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Tiummer 247*
Dienstag, 21. Oktober 1930
20. Jahrgang
300 Bergleute verschüttet!
Furchtbare Sprengstoff-Explosion bei Aachen / Rettungsarbeiien im Gange / Ein Teil der Verschütteten noch am Leben
Gchachianlage völlig zerstört!
rufung des Reichstags verlangen könne, während die Regierung auf dem Standpunkte steht, daß die Ver- fassung nicht in diesem Sinne auszulegen sei, sondern, daß vorläufig nur eine Mehrheit des Reichstages
(Eigene Drahtmeldung.)
bzw. der Reichspräsident die Möglichkeit habe, das Parlament frühzeitiger einzuberufen. Man glaubt
Aachen, 21. Oktober.
Am Dienstag morgen gegen 6,45 Uhr ereignete ftti) im Wilhelmsschacht der Grube Anna II des Esch- weiler Bergwerksvereins in Alsdorf ein furchtbares Unglück. Eine Stichflamme, begleitet von riesigen Rauchwolken schoß aus dem Schacht hervor. Das Unglück wurde hervorgerufen durch die Explosion eines Dynamitlagers auf der 245-Meter-Sohle. Die Explosion verschüttete mehrere hundert Bergleute. Der Förderturm wurde umgelegt und mehrere Häuser in Alsdorf zerstört. In der Grube kam ein Sprengstoffmagazin zur Explosion, wodurch die gesamte Grubenanlage z e r st ö r t wurde. Das Fördergerüst ist eingeflürzt, jede Verbindung nach außen ist abgeschnitten.
An den umliegenden Siedlungsbauten sind zahllose Fensterscheiben zertrümmert und Dächer abgedeckt worden. Sanitätskolonnen und Feuerwehr aus dem ganzen Landkreis Aachen eilten sofort zur Unglücks- stelle. Die Zahl der Verunglückten steht noch nicht fest.
Vorläufig wird versucht, von der Grube Anna II aus, die mit dem Wilhelmschacht durch einen unter- irischen Gang in Verbindung steht, zur Unalncksstelle zu gelangen. Man ist zunächst damit beschäftigt, die über Tage befindlichen Verunglückten fortzuschajfen. Die Detonation war i» einem Umkreis von vielem Kilometern vernehmbar.
Die Eisenbahnstrecke Herzogenrath- Stolberg ist abgesperrt.
Wetterführung funktionieri wieder
Aachen, 21. Oktober.
Unser Sonderberichterstatter meldet weiter: Die Explosion erfolgte um 7.20 Uhr. Allem Anschein nach bandelt es sich um eine Dynamitexplosion. Der gesamte Schachtbau und der darauf stehende Förder turm mit den in der näheren und weiteren Umgebung befindlichen Maschinenhäusern, Waschräumen usw. sind eingeflürzt. Unter den Bürogebäuden befand sich ein Benzollager, das ebenfalls in die L u ft f l o g und das ganze Gebäude mitriß. Zurzeit der Explosion waren in dem Gebäude etwa 30 Bell m t e tätig. Bis zur Stunde sind zwei Tote geborgen. Die übrigen Beamten sind mehr oder weniger schwer verletzt.
Im unterirdischen Betriebe war dir ganze Frühschicht und noch ein Teil der Nachtschicht tätig, so daß 300 bis 400 Bergleute ringens chlossen find. Man versucht, von den Nachbar- er 'tcn Adolf in Streisseld und Anna I in Alsdorf an den llnglücksherd heranzukommen. Im oberirdischen Betriebe ist die ganze Stätte eia w ü st e s Trümmerfeld.
Wie weiter gemeldet wird, ist es gelungen, die Wetterführung der betroffenen Schachtanlage wieder in Ordnung zu bringen. Rettungs- kolonnea find eingefahren; es besteht Hoffnung, daß auf der tieferen Sohle niemand gefährdet ist. Die Zahl der Toten und Verletzten ist »ach Lage der Dinge zur Zeit nicht feststellbar. Die Belegschaften der Nachbargruben find ans Sicherheitsgründen sofort nach dem Unglück herausgezogen worden.
Sicher 50 Opfer geborgen
Alsdorf, 21. Oktober.
Bis 10.30 Uhr vormittags waren von den bei der schweren Grubenkatastrophe Betroffenen etwa 50 Tote und Verletzte geborgen. Die Trümmer des Förder- lorbes find jetzt zu einem kleinen Teil beseitigt, jedoch ist der Zugang zu dem llnglücksschacht noch nicht ganz freigelegt.
Mit den auf der 450-Meter-Sohle eingeschlossenen Bergleuten besteht noch telephonische Verbindung. Die Verschütteten haben fich auf Anruf als noch lebend gemeldet.
parlamentarische Disziplin
Was Reichstagspräsident Loebe dazu sagt.
th. Berlin, 21. Oktober.
Reichstagspräsident Loebe beschäftigt sich heute mit einem parlamentarischen Problem, welches für die nächste Zrckunft von großer Bedeutung ist: nämlich mit der parlamentarischen Disziplin- Loebe erinnert im -Vorwärts" daran, daß man un= mittelbar nach den Reichstagsneuwahlen das neue Parlament überhaupt nicht für verhandlungssähig gehalten habe. Ganz so schlimm sei es ja nicht ge
worden, aber gerade noch schlimm genug. Schon die Umstellung des Parlaments mit starken Poltzei- kräften fei eine ebenso ungewöhnlich, wie unerwünschte, aber leider notwendige Vorsichtsmaßnahme gewesen.
Die Frage, ob das Erscheinen in Uniform überhaupt geduldet werden solle, werde in der kommenden Woche gelöst werden müssen, aber es sei kein Zweifel, daß diese Uniformierung int höchsten Grade unerwünscht sei, denn sie teile im Voraus schon das Parlament in feindliche Armeelager, und man müsse damit rechnen, daß das Beispiel von anderen Gruppen nachgeahmt werde. Das minutenlange Händeklatschen, das früher nicht üblich war, die Sprechchöre, die massenweisen Schlußrute und organisierten Störungen seien mit dem Prinzip der freien Aussprache nicht vereinbar. Trotz aller dieser Störungen und trotz aller finsteren Prophezeiungen sei es aber gelungen, die Lahmlegung des Reichstages zu verhindern, und Loebe schließt mit der Annahme, daß die Mehrheit stark genug und gewillt sei, auch zukünftig das zu verhindern, was sie in den ersten fünf Tagen dieses Reichstages verhindert habe.
Artikel 24
Um die vorzeitige Wiedereinberufung des Reichstags.
th. Berlin, 21., Oktober.
Der Streit über die Frage, ob der auf den 3. Dezember vertagte Reichstag nicht unter Umständen zu einem früheren Zeitpunkte zusammentreten kann, geht in der Oeffentlich- keit immer noch weiter. Von der Opposition der Rechten wird die Behauptung aufrecht erhalten, daß auf Grund des A r t i k e l s 2 4 der Reichsverfassung ein Drittel aller Abgeordneten eine frühere Einbe-
aber in Regierungskreisen, daß im Ernstfälle kein ausschlaggebendes Hindernis vorlkegen würde, um den Reichstag neu einzuberufen, und wenn etwa aus den Wünschen mehrerer großer Parteien sich ergeben sollte, daß eine Mehrheit des Parlaments den früheren Zusammentritt für wünschenswert hält, so würde der Reichstags Präsident im Einvernehmen mit der Regierung jederzeit in der Lage sein, das Parlament vorzeitig einzuberufen. Diese Frage wird also voraussichtlich keine große politische Rolle mehr spielen.
Amnefiiegeseh und Re chsrat
Berlin, 21. Oktober.
Das preußische Kabinett dürfte sich, wie das.,B. T." berichtet, heute über seine Stellungnahme zu dem Amnestiegesetz schlüffig werden, das vom Reichstag mit Zweidrittelmehrheit angenommen worden ist und gegen das formal der Einspruch des Reichsrates zulässig ist. Wird Einspruch erhoben, so könnte der Reichstag das Gesetz mit einem neuen Zweidrittelbeschluß trotzdein in Kraft setzen. Das Amnestiegesetz gewährt Straffreiheit für alle vor dem 1. September 1924 aus politischen Beweggründen begangenen Straftaten, insbesondere auch den Fememördern und einer Anzahl Kommunisten. Von der Anlnestie ausgenommen sind Straftaten, die gegen ein Mitglied oder ein früheres Mitglied der Reichsregierung gerichtet sind. So fallen beispielsweise die Mörder Erzbergers nicht unter die Amnestie/
Aieniimp geflohen
Berlin, 21. Oktober.
Der in einen schweren Korruptionsskandal verwik- kelte ehemalige Zentrumsreichslagsabgeordnete N t en« timp, gegen den ein Strafverfahren wegen Steuerhinterziehung und Bestechung schwebt, ist, dem „Lo- kalanzciger" zufolge, nach Straßburg geflüchtet.
„Moratorium unvermeidbar"
Schachts Besprechung mit Hoover und Mellon
Neoyork, 21. Oktober.
Zn einem Washingtoner Sonderbericht eines englischen Blattes wird behauptet, Schacht habe Hoover und Mellon freimütig erklärt, daß seines Erachtens ein Moratorium für die Reparationszahlungen sich als unvermeidbar erweisen werde. Diese zeitweise Einstellung der deutschen Zahlungen wird nach Ansicht gut unterrichteter Kreise eine allgemeine Suspendierung des alliierten Schuldendienstes an Amerika zur Folge haben.
Welche Haltung Hoover in diesem Falle einnehmen wird, könne allerdings niemand voraussagen. Man erkenne in Wa>hingtou an, daß England und Ztalieu infolge der Depression und der Arbeitslosigkeit ihre Zahlungen schwerlich fortietzen könnten, wenn Deutschlands Leistungen ansblieben. Dagegen würde Frankreich kaum Sympathien begegnen, wen« es gleichfalls vom Moratorium Gebrauch machen wollte.
Zum Schluß bemerkt das Blatt, in Washington sei man fich darüber klar, daß Dr. Schacht nicht im Namen der deutschen Regierung spreche, doch glaube man, daß seine Voraustagen fich wahrscheinlich als richtig Herausstellen würden.
*
London, 21. Oktober. Wie an zuständiger englischer Seite verlautet, find die Gerüchte von angeblichen deutschen Schritten bei der englischen Regierung hinsichtlich eines Moratoriums für die Tributzahlungen nicht zutreffend.
youngolan und Welttvirtfchaft
Millionen Rundfunkhörer hören Schachts Ausführungen.
Reuyork, 21. Oktober.
Auf einem Festeflen der Foreign fand eine bemerkenswerte Aussprache zwischen Tr. Schacht und dem ehemaligen Mitglied der Reparationskommission John Faster Dulles über den Youngplan und seine Beziehungen zur Weltwirtschaft statt. Hervorragende Vertreter der amerikanischen Finanzwelt und der In
dustrie, sowie Millionen Rundfunkhörer folgten der Aussprache.
Dulles versuchte, die Reparationsfrage möglichst objektiv zu behandeln und gab zu, daß
die Pariser Konferenz die moralische Grundlage der Reparationstrage außer acht geloffen habe. Deutschland habe abgerüstet, die Alliierten hingegen setzten die Rüstungen, trotz des in Versailles gegebenen feierlichen Versprechens fort. Infolge dieser Tatsache, sei das Ergebnis der deutschen Wahlen zu verstehen, ja es sei als ganz selbstverständlich zu betrachten. Andererseits glaubt Dulles auf eine gewisse Geldverschwend ung in Deutschland Hinweisen zu müssen. Pessimismus sei jedoch unberechtigt, da eine mutige und kluge Führerschqft Wundex vollbringen könne. Trotz der starken Propaganda der Nationalsozialisten hält er es nicht für möglich, daß Deutschland mutwillig die Reparationszahlungen einstellen wird. Deutschland müsie durch Selbstvertrauen und durch seine Tätigkeit dem Ausland Vertrauen ein- flößen.
Dr. S ch a ch t stellte den Ausführungen des Amerikaners über die wirtschaftliche Lage in Deutschland nackte Zahlen und Tatsachen gegenüber, die das deutsche Elend erweisen. Gewiß habe die deutsche Wirtschaft einen beachtlichen Aufschwung genommen. Man dürfe aber nicht vergeffen, daß
Deutschland die Reparationszahlungen und den Zinfendienst lediglich aus den im Ausland aufgenommenen Krediten und Anleihen bestritten habe. Dieser Zustand könne unmöglich lange andauern. Der jetzige Ausfuhrüberschuß fei das Ergebnis der Verminderung der Einfuhr. Um seinen Verpflichtungen nachzukommen, müsse Deutschland 5 Milliarden Goldinark jährlich Ausfuhrüberschuß ausbringen. Eine-derartige Steigerung des deutschen Anteils am Welthandel sei jedoch unmöglich, da die anderen Länder sich dagegen sträubten, daß Deutschland sie von den Absatzmärkten ausschalte. Die Reparationsfrage sei keine rein deutsche, sondern eine internationale Angelegenheit. Alle Völker müßten an der Lösung Mitarbeiten. Dadurch könnte auch eine der Hauptursachen der Depression am Weltmärkte beseitigt werden.
Oesterreich im Wahlkampf
A. P. Wien, 21. Oktober.
Ein schicksalsschweres Datum in der Geschichte Oesterreichs steht uns bevor: Der 9. November, der Tag der österreichischen Neuwahlen. Für den Kenner Oesterreichs ist es sicher, daß die Ergebnisse dieses Termins keine nachträgliche Analogie zu jenem anderen 9. November erlauben werden, an dem vor zwölf Jahren im Deutschen Reich das Tempo der geschichtlichen Entwicklung im revolutionären Rhythmus bestimmt wurde. Immerhin: die Welt weiß andererseits auch, daß die Wege der österreichischen Innenpolitik, die zu der Ausschreibung dieser Wahlen geführt haben, nicht von Erschütterungen und Ueberraschungen frei waren. Die Vorgänge, die zum Sturz Schobers führten, insbesondere der Konflikt um die Bundesbahnen und der Prozeß Strafella, waren derart, daß der größte Teil der Bevölkerung die neue Regierung Vaugoin mit einigem Vorbehalt betrachtet, obwohl ein so gewiegter Diplomat wie Monsignore Seipel das Portefeuille für auswärtige Angelegenheiten übernommen hat, um dadurch gegenüber der Außenwelt zu demonstrieren, daß der auswärtige Kurs Oesterreichs keine Aenderung erfahre. Nach dem Zerfall des Koalitionspaktes zwischen den Christlichsozialen, den Großdeutschen und dem Landbund ist die bürgerliche Mitte zur Opposition übergegangen, so daß in Oesterreich plötzlich ein nationales Zentrum zur Geltung kommt, das sich mit äußerster Schärfe sowohl gegen die Sozialdemokratie als auch gegen die Hegemoniebestrebungen der Christlichsozialen wendet. Dieses Zentrum, dessen Programm den Kampf für die Unabhängigkeit der Gerichte, die Reinheit der Verwaltung und die Priorität'der Wirtschaft vor jeder Parteipolitik umfaßt, hat in Altbundeskanzler Schober, bet jetzt wieder im Polizeipräsidium am Schottenring amtiert, einen, warmen Fürsprecher gefunden; denn Schober hat sich bereit erklärt, dem Ruf der Wirtschaft zu folgen und im Interesie einer Konsolidierung in allen 25 Wahlkreisen Oesterreichs als Spitzenkandidat aufzutreten. So bietet Oesterreich heute dem flüchtigen Blick das völlig ungewohnte Bild, daß i n das Zweiparteiensystem der Christlichso- zialen und Sozialdemokraten eine Bresche geschlagen wurde, während in den Alpen- länbern eine nationale Volksbewegung im Gange ist.
-Im Einzelnen verfolgte die Parteileitung der Christlichsozialen den Plan, mit Hilfe der H e i rn- weh r e n die Großdeutschen und den Landbund zu schwächen, um selbst die absolute Mehrheit im Parlament zu erringen. Wenn an der Spitze der Regierung auch Vaugoin steht, so gilt Monsignore Dr. Seipel doch als leitender Geist, und sämtliche christlichsozialen Minister des neuen Kabinetts gehören zur alten Seipelgarde, so daß vielfach von einer „Regierung Seipel, genannt Vaugoin", gesprochen wird. Sonderbar mutet nun das Verhältnis der Klerikalen zu den Heimwehten an, die sich heute offen zum Programm der Nationalsozialisten bekennen. Der neue Minister des Innern, Fürst Rüdiger von Siarhemberg., der erst vor kurzem das dreißigste Lebensjahr überschritten hat, hat mit seinen programmatischen Erklärungen nicht immer Glück gehabt. Starhemberg, persönlich ein durchaus lauterer Charakter, mußte seinen ersten Pakt mit Vaugoin einer Revision unterziehen, weil die Landesführungen der Heimwehren in den Provinzen gegen das Zusammengehen mit den Christlichsozialen protestierten, zumal sie es als äußerst peinlich empfanden, daß die Regierung Schober ausgerechnet über den Fall Strafella zu Fall kam. Vaugoin und Seipel hatten^es sich ursprünglich so vorgestellt, daß sie einige Heimwehrleute auf die christlichsoziale Liste nehmen, wofür die Heimwehren der größten Partei Oesterreichs als „Einpeitscher" bei den Neuwahlen zur Verfügung stehen. Nur in Kärnten, Steiermark und dem Burgenland sollten die Heimwehren eigene Listen aufstellen. Heute ist dieser Pakt bereits in die Brüche gegangen, und die Heimwehren kandidieren überall selbständig unter dem Namen „Heimatblo ck", wobei Steidle in Tirol, General Hülgerth in Kärnten, Baron Arbesier in der Steiermark und Fürst Starhemberg in Oberösterreich als Listenführer erscheinen. Trotz dieser großen Aktivität machen fich indeffen Anzeichen dafür bemerkbar, daß die Heimwehren heute nicht mehr jene innere Kraft und äußere Anziehung besitzen, wie vor einem Jahr. Man ist eher zu der Meinung geneigt, daß gerade durch die Kandidatur der Heimwehren bei den Neuwahlen der Verfall dieser Bewegung begonnen hat.
Eines der intereffanteften Kapitel der jüngsten Geschichte Oesterreichs hübet das Ein strömen des deutschen Nationalsozialismus in die Rechtspartei. Starhemberg hat den neuen Justiz- mürister Sucher, einen bisher völlig uubekanme»