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Kasseler Neueste Nachrichten

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Nummer 226*

Kreitag, 26. September 1930

20. Jahrgang

Schwere Verdächtigungen Stalins

Daily Mail" kündigt Enthüllungen an / Brünings Dresdener Reife abgesagt / Minister Waentig vor dem Städtetag / Vaugoin Bundeskanzler?

OieDoppelrolle" des Diktators

(Eigene Drahtmeldung.)

Lo « d 0 n, 26. September.

Der diplomatische Korrespondent derDaily Mail" meldet, eineaufsehenerregende Enthüllung über die finauzielleuOperationen" Stalins durch feine kommunistischen Gegner stehe unmittelbar bevor, Lin umfangreiches Aktenstück sei vor kurzem in einer der größten Banken Berlins im Namen eines führen­den russischen Bolschewisten hinterlegt worden. Dieser Aktenstück, das erst nach dem Tode des Hinter­legers oder bet seinem Verschwinden aus Rußland ge­öffnet werden dürfe, enthalte angeblich unwiderleg­bare Beweise für Stalins doppelte Rolle in der kommunistischen Sache und für die Unter­schlagung großer Staatsmittel.

Bon zuverlässiger Seite verlautet, so heißt es in der Meldung derDaily Mail" weiter, daß Stalin seit mehreren Jahren große Beträge, die durch den Berkaus von Sowjetwaren nnd -Juwelen im Aus­lande erzielt worden seien, einem besonderen Konto, das alseiserner Fonds" bekannt sei, habe über­weise« lasten. Dieses Konto solle unangetastet blei­ben, solange die Bolschewisten am Ruder seien, und dürfe nur angerührt werden, um eine erfolgreiche Ge­genrevolution in Rußland zu bekämpfen. Das Geld sei in auswärtigen Banke» im Namen der Vertrauten Stalins hinterlegt worden, von denen die Mehrzahl jetzt die früheren Bolschewisten aus den Regirrungs- posten ersetzt habe. Das Vorhandensein des Fonds sei allen Bolschewisten im Polit-Bureau bekannt.

Aach Schobers Mcktrilt

Seipel kehrt nach Wien zurück.

Wien, 26. September.

Der Ministerrat hat gestern nachmittag nach halb stündiger Beratung die Gesmmdemisston des Kabi netts beschlossen. Bundeskanzler Schober begab sich sogleich zum Bundespräsidenten Miklas, um ihm das Enthebungsgesuch zu unterbreiten.

Der Bundespräsident nahm die Demission an und beauftragte den Bundeskanzler Schober mit der vorläufigen Fortführung der Geschäfte.

Fast allgemein bestellt die Ansicht, dass nach Er- lediguna der bei einem Kabinettswechsel üblichen Gebräuche schließlich der Obmann der Christlich- soziale« Partei Vaugoin mit der Bildung der neuen Regierung betraut werden wird.

*

Kopenhagen, 26 September. Nach Meldungen aus Oslo ist der frühere österreichische Bundes­kanzler Dr. Seipel, der am Mittwoch in Oslo ein- getröfsen war, um dort in verschiedenen Vereinen Vorträge zu halten, am Mittwoch nachmittag tele­phonisch nach Wien zurückbernfen worden, um an den Verhandlungen über die Bildung einer neuen Regierung teilzunehmen. Seipel wird voraussicht-

gestern vormittag und gestern nachmittag fortgesetzt, Hal aber feine Verhandlungen noch nicht abschlie­ßen können, sondern wird heute avermals zusam­mentreten. Man rechnet damit, daß auch der Sonn­abend noch für die Beschlußfassung der in Aussicht ge­nommenen Gesetzentwürfe erforderlich ist. Die ur­sprünglich für heute in Aussicht genommene

Seife des Kanzlers noch Dresden, wo er auf dem

Städtetag 3ber das Finanzprogramm sprechen wollte, wird wieder abgesagt

werden. Heber den Inhalt der Kabinektsbesprechun- gen, deren wichtigste Punkte wir bereits mitgeteilt haben, ist inzwischen nichts wesentlich Neues bekannt geworden. Nach den Korrespondenzmeldungen ver­lautet, daß der Gedanke einer allgemeinen Kürzung der Staatsbeamtengehälter inzwischen dahin abgeän­dert worden wäre, daß es sich lediglich um einen

Ausbau des bisherigen Notopfers

handeln soll, welches zu einer dauernden Einrichtung gemacht werden würde. Diese Vermutungen finden Widerspruch von anderer Seite und man wird gut tun, nunmehr die Beschlüsse des Kabinetts abzuwar­ten, die spätestens am morgigen Sonnabend bekannt gemacht werven dürsten.

lich Sonnabend vormittag Oslo mit dem Flugzeug verlassen.

Die Wiener presse zur Kabinettsbildung

Wien, 26. September.

Der Rücktritt Schobers wird in der ge­samten Presse unter Betonung seiner Verdienste um den Wiederaufbau Oesterreichs bespro­chen, wobei die Blätter mit Ausnahme der Christ­lich-sozialen und desNeuen Wiener Journals" ihrem Bedauern über das Ausscheiden des Bun­deskanzlers Ausdruck geben und die Frage aufwer­fen, ob es notwendig gewesen sei, daß es dazu kam.

In derReichspost" erklärt ihr Herausgeber, Dr. Funder, die jetzige Regierungskrise sei nicht aus­gebrochen, weil die Lösung der Personalfrage auf Widerstände gestoßen sei, sondern weil der Führer des Kampfes gegen die Korruptionserscheinungen, Vizekanzler Vaugoin, durch eine entscheidende und vor dem ganzen Volk sichtbare Handlung den bis­herigen Verschleppungen ein Ziel setzen wollte.

Dresden, 26. September.

Die Hauptversammlung des Deutschen Städte­tages wurde heute vom Präsidenten Dr. Mulert eröffnet. Dr. Mulert gab einen Ueberblick über die Entwicklung des Städtetages, der jetzt sein 25jähriges Bestehen feiert. Die Arbeit, die die deutschen Städte in den letzten 25 Jahren vollbracht haben, war so sagte der Redner u. a. größer und vielseitiger als in jedem früheren Zeitabschnitt. Einstellung und Ziel der Städtetags­arbeit in den ersten 25 Jahren wird auch sür die kommenden Jahrzehnte bleiben: Dienst für die deutschen Städte, Dien st am deutschen Volk.

Auch der preußische Innenminister

Prof. Dr. Waentig

gedachte mit Anerkennung der Arbeit des Städte­tages. Das Preußische Ministerium des Innern habe stets die Auffassung vertreten, daß vornehmste Aufgabe der Kommunalaufflcht nicht die Kontrolle der Gesetzmäßigkeit, nicht der staatliche Eingriff bei einem Versagen der Selbstverwaltung, sondern die verständnisvolle Betreuung

und Vertretung der Interessen der Selbstverwaltungs-

Die Zeitschrift des Deutschen Beam­tenbundes gibt inzwischten ausführlich diese Meldungen über die Gehaltskürzungen bekannt. Das Organ des Beamtenbundes erklärt dazu, daß in der beabsichtigten neuen Sonderbelastung nicht nur eine Ungerechtigkeit gegenüber den Betroffenen zu erblik- ken sei, sondern auch eine Konzession an die Klasse, die absolut und möglichst rasch eine Beseitigung des Be­rufsbeamtentums überhaupt wolle. Man könne im Augenblick nichts anderes tun, als das Reichskabinett vor neuen Experimenten zu warnen.

Preußen dementiert

Berlin, 26. September.

Wie der Amtliche Preußische Pressedienst von zu­ständiger Seite erfährt, ist die Meldung einer Korre­spondenz, wonach im preußischen Finanzministerium ein Gesetzentwurf über dieKürzungvon Beam­tengehältern vorbereitet wird, unzutreffend.

Den schseindliche Kundgebungen in Kattowitz.

Vor den Geschäftsräumen derK a 11 o w i tz e r Zeitung" rotteten sich gestern abend gegen 11 Uhr Aufständische zusammen und schlugen die Fensterscheiben ein. Tie Täter sind Ange- nörtge der Sanacja-Partei, die kurz vorher eine Ver­sammlung abgehalten hatten, an der etwa 20 Per­sonen teügenommeu hatten.

DieWiener Neuesten Nachrichten" wenden sich unter dem RufeSchober heraus!" an alle diejenigen, denen Staatswohl über Jnteressen- tum, Volkswohl über Partei steht.

Das Landbundorgan, dasNene Wiener Extrablatt", schreibt: Die Tatsache, daß die Christlich-Sozialen dem Bundeskanzler Schober ohne Begründung das Vertrauen entziehen oder mtt Begründungen, die der überwältigende Teil der Be­völkerung niemals verstehen wird, belastet die Christlich-Sozialen mit der vollen Verantwortung für die kommenden Dinge.

ImNeuen Wiener Journal" erklärt der Herausgeber Lippowitz: Schober mußte gehen, weil er keine Gewähr mehr dafür bot, daß er den großen, lebensnotwendigen Kampf "egen die Auswüchse des Austro-Marxismus mit ungebrochener Energie zu Ende führen werde.

DieNeue Freie Presse" nimmt Abschied von Schober, der feine Ueberzeugung höher schätzt, als Amt und Würden.

Moreaus Nachfolger

Moret Gouverneur der Bank von Frankreich.

Paris, 26. September.

Der Präsident der Republik hat gestern die Ver­fügung unterzeichnet, durch die der bisherige Unter­direktor der Bank von Frankreich, Moret, an Stelle des zurückgetretenen bisherigen Gouverneurs Moreau zum Eouverneur dieses Instituts ernannt wird.

körper sei. Gerade dann kann und darf man, so sagte der Minister weiter, in der Existenz der kommunalen Spitzenverbände keine Beeinträchtigung der Aufgaben der Kommunalaufsichtsbehörden erblicken. Bei aller Einsicht und Weitsicht, die die Leitung einer Organi­sation wie der Ihrigen besitzen mag, ist deren Aufgabe doch, die Interessen der Städte so zu vertreten, wie sie von ihr gesehen werden. Der Staat aber hat bei der Vertretung kommunaler Interessen auch andere zu berücksichtigen. Seine Betreuung derselben geht durch das Filter des Interesses der Allgemeinheit.

An diesem Tage kann ich nur lebhaft wünschen und zuversichtlich hoffen, daß die Zusammenarbeit zwischen uns so bleiben möge, wie sie bischer gewe­sen ist. Sie war vielleicht nie so notwendig wie ge­rade jetzt

Der Kampf um die Zukunft der deutschen Selbstverwaltung

wird von uns beiden siegreich nur dann bestanden werden können, wenn wir nicht nur äußerlich zu- sammenwirken, sondern auch innerlich auf das engste miteinander verbuniden sind. Was ich von Ihnen er­warte, ist nichts Neues. Ich meine das Bewußtsein der Eingliederung der örtlichen Selbst­verwaltung in den Verband von Staat und Reich, die Erkenntnis der engen Verbunden­heit der kommunalen Interessen mit denen der Allge­meinheit, und das Verantwortungsgefühl den Pflich­ten gegenüber, die diese Verbundenheit mit sich bringt.

Groteskes Mißverständnis

Der Minister ist ermordet".

Berlin, 26. September.

Im Laufe des gestrigen Abends trat in der Reichs­hauptstadt und in anderen Städten auch des Auslan­des das Gerücht auf, daß auf Reichsautzenminister Dr. Curtius ein Anschlag verübt worden fei. Die Zei­tungsredaktionen wurden mit Anfragen aus dem Jn- und Auslande bestürmt. Er erwies sich sehr bald, daß das Gerücht, das in weiten Streifen gewaltiges Auffehen erregte, aus einem grotesken Mißver­ständnis beruhte.

Die Berliner Funkstunde sandte gestern abend ein Hörspiel von Erich Ebermayer, das den Titel führteDer Minifter ist ermordet", und die Ermordung Ralhenaus behandelt. In einer szenen- mäßig vorgesehenen Unterbrechung des Hörspiels kün­digte der Ansager gemäß der Regievorschriften an: Ter Reichsaußenminister ist um 20.03 Uhr ermordet worden". Eine Anzahl der Hörer, die nur diese Worte vernahmen, und die Meldung für eine der Tagesnachrichten des -Berliner Senders hielten, glaubte auf Grund einer noch ungeklärten Jdeenasso- ziation, daß ein Revolveranschlag auf den Reichs autzenminister in Genf verübt worden sei. Auf diese Weise wurde das wilde Gerücht in Umlauf gesetzt.

Die Wahlresorm wird von den Reichsratsaus- 'chüffen am 6. Oktober, das Peitsionskurzungs-Gesetz am 8. Oktober in Beratung genommen. Eine Voll­sitzung des Reichsrats ist noch nicht anberaumt

Briand vor -em Sturz?

Von unsere« Pariser Korrespondenten,

Genf, Ende September, |

Immer mehr greift die überhitzte Pariser Atmosphäre auf die herbstlich kühlen Gestade des Genfer Sees über; der Einfluß ist so stark, daß Briand mit feiner alten Gepflogenheit, mitten im Kampfe plötzlich abzureisen, um die aufgeregten Wogen an der Seine zu besänftigen, diesmal brach, trotzdem inzwischen feinherzlicher Feind" Tardieu von dem stärkenden Vittel herkommend einen ziem­lich geräuschvollen Einzug in die gute Stadt Paris gehalten.

In Wirklichkeit kämpst Briand in Genf mtt eben« sovielen heimlichen ober offenen Geg­nern, tote es am Wilsonkai Eintagsfliegen gibt Man kennt die ihm» aufgeztonngene Zusammen­setzung der Delegation: mit einer einzigen Ausnahme (Ärbeitsminister Pierre Laval) Politiker, die mit dem Fischer von Cocherol nicht das Mindeste gemein haben, und wovon die meisten «Hätte Anhänger einer rücksichtslosen Gewaltpolitik sind. Allerdings läßt sich dazu sagen: Für einen geriebenen Staats­mann ist es nicht immer vorteilhaft, von Freunde« umgeben zu fein, und etn kluger Feind leistet oft unschätzbare Dienste. Es ist dann so leicht, dem Partner zu verstehen zu geben: Sehen Sie, ich möchte wohl, aber was sagen dazu 3E und N? Ich muß ihren Forderungen Rechnung tragen, sonst bin ich morgen etn gestürzter Mann, und alles geht in Trüm­mer. Briand ist ein viel zu schlauer Politiker, um nicht schon wiederholt in Genf sich dieses Druckmittels bedient zu haben; aber feine persönliche Stellung ist darum nicht angenehmer, und das beständige Tan­zen auf dem gespannten Seil ermüdet selbst den ge­schicktesten Akrobaten.

Gegen ihre Gewohnheit hat die Pariser Presse diesmal einen wahren Bienenschwarm von Journalisten nach Genf entsandt, deren Haupt­aufgabe darin besteht, den Außenminister auf Schritt und Tritt zu überwachen. Ent­schiedene Gegner der Briandschen Politik wie Per- ttnar (Geraud). Le Boucher, St. Briee, mit welch letzterem sich auch dasJournal" ins feindliche Lager begibt, heften sich buchstäblich an seine Sohlen, und ihre Berichte triefen geradezu von böswilliger Kritik. Brausend fällt täglich der gewaltige Chor der Rechis- bläiter ein. Selbst Dergemäßigte" Jntransigeant und der offiziöse Temps, der seine schärfsten Pfeile schlau in der RubrikMeinung der Provinz" versteckt, mischen sich in den Chor. Wie man sieht: Das Or­chester ist vollzählig, von der äußersten Rechten bis tief in die Reihen der Linken hinein fehlt keine Stimme.

Es ist immet interessant und aufschlußreich, genau zu wissen, was man einem Politiker wie Briand vorzuwerfen hat; denn diese Methode gestattet fast in allen Fällen, sichere Rückfchlüsse auf die tatsäch­lich befolgte französische Außenpolitik zu ziehen. An der Spitze der Anklageschrift steht der Satz:Die Verständigungspolitik ist tot. Aus welche Weise sie starb, wer daran die Schuld trägt, ist belanglos; die nackte Tatsache genügt. Und so sagt man weiter: Briands folgenschwerster Irrtum besteht darin, mit einer Leiche, einer bloßen Fiktion Politik treiben zu wollen. Die Entwicklung ist darüber hinweggeschritten; ein Narr, wer deren Zei­chen nicht verstehen will. Deutschland hat alles Interesse, an der leeren Hülle festzuhalten: unter diesem Deckmantel verfolgt es ganz andere Ziele, und jeder Schritt in dieser Richtung bringt uns näher zur Revision der Grenzen, zur Sabotage und endgültigen Vernichtung unseres Sieges. Tank unserer augenblicklich noch bestehenden Macht halten wir unsere Verbündeten; gerät sie eines Tages ins Wanken, sind wir rein militärisch in Europa nicht stärker als jede mögliche Koalition, so wendet sich unser zahlreiches Gefolge andern Göttern zu. Wie­viel wir bereits verloren haben, zeigt unser Ver­hältnis zu Italien. Rom stellt Forderungen, weil Frankreich schon soweit ist, daß es Deutschland fürchtet.

Und nun die französischen Stimmen zur euro­päischen Frage: Der Gedanke war ebenso vor­trefflich wie kindlich naiv. Aus der gegenwärtigen politischen Grundlage einen europäischen Bund zu schaffen, tote es vor 115 Jahren Metternich versucht. Nur hatte man dabei gewisse Tatsachen außer Acht gelassen, in erster Linie Die, daß der Kern Europas nicht von Frankreich, sondern von Deutschland ge­bildet wird; daß die deutsche Nation überdies dank ihrer Stärke, ihrer Kultur, ihrer Arbeit immer die größere Anziehungskraft besitzen wird, wenn sie sich unter den gleichen Bedingungen entwickeln kann; daß es also zum mindesten nicht Frankreichs Rolle fein Darf, die künstlich errichteten Schranken, die sich vorerst wenigstens diefer Ent-

Kabinettsberatungen noch nichtbeendet

(Don unserer Berliner Schriftleitung.)

th. Berlin, 26. September.

Das Reichskabinett hat seine Beratun­gen Über das Finanz- und Sanierungsprogramm

etäök, Staat, Reich

Oer preußische Innenminister vor dem Deutschen Städtetag