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Nummer 203*

Sonnabend/Sonntag, 30./31. August 1930

20. Jahrgang

Oer russische Botschafter verläßt Berlin -

Krestinski siedelt nun -och nach Moskau über / Auslösung des polnischen Sejm und Senats / DasEcho de Paris" über Hindenburg

Nachfolger noch nicht ernannt!

Neuer außenpol'^Wer Kurs?

lEtgene Drahtmeldung.)

Berlin, 30. August.

Der Botschafter der Sowjetunion in Berlin, Kre­stinski, wird sich, wie die »DAZ.« berichtet, am 6. September oon Moskau wieder «ach Berlin zurück­begebe«, um dem Reichspräfideuten sein Abberu- sungsschreiben zu übergeben, da »nnmehr be­stimmt ist, daß Krestinski nicht, wie ursprünglich beab- fichtigt, in Berlin seine» Posten beibehalteu wird, fo-^rn nach Moskau überfiedelt.

Die Frage seiner Nachfolgerschaft wird erst Mitte September geklärt werden. Gleichzeitig mit dem Botschafter Krestinski verläßt auch der Prefieches der Botschaft, Stern, Berlin.

Die ersten Nachrichten von der Abberufung Kre­stinskis tauchten auf, als Litwinow das Erbe Tschit­scherins antrat. Damals hieß es, daß Nikolay Niko­lajewitsch Krestinski, der 1929 noch stark in Ungnade gefallene russische Botschafter in Berlin, Litwinows Posten, die Stellvertretung des Augenkommissariats also, rnehmen würde. Ob das jetzt wirklich der Fall wl-d, örribt «bzuwarten, denn in Moskau liebt man bekannt!.^' Tleberraschungen.

Wer die Geschäfte der Sowjets in Deutschland zu- künftig verwalten wird, steht noch nicht fest; wahr­scheinlich wird es ein Mann aus dem Kreis um Lit­winow, der sich Stalin stark liiert hat, sein. Wie sich dieser Wechsel auf die russisch-deutschen Beziehungen auswirken wird, bleibt abzuwarten. Die Spannung, die (unbestritten) im vergangenen Jahre recht ernst war, hat nachgelasien. Die weitere Entwicklung wird selbstverständlich sehr abhängen von der Person des neuen Botschafters in Berlin, der wenn er wirklich greifbare Ergebnisie in diesen Berständigungsbemu- hungen erzielen will peinlich darauf wird achten müssen, daß das Haus unter den Linden nicht weiter Hochburg der deutschen Kommunisten bleibt, daß die hohen Zuschüsse an diedeutschen Sowjets« aufhören, und daß endlich die Anrempeleien in Moskau unter­bleiben, die bei jeder paßenden und unpassenden Ge­legenheit gegen daskapitalistische, imperialistische Deutschland inszeniert wurden.

Herr Krestinski, ein großer, finster aussehender (aber nur aussehender) Mann yiit kurzem Vollbart und scharfer Brille, wird also jetzt den Frack, den er so gern bei Berliner Festlichkeiten trug, ausziehen und wieder in die Rusienbluse schlüpfen müßen. Gern tut er es sicherlich nicht er ist demreinen Kommunis­mus« fremd geworden, fein Haus war eine Stätte unproletarischen Verhaltens", in dem feine Frau, eine frübere Kinderärztin, geistreiche und kluge Gastgeberin war. Seine Berufung nach Moskau darf man wohl unter der Voraussetzung, daß ihm das ur­sprünglich vorgesehene Amt im Außenkommißariat zu­fällt, alsBeförderung« ansehen. Ob er sich selbst viel daraus macht, ist eine andere Frage.

Vor der großen Revolution war der neue Außen- kommißar ein angesehener Advokat in Leningrad, der zwar rechtzeitig aus dem Lager der Bourgeoisie ins Lager der Bolschewisten abschwenkte, der aber nie ein so radikaler Kommunist wie Lenin und Litwinow war. 1922 kam er auf den Berliner Posten unb erwarb sich sehr schnell viele Sympathien, wenn er es auä heute noch nicht verwunden hat, aus gesellschaftlichem und weltanschaulichen Gründen nicht Doyen des di­plomatischen Korps geworden zu sein. Politisch hat er nie eine ausschlaggebende Rolle gespielt; um so ver­wunderlicher ist seineBeförderung«. Aus welchen Gründen Stalin ihn nach Moskau gerufen hat, wißen wir nicht, wir wißen nur, daß mit ihm ein kluger, lebensfroher Mann aus Berlin scheidet, der im Grunde seines Herzens alles andere als Bolschewist ist.

Reichswehr, Kommunismus,Nußlan-

Ein Artikel des Generals von Hammerstei«

th. Berlin, 30. August.

Stot Anschluß an den Fall Amlinger, über den wir an anderer Stelle berichten, ist im der Preße eine große Zahl von Kommentaren erschienen, in denen davon die Rede war, daß der in Rußland mit einem Flugzeug verunglückte und verstorbene Rit­meister Arttlinger mit einem geheimen Auf­trage des Reichswehrminrsters «ach Rußland ge- gar gen fei.

Die Reichswehr hat diese Vermutungen ein­deutig Jemeniten.

In diesem Zusammenhänge totib aber ein Ar- Mel beachtet, der vor kurzem in der -Magdeburgt-

schen Zeitung' erschienen ist, und der, wie erst jetzt bekannt wird, von bem künftigen Chef der Heeres­leitung, General von Hammerstein stammt. Zn diesem Aufsatz wird unter anderem gesagt, daß die Reichswehr im Kapmse gegen den Kommunismus entstanden ist, und das lediglich in der Zeit um 1920 die Idee einer Zusammenarbeit mit Rußland auf» kam, daß aber bald danach der

Gedanke des sogenannten Rational-Bolschewis­mus wieder verschwunden.

sei. Im Jahre 1923 lebte er noch einmal ans, ist aber seitdem vollkommen tot. Die kommunistische Agita­tion arbeitet feit dieser Zeit mit dem Schlagwort: »Mir kämpfen nicht mchr um die Reichswchr, sondern gegen die Reichswchr«. Die Reichswchr hat seitdem die kommunistischen Bestrebungen niemals gebilligt. Vielmchr stehst die Reichswchr auf dem Standpunkt, daß die Bestrebungen des Kommunis­mus ans das Schärfste zu bekämpfen seien. Aber man dürfe damit natürlich nicht verwechseln, daß in Moskau nicht nur die Kommunisten, sondern auch die russische Regierung sitze, die für ganz Europa ein wichtiger wirtschaftlicher und poli­tischer Faktor sei.

Dieser Aufsatz findet vor allem starke Beachtung, weil er über das Verhältnis Deutschlands zu Ruß­land und über die in letzter Zeit viel diskutier­te Einstellung der Reichswehr zu Ruß­land einige Klacheit schafft.

Paris, 30. August.

DasEcho de Paris« veröffentlicht einen lan­gen Artikel über die Person und die Auffassungen des Reichspräsidenten von H i n d e n b ur g, von denen dieser im Zusammenhänge mit der Weltpolitik be­herrscht sei. Die Ausführungen, die das Blatt wieder- gibt, sollen von einer hochstehenden ausländi­schen Persönlichkeit stammen.

Reichspräsident von Hindenburg sei, so betont das Blatt seiner Anschauung und seiner Erziehung nach ein entschlossener Monarchist, der sich dem gegenwärti­gen Regime nur schwer angepatzt habe. Er habe aber keine andere Möglichkeit gesehen, seinem Paterlande zu dienen. Der Sch tour, den er auf die Weima­rer Verfassung geleistet habe, sei indessen keine heuchlerische Handlung gewesen, und die

außergewöhnliche Intelligenz befähige ihn baju, auf den ersten Augenblick das Mögliche von dem Unmöglichen zu unterscheiden.

Politisch, so heißt es weiter, neige der Reichspräsident zu den rechtsstehenden Parteien von der Färbung Westarp .Schiele und Treviranus. Er sei weit von Hugenberg entfernt.. Im Grunde sei er ein Gegner des Parlamentarismus und halte ein

energisches und dauerhaftes Regime

für die einzige Möglichkeit, um den Wohlstand Deutschlands, seinen wirtschaftlichen und sozialen Aufschwung zu sichern. Stresemann habe nie die Sympathien Hindenburgs besessen. Der Reichsprä­sident habe ihn nur deshalb unterstützt, weil seine Politik Vorteile für Deutschland in sich geborgen habe. Das größte Augenmerk Hindenburgs, so meint das Blatt weiter, richte sich im Augenblick auf den Danziger Korridor und Oberschlesien. Er verabscheue die Polen und habe aus diesem Grunde Stresemann sehr viel verziehen, weil er dieselbe Abneigung Polen gegenüber zur Schau getragen hab«. Das Blatt führt weiter aus, daß Hindenburg überzeugter Anhänger des Anschlusses sei, daß er aber wünsche,

den Anschluß ohne besondere Erregung der Oeffeutlichkeit fremder Päitber durchzuführen.

Einer allzu engen Annäherung Deutschlands an Italien stehe der Reichspräsident abgeneigt gegen­über, weil er den Treubruch Italiens im Weltkriege «je verzeihen könne. Gegen Rußland hege er starke Abneigung. Die Sympathien des Reichspräsi­denten richteten sich vielmehr nach London, dem er für seine Haltung dankbar sei, die England in gewis­sen Fällen Deutschland gegenüber angenommen habe. Zum Schluß wird erklärt, daß der Reichspräsident

gegenüber Frankreich wohlgesinnte Gefühle

habe. Wenn er auch den verlorenen Weltkrieg nicht bergegeu Seme, bewundere er doch die Maßen Heer-

W.P. Genf meldet Rekordversuch an: Im vorigen Jahre waren zur Herbstversammlung des Völkerbundes, die zugleich die Feier seines zehnten Geburtstages war, zwei Dutzend Außen­minister erschienen; diesmal soll sich die Zahl noch um zwei oder drei erhöhen. So hofft man wenigstens in dem allzeit reklamefreudigen Sekretariat. Man rechnet auf die Anziehungskraft, die von Aristide Briands Europakonferenz ausgeht, und man wird, wenn die Rechnung aufgeht, nicht verfehlen, der Welt plausibel zu machen, wie herrlich weit es der Genfer Bund doch schon gebracht habe.

Ob diese Meinung freilich überall von der Oeffent- lichkeit geteilt wird, ist eine andere Frage. In Deutschland sind jedenfalls weite Kreise völker­bundsmüde geworden, das Vertrauen zum Gen­fer Bunde hat erheblich nachgelassen, und der Rest von Interesse, der trotz aller Enttäuschungen viel­leicht für die Herbstversammlung noch vorhanden ge­wesen wäre, ist in diesen Septembertagen von dem Wahlkampf absorbiert. Es stimmt ja auch nicht, was die Pariser Rechtsblätter ihren Lesern weiszu­machen suchen: Dieser deutsche Wahlkampf wird nicht, wie es die Sonderberichterstatter der Zeitungen vom Schlage desMotin", des "Echo de Poris* oder der Cotv-Blätter darstellen, in erster Linie um außenpolitische Fragen, um die Revisions­forderungen, um die Neuorientierung der Politik tn der Wilhelmstroße und ähnliche Dinge, geführt. Mit der Rheinlandräumung und mit der Neuregelung der Reparationszahlungen ist der Schlußstrich unter eine mehr als ein Jahrzehnt ausfüllende Entwicklung der deutschen Außenpolitik gezogen worden. Jetzt geht es um den innenpolitischen und wirtschaftlichen Aufbau; außenpolitische Gedanken und Erwägungen spielen tn diesem Wahlkampf nur eine untergeordnete Rolle. Sie treten trotz der Treviranusrede und trotz der außenpolitischer! Forderungen in verschiedenen Wahl­

führer Frankreichs und die Tapferkeit der französi­schen Soldaten. (Es braucht nicht daraus hingewiesen zu werden, daß diese Beurteilung der politischen Ziele des Reichspräsidenten zum Teil recht eiinseitig ist. Wir glauben aber, daß die Ausführungen des französischen Rechtsblattes unsere Leser interessieren werden, zumal sie zwischen den Zeilen erkennen las­sen, welchen starken Eindruck die Persönlichkeit Hin­denburgs auch in Kreisen macht, die ihn nach seinem Amtsantritt wütend bekämpften.)

3m Osten nichts Neues!"

Poincarö über die Ostfrage Treviranus wird antworte«.

Berlin, 30. August, Zn der Sonnabend-Morgenausgabe derBerliner Börsenzeitung" ist von dem ehemaligen Präsidenten der ftanzöfischen Republik Poincarö unter der Heber« schristIm Osten nichts Neues« ein Artikel zu finden, der auf die Revision der Ostgrenzen Bezug nimmt. DieBörsenzeitung« weist in einer Kopfnote darauf hin, daß sie die Stellungnahme Poincarös bringt, um daraus eine deutsche Antwort zu ermög­lichen. Diese Antwort wirb Herrn Poineare in der Sonntagsausgabe des Blattes durch Minister Tre- oironus erteilt werden.

Der Verzicht auf die Verfolgung der Kriegsver­brecher, die Annahme des Dawesplanes. des Voung- Plones und bie vorzeitige Räumung des Rhein- lanbes das alles hat noch Poincarö immer wie­der das Ges penst der Revis ton in unmittM« bare Nähe gebracht. __

Unter Hinweis daraus, daß Deutschland sich durch Uttterzeichnung des Kogegpaktes den Weg zu einer Gewaltrevifion verbaut habe, untersucht Poincarö sodann den Verttag hinsichtlich der Möglichkeit einer Aenderung der Ostgrenze. Er sag.! außer dem Ar­tikel 19 gebe es noch einen Artikel 5, auf Grund dessen die Entscheidungen des Haager Gerichtshofes ober des Volkerbundsrates emsnmmig erfolgen müssen.

Der polnische Sejm aufgelöst?

Warschau, 30. August.

Durch Verordnung des Staatspräsidenten M o - s e i e k i wurden heute Sejm und Senat aufgelöst. In dem Schreiben heißt es: Nach reiflicher Erwägung habe ich festgestellt, daß die wichtigste Aufgabe für die Arbeit sämtlicher Bürger die Verbesserung der grund­legenden Rechte ist, durch die der Staat regiert wird, da dieselben die Grundlage sämtlicher im Staate be­stehenden Gesetze bilde«. Die Verbesserung ist not­wendig, da sich das gegenwärtig herrschende Chaos bisher leider nicht beseitigen ließ. Als Wahltermin ist der 16. November für den Sejm und der 23. No für den hFjfmtnti morden.

Hindenburg im französischen Urteil (Eigener Drahtbericht).

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anfrufi.t vielleicht sogar zn ttrell znrM.«Zu­mindest wäre es nützlich, wenn man die Reform­vorschläge. nach denen unser staatliches und ton* schastliches Leben neu- und umorganifiert werde» soll, auch unter dem Gesichtspunkte betrachten würde, ob und inwieweit sie geeignet sind, unsere Widev, standskraft nach außen zu erhöhen.

Niemand weiß, wie lange die Atempaustz, bte unserer Außenpolitik gegönnt ist, dauern wird, tri» mand kann Voraussagen, wann wir vor neue Ent­scheidungen gestellt werden. Einmal schon, bei bett Haager Verhandlungen, hat es sich bitter gerächt, daß wir ohne genügende Organisatton unserer innere« Kräfte in den außenpolitischen Kampf zogen. Diese bösen Erfahrungen, die wir damals machten, haben uns gelehrt, wie enge Zusammenhänge zwischen Innen- und Außenpolitik bestehen; daran z« ert» nem ist heute wichtiger denn je. Denn heute bet* kennt man wieder, daß die Sanierung des staattichen und wirtschaftlichen Lebens die tottb^X Voraus­setzung außerpolütscher Erfolge ift^y «ersämnt man es, das Programm derneuert^.., -tittf z» klären und die innere Reformarbeit auf diese Zieh, setzung abzustellen. Ja heute verschließt man sogar, wie die letzten Tage des Wahlkampfes leider nur zu deutlich gezeigt haben, die Augen vor der Gefahr, daß sich die Gruppen, die bisher außenpolitisch tn einer Front standen, durch ihre innenpolitischen Meinungs­verschiedenheiten zur Auflösung biejee From Pa­letten lassen.

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Das alles find Gründe genug, Sie dne außen» politische Diskussion in den Tagen des Wahlkampfes, in diesen Tagen vor Beginn der Briandschen Europa* konferenz, der Genfer Ratstagung und der Völker* bundsversammlung nicht nur rechtfertigen, sondern! sogar zur Pflicht machen. Das Schlagwort von de» .neuen Außenpolitik« Deutschlands ist, wenn Witz uns recht erinnern, von der französischen Rechtspresse! in Umlauf gesetzt worden. Es ist für diese Kreise ein Mittel in ihrem Kampf gegen Briand. Es soll den Anschein erwecken, als wollten und fönu» t e n die jetzigen und die zukünftigen leitende« Man* ner in der Wilhelmstraße eine grundsätzlich anders Politik als bisher treiben; es will Mißtrauen säe«, Mißtrauen gegen Deutschland, Mißtrauen aber auch gegen den Ches des Quai d'Orsay, in dem Mefeffireife immer noch die Personifizierung der Verstandigungs« Politik sehen.

Können wir aber überhaupt einen neuen außem politischen Kurs neu in dem Sinne, daß er eine! Abkehr von den Stresemannschen Niethosen und Zielen bedeutete einschlagen? Stresemanns Nach» folger, der Reichsaußenminister Dr. Curtius. hat schott oft und energisch genug diese Frage verneint; er hat immer wieder in seinen Reden betont, daß er sich als Verwalter des Strosemonnschen Erbes fühle, unb alle einsichtigen Kreise des deutschen Volkes werde» immer zu den gleichen Erkenntnissen kommen- Durch Frieden zur Freiheit" wollte Stresemann unser Vaterland führen, und auf diesem Wege, den er uns wies, wird auch in Zukunft die deutsche Außenpolitik fortgeführt werden müssen.

Was wir wollen unb was wir anstreben, ist eine friedliche Evolution. Dabei gibt >das Wort friedlich" die Mittel an, die wir ein Volk, das al- ler Machttnittel beraubt ist, und das daher mit jedem Versuch, Machtpolittk zu treiben, seine Existenz aufs Spiel setzen würde antoenben wollen, während mit dem BegriffEvolution« das Ziel ber deutschen Außenpolitik angedeutet wirb. Evolution das heißt, daß wir das starre System der Mochsi- verteilung, das durch den Versailler Vertrag geschaffen ist, nicht als der Weisheit letzten Schluß an. erkennen können. Daß wir dieses System auflok- k e r« und bie Mängel der 1919 geschaffenen Welt­orb nung unter Ausnutzung aller Möglichkeiten, die in den Verträgen gegeben sind, beseitigen wollen. Stresemanns Blick war nach dem Westen gerichtet; die Wiederherstellung der deutschen SouveränitSr" im Rheinland war die Aufgabe, für die er kämpfte, unb deren Lösung er, ein Mann, der bie tödliche Krank­heit schon in sich trug, im wesentlichen erreichte. Aus -der standhaften Weigerung des früheren Außenmini­sters, ein Ostloearno abzuschließen und -damtt die in Versailles beschlossene Grenzziehung zu garantieren, bars man aber auch schließen, daß er sich die Neu­aufrollung der Ostfragen für die Zukunft Vorbehalten wollte. Ob das Ostproblem heute schon zur Ent­scheidung reif ist, mag zweifelhaft sein, auf jeden Fall werden wir aber das Ziel, auf friedlichem Wege eine vernunstmäßige Regelung der unhaltbaren Zustände im Osten herbeizusühren, nicht ans dem Auge verlie­ren dürfen. Um» nicht ohne Genugtuung lesen wir in einem angesehenen Schweizer Blatte, iberNeuen Zürcher Zeitung«, die Mahnung an den Völkerbund, baß er nicht einseitig der Aufrechterhaltung der 1919 geschaffenen Weltordnung dienen, sondern die Ele­mente der friedlichen Evolution, die im Völkerbunds­pakt enthalten seien, ausbilden und so drohenden Konfliken vorbeugen solle. Bis jetzt habe der Genfer Bund den Artikel 19, der die Revision der Verträge vorsehe, im Dornröschenschlaf liegen lassen, Erstar­rung der Zustände bringe aber die Gefahr gewalt- amer Explosion mit sich . . .

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Alle Wege einer revolutionären Entwicklung füh­ren über Genf, und alle Versuche, das starre System von Versailles zu lockern, werden am Völkerbund be­ginnen müssen. Der Genfer Bund ist geschaffen toor-