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Kasseler Neueste Nachrichten

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Nummer 170*

Mittwoch, 23. Juli 1930

20. Zähren«

Tragischer Abschluß in Koblenz

Line Pontonbrücke am Abend -es Festtages eingefiürzt / Alle weiteren Zlheinlandfeiern abgesagt

Bisher 35 Todesopfer

Koblenz, 23. Juli. Nach Abschluß der glänzen- verlaufenen Beleuchtung der Feste Ehrenbreitstein und des Deutschen Eck in Koblenz strömten die Massen, die am Neuendorfer Ufer zu Tausenden versammelt waren, über die schmale Ponton­brücke des Gicherheitshafens in Koblenz-Lützel. Als sich etwa 100 Menschen auf der Brücke befanden, brach diese zu ammen, und sämtliche Personen fie'en ins Wasser. Oie ins Wasser Gefallenen wurden zum Teil von -en nie-er- stürzen-en Balken erschlagen, zum Teil von -en umkippenden schweren Pontons unter Wasser gedrückt, privaten Meldungen zufolge beträgt die Zahl der bisher geborgenen Todesopfer 38. Von unterrichteter Seite wird jedoch erklärt, - -ie Zahl -er Toten bisher 35 beträgt. Alle anderer An­gaben seien unrichtig. Man rechnet allerdings damit, - sich -ie Zahl -er Opfer noch um 4-5 erhöht.

Die Bergungsarbeiten

Koblenz, 23. Juli.

Die Feuerwehr war innerhalb 10 Minuten an der Unglücksstelle, ebenso zahlreiche Schupobeamte, die für die notwendige Absperrung und mit Pech­fackeln für die erforderliche Beleuchtung wirkten. So­fort waren zahlreiche Kähne zur Stelle. Mit langen Haken und Stangen wurde der Floßhafen abgesucht und abgetastet. Sämtliche Verletzten wurden von Krankenautos in die nächstgelegenen Krankenhäuser übergeführt. An der Unglücksstelle erschien auch der preußische Wohlfahrtsminister Dr. H i r t s i e f e r Oberbürgermeister Russell und der Polizei­präsident.

Trotz der Anstrengungen der Rettungsmannschaf­ten ist die Bergung weiterer Opfer bisher nicht mög­lich gewesen. Ein genauer Ueberblick über die Zahl der Opfer wird sich erst in einigen Tagen ergeben. Es wird damit gerechnet, daß die Strömung weitere Opfer flußabwärts getrieben hat.

*

Koblenz, 23. Juli. Bei den Bergungsarbeiten nod- dem mitternächtlichen Einsturz der Ponton­brücke in Koblenz sind bisher 38 Leichen geborgen worden. Unter der Brücke werden jedenfalls noch einige T'o t e liegen, man rechnet mit 4 oder 5. 16 Personen find verletzt. Bei dem Polizeipräsi­dium in Koblenz laufen andauernd Bcrmitzten- a n z e i g e n ein. Der größere Teil der Toten stammt nicht aus Koblenz. So befinden sich dar- nnter aus ernem Pensionat in Rhein­brohl zehn junge Mädchen.

Bei der eingestürzten Brücke handelt es sich um ein Bauwerk, das über eine etwa 25 Meter breite Hafeneinfahrt in einen sogenannten Flotz-Sicher- hei'Lhafen führt. Als die Festbeleuchtnng gegen 11 Uhr zu Ende war, strömte eine tauscndköpsige Men- !chenm-nge von dem dem Deutschen Eck gegenüber liegenden Ufer auf diese Brücke zu, die dem großen Andrang nicht gewachsen war. Die Brücke ruhte auf zwei Pontons, auf denen je zlvei Pfeiler an­gebracht waren, über die sich der Bohlenbelag von einem Ufer zum anderen erstreckte. Dadurch, daß die Brücke nur von der einen Seite Belastung er­fuhr, senkte fix sich nach Westen. Als der Menschenandrang sich noch mehr steigerte, stwrzte die Brücke völlig um. Schätzungsweise find 120 bis 150 Menschen ins Wasser gefallen, von denen sich der größte Teil retten konnte.

Die Brücke, die abseits dss Ortes liegt, hatte keine Beleuchtung aufzuweisen, wodurch die allgemeine Verwirrung und das Entsetzen noch ver­größert wurden. Die Feuerwehr und ein Polizei­aufgebot waren in kurzer Zeit zur Stelle. Die Rot- Hilfe stellte sich ebenfalls zur Verfügung, ebenso eine große Anzahl von Schiffern, die mit Kähnen in der Rühe waren. Rach Rettung der int Wasser treiben­den Menschen wurde sofort mit der Suche nach den Opfern begonnen.

Bei den Toten handelt es sich meistens um junge Mädchen im Alter von 1620 Jahren und um Frauen. Vereinzelt nur sind auch Kin­der und erwachsene Männer un°er den Leichen. Es war nicht möglich, alle Toten zu rekognoszieren, da bei vielen der jungen Mädchen die Ausweispapiere fehlten. Bis zur Stunde werden die Bergungs­arbeiten noch fortgesetzt.

Ein Augenzeuge berichtet

Koblenz, 23. IM.

Ein Schüler, der mit den Opfern in die Fluten stürzte, gibt der Redaktion folgende Darstellung des schrecklichen Unglücksfalles:

Ich Halle mich mit der Menschenmenge über die Unglücksbrücke zum Neuendorser Eck begeben, um von dort aus das abendliche Feuerwerk des zweiten Fest­tages bester beobachten zu können. Die letzten blauen und roten Leuchtkugeln waren am nächtlichen Him­mel versprüht. Mit mir drängten sich die Beobach­ter des Feuerwerks heimwärts über die schmale Brücke am Eingang des Häsens. Ich befand mich in einem Sehwarm frohgestimmler Menschen aus der Brücke, als plötzlich

mit lautem Krach und Getöse die Brücke unter den dichtgü>rängten, Kopf an Kopf befindlichen

Menschen zusammenbrach

und etwa 70 Personen, Männer, Frauen und Kinder, mit sich in die Tiefe ritz. Ich selbst stürzre in den an dieser Stelle nicht besonders tiefen Hafen. Gellende, weithin vernehmbare Hilferufe hallten über die schwarzblaue Wasserfläche. In höchster Not und in der nächtlichen Finsternis klammerten sich die im Wasser Besindlichen aneinander. Da ich nahe dem Ufer war, gelang es mir, einigen im Waster Befindlichen zu helfen und sie vor einem schrecklichen Tode zu bewahren.

Währenddessen schlugen die im Wasser auf- und un- rerlauchenden mit dem Tode Ringenden in Angst und Verzweiflung um sich. Die Dunkelheit verhinderte eine gegenseitige Hilfeleistung.

Eine wilde Panik hatte alle ergriffen.

Die Schwere des Unglücks ist darauf zurückzuführen, daß sich die in den Fluten befindlichen Menschen an­einander klammerten. Es ist nicht ausgeschlossen, sondern sogar höchstwahrscheinlich, daß durch die Brücke eine ganze Anzahl der Unglück­lichen erschlagen wurde.

Die Toten sind in die Kaserne der Telegraphen- Abteilung überführt und dort gemeinsam aufgebahrt worden. Die Kosten für die Bestallung trägt die Stadt Koblenz.

Fahnen auf Halbmast

Bestürzung und Trauer in Trier.

Trier, 23. Juli.

Die Nachricht von dem furchtbaren Unglück, das einen so tragischen Abschluß der Koblenzer Befrei­ungsfeier bildete, wurde hier erst in den ersten Mor­genstunden bekannt und rief große Bestürzung und Trauer hervor. Die Stadt Trier steht in festlichem FlagKenjchmuck. Die Bevölkerung rechnete darauf,

heute ihrer Freude über die Befreiung der Stadt von den Besatzungstruppen und über den Besuch des Reichspräsidenten Ausdruck geben zu können. Die fest­lich geschmückte Stadt Trier und das trauernde Koblenz, welches die Fahnen bereits auf Halbmast gesetzt hat, bilden einen erschütternden Gegen­satz.

Auch in Koblenz selbst p>ar die Nachricht von dem Unglück erst verhältnismäßig spät bekannt geworden, da die Unglücksstelle ziemlich weit außerhalb der Stadt liegt und das ungeheure Gedränge auf den Straßen jedes Vorwärtskommen zeitweise völlig unmöglich machte. Nur langsam konnten die ungeheuren Men­schenmengen von Rhein und Mosel in die Stadt zu­rückströmen. Am Koblenzer Bahnhof zum Beispiel spielten sich Szenen ab, die es notwendig machten, die^ Halle zeitweise zu schließen. Auch aus der Umgebung hatten sich riesige Menschenmassen in Koblenz einge­funden. Das Ufer des Rheins war geradezu schwarz von Menschen. Sie standen bis oben auf den hohen Sockel des Denkmals am Deutschen Eck. Jede Brücke, jedes Dach war dicht besetzt. Nur durch diesen unge­heuren Andrang ist ja auch das erschütternde Unglück möglich gewesen.

Hindenburg brichi feine Reise ab

Trier, 23. Juli.

Es ist eine Mitteilung des Reichspräsidenten ein­gegangen, daß er infolge des furchtbaren Unglücks in Koblenz nicht in der Lage fei, bei den Feiern in Trier und Aachen zu erfcheinen. Er werde lediglich heute noch an einer Trauerkundgebung teilnehmen und als­dann sofort nach Berlin zurückkehren. Der Reichs­präsident hoffe jedoch, die Fahrt nach Trier und Aachen binnen kurzem nachholen zu können.

Die Trauerfeier wird wahrscheinlich an der glei­chen Stelle stattfinden, wo der Reichspräsident gestern begeistert begrüßt wurde.

Oie Toien

lieber das furchtbare Unglück, das heute nacht der Festfreude ein frühes Ziel setzte, werden noch folgende Einzelheiten bekannt:

Die Toten wiesen zum Teil schwere Verletzungen auf. Schreckliche Szenen spielten sich angesichts der Leichen ab. Dir Identität der meisten blieb zunächst

fraglich, da es sich nicht nur um Einwohner von Koblenz-Lützel, sondern auch um Fremde Han- delte, die aus der Umgegend herbeigeftrömt waren. Als besonders tragisch ist zu verzeichnen, daß von einem Pensionat von etwa 30 jungen Mädchen, die von auswärts hierher gekommen waren, sich 12 Mäd- chen unter den Toten befinden.

Unglücklicherweise schlugen alle Versuche fehl, die Brücke zn heben, obwohl man alle Anstrengung gen nnternommen hatte, weil man unter dens Trümmern der Brücke noch mit Verletzten rechnete. Es ist bis zum Vormittag noch nicht gelungen, die Brücke aus ihrer augenblicklichen Lage zu öewegen. Die Absuchungsarbeiten bei der Hafeneinfahrt und iin Hasen selbst werden auch in den Bormittagsstun. den mit allen Kräften fortgefetzt.

Abkehr von Hugenberg

Wieder vier Abgeordnete ausgetreten.

Dresden, 23. Juli.

Die vier fächsifchen deutschnationalen Abgeordne­ten Dom sch, Hartmann, Dr. Philipp und Dr. Rademacher haben an den Landesausschuß der Deutschnationalen Volkspartei für Sachsen ein Schreiben gerichtet, in dem sie ihren Austritt aus der Partei erKären. Sie sahen in der Ar­beit des Brüning-Kabinetts trotz vieler sachlicher und persönlicher Bedenken den ehrlichen Willen, eine van sozialistischen Einflüssen befreite, ver Gesundung der Wirtfchaft dienende Finanz- und Wirtschaftspolitik wenigstens einzulciten und sahen die Möglichkeit eines Wiederaufstieges ohne katastrophalen Ausam- menbruch. Sie glaubten eine Politik nicht verachwor- ten zu können, die unter Zerschlagung der vorgeschla- gelten Reformen und ihrer Ansätze diese Wege ver- sperrte und Volk und Wirtschaft in unübersehbare Wirrnisse stürzte.

Die Hebung des SchlachtkreuzersHindenburg- gelungen! Der neue und vierte Versuch, den bei Scapa Flow versenkten deutschen Schlachtkreuzer Hindenburg" zu höben, ist, wie dieDaily Mail" heute meldet, erfolgreich durchgeführt worden. Nach­dem alle monatelangen Arbeiten für den vierten Hebeversuch vollbracht waren, ging am Dienstag die Hebung selbst vor sich. In den spaten Abendstunden befand sich das Schiff zum großen Teil über Was­ser. Es wird nunmchr nach dem Fort Rosyth zur Abwrackung geschleppt werden.

Schweres Erdbeben in Zlalien

Zahlreiche Todesopfer

Rom, 23. Juli.

Italien ist heute nacht kurz nach 1 Uhr von einem Erdbeben heimgesucht worden, dem eine Anzahl Men­schen zum Opser gefallen ist. In R e a p e I wurde durch das wellenförmig auftretende Beben ein Pa­last teilweise zum Einsturz gebracht, wo­bei 2 Personen getötet und 5 verletzt wurden. Wei­ter wurde durch den Einsturz eines fünfstöckigen Hau­ses ein Kind getötet und fünf Personen verletzt.

Bon dem Erdbeben wurden nach bisherigen Ver­lautbarungen weiter betroffen die Städte P o t e n z a, Matern, Rioner», Mclfi, Bari le, Atella. Aus den bis jetzt vorliegenden Meldun­gen geht hervor, daß bisher zehn Tote in Sonic, zwei Tote in Atella und vier Tote in Landhäusern in der Umgebung von Atella zu beklagen find. In Potenz« wurden drei Personen, in der Umgebung von Venosa find fieben Personen verletzt. In Filiano stürzten mehrere Hauser und eine Kirche ein. Auch ans Ascoli, Satriano und Cancellara werden Häusereinstürze ge­meldet. Ebenso wurden in Campobasso und Avellino die Erschütterungen wahrgenommen.

Die Regierung hat sofort ein großes Hilsswerk für die heimgefuchtrn Gegenden organisiert.

»

lieber das Erdbeben werden ferner folgende Ein­zelheiten gemeldet: Die Einwohner der Stadt Neapel und ihrer näheren und weiteren Umgebung wurden kurz nach 1 Uhr durch heftige Erdbebenstöße aufge­schreckt. Der Bevölkerung bemächtigte sich eine Pcmit. Im Nu waren die Straßen mit Menschen angefüllt, die in Eile ihre Wohnungen verlassen hatten. Nach den ersten Nachrichten ist in einer ganzen Anzahl von Gemeinden

beträchtlicher, zum Teil schwerer GebSudeschaden angcrichtet worden. Auch sind Menschenleben zu be­klagen. Feuerwehr und faschistische Miliz sind über« all mit den Aufräumungsarbeiten beschäftigt.

In Salerno ist der Ueberfall des Dorns einge­stürzt und die Decke eingebrochen. Vom Vesuv- observatorium, dessen Seismograph bei den heftige« Erschütterungen aus den Federn sprang, wird Ge­bäudeschaden gemeldet. In den Gesänguissen verlangten die Sträflinge stürmisch ihre Freilassung, doch kam es zu keiner Ordnungsstörunz. Etwa 20 Personen kamen bei dem panikartigen Gedränge auf den Straßen zu Schaden, deren elektrische Beleuch­tung nach dem Erdbeben nicht mehr funktionierte.

Seit Menschengedenken will man in Neapel kein« so starken Erdbebenstöße verspürt haben. Das Erd­beben setzte um 1 Uhr 10 Min. ein und dauerte in drei Stößen gegen 1 Minute. Die größte Heftigkeit erreichten die Stöße nach etwa 30 Sekunden mit einer Starke von 67 der Scala Mercalli. Die Heftigkeit des Erdbebens erklärt sich auch aus der unmittelbaren Nähe des Erdbebenzentrums, das sich in Bisviano bei Avellino befindet.

Bis jetzt werden aus Neapel und seiner weiteren Um­gebung etwa ein halbes Dutzend Tote gemeldet.

Das Erdbeben wurde in ganz Mittelitalien, vor allen in den Marken und in den Abruzzen beobachtet, wo es jedoch keinen Schaden angerichtet hat. In Rom wurde das Erdbeben nur als leichte Stöße wahrge­nommen.

Streikwelle über Frankleich

Paris, 23. Jul'.

Der Kampf der französischen Arbeiterschaft gegen die sozialen Versicherungen dehnt sich auf immer weitere Beiriede aus. Nachdem in Lille bereits über 10000 Arbeiter die Arbeit niedergelegt haben, haben sich auch diejenigen der Textilindustrie von Rouen entschlossen in den Streik zu treten. Im Laufe des Dienstags haben bereits über 6000 Arbeiter die Fa­briken verlassen und am heutigen Mittwoch wird cs zu einem Generalstreik in allen Jndustrieunterneh- mungeu kommen-