekomitees mit Poincar 6 und B r t a n d ein, die dazu dienten, die Intervention zu organisieren. Im gleichen Jahre überzeugten wir uns, d. h. La rite schew und ich, daß 4
die Frage einer Intervention in England und in 1 Frankreich ernst gemeint 1
wurde. In Paris fand dann eine Konferenz statt, an der außer mir und Laritschew die Mitglieder des Handels- und Industrie-Komitees teilnahmen. Ich und Laritschew berichteten über die Lage in der Sowjetunion, über die Tätigkeit der ^ndustriepartei* und besonders über die Lage der sowjetruffischen Oel- industrie. Die Mitglieder des Handels- und Industrie-Komitees betonten die dringliche Notwendigkeit, die Intervention von innen vorzubereiten, denn die Vorbereitung von außen, die vom Handels- und Industrie-Komitee betrieben wurde, verlief« erfolglos.
Ohne den Reichstag?
(Bon unserer Berliner Schriftleitung.js
th. Berlin, 26. November.
Der Reichskanzler hat die Besprechungen mit den Vertretern der Reichstagsfraktionen gestern fortgesetzt und dabei die Führer der Christlich-Sozialen, der Wirtschaftspartei und des Landvolks empfangen. Heute findet eine Besprechung mit dem Vertreter der Deutschnationalen, dem Abgeordneten Hugenberg, und dem Führer der Bayerischen Volkspartei statt. Außerdem wird der Kanzler heute noch eine zweite Unterredung mit den Sozialdemokraten haben. Ob er die Nationalsozialisten empfängt, steht noch nicht fest und wird sich wahrscheinlich erst dann entscheiden, wenn sich herausgestellt hat, ob der Kanzler mit den Sozialdemokraten zu einem bestimmten Abkommen gelangt.
Oer außerparlamentarische Weg
Man erkennt ohne weiteres, daß die Besprechungen mit der S.P.D. im Vordergründe stehen.
Der bisherige verlauf der Parteiführerbespre- chuugeu hat bereits den Eindruck heroorgerufe«, daß es voraussichtlich nicht möglich fein wird, im Reichstage die notwendigen Mehrheiten für die glatte Verabschiedung der zahlreichen Gesetzentwürfe zusammenzubringen, aus denen das kürzlich vom Reichsrat angenommene Reformprogramm der Regierung besteht. Unter diesen Umständen verstärkt sich in den maßgebenden politischen Kreisen in Berlin die Auffassung, daß derKanzler wahrscheinlich den außerparlamentarische« Weg wählen muß, um, wie er fest entschlossen ist, sein Programm noch vor Weihnachten endgültig in Kraft treten zu lassen.
Wenn der Kanzler sich jetzt bemüht, mit Hilfe der Sozialdemokraten eine Mehrheit zustandezubrin- gen, so handelt es sich babei wohl in erster Linie um eine Mehiheitsbildung für den Fall, daß im Reichstag nachträglich Aufhebungsanträge für eine Notverordnung gestellt werden, mit der der Kanzler sein gesamtes Reformprogramm in Kraft setzen könnte. Die Verhandlungen des Kanzlers über eine derartige Mehrheitsbildung scheinen schon ziemlich weit vorgeschritten zu fein, und man glaubt, daß sich die
Mehrheit aus den bürgerlichen Mittelparteien und der SPD.
zusammensetzen wird. Die Sozialdemokralen sind offenbar damit einverstanden, daß Dr. Brüning sein Programm auch mit Artikel 48 in Kraft setzt, wenn es auf Parlamentarischem Wege nicht möglich ist. Der „Vorwärts" schreibt heute, daß die Regierung parlamentarisch regieren werve, wenn es gehe, daß sie aber mit einem usurpierten Verordnungsrecht" regieren werde, wenn es nicht anders geht. Der „Vorwärts" bezeichnet es als die Ausgabe der sozialistischen Partei, die Entstehung einer Diktatur zu verhindern, die sich bewußt gegen die Demokratie stellen würde. Diese Aeußerung des „Vorwärts" weiden allgemein als ein Einverständnis mit den Methoden des Reichskanzlers gewertet, sei es nun, daß dieser sein Programm auf rein parlamentarischem Wege durchsetzt, ffsei es, daß er zur Verkündung seines Pro
gramms den Artikel 48 jur Hilfe nehmen wirb. Dabei ist zu berücksichtigen, daß es
keineswegs notwendig ist, etwa das gesamte Programm auf dem Wege der Nowerordnung zu verkünden, sondern daß auch die Möglichkeit besteht, lediglich die wichtigsten Teile, vor allem das Tabaksteuergesetz, welches bekanntlich 167 Millionet, einbringen soll, durch Notverordnung z« verkünden, die übrigen Teile aber dem Reichstag zu unterbreiten, da dafür vielleicht stellenweise parlamentarische Mehrheiten gefunden werde« können.
lieber diese Möglichkeiten wird der Kanzler auf Grund seiner Erfahrungen, die er gegenwärtig mit den Parteiführern sammel, am Donnerstag oder Freitag dem Kabinett Bericht erstatten, und dann wird das Kabinett sich über den weiteren Weq schlüssig werden.
Ser Abmarsch der Wirtschasispartei
Allerdings ist eine empfindliche Störung der Verhandlungen durch das Plötzliche Ausscheiden der Wirtschaftspartei aus der Front der hinter dem Kanzler stehenden Parteien eingetreten. Wie wir bereits gestern int größten Teil unserer Auflage berichtet haben, hat der Reichsausschutz der Wirtschaftspartei erklärt, daß die Partei die weitere Unterstützung des Kabinetts Brüning a b l e h n e, da die Ereignisse der letzten Zeit immer deutlicher bewiesen hätten, daß die Reichsregierung ihre Politik in Anlehnung an die Sozialdemokratie durchzuführen versuche. Nach Ansicht der Wirtschaftspartei ließen sich aber auf diefe Weise die großen Probleme der deutschen Innen- und Außenpolitik nicht lösen. Auf Grund dieses Beschlusses hat ferner Reichsjustizminister Dr. B r e d t, wie wir gleichfalls schon gemeldet haben, dem Kanzler gestern sein Ruch trittsgesuch unterbreitet.
Eine Entscheidung ist mit diesem Schritt freilich nicht verbunden, da eine Mehrheitsbildung auch ohne die Wirtschaftspartei möglich ist. Die dem Kanzler nahestehende „Germania" wendet sich heute sehr energisch gegen die Entschließung der Wirtschaftspariei, die sie als einen Schwabenstreich, der freilich nicht gefährlich sei, bezeichnet. Das Blatt meint, die Winschaftspartei scheine die ganze Aktion nur deshalb in Gang gebracht zu haben, um damit den Krieg zwischen Drewitz und Colosser zu verdecken. Von der Wirtschaftspartei selbst wird übrigens mit« geteilt, daß es gestern dem Reichsausschuß gelungen sei, diese Meinungsverschiedenheiten zwischen Colosser und Drewitz auszugleichen.
Nock keine Entscheidung über Vredts Nücktrittsgesuch
Ueber das Rücktrittsgesuch des Justizministers Professor Bredt ist noch nicht entschieden. Der Kanzler har das Gesuch noch nicht an den Reichspräsidenten weiter geleitet, sondern er hat die Hoffnung, daß der z. Zt. krank in Marburg liegende Ju- stizminister in den nächsten Tagen vielleicht doch noch nach Berlin kommen und mit ihm über sein Rücktrittsgesuch sprechen tarnt. Die große Wahrscheinlich, feit spricht allerdings dafür, daß der Iustizministe* aus seinem Amte ausscheide» Wirtz.