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Kasseler Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung

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Rümmer 192*

Montag, 18. August 1930

20. Lahrsang

Geheimnisvoller Anschlag aus Lemberg

Oie Hauptstadt Ostgaliziens mehrere Stunden von aller Welt abgeschnitten / Oer Wahlkampf in vollem Gange / Treviranus in Kassel

Einundzwanzig Ukrainer verhaftet!

(Eigen« Drahtmeldung.)

Frankreich in Waffen

Oer neue plan des Generalstabs: Ein Berufsheer

f Warschau, 13. August.

In der Rocht zum Sonntag wurde ein geheimnis­voller Anschlag auf die Stadt Lemberg, die Haupt­stadt Ostgaliziens, verübt. Kurz vor Mitternacht war die Stadt von der Umwelt vollkommen isoliert, weil alle telegraphischen und telephonischen Kabel durch­schnitten waren. Auch die Leitungen, die zu den Eisenbahn-Einfahrtssignalen und den Zugstationen führten, waren zerstört, sodaß die Züge aus Berlin, Warschau usw. ohne Meldung in Lemberg einlaufen mußten. Nur einem glücklichen Zufall ist es zu ver­danken, daß die Einfahrt ohne Zusammcnswtz ablief.

Die Polizei ist den Tätern noch nicht auf die Spur gekommen. Sie verhaftete aber 21 Mitglieder der ukrainischen Militärorganifation, aus welche dieser Anschlag zurückgesührt wird.

Oer preis für dos Ostlocarno"

U Die Korridorfrage im französischen Urteil.

f Paris, 18 August.

Mit der Frage des Danziger Korridors beschäf­tigt sich in der .Volonte" der Schriftsteller Ernest Iudet. Er schreibt:

251 uii Polen. als es die losispieltge Anlage des Hafens von Gdingen in Angriff nahm, sich nicht vor­wiegend von militärischen Erwägungen, statt von wirtschaftlichen leiten ließ, und wenn das wirt­schaftliche Problem nicht durch militärisch- Fragen verfälscht worden ift, täte es gut daran, sich nach den Erfahrungen anderer umzusehen; das System, mit dem die Tschechoslowakei sich begnügt, und bei dem sie sich Wohl befindet, indem sie den ihr zugcbillig- un Freihafen in den Hamburger Gewäffern benutzt, wnrdc uns von einer politischen Servitut befreien, die weder den wahren Verhält­nisse» noch unseren Interessen entspricht Das ist eine der Mahnungen, die das zwe'.te Memo- randum Briands sicher nicht unbeachtet lassen wird. Nach dem Westlocarno muß man den Preis für das Ostlocarno erlegen.

Teheran-Angora

Ausgleichsverhandlungen in Sicht?

Der persische Außenminister veröffent­licht eine Erklärung, in der die Nachrichten von einem türkischen Einmarsch auf persisches Gebiet und der Abgang einer neuen türkischen Note in Ab­rede gestellt werden. Türkische Truppen sind, so heißt es in der Erkläruna, seit einigen Tagen mit Operationen gegen die aufständischen Kurden an der türkisch-persischen Grenze beschäftigt. Die türkische Regierung hat Persien ausgefordert, den türkischen Truppen das Ueberschreiten der Grenze im Verlauf dieser Operationen zu gestatten. Die persische Regie­rung hat dieses Ersuchen abgelehnt, sich aber zur Teilnahme an den Operationen gegen die Aufständischen bereit erklärt.

Der diplomatische Korrespondent des .Daily Te­legraph" weist darauf hin, daß der neu ernannte türkische Gesandte Ismet Pa scha Sonderinstruk- timien erhalten habe, die ihn in die Lage versetzen würden, mit der Teheraner Regierung Verhandlun­gen über die Abänderungen an der türkisch-persischen Grenze zu führen. Es bestehe daher einige Hoffnung, daß die Ausgleichsverhandlungen zwischen den bei­den Mächten, die beide den Kelloqgpakt unterzeichnet hätten, zur Einigung führen würden.

Spionage im japanischen Generalstab

London, 18 August.

Hefter eine Ipionageaffäre im japanischen Gene- talftab berichtet eine Exchange-Meldung aus Tokio. Ein Zeichner uUd sechs andere Zivilangestellte, die im Büro des Generalstabes beschäftigt waren, wur­den unter der Beschuldigung, im Dienste der Kom­munisten militäriische Geheimnisse verraten unld bol­schewistische Propaganda unter den Truppen getrie­ben zu haben, verhaftet.

Immer wieder politische Zwischenfälle

Berlikt, 18. August.

In Charlottenburg wurden vergangene Nacht 2 Angehörige der NSAP. von politischen Gegnern überfallen und schwer verletzt. Sie wurden ins Krankenhaus gelchafft; die Täter sind entkommen.

Frankfurt a. M., 18. August. In der Nacht zum Sonnabend kam es in einer Wirtschaft in der Klo- stergasse zu einer Schlägerei zwischen Anhängern der Nationalsozialistischen Partei und der KPD., wobei Sachschaden in der Wirtschaft angerichtet wurde. Rach. Angaben des Wirts ist die Schlägerei durch

Anhänger der KPD. hervorgerusen worden. Drei Teilnehmer wurden fkstgenommen.

In der gleichen Nacht wurden in der unteren Vergerstratze sind in der Friedberger Anlage Passan- ten von Teilnehmern einer kommunistischen Versamm­lung. die im Florasaal stattgefunden hatte, angehalten und ihnen Aüsweispaptere zwecks Feststellung ihrer politischen Zugehörigkeit verlangt. Hierbei wurde ein Kraftfahrer in der Friedberger Anlage Überfallen, in roher Weise zu Boden geworfen und verprügelt. Zwei der Tat verdächtige Personen wur­den festgenommen.

Oberstein, 18. August. In einer gestern abend in Idar abgehaltene» ' sozialdemokratischen Wahlver­sammlung kam es zu einem Mutigen Zwischenfall. Als ein nationalsozialistischer Redner nach Ablauf seiner Redezeit die Tribüne nicht verlassen wollte, stürmten plötzlich 2025 Nationalsozialisten auf die Tribüne und fchlugen den Versammlungsleiter, Re­dakteur Füllenbach, nieder. Er erlitt schwere Ver­letzungen.

Wirtschaft und Wahlen

Berlin, 18. August.

Der Reichsverband der Deutschen In­dustrie hat an seine Mitglieder ein Schreiben gerichtet, in dem es u. a. heißt:

Die Entwicklung des letzten Jahres, insbeson­dere der letzten Monate, hat unwiderlegbar gezeigt, zu welchen verheerenden Folgen für Volk, Staat und Wirtschaft eine falsche Wirtschafts- und Finanz­politik führe. Ein Wandel ist nur möglich, wenn eine arbeitsfähige und reformwillige Regierung auf breiter Grundlage gesichert ist. Der Reichsverbano ver Deutschen Industrie richtet daher an feine Mit­glieder die ernsthafte Mahnung, zu dieser Samm­lung der ans bauenden Kräfte mit allen Kräften und Mitteln beizutragen. Der Reichsver­band erwartet von seinen Mitgliedern, daß sie das Wahlrecht unbedingt als eine staatsbürgerliche und wirtschaftspolitische Pflicht auffassen und es bei den kommenden Wahlen im Sinne dieses Auf­rufs ausüben. Er erwartet ferner, daß seine Mit­glieder sich darüber hinaus gemäß den Ausführun­gen, die der Vorsitzende des Reichsverbands, Ge­heimrat Duisberg, auf der letzten Hauptausschuß­sitzung gemacht hat, auch aktiv an der Vorbereitung der Wahl beteiligen.

Paris, 17. August,

Bewaffnen wir uns, und bewaffnen wir unsre Verbündeten!" Dies ist die Schlußfolgerung einer Be­trachtung über Frankreichs politische Lage, die Bri­ands ehemaliger Kabinettschef Emil Büro in dem schwerindustriellen Blatte ,,2'Drbre anstellt. Der Ruf hallt heute stärker denn je durch das ganze Land.Die beste Garantie für unsre Sicherheit ist unsre Arme e, stellt selbst ein Minister fest, und bis tief in die Reihen der Radikalen und sogar der Sozialisten hinein herrscht die Ueberzeugung, daß Frankreich in Zukunft noch viel größere Opfer für seine Armee bringen muß, als es bis jetzt der Fall war.

Eingeweihte versichern, Kriegsminister Magi- not habe im Verlaufe des letzten Ministerrates in Rambouillet Rüstungsforderungen gestellt, vor denen selbst Tardieu zurückschreckte: außer dem Milliacoen- kredit für Munition und sonstige Kriegsvorräte, der anscheinend durch Dekretbewilligt" wird, außer den vielen Milliarden für den Ausbau der Festungen sollen im Haushalt von 1931 weitere zwei Milliarden Franken für dievermehrten Bedürfnisse der Armee" eingestellt werden, so daß der

gesamte Kriegshaushalt mit Ausschluß von Marin« und Luftrüstung, die gewöhnlichen und außer­gewöhnlichen Ausgaben zusammengerechnet, dicht an die Riesensumme von 20 Milliarden Franken heranreicht.

In einer Unterredung des in Vittel zur Kur weilen­den Kriegsministers mit dem Sondervertreter des Journal", Louis Vsraud, sucht Maginot diese un­erhörten Rüstungen, die nicht einmal mehr als Wett- rüftungen bezeichnet werden können, nach Möglichkeit zu begründen: Das Inkrafttreten der einjährigen Dienstpflicht, die größere Zahl der Berufssoldaten, die Heranziehung von Zivilisten zu militärischen Verwal­tungsarbeiten, die Motorisierung der Armee, die Vermehrung der Kriegsoorräte und der Munition Auf die Frage des Journalisten, ob sich Frankreich mit einer solchen Armee in Sicherheit fühlen könne, antwortete der Minister mit einem kaum ver­schleierten Rein. Und hier sind wir am Kern

der augenblicklichen Bestrebungen des Großen Gen«» ralstabs angelangt.

Erwägungen politischer Natur werden zum Vorwand genommen: Der Völkerbundpakt, so sagt man, bietet keinerlei Sicherheit, denn wenn sich di« Ratsmitglieder nicht zu einigen vermögen, ist den Parteien das Handeln nach eigenem Ermeffen frei- gestellt. Der Kelloggpakt hat rein theoretischen Cha­rakter und entbehrt jeglicher Sanktion gegen den An­greifer. Bleibt also für Frankreich nur noch Locarno als vollwertige Garantie. Das heißt: blieb es bis gestern. Denn im Grunde genommen hatte Locarno nach französischer Ansicht nur unter der Voraus­setzung Wert, daß Italien sowohl wie auch England Verbündete blieben. Das Abkommen in der Osteria wurde eigentlich und hieraus ergaben sich die politischen Mißverständnisse der letzten Jahre w». Frankreich nie als doppelseitige Garantie aufgefaßt, die unter Umständen auch gegen Frankreich spielen konnte. Locarno galt in Paris lediglich als Be-i kräftigung eines Bündnisses, als Ersatz für das ge­scheiterte Garantieabkommen mit den Vereinigten Staaten, wie es im Anschluß an Versailles vorge­sehen war. Sobald England feine Handlungsfreiheit Wiedergewann, Italien gar sich unverhohlen feindlich stellte, war Locarno, vom Standpunkt des franzö­sischen Generalstabs aus gesehen, nichts als ein Fetzen Papier, mit dem die Diplomaten zu spiele» belieben.

Anderseits: Im Fälle militärischer Verwicklungen an der deutschen O^t grenze ist Frankreich, wie die Dinge auch liegen mögen, nicht gewillt, bloßer Zuschauer zu bleiben. Doch schreckt es aus politi­schen Gründen vor einer Mobilisierung zurück, die leicht als Angriff gedeutet werden könnte. Hier nun stellt sich die vielerörterte Frage derstarken Deckung" auf die auch der Kriegsminister Maginot näher ein­geht. In seinem letzten Werk über die französische Armee betont General D e b e n e y, daß Frankreich unter Aufwand aller Kräfte während der erste», entscheidenden Tage nicht mehr als 180000 Man» längs der Grenze auffiellen könne, davon die Hälfte junger, kriegsungeübter Rekruten; wohl stehe ihm das Recht zu, dieAngriffsgefahr" zu erklären und Daraufhin die drei letzten Reserveklassen einzube- rufen, ohne die Kammer zu befragen, ohne selbst den Völkerbund in Kenntnis zu setzen: aber es handle sich dabei trotz allem um einen politischen Akt, der Frankreich nur allzuleicht, besonders in englischen Augen, als Angreifer erscheinen lasse. Deshalb nun die neue Forderung:

Frankreich muß neben seiner augenblicklichen ! militärischen Organisation, die unverändert er- I halten bleiben soll, ein Berufsheer nach deut- | schein Muster schaffen, das einzig und allein der Deckung dient.

Es scheint, daß der Große Generalstab die maß­gebenden politischen Stellen nunmehr für^ diese» gigantische» Plan gewonnen hat: die beiden Systeme, nach denen bisher die Nationen ihre Wehrkraft orga­nisierten, in einer ungeheuren Synthese miteinander zu verbinden. Von kleinen technischen Verbesserungen abgesehen, soll die Armee der einjährigen Dienstpflicht mit ihrenMobilrfationszentren" und ihren Kaders bestehen bleiben; sie dient damit der Ausbildung soweit dies nicht schon Schule und Sportvereinigun­gen getan haben des gemeinen Soldaten, von dem besondere Kenntnisse und Fähigkeiten nicht verlangt werden. Es istdas Volk in Waffen", das weder für den unmittelbaren Grenzschutz, noch für auswärtige Operationen in Betracht kommt. Diese beiden Aus­gaben soll die neue Berufsarmee übernehmen, der zugleich sämtliche technischen Dienste zuerteilt wer­den. Im Großen und Ganzen wird sie aller Wahr­scheinlichkeit nach wie die Reichswehr organisiert wer­de»; man plant eine freiwillige Dienstzeit von sechs bis acht Jahren, und eine Gesamtstärke von rund 250 000 Man». Ihre Hauptmerkmale sind, neben der Beweglichkeit, eine bis an die Grenze des Möglichen getriebene Ausbildung in den Spezial- Waffen, eine absolute Vertrautheit mit den tech­nischen Mitteln modernster Kriegführung. Offizie- stellt sie einen ziemlich selbständigen Grenzschutz das, der zu diesem Zwecke auf die 850 Kilometer zwischM Kanal und Mittelmeer, allerdings sehr uw gleich, verteilt ist; ihre Konzentration auf eiiq beliebige Stelle erfolgt rasch und unauft fällig, und dieser Umstand wird wahrschein­lich gestatten auf die mißliche Einberufung der drei Refevveklassen verzichten zu können. Es steht natür­lich außer Zweifel, daß der

Große Generalftab sich durch dieseDeckungs- truppe" ein offensives Instrument ersten Ranges schafft.

und dadurch im sanzof,sehen Sinne die Mängel iT* Lolksheeres wie auch das Mtlizfystems» das 8za<

Führer im Wahlkampf

Oben von links «ach rechts: Otto Wels (SPD.), Reichskanzler Brüning (Zentrum), Dr. Scholz (DBP.j. Unten von links nach rechts: Reichsminister Treviranus (Konservative Volkspartei), Prof. Bredt (Wirtschaftspaktei), Höxker-Ajchoff (Staatspartei).

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