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Nummer 214*

Freitag, 12. September 1930

20. Jahrgang

polens Kampf gegen die deutsche Minderheit

Aufsehenerregende Enthüllungen desManchester Guardian" / Henderson fordert Abrüstung / Vulkanausbruch auf der Insel Stromboli

Abrüstung schafft Sicherheit (Eigener Drahtbericht).

Genf, 12. September.

Wir haben bereits gestern über die Rede, die der französische Außenminister Br i and in der Vollversammlung des Völkerbundes hielt, berichtet. Vriand verteidigte zunächst, wie hier kurz wiederholt sei, die Arbeit des Völkerbundes, und erklärte, daß alle Bemühungen um die Organisierung des Friedens vergeblich seien, wenn sie nicht als Gegenstück die Einschränkung und sogar, wenn möglich, die Be­seitigung der Rüstungen hätten, lieber seinen Paneuropaplan sagte Briand, daß er von Anfang an die Schwierigkeiten der Verständigung über feinender ins Auge gefaßt habe. Diese müßten aber im Inter­esse des Friedens überwunden werden. Es sei selbst­verständlich, daß keine neue Organisation neben dem Völkerbund geschaffen werden solle, sondern, daß die europäischen Einigungsbestre­bungen, deren wirtschaftliche Bedeutung er stark her­vorhob, nur im Rahmen des Völkerbundes verwirklicht werden könnten. Die Bundesversammlung habe jetzt das Wort.

Von großem Interesse waren dann vor allem die Ausführungen, mit der der

englische Außenminister Henderson

auf Briands Rede antwortete. Henderson kam so­gleich auf die Vorschläge der französischen Regierung zur europäischen Union zu sprechen, die, wie er hoffe, zu praktischen Ergebnissen führen werde. Im Sinne der englischen Regierung sei die in der Ent­schließung der europäischen Staaten enthaltene jzeft-. stellung, daß die angestrebte Zusammenarbeit in v o l - lem Einvernehmen mit dem Völkerbund hcr- beigeführt werden soll. Henderson unterstrich sodann die Wichtigkeit der wirtschaftlichen Arbeit des Völker­bundes. Im weiteren Verlaus wies Henderson auf das Interesse hin, das die britische Regierung an der Generalakte über die Schiedsgerichtsbarkeit und an der Konvention über die finanzielle Unterstützung ange­griffener Staaten, wie überhaupt an allen Maßnah­men zur V e r h ü t u n g und B e k ä m p s u n g des Krieges nehme.

England sei bereit, alle derartigen Sicherheits­maßnahmen zu ratifizieren, doch unter einer Be­dingung, daß ein a l l g e m c i n e r V e r t r a g zur Herabsetzung und Beschränkung der nationalen Rüstungen durchgcführt werde. Deshalb werde England seine Zustimmung zu neuen Sicherheits­maßnahmen nur unter der Bedingung effektiv wer­den lassen, daß die Abrüstung aufhöre nur eine Frage zu sein und eine Wirklichkeit werde. Diese Verpflichtung zur Abrüstung bildet einen Teil des Friedensvertrages und ist nicht weniger geheiligt

als irgend eine andere Verpflichtung, die in diesen Verträgen enthalten seien.

Nach einem Hinweis auf die Londoner Flottenkon- ferenz schloß Henderson seine Rede mit folgenden, stark betont vorgetragenen Sätzen: Die Zeit für praktische Ergebnisse ist jetzt gekommen, und wir hoffen daher, daß der vorbereitende Abrüstungs-Ausschuß, wenn er im November zusammentritt, machtvoll vorstoßen und seine Aufgabe tatsächlich endgültig vollenden wird. Wir hoffen, daß die Weltabrüstungskonferenz vom Völkerbundsrat auf nächstes Jahr einberufen werden kann.

Der Sieger von Ge nf

Die Londoner Presse über Hendersons Genfer Politik.

London, 12. September.

Die Bemerkungen der Londoner Presse zu den Gen­fer Verhandlungen über den Paneuropaplan sind außerordentlich spärlich. Immerhin wird Henderson überall als Sieger in Gens angesehen, weil es ihm gelungen sei, die Briandschen Pläne von vornherein or den Völkerbund zu ketten.

it Genugtuung stellt derDaily Telegraph" fest, daß die ganze Angelegenheit nun einem Ausschuß übermittelt sei, so daß die B r i a n d s ch e n Pläne zunächst einmal aus die lange Bank gescho­ben seien.

DerDaily Herald" betont, der Kernpunkt der ganzen Verhandlungen liege in der Erklärung Hendersons, daß für das nächste Jahr die Ab­rüstungskonferenz einberufen werden soll. Der Völkerbuiw müsse nun endlich dieser Frage näher treten, sonst werde er selbst darunter leiden.

* * *

Paris, 12. Sept. Die Antwort des englischen Außenministers Henderson auf die große Pan­europarede Briands wird in der französischen Presse verschieden beurteilt. Während die chauvinistischen und paneuropafeindlichen Blätter in den Ausfüh­rungen Hendersons verächtliche Bemerkungen sehen wollen, die den Zweck hätten, die Paneuropaangele­genheit als einen gewöhnlichen Zwischenfall darzu­stellen, begnügen sich andere Blätter, möglichst die für Briand vorteilhaften Sätze aus der Rede des englischen Außenministers herauszuschälen. Trotzdem muß auch das .Journal" feststellen, daß es kaum zwei Redner gegeben hat, die sich so scharf gegenüber gestanden hätten. Wäh­rend sich Briand besonders darin gefallen habe, seine Ausführungen durch seine große Redekunst auszu­schmücken, habe Henderson mit harten Hammerschlä­gen fetns und die englische Ansicht entwickelt, der man eine gewisse Verschlagenheit nicht ab- sprechen könne. - -------

Die Agrarreform als Kampfmittel

Eigener Drahibericht.

London, 12. September.

M anchester Guardia n" veröffentlicht an hervorr^-uder Stelle ein in den Besitz des Blattes gelangtes politisches Geheimdokument, das, wie das Blatt hervorhebt, die von der deutschen Minderheit in Polen an den Völkerbund gerichtete Beschwerde rechtfertigt, daß die polnischen Behörden in der A nw e n d u n g des Agrarreformge- s e tz e s durch politische und Rassenerwägungen beein­flußt werden und gegen die deutschen Landbesitzer diskriminieren.

In dem vomManchester Guardian" veröffent­lichtenstreng vertraulichen" Schreiben des Wojewoden in Graudenz wird dieser angewiesen, wie er bei der Enteignung großer Güter in den verschiedenen Grenz­gebieten im Jahre 1930 vorgehen soll.

Manchester Guardian" weist darauf hin, daß aus dem Schreiben hervorgeht, daß das Bezirkslandamt einen Plan der Enteignung im Interesse der Agrar­reform allein entworfen hatte, daß die Sicherheitsbe­hörden damit jedoch nicht zufrieden waren und eine Revision des Planes verlangt hatten, damit er als Waffe gegen die deutsche Minderheit verwandt werden kann. Das Blatt kommt ju dem Schluß, daß das Schreiben endgültig beweist, daß die polnische Landreform ganz und gar auf Grund poli­tischer und militärischer Erwägungen erlasse» worden sei. Es fei bemerkenswert, eine wie große Rolle be­sonders stratcgische Erwägungen bei der Agrarpolitik spielten.

Manchester Guardian" bemerkt, das amtliche pol­nische Dokument komme in einem geeigneten Augen­blick. Es wird, so erklärt das Blatt, in Zukunft schwierig sein, die polnischen Beteuerungen, daß die Agrarreform unparteiisch durchgeführt wird, hinzu­nehmen. Hier ist eine Angelegenheit, die zu u n t c r - suchen der Vülkerbundsrat nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht hat.

die wiederholten Steuervorlagen und schließlich die Auflösung des Reichstages zurückzuführen seien, sei in der Arbeitslosigkeit und in der Verquickung der Arbeitslosenversicherung mit dem Reichsetar zu suchen.

Die Beseitigung der Notverordnungen sei gar nicht möglich. Sie würde Unordnung in die Reichsfinanzen bringen, die Gefahr heraufbeschwören, die zur Zeit nicht bestehe, daß tatsächlich die Gehälter und Löhne nicht bezahlt werden könnten. Außerdem werde der kommende Reichstag Sorgen anderer Art noch vorfinden. Er werde das Problem lösen müssen, wieviel im Reichsetat gespart werden könne. Es sei bekannt, daß er (Dietrich) die Abstriche des vorigen Etats im kommenden Etat verdoppeln wolle, und er füge hinzu, ganz gleichgültig, wer an seiner Stelle stehe, der Finanzminister werde diese Abstriche ver­doppeln müssen aus dem einfachen Grunde, weil infolge Sinkens der Steuern die Aufrechterhaltung des alten Etats unmöglich sei.

Rußland braucht ein Riesenlustschiff

Die Volkskommissare gestatte» Geldsammlungen.

Kowno, 12. September.

Wie aus Moskau amtlich gemeldet wird, hat der Rat der Volkskommissare Volkssammlungen von Geldern für den Bau eines Luft­schiffes nach dem Muster desGraf Zeppelin" ge­

stattet. Das Luftschiff soll nach dem Ende dieses Jah­res in Leningrad gebaut werden und den Namen Lenin" erhalten. Daraufhin hat sich nun die gesamte Moskauer Presse die Parole zu eigen gemacht:Sow- jetrußland braucht ein Riesenlustschiss."

DiePrawda" schreibt unter dem Eindruck des denkwürdigen Besuches des deutschen Luftschiffes Gras Zeppelin", daß nunmehr mit allen Mitteln ein Feldzug zur Beschaffung von Mitteln für den Bau eines mächtigen russischen Luftriesen eingeleitet wer­den müsse.Gras Zeppelin" habe der Moskauer Be­völkerung zum Bewußtsein gebracht, welche Bedeutung für die riesenhaften Entfernungen des Russischen Reiches eilt Lustschissgigant besitzt.

Der Stromboli in Tätigkeit

Rom, 12. September.

Wie die Blätter melden, wurde gestern die Kuppe des Stromboli (auf der gleichnamigen nördl. vonSilizien liegenden Insel) durch eine heftige Eruption in die Luft gesprengt. Die Lavaströme haben die Ortschaft San Bartolo erreicht und die Felder vernichtet. An verschiedenen Stellen brach durch den glühenden Steinregen Feuer aus. Auch aus der Strasinsel Lipari verspürte man ein starkes Erdbeben.

Die heutigen Morgenblätter melden, daß sich der Vulkan am Donners.ag nachmittag wieder beruhigt habe. Nach dem -Messagers" sind fast alle Häu­ser von St. Bartolomao und Ginostra zer­stört. Die Bevölkerung habe aber genügend Zeit ge­lebt, sich in Sicherheit zu bringen. DerPopolo di Roma" meldet 5 T o t e und 20 Verwundete aus Gi­nostra und 8 Verwundete aus Stromboli. Hilss- schifsc sind am Nachmittag vor der Insel eingetroffcn.

pilsudskis Radikalkur

Warschau, 12. September.

PilsudskisExpreß Poranny" weiß ton 200 Straf­verfahren gegen frühere Abgeordnete zu berich­ten, die bereits sämtlich von der Staatsanwaltschaft behandelt würden. Nach Meldung des Blattes dürfte also die F e st n a h m e von etwa 180 Abgeordneten erfolgen. Andererseits heißt es freilich, die Regierung habe, um Massenverhaftungen von früheren Abgeord­neten zu vermeiden, der Staatsanwaltschaft anheimge­geben, lediglich in ganz schweren Fällen Verhaftun­gen vorzunehmen.

Deutschland und die Minderheiten

Genf, 12. September.

Die deutsche Delegation hat beim Präsi­dium der Völkerbundsversammlung einen Antrag ge­stellt, der die Behandlung der Minderheiten­frage durch die jetzige Bundesversammlung sicher- stellen soll. Deutschland beantragt insbesondere den Teil des Tätigkeitsberichts des Generalsekretärs, der sich auf die Minderheiten bezieht, dem zuständigen 6. Ausschuß zu überweisen. Deutschland, das seine grundsätzliche Einstellung zur Minderheitenfrage wie­derholt im Rahmen des Völkerbundes dargelegt und das bekanntlich gewisse Verbesserungen des Verfahrens in den Madrider Beschlüssen erreicht hat, legt augenblicklich das Hauptgewicht auf eine nochmalige Ueberprüfung der besteqpnden Bestimmungen zum Schutz der Minderheiten mit dem Ziele, ihre restlose Durchführung zu sichern.

Reichsautzenminister Dr. E u r t i u s hat übrigens in den letzten Tagen mit den hier weilenden Minder­heitenvertretern, die an dem Nationalitätenkongretz teilgenommen haben, Fühlung genommen und sich über die konkreten Wünsche und Beschwerden der Min­derheiten unterrichtet.

(§s muß gespart werden

Dietrich über die finanzpolitischen Aufgaben.

Berlin, 12. Sept.

Bei der gestrigen Kundgebung der Deutschen Staatspartei im Sportpalast hielt Reichsfinanzmini­ster Dr. Dietrich das Hauptreferat.

Der Minister wandte sich zunächst gegen verschie­dene Gerüchte, die jetzt während des Wahlkampfes in Umlauf gesetzt sind. So sei cs nickt wahr, daß die deutsche Regierung bei den Franzosen 2H Mil­liarden borgen wolle. Ebenso treffe es nicht zu, daß das Reich die Beamtengehälter nicht mehr zahlen können. _

Die Kassenlage des Reiches sei mr vier Mo- juxt? in Ordnung. Die akute Schwierigkeit, auf welche

Hinter -en Kulissen

-es»kerbu«-es

Dr. Pz. Genf, 12. September.

Man ist gerade «daran, für dasWahlgebäude", worin oben der Auftakt zur 11. Bundesversammlung erfolgte, einen anderen Namen zu suchen. Einige schlagen provisorischer Friedenstempel" vor, in Er­wartung des endgültigen Palastes im schönen Ariana- Park, dessen Mauern immer noch nicht über den Erd- boden hinaus gewachsen sind; andre wollen esWie­ge des neuen Europa" taufen, oderPalais Briand"« Wer kein Freund großer, sondern richtiger Worte ist, spräche sich am liebsten für den Namen aus:Haus derungehörten Worte". Mit viel Geld und Mühe hat man nämlich einen Versammlungssaal her­gerichtet, der in jeder Beziehung einwandfrei ist; sind doch selbst die Journalisten des unerhörten Luxus teilhaftig geworden, daß jeder für sich einen eigenen Banksitz hat, und ein Brettstück, darauf er, so er mag, schreiben kann. Eines nur hat man vergessen; nicht das Licht, wie die guten Bürger von Schilda beim Rachausbau was hätte ein solches Berschen im Zeitalter der Elektrizität noch zu bedeuten? son­dern, wenn das BW gestattet ist, die Ohren.

Kurz und gut: Man versteht buchstäblich nichts von Dem, was von der Rednertribüne aus gesprochen wird. Der Saal 'besitzt keinen Schimmer von Akustik, und umsonst strengte der arme Z n m e t a als eröff­nender Vorsitzender seine Stimmbänder zu äußerster Stärke an: die wohlgesetzten Worte verloren sich ir­gendwo im schönen Belum, das man wie einen ge­waltigen Baldachin über die Versammlung gespannt« Mit echt orientalischer Klugheit erfaßte der neugc- wählte Präsident Titulesku sofort di» Situation: Statt der ebenso endlosen wie unnützen Rede, die bei dieser Gelegenheit üblich ist, hielt der katzenhaft ge­schmeidige Rumäne es mit der bekannten Anweisung Luthers an seine Prediger:Tritt frisch auf, tu'3 Maul auf, hör bald auf." Alle drei Vorschriften hat er buchstäblich befolgt, und es grollen ihm darob nur ibieDamen des Völkerbundes", jene aus allen Him­melsgegenden hergewehte weibliche Flora, die ohne­hin unzufrieden ist, weil derschönste Mann des Völ­kerbundes, Finnlands Außenminister Procope, seine Kandidatur zum Präsidentenpoften nicht aufstellen wollte.

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Im neuen Versammlungspalast sind die Kulissen vermehrt worden, einem dringenden Bedürfnis ent­sprechend; überall gibt es versteckte Winkel, ideale Orte für allerhand kleine oder auch große Intrigen. Irgendwo stehen B r ia n d und Graf A p p o n Y i zusammen, schon äußerlich einen packenden Gegensatz bildend: der Fischer von Cocherel, in grauem Anzug, Hut und Bart, im tiefherabhängcnden Mundwinkel den ewigen Zigarettenstummel, im blauen Auge eine fast schalkhafte Flamme; neben ihm di« legendäre Ge­stalt des ungarischen Magnaten, den mächtigen Kör­per ungebeugt, mit kühner Adlernase und lang wal­lendem Bart, die Augen voller Blitze. Jemand hat das Stichwort aufgefangen: König. Es heißt: Briand habe den alten Staatsmann, dem er persön­lich tief verehrt, vor einem monarchischen Abenteuer in Ungarn warnen wollen. Der Graf ist ziemlich erregt, protesttert mit heftigen Worten; Briand wird immer eindringlicher, erhebt jetzt dro­hend den Finger: Die Thronbesteigung des jungen Otto bedeute den Krieg, unabänderlich, unabweisbar den Krieg.

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Man weiß von einem heftigen Zwischen­fall innerhalb der italienischen Dele­gat i o n zu erzählen. Der Außenminister Tino Grandi sei nach Genf gekommen, um sich mit Briand über 'die Flottensrage zu unterhalten, und im Anschluß daran über sämtliche zwischen Frankreich und Italien schwebenden Streitfragen. Aus Grün­den hoher Politik waren diese Verhandlungen in letz­ter Stunde angekünvigt worden: um nämlich den Zu­sammentritt des vorbereitenden Abrüstungsausschus­ses im November zu ermöglichen. Das Dilemma war nun folgendes: Es mußte verhandelt werden, und man wußte int voraus, daß di« Verhandlungen er­gebnislos bleiben müßten. Die herkömmliche Diplo­matie Pflogt solche Situationen durch eine ebenso höf­liche wie nichtssagende Formel zu lösen. Dino Grandi aber ist ein Schüler Mussolinis und als solcher nicht gewillt, seineZunge der Katze" zu geben. Tie Genfer Atmosphäre verträgt namentlich im Herbst keine offe­nen Krisen, und am Wilsonquai will man keine Scher­ben, zumal in einer Angelegenheit, die eigentlich nichts mit dem Völkerbund zu tun hat.

So wurde denn der überaus kluge und geschmei­dige Senator Vittoro S ei al o ja damit beauftragt, dem heftigen Außenminister gütlich zuzureden; der alte römische Patrizier aber zeigte nicht die geringste Lust, den Vermittler zu spielen, noch überhaupt in Genf als .glänzender Zweiter" aufzutreten. Er stellte kurz und gut sein Ultimatum, und da Rom an Män­nern, die den Faschismus würdig und erfolgreich beim Völkerbund vertreten können, nicht eben reich