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Dienstag, 21. Oktober 1930

Kasseler Neueste Nachrichten

Lette I

Verantwortlich für beit politischen Teil: Dr. Walter Pehnt: für baS Feuilleton: German M. Bon au: für lokalen und Heimatteil: Dr. Hans Joachim G l a tz e r: für Handel: Dr. Hans Lange »berg: für Svoktteil: Herbert S v e I ch: Photo-Redakteur: Eduard Schulz- R e f f e I; für den Anzeigenteil: Konrad WachSmann. Berliner Schriftleitung: Dr. Walter Thum. Ber­lin SW. 68. Druck und Verlag: Kasseler Neueste Nachrichten G. m. b. H.. Kassel. Kölnische Straße 18.

Erfindungen, die der Zufall schuf

Don Lng. Herbert Fritzsche

nisattonen angehörte. Die Staatsanwaltschaft wird es nach all denr schwer haben, ihren Indizienbeweis durchzubringen.

Sie Kurve des Verbrechen-

Sprechende Kriminalstatistik.

Berlin. 21. Oktober.

Senefelder der in München lebte, auf die Ide«, die hineingefallen, und mit Mühe versuchte Roufieau sie glatten und geschmeidigen Solnhofer Kalkschteferplat- aus dem roten Klumpen zu lösen. Da machte sein ten seinen Zwecken dienstbar zu machen, die in Bayern Sohn ihn auf den prächtigen Münzabdruck aufmerk- früher zu Tischplatten als Fußbodenbelag usw. Der- sam, den eine Münze mit dem Kopfe des Königs tn Wendung fanden. Aber gute Erfolge erzielte er zu- der harten Masse hinterlassen hatte. Rousteau, der nächst damit auch nicht. Erst der große Zufall kam die geschmolzenen Ueberreste mitgenommen hatte, kam

zerstörte Haus wert war.

Die Geburt des Luftreifens.

Die heutige Nummer umfaßt 12 Selten

Dr. Kremer, durch einen Schutz getötet. Der Mord geschah am Abend, als Kremer im Scheinwerferlicht seines Autos durch den dunklen Garten seiner Billa in Nachterstedt schritt. Der Täter mutzte im Hinter­halt gelegen haben. Otto Koch ist des Mordes ver­dächtig, aber nit' Die Kriminal

?fn der leidenschaftlich bewegten Zeit der Wahl­agitation spielte unter den gegen die Regierung ge­richteten Argumenten eine Hauptrolle die Behaup­tung. daß die bisherig? Mißwirtschaft am deutlich­sten^ aus dem Ansteigen der Verbrecherkurve erstcht- lich sei. Nunmehr liegen die Kriminalitätsstatistiken des stastitischen Reichsamtes endgültig für das Jahr 1927 und vorläufig für das Jahr 1928 vor, sodaß man sich nun ein wirklich objektives Bildvdn >ber Entwicklung Her Kriminalität in Deutschland machen kann.

Das dabei sich ergebende Resultat ist sehr erstaun­lich und um es gleich zu sagen erfreulich. Selbst der Wohlmeinende und um objektiv richtige Urteile Bemühte wird wahrscheinlich überrascht sein, zu hören, daß die Verbrecherkurve in Deutschland nach einem Höhepunkt im letzten Inflationsjahr jetzt wieder auf einen Stand gesunken ist, der sich nicht sehr stark von dem des Jahres 1913 unterscheidet.

Die absoluten Ziffern der Verurteilten zeigen im Jahre 1927 mit 726496 und im Jahre 1928 mit 695 236 eine stark sinkende Tendenz, einen außer­ordentlich starken Abfall gegenüber der Höchstziffer, die mit 968 883 im Jahre 1923 erreicht wurde und nur eine verhältnisnu ßig geringe Erhöhung gegen­über den 690 403 Verurteilungen im Jahre 1913.

Man darf und soll vielleicht auch in diesem Zu­sammenhang betonen, daß die Bildung jener An­schauung, als ob heutzutage Mord, Raub und Tot­schlag an der Tagesordnung seien wohl ganz zwei­fellos infolge des Vordringens derartiger Berichte in einer bestimmten Preffe zustandegekommen ist.

Noch günstiger nämlich ist das Bild, wenn man sich an der sogenannten Kriminalitätsziffer orien­tiert. Aus ihr ergibt sich, daß die Zahl der Verur­teilungen. bezogen auf je 100 000 Personen der straf- mündigen Bevölkerung, niedriger liegt als im letzten Vorkriegsjahr. Diese Kriminalitätsziffer beträgt nämlich in den Jahren 1913: 1169; 1923: 1693; 1924: 1494; 1925: 1217; 1926: 1229; 1927: 1249 und 1928: 1148. Die Ziffer für 1928 die allerdings nur als vorläufig zu bewerten ist liegt also gar nicht ein­mal unerheblich unter der von 1913.

Selbstverständlich wird das laufende Jahr eine Erhöhung dieser Ziffer bringen, denn es ist eine Binsenwahrheit, daß ein positiver Zusammenhang zwischen Kriminalitätskurve und Konjunkturkurve besteht. Arbeitslosigkeit in solchem Maße, wie wir sie heute haben, führt zwangsläufig zu einer Steige­rung der Eigentumsdelikte. Allein, man soll das Hebel nicht schlimmer machen, als es schon ist; ins­besondere aber sollte man verantwortungsbewußt fein, nicht bei völliger Unkenntnis der Dinge mit Behauptungen zu jonglieren, die den moralischen Zustand des deutschen Volkes in ungerechtfertigt schlechtem Licht erscheinen lassen.

Explodierter Sprengstoff

Sieben Arbeiterinnen schwer verbrannt.

Pregburg, 21. Oktober.

In der tschechoslowakischen Munitions- und Metall­fabrik A.-G. ereignete sich gestern nachmittag eint schwere Explosion. In einem Arbeitsraum, in dem Leuchtpatronen erzeugt werden, sprang von einer Kapselpresie die Kapsel ab und flog in den Spreng­stoff, der explodierte. Die Kleider der in dem Raum beschäftigten sieben Arbeiterinnen fingen Feuer und, obwohl es ihnen gelang, so­fort Ins Freie zu entkommen, wo ihnen bte brennen­den Kleider vom Leibe gerissen wurden, erlitten sie doch so schwere Verletzungen, daß sie kaum mit dem Leben davonkommen werden. Eine der Frauen ist bereits ihren schweren Brandwunden erlegen. Der durch die Explosion verursachte Brand konnte nach kurzer Zeit lokalisiert werden.

Der Schn­auf den SergwerMrestor d. Halberstadt, 2L Oktober.

Vor dem Halberstädter Schwurgericht begann Montag der Prozeß gegen den Heilgehilfen Otto Koch, der einer Tat beschuldigt wird, die seinerzeit sehr viel Aufsehen erregt hat. Am 19. Februar dieses Wahres wurde der Direktor der Grube Concordia,

nächst damit auch nicht. Erst der große Zufall kam ihm zur Hilfe. Eines Tages wollte ein Wäschermädel bei Senefelder schmutzige Wäsche abholen. Er hatte gerade kein Lavier im Hause und notierte deshalb die Zahl der Wäschestücke auf eine der polierten Schiefer- platten, wobei er stch einer Mischung aus Seife, Ruß und Wachs bediente. Als er bann später über diese Platte Säure gotz, um zu sehen, was daraus werden würde, entdeckte er mit Staunen, daß die Schrift un­verändert blieb, während die Platte an den freige­bliebenen Stellen angegriffen wurde. So hatte er das Hochätzverfahren entdeckt (1796) und von da bis zur Erfindung der Lithographie war nur noch ein Schritt.

Die Geschichte der Technik ist reich an Zufällen. Nicht immer find Erfindungen als Folge ernster Geistesarbeit entwickelt worden Merkwürdige ober auch recht spaßige Umstände, Zufälle eben, waren oft Ursache für ihr Entstehen oder ihre Weiterentwicklung.

Als der Vater unserer heutigen Eummiluftreifen, ohne die Fahrräder und Automobile gar nicht mehr denkbar find, ist John B. Dunlop anzusprechen. Er lebte als Zahnarzt in Dublin, hatte aber neben seiner Praxis noch Zeit genug, stch mit allerhand Liebhabe­reien zu befassen. Seinem zehnjährigen Sohn hatte er im Jahre 1888 eines der damals noch recht plum­pen Dreiräder geschenkt. Wohl hatte das Rad Voll­gummireifen. aber das Fahren auf dem schlechten Stratzenpflaster bereitete doch alles andere als Ver­gnügen. Der Junge beschwerte sich bitter beim Va­ter, und der versprach ihm, ein paar neue Reifen her­zustellen, die sein Rad zum besten von ganz Dublin machen sollten. Auf eine runde Holzstange wickelte et dünnes Gummiband zu einer Röhre. Ein Sauger von der Milchflasche eines seiner Kinder lieferte ihm das Ventil. Außen umwickelte er die Eummiröhre mit einem Streifen grauer Leinwand, vernghte sie und füllte sie durch das Gummisauaer-Ventil mit Luft. Der Versuch gelang, und stolz fuhr fein Sohn durch die Straßen von Dublin, allgemeine Verwunderung erregend. Der Vater ließ stch die Sache patentieren, und im Mai 1889 liefen bereits die ersten Rennräder mit diesen Luftreifen. Heute ist Dunlop eines der größten Werke der Eummireifenindustrie.

Der Siegellack verdankt seine Entdeckung einem Brandunglück, das im Jahre 1625 das Haus des Pa­riser Drogisten Franyois Rousseau einäscherte. Der über Nacht zum Bettler gewordene Mann hatte in einer Schublade seines Ladentisches die Kaste verwahrt und hoffte, aus den Trümmern wenigstens das durch die Hitze geschmolzene Metall der Gold- und Silbermünzen retten zu können. Mit seinen Söhnen ging er an die Arbeit und fand auch schließlich die Ueberreste des Ladentisches mit der Kastenschublade. Unter dieser Schublade hatte er Harz, Schellack und Zinnober aufbewahrt, die natürlich auch gebrannt hatten, dann aber zu einer festen, roten Masse zu­sammengeschmolzen waren. Die Münzen waren hier gestärkten Halsringe, Kragen genannt, find eine Er­findung der Frauen bzw. einer Frau, die uns Män­ner vor gar nicht allzu langer Zeit damit beglückt hat. Im Jahre 1826 lebte in Troy im Staate Neu- york ein ehrbarer Schuhmacher namens Montagu, der den gesunden Ehrgeiz hatte, stets ein sauberes Hemd auf dem Leib zu tragen. Kragen hatten die Hemden damals natürlich auch, nur waren ste an dem Hemd fest angenäht. Wies der Kragen seines Hemdes auch nur den kleinsten Fleck aus. so hatte die Frau des eit­len Meisters das Vergnügen, das ganze Hemd zu waschen. Da die Frau aber alles andere als eine zarte duldsame Person war, so riß fie eines Tages, als der Meister ihr wieder ein Hemd zum waschen in bie Hanb drückte, wütend den Kragen ab, um ihn allein zu waschen. Da aber das Annähen des Kra­gens auch keine Arbeitsersparnis war, kam ste auf den schlauen Gedanken, alle Kragen von ihres Mannes Hemden zu trennen, ste allein zu waschen und dann einfach mit Knöpfen wieder an den Hemden zu besti- gen, und so geschah es denn auch!

Die Erfindung der Lithographie verdanken wir Alois Senefelder. Er lebte von 1771 bis 1834 und sollte auf Wunsch seiner Eltern Jura studieren, was ihm aber offenbar nicht behagte, denn bald ging er zum Theater und fristete notdürftig als Schauspieler

bald auf den (Bebauten, aus Schellack, Harz und Zinnober einen neuen Stoff herzustellen, der sich zur Anfertigung von Siegeln eignete. Kannte man im Mittelalter und Altertum nur gewöhnliches Wachs zum Siegeln von Briefen und Urkunden, so verwandte man zu Rousteaus Zeiten Oblaten, die in allen mög­lichen Formen fabriziert wurden. Deshalb fanden die kleinen viereckigen Siegellackstangen, die Rousteau mit seinen Söhnen in einer kleinen Mietswohnung eifrig fabrizierte, wenig Beachtung. Der Zufall kam ihm zur Hilfe! Die Herzogin von Longueville er­krankte. Die Aerzte stellten eine Vergiftung fest, die sich bie Dame durch bas Befeuchten der Oblaten mit ben Lippen zugezogen hatte. Durch diesen Umstand kamen Liefe Briefsiegel in Verruf und Rousteaus par- Stnierte Siegellackstangen, die gerade auf dem arkte auftauchten, fanden schnell Anklang. Fürsten­höfe und Behörden bedienten sich nur noch des Sie­gellacks, der seinem Erfinder schon in einem Jahre 50 000 Lires eintrug, mehr als sein durch das Feuer

Jt geständig.

polizei tappte zunächst im Dunkeln. Die Regierung hatte 1000, die Grube Concordia 10 000 Mark Belohnung ausgesetzt. Man fand trotz­dem keine Spur. Da meldete sich im Juli eine Frau, bie angab, batz sie bestimmte Aussagen machen könne. Sie erzählte: eine Frau Koch habe ihr gesagt, ihr Mann habe ihr gestanden, daß er der Täter sei. Die­ser Mann war bei Heilgehilfe unb Bademeister Otto Koch. Er hatte feine Frau geprügelt, deshalb ging

Wie der Herrenkragen entstand.

Im Jahre 1861 wurde von dem Frankfurter Phi­lipp Reis bas Telephon entdeckt. Doch erst 15 Sabre später wurde diese Erfindung zu einem gebrauchs­fähigen Gerät entwickelt, und das von einem Men­schen, der mit technischen Dingen sonst nichts zu schaf­fen hatte. Der Bostoner Taubstummenlehrer Alexan- bei Graham Bell heiratete ein taubstummes Mäd­chen, unb die Liebe zu seiner Frau veranlaßte ihn, nach einem Apparat zu suchen, der es ihm ermög­lichte, sich mit seiner Frau zu verständigen. Seine eigenen Konstruktionen brachten ihm wenig Erfolg, aber er wurde dadurch mit der Erfindung des Deut­schen Reis bekannt, verbesserte sie und bereits im Jahre 1876 wurde die erste Fernsprechleitung von Boston nach einem 50 Kilometer entfernten Ort ge­legt, Der Erfolg war verblüffend, und von diesem Zeitpunkt ab war der Gtegeyug des Telephons nicht mehr aufzuhalten. Bells Frau allerdings konnte noch genau so wenig hören wie früher.

In der Erfindung von Kleidungsstücken haben sich bie Männer nie sonderlich hervorgetan. Auch bie unb Bühnendichter sein Dasein. Er sand aber für seine Werke keinen Verleger und aus eigenen Mitteln konnte et die Druckkosten auch nicht bestreiten. So kam er auf den Gedanken, seine Arbeiten selber zu vervielfältigen. Seine Versuche die Schrift verkehrt, also in Spiegelschrift auf kupferplatten zu schreiben und ste nachher erhaben herauszuätzen, gab er bald auf, ba ihm die Mittel fehlten, um die große Anzahl der teuren Kupferplatten zu taufen. Nun verfiel

fie 6m, fein Geheimnis zu betraten. Sie gab auch an, ihr Mann hätte ihr gesagt, datz er bie Schußwaffe in den Mühlgraben bei Nachterstedt geworfen habe. Nun wurde der Mühlgraben abgelassen. Man fand in ihm ein Jagdgewehr.

Aus diese Angaben unb Tatsachen stützt sich bte An­klage. Sie ist also nicht sehr gut fundiert. Denn Otto Koch leugnet beharrlich unb es ist letzten Endes mög­lich, daß et das Opfer eines Racheaktes seiner Frau geworben ist. Wenn biese Frau von ihrem Rachege- sanken besesien war, kann sie sehr wohl auch bas Ge­wehr ihres Mannes in ben Mühlgraben geworfen haben. Ihre Vernehmung wirb ben Höhepunkt bes Prozesses bringen. Wenn sie wiberruft, fällt bie An­klage gegen Koch in stch zusammen.

Denn es find auchintellektuelle Spuren" nicht oorbanben. Man weiß nicht aus welchem Anlatz Koch ben Betgwerksditektor hätte umbrtngen sollen. Er hat mit ihm nichts zu tun gehabt. Dagegen war Dr. Kremer bei bet Belegschaft der Grube wegen seiner Sozialpolitik sehr unbeliebt. Er soll nament­lich bet ben Kommunisten seht verhaßt gewesen sein, bie schon einmal einen Anschlag auf ihn versucht haben sollen. Alle biese Ursachen kommen für Koch nicht in Frage. Et war nicht einmal ein politischer Gegner bes Dr. Kremer, ba er rechtsradikalen Orga-

o d.

Schallplatte»

in«

später selbst mal

euarin-Ärt und dem machtvoll..

Thannhäuser. Biel Kreunde wird die e von Scassola finden- die ebenfalls in übertremiche Interpreten Kurt Gerron rezitiert tm

Apathie gegen das eigene Schicksal.

Bor kurzem hatte ich ein Gutachten über einen Mann abzugeben, bet seht wohlhabend gewesen wat, während des Krieges In England vier Jahre in Gefangenschaft geholte« worden war unb Vermögen

mal unb gesund. Bekannt sind auch die starken geistigen unb charakterologischen Veränderungen bei Morphinisten und Alkoholikern sowie die psychischen Erkrankungen nach syphilitischer Infektion (Hirn- syphilis, Paralyse).

Also doch: Verwirrung durch Etlebniffe möglich?

Im Vergleich zu den anlagebebingten Geisteskrank­heiten sind bie durch Erlebnisse und körperliche Er- Waldungen verursachten Geisteskrankheiten zwar durchaus in her Minderzahl. Daß sie aber Vorkom­men sollte durch die vorstehenden Ausführungen, die natürlich nicht vollständig fein können, bargelegt werden.

Im Sommer 1910 fuhren meine Frau und ich von Sankt Moritz nach Alpgtüm. Bei herrlichem Wetter stiegen wir hinauf in die Berge. Beim Abstieg wir mochten etwa zehn Minuten von der Station entfernt Jein setzte plötzlich mit ungeheurer Gewalt ein Wirbelsturm von Hagel, Schnee unb Lis be­gleitet, ein, wie wir ihn nie vorher unb nie nachher erlebt haben. Schwere Bänke einer Alpenwirtschaft wurden in bie Höhe gehoben und sausten um uns herum. Wir mutzten in rasender Eile versuchen, herunterzukommen unb uns in Sicherheit zu brin­gen. Nun geschah etwas Seltsames. Meine Frau weigerte sich, wetterzugehen. Eie war vor Angst unb Anstrengung wie gelähmt, glaubte, keinen Schritt mehr tun. nicht mehr atmen zu können, hatte, wie sie später selbst erzählte, bas Gefühl, als wäre sie nicht fähig, auch nur die geringste Bewegung zu machen, hatte jede Denkfähigkeit verloren unb märe umge- tommen, wenn ich sie nicht aus bet Apathie heraus- gerissen Härte.

UlitMbon" beginnt tm Oktobervrögramrn mtt bet Ver­öffentlichung von Aufnahmen des Bakule-iLhorS. Der Gründer des Chors, Professor Bakule, hat es sich ,ur Le­bensaufgabe gemacht, Waisenkinder und verkrüvoelte Kin­der au sich zu nehmen, um ihnen durch eine besonders lrebe- volle Erziehung ihr schweres r'os zu erleichtern und fie spa­ter in die Lage zu setzen, ihr tägliches Brot selbst au veröle- neu. Die Schwierigkeiten, mit denen Professor Bakule r..c: zuletzt in rein materieller Beziehung au kämvsen hatte, waren ungeheuer. Das sogenannte ..Institut" des Profes­sors Bakule befindet stch in Prag, jedoch sind in bieiem Heim Kinder aller Nationen untergevracht. ES entsprang einer sehr richtigen Ueberlegung Baku les, datz er diesen bemitlei­denswerten Menschen ihr Los durch eine künstlerische Betä­tigung zu erleichtern suchte: so entstand der Bakule-Ehor. ein höchst disziplinierter Klangkörper mit sehr feinen Soli­stinnen. Der Chor vermittelt aus Ultravhonvlatten ba» Beste unb Eigenartigste aus dem Schatz slawischer Volks­musik. Ein Hauptwerk tschechischer Mustk. smetanas herrliche symphonische DichtungDie Moldau' leitet bas Oktobervrogramm ein. eine Aufnahme bte tn bet Vermitt­lung des Philharmonischen Orchesters ebenso klangschön und vlamich gelang wie die Wagnerplatte mit dem feierlichen Vorspiel zum 8. Lohengrin-Äkt unb öe: lug der Gäste" aus " '

bunte ländliche Suite, den Berliner Philharmonikern uni findet. - Zum Kapitel Kabarett: t...................-

Stil der Moritat Ringelnatz' Ballade vom Seemann-Kuttel- Dadöeldu, der schon einmalProtektor" eines Kaffeler Künstlerfestes war. Irene Noiret singt wieder reizvolle französische Volksweisen. Greta Keller und Joe * erweisen stch alS sehr aparte und unientimentale ger, fie geben dem von Julian Fuhs unb feinem---

witzig gespielten Schlager-PotpourriSie hören letzt" einen besonderen Reiz. Aktuelle Potpourris gibt die von Erlist Viebig dirigierte Platte mit Melodien aus der Ovverette Btttoria und ihr Husar". In der Fülle der Schlager- unb Tanzmusik must stch der Bhonosreund ie nach Eeichmack selbst zurechtfinden. Bon weniger bekannten Schlagern gefällt be­sonders der Slow-Fox von denfieben kleinen Tillerairls", verkoppelt mit dem melodienreichen ForHallo Rumänia!" Aus kommenden Tonfilmen gibt es natürlich setzt schon die gelungensten Melodien, sowohl auf Mttavhon wie auf den ebenfalls vom Küchenmeisterkonzern veröffentlichten wohl» feilen Otchestrolavlatten.

Kranke Seelen /

Wir fetzen heute die in unserer SonntagSausgabe begonnene Artikelserie fort, in der bekannte Psychi­ater sich über Anlaß und tiefere Ursachen seelischer Storungen äußern.

Man beobachtet nicht selten auch bei Menschen, bei denen eine Veranlagung zur geistigen Erkrankung oder eine zeitweilige Uebettetzung oder Schwächung der Nerven nicht nachweisbar ist, den Ausbruch einet Geistesstörung unmittelbar nach einem erschüt­ternden Ereignis. Ich erinnere an die Hungerdelirien in Rußland von denen ganz normale Menschen er­griffen wurden, und an die Tatsache, daß

Bodj dem Erdbeben von Messina im Jahre 1910 Mensch«» massenhaft geisteskrank wurden.

Es werden meist labile Menschen sein, bei denen die Erschütterung stärket wirkt; aber wenn ein Ereignis plötzlich und mit elementarer Gewalt eintritt, wer­den auch die weniger labilen davon ergriffen und aus der Bahn normalen Denkens, Fühlens und Wollens herausgeschleudert. Ich selbst habe bei geistig völlig Normalen Neurosen und psychisch abnorme Zustände im Augenblick einer plötzlichen äußeren Einwirkung und seelischen starken Erschütterung auftreten sehen. Lähmuugserscheiuungen aus Angst.

cargent kazzsän- irtbefter

hat, Unfallnebrose den ursächlichen Zusammenhang der Neurose mit dem Unfall ausschlließt, wenn der Verletzte imstande ist, seine BegehrungSvorstellungen medetzukämpfen.

Man hat übrigens jetzt eine Reihe von Mitteln gefunden, um wirklich vorhandene Schädigungen von simulierten oder hysterischen zu scheiden. So vagen zum Beispiel viele Schädelverletzte noch jahrelang übet Kopfschmerzen, Reizbarkeit, Nervo­sität und behaupten, nicht arbeitsfähig zu sein. Er­gibt die Untersuchung die Möglichkeit, daß die Be­schwerden organischer Natur sind und nicht auf Rentenwunschvorstellungen beruhen, so kann man eventuell Hitnschüdigungen dadurch nachweisen, daß man diesen Menschen Luft in das Rückenmark pumpt und im Röntgenbild die Gehitnkammetn beobachtet. Man hat dadurch mitunter sestgestellt, daß. die Hirnkammern erweitert sind, also wirklich eine krankhaft« Veränderung vorhanden ist, und datz Schmerzen, die man für simuliert hielt, in Wahrheit auf pathologischer Ursache beruhten. Bsi anderen, bei denen der Verdacht auf Rentenneurose dorliegt, spritzt man Jodnatrium ins Rückenmark. Normale scheiden das Jodnatrium in kurzer Zeit im Urin auS, bei abnormen Veränderungen dauert es länger.

...und die SraiAheUsdelirien?

Zum Schluß möchte ich noch eine Art Geistes­krankheit erwähnen, die durch Jnfektton hervorge- rusen wird und di« selbstverständlich jeden Nor­malen ergreifen kann. Ich erinnere mich, daß ich einmal als junger Kra-nkenhausarzt nachts durch ein Zimmer des ersten Stockes ging und plötzlich am Fensterkreuz einen Mann mit den Füßen heraus­baumeln sah. Er war infolge einer Lungenentzün­dung Fioberdelirant geworden und hatte in einem unbewachten Augenblick das Bett verlaffen. Hier war in psychischer Hinsicht keinerlei Disposition vor­handen.

Der Name Typhus kommt von dem gttechischen Wott Nebel. Man hat bei dieser Krankheit ans ihrer Höhe häufig ein völlig umnebeltes, verwtrttes Denken, sodaß man volkstümlick von Rervensieber spricht.

Ich kenne ferner Menschen, die durch Kohlen- orydgasvergiftunsten schwere geistige Störungen er- litteit. Sie er^htten phantastische Erlebnisie, mit denen sie die Lucken ihrer Erinnerungen ausfüllten, konnten -Wirkliches und Dorgestelltes nicht unter­scheiden und waren vor der Vergiftung völlig not»

Don SatiiMtoraf Dr. Max Edel

und Existenz verloren hatte. Durch diese Schicksal». schlage war er in völlige Apathie verfallen, inter« Mette sich für die Dinge, die ihn angingen, über­haupt nicht mehr, versäumte, rechtzeitig seine Aus­landsentschädigung anzumelden, und kam immer mehr herunter. Ich habe bei ihm keinerlei Dtspon- tion zur Krankheit, keine Erbanlagen, kurz, nichts reniteOen können, was al» Voraussetzung für den Ausbruch einer Krankheit hätte betrachtet werden können, «igenattig war in diefem Falle, datz der Mann sich zwar um feine eigenen Angelegenheiten nicht kümmern konnte, stch aber für seine ^rdens- genossen, die gleich ihm ihr Vermögen tm Ausland verloren hatten, einsetzte.

Erschrecken durch -inen Leiterstur».

Ein anderer Fall: Ein Mann, bi» dahin völlig normal, erbliche Belastung gering, fiel eines Tage- beim Arbeiten von der Leiter. Irgend eine körper- liche Schädigung war nicht sestzustellen, aber infolge des Schreckens war der Mann von diesem Augen­blick ab völlig geistig verwirrt. Er malte manirierte Bilder, nahm eigentümliche Haltungen und Stel­lungen ein und mußte jahrelang in unserer Anstalt bleiben Später wurde er wieder ganz normal, mußte aber einen neuen Beruf ergreifen, weil ei nicht imstande war, aus eine Leiter zu steigen DaS Kapitel: Rentenneurose.

Eine andere Kategorie von Neurotikern bilden die Menschen, die an Rentenneurosen erkranken. Auch unter ihnen befinden sich viele, die man als nicht disponiert betrachten mutz. Sie erleiden einen Unfall, werden trotz aller Mittel, trotz Pflege, nicht gesund, weil st« nicht gesund werden wollen. Sie wollen Rente bekommen, um für die Zukunft ver­sorgt zu fein.

So fiel eines Tages eine Patientin, bei der ein hysterischer Einschlag vorlag, im Dunkeln auf.einer Treppe. Ein Ritz im Beinmuskej war alles, was sich objekttv feststellen ließ. Sie behauptete, nicht mehr gehen zu können, ihr Bein fei völlig gelähmt. Si« beanspruchte eine Unfallrente. Tas Bein wurde in der Tat immer dünner, wett es nicht be­wegt wurde. Es ist in solchen Fällen häufig schwer, zu entscheiden, ob eS billiß ist, ihr eine Rente zuzu- sprechen, weil, wie das Reichsgericht entschiede.