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Ar 202 Zwanzigster Iayrgon,

Kasseler Neueste Nachrichten

Freitag, 29 August 1930 / 3. Beilage

Kasseler Aerzte plaudern aus der Schule

Zn der Sprechstunde des Nervenarztes

Von

Ernst Berg

Unser Mitarbeiter hat einige Kasseler aerzte über Erfahrungen und Erlebnisse in ihrem Beruf ausgefragt und schildert hier sein erstes Interview: mit einem Nerven arzt.

Herr ®r. K. empfängt mich sehr freundlich Er ist em stämmiger, jovialer Herr, im besten Mannes- alier, so um vierzig herum. Sein schwieriger Beruf har i'6n nicht tiefsinnia gemacht Er ist urwüchsig und natürlich, kein Charmeur, aber auch kein ®rc- bian. Wie ihm die Gedanken kommen so werden sie in schneller Züngenarbeit in Worte umgesetzl Er kennt keine Flausen. Er spricht, wie er denkt Manchmal kommt ein derbes Wort, aber das schadet nichts. Man spürt die Nähe eines Menschen be aller Ungezwungenheit.

„Also, was soll ich Ihnen verkaufen?"

„Mich interessiert alles, lieber Doktor! Aber ich tnaa nicht fragen! Mir gefällt es, wenn Sie u.i mittelbar aus Ihrer Empfindung heraus sprechen!"

"Also da sagen Sie bitte gleich Ihren Leiern, daß nicht nur Frauen zum Nervenarzt kommen lieber« Haupt gibt es kaum einen verkehrtetern Begriff als den des „hysterischen Frauenzimmers" Die Männer sind je nach der Disposiiion und den Umständen ge­nau so hysterisch wie die Frauen!"

„Was verstehen Sie "im Sinne Ihrer Wissen schas unter Hysterie?"

„Nun Sie kennen ja die Fälle. Ein Mann wird auf der Straße leicht angestoßen und mllt hin. Ein Passant sagt:. Der ist aber schwer verletzt. Sofort streckt der Mann alle Viere von sich Oder ein an« -erez Beispiel: Ein Dienstmädchen kommt zu mir und sagt, sie kann den rechten Arm nicht mehr be­wegen. Gestern ging es noch, sie hat den zanzen Tag gearbeitet. Heute hängt der Arm wie tot her­ab. Sie kann ihn nicht um einen Zentimeter in die Höbe bringen. Und so fort. Es sind jene Fälle, wo eine mäßige Einbildungskraft aus einen dafür disponierten, reizbaren, überempfindlichen Körper eine außerordentliche, oft geradezu ungeheuerliche Wirkung hervovbrtngt!"

-Und diese Erscheinung, sagen Sie. ist bei Man ttern nicht seltener als bei Frauen?"

„Unbedingt. Bei Gelegenheit sind die Männer genau so hysterisch wie die Frauen. Ich habe das besonders im Kriege hundertfach beobachten können ^n der sehr begreiflichen Angst vor dem Torge- schossenwerden entwickelten viele Männer eine starke Hysterie!" Also eine krankhafte Reaktion, die zweck- haft ist, die eine Flucht vor der unangenehmen Welt in sich begreift! Angst liegt saft immer im Hinter gründ dieser Dinge. Jeder Nervöse hat Angst." „So glauben Sie nicht, daß die vielen nervösen Er schetnungen, die man während des Krieges zu sehen bekam und auch heute noch sieht, simuliert waren?"

„Simulaliou ist äußerst selten. Bedenken Ste, was es heißt, aus einem gesunden Körper heraus ein Leiden vorspiegeln — durch Wochen, Monate. Jahre. Das könnte nur ein Schauspieler ersten Ranges. Und auch der würde von Psychologen und Menschenkennern bald entlarvt sein!"

„Totzdem bleibt der Eindruck, daß viele "Zitte­rer" und "Verrenler" nicht halb so krank sind wie sie tun!"

„Das ist natürlich etwas anderes. Wenn ich be­haupte, es gibt keine oder nur wenig Simulanten, so behaupte ich auch, es gibt kaum einen Menschen.

ver nicht bei Gelegenheit eine gewisse Hysterie ent­faltete Die Menschen übertreiben gern. Nach der einen oder andern Seite. Der Arzt muß immer da­mit rechnen. Der eine Patient lieft bei einer Tem peratur von 37P nur 37,4 weil er gern aus den Ball will, der andere 38,2, weil er es vorzieht, im Bett zu bleiben. Die schlichte Wahrheit sagt kaum einer."

"Andere Motive mögen hinzukommen, z. B. die Eitelkeit!"

"Sehr richtig. Krankheit ist ja immer ein Ge atnn. Ein Gewinn im Verlust. Wer krank ist wird jebrlegt, verwöhnt, bedauert, bemitleidet. Das nützt man natürlich aus Ich weiß es von mir selbst Als ich im Krieg einen Beinschuß hatte, habe ich länger gehumpelt als es nötig war. Es war sehr angenehm, wenn die Leute in der Straßenbahn anf- ltanden. um einem Platz zu machen. Oder wenn die jungen Mädchen einen bedauernd ansahen: Der 'rmc Mann!"

„Das mag in vielen Fällen unbewußt geschehen!"

„Sogar m den meisten. Die seelischen Reaktionen, )ie von einem gewissen Zweckgedanken ausgeyen, er­folgen fast immer unbewußt. Wer,z. B. mit dem eigenen Auto verunglückt, wird schnell wieder ge= >und fein. Er weiß, es Hilst ihm nichts wenn er krank ist Er kommt nur zurück Wer dagegen von ’inetn fremden Auw angefahren wird, suhlt sich -leich sterbenskrank, auch wenn es garnicht so chlimm ist. Er braucht dabei kein Betrüger zu fein. Ter Gedanke au die En schädigung, die Versorgung, die Rente, die er vielleicht beziehen kann, treibt ihn ichon unbewußt dazu, fein Leiden hhsterifch zu ver­größern."

„Voit der sozialen Fürsorge wird wahrscheinlich -ine ähnliche psychische Wirkung ausgehen?"

Ohne Zweifel. „Die soziale Fürsorge wie über- aupt jede Art von Versicherung wirkt fördernd am die Neigung zur Hysterie und hemmend auf den Ge- "unditttgsprozeß. Man glaubt kaum wie stark in unserer 3 eit der wirtschaftlichen Nm das Streben nach Sicherung geworden ist. Die Anstellungsien- denz, der Wunsch nach Sicherheit und Reine ist für die Gedanken der meisten Menschen beherrschend ge­worden Damit soll nichts gegen den sozialen Ge­danken an sich getagt fein."

"Natürlich nicht! Die soziale Fürsorge ist für uns ebne menschliche und staatliche Notwendigkeit Sie ist überdies der große Gewinn unserer Seit. Wenn wir etwas gegen früher voraus haben, ab- aesehen von den technischen Errungenschaften, die in ihrer seelischen Wirkung immer fraglich bleiben, dann ist es der große Gedanke der sozialen Volks­gemeinschaft. Das hindert nicht, daß der soziale Gedanke, wie alles auf dieser Welt, auch seine Schattenseiten hat!"

„Sie sprechen damit auch meine Gedanken aus. Für mich gibt es in dieser Beziehung kein Schwan­ken. Ich habe jeden Patienten ernst zu nehmen, ohne ihm nachzugeben. Nur so kann ich fein Ver­trauen gewinnen. Und dieses Vertrauen brauche ich unbedingt, um mir über seine psychische Konsti­tution und seine Leihen klar zu werden."

„Ich verstehe sie vollkommen."

„Mit dem gleichen Ernst wie den Patienten selbst habe ich feine Krankheit zu behandeln. Auch wenn sie nur eingebildet ist und ost genug einen lächerlichen Eindruck macht. Man soll überhaupt nicht glauben, daß die Leute zu ihrem Vergnügen krank seien. Wer gesund ist, ist stolz darauf gefund zu fein. Wer klagt, hat fast immer Gritud zur Klage. Für mich als Arzt hat es am Ende auch wenig zu bedeuten, ob der Patient an einer orga­nischen Schädigung ober an nervösen Störungen krankt. Er leidet und ich muß versuchen, ihm zu helfen."

„Ich nehme an, daß Ihre Haupttätigkeit auf dem Gebiete der nervösen Störungen liegt?

«O nein, wir haben auch auf dem Gebiete der organischen Nervenkrankheiten ein großes Ardens felv. Unsere Aufgaben hier sind noch gewacht en. feit wir gelernt haben, die Paralyse. Die bekannte und gefürchtete Spätfolge der Syphilis durch künst­liches Fieber zu behandeln."

„Wie steht es nun mit der Autgabe, das Ver­trauen des Patienten zu gewinnen? Ich denke mir, vaß Sie oft sehr diskrete, fehr peinliche Fragen stellen muffen und daß diese Aufgabe besonders 'chwierta ist?"

„Die Aufgabe ist sehr schwierig und doch auch wieder leicht. Die Patienten gewinnen schnell Ver­trauen, wenn sie sehen, daß man es ernst mit ihnen meint Ich fraae nicht gern, aber ich habe keine Wahl. Ich muß verlangen, daß der seelisch kranke Patient sich auch seelisch entkleidet uno daß er we­der mich noch sich selbst belügt Wenn ich den Pa­tienten kennen lernen will, muß ich nölens volens auch nach seinen stärksten Trieben fragen; dem Hun­ger und der Liebe!"

„Ich nehme an, daß Sie auch mit der Freud'- chen Psychoanalyse arbeiten?"

„Weniger mit Freud als mit Adler Freud ist ehr schwierig, er ist eigentlich nur sür gebildete Menschen zu gebrauchen. Was helfen die abgrün­digen Forschungsmethoden, wenn bei Patient es nicht versteht? Abler hingegen ist einfach, fast pri­mitiv. Seine Art ber Fragestellung ist auch dem Mann aus dem Volke verständlich!"

„Und Ihre Erfahrungen?"

„Man muß Freud das eine lassen: er hat uns an die Dinge herangebracht. Auch gibt cs Fälle, beiten man ohne Freud tatsächlich hilflos gegcn- überfiünbe. Freud hat uns eine Schulwissenschaft der psychischen Behandlung geschenkt Ich gebe zu: Der geborene Psychologe hat im allgemeinen die Psychoanalyse nicht nötig. Er kann ohne Freud das­selbe und besseres leisten. Aber wieviel Menschen sind geborene Psychologen? Geborene Aerzte?"

Ich gebe zu einem anderen Thema über. „Wie halten Sie es mit der Hypnose, lieber Doktor? Hypnotisieren Sie oft?"

„Ich hypnotisiere nicht oft. Ich wende die Hyp­nose nur in vereinzelten und ganz bcstimmten Fäl­len an. Wozu auch? Die Hypnose ist beute als wissenschaftliche Bohandlungsmeihode vollkommen anerkannt, aber sie geht nie an die Wurzel der see­lischen Erkrankung. Sie ist ein Zwang. Sie tut ihre Wirkung. Aber sie zwingt eben nur, sie heilt nicht. Aber sie wirkt nur solange, als der Einfluß des Hypnotiseurs mächtig ist. Für uns kommt es darauf an, die seelische Einstellung zu ändern, und das ist durch Hypnose nicht zu erreichen." „Ich will nicht fragen, ob die Zahl der Nervenkranken zuge- nom'men hat. Die Frage beantwortet sich leider von selbst. Heute ist jeder nervös. Nervosität ist die große Mode. Ich frage auch nicht warum es so ist. Eine aleit, die so gewalttätig und so verschwenderisch mit j bxn Reizen umgeht wie die unsrige, darf sich nicht! Sundern, wenn die Träger der Reize im Men­schen, rbeben die Nerven, rebellisch- werden. Ich möchlse etwas anderes wissen. Nämlich ob sich die Erschebnnng gleichmäßig über die ganze Bevölkerung verteilt, oder ob man zwischen Alt und Jung, Mailn und Frau, Reich und Arm einen Unterschied machen muß?p

„Zwischen Alt und Jung gibt es natürlich einen Unterschied. Kinder sind in der Regel noch nicht nervös. Alle nicht mehr. Mit fünfzig Jahren lassen die Extravaganzen nach, es gibt dann, um den Uebermut zu kühlen, genügend andere Beschwer­den. Zwischen Mann und Frau 'ehe ich keinen Un­terschied. Auch nicht zwischen Arm und Reich. Die

Rervosiiäi als eine Krankheit der reichen Leute zu bezeichnen, geht nicht an. Nervöse finden sich in allen Klassen und man wird allen dasselbe raten: Geht den Kämpfen des Lebens nicht auf dem Weg«. Ducht euch durchzusetzen! Diese psychische Schulung ist das Wichtigest. In zweiter Linie wird man Ar­beit, Sport und eine gesunde, natürliche Lebens­weise empfehlen.

Ich stehe ans. „Mein Pensum ist,erschöpft. Zum Schluß fallen mir noch jene Unglückseligen ein, die es nicht wagen, zum Nervenarzt zu gehen, weil sie fürchten, das Wartezimmer säße voll Geisteskranker!"

Nun lacht Dr. K. „Das ist natürlich heller Un­sinn! Geisteskranke kommen nie zu mir. Fänden sie den Weg zum Nervenarzt, so wären sie eben nicht geisteskrank. Umgekehrt: manchmal kommen Leute, die man für geistesgestört erklärt und die von mir eine Bescheinigung haben wollen, daß sie geistes- gesund sind. Wer zu mir kommt, beweist eben durch fein Kommen, daß er ein sehr vernunf.iger Mensch ist."

Ich halte die Tür schon in der Hand." Gilt das auch für mich, lieber Doktor?"

Ein fröhliches Lachen beschließt mein Interview.

Kasseler Filmschau

Das Komödiantenschiff

Das Capitol zeigt den großen llniversab-Film „Show-boat" in einer geschickten stummen Bearbei­tung, die nur an wenigen Stellen (die Orgel ber Dampfpfeifen unb ber Gesang ber Mississippi-Lieder) den Tonfilm verrät. Der Reiz des Films beruht in ber kulturhistorisch echten Zeichnung bes Lebens in den kleinen und großen Kolonistenstädten am Mississippi, um die Jahrhundertwende. Das „Show-boat", das Schiff der Komödianten, ist überall, wo es anlegt, Sensation, Abenteuer, Märchen. Aber an Bord des merkwürdigen Schiffsungetümes rollen nicht nur ge­spielte Dramen ab, sondern auch gelebte: Die roman­haften Schicksale einer jungen Schauspielerin (Laura la Plante), die mit dem ersten Liebhaber das geliebte Komödiantenschiff verläßt und in die große Welt geht, machen den Inhalt der zweiten Hälfte des Films aus, der nach Chicago und Neuyork führt, in Elend und Reichtum, Spielsaal und Broadway-Theater und end­lich wieder zurück auf das alte Showboat, das den breiten Strom hinabgleitet, erfüllt von den melan­cholischen Liedern des Mississippi.

Im Beiprogramm läuft ein Kulturfilm von bet Kritischen Nehrung. Wochenschau und Lustspiel mit tol­len Kinderstreichen. -u.

Alle Schulen wandern nach Kassel

Der 3. September gilt nicht als „schulfrei", sondern als Wandertag.

Verschiedene Zeitungen haben in ihren Veröffent­lichungen darauf hingewiesen, baß am 3. September anläßlich der beiden Zeppelin-Landungen in Kassel allgemein „schulfrei" sei. Um irgend welche Irrtümer zu vermeiden, wind hiermit ausdrücklich nochmals fest- gestellt, daß her Mittwoch, ber 3. September in den Volks-, mittleren, Fach- unb höheren Schulen als offi­zieller Wandertag für den Monat September zu gel­ten hat, um ben Schulen ausgiebig Gelegenheit zu ge­ben, öen Zeppelin-Lanbungen in Kassel beizuwohnen.

UebrigenS empfiehlt es sich, baß nicht nur die Schulen der Stadt Kassel, sondern auch 6ie auswärti­gen Schulen im Interesse einer geordneten Verkehrs­abwickelung möglichst schon zur Vormittags-Landung auf dem Flugplatz Waldau eintreffen. Wiederholte' an sie Stadtschuloerwallung und bas Verkehrsamt gerichtete Anfragen von Schulen, ob es sich empfiehlt, auch L-chuMassen jüngerer Jahrgänge zum Flug, 'tz zu führen, werden dahin beantwortet, i. 5 alle Siche.- heitsmaßnahmen für eine geordnete Abwecklung des Verkehrs zum und vom Flugplatz getroffen sind und Satz auf dem Flugplatz selbst ausreichender Zuschauer- raum zur Verfügung steht, da das Landeseld in einem Rechteck von 500:600 Meter abgegrenzt ist.

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