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Nummer 219*

Donnerstag, 18. September 1930

20. Jahrgang

Kasseler Abendzeitung

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Hessische Abendzeitung

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Kasseler Neueste Nachrichten

Wieder einmal Sammlungsversuche!

Oie Zusammenschlußbesirebungen in der Mitte / Bündnis zwischen Hitler und Hugenberg? / Herriot über das deutsche Wahlergebnis

Gerüchte um Or. Scholz

(Don unserer Berliner Schristleitung.)

I

Herriot fordert Wachsamkeit

Eigener Drahtbericht.

wollten, wo doch die Angelpunkte unserer gesamten Politik lägen. Anscheinend habe sich aber die Oppo­sition die Dinge Viöl leichter vorgestellt, als sie wirk­lich seien. Die Sozialdemokratie werde jedenfalls auch in ihrer geschwächten Stellung weiterhin für die Er­leichterung der Wirtschaftslage tätig sein.

Landvolk gegen große Koalition

Berlin, 18. September.

Ein Mitarbeiter derDeutschen Tageszeitung" hatte Gelegenheit, mit dem Parteiführer der Christ­lich-Nationalen Bauern- und Landvolkpartei, Hö­fer, über das Ergebnis der Reichstagswahlen zu sprechen. Dieser erklärte u. a. folgendes:

Das Wahlergebnis im ganzen bedeutet für mich keine Befriedigung. Ich hatte der deutschen Wähler­schaft mehr realpolitisches Denken zugetraut. Boni Standpunkt der Christlich-Nationalen Bauern- und Landvolkpartei allein könnte man mit dem Ergebnis einigermaßen zufrieden sein; denn ihr sei es gelun­gen, gegenüber der Reichstagswahl 1928 ihre Stim­menzahl und damit die Zahl der Abgeordneten mehr als zu verdoppeln. Die Lage im Reich beurteile er dahin, daß eine andere Möglichkeit als die einer Rechtsregierung von der Deutschen Volkspartei über das Zentrum bis zu den Nationalsozialisten nicht ge­geben sei. Die Christlich-Nationale Bauern- und Landvolkpartei werde etwaigen Anregungen von drit­ter Seite, sich an einer Großen Koalition mit den So­zialdemokraten zu beteiligen, ein kategorischesNein" entgegensetzen.

th. Berlin, 18. September.

In Zusammenhang mit den Besprechungen, die der Reichskanzler bisher mit dem Führer der Deutschen Volkspartei Dr. Scholz und dem Ver­treter der Staatspartei Dr. Meyer geführt hat, und die in den nächsten Tagen mit anderen Perso­nen des neuen Reichstags fortgesetzt werden, sind lebhafte Erörterungen über die Stellungnahme der neuen Fraktionen, der Regierung und ihres poli­tischen Programms in Gang gekommen. Ebenso aber auch über die Frage, inwieweit die Fraktionen ser Mitte und der Rechten zu einer gruppenweisen Zu­sammenfassung gelangen können, um dadurch grö­ßere Fraktionsstärke uizd mehr Einfluß in den Aus- schüffen zu gewönnen.

Man spricht von Plänen der Nationalsozialisten und Deutschnationalen, die auf einen Zusammenschluß der beiden Fraktionen hinauslaufen.

Die darauf bezüglichen Gerüchte, die von Verhand­lungen zwischen Hitler und Hugenberq sprechen, scheinen zunächst noch aus sehr schwacher Basis zu beruhen, da die Nationalsozialisten und die Deutsch­nationalen in mancher Hinsicht abweichende Meinun­gen zu den sachlichen Problemen haben, um die es jteo im neuen Reichstag in erster Linie handeln wird.

Ernsthafter werden die Verhandlungen beurteilt, die zwischen den verschiedenen Gruppen der g e m ä- tzigten Rechten, dem Landvolk, dem Landbund, den Christlich-Sozialen und den Konservativen zum Zwecke der Bildung einer Fraktion von 43 Mitglie­dern stattfinden. Weiterhin ist die Rede von Bestrebungen, die Deutsche Staatspartei. die Wirt- schaftspartei und die Deutsche Volkspartei enger zu- sammenzuschließen.

I bestehen taffen, was natürlich einen eigenartigen Zwiespalt ergeben würde.

Die Frage, welche Parteien die Regierung Brü­ning unterstützen werden, wird zwar zunächst ganz allgemein eiitdeutig dahin beantwortet, daß in der Praxis nur eine Zusammenarbeit der jetzigen Mittel­gruppen mit der Linkest in Betracht komm«, immer­hin aber beschäftigt man sich auch lebhaft mit der Frage, ob nicht der

Versuch gemacht werden mühte, zunächst auch mit der Rechten, also mit den Nationalsozialisten, zu einer Verständigung zu gelangen.

Nun haben die Nationalsozialisten in einer Ver­sammlung in Berlin angekündigt, daß sie bei ihrem Eintritt in die Regierung vor allem die Innen- ministerien des Reiches und Preußens, also die sogenannten Polizeiministerien erstreben würden, und daß sie auch >das Polizeipräsidium in Berlin in die Hand nehmen müßten.

Diese Ankündigung veranlaßt heute den Reichstags- Präsidenten L ö b e zu einem scharfen polemischen Artikel imVorwärts". Er fragt, warum die Natio­nalsozialisten sich lediglich auf dieGendarmenrolle" beschränken möchten, und warum sie nicht vielmehr das Außenministerium, das Finanzministerium und das Wirtschaftsministerium in die Hände nehmen

Aber hier liegen starke Hemmungen vor, die sich vor allem auf die Wünsche der Staatspartei nach der Großen Koalition erstrecken. An diesem Punkte be­gehen auch Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Deutschen Volkspartei, wo einige Ab­geordnete vom linken Flügel der neuen Fraktion sich den Wünschen der Staatspartei nach der Großen Koalition anschließen, während der Parteiführer Dr. Scholz mit einem großen Teil feiner Freunde die Ansicht vertritt, daß die Sammlungsparole nur auf breiter Basis, also zugleich nach der Richtung der Staatspartei und der gemäßigten Rechten verfolgt werden müsse, und daß von der Großen Koalition zunächst keine Rede sein könne. Diese Meinungs­verschiedenheiten innerhalb der Deutschen Volks- Partei haben auch zu Gerüchten geführt, die von einer

angeblichen Erschütterung der Stellung des Parteiführers Dr. Scholz

sprechen Besonders die links stehende Preffe hat diese Gerüchte ausgeriffen und die Voraussage kon­struiert, daß Dr. Scholz in nächster Zeit als Partei­führer oder als Fraktionssührer von seinem Posten zurücktreten würde, und daß entweder der Abgeord­nete von Kardorsf oder der Abgeordnete Din- geldey sein Nachfolger werden würde. Diese Ge­rüchte sind zur Zeit zum mindestens als übertrieben und verfrüht anzusehen, und wenn es innerhalb der Deutschen Volkspartei überhaupt zu Ausein­andersetzungen über die Führerfrage kommen sollte, so könnten diese lediglich auf einer Sitzung des Zen­tralvorstandes ausgetragen werden, die noch kurz vor dem Zusammentritt des neuen Reichstags statt- finden tonnte, die aber von der Parteileitung über- haupt noch nicht ins Auge gefaßt ist.

Die Staatspartei hat bereits gestern ihre erste Fraktionssitzung abgehalten, obwohl vorläufig noch nicht einmal das endgültige Ergebnis der Reichstagsneuwahl vorliegt und infolgedessen noch nicht mit Sicherheit gesagt werden kann, wer Man­date erhalten hat und wer nicht. In der gestrigen Fraktionssitzung ist

Dr. August Weber zum Vorsitzenden der neuen staatsparteilichen Fraktion gewählt

worden. Die Staatspartei wird Ende November einen Parteitag abhalten; und kurz vorher wird ein demokratischer Parteitag stattfinden, auf dem die Frage entschieden werden soll, ob die demo­kratische Parten, di« in parlamentarischer Hinsicht be­reits vollkommen in die Staatspartei übergegangen ist, sich nun formell auflösen wird, Zu einem solchen Auflösungsbeschluß gehört die Zustimmung von V«, des Parteitages. Angesichts mancher Un­stimmigkeiten, die neuerdings ausgetaucht sind, wird bezweifelt, daß diese % Mehrheit zustandekom- men wird. Tann würde man neben der Staats­partei auch noch einen Rest der Demokraten weiter

Paris, 18. September.

In derE r e Rondelle" spricht sich der ehe­malige französische Ministerpräsident Herriot, unter der Ueberschrift . Wachsamkeit" über den Aus­gang der deutschen Wahlen aus.

Herriot stellt zunächst fest, daß die deutschen Sozialdemokraten, die einzige Partei, mit der die französischen Linkskreise hatten arbeiten kön­nen, nicht intakt geblieben sei, da sie trotz des Anwachsens der Wählerschaft neun Sitze ver­loren habe.

Zwei Gefahren seien nun aufgetaucht, die einer Revision, an die man jedoch nicht glauben dürfe, und die sehr viel gefährlichere eines Krieges. Frankreich muffe nunmehr Stunde für Stunde wachsam bleiben. Vor allem müffe man in Frank­reich alle unvorsichtigen Kundgebungen vermeiden. Deutschland werde in aller Freiheit seine eigenen Wege suchen, seinen Handlungen müsse man nun mit Wachsamkeit und Kaltblütigkeit folgen.

DieVolontö" sieht durchaus keinen Grund, die französische Außenpolitik gegenüber Deutschland zu ändern. Die französische Außenpolitik habe, so betont das Blatt, noch nie Gratis-Zugeständnisse an Deutschland gemacht und fei noch nie auf dem Vertrauen zu Deutschland aufge­baut gewesen. «Eine Fcststellullng, mit der das Pari­ser Blatt gewiß nicht unrecht hat!)

Abrüsturigspflickt?

DerTemps" legt den Versailler Vertrag aus feine Art aus.

Paris. 18. September.

Der .Temps" beschäftigt sich in seinem Leitartikel sehr eingehend mit der Rede des Reichsaußenmini- sters Dr. Cnrtius und führt unter anderem aus: Trotz des Wahlausganges habe er sich auf die Strefemann-Politik festgelegt und den guten Wil­len Deutschlands betont. Trotzdem bleibe die deutsche These dieselbe und gebe nichts von ihren Forde­rungen preis.

Der .Temps" wendet sich gegen die Abrü­stungsforderungen Curtins' und Hendersons indem er die Behauptung aufstellt, im Versailler Friedensvertrag stehe nichts von einer Abrüstungs- Pflicht, und man tonne eine solche nur durch eine falsche Auslegung konstruieren. (Sollte dem.Temps" wirklich die einleitenden Bestimmungen des Teiles 5 des Versailler Vertrages nicht bekannt sein, in denen die deutsche Entwaffnung damit begründet wird, daß sie eine allgemeine Rüstungsbeschränkung der Ratio­nen ermöglichen sollte?) Ebenso sei von einer Ver­zögerung der Abrüstung keine Rede, da ja ein Ter­min niemals dafür festgesetzt worden sei (!!)

Bei seiner Minderheitenpolitik vergesse der deutsche Reichsaußenminister, daß diese Minderheiten nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten gegenüber ihren Gast Kasten (die von den

deutschen Minderheiten stets anerkannt sind!) besaßen, und daß sich fremde Mächte niemals in die inneren Angelegenheiten dieser Staaten (wer objektiv denken kann, wird zugeben müssen, daß es sich hier nicht um rein innerpolitisch« Fragen der betreffenden Staaten, sondern um eine wahrhaft europäische Frage handelt!) einmischen dürsten.

Wenn Curtins von Enttäuschungen spreche, so sei das völlig ungerecht, da Deutschland in der letzten Zeit unzählige Erfolge und Zugeständnisse erzielt habe Ans diesem Teile der Rede ersehe man, daß das deutsche Volk moralisch nicht abgerüstet habe, was auch aus dem Wahlergebnis hervorgehe. Viel eher habe also Frankreich Anlaß zur Enttäuschung.

Sie Lage statt sich"

Times" über Hitlers Rede.

London, 18. September.

Die Rede Hitlers in München, in der er den Putschgedanken abgelehnt hat, hat in England einen guten Eindruck gemacht. Falls Hitler die Absichten der Partei richtig darstelle, so schreiben die .Times", kläre sich die Lage ganz erheblich. In sei­nen Worten drück« sich der Geist seines Planes aus, der ihm zum Siege verhalfen habe, und seine Aus­führungen ließen vermuten, daß er in diesem Geiste das Reich in richtige und nützliche Wege leiten wolle.

Ueber die internationalen finanziellen Rückwirkungen der deutschen .Wahlen glaubt dieFinanzial Times" be-ruhigende Versi­cherungen abgeben zu können. Man habe sich an der Londoner Börse und in Finanzkreisen nun zu der Auffassung durchgerungen, daß irgendwelche praktischen Aenderungen der deutschen Finanzpoli: k dem Ausland« gegenüber vorläufig nicht zu erwar­ten seien. Das beste Zeichen des Vertrauens, das man in Londoner Finanzkreisen habe, sei- die Tat­sache, daß die Mark sich während dieser Krise voll­kommen stabil gehalten habe. Man halte es in London z. Zt. für unmöglich, daß das deutsche Volk die Erfüllung des Uvungplanes ablehnen werde. Die weitere Voraussetzung für die Erhaltung dieses Vertrauens sei allerdings, daß der neue Reichstag alles tun werde, was zu einer Verbesse­rung der Lage in Deutschland führen könne.

England und Paneuropa

Lotwon, 18. September

Bei der Beurteilung der Red« des deutschen Außen- ministers Dr. Curtins über die Möglichkeit einer wirtschaftlichen Annäherung in Europa stellt sich der Manchester Guardian" «inseitig auf den Standpunkt, daß solche Pläne zu den ernstesten Befürchtungen An­laß geben müßten, wenn sie nicht vorvemgesam- tenForum aller'lkerbundsmitglie- der erörtert würden. Rur auf diese Weise könnten die von Curtius gehegten Erwartungen erfüllt wer­den, ohne gleichzeitig den Verdacht der ganzen Welt zu erregen. Der Ausschuß, der mit der weiteren Beauftragung der Paneuropapläne beauftragt werde, müsse daher aus Vertretern des gesamten Völkerbun­des -bestehen.

Die Weltunruhe

Von Dr. Paul Rohrbach.

Wer kennt nicht die Vers« in der Widmung von BadenstedtsMirza Schafsh":Derweil in Weh n die Erde kreist, Gewaltiges sich vorbereitet, und ein ver­derbensschwangerer Geist geharnischt durch die Län­der schreitet . . .?

Wje einfach im Vergleich zur Gegenwart lagen -da­mals noch die europäischen, die Welt-Gegensätze! Es war -der Konflikt, der sich bald danach im Krinckriege entlud, 1854, der sich in jener vor "bald achtzig Jahren geschriebenen Strophe spiegelte. Selbst der Krieg von 1870 war das Ergebnis einer Streitfrage: Wer­den das französische Selbstgefühls ibie französische Sorge um die nationaleSicherheit" die bevor­stehende politische Einigung Deutschlands unter preu­ßischer Führung dulden?

Dann schürzte sich, langsam, in Jahrzehnten, der Knoten zum Weltkrieg. Di« Herde der Unruhe lagen in Frankreich, -das Elsaß-Lothringen nicht verschmerz­te, in Rußland, das nach Konstantinopel und nach der Herrschaft über die Slaven drängte, in England, dem di« -deutsche Flotte Sorge machte und das den deut­schen Handel neidete. Das Feld der streitenden Kräfte, die sich zur Entladung sammelten, war größer ge­worden; es reichte vom Westen Europas bis in den Orient. Vergleichen wir aber seine Ausdehnung mit der Summe der Gebiete, in denen die heutig« Welt­unruhe wurzelt, so sehen wir, wi« hoch entfernt die angebliche Formel der Weltbefriedung, die Formel des Versailler Diktats, davon war, den Weltfrieden zu bringen. Sie hat nicht den Frieden gebracht, son­dern sie hat überall neue Spannungen geschaffen, die sich entladen wollen.

Es ist bezeichnend für die Gegenwart, -daß überall die Entwicklung zur Krise drängt. Wir sehen auf -der einen Seite, daß Keime, die vor langer Zeit gepflanzt wurden und die allmählich «mporwuchsen, jetzt plötz­lich zu einer folgenschweren Entfaltung kommen. Als Napoleon I. am 30. April 1803 Louisiana, damals die Hälfte des ungeheuren Mississippi-Beckens, an die Vereinigten Staaten verkaufte, sagte er zu seinen Mi­nistern:Die Engländer streben, die Reichtümer und den Handel der ganzen Welt an sich zu reißen. Um die Völker von ihrer unerträglichen kommerziellen Tyrannei zu befreien, ist es nötig, ihren Einfluß durch eine Seemacht zu balancieren, di« ihnen eines Tages die Handelssuprematie streitig machen kann. Dies« Macht sind die Vereinigten Staaten. Stärke ich deren Stellung durch Abtretung -des Miffiffippi- Göbiets, so erhält England im Welthandel einen Mit­bewerber, der seinen Uebermut früher oder später dämpfen wird!"

Eines Tages! Große Politiker sind große Pro­pheten, durch ihr Handeln nicht minder, als -durch ihr Reden. Es sind über hundert Jahre vergangen, bis der Prophet Napoleon Recht behielt, aber hat er nicht Recht behalten auf eine Art und in einem Umfang, daß wir über seinen divinatorischen Vorausblick staunen?

Im Jahre 1799 sprach man zuerst von einem engli­schen Reich in Indien. Die englische Verwaltung aber konnte je länger, desto weniger austommen, ohne eingeborene Hilfskräfte heranzuziehen. Sie gab den Indern Schulen. Ans -den Schulen wurden Hoch­schulen, wurden indische Nationalvereine, wuchs eine indische Presse, eine indische Kritik, ein indisches Selbstgefühl heran. Dann zertrümmerte der Welt­krieg den Glauben des indischen Volks an die Du- periorität der weißen Raffe. Indien will jetzt frei sein, und wenn man den Inder fragt, mit welchen Mitteln er denn glaube, England zu zwingen, so lächelt er nur und sagt: Es gibt jemanden, der stärker ist als England, und dem es paffen könnte, daß In­dien frei ist! So strecken sich di« Linien, längs -denen politische Kräfte zur Wirkung kommen, jetzt über die ganze Erde. Alle die Felder aber, die sie durchschnei­den und verbinden, sind Felder der Unruhe. Welche Unruhen um» welche Spannungen sind allein davon in -die Welt gekommen, daß zuerst der Oesterreicher Regrelli einen Plan für die Verbindung des Mittel­meeres mit dem Roten Meer ausarbeitete und der Franzose Lesseps ihn auf nahm und aussührte!

Ein anderer, mächtig -wirkender Faktor der Welt­unruhe ist das Nationalitätsprinzip geworden. Es ist im Grunde ein Abkömmling aus -deutschem Geist. Als Herder di«Stimmen der Völker" sammelte und als die Romantiker selbst Goethe tat es dem Eigen­leben halbvergeflener europäischer Ostvölker in ihren Liedern und Sitten nachgingen, wurden am Balkan und am Fuß -der Sudeten die ersten Keime gepflanzt, deren hundertjährige Entwicklung die alte habsburgi­sche Monarchie zersprengt hat. Tann kam der Men­schenfang der Entente mit der Verkündung des -Selbst- bestimmungsrechts -der Völker. Wenn die Betrüger nur geahnt hätten, welch eine Unruhe in der ganzen Welt sie damit gegen sich selber herausbeschwören würden! Es ist die stärkste Sankttonierung für die große Forderung, di« jetzt von allen nationalen Min- derhetten erhoben wird: Volkstumssreiheit soll die­selbe Gestaltungskraft haben, wie Religionsfreiheit! Es Wird nicht lange dauern, so wird auch dies Pr-jz«