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Kasseler Sport-Zeitung

Kasseler Neueste Nachrichten / Donnerstag, den 23. Oktober 1930

Boxer im Training

Gin Besuch bei der Box-Abteilung des Reichsbahn-Tum- und Sportvereins Kassel

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Die erste KamvfmannfLaft der Box-Abteilung des Reichs babn-Turn- und Sportvereins Kastel. Bon links: Trainer H. M a r ck s, Schers, Drestelt (2. deutscher Mei ster im Federgewicht, D. A. S.‘ V.i, Burbenn, Becker. Lübbert, Gümvel, Schmidt.

Amtliche Aachrichtra

Gau Kassel (W S V.)

Folgende Spiele finden am kommenden Sonntag nicht statt: Warburg I. — V. f. R. Kastel I„ Kurbeffeu V. — Niederzwehren III, Melsungen II. — V. f. R. Kastel II., Hermannta II. — Spielverein II., Ostendorf I. — Immenhausen II. — Immenhausen bat am kounnen- den Sonntag mit zwei Mannschaften in Volkmarsen zu spielen. Das Spiel Sportclub iß III. — Beisesörlh l. wird aus den 9. 11. 30 verlegt. Alle bis seht eingesandten Eingaben, die noch nicht beantwortet sind, werden in der G a u v o r st a n d S s i b u n g am 1. 11. 30 erledigt. Der Sportverein Teutonia Ossendorf wird wegen Spiel- a b b r u ch von sämtlichen Spielen ausgeschlosten. Berhand- lnngstag 1. 11. 30. Der Sportverein Herrn annia wird gebeten, mir nähere Angaben zu dem Schreiben vom 15. 10. 30 zu machen. Eingabe Homberg: Die Gestellung von einem Schiedsrichter zu zwei Spielen ist nicht statthaft. Svielberechtigung: Die für obere Mannschaften gemeldeten Spieler wüsten umgemeldei werden. Spieler einer u n t« re n Mannschaft, die sich dreimal in einer höhe­ren Mannschaft beteiligt haben, werden der nächst höheren Mannschaft zugeteilt. Beabstchtigi ein Verein, einen solchen Spieler wieder seiner früheren Mannschaft zuzuteilen, so mutz der betr. Spieler dr e i Sonntage aussetzen, ohne datz eine Ummeldung beim Gau ersordcrlich ist. Ummel- dungen sind nach Schluh der ersten Serie nicht mehr ge­stattet. Bei der Eingabe Naumburg fehlt der Schieds- richterbericht. N. wird gebeten, den Schiedsrichter zur Ein­sendung des Berichtes aufzuforbern.

Karl Uhl, Kastel, Treysaerftrahe 4.

Kunflturnwettkanlpf

Magdebvrg-Kaffel-Hiwesheim

A« Sonntag, den 26. Oktober findet im Hildeshei­mer Sladtldcater ein Manusckastswcttkamvf im Kunsttur­nen zwischen den Vereinen Mio. von 1848-Maade» b « ra, Aelt. Kasseler T»rngeme>nde und Mio. von 1848»Hildesheim statt. Fede Mannschaft stellt sechs Turner, die je eine selbstgewählte Uebung am Reck, Barren und Pserd, sowie einen Pserdläugsspruag auszu- führen habe«. Antzerdem wüsten drei Turner jeder Mann­schaft eine üürfreiübnng turnen. Es sind sehr gute Leistungen zu erwarten und die Endergebniste werden recht kuavv ausfalle«.

Die Aelt. S ass eiet Turugewelade entse«det folgende bew-ihrie Mannschaft nach Hildesheim 1.: Hum­boldt, 20 Jahre, 2 Gutmann, 21 Jahre, 3. Ben­ters, 18 Jahre, 4. Börner, 26 Jahre, 5. Gergs, 21 Jahre, 6. Kehrer, 22 Jahre. 7. Zllch, 20 Jahre. Ersatz­mann. Durchschnittsalter 21 Jahre. Hildesheim und Mag­deburg sind sehr starke Mannschaften, aber wir hoffe«, datz unsere Vertreter ehrenvoll abschneide«.

Fraueuwettsechte« in Göttingen.

Zur Austragung der Oberstufe der Fechterinnen bei 7. K reifes am 26. Oktober in Güttingen haben gemeldet: Easseler Turngemeinde S Fechterinnen, darunter die vorjährige Kreismeisterin Frau Lengemann, Tur­nerbund Kassel 188 8, 2 Fechterinnen, Turnge­meinde Göttingen 1848 3 Fechterinnen.

Gemeinsame Schwimm-Meisterschaften ?

Nachdem sich Deutsche Turnerschast und Deut­sche Svortbebörde vor kurzem auf die gemeinsame Austragung der Meisterschaften in der 8 e i ch t a t h le t ik geeiniat haben, besteht natürlich seilens der Oeftentlichkeit auch der Wunsch nach einer gleichen Einigung für die Meisterschaften im Schwimmen. Die Deutsche Turnerschast hat zwar in ihrer neulichen Kreiswarte- sitzung bereits Termin und Ort 122./23. August in Hal­berstadts festgelegt, aber das wäre an und für sich kein Hinderungsgrund, denn noch sind ja keinerlei Borbereftun- gen für die Durchführung getroffen. Jedenfalls wird stck aller Boraussttht nach die Arbeitsgemeinschaft DT — DSB schon in der nächsten Sitzung mit der Frage der gemein­samen Austragung der Schwimm-Meisterschafte« beschäftige».

Leichtathletik

Deutschland — England in Berlin.

Aus der Jahrestag»«« der Englische« Amatenr-AtbletS» Astoeiatie im Elubbaus der Bolutcchuic Harriets wntde« u. a. auch drei Läuderkämpfe «euebmigt und zwar «egen Deutschland i« Berliu, gege« Frankreich in Paris nnd gegen Italien am 22. August in Stamford Bridge. Der Rückkampf mit Italien soll dann im Jahre 1933 steigen. Am Dreiländerkampf England—Irland—Schottland soll in Zu» kaust nickt mehr teilgenommc« werden.

Kegeln

„Sportgeist"' Verbandsklubmeister auf Asphalt. 1

Der mit Spannung erwartete Kampf um die Verbands» klubmeisterschaft auf Asphalt endete mit einem Siege vom Klub „Sv orig ei st'. der „Falke' mit 36 Holz schlage« konnte. Die Resultate:

„S vorig eist: Bauet 553, Leeber 536, Stantke 534, Steinwachs 527, Zöllner 516, Blume 468 — 3134 Holz.

„8 alte': Strich 546, Gruber 544, Brand 617, Wicke 506, Maurer 497, Mendel 488 --- 3098 Hol,.

In der A-Klaste aus Schere trafen sich die Mannschaften von ..Belvedere' und „Südend'. Belvedere konnte diese« Kamps mit 158 Holz Vorsprung für stch entscheiden.

„Belvedere": Pott 693, Rohde 675, Eckhardt 667, Harenkamp 645, Koch 640, Feldner 612 — 3932 Solz.

„Süden d': Maysarth (65 Jahres 680, Habmann (37 Jahre) 674, Kämpf (63 Jahre) 611, Riede (69 Jahre) 610, Tölle (51 Jahre) 608, Schiebe (74 Jahre) 591 = 8774 Hotz.

H. Sp. Kassel, 23. Oktober.

Der Reichsbahn-Tum- und Sportverein Kassel besitzt schon fett längerer Zeft in unmittelbarer Nähe des Hauvt- bahnhoses auf dem Gelände eines früheren Lokomoliv- Schuvvens eine Turnhalle, die wohl mit zu den besten Hallen Kassels gehört. Während der ganzen Woche ist diese mustergültig eingerichtete Turnhalle — die zwei U m k lei­de r ä u m e , eint« Geräteraum sowie als besondere Annehmlichkeit eine vorzügliche Babeeinrichtung be­sitzt — von den vielen Abteilungen des Reichsbahn- Tum- und Sportvereins belegt. Besonders zweckmäßig ist der aus Tors und einer desinfizierenden Salzmischung Le­bestehende Bodenbelag der Halle, der 1%—2 Meter tief aus­liegt und zum Training sehr gut geeignet ist. Datz der Reichsbahn-Turn- und Sportverein neben anderen sehr gut «leiteten Abteilungen

««ch eine vorzügliche Borabteilung besitzt.

dürfte bekannt fein, und einem Trainingsabend dieser Abteilung galt kürzlich unser Besuch. Unter Anlei­tung ihres bekannten Trainers Herbert M a r ck s wird zweimal in der Woche (Montag und Sonnabend) hart trainiert. Gerade dieses harte Training ist nach An­sicht von H. Marcks die Grundlage für einen tüchti­gen Amateurboxer, da ja nur dadurch die Eignung für Len Kampf im Ring unter Beweis gestellt werden kau«. Ge­nau nach der Zeit wird an allen Geräten (Sandfack, Doppelend- und Plattformball) geübt. Diese Schlaggeräte sollen bet Einübung der Stöße und Schläge den Partner ersetzen. Der Sandsack härtet die Faust Doppelend- und Punchingball schärfen Las Auge und lernen richtig distan­zieren.

Berufs-Kußball in Güd-euifchland?

Rebe« federnder Bejuarbelt braucht der Borer vor allem Luft. Luft und nochmals Luft.

Hier ist das Sprung?eil ein ausgezeichneter Helfer. Die Sprünge sind bei dauernder Schwervunkts-Berleaung Spann- u. Lockerungsübungen. Schattenkämvse sind sehr geeignet, Stötze, Schläge und Deckungen einzuübeu. Schließlich werden auch einige Runden absolviert, wobei der Trainer selbst mikkämpft. oder den jeweiligen Geg­nern Anweisungen gibt richtige Berteidigungs - und Schlagtechnik zeigt. Gymnastische Uebungen werden selbstverständlich nicht vergessen und dann können sich die Teilnehmer im Baderaum von den Anstrengungen wie­der erholen und frisch machen. Zur Seit verfügt die Box-Abteilung des Reichsbahn-Tum- und Sport­vereins über einige sehr gute Kämpfer und hat — was wohl mindestens ebenso wichtig ist — noch beachtenswerten Nachwuchs in ihren Reihen, der bei entsprechender An­leitung zweifellos noch manchen guten Kämpfer abgeben wird. Und was besonders erfreulich ist: K a m e r ad- sch afts seist herrscht unter den Boxern der Reichsbahn und bei weiterem intensiven und regelmäßigen Training werden die Erfolge bestimmt nicht ausbleiben.

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Clubkämpfe um die Kasseler Vereins-Meisterschaft im Boxen?

Zur weiteren Belebung des Boxsports in Kassel würden nach unserer Meinung Klubkärnvse um die Kasseler Vereins-Meisterschaft zwischen den Vereinen Kasseler Sportelub 03, Reichsbahn- und Kur­tz e s s e n zweifellos wesentlich beitragen. Gerade solche lokalen Kämpfe haben außerordentliche Zugkraft!

Die Vorgänge in W e st ü e u t s ch l a n d, die mit der Gründung des „wllden" Berussfvieler-Berbandes ein be­drohliches Format angenommen haben, sind in S Ü d - deutschland von alarmierender Wirkung aemefen. Eine Anzahl der größten süddeutichen Vereine ist dabin überein gekommen, am Samstagabend in Würzburg eine Be­sprechung abzubalten. in der die Marschroute für die nächste Zukunft sestgelegt werden soll. Wir erfabren, datz man in diesen großen Vereinen nicht gewillt ist, das Schicksal der westdeutschen Clubs zu teilen, die sich die Entwicklung der Dinge aus der Hand nehmen ließen. Man war in diesen süddeutschen Grotzvereinen gewillt, strikte an den Dresdener Beschlüssen festzubalten, weil man das Experiment einer Einführung des Berufsspielertums zur Zeit als zu gefähr­lich erachtete. Da aber das Aufkommen einer „wilden' Be­rufsspielerbewegung unbedingt als das größere Uebel an- znsehen ist, ist eine Anzahl von süddeutschen Grob-Vereinen gewillt, vorbeugende Maßnahmen zu ergreifen.

Das beißt, man will selbst ihre Einrichtung von Profi-Abteilungen vorbereiten.

Selbstverständlich sollen diese Profi-Abteilungen den be­reits bestehenden Vereinen angegliedert und unter deren Aufsicht bleiben. Schleunigstes Handeln der süddeutschen Großvereine ist umso dringlicher geboten, als auch schon in Siiddeiitschland die Werber des neuen Profi-Verbandes am Werk sind und bei manchen Spielern und anderen Elemen­ten Entgegenkommen finden.

Berufs-Fußball überall.

Die Profi-Futzballbewegung scheint tatsäch­lich im ganzen Reich auf dein Marsche zu sein. Aus zuver­lässiger Quelle wird uns gemeldet, daß am Dienstagaben auch i ii Leipzig ein Prosi-Futzballverband gegründe worden fein soll. Auch in der Reichstzauvlstadt scheint man trotz der Amnestie-Ankündigung durch den Deutschen Fuß­

ball-Bund dem Profitum geneigt zu fein, denn durch eitte in einer Berliner Zeitung erschienene Anzeige werden In­teressenten für Berufsspieler-Mannschaften gesucht.

Schalke enbgültig bei Leu Profis.

Die Lisgualifizierten Spieler des FC 04 Schalke, die ht den letzten Wochen unter dem Namen „Des Westens Mei­ster' einige Spiele austrugen, hielten am Dienstagabend in Gelsenkirchen eine Sitzung ab, in der beschlossen wurde, sich der neuen Profi-Bewegung anzuschließen. Der am 1L Oktober mit dem Stammverein abgeschlossene Vertrag ver­liert damit feine Gültigkeit.

Neue Absage für die Nationalelf.

Nachdem bereits die beiden Frankfurter Verteidiger Schütz und Stubb eine Absage für die Nationalmannschaft erteilen mutzten, die am 2. November in Breslau gegen Norwegen spielt, ist jetzt auch die Absage von Hergert- Pirmasens eingetroffen. Im übrigen besteht die Aussicht, datz wenigstens einer der beiden Frankfurter Verteidiger spielen wird.

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Spielt Heini Weber gegen Norwegen?

Wie wir ans zuverlässiger Quelle erfahre«, besieht die Möglichkeit, daß der internationale Verteidiger Heini Weber-Kassel ans Grnnd seiner gnten Leistungen ge­gen Oft Holland am letzten Sonntag am 2. November gegen Norwegen in Breslau spielen wird. In die­sem Falle würde einer der Frankfurter Eintracht-Verteidiger der Partner Webers fei«.

DerFallSteegener

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Kriminalroman von Roy Roberts

Ich ging jetzt auf mein Zimmer und versagte folgende Notiz:

■ „Mystischer Todesfall im Eisenbahnzug. Ms der Zug aus Oslo heute morgen in Helsingborg einlief, entdeekte der kontrollierende Zollbeamte, daß in einem der Schlafwagen ein lunger Mann lag der anschei­nend tot war. Die Polizei in Kopenhagen, die sofort benachrichtigt wurde, erschien bei seiner Ankunft aus dem Hauptbahnhof.

Die ärztliche Untersuchung ergab, daß der Passa­gier schon mehrere Stunden tot sein mußte. Bei der Durchsicht seiner Papiere wurde er als ein Provisor aus Oslo identifiziert. Eine bestimm-e Todesursache tonnte nicht feswestellt werden, auch waren keinerlei Anzeichen vorhanden, die auf Verbrechen oder Selbst­mord schließen lassen. Die Kopenhagener Polizei hat stch mit den Behörden in Oslo in Verbindung ge­setzt.'

Mit dieser Notiz in der Tasche verließ ich eilenden Laufes das Hotel und fuhr per Auto nach dem Poli­zeipräsidium.

Es war gar nicht so leicht, dem Inspektor die Sache klarzumachen Wir mutzten erst den Ches der Kriminalabteilung verständigen, der auch gleich da­mit einverstanden war und "dem Inspektor auf trug, soso« den Oberarzt im Krankenhaus einzuweihen Dann wurde meine Notiz durch einen Eilboten in die Redaktionen geschickt.

Ms ich sechs Stunden später bei Vivek zu Mit­tag atz, konnte ich tatsächlich tn den Abendzeitungen die Mitteilung über Otto Steegeners Tod lesen. Und während das zeitunglesende Publikum das sen­sationelle Ereignis im Osloer Zuge erfuhr, fing der „Tote' an langsam zum Leben zurückzukehren . . .

Als ich mich am nächsten Tage im Krankenhause einfand, konnte mir der Arzt schon erzählen, datz setn Patient seit gestern sichtbare Zeichen einer beginnen­den Besserung aufwies Die Atmung war tiefer und regelmäßiger geworden, der Puls kräftiger, und heute vormittag war es sogar geglückt, ihm etwas flügge Nahrung einzufloßeit. Doch war die Schwäche noch so überwiegend, daß an Sprechen vorläufig nicht zu denken war.

Eine halbe Stunde später war ich wieder im Polizeipräsidium und traf tm Korridor den Krintt- nalchef in höchsteigener Person Er erzählte ttir gleich, daß der Inhalt des Glases ans dem Coupe ganz beträchtliche Mengen Kokain aufwies, daß man aber weder im Gepäck noch in den Kleidern des Pro­visors irgend etwas gefunden hatte, was daraus deu­ten konnte, datz er das Gift selber mitgefüHrt hatte Kie Briestasche enthielt ungefähr 3000 Kronen in

norwegischen Scheinen aber nichts, was seine Reise nach Dänemark motivieren konnte.

Auf meinem Wege zum Hotel dachte ich ange­strengt darüber nach, wie ich mich in den nächsten Tagen verhalten sollte. Meine Zeit und meine Mit­tel erlaubten mir in keiner Weise, auf unbestimmte Zeit in Kopenhagen zu bleiben. Ich beschloß also, meinen Aufenthalt hier abzubrechen und die endgül­tige Lösung des Falles der hiesigen Polizei zu übe- laffeit

Im Hotelkiosk kaufte ich mir die soeben ange- toininciien Abendzeitungen aus Oslo und setzte mich in die Halle, um sie in aller Ruhe durchzulesen. Schon auf der ersten Seite sand ich folgende Notiz:

„Plötzlicher Todesfall im Eisenbahnzuge. Wir erfahren aus Kopenhagen, daß bei der Ankunft des Nachtzugcs aus Oslo in einem Coup« zweiter Klasse ein Reisender tot ausgesunden wurde. Der hinzu- gerufene Arzt konnte keine bestimmte Todesursache feststellen. Der Tote soll ein Provisor aus Oslo sein.'

Ich ließ die Zeitungen liegen und ging nach dem Hotelbureau, um ein Eilgespräch mit Oslo anzu­melden.

Tas Resultat meiner nunmehrigen Unterredung mit Borgen war, daß ich noch an demselben Abend am Hauptbahnhof meinen Schlafwagen bestieg, der mich nach Norwegen zurückbrachte.

Eine Stunde vor meiner Abreise hatte ich noch einmal im Krankenhause angerufen und zu wincit be­kommen, daß Sieegener bei vollem Bewußtsein war und datz man seinen Zustand jetzt als außerhalb jeder Gesahr ansehen konnte.

XXXIII.

Ich hatte eigentlich erwartet, daß Borgen mich am Bahnhos in Empfang nehmen würde. Aber zu meiner großen Enttäuschung mußte ich auf das per­sönliche Erscheinen der honen Obrigkeit verzichwn. meine Tätigkeit wurde offenbar an höchster Stelle nicht als wichtig genug angesehen, um mir eine solche Ehre zuteil werden zu lassen.

Ich nahm mir also einen Wagen und fuhr direkt zur Polizei. ■

In der Wachtstube wurde mit der Bescheid, daß Borgen eine Konferenz hätte. Ich bat einen Beamten, ihm meine Ankunft sofort durch das Haustelephon mitzuieilen.

Nach einigen Minuten kam er zurück: ,^Jch soll Herrn Roberts bitten, gleich zum Herrn Inspektor zu kommen. Der Herr Inspektor läßt sagen, daß er sehr überrascht wäre, Herrn Roberts schon aus Hösbjör zurück zu wissen.'

Aus Hösbjör zurück? Ich verstand kein Wo« . , .

Ms ich aber die Tür zu Borgens Amtszimmer öffnete, wurde mir augenblicklich der Sinn seiner Worte klar, denn das erste, was ich sah, war der Rechtsanwalt Berling, der meinem Freunde gegen» Übersatz.

Beide erhoben sich bei meinem Eintritt.

„Schon zurück von der Reise, lieber Freund?' rief Borgen und streckte mir freudig die Hand entgeo.a. „Hast du schon genug von deinem ländl chen Idyll? Ich will Ihnen was sagen, Herr Berling, mein Freund Roberts ist sehr unbeständig, er muß alle Augenblicke ein anderes Gefilde aussuchen, um seine Feder in Gang halten zu können!'

Der Rechtsanwalt lächelte verständnisvoll.

„Die Herren Dichter haben immer ihre eigenen Methoden!' sagte er.

,3a', fiel ich ein, „ich war wieder einmal völlig ausgepunipt und muß nun tm pulsierenden Getriebe der Großstadt neue Eindrücke sammeln!'

Borgen lud mich zum Sitzen ein und schob mir fein Zigarettenetui hin.

„Traurige Sache mit Sieegener, Rov!' sagte er trocken und warf mir einen warnenden Blick zu.

„Sieegener?' wiederholte ich.

„Herr Roberts bat vermutlich die große Neuig­keit noch gar nicht erfahren?' fagte Berling und nickte Borgen zu.

„Weißt du noch nicht, daß der Prpvifor Sieegener tot ist?' fragte biefer; du hast doch sicher unterwegs die Zeitungen gelesen?'

„Warte mal . . .' Ich tat, als ob ich angestrengt nachdachte; „das ist doch nicht etwa der geheimnisvolle Tote, von dem alle Blätter schreiben?'

„Jawohl!' antwortete Borgen, „der junge Mann ist im Zuge nach Kopenhagen seltsamerweise ge­storben!'

„Und woran?'

Borgen antwortete nicht gleich, dann warf er dem Rechtsanwalt einen fragenden Blick zu und fuhr fort: „Wir dürfen wohl Herrn Robert alles erzählen, Herr Rechtsanwalt?'

Dieser nickte.

„Du kannst mir glauben, Roh', Borgen dämpfte die Stimme, hier 4ft seit deiner Abreise allerlei passiert! Unter anderem ist der geheimnisvolle Fall Steegener auf eine sonderbare Art aufgeklärt wor­den! Der Provifor Otto Steegener bat sich mit Kokain vergiftet, aber ehe er den Zug bestieg, bat er einen Brief an Herrn Berling geschrieben, der uns über alles Aufschluß gibt was wir vordem nicht geahnt haben. Herr Berling hat den Brief gestern bekommen und bat ihn mir heute gleich gebracht. Hier ist er...'

Er öffnete die SchreibZschschublade und reichte mir zwei Bogen im Quartformat. Der Inhalt war mit der Maschine geschrieben und lautete folgender­maßen:

„Lieber He« Rechtsanwalt!

Sie haben mir m der letzten Zeit so viel Freund­

lichkeit erwiesen, daß ich Ihnen diesen Bries schuldig bin. Machen Sie den Gebrauch davon, den Sie für richtig halten.

Ich bin ein unglücklicher Mann, Herr Berling, bin es feit Jahren gewesen, aber jetzt ist das Matz voll. Menschen wie ich sind unnütze Schötzlinge am Baume des Lebens; sie richten nur Schaden an und müssen deshalb ausgerottet werden.

Meine Arbeit hat mich nie interessiert und mir niemals auch nur einen glücklichen Tag im Leben verschafft. Geld und nochmals Geld ist jederzeit mein einziges Streben gewesen, und um es zu er­langen, habe ich oft die unehrenhaftesten Mittel ange­wandt.

Ich schulde Ihnen viel Geld, He« Berling, und sah keinen Ausweg, es jemals zurückzahlen zu kön­nen. Auch meiner Fabrik war ich Geld schuldig, viel Geld . . .

Ich erinnere Sie nun an jenen schicksalsschweren Abend in Rud, als Sie mir versprachen, bei meinem Onkel ein gutes Wort für mich einlegen zu wollen.

Ich will Ihnen genau erzählen, was an diesem Abend weiter geschah. Als ich zurückkam und wieder das Zimmer betrat, in dem vor einigen Stunden alle hitzigen Worte gefallen waren, sah ich. daß der Mte ausgegangen war.

Ich ging ohne weiteres an den Schreibtisch, sand die Schublade offen und entdeckte auch gleich das Scheckbuch. Ich änderte aus dem Talon die Zahl hundert, indem ich noch eine Null dahinter setzte, was ich auch später auf meinem Scheck tat.

Was mich zu meiner nächsten Handlung trieb, kann ich Ihnen nicht erklären. Es mutz wohl meine verzweifelte Sucht nach Geld getoefen fein, die mein Tun und Denken leitete. Ich weiß es selbst nicht! Will es auch garnicht erklären . . .

Wenn ich Ihnen berichte, daß ich seit Jahren dem Kokain verfallen war, werden Sie verstehen können, daß es mir in meiner Eigenschaft als Provisor nie schwergesallen ist, mir welches zu verschaffen. Und gerade an diesem Tage hatte ich ein größeres 'Quan­tum in der Tasche, groß genug, um viele Menschen damit zu töten . . .

Töten . . . was habe ich da geschrieben?

Aber es ist die Wahrheit!

Als ich mich vergewissert hatte, daß ich wiicklich allein war, ging ich ganz ruhig nach dem Schlaf­zimmer des Alten hinauf.

Ich kann zu meiner einzigen Entschuldigung nut sagen, daß ich nicht nach reiflicher Ueberlegung. son­dern in einer wilden, entsetzlichen Stimmung han­delte . . .

Ich schüttete die Kokainpulver, die in meiner Tasche gelegen hatten, in die Wasserkaraffe auf meines Onkels Nachttisch. In diesem Augenblick war ich so ruhig, daß nicht einmal meine Hand zitierte. Tann wartete ich. bis sie sich aufgelöst hatten, und verließ einige fiiinuten später das Haus, ohne gesehen wor­den zu sein.

(Fortsetzung folgt.)