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Kasseler Abendzeitung
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Nummer 218*
Mittwoch, 17. September 1930
20. Jahrgang
Wahlkommentare aus Sowjetrußland
Oie ersten Moskauer preffestimmen zu den deutschen Wahlen / Hitler über die Kampfziele der Nationalsozialisten / Wirth gegen die RechtskoaliiLon
„Ernste Ereignisse" werden prophezeit
Eigener Drahtbericht.
Brüning sondiert die Parteien (Don unserer Berliner Schriftleitung.)
Kowno, 17. September.
Wie aus Moskau gemeldet wird, nehmen die amtlichen Sowjetblätter, die „Jswestija" und die „Prawda" in ihren Mittwoch-Ausgaben zum elften- male zum Ergebnis der deutschen Wahl Stellung.
Die „Jswestiia" erklärt, das kapitalistische Deutschland sehe keinen Weg mehr vor sich, aus dem das durch das Wahlergebnis verloren gegangene Gleichgewicht der inneren Kräfte wieder hergestellt werden könnte. Man sehe im Innern eine politische Verwirrung, mit der eine KrisederAutzenpolitik Hand in Hand gehe. Selbst wenn die Nationalsozialisten in dem kommenden deutschen Kabinett nicht vertreten sein würden, werde es schwer sein, den gegenwärtigen außenpolitischen Kurs beizubehalten. Die Wahlergeb- niffe würden jedenfalls den Anstoß zu neuen ern- penEreignifsenin Deutschland bilden.
Die „PrawLo" nimmt an, daß die Wahlergebnisse als Anzeichen für die zunehmende Revolutionie- rungDeutschlands zu werten seien. Der Erfolg der Nationalsozialisten sei der Beweis für den Verfall der bürgerlichen Demokratie.
Das Verbrechen von Versailles
Die Hearst-Presse zur ReichstagAvahl.
Neuhork, 17. September.
Die einflußreiche Hearst-Presse veröffentlicht einen groß aufgezogenen Leitartikel über den Ausgang der deutschen Reichstagswahlen. Nach einem offiziellen Hinweis auf den Wahlgewinn der radikalen Flügel heißt es wörtlich:
„Eine Gefahr, die jetzt selbst Halbblinde sehen, hätte Europa schon lange vorher erkennen können Der Versailler Vertrag, der dazu bestimmt war, die deutsche Nation verbluten zu lassen, ist ebenso dumm wie brutal. Er saugt alljährlich hunderte von Goldmillionen aus der deutschen Lebenskraft und der deutschen Industrie. Er bedeutet lange Arbeitszeit für jeden Deutschen, Entmutigung für das ganze Volk und für jeden einzelnen. Das kann keine Nation auf die Dauer aushalten, keine wird es aushalten. Wenn in Versailles mit voller Ueberlegung die Bolschewisterung Deutschlands geplant worden wäre, so hätte man das nicht erfolgreicher tun können.
Jetzt ist es an der Zeit, die Wirkungen und das Verbrechen von Versailles ungesche- hen zu machen und die schier untragbare Last von dem Rücken des deutschen Volkes zu nehmen. Es wird zu spät sein, wenn sich Deutschland erst Rußland und der bolschewistischen Politik zugewendet hat." (Siehe auch den Artikel „Parole in USA: Abwarten!" auf Seite 2!)
Oer Kattowitzer Wojewode droht
Kattowitz, 17. September.
In der gestrigen Plenarsitzung des schlesischen Sejms wurde über den Haushaltsplan 1930—31 debattiert. Der Wojewode ©raffinfit führte dabei aus, daß fein Bemühen dahin ziele, das Programm der breiten Masse der Bevölkerung, mit der zusammen er im Aufstand gekämpft habe, zu verwirklichen. Die politischen Voraussetzungen, unter denen der Sejm seine Tagung begonnen habe, seien ungünstig, da sie in die Zeit der Wahlvorbereitung fallen. Es sei notwendig, die unheilschwangere Atmosphäre vom Sejm fernzuhalten, denn dieser habe in der nächsten Zeit sehr wichtige Ausgaben zu erfüllen. Der schlesische Sejm sollte sich nicht in die Staatspolitik einmischen. Der Wojewode forderte den Sejm auf, mit ihm zusammen zu arbeiten, weil andernfalls ein Zustand eintreten könne, über den er jetzt nicht reden wolle.
Diese Anspielung auf eine- Auslösung auch des schlesischen Sejms wurde von den Abaeordneten der Opposition mit lebhaften Zwischenrufen ausgenommen.
Oer schmerzende Splitter
Italienische Stimmen zur Korridorfrage.
Rom, 17. September.
In einem Artikel zu der Frage des Weichsel-Korridors schreibt das„Giornale 61 Genova" unter anderem:
Das laute Geschrei, das die Erklärungen Trevira nus in Polen hervorgerufen haben, zeigt, wie Vie Polen zu den deutschen Forderungen stehen. Polen, das sich bekanntlich in den französischen Gleisen bewegt, pertraut auf die Unterstützung Frankreichs, das feit
Jahren in alle Himmelsrichtungen ruft, man könne den Vertrag von Versailles nicht anrühren. Sicher ist die Revision eine delikate Angelegenheit, aber nicht weniger gefährlich ist es, wenn man einen Zustand verewigen will, der so schwere Unzulänglichkeiten aufweist und in seinem eigenen Schoße die Nahrung für künftige Konflikte birgt. Die Ansicht, daß der Versailler Vertrag Irrtümer und Unrichtigkeiten enchält, ist nun allgemein verbreitet. Andererseits ist die durchaus nicht unberechtigte Auffassung vertreten, daß man wenigstens einem Teile dieser Irrtümer a b h e l f e n und einen Teil der Ungerechtigkeiten beseitigen könnte, wenn man mit dem Geiste der Gerechtigkeit und einem ehrlichen Verständnis für die Rechte und lebenswichtigen Erfordernisse der verschiedenen Völker ans Werk geht.
Der Korridor ist ein s ch m e r z e n d e r Splitter, der tief im Herzen des deutschen Volkes steckt. Wir sind der Ansicht, daß es im Interesse des europäischen Friedens und im Interesse Polens selbst besser wäre, diesen Splitter im Interesse einer Wiederherstellung freundlicher Beziehungen zwischen Deutschland und Polen zu beseitigen.
Hendersons Sekreiär bestohlen!
London, 17. September.
„Daily Mail" veröffentlicht in sensationeller Form eine Genfer Meldung, wonach im Hotel bei Noel Bakers, dem Privatsekretär des britischen Außenministers, ein Diebstahl von hoher politischer Bedeutung vollführt worden sei. Dem Eindringling sei es gelungen, den Schlüssel zu Depeschenkästen zu entwenden. die denen ähneln, die vom britischen Auswärtigen Amt zur Uebersendung vertraulicher Dokumente an Botschaften gebraucht werden.
Bald nach der Entdeckung des Diebstahls sei die Anweisung erteilt worden, die Schlösser der Depeschenkästen des Auswärtigen Amtes zu ändern.
th. Berlin, 17. September.
Die Linie, auf der die Regierungsgeschäfte weitergeführt und im neuen Reichstag eine Mehrheit gesucht werden soll, zeichnet sich immer deutlicher ab; ebenso aber auch das Maß der Schwierigkeiten, die der Verwirklichung des jetzigen politischen Programms des Kanzlers im Wege stehen. Nachdem das Reichskabinett den Beschluß gefaßt hat, die finanziellen und sozialpolitischen Entwürfe dem neuen Reichstag vorzulegen, die zum Regierungsprogramm gehören, hat der Reichskanzler die schon vorher geplante Fühlungnahme mit führenden Persönlichkeiten der maß- gebendenReichstagsfraktionen ausgenommen. Diese Besprechungen werden heute und in den nächsten Tagen fortgesetzt werden; es handelt sich dabei vor allem um die Feststellung, aus welche Parteien der Reichskanzler bei Durchführung seines Programms rechnen kann. Es ist
mit Sicherheit anzunehmen, daß der Kanzler sich bei diese« Besprechungen u.«d Sondierungen nicht ans den engeren Kreis der Regierungsparteien beschränkt, sondern auch mit der Opposition der Rechten und der Linken Fühlung nehmen wird. Allerdings bestehen in den der Regierung nahestehenden Kreisen starke Zweifel, daß eine derartige Verständigung bei der Opposition der Rechten zu einem Erfolg führe« wird, während die Aussichten für eine Einigung zwischen der Mitte und der Linken weit günstiger beurteilt werden. Sollte es zu einer Verständigung mit der Linken kommen, so wäre allerdings trotz mancher — besonders von der Staatspartei geäußerten — Wünsche, nicht mit der formellen Errichtung der Großen Koalition zu rechnen.
Denn eine derartige offizielle Errichtung der Großen Koalition würde sch, 'etzt auf starke Bedenken bei der gemäßigten Rechten goßen, die ja ebenfalls zum Brüning-Block gehört. Außerdem scheinen auch
Adolf Hiller über seinen Wahlsieg „ßin Anfang im Kampf um die Erringung der Macht auf dem legalen Boden der Verfassung^
München, 17. September.
Im Zirkusgebäude am Mars seid sprach am D: i- r" Stag abend der Führer ber NSDAP. Ad o l s Hitler über die Bedeutung des nationalsozialistischen Wahlsieges. Hitler bezeichnete in seiner Rede den Stimmenerfolg der Nationalsozialisten bei den Wahlen vom 14. September als einen
Anfang im Kampfe um die Erringung der Macht im Staate auf dem legalen Boden der Verfassung
und erklärte ferner, daß die Nationalsozialisten Revolutionäre seien, aber nicht Revolutionäre im Sinne eines Putsches, einer Revolution oder eines Umsturzes, sondern Revolutionäre des Geistes.
Der Sinn dieses Sieges sei darin zu suchen, daß sich die Bewegung nunmehr einen Platz in der Oef- fenrlichkeit erobert habe. Es sei geradezu lächerlich, in der Bildung einer neuen Regierung das Ziel der nationalsozialistischen Bewegung zu sehen. Für die Nationalsozialisten sei
das Parlament nicht das Ziel an sich, sondern nur ein Weg zum Ziele.
Die Nationalsozialisten seien nicht Parlamentspartei aus Prinzip, sondern Parlamentspartei aus Zwang. 107 Mann ständen nun auf dem legalen Fecht- hoben. Sie würden zeigen, daß die Nattonalsozia- listen nicht nur die Massen beherrschen, sondern daß sie auch Florett fechten können. Die Nationalsozialisten würden auf diesem Boden jede Möglichkeit günstigen Sinnes wahrnehmen, die ste ihren Zwecken näher bringen kann. Nicht um Abgeordnetenmandate kämpfen sie, sondern ste eroberten Mandate, um das Volk dadurch frei machen zu können. Bemerkenswert war außerdem, daß
Hitler in seiner Rede etwaige Koalitionsmöglich, leiten in keiner Weise erwähnte,
so daß daraus zu schließen ist, daß die Nattonalsozia- listen sich in dieser Richtung jedenfalls freie Hand Vorbehalten wollen.
Hitler richtete weiter ernste Worte an die S. A. und S S. - L e n t e, der er mahnte, weitere Opfer zu bringen, wenn das Ziel erreicht werden solle. Der
Kampf dürfe keine Sekunde erlahmen; darum müsse das Wort Sieg heute wieder aus den Köpfen gestrichen und an seine Stelle wieder das Wort Kamps gesetzt werden.
Zu Zwischenfällen ist es nach Schluß der Versammlung nicht gekommen.
Einigungsversucbe der Rechtsgruppen G
Berlin, 17. September.
Wie das Nachrichtenbureau des Vereins Deutscher Zeitungsverleger bestätigt, bahnt sich für den neuen Reichstag eine Zusammenfassung aller kleineren Gruppen auf der Rechten zu einer bedeutenderen Fraktion an. Zwischen den Volkskonservativen, den Christlich-nationalen Bauern, dem Christlich-sozialen Volksdienst, den Landbündlern und den Deutsch-Hannoveranern sind Verhandlungen auf Erstrebung einer Fraktionsgemeinschast eingeleitet, die große Aussicht auf Erfolg haben. Während die Mehrzahl dieser Gruppen einzeln keine Fraktionsstärke hätte und also sowohl bei der Vertretung in den Ausschüßen, wie bei dem Antragsrecht und den Redezeitbestimmungen erheblich ins Hintertreffen käme, dürfte die zusam- menfassende Fraktion eine Mandatszahl von etwa 45 erreichen.
Oie Wirsschaftspartei wartet ab
Berlin, 17. September.
Durch die Tagespresse gehen Mitteilungen, nach welchen angeblich zwischen der Wlrischaftspariei und anderen Parteien Verhandlungen Über die Regierungsbildung stattgefundtn haben sollen. Die Pressestelle der Wirtschaftspartei teilt uns mit, daß diese Gerüchte unzutressend seien. Die Wirtschaftspartei habe mit keiner anderen Partei bisher über die Fragen der Regierungsbildung verhandelt und sie lehne es auch ab. vor dem Zusammentritt des Reichstages in Verhandlungen über diese Fragen eiitiutteien,
die Sozialdemokraten selbst zur Zeit kein besonderes Interesse an einer derartigen formellen Aenderung der Regierungsbafls zu haben.
Or. Wirths Rundfunkrede
Dr. Wirth hat überdies in einer Rundfunkrede, die er gestern abend hielt, bestätigt, daß eine Zusammenarbeit des Zentrums mit der Opposition der Rechten praktisch nicht in Frage komme. Er hat betont, daß die Möglichkeit einer sogenannten Rechts front politisch nur wirksam werden würde, wenn die Bayerische Volkspartei und das Zentrum mit ihren 87 Stimmen hinzntreten. Das sei für ihn und feine Freunde aber politisch nicht diskutierbar; eine solche Entwicklung liege also außerhalb des Bereiches der politischen Möglichkeiten. Angesichts dieser Sachlage dürfte nichts daher anderes als die schon mehrfach erwähnte Znsammentrbeit der Mitte mit der
Linken übrig bleiben.
Nun hat Dr. Wirth allerdings in seiner Rundfunkrede einige .Wendungen gebraucht, die wiederum bei den Sozialdemokraten Aufsehen erregt haben. Er hat z. B. davon gesprochen, daß das Kabinett Brüning zur Mehr- yeitsbildnng im Reichstag einen Teil der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion brauche. Aus diese Aeußerung hin erwidert der „Vorwärts' heute mit der Feststellung, daß die sozialdemokratische Fraktion ihr politisches Gewicht einig und geschloffen in die Wagschale Wersen wird, so daß die Redewendung von „einem Teil' der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion Wohl nur mathematisch, aber nicht politisch gemeint sein könne. Ebenso wehrt sich der „Vorwärts' dagegen, daß in der Rede Dr. Wirths, wenn auch einigermaßen umschrieben, davon gesprochen werde, daß die Regierung in threr bisherigen Zusammensetzung weiter bestehen und ohne Fühlungnahme mit den Parteien, die sie braucht, dem neuen Reichstag ihre Entwürfe vor
legen könne.
Man dürfe nicht, wie Dr, Wirth es getan ^be, das Problem einfach auf die Formel -Sachlichkeit oder Negation" bringen und Dr. Wirth werde es doch gewiß nicht als unsachlich betrachten, wenn die Sozialdemokraten S- B. die Außenpolitik des Herrn Treviranus und die Handelspolitik des Herrn Schiele ablehnen würden.
Diese Einwendungen des -Vorwärts' gegen die Rede des Reichsinnenministers sind vor allem dadurch bemerkenswert, daß es sich mn recht sanfte Erwiderungen handelt. Es dürfte auch nicht in der Absicht des Kanzlers liegen, feine Vorlagen -ohne Fühlungnahme' mit der Sozialdemokratie einzu- bringen. Bemerkenswert bleibt jedenfalls, daß der -Vorwärts' auch heute nicht daran denkt, die formelle Errichtung der Großen Koalition zu verlangen.
Westarps große Koalition
Die Auseinandersetzungen zwischen der SPD. und der Regierungsgrnppe laffen Mo keine allzugroßen Schwierigkeiten erkennen, während derartige Schwierigkeiten innerhalb der einzelnen Gruppen selbst zu liegen scheinen. So ist z. B. der rechte Flügel des Brüningblockes noch nicht damit einverstanden, daß man' sich mit der Sozialdemokratie verständigen will.
Gras Westarp hat schon zu diesem Thema in der „SreuAseitung" das Wort ergriffen und betont. daß für die Gruppen der gemäßigten Rechten, die sich bekanntlich in einer gemeinsamen Fraktion znfammenschließen wollen, eine direkte oder indirekte Unterstützung der Gro- ßen Koalition nicht in Frage komme, sondern daß der Reichskanzler vielmehr sich nicht der Un- tersuchuna entziehen dürfe, ob die Na t i o n a l s o- zialisten zur praktischen Mitarbeit an der Regierung bereit seien. Schon aus den Mitteilungen über die Unterredungen des Reichskanzlers geht hervor, daß Dr. Brüning tatsächlich gesonnen ist, derartige Unterfud)ungen an- zuste11en.
Aber, wenn diese Untersuchungen negativ Zerlaufen. und wenn Dr. Wirth mit seiner gestrigen Feststellung recht behalten sollte, dann werden wobl auch die Konservativen und die Agrarier ihren Standpunkt nock einmal nachprüfen müllen.
Schwierigkeiten ähnlicher Art liegen innerhalb der sozialdemokratischen Partei vor, bei der es noch keineswegs sicher ist, ob die Gesamtheit oer neu gewählten Abgeordneten sich mit dem Gedanken einer stillschweigenden Unterstützung des Kabinetts Brüning befreunden kann. So hat z. B. der Vorsitzende der sächsischen Landesorganisation in einem sozialistischen Blatte die Forderung aufgestellt, daß die Sozialdemokraten nicht mit dem Zentrum zusammengehen dürfen, sondern daß sie in der Lppo- fition bleiben müssen.