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Nummer 212*
Mittwoch, 10. September 1930
20. Jahrgang
Belagerungszustand über ganz Argentinien
Strenge Zensurmaßnahmen der Regierung / Moskau zum Empfang des Zeppelins bereit / Dänischer Boykott deutscher Waren
Hinrichtungen und Verhaftungen (Eigener Drahtbe.icht).
Buenos Aires, 10. September.
Der Belagerungszustand ist über das ganze Land verhängt worden. In Buenos Aires sind zwei Männer, die als Anstifter der letzten nächtlichen Stra- tzenkärnpfe festgenommen wurden, auf der Plaza de Mayo öffentlich durch Erschietzen hingerichtet worden. Weitere Hinrichtungen werden erwartet.
Eine große Anzahl von Personen, darunter sechs frühere Abgeordnete, die Mitglieder der Jrigoyen- Partei sind, wurde verhaftet.
Angesichts der strengen Preffe- und Kabelzensur sind Nachrichten höchstens auf telephonischem Wege erhältlich. Den ausländischen Zeitungskorrespondenten ist von dem Chef der Preffeabteilung der Regierung mitgeteilt worden, daß, solange die Preffezensur bestünde, keinerlei Berichte aus Argentinien gesandt werden dürften, die nicht zuvor amtlich zensiert und genehmigt worden seien. Zuwiderhandlungen würden mit sofortiger Ausweisung bestraft werden. Die Zensur findet Anwendung auf Meldungen durch Kabel, Telegraph und auch Telephon.
Lrigoyens Schicksal
Neuyork, 10. September.
Nach einer Meldung der Associated Preß sind in Montevideo auf La Plata Nachrichten eingetroffen, wonach Jrigoyen und eine Reihe von Führern seiner Partei, unter ihnen mehrere Parlamentsinit- glieder, unter starker Militärüegleitung auf das Kriegsschiff „B e l g r a n o" gebracht wurden.
Buenos Aires wird als ruhig geschildert, doch werde nach wie vor Zensur geübt, und die Straßen würden militärisch bewacht. Kriegspost sei aus Buenos Aires nicht eingetrossen. Dem Senator Valle, einem Anhänger Jrigoyens, sei es gelungen, nach Montevideo zu entkommen.
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Neuyork, 10. September. Wie der Associated Preß aus Buenos Aires gemeldet wird, behält die Stadt trotz der eingetretenen Ruhe ihr k ri s en h a ft e s Aussehen bei. Starke Truppenabteilungen sind an strategischen Stellen konzentriert; die Kavallerie patrouilliert in voller Kriegsausrüstung auf den Straßen. Marineabteilungen sind von den Kriegsschiffen gelandet. Mancherseits wird mit dem Wiederaufflammen der Kämpfe gerechnet, zumal da der offiziellen Darstellung, daß die nächtlichen Unruhen auf ein Mißverständnis zurückzuführen sind, nicht überall beige- pslichtet wird und Unstimmigkeiten zwischen den tatsächlichen Ereignissen und ihrer offiziellen Darstellung festgestellt wurden. Die Place de Mayo und die be-
Kowno, 10. Sept.
Wie aus Moskau gemeldet wird, teilt ein Funkgespräch des Berichterstatters der „T a ß" von Bord des „Graf Zeppelin" mit, daß sich das Luftschiff nur noch einige hundert Kilometer von Moskau entfernt befindet. Dr Eckener habe Befehl gegeben, die Stundengeschwin- digkeit des Luftschiffes zu erhöhen, wodurch man hofft, gegen 10 Uhr Moskauer Zeit (9 Uhr m. E.Z.) in Moskau landen zu können.
Die gestern nachmittag aufgestiegene russische Luftstaffel zur Begrüßung des „Gras Zeppelins hat das Luftschiff nachts erreicht und begleitet es nach Moskau.
Tausende erwarten das Luftschiff
Komm», 10. September.
Nach Moskauer Meldungen veröffentlichen die sowjetrusfischen Blätter einen Bericht des an Bord des „Graf Zeppelin" befindlichen Sonderberichterstatters der „Taß", in dem es unter anderem heißt: Die Fahrt ist wundervoll, man spürt nicht das geringste Schaukeln. Das Vertrauen der Fahrgäste zu dem Lustriesen ist unbegrenzt. Dr. Eckener befindet sich die ganze Zeit über auf seinem Posten. Von allen Dampfern und Eisenbahnzügen, die wir unterwegs antrafen, sind wir mit Pfeifen und Sirenengeheul begrüßt worden.
In Moskau werden die letzten Vorbereitungen für den Empfang des deutschen Luftschiffes getroffen. Der Flugplatz Ehodynka, der sowohl der Militär- wie der
nachbarten Straßen und Plätze bieten einen Anblick der V e r w ü st u n g, zahlreiche Gebäude weisen Kugelspuren auf.
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Wie „Neuyork Times" aus Santiago (Chiles berichtet, erklärte die neue bolivianische Regierung wegen der Gefahr neuer Unruhen den Belage- rungszustand für ganz Bvlivien.
Litauens Kampf gegen das Recht
Berlin, 10. September.
Trotz der Beschwerde der Memelländer in Genf setzt, wie der „Berliner Lokal-Anzeiger" meldet, die litauische Regierung ihre Vorstöße gegen das Autonomie st atut fort.
Eine Anweisung für die Wahlkreiskommissionen gesteht auch allen auf Litauen zugezogenen großlitaui- schen Staatsangehörigen das Wahlrecht zum neuen
Neuyork, 10. September.
Wegen der zunehmenden Arbeitslosigkeit in den Vereinigte» Staaten l-at Präsident Hoover neue Bestimmungen für eine Erschwerung der Einwanderung erlassen. Tie Quotenzahl bleibt zwar unverändert, aber die Konsulate haben Anweisung erhalten, nur noch solchen Auswanderern die Einreiseerlaubnis zu erteilen, die Verwandte in Amerika haben oder genügend Sicherheiten stellen können.
„American" rechnet damit, daß auf diese Weise mindestens ziveidriKel der für den nächsten Btonat vorgesehenen Einwanderer ausgesstsiossen werden.
Oementt aus London
Die Revision des Schuldenabkommens.
London, 10. September.
Nunmehr wird auch in London amtlich W Nachricht dementiert, daß durch Mitglieder der englischen Regierung in Washington Fühler ausgestreckt worden
Zivilluftfahrt dient, ist umzäunt und abgesperrt worden. 250 Arbeiter sind aufgeboten, um bei der Landung zu helfen. Die Landungsarbeiten wird Direktor Wehner aus Berlin leiten.
Seit dem späten Abend pilgern schon Tausende auf das Flugfeld hinaus, um die Ankunft des deutschen Luftschiffes zu erwarten. „Graf Zeppelin" wird von Vertretern der Regierung, des Osiaviachim, der Staatsbehörden usw. begrüßt werden. Ueberall wird der Ankunft des deutschen Luftriesen mit großem Jn- teresie entgegengesehen.
Boykott gegen deutsche Waren
Kopenhagen, 10. September.
Die Vereinigten Elektrizitätswerke von Südwest jütland haben ein Angebot auf Lieferung eines Generators, das von einer deutschen Firma eingereicht war, mit der Bcgiü-ndstnz abgelehnt, daß Dänemark sich gegen die deutsche Handelspolitik, weil sie auf eine Schädigung des dänischen Wirt- schastslebens hinauslause, wehren müfle.
Dieser Fall scheint das Vorspiel zu einem Boykott zu sein, der dänischerseits über deutsche Waren verhängt werden soll. Denn gleichzeitig trifft die Nachricht ein, daß der südsütische Meiereiverein in Kolding eine Entschließung gefaßt habe, in der er die gemeinsame Organisation der Meiereien und den Landwirtschaftsrat dazu auffordert, einen allgemeinen Boykott gegen deutsche Waren zu organisieren.
memelländischen Landtag zu, falls sie einen Antrag auf Einbürgerung gestellt haben. Nach dem Memol- statut sind aber nur Bürger des Memelgebiets wahlberechtigt.
Warschau, 10. September. Die Parteien der Linken und des Zentrums veröffentlichen eine gemeinsame Erklärung, in der sie mitteilen, daß fünf Parteien, und zwar die polnische Sozialistische Partei, die Bauernparteien Wyzwolwic Piast und Bauernbund, und die Nationale Arbeiterpartei einen gemeinsamen Wahlblock gebildet haben, und aus Grund eines gemeinsamen Programmes mit gemeinsamen Listen in die Wahl treten. Die Losung des Blocks ist „Ver- teiibignng des Rechts und der Freiheit". An erster Stelle wird in den Wahllisten des Zeutro-Linksblocks wahrscheinlich Sejmmarschall D a s z i n s k i stehen.
Max Hölz schwer verletzt!
seien wegen einer Revision des Schuldenabkommens. In amtlichen Kreisen ist man der Ansicht, daß es Dache Amerikas sei, die ersten Schritte zu tun, wenn eine Revision des Gesa Unschulden- und 5krleasentschädissungs-Probleins sich als notwendig erweist.
Diese Mitteilung steht im Zusammenhänge mit den kürzlichen Aenßerungen des amerikanischen Senators Barkley, die jedoch hierdurch nicht ganz entkräftet werden. Die Verlautbarungen sind insofern interessant, als sie zeigen, daß die Revision der bestehenden Schitldenabkommen englischerseits nicht aus dem Auge verloren wird.
Auf dem Abstellgleis
Dir Saarfrage — Pariser Preffeangriffe gegen Briand.
Paris, 10. Sept.
„Echo b e Paris"' und .Figaro" polemisieren gegen den französischen Außenminister Briand weg n seiner Haltung in der S a a r f r a g e. Das .Echo de Paris" erklärt, Briand habe sich mit Cur- tius dahin geeinigt, die Frage der letzten französischen Truppenkonting-nte im Saargebiet zu ersticken oder zu vertagen.
.Figaro" schreibt, Briand hätte, als Curtius die Gelegenheit benutzt habe, gegen die Anwesenheit von ausländischen Truppen im Saargebiet zu protestieren. mit dem Hinweis antworten müsien, daß das Saargebiet noch nicht wieder deutsch (!) geworden sei.
„Journal" spricht davon, daß die Saarfrage nun erst einmal auf ein Abstellgeleis gestellt worden sei, aber die gegensätzliche Einstellung sei damit nicht behoben. Andere Korrespondenten bezeichnen als Hauptgegenstand der Unterredung Briands mit Curtius die Wahlpropaganda in Deutschland.
.Petit Journal" schreibt, insoweit die Entwicklung der deutschen Außenpolitik von Curtius abhänge, scheine es allerdings, daß sie in der von Stresemann angegebenen Richtung aufrecht erhalten werde.
Die französischen Blätter beschäftigen sich ferner eingehend mit der Abreise des italienischen Außenministers Grandi aus Genf. Das „Echo de Paris" meint zu dieser Frage, daß die Abreise Grandis mit dem fruchtlosen Verlaufe der sranzö fisch-italienischen Verhandlungen über das Flottenbauprogramm in Zusammenhang gebracht werden muß, die in den letzten Wochen stattgefunden hätten. Außerdem werde sich dem englischen Druck der der deutschen Abordnungen anschließen. Dr. Curtius habe die Absicht, entweder für eine allgemeine Abrüstung oder aber für eine Aufrüstung des deutschen Heeres Stellung zu nehmen. Es sei auch sehr wahrscheinlich, daß der Reichsaußenminister in der einen oder anderen Form die Revision der Verträge verlange. Briand werde also wohl oder übel gezwungen fein, von seiner hohen Leiter hera^zusteigen und die Verhandlungen über feinen Paneuropaplan für einen Augenblick zu unterbrechen (Die Berichte über die gestrigen Verhandlungen in Genf finden unsere Leser auf Seite 2!> _
„Vertrags-Revision"
Von
Staatssekretär z. D. Frhr. v. Rheinbaben.
Der Wahlkampf zeigt leider wiederum ein Bild größter Parteizerrissenheit. Immerhin ist ein Sondermerkmal nicht zu verkennen: ein verstärkter Abwehrwille nach Außen ringt um Ausdruck. Nichts war falscher, als die Auffassung, daß nach Annahme des Poungplanes für Deutschland der Satz gelten würde: Deutschland hat einen Vertrag abgeschlossen, nun ist Ruhe die erste Bürgerpflicht. In Wahrheit haben wir nicht die leiseste Atempause erhalten und die schwierige deutsche Finanz- und Wirtschaftskrise fiel mit einer tiefgreifenden Krise der Weltwirtschaft zusammen. Auch ohne Wahlkampf wäre eine entsprechende Reaktion in unserem Volke nicht ausgeblieben. Der Wahlkampf hat sie nur in den für Deutschland typischen parteipolitischen Formulierungen ausgelöst.
Auf der anderen Seite steht aber fest, daß der sichtbare Prozeß der Auflockerung der Versailler Machtkonstellation und der Umlagerung weltpolitischer Kräfte durch lautes deutsches Geschrei keineswegs zu unseren Gunsten beeinflußt wird. Wo liegt aber nun die Lösung und der rechte Weg für eine systematische „Politik der Vertragsrevision"?
Immer wieder können und müsien wir Deutsche vor uns selbst und dem Ausland gegexT^.• “--süf?e, isa völkerrechtliche Grundlage unserer SReui« sionsforderung Hinweisen. Sie liegt bekanntlich in erster Linie im Artikel 19 des Völkerbundpaktes, in der Mantelnote Clemenceaus zum Versailler Diktat vom 16. Juni 1919 und bezüglich der deutschen Tribute im Poungplan selbst. Sogar PoincarH hat sich neuerdings in seiner regen journalistischen und rednerischen Betätigung dazu herbeigelassen, das grundsätzliche Recht Deutschlands auf Revisionsforderung nicht mehr zu bestreiten. Mit großem Recht führte aber neulich ein anderer Ausländer, der ehemalige italienische Außenminister Sforza, aus, daß es bei solchen großen politischen Aktionen weniger auf die Sache selbst, als auf ihre Form und den Zeitpunkt ankäme, an dem sie in Gang gesetzt werden. Auf Deutschland angewendet, würde dementsprechend also die Frage aufzuwerfen sein, ob der Zeitpunkt für eine neue große internationale Aktion bereits gekommen ist, nachdem wir vor wenigen Monaten erst das Haager Abkommen ratifiziert und die Räumung des Rheines erzielt haben. Meine eigene feste Ueberzeugung geht dahin, daß heute und ans der jetzigen Wahlbewegung heraus dieser Zeitpunkt noch nicht gekommen ist. Nichts, keine Tendenz der Weltpolitik, keine internationale Solidarität, kein pazifistisches Weltgewisien, auch kein Musiolini wird uns davor bewahren, zunächst in unserem eigenen Staate und in unserer eigenen Wirtschafts- und Finanz-Politik jene große innere Anstrengung zur Sanierung, Reform und Sparsamkeit durchzuführen, die für den Reichspräsidenten Hindenburg die Voraussetzung seiner Unterschrift unter den Poungplan gewesen ist. Ebenso fest bin ich aber davon überzeugt, daß wir in der äußeren Begleitung zu einer inneren Anstrengung ruhig und fest unseren Rechtsanspruch auf Revision der Friedens- und Tributverträge betonen und aufrecht erhalten müsien. Was gehört für die Arbeit der nächsten Jahre praktisch in den Kreis dieser Probleme?
Zunächst und immer wieder die Höhe der Deutschland auferlegten Kriegsentschädigung. Für mich ist der mit Gewalt erzwungene Prozeß der deutschen Auspressung von 1918 bis heute eine einzige große zusammenhängende Aktion. Sie darf und kann auch mit dem Poungplan nicht abgeschlosien fein und wird und muß erst bann ihr einstweiliges Ende finden, wenn durch Streichung der gegenseitigen Staatsschulden unserer westlichen Gläubiger mit Zustimmung Amerikas das Gleichgewicht in der Weltwirtschaft und ein für Deutschland weiter herabgesetztes Maß der Zahlungen bestimmt sein wird. Das zweite Feld von Revisionspolitik betrifft die in erster Linie im Völkerbund durchzusetzende Forderung auf allgemeine Abrüstung und einwandsteien Schutz der M i n d e r h e i t e n. Es ist klar, daß wir auf diesem Gebiet noch am Anfang stehen und daß das bisher Erreichte völlig ungenügend ist. Das dritte Ziel betrifft die deutschen Grenzen im Osten und ist auf das Engste mit den Plänen verknüpft, eine für alle Beteiligten vorteilhaftere Zusammenarbeit der europäischen Staaten herbeizuführen. Gerade jetzt wird in Genf Gelegenheit sein, die amtliche deutsche Auffasiung in Uebereinftimmung mit dem Denken und Fühlen des bei weitem größten Teiles unseres Volkes in unmißzuverstehender Form zum Ausdruck zu bringen.
So ist es klar, daß, wie auch immer die Wahlen am 14. September ausfallen mögen, an dem grundsätzlich eu Kurse der deutschen Außenpolitik
„Graf Zeppelin" dicht vor Moskau
Eigener Drahtbertcht
Bad Elster, 10. September
In der für Dienstag abend von den Kommunisten nach der Wilhelmshöhe einberufenen Versammlung, kam es noch vor Beginn derselben zwischen Kommunistcu und Nationalsozialisten zu schweren Zusammenstößen, wobei Max Hölz so schwer verletzt wurde, daß er nach einem Sanatorium gebracht werde» mutzte.
Hoover erschwert die Einwanderung (Eigene Drahtmeldunz.)