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Nummer 223*
Dienstag, 23. September 1930
20. Jahrgang
Oie Reichsregierung berät ihr Programm
ne Veröffentlichung der neuen Gesetzentwürfe / Brüning halt sich alle Türen offen / Sabotageakte in der russischen Lebensmittelversorgung
Das Rätsel der Mehrheitsbildung
(Don unserer Berliner Schrift leitung.)
irtfchaftssabotage in Rußland
(Eigene Drahtmeldung.)
(Eigener Drahtbericht).
London mahnt zur Ruhe
Unterredung,
Don rechts wie von links wird an den bisherigen Methoden des Kanzlers in Bezug auf Programmanf- tzelluwg und Mechrhsilsbilvung Kritik geübt. Das
fh. Berlin, 23. September.
die der Reichskanzler
pariser „Siegesfeier"
Berlin, 23. September.
Im Monat August 1930 betrugen die Reichseinnahmen bei den Besitz- und Verkehrssteuern 512,2
Die Wirtschaftskrise in Deutschland sei stärker als in den anderen Industrieländern. Während aber die Eisen- und gewisse andere Industrien unter der Depresfion litten, sei eine Besserung in der Textil-, Kohlen- und Schiffahrtsindustrie eingetreten. Eine gewisse Unsicherheit werde andauern, bis sich das deutsche Parlament am 13. Oktober versammelt habe. Der rücksichtslose Verkauf von erstklassigen deutschen Sicherheiten fei in keiner Weise gerechtfertigt.
der Sicherheit der Reparations-Bons hege. Die Gerüchte, daß Kredite in grossem Umfange aus Deutschland zurückgezogen worden seien, sollte man mit erheblicher Zurückhaltung aufnehmen. Denn während von holländischer und auch anderen Seiten eine gewisse Menge von Markverkäufen stattgefunden hätte, sei A m e r i k a am Montag K ä uf e r für Mark in Verbindung mit den deutschen Sicherheiten in erheblichem Umfange gewesen. Das gesunde Verhältnis des deutschen Staatshaushaltes würde in keiner Weife gefährdet, welche Wendungen der Politik auch das Ergebnis der Wahlen herbeiführen werde. Alle Parteien seien dazu entschlossen, das finanzielle Gleichgewicht zu halten
London, 23. September.
Zu dem Kursrückgang deutscher Anleihen bemerkt die „Times", daß man in gut unterrichtete« Kreisen nicht die geringste Besorgnis »oege«
Mill. RM., bei den Zöllen und Verbrauchsabgaben 250,8 Mill. RM. im ganzen 763 Mill. RM. In den ersten fünf Monaten des Rechnungsjahres 1930 stellten sich die Einnahmen bei den Besitz- und Verkehrssteuern auf 2755,5 Mill. RM., und bei den Zöllen und Verbrauchsabgaben auf 1226,4 Mill. RM., insgesamt also auf 3389,1 Mill. RM.,
Aus dem Verhältnis des Gesamtaufkommens von 3981,9 Mill. RM. in den ersten fünf Monaten des Rechnungsjahres 1930 zum Haushaltssoll (Veranschlagung für das Rechnungsjahr 1930 10,27 Mill. RM.) lassen sich endgültige Schlüffe auf das voraussichtliche Gesamtjahresaufkommen noch nicht ziehen. Die neuen Steuern sind zum Teil nicht bei Beginn des Rechnungsjahres in Kraft getreten und ihre Erträge haben daher die Haushaltseinnahmen in den verflossenen Monaten erst teilweise oder noch gar nicht beeinflußt.
Paris, 23. September.
Die Montagssitzung des Völkerbundes, in der der deutsche Vorschlag für die künftige Behandlung der Minderheitenfrage erörtert wurde, (siehe auch Seite 2!) wird in der Pariser Presse als ein Sieg Brian d s und eine schwere Niederlage Dr. Curtius hingestellt. Man gefällt sich allgemein darin, die höhnischen Bemerkungen des polnischen Außenministers Zaleski hervorzuheben, ebenso wie diejenigen Bri- ands, als er vor einer neuen Art diplomatischer Abwicklungen sprach. Die Antwort Dr. Curtius auf die Ausführungen Zaleskis wird von der Tagesprefle als äußerst schwach hingestellt.
Pertinax betont im „Echo de Paris", daß die GegenerNärung des Reichsaußenministers in überaus gemäßigtem, wenn nicht zartem Tone erfolgt sei. Das „Journal" hebt hervor, daß Dr. Curtius ziemlich plump in die Falle gegangen sei, die ihm der polnische Außenminister gestellt habe. Der „Petit P a r i s i e n" spricht ebenfalls von einer deutschen Niederlage. Dr. Curtius fei nicht nur gezwungen gewesen, den Rückzug anzutreten, sondern er habe auch Briand Gelegenheit gegeben, eine seiner improvisierten Reden zu halten, deren Geheimnis er allein besitze. (Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, als wollten die Pariser Blätter durch diese „Siegesberichte" die sachliche Bedeutung der Curtius- Rede, die ihnen offenbar nicht in den Kram paßt, herabsetzen. D. Red)
Die Beratungen über die sogenannten v o r b e u - gendenMaßnahmengegendenKrieg.di« in der dritten Kommission statlsanden, und bei denen ein deutscher und ein englischer Vorschlag besprochen wurden, finden ebenfalls lebhaftes Echo. Das „Echo de Paris" hebt in diesem Zusammenhänge hervor, daß die Annahme des deutschen Vorschlages Frankreich seines gesamten Berteidigungssystems berauben wüwe. Im voraus die Punkte zu bestimmen, an denen die Truppen zusammengezogen werden sollen, würde die nationale Sicherheit eines Landes aufs äußerste gefährden und sei daher für Frankreich unannehmbar.
Schieles Manöatsverzicht
Man beachtet in diesem Zusammenhänge auch besonders den Mandatsverzicht des Ernährungsministers Schiele. Nach den Dispositionen der Landvolk-Partei sollte Reichsernährungsminister Schiele das Mandat dieser Partei im Wahlkreise Magdeburg annehmen. Schiele, selbst hat jedoch erklärt, er wolle dem Reichstag nicht als Abgeordneter angehören, anscheinend wünscht der Minister, nicht nur für di« Weiterführung seiner landwirtschaftlichen Politik, fondern auch für den Fall, daß Dr. Brüning bei der Mehrheitsbildung in Schwierigkeiten geraten sollte, freie Hand zu haben.
Die Behauptung, daß der Entschluß Schieles, auf ein Reichstagsmandat überhaupt zu verzichten, aus der Enttäuschung über den ziffernmäßig geringen Erfolg der agrarischen Liste zu erklären sei, wird aus der Umgebung des Ministers entschieden in A-brede gestellt. Schiele hat schon wiederholt seiner Abneigung gegen fraktionelle Bindungen Ausdruck gegeben und ist, wohl auch im Hinblick auf die „Grüne Front", geneigt, zu den übrigen agrarischen Gruppen im Reichstag ebenfalls in ein enges Verhältnis zu treten. Die Auslegung, daß Schieles Verzicht auf ein Mandat die Bedeutung habe, daß er im Gegensatz zu den Christlich-Nationalen seinerseits bereit sei, an der Großen Koalition mitzuwir- ken, Wird ebenfalls als irrig bezeichnet.
An der Spitze dieser revolutionären Schädlingsorganisation standen Professor Rjasanzew, ein ehemaliger Großgrundbesitzer und Generalmajor, und M a r a t y s i n, der in der Vorrevolutionszcit Chefredakteur der Handels- und Jndustrtezeitung war, des führenden Blattes der russischen Bourgeoisie und Organs des Finanzministeriums. Mitglieder der Organisation waren ehemalige Adelige, zaristische Offiziere und Intendanten, ehemalige Fischhändler und Fabrikanten, Mitglieder der Kadettenpartei und Menschewiken. Die Organisation stand in engen Beziehungen zu weißgardistischen Emigran- ten und
Vertretern englischen Kapitals, von denen sie \ Geld und Weisungen erhielten.
Die Organisation ist restlos aufgedeckt. Die Regierung hat die ganze Angelegenheit dem Kollegium der staatlichen politischen Verwaltung zur Prüfung überwiesen.
Weiter veröffentlicht die Telegraphenagentur der Sowjetunion ein
Geständnis des Leiters der Organisation, J Alexander Rjasanzew.
Er behauptet darin, im Jahre 1924 seien Vertreter einer großen englischen Firma, die bereits in der Zeit vor der Revolution dort Kühlanlagen besessen habe, nach Rußland gekommen, um sich um Konzessionen zu bewerben. Nach den ersten Unterredungen mit Forerhill, dem Leiter der Delegation, den er schon von früher kannte, habe dieser ihm dann vorgeschlagen, eine gegenrevolutionäre Organisation ins Leben zu rufen, die durch Vernichtung der Fleisch- und Kälteindustrie die Sowjetmacht bekämpfen sollte. Dabei habe Forerhill bemerkt, die Mitglieder dieser Organisation müßten sowjetseind- lich gesinnte Fachleute sein, die aus ihrer Vergangenheit Beziehungen zur kapitalistischen Welt hätten. Zur Förderung der Tätigkeit dieser Organisation habe ihm Forerhill zunächst 10 000 Pfund Sterling angeboten. Er habe diesen Vorschlag angenommen und die Sabotageorga- nisatwn gegründet.
Reichsbanner Schwärz - Rot - G old, welches jetzt in Magdeburg eine Tagung abhielt, hat eine Entschließung gefaßt, in der es die republikanisch - demokratischen Parteien aufsovdert, daß diese in kürzester Frist eine Regierung bilden sollen. Hörsing hat, wie schon gemeldet, in einer Ansprache darauf hingewiesen, -daß das Reichsbanner zu einer größeren Aktivität als bisher übergehen wolle, und ein anderer Redner hat -davon gesprochen, daß die Reichsbannermaffen draußen im Land geradezu nach einer „Aktivität bis zum Fanatismus" verlangten.
Gegenüber diesen Wünschen, daß -die Regierung von der Linken gebildet werden solle, wird im „Tag" in der Richtung Kritik geübt, daß der Kanzler sich durch angebliche Gegensätze im Kabinett veranlaßt sehe, die Gestaltung seines Programms weit mehr von den Wünschen der Fraktionen abhängig zu machen als im vorigen Reichstag. Ein Teil der Regierungsmitglieder erstrebe eine Regierungsbildung nach rechts und verlange die Heranziehung der Nationalsozialisten, ein anderer Teil erstrebe di« Errichtung der Großen Koalition. Wenn das Kabinett sich entschließen sollte, eine Zusammenarbeit mit der Sozialdemokratie zu versuchen, so würde nach der Meinung der Rechten das Regierungsprogramm allzusehr von den Wünschen der Marxisten abhängig gemacht werden.
Inwiefern diese Meldungen der amtlichen russischen Telegraphenagentur der Wirklichkeit entsprechen, ist von hier aus schwer festzustellen. Es ist immerhin möglich, daß diese Nachrichten von der gerade jetzt sehr ernsten Lage aus dem russischen Lebensmittelmarkt ablenken sollen. Tenn wenn, wie gemeldet wird, das Bauermum tatkräftig einen Lieserungsstreik vorbereitet, so dürfte Rußland einer sehr schweren Krise entgegengehcu. Ein wirklich durchorganisierter Lieferstreik würde zweifellos die Städte zur Kapitulation vor dem Lande zwingen. Die Machthaber des Sowjetstaates scheinen die Gefahr erkannt zu haben. Tenn wie die Wirtschaftsamtliche Zeitschrift der Sowjetunion „Ekonomitscheskaja Shisn" mitteilt, wird der Sowie t e x p o r t 1930-31 nur noch rein industriellen Charakter tragen, die Ausfuhr von Lebensmitteln, vor allem von Eiern, Butter, Fleischprodukten usw. wird eingestellt.
Diese Maßnahme der Einstellung einer Ausfuhr, welche die Sowjetregieruna bisher aus valutarischen Gründen ohne Rücksicht auf die ständige Verschärfung der Nahrungsmittelkrise mit allen Mitteln beschleunigte, erhellt die Notlage, in der die Machthaber Moskaus sich befinden müssen.
über die Innenpolitik zu sprechen. Hinsichtlich der Außenpolitik will ich Ihnen sagen, dass sie fortgesetzt wird, wie ich dies in meiner Rede in Trier ausgeführt habe. Die Politik der deutsch-französischen Zusammenarbeit, für beide Länder notwendig, kann alle ihre Früchte nur dann tragen, rocnnn man sich beiderseits über die Schwierigkeitender Stunde klar ist. Obwohl ich, wie ich wiederhole, nicht von der Innenpolitik sprechen will, kann ich immerhin sagen, dass meine Regierung sich vor allem bemühen wird, die finanzielle und wirtschaftliche Lage zu konsolidie ren, und dass sie hofft, dass ihr das gelingt.
Oie Einnahmen des Reiches
Außenpolitik wird fortgesetzt
Ein Interview Brünings.
Paris, 23. September.
Der Berliner Sonderberichterstatter der „Information" hat Reichskanzler Dr. Brüning um eine Stellungnahme zu dem Ergebnis der Reichstagswahl gebeten und vom Reichskanzler folgende Erklärung erhalten:
Es ist im gegenwärtigen Augenblick nicht möglich,
30 französische Fischer ertrunken
Paris, 23. September
Die Stürme der letzten Tage haben nicht nur grossen Sachschaden angerichtet, sondern viele Men schenleben gefordert. Die französischen Fischerfamilien der verschiedenen Küstengegenden haben nach den bisher vorliegenden Nachrichten insgesamt 30 Tote zu beklagen.
Erfolge der Mandschutruppen
Paris, 23. September.
Nach einer Havasmeldung aus Tientsin haben die Mandschutruppen die Stadt in Besitz genommen. Die Mandschuregierung veröffentlicht einen Aufruf, in dem es heißt, daß sie die Ruhe und Ordnung aufrecht erhalten und in China den Frieden Herstellen wolle.
Ferner haben die Mandschutruppen die Stadt Peiping in der Nacht zum Dienstag be'etzt. In der Stadt herrscht Ruhe.
Moskau, 23. September.
Die Tercgraphenagentur der Sowjetunion meldet: Nach einer hier veröffentlichten Mitteilung yt von der staatlichen politischen Verwaltung eine gegenrevolutionäre Schädlings- und Spionageorganisation auf dem Gebiete der Fleisch-, Fisch-, Konserven- und Gemüseversorgung der .Bevölkerung aufgedcckt worden. Nach den Aussagen von 17 Mitgliedern dieser Organisation hatte diese es sich zum Ziele gesetzt, im Lande eine Hungersnot herbeizuführen, die Unzufriedenheit der breiten Arbeitermassen zu Wecken und so auf den Sturz der Diktatur des Proletariats hinzuarbeiten.
Die Aktionen umfaßten den Fleisch-, Fisch-, Konserven- und Gemüsetruft
und entsprechende Teile des Apparates des Handelskommissariats.
gestern mit dem Reichspräsidenten von Hindenburg gehabt hat, wird in politischen Kreisen als eine neue Bestätigung dafür aufgefaßt, daß das Kabinett Brüning zunächst unabhängig von allen Koalitionserwäoungen die Arbeit an seinem sachlichen Programm fortsetzen und auf diese Weise den Versuch einer Mehrheitsbildung im Reichstag unternehmen will. Die Beschlüsse des Kabinetts über die dem Parlament vorzulegenden Gesetzentwürfe sind schon heute, spätestens morgen zu erwarten. Allerdings sollen diese Beschlüsse vorläufig nicht bekanntgegeben werden. Der Kanzler wird vielmehr in den folgenden Tagen zunächst eine Reihe von Besprechungen mit den Fraktionsführern des Reichstages abhalten, um festzustellen, mit welchen Parteien und unter welchen Doraussetzungen er auf Unterstützung für sein Programm rechnen kann. Diese Unterredungen haben gleichzeitig den Zweck einer unterrichtenden Vorbereitung der Parteien noch vor Zusammentritt des neuen Reichstages.
Sin« Veröffentlichung der Kabinettsbeschlüsse soll vor ollen» aus der Erwägung heraus unterbleiben, weil man jede Gefährdung des neue» Programms möglichst vermeiden möchte. Wie weit der Kreis der Fraktionsführer gezogen wird, mit denen der Kanzler Rücksprache nehmen will, steht noch nicht fest, aber es ist anzunehmen, daß Dr. Brüning nicht nur die Vertreter des bisherigen Regierungsblocks, sondern auchdie Opposition von Rechts und Links empfangen wird.
In diesem Zusammenhänge ist festzustellen, daß der Reichskanzler in der Frage der Mehrheitsbildung sich die größte Zurückhaltung auferlegt und seine Entschließungen offensichtlich von dem Verlaufe der Parteiführerbesprechungen abhängig machen wird. Während Dr. Wirth sich kürzlich sehr scharf und eindeutig gegen eine Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten ausgesprochen hat, wobei er den weitaus größten Teil seiner Parteifreunde vorn Zentrum auf seiner Seite hat, ist der Kanzler in dieser Frage viel vorsichtiger. Er hat sich noch keineswegs festgelegt und möchte sich offensichtlich alle Türen offen halten. Es sprechen natürlich vor allem taktische Ueberlegungen mit, wenn Dr. Brüning den vorerwähnten Plan einer Zusammenarbeit zwischen dem jetzigen Regierungsblock und der Linken nicht im voraus als den einzig möglichen Weg anerkennt. Allerdings ist vorläufig noch nicht abzusehen, wie eine Mehrheitsbildung aus Mitte und Rechts- Opposition zustande gebracht werden könnte, weil das Zentrum und selbstverständlich auch die Staatspartei unter keinen Umständen damit einverstanden sein werden, daß die Nationalsozialisten diejenigen Ministerposten übernehmen, die sie in ihren Ankündigungen gefordert haben. Für den Augenblick ist jedenfalls die große Vorsicht bemerkenswert, mit der man in maßgebenden Kreisen die Mehrheits- frage beurteilt.
Hölz im Augzeug geflüchtet?
Leipzig, 23. September.
Wie die „Reue Leipziger Zeitung" aus Planen berichtet, soll sich Max Hölz, gegen den bekanntlich zwei Haftbefehle vorliegen, in Sicherheit gebracht haben, und in Moskau eingetroffen sein. Eine Bestätigung dieser Meldung liegt nicht vor. Hölz sa» Deutschland im Flugzeug verlassen habe«.