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Nummer 207* Donnerstag, 4. September 1930 20. Zahr^n-
Oie französischen Manöver in Lothringen
Beginn der Llebungen / Das Reichskabinett billigt Curtius" Richtlinien für Genf / Einheitlichkeit der Außenpolitik sichergestellt
Bewegungskrieg wird geübt
(Eigene Drahtmeldung.).
Stalin und Lenin
Von unserem ständigen Moskauer Korrespondenten Hans-Karl Görbing
Paris, 4. Sept.
Die großen französischen Herbstmanöver in Lothringen haben heute um Mitternacht begonnen. Die Zusammenziehung der Truppen war am Mittwoch abgeschlossen worden. Die erste Fühlungnahme zwischen den roten und weißen Truppen dürfte in der Nacht zum Freitag erfolgen. Das Hauptquartier befindet sich in Luneville. wo auch Marschall Petain eingetrofsen ist. Die beiden Verbände werden von den Generälen Mittelhauser und Dufieux geführt.
An den Manöver« nehmen zahlreiche Flugzeuggeschwader teil. Besondere Beachtung verdient jedoch die Verwendung von Motorfahrzeugen, denn es handelt sich bei diesen Manövern nicht um einen Stellungskrieg, sondern um einen Bewegungskrieg, bei dem die Beweglichkeit und prak-ische Verwendung der üeuen Kavallerieregimenter ausprobiert werden soll.
An den Manövern nehmen zahlreiche Gäste teil, u. a. die Militärattaches von Belgien, Italien, Japan, Rumänien, Großbritannien, Polen, Südslawien Spanien, der Tschechoslowakei, der Vereinigen Staaten von Amerika, Ungarn und Portugal, ferner eine polnische, eine Schweizer und eint spanische Militärmisston.
Paris, 4. September. Die Ma növer in den französischen Alpen haben gestern ihr Ende erreicht. Nach einer Meldung des „Malin" ist kurz vor Schluß der Manöver noch ein Tank in einem Siurz- bach geraten und unbrauchbar geworden. Die Mannschaft wurde nur leicht verletzt.
Außenminister Henderson kn Paris
Paris, 4. September.
Der englische Außenminister Henderson ist gestern abend, aus London kommend, hier eingetrofsen. Er wurde vom Außenminister Briand persönlich am Bahnhof begrüßt, der mit ihm eine längere Unterredung hatte. Die beiden Staatsmänner haben, wie dies vor einer Ratstagung natürlich ist, das Programm der kommenden Tagung des Völkerbundes durchgesprochen und sind in ihrem Gespräch längere Zeit bei dem Brtandschen Plan einer europäischen Staatenföderation verweilt.
Außenminister Henderson wird voraussichtlich heute nach Genf Weiterreisen. Briand seinerseits beabsichtigt, Sonnabend oder Sonntag in die Völkerbunds- stadt zu fahren. Er wird am Montag der ersten Sitzung des Völkerbundsrats beiwohnen u. am Nachmittag bei der Zusammenkunft der Vertreter der europäischen Staaten zur Beratung seines Planes den Vorsitz führen.
Verweigerte Pässe
Deutsche Minderheitenvertretung aus Jugoslawien kann nicht nach Genf kommen.
Genf, 4. September.
Der 6. Minderheitenkongreß wurde gestern in Genf vom Vorsitzenden Dr. W i l f an, dem ehemaligen slowenischen Abgeordneten im italienischen Parlament, eröffnet. Auf dem Kongreß sind 36 Minderheitengruppen mit etwa 100 Vertretern anwesend, darunter allein sechs deutsche Minderheitenvertrelun- gen aus der Tschechoslowakei, Rumänien, Polen, Ungarn, Lettland und Estland. Den deutschen wie den ungarischen Minderheitenvertretern aus Jugoslawien ist die Teilnahme an dem Kongreß durch Verweigerung der Pässe unmöglich gemacht worden. Zmn ersten Mal nimmt an den Beramngen auch eine rumänische Minderheitenvertretung aus Jugoslawien teil, sowie Vertreter der litauischen Minderheit aus Ostpreußen. Ueber die Aufnahme einer Reihe von weiteren Minderheiten, so der mazedonischen aus Jugoslawien, schweben noch Verhandlungen.
*
Genf, 4. September. Tie große europäische Aussprache in Genf,- das dürfte schon jetzt fest- stchen, wird sich nicht in der Konferenz der 27 europäischen Staaten, sondern vielmehr vor der Vollversammlung des Völkerbundes vollziehen. Die Konferenz der 27 europäischen Staaten, die am Montag, den 8. September nachmittags im Ratssaal des Völkerbundsgebäudes zusammenrritt, wird sich in der Hauptsache darauf beschränken, die Formen für das geschäftsmäßige Verfahren festzulegen und in erster Linie über die Frage zu entscheiden, welcher Art der Antrag sein soll, mit dem die Behandlung der europäischen Frage dem Völkerbund übertragen wird.
Die beiden ersten Tage der R a t s v er Handlungen am 8. und 9. September gelten verwaltungstechnischen und finanziellen Fragen. Der Pa- lästinabericht des Mandatsausschusses dürste in kur
zer, geschäftsmäßiger Form ohne große Diskussion seine Erledigung finden. Die Frage des völligen Abbaues der S a ar-Bahnschutztruppen sowie der litauisch-polnische Konflikt werden jedoch erst in der zweiten Ratstagung nach Schluß der Vpllversamm- lung zur Entscheidung gelangen, da in beiden Angelegenheiten die unmittelbar interessierten Staatsmänner noch direkte Besprechungen miteinander haben werden.
Es ist anzunehmen, daß Briand noch vor Zusammentritt der europäischen Konferenz mit den Führern der deutschen, englischen und italienischen Delegation Fühlung nimmt und auch bei den anderen europäischen Staatenvertretern die Stimmung zu sondieren ver-M sucht. Es besteht sehr wenig Wahrscheinlichkeit, daD die europäische Aussprache vor der Oeffentlichkeit stattfindet, zumal man eine doppelte Eeneraldiskus- fron des Problems vermeiden will, da eine solche bereits vor der Vollversammlung des Völkerbundes zu erwarten ist.
Präsident Lrigoyen erkrankt?
Paris, 4. September.
Präsident Jrigoyen soll nach einer Agentur- melvung aus Buenos Aires krank sein. Innenminister Gonzales soll die laufenden Geschäfte erledigen. Etwa 50 Kongreßmitglieder sollen in einer öffentlichen Versammlung eine Entschließung angenommen haben, in der die Politik des Präsidenten Jrigoyen verurteilt wird.
Tornado über Santo Domingo
Neuyork, 4. September.
Meldungen aus Kuba bestätigen, daß durch den Tornado in der Stadt Santo Domingo großer Schaden angerichtet worden ist. Einzelheiten fehlen noch immer. Ter Tornado soll eine Geschwindigkeit von 135 Kilometer in der Stunde erreicht haben. Da jede Verbindung mit Santo Domingo unterbrochen ist, befürchtet man das Schlimmste. Auch Kuba hat Sturmvorbereitungen getroffen.
Moskau, int September.
Es besteht kein Zweifel, daß das Interesse an den Vorgängen innerhalb der Sowjetunion in der ganzen Welt zugenommen hat. Gerade in den letzten Jahren beobachtete das Ausland ziemlich genau die großen Experimente — und an denen fehlte und fehlt es hier wirklich nicht —, die auf allen Gebieten der Landwirtschaft, Industrie und Wiffenschaften angestellt wurden. Bezeichnend ist es, daß bei diesen Experimenten sich unbewußt der prägnanteste Charakterzug des alten Rußlands, die Breite der russischen Seele, die nur der einigermaßen zu erfassen vermag, der viele Jahre hier lebt, bemerkbar machte. Fast alle Experimente werden nicht etwa in kleinen Maßstäben ausprobiert, sondern sofort auf breitester Linie angesetzt, wodurch sich auch bei ihren Fehlschlägen die großen wirtschaftlichen Verluste erklären.
Im Auslande, wo die Ansichten und sogenannten „Kenntnisse" über die Sowjetunion nicht nur sich extrem widersprechen, sondern auch allgemein von wenig Sachkenntnis getrübt sind, versucht man die Entwicklung der bolschewistischen Wirtschaft immer mehr mit Unterschieden zwischen ihren beiden Exponenten Lenin und Stalin zu erklären. Dabei muß freilich von vornherein die Einschränkung gemacht werden, daß die Probleme und ihre fast zwangsmäßige Entwicklung im Wesen des Bolschewismus selbst gegeben sind. Außerdem ist eine Kritik der rein politischen Unterschiede der kommunistischen Anschauungen Lenins und Stalins schon deshalb unmöglich, da man mit den Werken Lenins — wie ja mit allen politischen Weltanschauungen — alles beweisen kann. Wie Stalin sich auf Lenin stützt, zitieren ihn mit Recht, ja mit demselben Recht, die Gruppen der linken und rechten Opposition.
Trotzdem dürfte es nicht nutzlos sein, einen allgemeinen Vergleich zwischen Lenin und Stalin zu ziehen. Natürlich kann dies nur in groben Umrissen geschehen. Bekannt ist, daß Stalin zu Zeiten Lenins keine hervorstechende Rolle gespielt hatte. Er war damals Kommissar der Na-
Einheitliche Außenpolitik
(Von unserer Verltner Schriftleitung.)
th. Berlin, 4. September.
Die gestrigen Beratungen des Reichskabinetts haben einen doppelten Zweck erfüllt. Einmal handelte es sich um die Festlegung der Richtlinien, nach denen Reichsaußenminister Dr. Curtius beim Völkerbund in Genf die deutschen Interessen zu vertreten gedenkt. Zweitens war es notwendig, den Konflikt zu bereinigen, der zwischen dem Außenminister und dem Minister Treviranus wegen der wiederholten öffentlichen Stellungnahme des Ministers Treviranus zu außenpolitischen Fragen entstanden war.
Bereits in den ersten Nachmittagsstunden konnte das Reichskabinett eine amtliche Mitteilung über das Ergebnis seiner Besprechungen herausgeben. Darin rückt die Reichsregierung, wenn auch ohne Namensnennung, von Treviranus ab.
Der bereits früher festgestellte StandMnkt wurde erneut bekräftigt, wonach in außenpolitischen Fragen lediglich der Kanzler und der Außenminister das Wort haben, damit die Kontinuität der Außenpolitik unbedingt gewährleistet bleibe.
Treviranus konnte sich allerdings darauf berufen, daß er vor seiner letzten außenpolitischen Veröffentlichung sich im Auswärtigen Amte Rat geholt habe, und daß Außenminister Dr. Curtius, der damals gerade von Berlin abwesend war, wohl erst nachträglich von dieser Fühlungnahme seines Kollegen Treviranus mit dem Auswärtigen Amt Kenntnis bekommen habe. Im übrigen hat Treviranus von den Unterlagen, die er sich für seine Veröffentlichung im Auswärtigen Amte beschaffte, nur sehr geringen Gebrauch gemacht, so daß er im wesentlichen aus eigener Initiative und auf Grund eigener Kenntnisse in außenpolitischen Fragen wiederholt das Wort ergriff. Gestern hatte Treviranus sich jedoch vollkommen dem Standpunkte des Kabinetts ange- s ch l o s s e n, so daß es zu irgendwelchen weiteren Konflikten nicht gekommen ist und die Einigkeit im Kabinett wieder hergestellt werden konnte. Man glaubt nunmehr mit Bestimmtheit, daß im weiteren Verlaufe des Wahlkampfes keine Schwierigkeiten wegen
I Aeußerungen einzelner Kabinettsmitglieder über 1 außenpolitische Fragen mehr entstehen werden.
Wichtiger noch als die Beseitigung dieser internen Streitigkeiten war für das Kabinett gestern die Beratung der bevorstehenden Genfer Verhandlungen, von denen für Deutschland vor allem die Saarfrage (Zurückziehung des sogenannten Bahnschutzes) und die Paneuropa-Debatte interessieren. Dr. Curtius legte eingehend die Gedankengänge dar, nach denen er in Genf zu verfahren gedenkt und fand dabei die vollständige Billigung aller Kabi- nettsmitglieder.
Wenn im übrigen die Reichsregierung noch einmal die Notwendigkeit einer einheitlichen und ungestörten Weiterführung der bisherigen außenpolitischen Linie durch Kanzler und Außenminister ausdrücklich Betont, so bezieht sich dies nicht nur auf die augenblickliche Taktik im Wahlkampf, sondern wohl zweifellos auch auf die weitere Zukunft.
Die Rußlandfahrt des „Graf Zeppelin"
Moskau, 4. September.
Es ist nunmehr beschlossen worben, die Zahl 6er Personen, die zur Landung des „Gras Zeppelin" aus dem Flugplatz zugelassen werden sollen, aus 100 000 zu erhöhen, während anfangs nur 80 000 in Aussicht genommen waren. Am 10. September, dem für das Eintreffen des Luftschiffes festgesetzten Tage, wird der Verkehr der Straßenbahnen und Autobusse in Moskau bedeutend verstärkt werden. Witterungsberichte werden dem Luftschiff von der Radiostation des Postkommissariats übermittelt werden. Die Ankunft und Landung des „Graf Zeppelin* werden kinema- tographisch sowohl für den stummen wie für den tönenden Film ausgenommen werden. Durch das Radio wird eine Beschreibung der Landung von sachverständigen Ingenieuren in alle Teile der Sowjetunion übermittelt werden. Das EmpfangAomitee wird die Funksprüche von Bord des Luffchiffes während seines Fluges über das Sowjetgebiet durch das Radio und durch die Presse bekannt gegeben.
tionalitätenfrage und später Kommissar der Arbeiter» und Bauerninspektion gewesen, die zwar jetzt von großer parteipolitischer Bedeutung ist, aber damals bei weitem nicht den heutigen Einfluß besaß. Es entspricht durchaus dem schlauen, vorsichtigen, abwartenden Charakter Stalins, daß er damals sich völlig zurückhielt. Zweifellos kannte er nur zu gut Lenin, der jede Opposition diktatorisch ausschloß und ihre Führer auch niemals vergaß. Stalin war nur einmal in einer Nationalitätenfrage im Gegensatz zu Lenin, der kurzerhand Stalins An- sicht als falsch erklärte und damit ebenso kurz toi« schmerzlos diesen Gegensatz beseitigte. Auch mit Trotzki kam Stalin zu Zeiten Lenins in der Nationalitätenfrage in einen Gegensatz, der aber ebenfalls sehr schnell erledigt Wurde.
Stalin muß aber trotz seiner abwartenden Haltung sehr scharf Lenin beobachtet haben, denn besonders in den letzten drei Jahren tritt immer deutlicher der Versuch hervor, sich in Lenins Geist einzufühlen. Von Lenin übernahm er als obersten Grundsatz: .Die Einheit der Sowetunion muß unter allen Umständen gewahrt werden." Lenin war ans diesem Grunde unbedingter Kriegsgegner Deutlich erkennbar war dies Beim Abschluß des Friedens von Brest-tzitowsk, als Lenin im offenen Gegensatz zu Trotzki stand, der den Krieg gegen Deutschland fortsetzen und die Revolution damit nach Europa weitertragen wollte, während Lemn diesem gewagten Experiment nicht den wahrscheinlich daraus entstandenen Zerfall des neuen Sowjetreichs opfern, sondern vielmehr die Sowjetherrschaft zunächst über alle Teile des alten Rußlands ausbreiten wollte. Ebenso hütete sich Stalin über den Rahmen der Wahrung altzaristischer, aber auch russischer In-; terefsen, gleich welcher Richtung, im russisch-chinesischen Konflikt hinauszugehen und damit etwa andere antisowjetische Kräfte im Auslande zu mobilisieren.
Von Lenin übernahm Stalin auch die Taktik des Kampfes gegen die Opposition. Charakteristisch hierfür war gerade seine Zurückhaltung, fein peinliches Bedachtsein, möglichst keinen Fehler zu begehen. War doch Lenin bekannt dafür, daß er keinen vergaß, der gegen die Parteileitung fehlte! Lenins Taktik war es, die Opposition gründlich zu schlagen und dann ihr Programm zu übernehmen. Ich erinnere nur an Lenins Kampf gegen Osstnski und gegen die Kolontay. Dieselbe Taktik verfolgte Stalin. Sein Kampf gegen Trotzki, Sinowjew, Radek, gegen Rykow, Bucharin, Tomski sind hierfür typisch. '
Trotz derselben Taktik jedoch in der Praxis sehr große Unterschiede! Lenin hatte es in geradezu seltener Weise verstanden, die hervorragendsten Köpfe der russischen Revolution um sich zu sammeln und — was noch viel wichtiger war — sie auf die richtigen Posten zu stellen. Damals waren Trotzki, Rykow, Tomski usw. die engsten Mitarbeiter Lenins. Auch die typisch revolutionären Eigenschaften eines Sinowjews, eines Radeks, die gerade in der Revolution selbst ihre Bedeutung hatten, wußte Lenin sehr geschickt auszunutzen. Um Stalin finden wir keinen dieser Namen, keinen bekannten alten Revolutionär, keinen der alten Garde! Dies gerade ist sehr bezeichnend. Wir finden im engen Anhang Stalins auch keinen überragenden Kopf! Und dies ist nur die natürliche Folge der Umstände, die ich eben auseinandersetzte.
Gerade die Durchführung des Kampfes gegen die Opposition kennzeichnet besonders scharf die Unterschiede zwischen Lenin und Stalin. Lenin prüfte genau, welche Punkte der Oppositton in die Massen gedrungen und von diesen getragen wurden^ Hatte er doch sogar Punkie des Programms der Sozialrevolutionäre übernommen! Er eignete sich nicht ettva ivahllos oppositionelle Ideen an, nur um der Opposition den Wind aus den Segeln zu nehmen. Ueberhatcht war fein Grundsatz, den Massen und ihren Wünschen zu folgen. Selbstverständlich ein Prinzip, das nur während einer Revolution selbst aus propagandistischen Gründen durchgeführt werden kann! Immerhin war der Wunsch Lemus, den Kontakt mit den Massen — und zwar nicht etwa nur mit der Parteimasse — nicht zu verlieren, ganz uw
Raubüberfall auf die Kaffe der „Kog"
Ausführlicher Bericht über die Vorgänge dieser Nacht auf der Sette der L Beilage dieser Ausgabe.