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Nummer 275*

Montag, 24. November 1930

20. Jahrgang

pilsudfki-Mehrheit im polnischen Senat

Beispielloser Wahlterror in Ostoberschlesien / Oie Deutschen verlieren acht Mandate tm Schlesischen Sejm / Brünings Verhandlungen mit den Parteien

Deutscher Protest in

xv

arfchau?

(Eigene Drahtmeldung.)

pariser Gkandalgeschichten

i (Eigener Drahtbericht).

Warfchau, 24. November.

Das bis 8 Uhr früh ermittelte Stimmenverhältnis läht daraus schlichen, daß der Pilsudski-Block auch bei den Senatswahlen die absolute Mehr­heit erhalten hat. Bon 111 Mandaten dürsten nach den vorläufigen Meldungen auf den Regierungsblock ungefähr 72 Sitze (1928: 48) entfallen. Die Deut­sche«, die im letzten Senat 5 Sitze hatten, davon einen von der Staatsliste, habe» nach den bisherigen Meldungen nur zwei Sitze, und Mar in den Wojewodschaften Posen und Schlesien, behaupten kön­nen. Zn den Wojewodschaften Pommerellen und Loitz sind die Deutschen unterlegen.

Nach dem am Morgen vorliegenden Ergebnis dürsten sich die Mandate voraussichtlich wie folgt verteile« (Zahlen von 1928):

Negierungsdlock 72 Mandate (48), Zentrolinke 15 Mandate (25), Nationaldemokratea 12 Mandate (9), Ehriftlich-Demokraten 2 Mandate (6), Deutscher Wahl­block 2 Mandate (5), Zionisten 1 Mandat (6), llkrain.- wechrufftscher Wahlblock 6 Mandate (13).

Die Wahlen zum Schlesischen Sejm

Die Deutsße« verlieren acht Mandate.

Kattowitz, 24. November.

Nach dem vorläufigen amtlichen Ergebnis der Wahle« zum S ch l e s i s ch e « S e j m verteilen sich die Stimme» wie folgt:

Regierungsblock 193 994 Stimmen (Sejm-Wahlen vcm Mai 1930: 102 762 Stimmen), 19 Mandate (bisher 10),

Korfanty-Partei 202 751 (30808), 19 Mandate (16). Deutsche Sozialisten 27 309 (25 517), 2 Mandate (1), Polnische Sozialisten 23 201 (52 653), 1 Mandat (4), Deutsche Wahlgemeiuschaft 72 823 (180 246). 7 Man­date (15).

Die Kommunisten haben ihre bisherige« 2 Mandate verloren.

Sechs Todesopfer des Terrors

Die Wahlergebnisse müssen selbstverständlich un­ter dem Gesichtspunkt betrachtet werden, daß der Mahlkampf wieder unter stärk st emTerror stand. Darüber liegen u. a. folgende Meldungen vor:

Kattowitz, 24. November. In Wilczek drangen Sonntag in den ersten Nachmittagsstunden acht bis zehn uniformierte Aufständische in sämtliche Wahllokale ein. um die deutschen Ver­trauensleute zu entfernen. Wer das Wahl­lokal nicht freiwillig verlassen wollte, wurde mit Knüppeln und Stöcken bearbeitet. Die Polizisten standen dabei, ohne dagegen einzuschreiten. Am Vor- uiittag wurden sämtliche deutschen Stimmzettelver- toiler ebenfalls mißhandelt.

Die Stimmabgabe wurde von interessierter auf­ständischer Seite überall stark überwacht. Nach den bisher vorliegenden Meldungen sind in der Nacht zum Sonntag und am Sonntag sechs Tote als Opfer des Wahlterrors zu verzeichnen. Die Streichungen von Minderheitenangehörige» aus den Wahllisten werden unter Zugrundelegung der von der polnischen Presse gcniachten Angaben auf minde­stens 1520 000 geschätzt. Daß der Wahlterror sich diesmal noch viel schlimmer ausgewirkt hat als bei den Waksten am vergangenen Sonntag, ergibt sich mis dem besonderen Rückgang der Stimmen über­haupt.

Calon-er greift ein

Kattowitz, 24. Novencher.

In Ho he »birken an der deutschen Grenze ibei Ratibor ist ein Trupp schwerbewaffneter polni­scher Aufständischer in sieben Wohnungen von deutschen Vertrauensleuten ei-ngebrochen, hat Vie Wohnungseinrichtungen zertrümmert, Fen- stersscheiben eingeschlagen und die Bewohner aufs schwerste mißhandelt. Tie deutsche Minderheit hat nun sowohl wegen des Wahlterrors wie wegen des Vorfalls in Hohenbirkcn eine Beschwerde an den Präsidenten der Gemischten Kommission, Calonder, eingereicht. Daraufhin hat sich Calonder zu einer außergewöhnlichen Maßnahme entschlossen; er hat sich am Sonnabend nach Hohenbirken begeben, um den Vorfall zu untersuchen, und er hat dazu auch den Präsidenten des deutschen Vo^sbuNdes Fürsten Pleß und den polnischen S'aaisvertreter bei der Ge­mischten Kommission um die Teilnahme an der Un­tersuchung ersucht.

Aeichskabinett nimmt Stellung

th. Berlin, 24. November.

Im Laufe des heutigen Tages wird in Berlin eine Reihe wichtiger politischer Verhandlungen stattfinden. In erster Linie wird der Kanzler heute die Unter­redungen mit den Vertretern der politischen Par­teien fortsetzen, um die Frage einer Mehrheits­

bildung im Parlament für die Verabschie­dung des Reformprogramms zu prüfen. Zunächst sol­len heute die Sozialdemokraten beim Kanzler er­scheinen, aber man nimmt an, daß sich daran in kurzer Folge auch noch weitere Unterredungen mit den Vertretern anderer Parteien anschließen werden.

Ferner wird heute eine wichtige Kabinetts­sitzung stattfinden, in der zwei bedeutsame Fragen zur Beantwortung stehen. Einmal wird sich die Reichsregierung mit dem Bericht des Konsuls Ilgen befassen, der als deutscher Reichs- und Staatsvertre­ter sich in Ostoberschlesien -von den Ueber­griffen überzeugt hat, die die Polen bei den letz­ten Wahlen gegenüber der deutschen Bevölkerung sich zuschulden kommen ließ. Bekanntlich hat sich auch Präsident Calonder an dieser Untersuchung beteiligt, und man nimmt an, daß das Reichskabinetr heute auf Grund des Berichtes des deutschen Konsuls die M ö g - lichkeit eines diplomatischen Protestes in Warschau prüfen wird.

Kann die Reichsbahn die preise senken?

Ferner wird sich das Reichskabinett mit der Frage beschäftigen, ob zur Zeit eine Senkung der Ta­rife der Reichsbahn in Frage kommt. Wünsche i« dieser Richtung find in letzter Zeit wiederholt in der Oeffentlichkeit vorgebracht worden und zwar un­ter anderem auch vom preußischen Handelsminister Dr. Schreiber. Man weist darauf hin, daß die Reichs­bahn durch die Kohlensenkung 20 Millionen und durch die Gehaltskürzungen der Beamten 100 Millionen spart. Diesen 120 Millionen stehen aber 700 Millio­nen Mindereinnahmen gegenüber dem Vorjahr ent­gegen, so daß sowohl die Reichsbahnverwaltung, wie auch das Reichsverkehrsministerium auf dem Stand­punkte stehe«, daß eine allgemeine Tarif-! fenkung, oder eine umfangreiche Ermäßigung der Frachten zur Zeit für die Reichsbahn nicht in Frage komme« kann.

Paris, 24. November.

Der Skandal wirst seine finanziellen, wirtschaftlichen und politischen Wellen. Dreimalhunderttausend Franzosen, in der großen Mehrzahl Kleinsparer, über die plötzlich das Speku­lationsfieber gekommen war, find um ihre Illusionen nebst einer Milliarde Franken ärmer. Wie in der Affäre Rochette von anno 1910, so ruft auch jetzt der gemeine Mann nach restloser Aufklärung, und der ge­riebene Politiker benützt die Gelegenheit, dem Geg­ner etwas am Zeuge zu flicken. Raoul Psret, Justizminister und Vizepräsident des Kabinetts Tar- dieu, ist als erstes Opfer gefallen. Ein hartes Schick­sal, wenn man bedenkt, daß in der französischen Kam­mer mehr als achtzig Advokaten sitzen, die wie er Rechtsbeistand von Bank- und sonstigen Finanzleuten sind, denen morgen genau das Gleiche passieren kann wie demPechvogel" Oustric. Es unterliegt auch gar keinem Zweifel, daß drei oder vier gewesene und ebensoviele gegenwärtige Exzellenzen in dem gegen­wärtigen Skandal nicht weniger kompromittiert er­scheinen als Psret, ohne daß sie dafür mehr denn ein paar unschuldige Spritzer abbekommen. Nachdem Andrs Tardieu, um das Ministerium zu retten, die übliche Verteidigungsrede gehalten hatte, rührte er eben keinen Finger mehr, den Justizminister zu hal­ten. Wenige Wochen erst sind es her, da galt Raoul Psret als die Seele der .Konzentration", die nur dann möglich war, wenn zuvor Tardieu gestürzt wurde. Der ehrgeizige Mann strebte anscheinend nach dem Kabinettsvorfitz als Sprungbrett zum Elysse, während Tardieu die höchste Würde der Republik längst seinem Vertrauten, dem sozialistischen Kammerpräsidenten Bouiffon, versprochen hat.

Pvrets Abgang ist einer jener Doppelschüsse, wie sie nur dem geschicktesten oder de« glücklichste« Politiker z« gelingen pflegen.

Denn so wurde der Einzug derErbtante" Chöron ins Kabinett ermöglicht, die Tardieu das bis jetzt.noch

immer fehlende, von ihm so heiß ersehnte Ver« trauen des Senats als kostbares Angebinde mitbringt.

Während so die politische« Ereignisse ihren Lauf nehmen, beschäftigt man sich angelegentlich mit der Persönlichkeit des vielgenannten Bankiers Oustric, die sicherlich als eine der merkwürdigsten unserer Zeit erscheint. Dte Oustrics sind typische französische Kleinbürger aus Toulouse, die seit Geschlechtern keinen höheren finanziellen Ehrgeiz kannten, als ihren klassischen Leinenstrumpf zu füllen; was ihnen im übrigen so wenig gelingen konnte, daß sie gezwungen waren, ihren letzten Sprößling, eben den Bankier Oustric, um das Jahr 1912 herum nach bestandener Reifeprü­fung als Weinreisenden unterzubringen. Der strebsame junge Mann verkaufte tagsüber Hautes- Sauternes und Graves, zog dann einen ersparten ta­dellosen Frack an und begab sich in einen mondänen Klub, wo die jeunesse doröe von Toulouse die elter­lichen Goldfüchse in Chips umwandelten. Nicht, daß der Jüngling selber gespielt hätte: dazu war er nicht reich genug. Sondern er machte sich auf allerlei Weise nützlich, notierte die Summen, verteilte die Chips und erlernte nebenbei die Technik des Hazards und ganz besonders die des Bluffs, worin er es späterhin zur unerreichten Meisterschaft brachte. Während des Krieges machte er irgendwo die Bekanntschaft eines Glücksritters, der ihm" ein paar hunderttausend Fran­ken vorschoß:

In der. Rue Auber wurde eine winzige Bank er­öffnet, die Börsengeschäfte dritter Ordnung machte.

Um gegen die Pariser Finanzriesen aufzukommen, be­darf es nicht Millionen, sondern geradezu Milliar­den von Franken. Sonst wird man von ihnen, wie die Präsidentin Marthe Hanau, ohne Gnade zer­malmt. Das wußte der junge Oustric, und deshalb hielt er nach einem Krösus Ausschau, der zugleich bereit war, die erste Milliarde herzugeben. Wenige Jahre nach dem Kriegsschluß war dieser Mann ge­funden: ein Italiener namens Gualino, der in Oustric ein unbegrenztes Vertrauen setzte. Der Bankier schmiedete nunmehr die hochfliegendsten Pläne, arbeitete aber doch zunächst voller Vorsicht. So gelang es ihm, im Verein mit der Banque de France das wankende Riesenunternehmen Marschal zu sa­nieren, und von diesem Augenblicke an schien er nicht die geringste Gefahr mehr zu laufen. Er besaß den

Was geht in Rußland vor?

Oie Tagung des Jentralexekutivkomitös verschoben / Sechs hohe Militärs abgefeht

Moskau, 24. November.

Die Spannung in Moskau steigt. Wenige Tage, nachdem das dreizehnte Jubiläum des Sowjetregimes festlich begangen wurde, hat die Unsicherheit unter den Regierenden, fyat die Erregung weiter BeoMerungs- kreise einen Umfang angenommen, die an die Revo­lutionszeit lebhaft erinnern. Wilde Gerüchte jagen einander. Hinter den grauen Kremlmauern herrscht reges Leben. Der Diktator ist an der Arbeit, um die Gefahren zu bannen. Der Kriegskommissar Woroschi­low wird wiederholt von Stalin in Audienz empfan­gen. Die gespannten Beziehungen zwischen den beiden Mannern, ihre Rivalität, sind bekannt. Heute gilt es aber für den Parteiführer, alle verfügbaren Kräfte für den Kampf um die Macht zu mobilisieren. Tele­phon und Telegraph funktionieren schlecht und so drin­gen ins Ausland nur kurze, abgerissen« Meldungen oder nichtssagende Dementis.

Zunächst die Tatsachen: Die Tagung des Zen­tra lexekutivkomitees, die für den 12. De­zember anberaumt war, ist auf den 23. Dezember ver­schoben worden. Und weiter:

Bier Armeekorpskommandeure werden plötzlich abgesetzt, die Chefs des Erfatzamts und des Berwaltungsamts werden ihrer Posten enthoben. Die amtliche Mitteilung schweigt sich über das Schick­sal der sechs hohen Sowjetmilitärs völlig aus. Man hört, daß sie auf Befehl Stalins verhaftet worden sind. Weiter: Seit einigen Tagen sind die Namen Ea- marnik, Eide mann und Degijarew als ver­antwortliche Redakteure des Zentralblatts der Roten Armee .^rasnaja Swesda" aus den Spalten des Blattes verschwunden; als verantwortlicher Re­dakteur zeichnet ein bisher völlig unbekannter Herr Santa. Gamarnik ist Leiter desPIM", der Verwal­tung für politische Aufklärung der Armee, derjenigen Behörde, die über den Sowietgeist im Sowjetbeer zu wachen hat, Eidemann ist Chef der Kriegsakademie, die dieroten Offiziere", die kommunistischen Kom­mandeure der Roten Armee, ausbildet. Degtjarew die rechte Hand Eamarniks. Gerade diejenigen Mili­tärchefs. ire für dieStimmung" unter Offizieren und Mannschaften zu sorgen haben, das Auge und Ohr der Partei im Heer, haben sich also als unzuverläsflg er­wiesen. Am 15. November, einem Sonnabend, evlbeint i« ArmeeblattKrasnaja Swesda" eine

lakonische Mitteilung: die Sonntagsnuwmer des Blattes falle aus, die nächste Nummer erscheine erst am Montag. Was ist an diesem Wochenende vor sich gegangen? Was ist aus den unzuverlässigen Leitern der Heerespolitik geworden? Wo befindet sich derkrankheitshalber" beurlaubte Rykow, wo ist Syrzow, der abgesetzte Vorsitzende des Rates der Volkskommissare der RSFSR, der die Bereinigten Oppositionen von Rechts und Links in den Kampf gegen Stalin geführt hat? Es wird erzählt, daß Syrzow ins Ausland gegangen ist, andere sagen wiederum, er, Rykow, Bucharin, Tomski, befänden sich in Schutzhaft der GPU.

Der Winter naht. Die sibirische Kältewelle soll Zentralrußland, soll Moskau talb erreichen. Le­bensmittel werden immer knapper, Brenn­holz ist rationiert, vielfach überhaupt nicht erhältlich Die neue Arbeiterpolitik der Sowjetregierung mit ihrem verschärften Druck auf die Arbeiterschaft, mit der von ihr eingeführten Zwangsarbeit ruft ,sogar im Kreml starke Meinungsverschiedenheiten^ hervor. Wieder hört man von Mortanschlägen von Bauern auf Sowjet- und Parteifunktionäre.

Erst vor wenigen Wochen las man in der Sowjet­presse lebhafte Klagen über die stark nachlassende Diszi­plin in der Roten Armee und sogar in der Roten Flotte, nach einem Wort von ehedem tarnStolz und Schmuck der Revolution". Die Presse führte dies auf die Wühlarbeit sowjetfeindlicher Elemente zurück.Der Bauer klopft an die Kasernentore", hieß es damals. Ist dieses Klopfen nunmehr von den roten Soldaten erhört worden, haben sich die Kasernentore geöffnet?

Der Diktator nimmt Massenverhaftungen und Haussuchungen im ganzen Lande vor. In den Wohnungen der Petroffenen werden sogar die Wände aufgerissen, um nach dort angeblich verborgenen Geheimdokumenten oder Juwele« zu suchen. Massen­prozesse gegenSchädlinge" stehen bevor. Bestellte Entschließungen von Arbeiterversammlungen und Patteizellen fordern Tag f Lr Tag Todessttafe für dieGegenrevolutionäre". Die Spannung in Moskau steigt. Der Kampf um die Macht ist mit einer seit den ersten Jahren des Regimes nicht tageweftnen Heftig­keit entbrannt.

offiziell anerkannten Zauberstab, der alles, was et berührte, zu Gold verwandelte. Er kaufte alles, was es überhaupt zu kaufen gab. Er beschloß, König der französischen Schuhindustrie zu wer­den; er erwarb zu Phantasiepreisen die Aktienmehr­heit verschiedener Gesellschaften. Dann wollte er sei­nen jungen Ruhm mit dem Nimbus einer vornehmen, alteingesessenen Bank umgeben, die ehrwürdiger war als die Bank von Frankreich selber, und er kaufte die Bank Adam. Jetzt stand er auf der Höhe seiner Macht: der Name Oustric allein wirkte an der Börte wie ein starker elektrischer Funke, und

die junge« franzöfische«Realisten" vom Schlage Tardiens erblickte« i« ihm eine glückliche Ver­schmelzung der amerikanischen Unternehmungslust mit gallischem Elan.

Oustrie wurde zum Prototyp desneuen Fran­zosen", zum Vertreter eines Geschlechts, das den Sieg in den Adern hatte, wie das nach 1870 die Nieder­lage. Gewaltige Holdings schossen unter der Flagge Oustrics wie Pilze aus der Erde, und das breite Börsenpublikum riß sich um Papiere, die neben ihrem gesicherten materiellen einen noch viel höheren mora­lischen Wert zu besitzen schienen. Oustriec war der tärffte Ausdruck einer Politik, die wie oie alte mili­tärische Schule Frankreichs ganz auf Offensive eingestellt war; und es ist bezeichnend genug, daß nach seinem Falle der vorsichtige Cheron, wenn nicht ins Finanzministerium, so doch in den Ven- dömepalast einzieht.

Wie aber war unter solche» Umständen eine Katastrophe möglich?

Zunächst: Der Milliardär Gualino zog seine Milliarde» aus dem Unternehme» zurück. Warum, und durch welche geheimen Einflüsse? Man be­hauptet, Mussolini habe dabei die Hand im Spiele gehabt, um so auf die französische Politik einen Druck auszuüben. Erwiesen ist dies nicht, und es mag viele eher sein, daß Gualino um seine Gelder besorgt war. In gewissen politischen Kreise» flüsterte man sich zu, daß mit Hilfe der Oustricschen Kapita­lien im Mai 1932 Konzentrationswahlen veranstaltet würden, und daß Tardieu von diesen Plänen unter­richtet sei. Jedenfalls ließ sich ganz überraschender­weise die Bank von Frankreich dazu herbei, vor wenigen Monaten, als bereits die Wasser von »üen Seiten in das leckgewordene Schiff eindrangeu.