Hessische Abendzeitung
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Kasseler Neueste Nachrichten
Nummer 171*
Donnerstag, 24. Juli 1930
20. Jahrgang
1000 Tote im italienischen Erdbebengebiet
Oie Zahl der Verwundeten noch größer / Geringer Widerhall des volksparteilichen Sammelrufes / Nächste Woche neue Notverordnungen
Oie Ltuglückssiätte in Koblenz
Unser Bild zeigt die Stätte, an der am Dienstag abend das furchtbare Unglück geschah. Links ift noch ein Teil der vcrsuulcnen Pontonbrücke zu sehen.
Flugzeuge bei der Rettungsaktion
Rom, 24. Juli.
Nach den letzten Nachrichten der Morgenblätter find im Hauptbebengebiet allein mindestens 700 Menschen ums Leben gekommen. Es ist zu befürchten, daß diese Zahl unter Berücksichtigung der Todesopfer in den weniger heimgesuchten Provinzen Süditaliens die 1000 erreichen oder gar überschreiten wird.
Die Zahl der Verwundeten, unter denen pch viele Schwerverletzte befinden, ist zweifellos ganz erheblich größer. Ihre Bergung und ihr Abtransport mit Lastkraftwagen und Privatautos ist schon seit gestern wirksam im Gange.
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Die Rettungsarbeit en im Erdbebengebiet -werden jetzt wirksam unterstützt durch Flugzeuge. Eine große Zahl von Personen von Neapel hat die vergangene Nacht im Freien verbracht. Ganze Autokolonnen fuhren auf das Land hinaus. Auf den Plätzen und in den Parks wickelt sich ein buntes Lager ab. Seit den frühen Morgenstunden hat das Volk von Neapel in Prozessionen und Gottesdiensten seinen religiösen Gefühlen Ausdruck gegeben. Die Polizei hat 19 Häuser räumen lassen, 50 Familien mußten ihre Wohnungen verlassen.
Die im Hauptbebengebiet fast völlig zerstörten Gemeinden bieten einen trostlosen, erschütternden Anblick. Abgesehen von den sehr wenigen erdbebensicher gebauten Häusern sind eine ganze Zahl von Gebäuden nunmehr Stein- und Schutthaufen, aus denen ge- sprnfterhaft die hohen Mauern jahrhun- dert alter Paläste herausragen
Die Wirkung des Erdbebens in dem Hauptgebiei war überall so stark, daß fast alle Häuser, selbst wenn sie den heftigen Stößen standhielten, bedenkliche Mauerriffe zeigen. In einzelnen Gemeinden wie Aquilonia und Villanova, in denen kein Haus mehr bewohnbar ist, gibt es keine einzige Familie, die nicht mindestens eines ihrer Mitglieder unter den Token zu beklagen hat. (Siehe auch L Seite 2. Beilage!)
einer berufsständischen LanHvolkparte-i zwar nicht für richtig halte, Daß er aber angesichts der gegebenen Tatsachen und lm Interesse der Staatspoli- t i k diese Entwicklung billige. Wenn er den schweren Entschluß gefaßt habe, die Neugründung der Konservativen Volkspartei mitzumachen, so geschehe dies im Interesse der Zusammenfassung der konservativen Bevölkerung. Er hoffe, daß die neue Partei in engster Fühlung mit der Landvolkpartei bleiben werde. Ueber eine Zusammenarbeit mit der Volkspartei, zu der Dr. Scholz bekanntlich aufgefordert hat, erklärte er, daß er ein
praktisches Zusammengehen mit der Volkspartei und anderen Parteien für unmöglich
halte, da auch die neue Konservative Volkspartei eine ausgesprochene Rechtspartei sein müsse.
Reichsmtnister Schiele erklärte sodann, die Ursache der Trennung des Landvolkes von Hu- genberg sei, daß sich zwei Welten gegenübergestanden hätten. Hugenberg wolle Ab st and von den Problemen behalten und ihnen nicht aus den Leib rücken. Durch diese Enthaltung liefere er aber dem Marxismus die billigsten Waffen.
Reichsmtnister Tievtrnnus betonte, oaß nach elf Jahren des Ringens um die bessere Gesinnung und die größere Grundsatzfestigkeit die Zeit ge
kommen sei, den konservativen Gedanken zum Einsatz zu bringen. Man
könne sich nicht mit der Verneinung begnügen, sondern müsse mit Hand anlegen.
Kein Staat könne ohne konservativen Gegenpol bestehen. Es gelte, eine Mehrheit für Hindenburg und für seine politischen Ideen zu schaffen.
Lntereffenhanfen oder Staatsvolk?
Die Demokraten im Wahlkampf.
Berlin, 24. Juli.
Bei einer Wahlkundgebung der Deutsch-Demokratischen Partei, die unter das Thema »Jnteresie.r- hausen oder Staatsvolk" gestellt war, sprachen Reichsminister a. D. Koch-Weser und Reichsfinanzminister Dietrich.
Abg. Koch-Weser beschäftigte sich u. a. mit der Einladung des Parteiführers der Volkspartei Scholz, in der der Begriff der staatsbejahenden Parteien offenbar nicht auf die Sozialdemokraten angewandt werde. Wenn man eine Zusammei- saffung wolle, so könne man das nicht durch Ad- dierung von Verschiedenartigen tun, sondern man müsse sich auf ein positives Arbeitsprogramm einigen, das sich auf weitere Ziele erstrecke.
Vizekanzler und Reichsminister der Finanzen Dr. Dietrich, von der Versammlung stürmisch begrüßt wies daraufhin, daß die Sorgen nicht aus dem Eigentlichen Reichsetat kommen sondern aus der 'Tatsache, daß das Reich 685 Millionen zur Arbeitslosenversicherung zuschießen müsse. Ueber die 100 'Millionen, welche am Etat abadsetzt werden sollen, sei nahezu eine Verständigung erreicht.
Irimings Notverordnungen
th. Berlin, 24. Juli.
Rach dem gegenwärtigen Stand der Dinge ist mit dem Erlaß der neuen Notverordnungen der Reichsregierung in der nächsten Woche zu rechnen. Die Reichsregierung wird in diesen Notverordnungen auch der Tatsache Rechnung tragen, daß die S t e u - ereinnahmen aus dem Juni, wegen der Fortdauer der Wirtschafts-Depression nicht besonders befriedigend sind. Die Notverordnungen werden deshalb auch eine Maßregel enthalten, die geeignet ist, die Steuerkraft des Volkes und der Wirtschaft zu erhalten, damit nicht durch weitere Verminderung des Aufkommens aus den bestehenden Steuern das Etat-Gleichgewicht eine neue Gefährdung erleidet.
In den Notverordnungen wird insbesondere die Arbeitslosenversicherung und die Reform der Krankenversicherung enthalten sein. Aus dem Osthilfegesetz sollen die S o- fort-Maßnahmen, also die für die Behebung der Ostnot bestimmten Hilfsaktionen, übernommen werden.
Im übrigen ist damit zu rechnen, daß sich die Notverordnungen inhaltlich nicht sehr wesentlich von den Rotmatznahmen unterscheiden, die durch Ablehnung zur Auflösung des Reichstags geführt haben.
„Fusion nicht vorsiel'bar"
Die Demokraten und der Scholzbrief.
Berlin, 24. Juli.
Wie der Demokratische Zeitungsdienst mitteilt, wird sich der Parteivorstand der Deutschen Demokratischen Partei, der am Freitag in Berlin eine Sitzung abhält, auch mit der Anregung des Führers der Deutschen Volkspartei befassen. Wenn die Absicht bestehen sollte, jetzt eine Art Burgfrieden oder eine Dämpfung des Wahlkampfes zu verabreden, so werden sich die Demokraten dem nicht verschließen. Eine Fusion derartig verschiedener Parteien, wie sie es find, an die der Führer der Deutschen Volkspartei jetzt seinen Brief gerichtet hat, ist nicht vorstellbar.
Westarps Absage
Zusammengehen mit der Volkspartei unmöglich.
Berlin, 24. Juli.
Vor einem geladenen Kreise sprachen gestern Graf Westarp, Schiele und Treviranus über die Aufgaben der neuen Parteien der Rechten.
Kraj Westarp führte aus, -daß er die Bildung
Noch 2 oder 3 Vermißte
Ein Taucherschacht an der Unfallstelle.
Koblenz, 24. Juli.
Die Rheinstrom-Bauverwaltung in Koblenz hat gestern nachmittag einen Ta u ch e r s ch a ch t an die Unfallstelle beordert, um nach weiteren Vermißten suchen zu lassen. Wie wir erfahren, ist die Brücke nicht durchgebrochen, sondern seitlich abgcrutscht und liegt etwa sechs Meter unter Wasser.
Von der zuletzt gemeldeten Zahl vdn 36 Toten ausgehend, nimmt man an, daß noch zwei oder drei Personen, die vermißt werden, im Wasser liegen können.
Totenamt für die Verunglückten
Trier, 24. Juli.
Der Bischof von Trier, Dr. Bornewasser, hat an den Dechanten Rademacher in Koblenz folgendes Telegramm gerichtet:
„5n tiefem Schmerz und lebhafter Anteilnahme habe ich von dem großen Leid, das zahlreiche Koblenzer Familien betroffen hat, Kenntnis genommen. Ich bitte, auf den Kanzeln diesem meinem teilnehmenden Schmerze Ausdruck zu geben und wäre Ihnen dankbar,
wenn in allen Kirchen der Stadt ein feierliches Tot en amt für die Verunglückten gehalten würde."
*
Berlin, 24. Juli. Wie der Amtliche Preußische Pressedienst mitteilt, hat das preußische Staatsministerium angeordnet, daß die sämtlichen staatlichen und kommunalen Dienstgebäude, die Gebäude der Körperschaften des öffentlichen Rechts, sowie die Gebäude der öffentlichen Schulen, die bereits am 23. Juli in Berlin Halbmast flaggten, am Tage der Beisetzung der Opfer des Brückeneinsturzes in Koblenz in ganz Preußen nach den Bestimmungen der Verordnung vom 19. Juni 1929 Halbmast zu beflaggen sind.
Hindenburg wieder in Berlin
Berlin, 24. Juli.
Der Reichspräsident ist gestern abend mit dem fahrplanmäßigen Schnellzug um 10,36 Uhr auf dem Bahnhof Friedrichstraße eingetroffen, wo er von dem Reichskanzler Dr. Brünnig und dem Reichsmtnister für die besetzten Gebiete Treviranus empfangen wurde. Der Reichspräsident, der von einer großen Menschenmenge achtungsvoll begrüßt wurde, begab sich vom Bahnhof unmittelbar in fein Palais«
Koblenz!
Von unserem Sonderberichterstatter, 's
Koblenz, 24. Juli. 1
Diese furchtbare Katastrophe, die mit einem ein« zigen Schlage die Feststimmung eines befreiten Volkes hinwegfegt, wehende Fahnen auf Halbmast jetzt--j
die gleichen Flaggen, die den Ausdruck der Freude versinnbildlichten --diese Katastrophe hat auch in
ihrem Hergang die gleiche jähe Schicksalswendung, den gleichen Sturz von der Höhe lebensbejahender Freude in den Abgrund des Todes und finsterster Verzweif«
Karte der Unglücksstelle (Pfeil)
an der die Pontonbrücke über den Floß-Sicherheits« Hasen einstürzte.
lung gezeigt. Sie war nicht eine Katastrophe schlechthin, die zufällig mit dem jubelnden Aufjauchzen eines befreiten Landes zusammenfiel; sie war zwangsläufig eine Folge der Freude, des Festes. Das unterstreicht ihren grauenvollen Charakter.
Nur langsam, geistesabwesend tasten die Leute, die mit dabei waren, in ihrer Erinnerung auf jenes Stück Vergangenheit zurück, das vor der Katastrophe lag. Ich sprach den einen und den anderen, Arbeiter, Bürger, Beamte, die alle mit dabei waren, die schließlich Krieg und Besatzung, Katastrophen und Schrecken jeglichen Grades erlebt haben — sie wußten kaum, was vorher war, ihnen gellt der Todesschrei der Opfer in den Ohren, er übertönt alles, was sich an Erinnerungen regen möge. Nur aus Andeutungen, halb versonnen ausgesprochenen Worten, die sich entsetzt wieder hinter den Mantel des Grauens zurückflüchten möchten^ formt sich schemenhaft ein Bild---
--das Bild der Volksmaffen, die einen Tag der Freude, ein Fest des ganzen Landes hinter sich hatten, das erste wirkliche Fest nach sechzehn Jahren, die eben noch die Augenweide eines Feuerwerks ge, nassen haben und nun durch die Straßen der Stadt heimwärts ziehen: brüderlich vereint im Erlebnis dieses Freudentages, festtäglich im schönsten Sinne des Wortes, ohne Gedanken an die Not des Alltags, an irgendeine Not. Alte Männer und Frauen, denen ein Alp von der Seele wich, Kriegsteilnehmer, die soeben den Frieden als seelischen Balsam in sich aufnahmen, junge Burschen und Mädels, die zu dieser Stunde doppelt, dreifach das Wunder ihrer Jugend empfanden. Arm in Arm, in langen Reihen, singend, jubelnd, lachend, zogen sie heimwärts. Und es waren Mütter darunter, deren Kinder, sicher geborgen in ihren Armen, glückselig den Schlaf der Unschuld schliefen, Familien, die nach den Jahren des Leidens gemeinsam neue Hoffnung für die Zukunst geschöpft hatten.
Wer achtete darauf — in solcher Stimmung, da jeder sein Stück Festesfreude mit nach Hause nahm —; — wer achtete darauf, daß der Weg schmal wurde, daß hölzerne Bohlen unter seinen Tritten hohl erklangen, daß es nun langsam vorwärts ging, weil der Durchlaß so schmal war .... Man jagte ja. diesmal nicht nach Brot und Geld, man war einmal wieder ein Mensch, und ein glückseliger Mensch dazu---
---und dann kam dieser Schrei. Der Schrei, von dem die Leute, denen er nun noch in den Ohren klingt, sagen, er sei endlos lang gewesen.
*
Hier bricht die Erinnerung völlig ab. Es waren viele Hunderte dabei und Tausende kamen später hinzu, aber es ist keiner zu finden, der sagen würde, w i e alles geschah. Der Schrei hat alles durchschnitten, was Erinnerungen vom Ufer der Freude zum Ufer des Grauens leiten könnte. Sie zucken die Achseln, sie wissen nichts: „Ich kam wie im Dämmerschlaf nach Hause, als ob ein wuchtiger Steinwurf mir den Schädel eingeschlagen hätte . . .“
Das sagte ein Arbeiter, der das Ufer erreicht hatte, als die Brücke hinter ihm versank, und der es hätte wissen müssen, wie die Dinge sich zugetragen haben.
Hier sprechen nur noch die nüchternen Zahlen der Berichte. Es sind jechsunddreißig Opfer, Sie jantea