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Kasseler Neueste Nachrichten

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Nummer 248*

Mittwoch, 22. Oktober 1930

20. Jahrgang

(5>evering preußischer Innenminister!

Preußen verzichtet auf Einspruch gegen das Amnestiegefth / Brünings Stuttgarter Besprechungen / Oie Ursache des Alsdorfer Unglücks ungeklärt

Llederrafchender Rücktritt Waentigs

Eigener Drahtbertcht.

165 Todesopfer in Alsdorf

... und noch 84 Vermißte im Schacht

Berlin, 22. Oktober.

Der amtliche Preffedienst meldet: Der preußische MinisterdesJnner en Professor Dr.Waentig hat dem preußischen Ministerpräsidenten sein Rück­trittsgesuch überreicht. Ministerpräsident Dr. Braun hat dieses Rücktrittsgesuch angenommen und Staatsminister Dr. Waentig seinen Dank für die dem preußischen Staat geleisteten wertvollen Dienste ausgesprochen und ihn von seiner Amtspflicht ent­bunden.

Zum Nachfolger des scheidenden Innenministers hat der preußische Ministerpräsident gemäß Artikel 45 der preußischen Verfassung den Reichs- und Staats­minister a. D- Severing ernannt.

Das preußische Staatsminister ium hat, wie dasBerliner Tageblatt" meldet ,in seiner gestern Nachmittag abgehaltenen Sitzung beschlossen, im Reichsrat keinen Einspruch gegen das vom Reichstag beschlossene Amnestiegesetz zu erheben.

Danach dürfte es feststehen, daß im Reichsrat, der sich am Donnerstag mit der vom Reichstag beschlosse­nen Amnestie beschäftigen wird, bin Einspruch nicht zu- standekommt. Die Haltung der preußischen Regierung ist vielleicht von der Erkenntnis bestimmt worden, daß der Einspruch des Reichsrates doch wirkungslos blei­ben müßte, da im Reichstag in diesem Falle eine Zwei­drittel-Mehrheit vorhanden ist, durch die der Reichs­rat-Einspruch unwirksam gemacht wird.

Der neue Finanzausgleich

Brünings Stuttgarter Verhandlungen.

th. Berlin, 22. Oktober.

Rücksichten auf das Kabinett Brüning gebunden fühlen, und

in den Fällen, in denen es sachlich geboten er­scheine, werde die Sozialvemokratie auch Mehr­heiten mit denjenigen Leuten bilden, mit denen sie keine innere Verwandtschaft besitze.

Vom anderen Flügel der politischen Krönt äußert sich heute der Präsident des Reichslandbundes, der Ab­geordnete Hepp in einem Artikel in derDeutschen Tageszeitung" über das gleiche Problem. Er geht von der Auffassung aus, daß bei der Sozialdemokratie große Angst vor der künftigen Entwicklung bestehe, und daß diese Angst der beste Bundesgenosse des gegenwär­tigen Reichskabinetts sei. Die Schwäche der So­zialdemokraten diene der Reichsr'egie- r u n g also dazu, ihreeigeneSchwächezusta- b i l i s i e r e n, ohne zu sehen, daß dieser geradezu pa­radoxe Zustand sie früher oder später in den sozial­demokratischen Bereich zwingen müsse. Besonders be­denklich sei es, daß die Reichsregierung durch ihre Ver- tagungspolitik die Absichten der S. P. D. auf dem Ge­biete der inneren wirtschaftlichen Maßnahmen unter« stütze.

Der Kanzler wird nach seiner Rückkehr nach Ber­lin voraussichtlich persönlich an oen

Verständigungsverhandlungen

im Berliner Metallarbeiter-Konflikt teilnehmen. Der Reichsarbeitsminister hat die Arbeit­geber und die Arbeitnehmer für den morgigen Don­nerstag zu den sogenannten Nachverhandlun­gen eingeladen, und man rechnet damit, daß beide Parteien ihre Vertreter entsenden, und daß man in diesen Nachvevhamdlungen zu einem neuen Schieds- spruch gelangt.

Das Reichskabinett wird voraussichtlich in den nächsten Tagen die Beratungen über den neuen Reichshaushaltsplan beenden; es ist damit zu rechnen, daß in der nächsten Woche die Schlußsitzung des Reichskabinetts über dieses wichtige Eesetzgedungs- werk und die Ueberweisung des neuen Haushaltsplans an den Reichsrat stattfiaden wird.

Alsdorf, 22. Oktober.

Das schwere Unglück auf Schacht Anna 2 hat leider doch viel größere Ausmaße ange- nommen, als die Meldungen, die gestern mittag Vor­lagen, wahr haben wollten. Bor allem hat sich die Hoffnung, daß die auf der vierten Sohle eingeschlos­senen Bergleute zu retten wären, als trügerisch er­wiesen. Gerade hier war die Zahl der Todesopfer besonders groß. Wit verzeichnen im einzelnen folgende Meldungen:

Um 10 Uhr früh war dieZählungderToten bis auf 165 fortgeführt. In den Krankenhäu­sern waren um diese Zeit, nachdem schon einige Leute wieder entlassen wurden, 99 Verletzte.

Von unten kommende Mannschaften berichten, daß auf der vierten Sohle (460 Meter) die Zerstörung eine fast vollkommene ist. Tort allein sind bis­her 87 Tote geborgen. Die Aussichten, von der vier­ten Sohle noch Lebende zu erwarten, sind außeror­dentlich gering. Von anderen Sohlen kommen aber noch lebend Geborgene heraus. Man vermutet, daß sich noch annähernd 84 Tote in der Grube be- finden. Die Stolle» sind, soweit sie nicht durch ZubruMehen verschüttet sind, wieder befahrbar und gasfrei.

Zur Frühschicht sind aus Anna I rund 70 Mana eingefahren.

An der Trümmer st ätte ist die ganze Rächt hindurch ebenso weitergearbrltet worden, wie unter Tage, weil unter den Trümmern der Tagebante» auch noch Verschüt.ete vermutet werden.

Inzwischen sind die Spreng stoss lager der verschiedenen Sohlen sämtlich in Ordnung befunden worden. Damit entfällt vorläufig die Annahme, daß es sich um eine Sprengstoffentzündung handelte. Die Berbrennungsspnren an den Türen unter Tage deu­ten darauf hi», daß der Sch.lag seine» Aus­gang vom Schacht genommen hat und von dort in die Querschläge gelangte. Auch die Richtung des Explosionsstoßes, den die Mannschaften empfan­den, und dem sie zum Teil zum Opfer fielen, weist aus diese Annahme hin.

Wallstreet für Moratorium

Coolidge gegen Verquickung der Reparationsfrage mit dem Schuldenproblem

Der Reichskanzler kehrt heute von seiner Resse nach Stuttgart wieder nach Berlin zurück. Er hat in Stuttgart mit den Präsidenten und Finanz­ministern von Württemberg, Bade» und Hessen in Gegenwart des bayerischen Ministerpräsidenten, der ihn schon in Berlin aufgesucht hatte, über den neuen Finanzausgleich verhandelt; er wird in nächster Zeit auch noch eine Unterredung mit dem sächsischen Ministerpräsidenten über das gleiche Thema haben, nachdem er mit Preußen schon seit einiger Zeit über diesen Gegenstand in Fühlung steht, da regelmäßig ein Vertreter der preußischen Regierung an den entspre­chenden Verhandlungen des Reichskabinetts teilgenom­men hat.

Der bestehende Finanzausgleich läuft zwar noch bis 1. April 1932, und deshalb wird für das kommende Jahr nur eine provisorische Neuregelung eintreten, aber die Berechnungen des Finanzministeriums über die Ge­staltung des neuen Reichshaushaltsplanes gehen zum großen Teil von einer Aenderung der Ueber- wei jungen desReichs an Länder und Ge­meinden aus, und deshalb mußten die Länder ihrer­seits genau ins Bild gesetzt werden, mit welchen Be­zügen sie nach der Durchführung der geplanten Refor­men zu rechnen haben.

Sozialdemokratie und Kabinett

Kommentare von links und rechts.

th. Berlin, 22. Oktober.

Zu der Frage des Derhälinisses zwischen der So­zialdemokratie und der Reichsregierung liegen zwei neue interessante Steuerungen vor. Der Führer der Sozialdemokratischen Reichstagsfraktion, der Abgeord­nete Dr. Breitscheid weist intVorwärts" darauf­hin, daß es für viele Politiker int bürgerlichen Leben eine unerfreuliche Tatsache bedeute, daß die Sozialde­mokraten das Kabinett Brüning, welches dem Ertrin­ken nahe gewesen sei, aus dem Wasser ziehen halfen. In Wirklichkeit aber habe die S. P. D. das Aeußerste tun wollen, um die Demokratie und damit die Rechte der Arbeiterklasse zu retten und zu sichern. Stelle sich dieser Versuch als verfehlt heraus, so würden die Sozialdemokraten ihre Handlungsfrei­heit zu benützen wissen. Es sei durchaus vorstellbar, daß sich über die bürgerlichen Fraktionen hinweg, für die int Interesse der Arbeiter liegenden Anträge Mehrheiten finden ließen und so wenig die S. P. D. mit den Nationalsozialisten zu tun haben wolle, so würde sie sich doch, wenn die Regierungsparteien die notwendige Einsicht vermissen ließen, nicht durch

Reuyork, 22. Oktober.

Universal Service meldet aus Washington: Wäh­rend Präsident Hoover, Staatssekretär Stimson und Schatzsekretär Mellon einem Moratorium für Deutschland stark ablehnend gegenüber stehen, setzt sich in Wallftreet-Kreisen wegen der ameri­kanischen Kapitalanleihen an Deutschland in Höbe von 2% Milliarden Dollar immer mehr die lieber zeugun« durch, daß ein Moratorium nicht länger hinausgezögert werden könne. Den Standpunkt der Wallstree^Kreise hat der Gouverneur der Reuyorker Federal Reservebank schon am Montag in einer Unterredung mit Präsident Hoover nachdrücklich ver­teidigt. Er hot gleichzeitig die Forderung erhoben, daß die Regierung ihre bisherige ablehnende Hal- tuna in der Frage einer Verkoppelung der Repara tionszahlungen mit der Rückzahlung der interalliier­ten Kriegsschulden einer Revision unterziehen müsse.

*

Washington, 22. Oktober.

Der frühere Präsident C o o l i d g e protestiert in der heutigen Ausgabe derWashington Post" gegen eine Verquickung des Reparation»- mit dem Kriegs­schuldenproblem. Die gegenwärtigen Jahresraten der Kriegsschulden, schreibt Coolidge, können von allen Ländern bezahlt werden, und es geht zu weit, wenn man behauptet, wenn Deutschland nicht zahle, könnten die anderen Länder ihre Schulden an die Vereinigten Staaten nicht bezahlen. Das würde letzten Endes bedeuten, daß die Reparationen von den amerikanischen Steuerzahlern gezahlt werden müßten. Die Theorie, daß die Streichung der Kriegs­schulden den, Welthandel helfen würde, bedeute, daß man uns zumute, den Welthandel mit unseren inlän­dischen Steuern zu subventionieren. Das wäre offen­bar teilte gerechte Lösung.

Pommeretter Monat"

Warschau, 22. Oktober.

Offenbar um das durch den Wahlfeldzug in Po­len hervorgerufene politische Kampffieber nicht ab- flauen zu lassen, wird vom 16. November bis 16. De­zember im ganzen Lande ein sogenannterjiommeiel«

ler Monat" als Antwort auf dieHerausforderung" des Reichsministers Treviranus veranstaltet. Die Durchführung dieses Unternehmens leitet ein zu die­sem Zwecke gebildeter parlamentarischer Ausschuß, dem die höchsten Persönlichkeiten des Pilsudski-Lagers angehören. Die erste Aufgabe dieses Ausschusses wird der Erlaß eines entsprechenden Aufrufes an das Volk sein.

politische Schlägerei

Freiburg i. Breisgau, 22. Oktober.

Während einer Versammlung der Nationalsozialisten in Freibarg-Haslar kam es »m Dienstag abend zu einer blutigen Schlägerei zwischen National­sozialisten und zahlreiche» im Saale anwesende» Korn- muniste«. Di« Kommunisten, etwa 60 a» der Zahl, suchten den Redner durch andauernde Zwischenrufe zu unterbrechen und stimmten, als sie zur Ordnung gerufen wurden, die Internationale an. Biergläser und Stuhl­beine flogen durch den Saal und es kam zu einer schwe­ren Prügelei. Eine Einsatzbereitschaft der Polizei griff sofort ein, wurde aber mitinden allgemei­nen Kampf verwickelt. Einer der Polizeibeam- ten erlitt schwere Wunde» am Kopfe. Insgesamt wur­den etwa 30 Personen verletzt. Die Kommu­nisten erzwangen sich zum Schlüsse den Ausgang und verschwanden auf Rädern, ohne daß es gelang, die Haupträdelsführer zu fassen. Lediglich an Hand eines aufgefundene» Parteibuches konnte festgestellt werden, daß ein Agitator aus Thüringen anwesend war.

Oer neue japanische Botschafter in Berlin

Berlin, 22. Oktober.

Zum Nachfolger des oisherigen japanischen Bot- schasters in Berlin Nakaoka ist Torikichi O b a t a ernannt worden. Obata war als Gesandter für China vorgesehen, ist aber von den Chinesen als Persona ingrata abgelehnt worden.

Die Explosion hat die Wettertüre» zerschlage» und die Nachschwaden haben sich infolgedessen ungehindert auf das ganze Revier der Grube Anna n ausdehnen können. In diesem Schwaden haben dann die Leut« den Tod gefunden, bei denen E r st i ck u n g sestgestellt wurde.

*

Diese Katastrophe von Alsdorf ist nach alledem nicht nur das schwerste Grubenunglück, von dem das Wlurmgebiet bisher heimgesucht wurde, sondern cs ist anscheinend auch die schwerste Heim­suchung des deutschen Bergbaus in der Nach­kriegszeit. 1923 sanken die Fahnen in Deutschland auf Halbmast, als die Zeitungen von der Kohlen- stauberplosion in der H e i n i tz z r n b e bei Beuchen berichteten. 112 Tote waren hier zu beklagen. 1925 versetzte die Kohlenstaubexplosion auf der Zeche Minister Stein bei Dortmund das westdeussche Jndustrierevier in größte Bestürzung. Die Stadt Dortmund hatte 135 Tote zu betrauern. Der letzten großen GrUben-Katastrophe in Deutschland, des Kohlensäureeinbruchs bei Hausdors in Schlesien im Juli 1930 wird sich noch jedermann entsinnen. Die 151 Tote sind im Neuroder Revier noch nicht vergessen.

Die gräßlichste Grubenkatastrophe, von der Deutschland je heimgesucht wurde, ereignete sich 1908 auf der Zeche Radbod im Ruhrgebiet, wo 360 Todesopfer zu -beklagen waren. Das größte Gru­benunglück' aller Zeiten ober' betraf Frankreich 'im Jahre 1906. Als die Kunde nach Deutschland drang' daß auf der Grube Courrieres im> Departement Calais 1200 Bergleute verloren feien, rüstete man sich auch in Deutschland zu einer großzügigen Hilfsaktion. Der Schmerz über die Katastrophe ließ damals alle Gegensätze vergessen.

Tragödie unter Tag

Alsdorf, 22. Oktober.

Die Unglücksstelle auf Schacht Anna II ist nur auf Umwegen zu erreichen. Die dem Förderturm zuge­wandte Außenmauer des Verwaltungsgebäudes steht nur noch soweit, als sie von den sie umgebenden Schutt- maffen gehalten wird. Der Förderturm selbst, der etwa 30 Meter hoch war, hat sich zur Seite geneigt und dabei einen Zementsockel beschädigt. Als dieser Block stand hielt, knickte der Turm seitlich ein und stürzte auf das Verwaltungsgebäude, das gleichzeitig von der unterirdischen Explosion erschüttert und in sich zusammengesunken ist. Der Schutthaufen füllt mehr als das Erdgeschoß. Hier wurden die ersten Toten geborgen. Die Trümmer der benachbar­ten Gebäude geben ein Bild davon, was sich unter der Erde abgespielt haben mag. Von den Verletzten hört man, daß die Rettungsarbeiten dadurch erschwert wur­den, daß die Stollen anvielenStellenein- gebrochen waren.

Viele Bergleute unter Tage wußten zunächst gar- nicht, weshalb der Befehl zum sofortigen Ausfahren gegeben wurde. Die elektrischen Kabel waren zerstört und die Ausfahrt, vor allem die Verbindung der ein­zelnen Stollen unter einander dadurch bedeutend er­schwert. Von den Ereignissen über Tage find einige erschütternde Einzelheiten bekannt gewor­den. In einem dem Fördcrturm des Wilhclmsschachtes besonders nahegelegenen Stapel Grubenholz wurde ein Arbeiter mit solcher Wucht gegen das Kopfende der Balken gepreßt, daß sein Körper die Balken ver­schob. Dem Unglücklichen wurde dabei der Kopf zer­schmettert. An einer anderen Stelle fanden Sanitäter in etwa 300 Meter Entfernung von der Unglucksstelle Leichenteile.

Wie wir ferner hören, hielt der Betriebsrat im Augenblick des Unglücks eine Sitzung ab. Er wurde in seiner Gesamtheit von den einstürzenden Mauern erschlagen. Bisher ist nur der Obmann als Leiche ge­borgen worden.

Ein Unsicherheitsfaktor für die Feststellung der Geretteten und der noch Verschütteten war das täg­liche Schwanken der Zahl der angetretenen Arbeiter. Tie Markenkontrolle ist zerstört und die Zahl der Vermißten kann auch nach der inzwischen hcrbeigeschasflen Lifte der auf Schacht Anna 3 ans- gefahrenen Leute noch nicht mit Sicherheit festgestellt werden. Die Verwaltung hat eine gedruckte Liste der Verletzten im Ort verteilen lassen, um die Bevölke­rung, die zum Teil die ganze Nacht hindurch vor den Toren ausharrt, so gut wie nur mög­lich zu unterrichten. In den letzten Stunden konnten die Bergungsarbeiten beschleunigt und in 2J4 Stun­den 30 Tote herausgeschafst werden.

Tie gestern abend ausgebotenen Freiwilligen sind mit der Aufschließung der zu Bruch gegangene» Strecken beschäftigt. Inzwischen sind ans dem Ruhr­gebiet zahlreiche Mannschaften der zentralen Ret­tungsstellen eingettoffen.