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Kasseler Neueste Nachrichten

20. Jahrgang

Montag, 6. Oktober 1930

Nummer 234*

Kasseler Abendzeitung

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Hessische Abendzeitung

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Schwarze Tage der Luftfahrt

Das englische Luftschiff R101 durch Explosion vernichtet / Schweres Verkehrsflugzeug-Unglück bei Dresden fordert 6 Tote

Oie 47 Opfer des R101

Ursache des Unglücks: Berührung mit elektrischer Leitung?

Paris, 6. Oktober.

Das englische Luftschiff R 101, das Sonnabend abend um 7,50 Uhr in Cardinqton zur Indienfahn gestartet war, ist Sonntag früh gegen 2,30 Uhr bei Beauvais, ctava 60 Kilometer nord­westlich von Paris, explodiert. Im Augenblick der Katastrophe sloa R 101 nur 100 Meter über der Erde gegen eine schwere Regenboe. Von dieser wurde das Luftschiff gegen den Erdboden geschleu­dert und explodierte.

Nach den Mitteilungen des englischen Luftfahrt­ministeriums befanden sich 54 Personen au Bord dqZ verunglückten Luftschiffes. Davon find, wie die amt­liche englische Berluftliste ergibt, 46 Personen verbrannt. Die acht Ueberlebeuden wurden mit Brandwunden nach Beauvais ins Krankenhaus ge­bracht.

Unter den Toten befinden fich der englische Luft fahrtminister Lord Thomson und der Leiter der englischen zivilen Luftfahrt Sir W. S. B r a n ck e r.

Die Ueberlebeuden der englischen Luftschiffkata­strophe erklären mit aller Bestimmtheit, daß fich im Augenblick des Unglücks 58 Passagiere an Bord des Luftschiffes befanden, obwohl der Luftfahrtmin ster erklärt hätte, daß 54 Personen nn Bord seien.

Einer der Ueberlebenden des Unglücks ist heute früh gestorben.

An -er Ltnglvcksstätte

Paris, 6. Oktober.

Uebcr die fnrchtbare Luftschiffkatastrophe bei Beauvais werden hier folgende Einzelheiten be­kannt:

Gegen zwei Uhr morgens wurden die Bewohner von Beauvais durch den Lärm mehrerer Motoren aus dem Schlafe geweckt. Als die Leute die Fenster öffneten, bemerkten fie das große englische Luftschiff R 101, das sehr niedrig flog und von Nordwesten her aus der Richtung Abbeville kam. Trotz des Regens und dichten Nebels zeichnete fich das Luftschiff mit seinen roten und grünen Signallichtern deutlich vom Nachthimmel ab. Es schien schwer gegen die Regenböen anzukämpfen. Plötzlich ertönte eine furchtbare Explosion. Mau sah riesige Flam­men emporsteigen und das Luftschiff stürzte ab.

Die Bewohner von Beauvais und die Bevöl­kerung von Alonne, das etwa 4 Kilometer süd­östlich von Beauvais liegt, liefen querfeldein der Unglücksstelle zu, konnten sich aber wegen der un­geheuren Hitze, die der Brand entwickelte, dem Luftschiff nicht nähern. Man sah nur einige gespen- sterhafte Schatten hin und her laufen, es waren ein Paar Leute der Besatzung des Luftschiffes, die ihr Leben retten konnten. Ave Behörden des Departe­ments fanden sich am Platze der Katastrophe ein.

Die Offiziere des 51. Infanterieregiments und die Gendarmerie organisierten den Ordnungs- und Hilfsdienst. Der französische Luftfahrtminister Lau­rent Eynar reiste sofort nach der Unglücksstelle.

Die L ö s ch a r b e i t e n, die in Beauvais bei dem verunglückten englischen Luftschiff R. 101 sofort nach der Katastrophe ausgenommen wurden, waren gestern nachmittag fast beendet. Die Leichen find eingesargt worden und nach der Bürgermeisterei von Alon ge­bracht worden.

Im Innern der Führergondel wurde die ver kohlte Leiche eines Mechanikers gefunden, der noch einen Schraubenschlüffcl in der Hand hielt. Die acht geretteten Paffagiere befanden fich in der mittleren Kabine, während die übrigen in den Seitenkabinen untergebracht waren. Zwei der Geretteten erklärten, daß fich während des Absturzes ein über ihnen be­findlicher Wasserbehälter öffnete und daß sic dadurch vor dem Flammentode bewahrt wurden.

Der Vorderteil des Luftschiffes ist völlig zusammengcdrückt, während der hintere Teil noch teilweise erhalten ist. Bewohner der Umgegend berichten, daß sie in einem Umkreis von mehr als zwei Kilometern Aluminiumtrümmer gefunden hät­ten. Die UnglücksstäUe war von einer riesigen Men schenmenge umlagert, trotzdem es in Strömen regnete.

*

Oie Liste der paffagiere

Zustand der Verletzten unverändert.

London, 6. Oktober.

Die vollständige Liste der Passagiere des verunglückten R 101 we'st folgende Namen auf.

Koxd ThoslöS, britischer Minister sur Flug­

wesen; Sir ©eiten Stander, Direktor der Zivil­luftfahrt; Geschwaderchef Palstra von der austra­lischen Militär Aviatik, Geschwaderführer O'Neil, Vertreter des Staatssekretär für Indien, Komman­dant Colmore, Direftor des Luftfahrtdienstes, Oberstleutnant Richmond und Major Scott, Direk- tionsadjunkt des gleichen Dienstes, Geschwaderfüh­rer Rope, der Ingenieur Leach, Inspektor Bushfield.

Dresden, 6. Oktober.

Das Flugzeug D 19 3 0, das sich auf dem Fluge Berlin-Wien befand und fahrplanmäßig um 9,15 Uhr in Dresden landen sollte, ist heute vormit- ,infl über einem Reichsivehrschießstand in der Dres-

folgte Unglück von erschütternder Tragik ist, lautet: »Zur Zeit befinden sich die Paffagiere nach einem ausgezeichneten Mahl, und nachdem sie ihre Zi­garre geraucht haben, im Begriff schlafen zu gehen."

Die letzten Minuten

Paris, 6. Oktober.

Ingenieur Leach, der mit schweren Brandwunden an den Händen gerettet wurde, gab am Sonntag abend eine genaue Schilderung der letz­ten Momente vor der Lustschiffkatastrophe. Er er­klärte/ um 1.43 Uhr standen wir mit Le SBourget in funkentelegraphischer Verbindung, and man teilte uns mit, daß wir uns

2 Km. südlich von Beauvais

befänden. Ich suchte diesen Ort, ohne zu wissen, in welcher Höhe wir uns befanden, während ich mit aller Gewalt gegen den Wind anzukämpfen versuchte, der uns immer stärker zu Boden drückte. Von neuem setzte starker Regen ein, der das Gewicht

des Schiffes noch vermehrte. Fast gleichzeitig mußte ich die erschreckende Feststellung machen, daß

Maschine und Steuerung nicht mehr in meiner Gewalt

waren. Trotz größter Bemühungen gelang es mir nicht, das durch den Sturm immer tiefer gehende Schiff wieder in die Höhe zu bringen. Zweimal war es möglich, das Schiff ein wenig höher zu bringen, dann aber gab es eine ungeheure Erschütterung.

Die Spitze des Luftschiffes hatte den Boden be­rührt. Im gleichen Augenblick entstand eine furchtbare Explosion; helle Flammen jchoffen aus dem Luftschiff hervor.

Ich stürzte mich sofort in eine der Sciten-Schotten und arbeitete mich durch das Gestänge, um zu einer

Oeffnung zu gelangen. Im nächsten Augenblick schlu­gen die Flammen um mich herum. Ich weiß dann nicht mehr, wie ich den Weg ins Freie gefunden habe, da ich erst wieder auf dem Felde zur Besinnung kam.

Leach vertrat ferner die Ansicht, daß die Explo­sion auf das Zerreißen von elektrischen Leitungsdrähten zurückzufübren sei.

Der unter den Geretteten befindliche Funker des Luftschiffes berichtet über das Unglück: Nach Ueberfliegen von Beauvais befanden wir uns in 4 bis 500 Meter Höhe, als wir

in ein Luftloch gerieten.

Das Luftschiff kam leicht wieder hoch, geriet aber in ein zweites Luftloch und wurde gegen den Boden geschleudert. Der Steuermann versuchte, das Höhen-

bener Heide abgestürzt. Es war mit einem Pi­loten, einem Monteur und 6 Paffagieren besetzt. Bisher wurden 6 Tote und 1 Schwerverletzter ge borgen. Rach einer anderen Meldung sind 8 T o t e zu beklagen.

und befand ..nch auf einmal in Hemdsärmeln etwa 100 Meter vom Luftschiff entfernt, ohne daß ich sa­gen könnte, wie ich herausaeschleudert wuroe.

Das Wafferstoffgas explodiert

London, 6. Oktober.

Reuter berichtet aus Beauvais, zur A u s k l ä r u n g der Katastrophe des LuftschiffesR 101" müsse erst die amtliche Untersuchung aller verfügbaren Tat­sachen abgewartet werden. Unter den Ueberlebeuden, so heißt es in der Reutermeldung weiter, befinden sich einige, die fähig sein werden, die Läge des Luftschiffes unmittelbar vor der Katastrophe zu beschreiben, wäh­rend auch die Aussagen von Personen verfügbar fein werden, die das Unglück von der Erde aus verfolgten. Der wichtigste Punkt, der aufgeklärt werden mutz, dürfte sein, ob der endgültige Sturz des Luftschiffes auf augenblickliche Umstände zurückzuführen war oder ob das Luftschiff bereits vorher einigen Scha­den erlitten hatte. Im Zusammenhang damit ist es intereffant, festzustellen, datz Teile des Luftschiffes

einige Meilen vom Wrack entfernt aufgefunben wor­den sind.

Aus den von Ueberlebenden abgegebenen Er­klärungen scheint hervorzugehen, datz das Luftschiff sich zweimal neigte, bevor es endgültig zur Erde stürzte. Zu dieser Zeit hatte das Riesenluftschisf die Geschwindigkeit von etwa 55 Meilen in der Stunde. EsfielaüfdieSpitze und eine Explosion folgte unmittelbar darauf. Eine Rieseuflamme hüllte das Lufffchiss von einem Ende zum andern ein. Es steht außer Zweifel, daß das W a s s e r st o f f g a s des Luft­schiffes explodiert ist und nicht der schwere Oelbrenn- rtoff. Die Gasventile des Luftschiffes wurden durch die Explosion aus dem Wrack herausgeschleudert. Es ist bisher noch nicht sestgestellt worden, ob die Navi­

gatoren eine Warnun g erhalten hatten, daß sie in das S11. r m g e b i e t hineinfuhren.

Besatzung und Luftsch ist nicht versichert

London, 6. Oktober.

Luftmarschall Salmonv, der auf die Unglücks­nachricht hin nach Paris geflogen war, besuchte die Uuglücksstätte und sprach mit einigen Schwerverletz­ten und hatte lange Unterredungen mit den Vertre­tern der französischen Behörden. Er kehrte gegen Abend im Flugzeug nach London zurück. Nach seiner Ansicht wird eine scharfe Unrersuchung über die Ursache des Unglückes eingeleitet werden müssen. Der Luftfahrtausschuß beabsichtigt, wie der Luftfahrtminister mitteilte, eine öffentliche Unter­suchung über den Verlust des R. 101 abzuhalten. Diese soll in England stattfinden, vorausgesetzt, daß sich das mit den Abmachungen vereinbaren läßt, die zur Zeit mit der französischen Regierung getroffen werden.

Von den Insassen des verunglückten Luftschiffes sind Lord Thomson, die meisten Passagiere und die Luftschiffoffiziere versichert. Nicht versichert ist Dir Ständer und die Besatzung. Da das Luftschiff Eigen­tum der Regierung war, war es gleichfalls nicht ver- ichert. Die letzten Worte, die Vizemarschall Brander unmittelbar vor seiner Abreise mit dem Luftschiff -prach, sind auf dem Zylinder eines Diktaphons ver­ewigt worden. Es handelt sich um ein Telegramm, das er in seinem Büro diktierte und das von Crov- don an Fran Viktoria Bruce geschickt wurde, die sich auf 'einem Fluge nach dem Fernen Osten ve- änb.

England trauert

London, 6. Oktober.

Die Nachricht von der Katastrophe hat in England umso größeres Entsetzen erregt, als das Riesenluft- chiff von den Sachverständigen alsWunderschiff und alsdas letzte Wort im Luftschiffbau" bezeichnet worden war, das nach den Worten eines Blattes , die britische Luftüberlegenheit ein für alle mal dar- legen sollte". Jede Sorgfalt, die die Sachverständigen erdenken konnten, war beiR. 101",dem verzogenen Liebling der Lüfte", wie es genannt wurde, verwen­det worden. Aber bereits kurz nach dem Start schien es den Tausenden von Zuschauern, die sich versammelt hatten, um dem Luftschiff auf seiner Fahrt nach In­dien lebcwohl zu sagen, daß etwas nicht in Ordnung war und daß es ungewöhnlich tief flog, die Spitze gesenkt, und den Schwanz hoch.

In Sandringham fand am Sonntag ein außer­ordentlicher Trauergottesdienst für die Toten der R. 101 statt, an dem der König und die Köni - gtn, sowie auch die norwegische Königin und Prin­zessin Viktoria sowie die Bevölkerung teilnahmen.

Gut, aber zu schwer gebaut

Das LuftschiffR. 101" war durch den englischen Staat gebaut und am 12. Oktober 1929 fertiggestellt. Es faßte 141500 Kubikmeter. Seine Länge war 223 Meter und sein Durchmesser 40 Meter.

Die Einrichtungen für die Passagiere bestanden aus einem größeren Salon, der 18 auf 9 Meter maß, einem Speisesaal, in dem 50 Personen bequem spei­sen konnten, einem Rauchzimmer und zahlreichen Ka­binen mit je zwei Betten. Diese Räume waren tn das Schiffsinnere eingebaut. Es sind für die Be­quemlichkeit und für den Komfort der Passagiere große Bemühungen gemacht worden. Das Lufffchttf war mit Motoren Beardmore-Tornado ausgerüstet, welche Masut (einem bei der Destillation von Pe­troleum gewonnenen Produkt) statt Benzin ver­brauchten. n ...

Die Motoren waren auf eine Leistung von 750 P S. berechnet; ihre wirkliche Kraft war ,edoch lediglich 585 bis 650 P. S. Insgesamt waren vier Motoren angebracht.R. 101 war das Luftschiff, pe, dem man ausgiebig 61 al) l für die wichtigsten Teile verwandt hatte.

Am 12. Oktober v. I. starteteR. 101 zum ersten Male und wurde an seinem Mast festgemacht. Zwei Tage später verließ das Luftschiff mit. 52 Personen au Bord den Ankermast und flog über 5% Stunden über London und Umgebung. Diese Versuche waren völlig befriedigend verlausen.

*

Dr. Eckener äußerte sich zu uns ans die Frage, was er von een englischen Schiffen halte, kürzlich einmal dahin, sie seien

ausgezeichnet, aber zu schwer gebaut.

Achnliche Ansichten vertrat Dr. Eckener auch fetzt dem Leipziger Sontderkorrespondenten derMorning- poft" gegenüber: Eckener hält es für möglich, daß R 101 für den ersten Teil des Fluges ;u stark He­ia st e t war, um so stürmischem Wetter widerstehen zu können, zumal, da das Luftschiff durch den hcfti- gen Regen eine weitere Belastung erhalten haft«.

D1930 bei Dresden abgestmzt (Eigener Drahtbericht).

Buck, Attachee des Lufcfahrtministeriums.

Die letzte Nachricht von R 101. die man um 1,50 Uhr erhielt, die im Hinblick auf das bald daraus et=

rührte das Luftschiff mit dem Mittelteil den Boom, und es ereignete sich eine Explosion.

Ich wurde aus dem Luftschiff geschleudert

Major Bichop, Chefinsvektor der englischen Aviatik, I steuer ganz auszunutzen, um das Luftschiff wieder in * die Höhe zu reißen, aber im gleichen Augenblick bc-