...— Einzelpreis 10 Pfennig
Kasseler Neueste NachrWm
Kasseler Abendzeitung Hessische Abendzeitung
strscheinunsSwette: wöchenMK seLsmal nachmittags. AbonnementSvrelS: für Ben Monat 2.80 Jt Bet freier Zu» |k Hnietaeneretfe: GefchSftS. und 8«mtrten»Sn»etaen Bte 80 mm • Zette 11 Pfennig. Kleine Anzeigen en«
ftellung ins HauS, in bei Geschäftsstelle abgeholt 2.10 JI. Durch bte Post monatlich 2,80 Ji ausschließlich Zu» AQk Staffel bas Bort 7 A, AuSwärttge Kleine Anzeigen bte 30 mm breite Zeile 11 A. Anzeigen im Reklameteil bte
iiellungsgebübr. An Fällen von höherer Gewalt besteht kein Ansvruch aus Lieierung bei Zeitung ober auf Iwk I 78 mm bieite Zeile 45 A. Oiseitgebühr 25 A (bei Zustellung 85 4). — Für bas Erscheinen von Anzeigen in Rückzahlung beS Bezugspreises. Verlag. Tchristlettung unb Druckerei: Kölnische Strotze 10. — Telephon: \W*Ek/ bestimmten Ausgaben, an befonberen Plätzen unb für telephonisch erteilte Aufträge keine Gewähr. Rech»
kammelnummei 6800. Juristische Svrechstunbe leben Dienstag von 5 bis 7 Uhr Kölnische Strafte Nr. 10. nungsbeiräge innerhalb von 5 Tagen zahlbar. Geiichtsttanb Kassel. — Postscheckkonto Frankfurt a. M. 6880,
Summer 187* Dienstag, 12. August 1930 20. Zahlung
Noch immer Lärm um die Treviranus-Nede
pariser Rechtspresse hetzt weiter / Oie wirtschaftlichen Folgen der Dürre in LtSA. / Revolte im Posener Gerichtsgefängnis
Der deutsche Botschafter bei Briand
Eigener Drahtbericht.
Paris, 12. August.
Der Besuch des deutschen Botschafters v. H o e s ch bei Briand wird in der Pariser Presse wesentlich anders ausgelegt, als die von amtlicher deutsckier Stelle herausaeaebene Berlautbaruna besagt. Während in der deutschen Melduna lediglich davon gesprochen wird, daß sich die Unterreduna auf die Vorbereitung der kommenden Genfer Völkerbunds- tagnng bezogen habe, wird in der ganzen Pariser Informationspreffe betont, alle Wahrscheinlichkeit spreche dafür, daß der größte Teil der Aussprache sich auf die Rede des Minister Treviranus bezogen habe.
Das „Echo de Paris" glaubt zu wisien, der deutsche Botschafter habe die bereits in der deutschen Presse zum Ausdruck gebrachte Erklärung wiederholt, daß es sich bei den Ausführungen des Ministers Treviranus um die Wiedergabe einer persönlichen Meinung handele. Die Blätter fügen hinzu. daß die wenn auch gemäßigtere Rede des Reichskanzlers eine derartige Auslegung leider nicht z u l a s s e. Außerdem fei Treviranus einer der ersten Berater des Reichspräsidenten. Auch der „Petit Parisien" teilt die Auffassung des Generalstabsblattes und hält es für wahrscheinlich, daß der deutsche Botschaster den französischen Außenminister über die innerpolitische Lage in Deutschland, int Zusammenhang mit den Ereignissen in Deutschland unterrichtet hat.
♦
Die Rede, die Reichsminister Treviranus bei der Kundgebung der Ost- und Westverbäude gehalten hat, hatte, wie wir bereits gestern berichteten, in Paris erregte Kommentare ausgelöst. Die Pariser Presse hatte die Ausführungen des Ministers als »offene Drohung an die Adresse Frankreichs und Polens" hingestellt. In großer Einmütigkeit sind diese Kommentare der rechtsstehenden französischen Zeitungen von der dcuttschen Presse zurückgewiesen worden.
So schreibt beispielsweise die Germania": Irgend eine völkerrechtswidrige Aggressivität oder eine Revancherede aus den Worten des Ministers zu konstruieren, ist ein müßiges Beginnen.
5?ür Deutschland gelten, unter welcher Regierung auch immer die feierlichen Verpflichtungen des Völkerbundespaktes, und keine verantwortliche deutsche Regierung wird eine Grenzrevision mit anderen als friedlichen Mitteln erstreben. Man hat sich an der Seine und wahrscheinlich auch in Warschau umsonst aufgeregt. Die Treviranus-Rede bedeutet kein Ultimatum und keine Kriegserklärung und wird nicht an der loyalen vertragsmäßigen Haltung der deutschen Außenpolitik ändern.
Im .Berliner Tagest lat t* heißt es: Der Minister Treviranus hat in seiner Rede auf die heute schon so ziemlich in ganz Europa anerkannte Tatsache hingewiesen, daß die ungelöste Korridor frage eine europäische Sorge und Gefahr bleibt. Er hätte sich dabei u. a. sogar auf ernsthafte französische Politiker berufen können, wie den Grafen d' Ormesson ssiebe auch den Artikel --Der polnische Korridor" in unserer Sonntag-Ausgabe!) Es muß den Pariser Blättern erwidert werden, daß der Minister kein Wort gesagt hat, das auf deutsche Absichten schließen lassen könnte, eine andere Lösung als im Rahmen des 19. Artikels des Völkerbunds- Paktes, des Revisionsartikels zu suchen. Das Recht eine solche anzustreben, kann und wird sich Deutschland nicht nehmen lassen.
Die »Voss. Zeitung“ erklärt n. <t: Der Wortlaut der Rede gibt
zu Beschwerden aus Warschau oder Paris oder gar London nicht den geringsten Anlaß.
Wir finden in der Treviranus-Rede nichts, was nicht vor ibm andere deutsche Politiker in Verantwortlicher Stellung, was nicht auch Stresemann gesagt hätte. Auch der Sozialdemokrat Dr. Breitscheid hat einmal ähnlich gesprochen. Kein Deutscher wird jemals die Grenzziehung im Osten- als gerecht und zweckmäßig anerkennen.
Mit den bekannten innenpolitischen Ausführungen des Ministers befaßt sich heute noch einmal der .Vorwärts", der besonders darauf Bezug nimmt, daß Treviranus davon spricht, man müsse den Reichstag so lange auflösen, bis er sich zur Derwirklichuna der geplanten großen Finanzreform willig zeige. Der -Vorwärts" bezeichnet das als abenteuerliche Pläne. Der Reichskanzler haste soeben erst wieder in Köln von der Notwendigkeit der Erhaltung der Demokratie gesprochen, aber was Treviranus betreibe (ohne vom Kanzler zur Ordnung gerufen zu werden), sei nichts anderes als die Vorbereitung eines Staatsstreiches.
Oie Midinettes streiken!
Paris, 12. August.
Die Streikbewegung gegen die sozialen Versiche- rnngen erstreckt sich nun auch auf Paris und zwar ackf die Pariser Schneidermädchen, die Midinetts. 500 Schneiderinnen der Fabrik Paton Habeck gestern die Arbeit niedergelegt. Sie fordern eine
Lohnerhöhung von 6 Prozent, die aber von der Direktion dieses weltbekannten Pariser Hauses abgelehnt wird.
Im nordfranzösischen Industriegebiet ist es zu Zwischenfällen in den letzten Tagen nicht gekommen. Zweifellos macht sich eine Entspannung bemerkbar, doch kann es noch Wochen dauern, bis überall die Arbeit wieder ausgenommen wird. Bisher verharren beide Parteien in ihrer einmal eingenommenen Haltung.
Gesangenen-Revolte in pofen
Die Feuerwehr setzt die Zellen unter Wasser.
Posen, 12. August.
Im Posener Gerichtsgefängnis, das gegenwärtig besonders stark mit Gefangenen belegt ist, brach gestern
Neuyork, 12. August.
Das Landwirtschaftliche Departement in Washington gibt amtlich bekannt, daß durch die anhaltende Trok- kenheit 70 0 Millionen Bushels Mais vernichtet worden sind. Damit sinkt die Gesamtzahl der diesjährigen Ernte auf'2212 Millionen Bushels herab, das ist die kleinste Ernte seit 29 Jahren. (Ein Bushel ist ungefähr ein Drittel Hektoliter.)
In Neuyork und anderen Städten ist eine enorme Steigerung der Lebens mittel preise ein= getreten, die teilweise 25 vom Hundert beträgt. Weitere Steigerungen stehen bevor.
Anläßlich der beträchtlichen Ernteschäden in dem Dürre Gebiet hat Präsident Hoover daS amerikanische Rote Kreuz aufgesordert, sich zur Hilfeleistung bereit zu halten.
*
Neuyork, 12. August. Bürgermeister Walker ist vor das Distrikt-Schwurgericht geladen worden, um als Zeuge in dem Skandal «es städtischen Beamten Ewald auszusagen, der für seine Ernennung als Führer der Tammany Hall 50000 Mark gezahlt haben soll. (Die Tammany Hall, ursprünglich ein geheimer Orden, der zu Wohltätigkeitszwecken gegründet wurde, ist eine Parteiorganisation der Demokraten, die im städtischen Leben Networks eine ausschlaggebende, freilich durch ihren korrumpierenden Einfluß auch recht unheilvolle Rolle spielt.)
Lteberschwemmungen in Tlordchina
London, 12. August.
Der Bezirk zwischen Tientsin und Mulden ist in den letzten Tagen zum Teil von großen lieber-
in den späten Nachmittagsstunden eine Gefangenenrevolte aus. Die Gefangenen behaupten, daß das Essen un zu reichend sei, und daß sie nicht gargekochte Startoffeln erhalten hätten. Der Block 1, der etwa 600 Gefangene beherbergt, war der Ausgangspunkt der Revolte. Die Häftlinge schrien und zerschlugen die Fensterscheiben, rissen die Fensterrahmen heraus und zerstörten die Zelleneinrichtungen. Die Schreie der Gefangenen waren weit zu hören und in Posen machte sich eine lebhafte Unruhe bemerkbar, da Gerüchte umgingen, daß eine Anzahl Schwerverbrecher ausgebrochen sei.
Die Polizei umstellte das Gefängnis und sperrte die Zugangsstratzen ab, da der Verdacht bestand, daß die Kommunisten durch die Kundgebung zum Angriff aufbie Polizeibehörde und das Gefängnis veranlaßt werden sollten. Die Gefangenen beruhigten sich auch nicht, als man bereits einhundert Häftlinge in andere Räume geschafft hatte. In den späten Abendstunden wurde die Feuerwehr alarmiert, die dann die Gefangenen in den Zellen unter SBaffer setzte. Erst spät gegen Mitternacht gelang es, den Ausstand zu unterdrücken.
schwemmungen heimgesucht worden. Die Eisenbahnlinien stehen fast sämtlich unter Wasser und die Eisenbahnstationen selbst sind vielfach weggeschwemmt, ebenso ist großer Schaden an den Brücken angerichtet worden. Besonders stark sind die Verwüstungen in dem Gebiete hinter dem großen Wall, wo eine ganze Anzahl von Dörfern in den Fluten verschwunden ist. Hunderte von Chinesen sollen ertrunken fein In den Städten entlang der Küste treffen Tausende von Flüchtlingen aus dem überschwemmten Gebiete ein.
r ----------
Oer Aufstand der Afridis
London, 12. August.
Von Lahore sind am Montag wieder weitere Abteilungen englischer Infanterie nach Peschawar entsandt worden. Die Verbindung zwischen Peschawar und allen Stationen im Südosten der Provinz sind unterbrochen. Von Rawalpindi aus sind am Montag vier Panzerwagen nach Peschawar entsandt worden Auf einer Eisenbahnstation in der Nähe von Peschawar haben die Afridis mehrere Eisenbahnwagen in Brand gesetzt.
Nach einem Bericht der „Times" sollen die Afridis bei der ländlichen Bevölkerung nur geringe Unterstützung finden. Sie würden zwar verpflegt, aber in ihren Kämpfen gegen die britischen Behörden nicht unterstützt.
Stürme um Arian-
Ein diplomatischer Skandal und seine Folgen.
Paris, im August.
Es handelt sich um den größten diplomatischen Skandal der Nachkriegsgeschichte: das Verschwinden des geheimen Wortlauts des englisch - französischen Flottenkompromisses int französischen Außenministerium, und dessen Veröffentlichung in der Hearstpresse. Bekanntlich wurde ein junger Attache am Pressebüro, Noblet d'Anglure, bezichtigt, das Dokument einem zweifelhaften Journalisten, Deleplanque, zur Information eingehändigt zu haben; dieser gab es an den Vertreter Hearsts namens Horan weiter, der seinerseits den Inhalt sofort nach Neuyork kabelte und dadurch den politischen Sturm mit seinen unübersehbaren Folgen bewirkte.
Dies war die eine Seite der Angelegenheit: Nach dem Scheitern des Flottenkompromisses, woran ohne jeden Zweifel die vorzeitige Veröffentlichung in hervorragender Weise beteiligt war, gehört sie nunmehr der Geschichte an. Ungelöst aber bleibt die andere Frage: Wie war es eigentlich möglich, daß ein so ungemein wichtiges Schriftstück vom Quai d'Orsay weg auf den Redaktionstisch eines nicht eben freundlich gesinnten, amerikanischen Zeitungstrustes gelangen konnte? Es wurden darauf nacheinander zwei Antworten gegeben, die, wie mir sagen müssen, in gleicher Weise ungenügend erscheinen.
Der Quai d'Orsay in Person des Vriandschen Kabinettschefs Seger hielt die offizielle Version aufrecht : Der junge, unvorsichtige Diplomat Noblet, der den abwesenden Pressechef vertrat, habe seinem Freunde Deleplanque das Dokument ausgehändigt. Noblet d'Anglure wurde daraufhin von der Polizei festgenommen und einem langen Kreuzverhör unterworfen, dessen Ergebnis sehr wenig befriedigend war: Er leugnete nämlich mit der größten Hartnäckigkeit, und da auch der gleichfalls beschuldigte Journalist Deleplanque lediglich zugab, das Schriftstück „gefunden" zu haben, konnte von direkten Beweisen keine Rede sein. Mittlerweile tauchte ein Gerücht auf, bas immer schärfere Umrisse annahm, und sich schließlich zu der offenen Beschuldigung verdichtete: Die vorzeitige Veröffentlichung des Flottenkompromisses in der Hearstpresse sei eine abgekartete Sache gewesen, ein großer politischer Theatercoup, zu dem Zwecke, die neu sich anbahnende „Entente cordiale" mit England zu hintertreiben, da sie zur Zeit in das System des Quai d'Orsay nicht hineinpaßte; Briand habe von Anfang an als Gegner des Flottenkompromisses gegolten, das in seinen Augen ein Hindernis bildete sowohl für die Verständigung mit Deutschland, als die mit den Vereinigten Staaten, indem es die Abrüstung zur See und dadurch auch die zu Lande nahezu unmöglich tjtadje. Auf der äußersten Rechten ging man sogar noch einen Schritt weiter und klagte den Quai d'Orsay an, einer direkten Forderung des Reichsaußenministers Dr, Stresemann Rechnung getragen zu haben.
Welches war nun der weitere Gang der Ereignisse in dieser ungeheuer aufregenden Angelegenheit?
Nachdem der Kabinettschef Lsger seine Untersuchung gegen den jungen Diplomaten Noblet abgeschlossen hatte, war er zunächst bemüht, einen genügenden juristischen Grund für dessen Strafverfolgung ausfindig zu machen. Der offizielle Rechtsberater des Quai d'Orsay, Professor Basdevant, gab ein ablehnendes Gutachten ab. Das Gesetz von 1886 über die Veröffentlichung von geheimen, die nationale Verteidigung betreffenden Schriftstücken könne im vorliegenden Falle keine Anwendung finden, weil der Text des Flottenkompromisses in nicht weniger als 75 Exemplaren existierte, so daß von einem „geheimen" Dokument nicht mehr die Rede sein konnte; außerdem lag eine Antwort des Admirals Monget vor, die betonte, die französische Marine habe keinerlei Interesse an dem Schriftstück. Trotzdem brachte Briand die Angelegenheit vor den Ministerrat und verlangte auf Grund des Berichtes Läger (die ungünstigen Gutachten Basdevant und Monget scheint er nicht berührt zu haben) die Strafverfolgung Noblets, und zwar wegen Verletzung des Gesetzes von 1886 über die nationale Verteidigung. Ohne selber Stellung zu nehmen, gab der Ministerrat dem damaligen Großsiegelbewahrer Barthou ^Vollmacht, nach Gutdünken zu handeln; Barthou befragte den Oberstaatsanwalt und den Chef der Sicherheit, und teilte daraufhin Briand mit, es komme im besten Falle eine strafrechtliche Aktion wegen Diebstahls in Frage, es fei denn, der Quai d'Orsay stehe dafür ein, daß es sich um geheime Dokumente handelte. Der Außenminister gab diese Zusicherung, da ihm eine einfache Verfolgung wegen Diebstahls nicht genügte: Briands Gegner behaupten, er habe dies aus dem Grunde getan, weil dann die genaue Herkunft des Schriftstücks erforscht worden wäre.
Ehe jedoch die Untersuchung in dieser Richtung weitergehen konnte, trat ein ganz unvorhergesehenes tzr,
Oie Verfassungsfeier im Reichstag
Unser Bild gibt einen Blick in den festlich geschmückten Sitzunqsfaal des Reichstages während bet _____ Bersassungsseiet, bei der Minister Dr. Witlh die Festrede hielt. . ........
Az .ME
DM
Starke Preissteigerungen in Neuyork