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Hummer 177*
Donnerstag, 31. Juli 1930
20. Lahrgang
Antikn'egskundgebung mit Bombenflugzeugen
Kommunistisches Schreckensregiment in -er chinesischen Provinz Hunan / Keine Fusion, aber gemeinsamer Wahlaufruf -er Regierungsparteien
'XV
ie Moskau -en 1. August „feiert"
Eigener Drahtbericht.
Gefähr-etes Deutschtum
Von Staatssekretär z. O. Frhr. von Nheinbaben
Kowno, 31. Juli.
Wie die Telegraphen-Agentur der Sowjet-Union aus Moskau meldet, soll am 1. August das Haupt- er:ignis der Feierlichkeiten „Gegen den impe. rialistifchen Krieg" die Uebergabe von 51 Bombenflugzeugen an die rote Luftflotte bilden. Die Flugzeuge find aus Mitteln erbaut, die aus Arbeitersammlungcn für den Fonds des Offoavi- achim („Unsere Antwort an den Papst") stammen.
Das Zentralkomitee der Gewerkschaften erläßt einen Aufruf, in dem hervorgerufen wird, daß der Aufmarsch am 1. August vor allem einen Anschau- nnssuitterricht von der Bereitschaft der Sowjetunion, das Land gegen Angriffe zu verteidigen, bil- den soll.
* * *
Paris, 31. Juli.
Zur Verhütung von kommunistischen Kundgebungen am 1. August hat der polizeiliche Erkennungsdienst am Mittwoch nicht weniger als 24 ausländische Kommunisten verhaftet und sofort über die französtsch-belgische Grenze ans gewiesen. Bei den Ausgewiesenen handelt es fich um Italiener, Polen, Ungar», Rumänen, Oesterreicher. Türken und Rusten.
Mer Terror in China
London, 31. Juli.
Der Aufstand liuksradikaler Elemente im mitt lereu Uangtsetal greift weiter um fich und bedroht die Etappenlinien der Rationalarmee. In der Hauptstadt der Provinz Hunan, T s ch a n g s ch a, die nach einer Meuterei der dortigen Garnison in Stärke von 10 000 Mann von den Kommunisten ein genommen wurde, herrscht Terror. 92 japanische Flüchtlinge aus dem Aufstandsgebiet find Mittwoch früh bereits in Hankau eingetroffen. Rach den letzten in Schanghai vorliegenden Berichten sind in Tschangscha sämtliche öffentlichen und Missionsgebäude, mit alleiniger Ausnahme des Postamts und des Misstonskrankcnhauses zerstört worden. Die Straßen von Tschangscha sind mit Leichen übersät. Eine große Anzahl von führenden Chinesen ist verschleppt worden. Die ärmere Bevölkerung flüchtet nach dem Norden.
Die Schreckensherrschaft der Kommunisten in Tschangscha hat die Autorität der Nanking-Regierung weiter stark erschüttert. Mittel-China befindet fich gegenwärtig in einem Zustande, Vie er seit 1912 nicht mehr zu verzeichnen war.
Ein japanischer Bericht aus Tsingtau berichict, daß Abteilungen der mandschurischen Flotte in Tsingtau an Land gesetzt wurden, zum Schutze gegen etwaige Zerstörungen durch Wrückflnlonde Teile der Regierungstruppen.
Die Washingwner Regierung hat an die Nankingregierung eine scharfe Note gerichtet, in der Schutz des Lebens oder Eigmtums amerikanischer Bürger in den von Kommunisten heimgesuchten Gebieten verlangt wird. In der Rote wird betont, Amerika behalte sich alle Rechte vor, wenn Leben oder Eigentum von Amerikanern irgendwie angetastet werden sollten.
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Peiping, 31. Juki. Die Kommunisten griffen pest rn das amerikanische Kanonenboot „P a l o 8' an, das zum Schutze der amerikanischen Staatsbür- ger bei Tschangscha liegt. Sie verwundeten hierbei fünf amerikanische Matrosen, verloren aber selbst 60 Tote und zahlreiche Verletzte.
Oer Krieg -er Zukunft
Kriegsspiel über Lyon.
Paris, 31. Juli.
Die Stadt Lyon und Umgebung waren dieser Tage der Schauplatz eines höchst intereffanten und bisher in Frankreich einzigartigen Experiments gewesen. „Gas -und Bombenangriff aus Lyon durch Flugzeug" lautete das Thema, das sich der französische Generalstab gestellt hatte und das erfolgreiche Mittel zur Sicherung von Stadtbevölkerungen gegen feindliche Fliegerangriffe unter Beweis stellen sollte.
Den Manöver», die am Nachmittag mit einem Generalangriff von Bomben- und Jagdflugzeugen begannen, folgte in der Nacht ein anschauliches Bild, zu -eflen Ausgestaltung zahlreiche Flugzeugstaffeln, die Abwehrbatterien der umliegenden Forts, neun Rie- jenjchoiuwerfer, die Hilssorgauijationeu jür d« Zi
vilbevölkerung, die Feuerwehr, das Rote Kreuz, Polizei usw. beitrugen. Die Möglichkeiten eines nächtlichen Bomben- und Gasangriffes wurden bis in alle Einzelheiten durchgeführt. Die Sirenen heulten, als die ersten „feindlichen" Flieger gemeldet wurden. Die Stadt wurde in völliges Dunkel gehüllt. Die Einwohner waren durch vorherige Bekanntmachung angewiesen, ihre Lichter abzublenden. Die Feuerwehr bekämpfte hypothetische Brände, das Rote Kreuz nahm Rettungsversuche an vergifteten und verletzten Personen vor.
Die Abwehrbatterien krachten, die Jagdflugzeuge mimten Luftkämpfe und die Bombenflugzeuge warten Gegenstände ab, die Gas- und andere Bomben darstellen sollten. Bis 2 Uhr nachts dauerten die Manöver.
Die Resultate, was die wirksame Verteidigung gegen Flugzeugangrisse betrifft, sollen befriedigend gewesen sein. Es wurden dabei vollkommen neue Defensivmittel ausprobiert, die jedoch geheim gehalten werden. (Vielleicht haben diese Manöver das Gute, daß sie manchem die Augen geöffnet haben, welche Schrecken der Zukunstskrieg mit sich bringt. D. Red.)
Am gestrigen Nachmittag fand die auf Einladung des volksparteilichen Führers Dr. Scholz seit langem geplante Aussprack-e mit den Vertretern der bisherigen demokratischen Partei, der neuen Deutschen Staatspartei, der Wirtschafts- Partei und der Gruppe Treviranus ftzttt. Beachtenswert war, daß zwei Vertreter der jungen Volksparteiler von Dr. Scholz zur Aussprache hinzugezogen wurden.
Der Plan einer Fusion dieser Parteien ist, wie zu erwarten war, gescheitert.
Nur der volksparteiliche Führer Dr. Schloz trat für eine Verschmelzung von Treviranus bis Koch-Weser ein. Man hat statt btijen den Gedanken ausgenommen, ein sachliches Zusammengehen dieser Parteien für bestimmte gesetzgeberische Fragen herbeizuführen. Der gemeinsame Wahlaufruf, der gestern projektiert wurde, wird natürlich aus gewiffe Schwierigkeiten stoßen weil es sich dabei nicht nur um das Finanzprogramm, sondern auch um die für den Herbst geplanten Finanzreformen handeln soll, über die die Auffassungen dieser Parteien ausein- andergehen. Aber
zu der Aufstellung eines gemeinsamen Wahlaufrufes haben fich alle Beteiligten bereit erklärt, Ob er zustandekommt, wird allerdings noch von verschiedenen Faktoren abhäugen. So unter anderem davon, ob der demokratische Wunsch, die Parteien, die einen gemeinsamen Wahlaufruf unterzeichnen, sollten sich verpflichten, nach der Reichstagswahl in keinem Falle Regierungsbildungen mit dem Radikalismus aus der Rechten, vorzunehmen, in Erfüllung geht. Aber trotz solchen im Augeublick bestehenden Schwierigkeiten wird mit aller Entschiedenheit von den Beteiligten der Wan gefördert, wenigstens in Form eines gemeinsamen Aufrufes eine Sammlung der m der Mitte und bei der neuen Rechten vorhandenen Kräfte zu erzielen. Irgendwelche Listenverbindungen oder ähnliche Abmachungen bleiben dabei außer Betracht.
Werter tst be» Parteivertretern von Dr. Schölz dte Frage vvrgelegt worden, ob ste nicht bereit seien
im kommenden Reichstag eine FrÄttousgemein- schäft zu bilden.
Die Verhandlungen über diese Frage sind noch nicht abg-schloffen, immerhin wurde sie grundsätzlich bejaht. Am stärksten haben sich gestern die Vertreter der konservativen Volksparrei für das Zusammengehen ausgesprochen. Das wird auch inso- l'ern als ein günstiges Zeichen für die Sammelbe- strebungen ausgelegt, als vielleicht auch die Landvolkpartei in die Kombination einbezogen werden kam Ihre Antwort steht noch ans.
Heute soll zunächst von einem RedaktlonS- komitec der gemeinsame Wahlaufruf entworfen werden. Natürlich Hütt man bei den beteiligten
Die Rheinlandfeiern find verklungen. Auf Jubel und Freude über die Tatsache der Befreiung des Rheinlandes und das persönliche Erscheinen der Verkörperung vergangener deutscher Größe und pflichtbewußter deutscher Gegenwart, des ehrwürdigen Reichspräsidenten, an historischen Stätten deutscher Geschichte folgte der Schmerz über das Koblenzer Unglück. Nun hält die schwere Alltagsarbeit uns wieder umfangen, und die Fülle der weiteren nun zu lösenden Probleme ist fast erdrückend. Die berechtigte Hoffnung, daß wir nach der Wiedergewinnung unserer territorialen Souveränität am Rhein alle Kräfte auf innere Reformen und Fortführung einer energischen Außenpolitik auf verbesserter Grundlage verwenden könnten, hat fich nicht verwirklicht. Der Reichstag ist aufgelöst, und der Aufmarsch der Parteien für den 14. September beginnt. Riesengroß ist die Sorge, ob es möglich sein wird, die katastrophalen Folgewirkungen zunehmender Arbeitslosigkeit in einigermaßen normalem Ablauf der Dinge zu überwinden. Für viele Wochen wird fie zusammen mit den unvermeidlichen Reibungen eines Wahlkampfes die deutsche öffentliche Meinung überwiegend beherrschen. Und dennoch darf es nicht dahin kommen, daß
Parteien auch skeptische Stimmen, die ans die schon geschilderten Schwierigkeiten der redaktionellen Ausarbeitung des Ausrufes Hinweisen, und die Ansicht vertreten, daß man abwarten mtiffc, ob aus den Bemühungen um eine Fraktionsgemeiuschaft mehr als ein einfacher Burgfriede herauskomme. Trotzdem glaubt man aber, daß der beherrschende Gedanke, Staat und Wirtschaft durch einen arbeitsfähigen Reichstag aus der gegenwärtigen Rot zu retten, die Hemmungen überwinden helfen wird.
An der gestrigen Besprechung nahmen teil: Minister T r e v i r a n u s für die Konservative Volks- Partei, jedoch nicht für die Landvolkpartei, die 90bgg. Drewitz und Sachfenberg für die Wirt- schaftspartei, die Abgg. Koch-Weser und Staatssekretär a. D. Meyer für die Demokraten und der erstere-gleichzeitig auch für die neugegründete Deutsche Staatspartei. Außerdem waren zwei Vertreter der Reichsgemeinschaft Junger VoAsparteiler anwesend, sowie als Vertreter der inzwischen zur Staatspartei ülbergegangenen Gruppe Junger Volls- Parteiler Dr. Eschenburg.
Oie Umgruppierung
Berlin, 31. Juli.
Aus dem deutschnationaken Lager find Mr Konservativen Volkspartei übergetreten der frühere Reichs- ftnanzminifter v. Schlieben, Staatssekretär Ha- gedorn, der frühere bayerifche Staatsminister v. Brenuing und bet Vizepräsident des Reichsverbandes der Deutschen Industrie Frowein-Elber- feld.
Bei der Konservativen Volkspartei ist ome Abteilung für Frauenarbeit gebildet worden, an deren Spitze die in der sozialen Wohlfahrtspflege bekannte ehemalige Abgeordnete der Nationlversammlung Frau Anna von Gierke getreten ist.
In einer Besprechung, die in Hannover stattsanid, hat die Konservative Volkspartei die Ausstellung des Generals von Lettow-Vordeck als Kandidaten für die Reichstagswahl für den Wahlkreis Wefer- Ems «t Aussiehl genommen.
Noch ein Todesopfer in Koblenz
Neuwied, 31. Juli.
3» Oberwiuter wurde gestern der feit dem Tag« des Koblenzer Einstnrzunglucks vermißt« zwei- nndzwanzig Jahr« alt« Zahntechnikrr Richard KrS- m r r ans Rrnwird al» Leich« gelandet. Krämer war zur Zeit des Unglücks auf der Brücke nnd muß, obgleich er ein guter Schwimmer war, von dem Men- schenkuauel ins Wasser gezogen nnd ertrunken sein. Seine Leiche wurde dann in den Rhein abgetrieben. Damit erhöht fich di« Zahl bet Koblenzer Brückeukata- üugb 38.
jene andere große Sorge von unserem Volk nicht dauernd mitempfunden und getragen wird, die ich unter den Begriff „gefährdetes Deutschtum" zusammenfafien möchte. Während wir im Parteistreit uns verzehren, mit großen Worten uns gegenseitig die Schuld an Rot und Elend zuschieben, benutzen glücklicher geschichtete Nachbarländer die deutsche Uneinigkeit und Kraftlofigkeit dazu, ihre gegen das Deutschtum gerichteten Ziele rücksichtslos weiter zu verfolgen. Nur in gedrängter Kürze soll hier ein Hinweis auf das Allerwichtigste im Bereich dieser deutschen Schicksalsfrage gegeben werden.
Kurz nachdem Herr Briand und die franz 8 - fische Politik bas nebelhafte Zukunftsbild eines Paneurvpa unter französischer Führung der Seffent» lichkeit und den diplomatischen Kanzleien unterbreitet hatten, mußten die Monate lang sich hinschleppenden Verhandlungen über die Wiedereinverleibung des Saargebietes in das preußisch-deutsche Mutterland unter brachen, d. h. praktisch a b gebrochen werden. Täuschen wir uns nicht: Frankreich geht daraus aus, die deutsche Widerstandskraft sowohl im Saargebiet selbst, wie in der Berliner Zenttale zu zermürben. Es spielt ganz offen mit dem Gedanken, oei weiterem deutschen Widerstand gegen die lleberant- wortung eines namhaften Teils der Kohlengruben in französischen Besitz die Volksabstimmung im Jahre 1935 doch noch stattfinden zu lassen. Es spekuliert darauf, dann unter stärkstem Druck von Zuckerbrot und Peitsche schließlich ein ähnliches Manöver vorzunehmen, wie seinerzeit in Oberschlesien. Es hofft zum mindesten einige wenige notleidenden Gemeinden in dem menschenarmen Randzipfelgebiet des Warndt so zu beeinflussen, daß fich irgendeine ziffernmäßig« Minderheit für das reiche, vielversprechende Frankreich erklärt, und es will dann unter Hinweis auf solche Abstimmung unter stärkstem politischen Druck die unter diesen Gemeinden gelegenen wertvollsten Teile der Saargruben sich arteignen. Wer diese große Gefahr verkennt, der hat durch die Erfahrungen zwölf schwerer Nachkriegsjahre nichts gelernt. Schon haben wir ein positives Wetterzeichen für solche Absichten in der Haltung namhafter französtscher Zeitungen und in der Tatsache, daß der nach Räumung des Rheinlandes völkerrechtlich nicht mehr haltbare Bahnschutz von der augenblicklichen Regierungskommission zwar zahlenmäßig etwas vermindert, aber grundsätzlich beibehalten worden ist.
Vom Westen jum Ostens Der Danziger Senat hat einen Notruf an den Völkerbund gesandt und auf die Gefährdung von nichts weniger als der Existenz der gesamten „Freien Stadt" Danzig hingewiesen, wenn Polen fortfährt, seinen Hafen Edingen nicht nur zum Kriegshafen, sondern in bewußter verkehrspolitischer und wirtschaftlicher Niederkonkurrenzierung Danzigs als einen der größten und modernsten Handelshäfen der Ostfee auszugestalten. Natürlich leugnet Polen nach dem bewährten Rezept, als sei ein „Eingriff in die hehre polnische Souveränität" beabsichtigt, jede solche Tendenz. In Wahrheit braut fich auch hier ein schweres Wetter zusammen, bas unbedingt im Laufe der Zeit zur Gefährdung bes Friedens im Osten führen muß. Es wäre nichts weniger als eine Beleibigung bes Deutschtums unb bes beut» schen Staates insbesonbere, wenn man nicht nur auf polnischer Seite, sondern in Paris und London glauben sollte, das schwergeprüfte deutsche Volk würde eine Fortsetzung solcher vertragswidrigen polnischen Politik gegen Danzig ruhig hinnehmen. Heute find wir ohnmächtig, aber es hieße an der Eesamtzukunst Deutschlands verzweifeln, wenn wir diesen Zustand nicht int Laufe der nächsten Jahre mit allen uns verbliebenen Kräften abändern würden!
Hiermit hängt ein anderes Problem zusammen, auf das ich neben der Frage Danzig-Edingen in der Reichstagsdebatte über die auswärtige Politik ebenfalls bereits hingewiesen habe: Die Tatsache der bisherigen Nichtratifizierung des deutschpolnischen Liquidationsabkommens durch Polen. Deutschland ist hier bis an die äußerste Grenze des Entgegenkommens gegangen, um die deutsche Minderheit in Polen auf ihrer Scholle zu halten und rechtlich stärker zu sichern. Verweigert Polen noch länger die Unterschrift unter dieses nun von Deutschland seit Monaten ratifizierte Abkommen, dann muß völkerrechtlich ein neuer Zustand eintreten und die Eesamtabmachungen über die Liquidationen zwischen Deutschland und Polen müßten hinfällig werden. Infolge der offenkundigen Zusammenhänge zwischen diesem Abkommen und dem Houngplan als Grundlage der jetzigen Reparationsregelung ergibt sich also auch von dieser Seite her die Möglichkeit eines Mweren internationalen Konfliktes, über den
Burgfriede oder mehr?
Das Ergebnis der Scholz-Aktion / Gemeinsamer Wahlaufruf der Mittelparteien