20. Jahrgang
Sonnabend/Sonntag, 2Z./28. September 1930
Akummer 227*
Zwischenfälle im Reichswehr-Prozeß
LandgerichtsOirekior Braune falscher Aussagen bezichtigt / 800 Millionen Mark Defizit im Reich / Heute Fertigstellung des Regierungsprogrammes
handeln.
des
treideablieferung beaufsichtigen und die Durchführung der Herbstaussaat ermöglichen sollen,
mus austreiben, dann müßt« man an ihrer Existenz als Voll rütteln. Die können sich — ein Wick auf die Landkarte beweist es — in der deutschen Zange nun einmal nicht wohl fühlen. Und so machen sie ihrem Unbehagen durch Schimpfen und Randalieren
Höhe von ungefähr 600 Millionen in Aussicht genommen. Die Tatsache, daß der Reichs- bankpräsident Dr. Luther an den letzten Kabt- nettssitzungen wiederholt teilgenommen hat, wird als ein Beweis dafür angesehen, daß man im Kabinett sich sehr ernsthaft mit derartigen Plänen, die schwebende Schuld offen zu kaffen, beschäftigt hat.
In der nächsten Woche wird der Reichskanzler dann die Beratungen mit den Parteiführern über die Frage einer parlamentarischen Mehrheitsbildung für das Regierungsprogramm aufnehmen. Auch mit dem preußischen Ministerpräsidenten Braun, der am Dienstag von seinem Erholungsurlaub nach Berlin zurückfährt, wird eine Unterredung stattfinden, die man allgemein als eine Vermittlungs-Aktion zwischen der bürgerlichen Mitte und der Sozialdemokratie anspricht, von der aber, gesamtpolitisch gesehen, wenig Erfolg zu erwarten ist, weil der Brüningblock selbst sich in allzu starkem Maße gegen die Zusammenarbeit mit der Sozialdemokratie festlegt. Bisher hat sich lediglich die Staatspartei für die große Koalition ausgesprochen, während die Deutsche Volkspartei sich bereits freie §aiü> vorbehielt.
Herr von Pfeffer bezichtigt den Landgerichtsdirektor Braune, daß dieser soeben unter Eid eine falsche Aussage gemacht habe. Landgerichtsdirektor Braune habe gesagt, er hätte nicht zuerst das Wort „Zellenbildung" gebraucht und das sei nicht wahr.
Auf diese Erklärung des Hauptmanns v. Pfeffer erklärt Landgerichtsdirektor Braune, wenn von Pfeffer das behaupte, möge es richtig sein, aber jedenfalls habe ich bei den Offizierszeugen das Wort nicht zuerst gebraucht, (lieber die gestrigen Verhandlungen berichteten wir bereits!)
Es hat ihn wohl niemanb gesehen, diesen Feind, es kann ihn auch niemand bekämpfen, da er selbst nicht kämpft. Aber zur Not ist auch ein deutsches Schaufenster oder ein TonsÄm ein willkommenes Objekt. Dagegen ist kaum viel zu sagen, dagegen ist nicht zu Wetter». Wollte man den Tschechen de» CHauvirns-
Hungersnot bedroht Rußland
Kowno, 27. September.
Rach Meldungen aus Moskau wird in einer neuen Verordnung des Zentralausschuffes der kommunistischen Partei zugegeben, daß das bisherige Ergebnis der Getreideablieferung außerordentlich ungenügend sei. Es sei nunmehr ernstlich mit einer Hungersgefahr im kommenden Winter zu rechnen, da das Programm für August nur bis zu 67 vom Hundert, für September aber sogar nur bis 47 vom Hundert durchgcführt worden sei.
Es werden wiederum gegen die im Streik befind-
Untersuchung mcht das Gefühl gehabt habe, als gebildet, die in den Dörfern die Gewollte er ihn Scheringer, wie einen Verbrecher, de- - ------ ~
Leipzig, 27. September.
Zu Beginn deS fünften Verhandlungstages im Reichswehrprozetz erklärte Untersuchungsrichter Landgerichtsdirektor Brau ne. auf eine Reihe von Angriffen, die gegen ihn gerichtet wurde, unter Berufung au' seinen Eid, daß er den Zeugen den Ausdruck „Zellenbildung" nicht in den Mund gelegt habe.
Leutnant Lubin habe, so sagte Landgerichtsdirektor Braune weiter, ihm bei der ersten Vernehmung glaubwürdig erklärt, daß er Verbindung mit -der NDDAP. ausgenommen und sich bereit erklärt «habe, fsir diese Partei tätig zu sein, daß er sich mit einer Reihe von Offtzieren in Verbindung gesetzt und dies« 'befragt habe, ob sie Willens seien, als Vertrauensleute tätig zu sein. Er sei der Auffassung, daß -die Zeugen durch die Zeitungen, die nach 'der Verhaftung den Ausdruck „Zellenbildung" gebraucht, zu der Ueberzeugung gekommen seien, daß er das Wort zuerst gebraucht habe.
Weiter habe man ihm vorgeworfen, daß et die Herren wie Verbrechet behandelt habe. Das sei ihm vollkommen unverständlich, und Tatsachen, die diese Behauptung stützen konnten, seien in der Haupiverhandlung noch nicht vorgebracht worden.
Leutnant Scheringer tritt für Landgerichtsdirektor Braune e»n und sagt, daß er bei der ganzen
sogenannter Ueberbrückungskredit
Hessische Abendzeitung
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Wirtschaftspartei gegen Große Koalition
Die Wirtschastspartei, deren neue Reichstagsfraktion gestern ihre erste Sitzung abhielt, hat sich dagegen bereits in scharfer Form gegen jede irgendwie geartete Zusammenarbeit mit der Sozialdemokratie festgelegt. Der entscheidende Satz in der Erklärung, die gestern von der Wirtschaftspartei beschloffen wurde, geht dahin, daß Vie Wirtschaftspartei sich an keiner Regierung aktiv oder duldend beteiligen wolle, auf welche die Sozialdemokratie direkt oder indirekt Einfluß habe. Die Wirtschastspartei stellt ferner die Forderung auf, daß die Außenpolitik geändert werden muffe und zwar mit dem Ziele einer Revision des Poungplanes und des Versailler Vertrages.
Diese neue Festlegung einer der Parteien deS Brüningblocks ist ein Beweis dafür, daß der i n n e r e Zusammenhang dieses Blockes z e r st ö r t ist, und daß der Kanzler, wenn er eine Mehrheitsbildung anstrebt, sich dafür eine neue Basis suchen muß. Ratür
Mit gutem Recht vertritt Bauer in einem der in- issantesten Kapitel seines Buches, in dem er die deutung der öffentlichen Meinung für die Entstehung und die Durchführung des Weltkrieges würdigt, die Ansicht, daß sich auch hier vieles schicksalhaft und ohne die Einwirkung der Propagandamittel vollzog. Er glaubt aber andererseits feststellen zu müsien, daß auf deutscher Seite eine gewiße Talentlosigkeit mitspielte, wenn wir in der Beherrschung der öffentlichen Meinung des Auslandes den feindlichen Mächten gegenüber so stark ins Hintertreffen gerieten. Und zweifek. los muß man dieser Behauptung zustimmen. Ist es nicht in der Tat auffällig, daß es dem siegreichen Deutschland der ersten Kriegszeit, das also die Propagandakraft des Erfolges einsetzen konnte, nicht einmal gelang, die kleinen Neutralen für sich zu stimmen?
In einer Zeitschrift, die sich die Aufklärung der Kriegsschuldfrage zur Ausgabe gestellt hat, sind kürzlich die Parlamentsreden, die von den leit^i- den Staatsmännern bei Kriegsausbruch gohg'M Wurden, einander gegenüber gestellt worden.
Kasseler Abendzeitung
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Oie öffentliche Meinung
W. P. Einer 1507 in Mailand erschienenen Pe- trarca-Ausgabe ist ein Bildchen beigegeben, das die öffentliche Meinung allegorisch darstellt: Hoch oben auf dein vonElefanten gezogenen und von Kriegsleuten begleiteten Staatswagen, in dem der Kaiser, König oder Sultan fährt, thront die Fama — wie man damals die öffentliche Meinung noch zu nennen pflegte — und bläst auf einem großen Horn ihre Melodien. ,, .
Es ist gut, daß man sich die Jahreszahl merkt, in dem dieses Büchlein veröffentlicht worden ist. Denn es ist eine viel verbreitete Ansicht, daß die öffentliche Meinung in Zeiten, die die Setz- und Rotationsmaschinen, den Telegraphen und den Rundfunk, die Photographie, die sich auf ihr aufbauenden Reproduktionsverfahren und den Film nicht kannten, nn politischen Leben noch nicht wirksam gewesen sei. Viel ver- breitet aber doch nicht richtig: Nicht allein das Mittelalter, sondern auch die jahrhundertelangen „Zeiri räume hellenischer und römischer Kultur sind förmlich gesättigt von politischen wie literarischen Erscheinungen, die sich mit der Absicht, auf die Bildung eines bestimmten Willens zu wirken, an die Menge der Mit- bürger wenden". So schreibt der Wiener llmversi- tätsprofestor Wilhelm Bauer*), dem das Verdienst gebührt, die Rolle, die die öffentliche Meinung tn der Weltgeschichte gespielt hat, in einer großzügigen geschichtlichen Darstellung gewürdigt zu haben. Was unsere Zeit charakterisiert, was sie von früheren Icchr- . hunderten unterscheidet ist die Tatsache, daß sie sich, wie Bauer mit Recht stervorhebt, des Dafeiris der öffentlichen Meinung bewußt geworden ist. Diese Erkenntnis führte dann zwangsweise auch zu dem Bewußtsein der Mittel, mit denen ine öffentliche Meinung beeinflußt und gestaltet werden kann, und es ist andererseits selbstverständlich, daß sich auch die tech- Nische Vervollkommnung dieser Mittel, die sich nirgends deutlicher als an der Entwicklung der Presse verfolgen läßt, in der gleichen Richtung auswirkte.
I lichen Dauern die schärfsten Straßmaßnahmen angeordnet. Aus Vertretern der Jnduftiearbeiter t oder kommunistischen Fugendverbänden werden neue
__ Einzelpreis 20 Pfennig
Kasseler Neueste Nachrichten
! Auf heißem Pflaster
Don unserem Sonderberichterstatter B. Riedel.
Prag, Ende September.
Vor dem DeutschenTheater tobt, johlt, randaliert eine bunt zusammengewürfelte Volksmenge. Hebet ihre Köpfe hinweg ragen die Gestalten berittener Polizisten, die vom Leder gezogen haben und nun mit viel Geschrei und argem Schimpfen die Leider ihrer Pferde gegen die Menschen drücken. Langsam kommt Bewegung in die dichte Masse. Sie zieht sich, während der Lärm zum Getöse anfchwillt, zurück in die schützende Dunkelheit des Stadtparks. Dort haben junge Burschen die besten Positionen besetzt. Und über die Köpfe der Menge hinweg ergießt sich ein Steinhagel auf die Polizisten. Am Stadtpark macht die Polizei halt. Auch von der anderen Seite her ertönt Geschrei, dort sind Gendarmen an der Arbeit. Der Stadtpark wird abgeriegelt. In ihm tobt das Volk, je weiter die Dunkelheit hereinbricht, in immer stärkerem Matze.
Das Bild ist nicht neu; altes, von Gasfun- zeln schlecht beleuchtetes Prag mit einem roten Dunstschimmer über den Dächern und randalierendes Volk vor dem Deutschen Theater, im Stadtpark, vor dem Deutschen Hans, und wenn diese Plätze schon besetzt sind, auch an jedem anderen. Man ist vielleicht aus bet Hebung gekommen, man hat vielleicht vergessen, daß das eigentlich so sein mutz, aber jetzt sind wir wieder mittendrin in der „guten alten Zeit".
Prag ist ein heißes Pflaster. Dos es diesmal ausgerechnet deutsche Operetien-Tonsilme sind, die das Volk auf die Straße rufen, mag das Ausland verwundern, der Prager wundert sich nicht. Denn der A n l a ß war immer nur etwas ganz U n- tergeordnetes, man hat immer gern randaliert und nahm jedes Signal willkommen auf, so gering es auch fein mochte.
Ich fahre im Taxi zum Graben. Dort hat die «gerade gesäubert, man hört von fern her noch ihlen und Schreien. Auf dem Trottoir stehen jetzt die braven Bürger und halten polittsche Nachlese. Da sind einigen Geschäften, deren Inhaber deutsche Namen haben, die Scheiben eingetoorfen worden, und das gibt für jedes neuzubeginnende Gespräch eine gute Basis ab. „Ja," sagt ein dicker kleiner Mann, der Josef Schwejk persönlich sein könnte, „jetzt Harns dem Gebauer die Fenster eingeschmiffen — freilich kann'r nir dafür, freilich kann'r nix. Aber vielleicht bedantt'r sich nachha bei seine deutschen' Bruder, was unsa Prag mit ihre Tonfilms da germanisieren mechtn. Und mir Ham hier schon ganz andre Sachen erlebt."
Jawohl, sie Ham hier auch andre Sachen erlebt. Dieser Joses Schwejk da ist, als er noch jünger auf den Beinen war, auch in die Buden der deutschen Studenten gezogen, er hat aus den Kaffeehäusern die deutschen Zeitungen auf die Straßen geworfen, hat t "j mit der österreichischen Polizei herumgeschlagen, hat die Schaufenster deutscher Läden eingeworfen <--er muß es wissen.
Prag ist ein heißes Pflaster. Eine deutsche Stadt iw tschechischen Land, mit starkem deutschen Bürgertum, mit deutscher Universität, mit hochentwickeltem deutschen Geistesleben — die von den Tschechen erobert worden ist. Erobert — durch die Masse. Und der Kamps war hettz, auch innerhalb des eigenen Volkes, denn es war schwer, „von unten heraus" zu nationalisieren. Der tschechische Bürger hat noch vor fünfzig Jahren deutsch und nur verschämt tschechisch gesprochen, der Tscheche verfiel besonders leicht dem Anreiz einer höheren Kultur--daher der Hatz!
Dieser Haß war und ist aus Angst geboren. Es war nicht Angst vor einer Invasion", die Tschechen betrieben keine „Jrredenta", denn die K. L Negierung verhätschelte sie nach Noten auf Kosten des deutschen Elements. Ihr Kampf war auch nicht ein Kampf gegen eine deutsche Staatsgewalt, denn die existierte in Böhmen nie und nimmer. Die Beamten waren Tschechen, die Polizei war tschechisch. Aber deutsch war die Umgangssprache, deutsch war das Theater, deutsch waren die Geschäfte, deutsch war das alte Prag. Und deshalb hatten die Prager Unruhen, die im alten Oesterreich an der Tagesordnung waren, nie einen bestimmten Anlaß. Sie brachen aus, wenn deutsche Studenten einen Wirtshausstreit hatten, oder wenn eine deutsche Zeitung die Regierung der Tschechenfreundschast beschuldigt hatte. Es bestand ein Bedürfnis, zu zeigen daß man auch da war, daß Prag eine tschechische Stadt war, datz die Deutschen nichts zu reden hatten.
Und dieses Bedürfnis besteht eben auch heute noch. Es hat sich ja kaum viel geändert.. Die Behörden sind tschechisch wie früher, und die deutsche Kultur übt ihren Anreiz aus — tote früehr. Jeder Tscheche spricht deutsch, der gebadete Tscheche liest deutsche Bücher, er geht ins Deuttche Theater, er geht selbstverständlich auch zum veuttchen Tonfilm, denn ftitle er — da es keinen tschechischen gibt — zum amerikanischen gehen, den er nicht versteht? Und dieses Liebäugeln eigener Volksschichten mit dem Deutschtum, diese notgedrungene Anlehnung an die deutsche Kultur bringt die Unzahl der Patent--Rationalisten immer wieder in Raserei. Es ist ein Verteidigungskamps gegen einen imaginären Feind.
Da und dort knattern ein paar Schüffe durch die Nacht. Geheul und Gejohle dringt durch die Straßen. Usberall stehen Gruppen. Am Wenzelsplatz hält ein Halbwüchsiger eine flammende Rede gegen de» Feind.
Versprach zuerst von„Zettenbitt)ung"?
Eigener Drahtbericht.
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Die große Macht, die die öffentliche Meinung im politischen Leben ausübt, wird und kann heute von niemand mehr geleugnet werden, und es gibt Zeugnisse, die ihr bestätigen, daß sie sogar her „eigentliche Soeverän in der Politik fet. Unb trotzdem, trotz dieser realen, dieser deutlich sichtbaren Wirkungen der öffentlichen Meinung, die wir wahrend und nach dem Weltkriege stärker als irgendein anderes Volk empfunden haben, ist doch noch vieles an diesen Erscheinungen rätselhaft und problematisch.
Unbeantwortet ist zu einem guten Teil noch die Frage wie die öffentliche Meinung entsteht, aus welchen Quellen sie gespeist wird. Wir vermögen diesen Entwicklungsprozeß nur so weit zu überblicken als die bekannten und schon genannten Propagandamittel daran beteiligt sind. Damit läßt sich vieles erklären, und wir haben gerade in diesen Tagen, in denen die ständige Hetze der Prager Presse die tschechische Bevölkerung zu den traurigen Exzessen gegen bas Deutschtum verleitete, gesehen, in wie starkem Matze die öffentliche Meinung planmäßig beeinflußt werden kann. Auch die starke propagandistische Kraft, die von jeder Tat, von jedem Handeln, von ledern Erfolg ausgeht, läßt sich noch einigermaßen berechnen. Uebrig bleibt bann aber immer noch ein Rest von Rätselhaftem.
Das große Geheimnis der Massenseele ist ungelöst, und die Theorien vom Mastenwahn, die Kurt Baschwitz aus dem Geschehen des Weltkrieges abgeleitet hat, bedeuten kaum mehr als einen schüchternen Vorstoß in dieses dunkle Gebiet. Wir können hier, wie es Bauer formuliert, nur feststellen, daß die in der Masse Denkenden und Handelnden „im allgemeinen an Aufnahmefähigkeit für verstandesmäßig übermittelte Vorstellungen einbützen, daß sie dafür um so rascher und stärker geneigt sind, auf Eefühls- und Phantasievorstellungen zu antworten. Indem zugleich die Sondereigenschaften der einzelnen an Bedeutung gegenüber den Durchschnittswerten zurücktreten, nimmt das individuelle Bewußtsein ab. Jrn gleichen Maße wird auch das persönliche Verantwortlichkeitsgefühl geschwächt." Wer nach Beispielen für dieses instinktive „Denken und Handeln in der Maste" sucht, wird vor allem auf die Vorgänge in der Kriegszeit Hinweisen können, er wird stch aber auch vielleicht an manche Erfahrungen der letzten Wahlen erinnern.
terei Bei
I lich liegt darin eine Erschwerung der Arbeiten Kanzlers und der gesamten politischen Lage.
th. Berlin, 27. September.
Nachdem das Reichskabinett auch gestern wieder bis in die späte Nachtstunde am Finanz- und Sanierungsprogramm gearbeitet hat, rechnet man damit, datz im Laufe des heutigen Tages die Beschlutzfaffung möglich sein wird, so datz wohl bis heute ab end die wichtigsten Beschlüsse der Reichsregierung geregelt sein dürften.
In sachlicher Hinsicht scheint sich inzwischen an den bisher gemeldeten Grundlagen der Regierungsarbeit nicht allzuviel geändert zu haben. Insbesondere bestätigt sich die Korrespondenzmeldung nicht, daß anstelle des geplanten Abbaues der Beamtengehälter eine bloße Erweiterung des bisherigen Notopfers treten solle.
Vielmehr hält das Kabinett offensichtlich an dem Grundgedanken einer regulären Kürzung der Beamtengehälter fest, jedoch dürfte mit einer anderweitigen Staffelung zu rechnen sein, als sie in den ersten Meldungen darüber angenommen wurde. Das Defizit, welches die Reichsregierung bei ihrem gesamten finanziellen Sanierungsprogramm zu berücksichtigen hat, dürfte sich nach wie vor ans etwa 8-—900 Millionen Mark belaufen.
Die Meldungen, daß es sich um eine Milliarde handele, sind von der Regierung energisch dementiert worden, aber allzugrotz scheint die Differenz nicht zu sein, denn zu den 400 Millionen, die zuge- gebenei Maßen bei der Arbeitslosenversicherung fehlen, treten noch 4 bis 500 Millionen Mindereinnahmen an Steuern und Zinsen. Wenn man nun berechnet, datz die zweiiprozentige Erhöhung der Beiträge zur Arbeitslosenversicherung eine Entlastung um ungefähr 200 Millionen bringen, so bleibt immer noch ein Betrag von 7—800 Mill. Mark im Etat offen stehen.
Wahrscheinlich werden die durchgreifenden Reformmaßnahmen, über die das Kabinett noch berät, zum großen Delle erst für das neue Etatjahr, also erst ab 1. April nächsten Jahres Geltung erlangen. Es wird infolgedessen
kaum zu vermeiden fein, datz man bis dahin den Arckeiheweg beschreitet. Wie man hört, ist ein
Der Zerfall des MM-Aocks
(Don unserer Berliner Schristleitung.)