Einzelpreis 10 Pfennig
Kasseler Neueste Nachrichten
Kasseler Abendzeitung
frf<5etnttn68wetfe: »SlbenML fefiSma! naNmlttasS. SbonnementStnretS: ffht den Monat 1,80 Jt bet freiet Sn» st-llung Ins Sau«, In der GefchäftSltelle abgebolt 2.10 Jt. Durch die Po» monatlich 2.80 Jt ausschliehlich Zu. Rcllungsgebubr. In Kälten von höherer Gewalt hetteht kein Anspruch auf Lieferung der Zeitung ober auf Rückzahlung des Bezugspreises. Verlag. Schriftleitung und Druckerei: Kölnische Strohe 10. — Telephon: Sammelnummer 6800. Juristische Sprechstunde leben Dienstag von d bis 7 Uhr Kölnische Straße Nr. 10.
Hessische Abendzeitung
Anzeigenpreise: GeschSsts. und S<,«ikien-An«tgen die SO mm. Zeile 11 Pfennig. Kleine Ameisen tti Kassel das Wort 7 4. Auswärtige Kleine Anzeigen die SO mm breite Zeile 11 4. Anzeigen im ReklameteU die 78 mm breit« Zeile 45 4. Ofiertgebühr 25 4 (bei Zustellung 85 4). — Kür das Erscheinen von Anzeigen in bestimmten Ausgaben, an besonderen Plätzen und für telephonisch erteilte Aufträge keine Gewähr. Rechnungsbeträge innerhalb von 5 Tagen zahlbar. Gerichts,land Kassel. — Postscheckkonto Srankfurt a. M. 6880h
Rümmer 192*
Montag, 18. August 1930
20. Lahrsang
Geheimnisvoller Anschlag aus Lemberg
Oie Hauptstadt Ostgaliziens mehrere Stunden von aller Welt abgeschnitten / Oer Wahlkampf in vollem Gange / Treviranus in Kassel
Einundzwanzig Ukrainer verhaftet!
(Eigen« Drahtmeldung.)
Frankreich in Waffen
Oer neue plan des Generalstabs: Ein Berufsheer
f Warschau, 13. August.
In der Rocht zum Sonntag wurde ein geheimnisvoller Anschlag auf die Stadt Lemberg, die Hauptstadt Ostgaliziens, verübt. Kurz vor Mitternacht war die Stadt von der Umwelt vollkommen isoliert, weil alle telegraphischen und telephonischen Kabel durchschnitten waren. Auch die Leitungen, die zu den Eisenbahn-Einfahrtssignalen und den Zugstationen führten, waren zerstört, sodaß die Züge aus Berlin, Warschau usw. ohne Meldung in Lemberg einlaufen mußten. Nur einem glücklichen Zufall ist es zu verdanken, daß die Einfahrt ohne Zusammcnswtz ablief.
Die Polizei ist den Tätern noch nicht auf die Spur gekommen. Sie verhaftete aber 21 Mitglieder der ukrainischen Militärorganifation, aus welche dieser Anschlag zurückgesührt wird.
„Oer preis für dos Ostlocarno"
U Die Korridorfrage im französischen Urteil.
f Paris, 18 August.
Mit der Frage des Danziger Korridors beschäftigt sich in der .Volonte" der Schriftsteller Ernest Iudet. Er schreibt:
251 uii Polen. als es die losispieltge Anlage des Hafens von Gdingen in Angriff nahm, sich nicht vorwiegend von militärischen Erwägungen, statt von wirtschaftlichen leiten ließ, und wenn das wirtschaftliche Problem nicht durch militärisch- Fragen verfälscht worden ift, täte es gut daran, sich nach den Erfahrungen anderer umzusehen; das System, mit dem die Tschechoslowakei sich begnügt, und bei dem sie sich Wohl befindet, indem sie den ihr zugcbillig- un Freihafen in den Hamburger Gewäffern benutzt, wnrdc uns von einer politischen Servitut befreien, die weder den wahren Verhältnisse» noch unseren Interessen entspricht Das ist eine der Mahnungen, die das zwe'.te Memo- randum Briands sicher nicht unbeachtet lassen wird. Nach dem Westlocarno muß man den Preis für das Ostlocarno erlegen.
Teheran-Angora
Ausgleichsverhandlungen in Sicht?
Der persische Außenminister veröffentlicht eine Erklärung, in der die Nachrichten von einem türkischen Einmarsch auf persisches Gebiet und der Abgang einer neuen türkischen Note in Abrede gestellt werden. Türkische Truppen sind, so heißt es in der Erkläruna, seit einigen Tagen mit Operationen gegen die aufständischen Kurden an der türkisch-persischen Grenze beschäftigt. Die türkische Regierung hat Persien ausgefordert, den türkischen Truppen das Ueberschreiten der Grenze im Verlauf dieser Operationen zu gestatten. Die persische Regierung hat dieses Ersuchen abgelehnt, sich aber zur Teilnahme an den Operationen gegen die Aufständischen bereit erklärt.
Der diplomatische Korrespondent des .Daily Telegraph" weist darauf hin, daß der neu ernannte türkische Gesandte Ismet Pa scha Sonderinstruk- timien erhalten habe, die ihn in die Lage versetzen würden, mit der Teheraner Regierung Verhandlungen über die Abänderungen an der türkisch-persischen Grenze zu führen. Es bestehe daher einige Hoffnung, daß die Ausgleichsverhandlungen zwischen den beiden Mächten, die beide den Kelloqgpakt unterzeichnet hätten, zur Einigung führen würden.
Spionage im japanischen Generalstab
London, 18 August.
Hefter eine Ipionageaffäre im japanischen Gene- talftab berichtet eine Exchange-Meldung aus Tokio. Ein Zeichner uUd sechs andere Zivilangestellte, die im Büro des Generalstabes beschäftigt waren, wurden unter der Beschuldigung, im Dienste der Kommunisten militäriische Geheimnisse verraten unld bolschewistische Propaganda unter den Truppen getrieben zu haben, verhaftet.
Immer wieder politische Zwischenfälle
Berlikt, 18. August.
In Charlottenburg wurden vergangene Nacht 2 Angehörige der NSAP. von politischen Gegnern überfallen und schwer verletzt. Sie wurden ins Krankenhaus gelchafft; die Täter sind entkommen.
Frankfurt a. M., 18. August. In der Nacht zum Sonnabend kam es in einer Wirtschaft in der Klo- stergasse zu einer Schlägerei zwischen Anhängern der Nationalsozialistischen Partei und der KPD., wobei Sachschaden in der Wirtschaft angerichtet wurde. Rach. Angaben des Wirts ist die Schlägerei durch
Anhänger der KPD. hervorgerusen worden. Drei Teilnehmer wurden fkstgenommen.
In der gleichen Nacht wurden in der unteren Vergerstratze sind in der Friedberger Anlage Passan- ten von Teilnehmern einer kommunistischen Versammlung. die im Florasaal stattgefunden hatte, angehalten und ihnen Aüsweispaptere zwecks Feststellung ihrer politischen Zugehörigkeit verlangt. Hierbei wurde ein Kraftfahrer in der Friedberger Anlage Überfallen, in roher Weise zu Boden geworfen und verprügelt. Zwei der Tat verdächtige Personen wurden festgenommen.
Oberstein, 18. August. In einer gestern abend in Idar abgehaltene» ' sozialdemokratischen Wahlversammlung kam es zu einem Mutigen Zwischenfall. Als ein nationalsozialistischer Redner nach Ablauf seiner Redezeit die Tribüne nicht verlassen wollte, stürmten plötzlich 20—25 Nationalsozialisten auf die Tribüne und fchlugen den Versammlungsleiter, Redakteur Füllenbach, nieder. Er erlitt schwere Verletzungen.
Wirtschaft und Wahlen
Berlin, 18. August.
Der Reichsverband der Deutschen Industrie hat an seine Mitglieder ein Schreiben gerichtet, in dem es u. a. heißt:
Die Entwicklung des letzten Jahres, insbesondere der letzten Monate, hat unwiderlegbar gezeigt, zu welchen verheerenden Folgen für Volk, Staat und Wirtschaft eine falsche Wirtschafts- und Finanzpolitik führe. Ein Wandel ist nur möglich, wenn eine arbeitsfähige und reformwillige Regierung auf breiter Grundlage gesichert ist. Der Reichsverbano ver Deutschen Industrie richtet daher an feine Mitglieder die ernsthafte Mahnung, zu dieser Sammlung der ans bauenden Kräfte mit allen Kräften und Mitteln beizutragen. Der Reichsverband erwartet von seinen Mitgliedern, daß sie das Wahlrecht unbedingt als eine staatsbürgerliche und wirtschaftspolitische Pflicht auffassen und es bei den kommenden Wahlen im Sinne dieses Aufrufs ausüben. Er erwartet ferner, daß seine Mitglieder sich darüber hinaus gemäß den Ausführungen, die der Vorsitzende des Reichsverbands, Geheimrat Duisberg, auf der letzten Hauptausschußsitzung gemacht hat, auch aktiv an der Vorbereitung der Wahl beteiligen.
Paris, 17. August,
„Bewaffnen wir uns, und bewaffnen wir unsre Verbündeten!" Dies ist die Schlußfolgerung einer Betrachtung über Frankreichs politische Lage, die Briands ehemaliger Kabinettschef Emil Büro in dem schwerindustriellen Blatte ,,2'Drbre“ anstellt. Der Ruf hallt heute stärker denn je durch das ganze Land. „Die beste Garantie für unsre Sicherheit ist unsre Arme e“, stellt selbst ein Minister fest, und bis tief in die Reihen der Radikalen und sogar der Sozialisten hinein herrscht die Ueberzeugung, daß Frankreich in Zukunft noch viel größere Opfer für seine Armee bringen muß, als es bis jetzt der Fall war.
Eingeweihte versichern, Kriegsminister Magi- not habe im Verlaufe des letzten Ministerrates in Rambouillet Rüstungsforderungen gestellt, vor denen selbst Tardieu zurückschreckte: außer dem Milliacoen- kredit für Munition und sonstige Kriegsvorräte, der anscheinend durch Dekret „bewilligt" wird, außer den vielen Milliarden für den Ausbau der Festungen sollen im Haushalt von 1931 weitere zwei Milliarden Franken für die „vermehrten Bedürfnisse der Armee" eingestellt werden, so daß der
gesamte Kriegshaushalt mit Ausschluß von Marin« und Luftrüstung, die gewöhnlichen und außergewöhnlichen Ausgaben zusammengerechnet, dicht an die Riesensumme von 20 Milliarden Franken heranreicht.
In einer Unterredung des in Vittel zur Kur weilenden Kriegsministers mit dem Sondervertreter des „Journal", Louis Vsraud, sucht Maginot diese unerhörten Rüstungen, die nicht einmal mehr als Wett- rüftungen bezeichnet werden können, nach Möglichkeit zu begründen: Das Inkrafttreten der einjährigen Dienstpflicht, die größere Zahl der Berufssoldaten, die Heranziehung von Zivilisten zu militärischen Verwaltungsarbeiten, die Motorisierung der Armee, die Vermehrung der Kriegsoorräte und der Munition Auf die Frage des Journalisten, ob sich Frankreich mit einer solchen Armee in Sicherheit fühlen könne, antwortete der Minister mit einem kaum verschleierten Rein. Und hier sind wir am Kern
der augenblicklichen Bestrebungen des Großen Gen«» ralstabs angelangt.
Erwägungen politischer Natur werden zum Vorwand genommen: Der Völkerbundpakt, so sagt man, bietet keinerlei Sicherheit, denn wenn sich di« Ratsmitglieder nicht zu einigen vermögen, ist den Parteien das Handeln nach eigenem Ermeffen frei- gestellt. Der Kelloggpakt hat rein theoretischen Charakter und entbehrt jeglicher Sanktion gegen den Angreifer. Bleibt also für Frankreich nur noch Locarno als vollwertige Garantie. Das heißt: blieb es bis gestern. Denn im Grunde genommen hatte Locarno nach französischer Ansicht nur unter der Voraussetzung Wert, daß Italien sowohl wie auch England Verbündete blieben. Das Abkommen in der Osteria wurde eigentlich — und hieraus ergaben sich aö die politischen Mißverständnisse der letzten Jahre — w». Frankreich nie als doppelseitige Garantie aufgefaßt, die unter Umständen auch gegen Frankreich spielen konnte. Locarno galt in Paris lediglich als Be-i kräftigung eines Bündnisses, als Ersatz für das gescheiterte Garantieabkommen mit den Vereinigten Staaten, wie es im Anschluß an Versailles vorgesehen war. Sobald England feine Handlungsfreiheit Wiedergewann, Italien gar sich unverhohlen feindlich stellte, war Locarno, vom Standpunkt des französischen Generalstabs aus gesehen, nichts als ein Fetzen Papier, mit dem die Diplomaten zu spiele» belieben.
Anderseits: Im Fälle militärischer Verwicklungen an der deutschen O^t grenze ist Frankreich, wie die Dinge auch liegen mögen, nicht gewillt, bloßer Zuschauer zu bleiben. Doch schreckt es aus politischen Gründen vor einer Mobilisierung zurück, die leicht als Angriff gedeutet werden könnte. Hier nun stellt sich die vielerörterte Frage der „starken Deckung" auf die auch der Kriegsminister Maginot näher eingeht. In seinem letzten Werk über die französische Armee betont General D e b e n e y, daß Frankreich unter Aufwand aller Kräfte während der erste», entscheidenden Tage nicht mehr als 180000 Man» längs der Grenze auffiellen könne, davon die Hälfte junger, kriegsungeübter Rekruten; wohl stehe ihm das Recht zu, die „Angriffsgefahr" zu erklären und Daraufhin die drei letzten Reserveklassen einzube- rufen, ohne die Kammer zu befragen, ohne selbst den Völkerbund in Kenntnis zu setzen: aber es handle sich dabei trotz allem um einen politischen Akt, der Frankreich nur allzuleicht, besonders in englischen Augen, als Angreifer erscheinen lasse. Deshalb nun die neue Forderung:
Frankreich muß neben seiner augenblicklichen ! militärischen Organisation, die unverändert er- I halten bleiben soll, ein Berufsheer nach deut- | schein Muster schaffen, das einzig und allein der Deckung dient.
Es scheint, daß der Große Generalstab die maßgebenden politischen Stellen nunmehr für^ diese» gigantische» Plan gewonnen hat: die beiden Systeme, nach denen bisher die Nationen ihre Wehrkraft organisierten, in einer ungeheuren Synthese miteinander zu verbinden. Von kleinen technischen Verbesserungen abgesehen, soll die Armee der einjährigen Dienstpflicht mit ihren „Mobilrfationszentren" und ihren Kaders bestehen bleiben; sie dient damit der Ausbildung — soweit dies nicht schon Schule und Sportvereinigungen getan haben — des gemeinen Soldaten, von dem besondere Kenntnisse und Fähigkeiten nicht verlangt werden. Es ist „das Volk in Waffen", das weder für den unmittelbaren Grenzschutz, noch für auswärtige Operationen in Betracht kommt. Diese beiden Ausgaben soll die neue Berufsarmee übernehmen, der zugleich sämtliche technischen Dienste zuerteilt werden. Im Großen und Ganzen wird sie aller Wahrscheinlichkeit nach wie die Reichswehr organisiert werde»; man plant eine freiwillige Dienstzeit von sechs bis acht Jahren, und eine Gesamtstärke von rund 250 000 Man». Ihre Hauptmerkmale sind, neben der Beweglichkeit, eine bis an die Grenze des Möglichen getriebene Ausbildung in den Spezial- Waffen, eine absolute Vertrautheit mit den technischen Mitteln modernster Kriegführung. Offizie- stellt sie einen ziemlich selbständigen Grenzschutz das, der zu diesem Zwecke auf die 850 Kilometer zwischM Kanal und Mittelmeer, allerdings sehr uw gleich, verteilt ist; ihre Konzentration auf eiiq beliebige Stelle erfolgt rasch und unauft fällig, und dieser Umstand wird wahrscheinlich gestatten auf die mißliche Einberufung der drei Refevveklassen verzichten zu können. Es steht natürlich außer Zweifel, daß der
Große Generalftab sich durch diese „Deckungs- truppe" ein offensives Instrument ersten Ranges schafft.
und dadurch im sanzof,sehen Sinne die Mängel iT* Lolksheeres wie auch das Mtlizfystems» das 8za<
Führer im Wahlkampf
Oben von links «ach rechts: Otto Wels (SPD.), Reichskanzler Brüning (Zentrum), Dr. Scholz (DBP.j. — Unten von links nach rechts: Reichsminister Treviranus (Konservative Volkspartei), Prof. Bredt (Wirtschaftspaktei), Höxker-Ajchoff (Staatspartei).
..
:<
J
HW
ui
M