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E-mmSend/Sonntag, 4J5. Oktober 1930

Kasseler Neueste Nachrichten

#M(e 3-3. Beklag« l

Lin Wiener Sensationsprozeß

Oer rätselhafte Mord im Lainzer Tiergarten

(Sonderbericht für die „R. N. 91.*)

H. U. Wien, 4. Oktober.

Vor mehr alZ zwei Jahren, am 17. Juli 1928, hörten mehrere Personen im Lainzer Tiergarten, dem ehemals Laiserlichen Besitz vor den Toren Wiens, an einem Tag, an dem der Park für das Publikum gezerrt war, rasch hintereinander sechs Schüsse. Baäd darauf sah ein im Tiergarten be­schäftigter Forstarbeiter Rauch aufsteigen, lies rasch hin und fand in einem abgesperrten und noch durch einen Drcchtzaun und eine Mauer isolierten Teil des Tiergartens, der sogenannten „Saulaken", eine unbeweglich liegende Frauengestalt mit brennenden Kleidern.

Bevor das Feuer die Kleider noch zerstören konnte, ging ein heftiges Gewitter nieder und löschte die Flammen. Di« rasch verständigte Gen­darmerie und bald darauf die Mordkommiffion stell­ten fest, daß die Frau im Feuer vor oer beabsich­tigten Verbrennung durch mehrere Revolverschüsse von denen die Mehrzahl den Kops durchbohrt hatte, getötet worden war.

Allen Bemühungen der Polizei zum Trotz, die zu dem Schluß kam, daß Raubmord vorliege, konnte nicht festgestellt werden, wer die Ermordete war, und noch weniger, wer ihr Mörder sei. Das Gesicht war zum Teil durch das Feuer entstellt, weshalb eine Moulage, eine plastische Rekonstruktion, vorge­nommen wurde. Obwohl die Phowgraphien dieses Kopfes in alle Welt hinausgingen, niemand erkannte die Ermordete. Auch die genaue Beschreibung der Bekleidung und des mageren Besitzes, der bei der Toten gefunden wurde, und ihres kunstvoll ergänz­ten Gebisses führte zu keiner Spur. Die Tot« und ihr Mörder blieben unbekannt.

*

Ein Jahr verging. Da ließ sich ein höherer Polizeibeamter bei einem Zahnarzt seine Zähne nachsehen. So nebenbei erwähnte der Doktor, daß er nach der Beschreibung des Gebisses der Toten von Lainz an eine seiner früheren Patientinnen ge­dacht habe. Da aber alle anderen Angaben über die Tote so gar nicht mit dem, was er von ihr in Erinnerung hatte, übereinstimmten, habe er seine Vermutung nicht ausgesprochen. Der Patient ver­anlaßte seinen Arzt, sich jetzt das Gebiß doch an­zusehen und — so war wirklich die erste Spur ge­sunden. Es gelang sogar die Lösung des ersten Rätsels — die Identifizierung des Opfers. Die Tote war eine 44jährige Frau, Katharina Fell­ner, geborene Schäftner, die vor und nach ihrer kurzen Ehe in Italien und an der Revier« gelebt — Und geliebt hatte.

38er aber war der Mörder?

Der erste Verdacht fiel auf den geschiedenen Mann der Toten, Heinrich Andreas Fellner, einen Ungarn, übel beleumundet, wegen Betrügereien und als Hochstapler schwer vorbestraft und des Landes verwiesen. Der Chef der Wiener Sicherheitspolizei reiste nach Budapest, und da Fellner nicht auf seine Ankunft wartete, auch diesem nach Abbazia nach, um chn als Mörder seiner Frau verhaften zu lasten.

Aber das Unwahrscheinliche geschah: Fellner ge­lang cs, ein Alibi zu erbringen, ein Alibi, über das im Prozeßverlauf noch viel gesprochen werden wird, und die Wiener Polizei hatte wieder keinen Mörder.

Dagegen aber eine neue Spur. Fellner hatte den Wiener Kaufmann Gustav Bauer, Mitin­haber der Crayon G. m. b. H„ verdächtigt, und die Verfolgung der Spuren ergaben so schwerwiegende Verdachtsmomente, daß Gustav Bauer am 17. Juli 1929, also am Jahrestag des Mordes, in Berlin in Haft genommen wurde. Bauer, der den Moro auf das Entschiedenste bestritt, blieb viele Monate hindurch im Berliner Untersuchungsgefängnis, und der bekannte Berliner Kriminalist Gennat führte selbst die Untersuchung gegen ihn, nach deren Ab­

schluß Bauer zu Beginn dieses Jahres nach Men ausgeliesert wuroe. Hier währte di« Untersuchung nochmals dreiviertel Jahre, so daß die Verhandlung, die vor Wiener Geschworenen voraussichtlich über zwei Wochen in Anspruch nehmen wird, erst für den 7. Oktober, also für kommenden Dienstag, anbe- räumt werden konnte.

Die Anklage gegen Gustav Bauer, der kein ein­wandfreies Alibi beibringen konnte, enchält zahllose Verdachtsmomente, aber keinen Beweis. Mit utu endlicher Mühe wuroen Indizien über Indizien zü- sammengeiragen und die Staatsanwaltschaft erwar­tet durch diese Häufung verdächtiger Umstände, die Geschworenen von der Schuld des Angeklagten überzeugen zu können.

Die erste Frage: Welches Motiv hat Bauer? Er verfügte über ein verhältnismäßig großes Einkom­men, 20 000 Mark jährlich, und gehörte oer soge­nannten guten Gesellschaft an. Als seine Firma im Verlause der Untersuchung aufgelöst und liquidiert wurde, wurden auf seinen Anteil allein noch 34000 Schilling, also 20000 Mark ausgezahlt. Aber da sie­len der Polizei Briefe in die Hand, die Bauer zwei, drei Tage vor dem Mordtag an die Kellnerin Agathe Mayer in Innsbruck gerichtet hatte, Briefe, in denen er ihr nicht nur einen Heiratsantrag machte, sondern ihr auch dringend nahclegte, ihm ihr Vermögen von 30 000 Schilling für geschäftliche Zwecke, zur Erwerbung eines Patentartikels, anzu­vertrauen.

Und die Ermordete soll außer zahlreichen Pelzen auch Schmuck im 38erte von etwa 50000 Lire, Schmuck, den ihr ein langjähriger Freund, ein alter Bankdirektor aus Triest, geschenkt hatte, beseffen haben und dieser Schmuck ist bis heute nicht auffind­bar. Dagegen wurden die Pelze gefunden, die Bauer teils selbst verkauft hatte, teils durch ein« Freundin, die Frau eines Kommerzialrates und Pelzhändlcrs in Wien, hatte verkaufen lasten.

Der Behauptung der Staatsanwaltschaft, Bauer habe dringend Geld gebraucht, stellt er die Gegen­behauptung entgegen, daß es gar nicht so dringend gewesen sei. Er hätte zwar ganz gern eine große Summ« zur Verfügung gehabt, aber das sei keine Existenznotwendigkeit gewesen, sondern nur der Ab­sicht entsprungen, sich eine günstige Geschäftsmöglich­keit nicht entgehen zu lasten.

Neben diesen schwerwiegendsten Behauptungen der Anklage stehen in ihr noch zahllose andere, die einzeln herausgegriffen fast grotesk wirken. So wird an einer Stelle behauptet, daß der Umstand, daß bei der Hausdurchsuchung in der Wohnung Bauers verschiedene alte Zeitungen gefunden wur­den, aber keine mit dem Datum 9. März, während bei der Leiche eine Zeitungsnummer vom 9. März war, much ein Belastungsmoment gegen Bauer sei. Die Staatsanwaltschaft arbeitet eben mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln, um den Angeklagten der Tat zu überführen.

Es ist sehr leicht möglich, daß Bauers Verteidi­ger, Dt. Hugo Schönbrunn, einer der wenigen, wirklich befähigten Wiener Verteidiger, im Laufe des Prozesses die Staatsanwaltschaft aber auch vor die überraschende Aufgabe stellen wird, nicht nur Bauer des Mordes zu überführen, sondern auch zu bewei­sen, daß die Tote wirklich Katharina Fellner ist. Es hat sich nämlich vor einigen Monaten bei Justizrat Werthauer in Berlin jemand gemeldet, der behaup­tet, beweisen zu können, daß die angeblich Ermordete in Südamerika lebe.

Jedenfalls wird der Bauer-Prozeß für Wien eine besondere kriminalistische Sensation sein. Wie bei allen Jndizienprozessen ist auch bei diesem der Aus­gang nicht vorauszusagen. Doch wird bestimmt der Kampf zwischen dem Staatsanwalt und dem Ver­teidiger, das Ringen um die Schuld oder Unschuld Bauers, zu den aufregendsten Prozeßereignissen unserer an Sensationsprozeffen gewiß nicht armen Zeit gehören.

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Oie Luisenschule feiert

IST' Ein lustiger Abend in der Stadthalle.

Was braucht es noch vieler Worte, um der Be­liebtheit der Luisenschule ein Loblied zu singen. Sie ist wahr und echt, und der gestrige Abend hat dazu beigetragen, die Bande der Freundschaft und des Vertrauens, die Freunde und Eltern wie überhaupt die ganze Öffentlichkeit mit der Anstalt verknüpfen, unlösbar fest zu schlingen. Während man zunächst nur zwei Aufführungen vorgesehen hatte, wuchs im Lause des letzten Tages die Nachfrage nach Karten derart an, daß eine dritte Abwicklung des reichhaltigen Pro­gramms eingeschaltet werden mußte. Trotzdem er­wies sich der „blaue Saal der Stadtballe" als zu klein. Ein begrüßenswerter Gedanke, die theatrali­sche Gestaltung der Mädchcn-Mittelschulgeschichte, ihr Werdegang in Vergangenheit, Gegenwart und Zu­kunft an Hand eines lustigen Spieles.

Um es gleich voraus»» nehmen, jeder gab sei» bestes. Einfach bezaubernd die reizvolle» Tänze der Kleinsten, Vie mit voller Hingabe »wo dabei doch evogebundener Natür­lichkeit Neigenlanze Vorfahrten. Wenn man die Jagend so tanzen sieht, vergiht man die Sorge» des Alltags, schivingl sich Helle Freud« in jedermanns Herz. Doch ich will nicht vorgreifen, sondern erst der Vergangenheit Er-

wLhnng tun. , ,

Die alte gute Zeit anno achtzev »hundert und soundso- viel. Wir lachen heute über Me Pädagogik einer Privat­schule aus jenen Jahre», wir lachen über die nttsamen „enients terribles, denen die Poesie in den rechten ftlö» fentöncn beigebracht wirb. Und auch di« Mode, di« lan­gen unisormgleichen Kleider der Kinder, aus denen bis weit unterhalb der Kni« weihe svitzenhoschen wie Lsen- röhren herausragen, di« Krinoltn«, der durch die Lorgnette Aeugelitden, stets schirmbewaffnerc» Lehrerin, zwingt uns überlegenes schmunzeln ab. Aber es lag doch auch etwas Schönes in jener Gemütlichkeit, die am keinen Fall der Trägheit gleichkwm. Es ging auch ohne Elektrizität und Rckoodwahnsinn. Oder zeugt nicht zulebt di« väterliche Liebe eines fiedelnden grauköpfigem Kantors zu seinen Zög­lingen für den ivertvollen Kern einer produktiven »chick- säloverbundenheit zwischen Lehrer und schillern, wie sie auch heute »och Borbild sein kann? Und der gut« Will« »um Lernen war auch schon da. Nur brauchte man noch nickt soviel. m ,,

Und wer weist, »ras den Menschen in 200 Fahren ein­mal blüht? Vielleicht fällt es denen sogar mal em, . rote die Vorführungen realistisch »um Ausdruck brachten, »her unser« Mode und unseren Zeitgeist zu lachen. Heute lie­hen wir noch auk unterem Standpunkt: Die vor uns und und nach uns sind total verioleent! Wenn man in 200 Fahren nur auf ein Knöpfchen am Jackett tu drucken braucht, um irgend einen Wunsch evrullt zu bekommen, und Semen überflüssig ist, so fällt das nicht wert« aus. Aber die Musik müstten Sie mal höre». Sie kling, wie „Svhärenrauschen" tsprich: »um Fortlaufeus und der. Tanz inzwischen gebackenen Maschinenmenschen wirkt in fei- ______ Rbvihmus geradezu lähmend auf uns. Nur schade, daß öie Szene fo gut von den Schülerinnen «gant wird, daß man selber bald Geschmack an der neue» t-achl«dkcit im Jahre 2060 bekommt, über die man heute »och die Ächfeln zuckt. _

Aber was kümmert uns in dieser Beziehung die Zu­kunft? Wir ünd Wir! Der M.mftab aller Dinge. Also Bitte schön: Turnen in unserer Zeit als Ausdruck einer be­strickenden Körperkultur. Wer will das beitreiten? Die muskelgestählttn Körper unserer Jugend, beherrscht von eifernem Wille», zeige», dast wir vom Mafchinenmemchen «och nxit entfernt sind. Das Semen ist weder Nebensache

noch „Zwang. Un» 6t« französische und englische Spra­che lernt man auch heute noch nicht im Handumdrehen, sonder» nur unter größtem Zeitaufwand uito Kleist. Und bas. was die Helden srenidsp, achlichen Szenen brachte», legt« ein erfreulich gutes Zeugnis ab von der Arbeit der Suisenichul« aus diesem Gebiete. Daß es „auf der Schwalm ka «ünd- gibt“ ist mir neu. Die reizenden kleine» Lchiuulmeriinnen mit ihrem Bu'am sahen mir garnicht da­nach ans....

Auf alle Fälle: Es war recht luftig und einen derartigem Evrolg und aus dem Herzen kommenden Beifall wird wobl kaum je eine andere Schule geerntet haben, so Satz dieser Tag in den Analen der Luisenschule als ein ganz beson­derer verzeichnet bleiben wird.

Dem köstlichen Humor Ser tiefere Sinn der Veran­staltung: Es braucht uns nm die Zukunft der deutschen Frau nicht bange zu fein. In körperlicher und geringer Ertüchtigung wird ne im Berns und später im Familien­leben dem Marin als Kamerad ebenbürtig zur Seite ste­hen. Und die Luisenschule wird weiterhin in diesem Sinne wirken können, da sie Ser treuen Mitarbeit ihrer Schüle­rinnen gerate ist, »um Wohle des deutschen Volke«.

Gustav pickerts lustiger Abend

Ein voller Erfolg des beliebten Kasseler Komikers.

Gustav Pickert, allen Kasselanern wohlbekannt und in vielen Städten des Reiches ebenso beliebt wie hier, weil er es liebte^ mit seiner guten Laune auf Rei­sen zu gehen, Gustav Pickert, der in seinem Front- theater während des Krieges den Feldarauen manche frohe Stunde geschenkt hatte, Gustav Pickert endlich, der von der Bühne des Staatstheaters so oft seinen gesunden Humor leuchten ließ, hatte auch mit diesem seinem lustigen Abend einen vollen Erfolg. Es war ihm nicht vergönnt, sich auf den Brettern des Staats­theaters in einer letzten Rolle zu verabschieden, so hatte er denn seine Getreuen in den Stadtpark ge­rufen, um die Geschenke seiner Muse vor ihnen auszu­breiten.

Die Auswahl der Vortragsstücke war sorgfältig und geschickt getroffen. Mit Lessings: „Wem ich zu gefallen suche als Einleitung, umriß Pickert den Kreis der Personen, an den er sich wandte und cha­rakterisierte damit seine Kunst, die unbeschwert genuß- Bunb jung sein will. So kam Nachdenkliches, Be- liches. Komisches und Groteskes nacheinander, von Reuter bis v. Schlicht hielten deutsche Humoristen eine luftige Parade. Zn der humorvollen Erzählung „Stasi geht beichten" präsentierte sich Pickert selbst als Autor von feinem psychologischen Verständnis.

Beifall und Blumen bewiesen Pickert, was seine Kasselaner für ihn empfinden, und es wird die Hoff­nung laut, ihn doch noch hin und wieder auf der Bühne des Staatstheaters zu sehen. rgr.

Straßensperrung. Wegen Umbau der Fulda« brücke in Altmorschen wird der Landweg Nr. 28 von Station 0,0—0-345 für die Zeit vom L Okto­ber bis 10. Oktober 1930 für sämtlichen Verkehr gesperrt. Uml->itung van Beiseförth—Binsförth obe- Heinebach—Riebe rellenbach—Lonnefeld und um­gekehrt, •

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