Kasseler Neueste Tlachrlchien
80. Geburistaq
Totensonntagsglocken verklingen
♦
Kassel an.
in
91 224, 97 884, 1)00 450, 111 641,
und
laden
läu-
244 852,
300 851, 339 28*
143 899, 260 454, 814 975, 392 139, 65 046, 1-22 835, 163 107, ' 203 017.
251 981, 813 059,
meinsam mit der Pianistin L. Pogge mit ausgezeich-- neten Musilvorträgen die Feierstunde einleiteten. Vor dem Trauermarsch von Beethoven ein Choral, der die richtige Stimmung schuf. Der Vortrag hatte den Spruch: „Wer Lebendiges will verstehen, muß in das Lano des Todes gehen" als Inhalt. Der Tod sei unser Kamerad, der Allez gleichmache und uns damit die wahre Kunst des Lebens lehre. „Ases Tod" von Peer Gynt und das „Largo" von Bach beschlossen den Abend.
Wundervolle Klänge eines prächtigen Orchesters begleiteten die schlichte Eröffnungsfeier im Stadtverordnetensitzungssaal und ließen den Wunsch wach werden, ob nicht die Stadlvätersitzungen auch ein so innerliches Vorspiel gebrauchen könnten, schier unmöglich wäre es doch, aus so weihevoller Stimmung heraus zum Schaden ernster Sachlich- leit sich politisch so wahllos zu bekämpfen, wie wir es immer wieder erleben müssen.
Langsam verglimmen die Feuer am Ehrenmal; der Sturm jagt über das kahle Land und rüttelt in den Bäumen. Wolken, schwer und grau ziehen vorüber und geben auch der Natur ein ernstes Gesicht.
Hugo von Lieberman +. 5?m 56. Lebensjahr verstarb nach schwerem Leiden Oberregierungsrat Hugo von L eberman. Er gehörte seit 1920 der Regierung
148 602, 164 634, 185 485, 198 812, 217 251, 244 233,
263 454, 264 009, 281 055, 283 487, 288 250, 313 243,
315 068, 335 621. 348 773, 362 828, 365 865. 372 449,
393 354. — 500 Mark: 9428. 44 209, 54 252. 57 884,
99 692, 105 611, 121 909, 129 976, 142 97
81 997, 92 445,
Zum Gedächtnis der Entschlafenen fand nachmittags um 5 Uhr in der Lutherkirche eine liturgisch- musikalische Feierstunde statt, in der das Kirchen- Oratorium „Selig aus Gnade" von Albert Becker nach einem Orgelvorspiel über den Choral „Herzlich tut mich verlangen" von Meister Möller aufgeführt wurde. Der Kirchenchor der Lutherkirche und das Orchester von Kunstfreunden unter Leitung von Hermann Schleiden fügten sich mit den Solostimmen (Auguste Hansmann, Sopran Gerta Bernhardt, Alt, Reinhard Schleiden, Tenor, und Heinz Dietrich, Baß) zu einer machtvollen Musik. Ganz besonders der Anfangs- und Schlußchor, das „Kyrie eleison" und der Chor- und Gemeindegesang im zweiten Teil wurden mit großem Wohllaut und innerem Erleben der Ausführenden vorgetragen.
In der Garnisonkirche hielt die Fechtschule des Kreiskriegerverbandes Kasiel-Stadt ein Wohltätig- keitskonzert zum Besten der Kriegerwohlfahrts-Ge- meinschafl ab. Auch diese Kirche war überfüllt. Um den Altar herum und in den Gängen standen die Fahnen der Kriegervereine und nationalen Verbände. Orgelspiel des Herrn Miebs, Orchestermusik der Reichswehrkapelle des Inf.-Regts. 15 unter bewährter Leitung des Herrn Obermusikmeisters Steinkopff und Gesang der Damen Gerta Bernhardt und Emmi Krause und des Kirchenchores der Lutherkirche gaben den Rahmen zur Ansprache. Pfarrer Zeidler knüpfte an das Wort an: „Was kann der Mensch geben, daß er seine Seele löse?" und mahnte unter Hinweis auf die alten Fahnen, das Andenken an die Toten nicht durch Zwietracht und Genußsucht zu entweihen. Einen Tag im Jahre will der Bruderhatz schweigen, sollen alle materiellen Gedanken in den Hintergrund treten. Unsere Seele ist geknechtet durch die Zeit, wir haben Angst vor dem Urteil der Toten, weil die Welt, die aus den Gräbern zu uns spricht, größer ist als wir. Die Toten warten auf das Opfer der Lebenden. Was kann der Mensch geben, daß er seine Seele löse?--Die Kraft besitzen, sich selbst zu
opfern für die anderen, wie sie es taten, das ist das Vermächtnis unserer Toten, das wir vor Gottes Thron tragen sollen.
Im Gildehaus sprach Schriftsteller Wilhelm Ide über Kirchen, Friedhöfe und Gräber.
Die Gaststätten und der Rundfunk hatten sich dem Tage angepaßt und brachten ernste Musik.
347 329, 354 695. 354 993, 381 288 . 387 700. 388 461, 389 957, 393 945, 394 681. — Ohne Gewähr.
274 325, 278 092, 278 4V, 284 493 291 666, 313 113, 322 198, 322 958. 323 477, 333 263,
Wettervoraussage bis Dienstag abend:
Zunächst wieder bedeckt mit Regenfällen, bei stürmischen, auffrischenden Winden milde, dann rascher Uebergang zu gewitterartigen Schauern, anschließend Abkühlung.
Montag, 24 Aovemder 1930 - i. Beilage
Ttr 275 Zwanzigster Jahrgang
erste Stadt ist, in der eine so weit gehende Zusammenarbeit möglich werden konnte.
Trotz aller sozialen Röte sind die positiven Ansätze in unserer Jugend stärker als mancher wohl denkt. Freizeit hat sie gezwungenermaßen heut oft mehr, als gut ist: Das kommt dem Lesen ebenso zugute, wie ihre Abneigung gegen bloße Worte, oer sie Anschauung und Beispiel vorzieht.
Je straffer eine Ausstellung zusammengestellt, je weniger aus lausenden von Büchern als das beste dargeboten wird, desto suggestiver ist ihre Wirkung. Drei Forderungen stellen wir heute an das Jugendbuch: Es mutz künstlerisch wertvoll sein, jugcndgemätz
und möglichst gegenwartsnah.
Einen Irrtum gilt Zes hierbei zu bekämpfen: Einfach ist nicht minderwertig; es gibt auch einfachen und differenzierten Kitsch. Freilich ist es heute schwer, Klarheit zu finden, wo das Urteil über Wert und Minderwert so weil auseinander klafft. Man darf aber sagen, daß diese Ausstellung jede Enge und Einseitigkeit glücklich vermeidet.
Klar auch die Einteilung oer Entwicklungsstufen. Da ist das Buch für das „Struwelpeter- alter", ganz prächtige Bilderbücher, von wirklichen Künstlern illustriert und dann kommt das „Märchen alter", in dem das Kind der Umwelt Seele einhaucht. Hier ist Wohl mehr am Platze das gute alte Hausmärchen. Nun folgt das „Robinson- alter", in dem sich erste Widersprüche melden: die Freude an Romantik in der lockenden Ferne, andererseits das Interesse an der Virklichkeit. dem die Bastelbücher gerecht werden. Es wäre falsch, den Erlebnisdrang zu unterdrücken; vielmehr soll das gute Buch ihn sittlich vertiefen uno wie bei Jack London womöglich in die sozialen Bedingungen unseres Zeitalters mitten hineinstellen.
Zugegeben, daß das Jungmädchenbuch noch etwas stiefmütterlicher dasteht (wobei die Frage auftaucht, ob es das Mädchen, das man dann doch wie den Jungen in den Lebenskampf entläßt, wirklich so weitgehend andere Lektüre braucht). Der junge Mensch sucht eine Bestätigung seiner Welt, die andere ist als die der Erwachsenen. Immerhin ist das Trotzköpfchenzeitalter überwunden und bei Hamsen und anderen findet sich so manches, was dem Jungmädchen Freude macht.
daß sie etwa das Erlösungsproblem des Menschen
Mn akann von 12-jährigen noch nicht erwarten, fesselt: es ist verkehrt, ihnen in die Hand zu geben, was ihrem Denken noch nicht entspricht. Die vielleicht zu Unrecht nur als politischer Radikalismus gesehene Freude der Jugend an entschiedener Klarheit kann durch einen so klugen Freund, wie das gute Buch, in rechte Bahnen gelenkt werden. Dazu helfe auch diese Ausstellung.
Polizeipräsident als Zeuge
im Freisler-Prozeß
Gewinne der 36-/262. Prentz.-Sttddentlchen Sl«ssen-8»t- tcrie. 2. Klane. 2. ZiehungStag, 22. Nov. 50 000 Mark: 38 778. — 10 000 Mark: 369 197. — 5000 Mark: 156 232, 344 213. — 3000 Mark: 210 393, 265 763. — 2000 Mark: 23 339, 170 965. 189 015, 274 424, 277 985, 303 643, 311356, 386 801. — 1000 Mark: 36 193, 44 562, 61 913, 68 590, 80 044
Die Sonnabend-Berhandlung.
Zn der Sonnabend-Verhandlung kehrte man noch einmal zu der Auflösung der nationalsozialistischen Versammlung in ben „Vürgersälen" am Abend des 18. Zuni zurück. Am Vortage hatte Kriminalkommissar Klenke, der die Versammlung überwacht und aufgelöst hatte, ausgesagt, daß er gezwungen war, wegen ständig wachsender Unruhe und der drohenden Gefahr von Zwischenfällen aus sicherheitspolizeilichen Gründen zur Auslösung zu schreiten. Der Angeklagte und von ihm gestellte Zeugen bekundeten dem- gegenüb.r, daß Gegner nicht anwesend waren, es also auch gar nicht zu lärmenden Eegen-
Phot Langt: am tu«
Seinen 80. Geburtstag feiert heute ein geachteter und verdienter Kasseler Mitbürger, Sanitatsrat Dr. Ebert
Mtteli->der des Staffelet Rentnerbundes den Toten. ------ ------- ..........
Der" Ipielsaal war dicht gefüttt, als Karl Henkel ge- steu zum Begräbnis deutscher Zwietracht?
pm. Totensonntagsglocken läuten durch das weite Land und mahnen zur Einkehr, zum Rückblick und zur stillen Zwiesprache. Ein Tag im Jahr fei den Toten geweiht, — ein kurzer und doch so inhaltsschwerer Tag. Noch liegt dumpfer Nebel über der Stadt, am Ehrenmal der Gefallenen brennen die Feuer, und wie aus weiter Ferne dringt der Glok- kenton dumpf und schwer herüber, klagend, zitternd, als käme er aus unendlicher Weite von den Gräbern, die nur ein schlichtes Holzkreuz schmückt, von den Brüdern draußen in fremder Erde, die ihr Leben einsetzten, auf daß wir leben.
Immer mächtiger läuten die Glocken und rufen dir zu: Gedenke der Toten! Und der eherne Mund redet eine eindringliche Sprache. Bis zum letzten Platz sind die Kirchen gefüllt, und in manchen Augen glänzen Tränen und reden von bitterem Leid und von herber Not. Aber seht hinaus, ihr steht nicht einsam und verlassen. Dort draußen tragen alle mit euch das gleiche Leid. Auf den Friedhöfen grünt und blüht es; jeder gibt sein Scherflein, die Ruhestätte seiner Lieben zu schmücken, sie zu ehren an ihrem Festtage.
Kriegskameraden treffen sich. Der „Stahlhelm" marschiert mit trauerumflorten Fahnen vor dem Ehrenmal auf, und beim Scheine der Fackeln erneuert er feinen Treuschwur über das Grab hinaus. Pfarrer Zeidler hält die Ansprache tot Sinne des Wortes: „Wer sein Leben erhalten will, wird es verlieren, wer es aber verliert um meinetwillen, der wird es erhalten". Ernste Vorträge der Stahlhelmkapelle umrahmten die Feier.
Auch das „Reichsbanner" gedachte der im Weltkrieg Gefallenen. Schon am Sonnabend abend loderten Fackeln und Feuer am Ehrenmal; Trommelwirbel erklangen und ernste Musik. Paul Peters vom Kasseler Volksblatt hielt den Vorspruch: An die Völker Europas! Dann sprach Oberschulra; Deiters und gedachte der Gefallenen mit dem Wunsche: „Friede unter den Völkern, Friede unter den deutschen Menschen".
Auf dem Militärfriedhof veranstaltete der Zentralverband der Kriegsbeschädigten und -Hinterbliebenen eine ernste, weihevolle Gedenkfeier. Nach dem niederländischen Dankgebet ergreift namens des Vorstandes Kaufmann Simon das Wort und erinnerte an die gefallenen Brüder, die fern der Heimat in fremder Erde und in den Tiefen der weiten Meere ruhen. Mit einem Mahnruf an die Lebenden: Gedenkt der Treuen, die für euch das Teuerste, ihr Leben, einsetzten. Mit einem Aufruf zur deutschen Einigkeit schloß der Redner, dessen Worte alle Anwesenden er- fliiffctt
Im geschmückten Saale des Evangelischen Ver- einshauies traf sich der Deutschnationale Handlungs- gchilfen-Verband. Nach dem vom Orchester des Verbandes vorgetragenen Beethovenschen Trauermarsch aus der dritten Symphonie unter Leitung von Musikdirektor Kneifet sprach Willi Ehrengruber mit eindringlichem Ernst ein Melodram nach alten 2Sct= fcn: Des deutschen Volkes Heldengesang von 1806 bis 1919. Der Chor des Vereins brachte verschiedene Lieder zum Vortrag, und mit dem großen Zapfenstreich fand die Feier einen würdigen Abfchluß. — Aus allen Reden klingt es hindurch: Ihr seid uns unvergeßlich, unsterblich. „Ich hatt' einen Kame-
Anfragen der Stadtverordneten
Die nationalsozialistischen Stadwerordneten beantragen: ... „. . ..
Unter Gegenständen des täglichen Bedarfes, bte auf die Gutscheine des Wohlfahrtsamtes entnommen werden können, befinden sich nur wenige Nahrungsmittel, und zwar zu einem großen Teile gerade hochwertige Nahrungsmittel nicht. Der Magistrat möge eine neue Liste der Lebensrnittel aufstellen, deren Abgabe auf die Gutscheine zulässig ist und in^angemessener Weise Wurst- und Fleischwaren berücksichtigen.
*
Die Deutschnationalen beantragen:
Der Magistrat wolle mit der größten Beschleuni- gung ein Projekt zur Vergrößerung der Kläranlagen am Franzgraben ausarbeiten lassen, damit sofort mit den Ausschachtungsarbeiten für bte größeren Abwässer-Kläiteiche begonnen werben kann. Bei biesen Erbarbeiten hanbelt es sich um annähernd 100 Prozent Lohnanteil, für welche zur Entlastung bes stäbtischen Etats Arbeitslose verwendet werden können.
Die bestehenden Kläranlagen reiche« nicht mehr aus, wodurch nicht nur eine Verschmutzung der Fulda entsteht, sondern auch die offenen Bachläufe der Drusel, Ahne und Losse aus sogenannten Notausläufen mit Abwässern verunreinigt werden, und dadurch üble Gerüche verbreiten.
Der Magistrat wird ersucht, der Stadtverordnetenversammlung ehestens mitzuteilen, wann und in, welchem Umfange mit diesen Arbeiten begonnen wird.
66 065, 88 770, 91 224, 97 884, 100 450, 111 641.
124 192. 136 884, 142 510. 142 828. 150 496, 161 357,
170 645, 173 405, 173 630, 181 089, 185 546, 189114.
215 859. 223 208, 223 836, 233 514, 239 071,------
Zu Beginn der heutigen Verhandlung wird Polizeipräsident Dr. Hohenstein als Zeuge aufgerufen. „ .... ,
Vorher gibt der Angeklagte eine Erklärung ab: Ich habe mich in ben“ Besitz der Dienstvorschrift der Polizei gesetzt, gegen bereu Aushändigung Oberstleutnant Schulz Einspruch erhoben hat weil das die Jnieeressen des Landes Preußen gefährde. Da diese Dienstvorschrift im Buchhandel zu haben ist, also fein geheimzuhaltendes Dokument darstellt, richtige Angaben gemacht, was auch ein Licht auf die anderen Bekundigiingen der Zeugen wirft.
Im übrigen stellt Dr. Freister eine Reihe hat Oberstleutnant Schulz unter seinem Eide unweiterer Beweisanträge, die darauf hinauslausen, Widersprüche in den Aussagen des Schupokomman- deurs festzustellen. m
Der Oberstaatsanwalt hält diese Beweisführung für nicht erforderlich, da sie zu dem Beweisthema in keinem Zusammenhang stehen. _ •
Nach längerer Beratung verkündet das Gericht einen Beschluß, der den Anträgen des Angeklagten im allgemeinen Rechnung trägt. Danach sollen noch einmal als Zeugen vernommen werden: Oberstleutnant Schulz, Polizeimajor Kiel, Polizei- hauvtmgnn Acker und vier andere Polizeibeamte.
Nach Leistung des Eides äußert sich
Präsident Or. Hohenstein
Msammeichängend wie folgt: In den Wochen vor der Auflösung des Reichstages war die Ns TA. tm Rahmen der politischen Spannungen Gegenstand erhöhter Aufmerksamkeit der Staatsregie- rung Am 11. Juni wurde das Uniformverbot er« lassen, nachdem sowohl die Reichsregierung wie auch die preußische Staatsregierung hinreichendes Material züsammengestellt hatten.
Am 13. Juni erfahren wir, daß bte Kasseler Nationalsozialisten für die nächsten Tage eine „noch nie .dagewesene Versammlungsosfensive" planten, an bte sich noch „etwas besonderes anschließen" sollte. Diese Ankündigung war in reichlich mystischer yorm gehalten. Zugleich wurden Gegendemonstrationen ber Kommunisten bekannt, so baß bie Polizei für den 18. Juni mit einem besonderen Massenaufgebot von De- monchranien rechnen mußte. Die Sachlage wurde tm Polizeipräsidium mehrfach besprochen. Mit den Kommunisten wunde eine später auch eingehaltene Vereinbarung getroffen, wonach während der Demonstrationen Zusammenstöße und Reibungen mit den Nationalsozialisten vermieden wurden. Der Anschlag des „Mordbrennerplakats" verursachte in der Stadt eine große Erregung, die sich u. a. auch darin auswirkte, daß eine maßgebliche Persönlichkeit einer Rechtspartei von oer Polizei das Verbot dieser Plakate forderte. Am 17. Juni wurde dann weiter bekannt, daß das Reichsbanner ebenfalls eine Demonstration plane. „ ,, .
Bei den Erörterungen über die von der Polizei zu treffenden Maßnahmen wurde auch erwogen, das bis an die Grenzen einer Bedrohung gehende Plakat zu v e r 6 i e t e n. Davon, wier auch von einem V er- bot aller Versammlungen, für das Oberst- leutnasit Schulz eingetreten toar, wurde abgesehen. Dabei spielte auch bte Erfahrungstatsache eine Rolle, daß die Kasseler Bevölkerung nachweislich nicht zu Gewalttätigkeiten körperlicher Natur neige.
„Am Morgen des 18. Juni rief der Parteisekretär Freibhof von der Sozialdemokratischen Partei mich an und machte mir Mitteilungen über die unter der Arbeiterschaft herrschende Erregung. Herr Freudhof forderte ebenfalls das Terbot des Plakates. Anschließend an diese fernmündliche Unterhaltung fand bet mir nie Besprechung statt, in der ich dem Reichsbanner dringend nahelagte, von einer Temoftration abzuschen. Die Vertreter des Reichsbanners brachten bei mir ;um Ausdruck, daß sie angesichts der Erregung unter ihren Mitgliedern, die noch durch die Kommunisten geschürt werde, die Maßnahmen nicht unterlassen könnten.
Bei allem Verständnis für dir berechtigte Erregung unter dem Reichsbanner riet ich dennoch dringend von einer Demonstration ab. Nach dem Ergebnis dieser Besprechung mutzte ich annehmen, datz das Reichsbanner meinem Rat Folge leisten würde, zumal Herr Quer zuletzte schwieg.
Vors.: Er will aber doch nachher einem anderen Beamten gesagt haben, daß er nicht mehr abblasen könne?
. Zeuge: Das habe ist erst spater erfahren, aber es soll sich dabei mehr nur eine Beschwerde darüber gehandelt haben, daß ist Herrn Quer bei der Bc- ßprechirng zu scharf ungefaßt hätte.
Foktsahreng fagt ber Zeuge weiter aus: Alle Anordnungen an bie dem Oberstleutnant Schulz un- terstehende exekutive Zeugen bahin, baß unter allen Umständen Zusammenstöße unb Reibereien vermieden werden sollten. Am Wend des 18. Juli selbst habe ich mich im Polizeipräsidium anfgeholten und dort gegen 10 Uhr eine Meldung des Herrn OOberstleumant Schulz entgegengenommen, daß wahrscheinlich alles gut ablaufen würde. Ms dann bei meiner Anwesenheit im Kommando der Schutzpolizei ide Meldung von ber Schlägerei am Königsplatz einlief, fuhr ich sofort mit dem vom Polizeipräsidium abgehenden Wagen nach dort. Die Zusammenstöße, die sich blitzschnell abgespielt haben müssen, waren bei meinem Eiittressen bereits beendet. Wir nahmen zunächst an. daß es sich um im em,en unerhebliche Zusammenstöße handelte; erst später erfuhr ich, von ernsteren Charakter und ver- auiaHe irwnrt die nttwen^ioen Feststellungen.
Aus Befragen des Vorsitzenden erläuterte Polizeipräsident Dr. Hohenstein seine Aussage. Den Funkspruch wegen Nichtverfolgung bei Plakatabreißer am 18. Juni hat ber Präsibent erst später erfahren; er hat ihn nicht gebilligt, obwohl er für bie Einstellung bes Äommanbeurs burdjaus verstehe. Im übrigen sei ber Leiter ber Exekutive, Oberstleutnant Schulz, burchaus berechtigt gewesen, an Ort unb Stelle eigene Maßnahmen zu treffen, zumal er immer bie Auffassung vertreten habe, baß bie Taktik ber Nationalsozialisten am 18. Juni daraus hinausgegan- gen sei, bie Polizeikräfte zu zersplittern Wenn auch ber Polizeipräsident bie allgemeinen Richtlinien festlege, so sei damit keineswegs die Verantwortlichkeit des einzelnen Führers in der Exekutive ausgehoben.
(Die Vernehmung dauert an.)
kundgebmigen in der Versammlung kommen tonnte. Mit dem Kriminalkommissar war der Kriminalasst» stent Herbst in ber Versammlung anwesend. Aus sei- ner Sonnabenb morgen erstatteten Aussage ging bas gleiche hervor, wie aus ben Angaben bes Kommissars. Von einer „Verhaftung" bes Redners Franke konnte keine Rebe sein, man habe ihn lebiglich zur Feststellung seiner Personalien mit zum Polizeipräsidium genommen unb ihn sofort wieder entlassen. Trotz der Vernehmung zahlreicher Zeugen war es nicht möglich, ein einwandfreies Bild über ben Verlauf bet Versammlung zu gewinnen.
Die zweite Frage, bie Sonnabend morgen no^ einmal erörtert wurde, betraf die von Oberstleutnant Schulz am Vormittag des 18. Ium abgehaltene Offiziersbesprechung. Rach der Aussage des 3eugen Oberleutnant von Wedel habe der Kommandeur bei der Erläuterung der Maßnahmen gesagt. „Unsere Aktion richtet sich gegen die National- s o z i a l i st e n !" Diese Formulierung hat der Zeuge in gemilderter Form ben ihm unterstellten Mann- schäften weitergeaeben. Auf Antrag bes Oberstaats, anwalts würbe Oberstleutnant Schulz noch einmal befragt. Es ergab sich, baß bie Aeußerung wohl sinn- gemäß gefallen war, aber nur int Zusammenhang nut ben ganzen Maßnahmen bes 18. Zuni.
Dem Kind und das gute Such
$ur Ausstellung tm Rathaus
148 696. 155 658. 186 556, 197 952, 212 915, 214 445, 237 54$
284 720, 285 709, 288 498, 294 671, 304 580. 311498. 334 747
353 201, 353 484, 367 246, 385 486, 387 841. — 800 Mart:
3906. 4784. 7447, 8055, 33 181, 46 185, 48 551, 60 568, 122 967,
So klingen die Glocken des Totensonntags aus, und
___ bald hat uns der Alltag mit seinem Streiten Pine ernfte Stunde widmeten am Sonnabend die Hasten wieder ersaßt.
- - ' ----------<■ — ----- Wann werden uns einmal die Totenglocken
Wohin gehen wir am Dienstag?
StaatStbeater: „Die Affäre DreyfnS", 19.30 U6r.
Kleines Theater: „Herr und Frau So und So", 20 Uhr.
Stadivark: Tie weltberühmte Zauberschau Ramiro, Bei- vrogramm.
Ufa-Theater: Tonfilm „Leutnant warst du einst bei den Husaren?", Beiprogramm, Wochenschau.
Metropol-Theater: „Die Prättereiter" und „Der dumme Schaubnra-Lichtspiel«: „Das Geheimnis von Genf" und „Vogelfrei", Wochenschau, Lehrfllvr.
August des Zirkus Romanelli".
Landesbibliothek sFriedrichsvlotzi: Vortrag mit Lichtbildern „Ter Ursprung der Menschen", 20.15 Uhr.
Onkel Hermanns beste Stube: Tanzabend, 20 Uhr.
$ente, Montag:
Eoaug. Bereiusbans: Verband Kasseler Frauenvereine. Vortrag „Einzelpersonen und Gemeinschaft", Redner Mtnisterialrätin Dr. Bäumer-Berlin.
Metropol-Theater: „Oviumfchnnrggler von Montana" und „Man schenkt sich Rosen, wenn man verliebt ist".
gl. Das gute Buch hat feine Wohnung im großen Vorraum des Rathauses ausgeschlagen und grüßt uns weihnachtlich. Gewiß, es gibt viele tausende in unserer Stadt, denen kein Knecht Rupprecht den Gabentisch decken wird: Aber auch ihnen will das gute Buch etwas sagen, ist es doch berufen, als uneigennütziger Freund kostenlos in den vielen Lesehallen auch in die Trostlosigkeit arbeitsloser Tage Ablenkung, Unterhaltung und Wissen hineinzutragen.
Stadtrat Dr. Haarmann zeichnete klar den Nhythmus unseres Lebens, der heißt Tempo! Das Dilod er Strae gleicht darin dem Seelenleben des Menschen von heute. Doch dem gewaltsam vorwärtsdrängenden und zersplitternden Leben halten wir das Buch entgegen. Hal aber das Buch in der Unraft der Zeil noch einen Platz? Wir beantworten diese Frage mit „3 a“! Das Buch erscheint uns gerade heute als ein Heilmittel. Es führt uns von der Hebet» macht des Neueren zu den Quellen der persönlichen Kraft, bie in uns liegen. Es bänbigt die Zersplitterung unseres Wesens und zwingt uns Zn seelischer Konzentration. Es stellt der brutalen Massivität und Robustheit der äueren Reize seelische Feinheit uno Tiefe entgegen.
Unsere Zeit hat das gute Buch bitter nötig!
Und nun erst die Jugend! Wie erlebt unsere Jugend diese Zeit des Tempos, die Jugend, die ja nichi nur hineingerissen wiro in die Unruhe des Lebens, sondern die zudem von der Unruhe getrieben wird, die ihre Entwicklung begleitet?
Wir sind überzeugt, daß mehr als je für unsere Jugend das Buch ein Lebensfaktor ist von ausschlaggebender Bedeutung!
Warmherzige Worte fand dann Regierungsbe- zirks-Jugendpfleger Maurer über:
Jugend und Buch
Notzeit könne hier Segenszeit sein, wenn ihr Künstliches uno Gemachtes zum Opfer wird. Notzeit ist auch Besinnungszeit und lehrt uns im Buch wohl das einflußreichste Kulturgut erkennen. Wenn man das vergangene Jahrzehnt überblickt, mutz man erfreulicherweise von einem Vormarsch des guten Buches, besonders durch Solbsterziehung der buudischen Jugend sprechen.
Auch an die Erwachsenen wendet sich die Ausstellung.
Erst müssen die Menschen den Weg zum Buch finden, ehe das Buch zu den Menschen findet.
Gefährlich wäre Selbstenttäuschung. Sie rächt siÄ stets, besonders in dec Jugendarbeit. Der Kampf oe» guten Buches wird in sozialer Notzeit stets nur Stückwerk bleiben. Es wäre auch falsch, zu glauben. daß Charakterbildung nicht möglich sei, auch ohne das Buch — das wäre Bildungshochmut — und hundert tüchtige Landwirte, ohne Buch ausgewachsen, beweisen das Gegenteil. Aber für den Großteil der heutigen Jugend heiße die Frage nicht mehr, ob sie liest, sondern was sie lieft Darum diese Aufstellung, an deren Zustandekommen alle amtlichen uno privaten Kreise, Buchhandel und kul'urelle Vereinigungen beteiligt gewesen seien, sodaß Kassel wohl die