Nummer 158*
Mittwoch, 9. Luli 1930
20. Jahrgang
Hessische Abendzeitung
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Kasseler Neueste Nachrichten
Kaffeler Abendzeitung
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Kompromißvorschlag zur Oeckungsfrage
Einführung der Kopssteuer und Begrenzung »er Zuschüsse zur Arbeltsiosenverficherung geplant / Abschluß der deutsch-russischen Verhandlungen
Einigung der Regierungsparteien?
Mehrheitsbildung bereitet nach wie vor Schwierigkeiten
Lieber 1 MilliardeMsiungsausgaben!
In Frankreich / Sozialistische Kammerfraktion fordert Aufklärung
th. Berlin, g. Juli.
Die Bemühungen um eine Mehrheitsbildung für das Deckungsprogramm der Reichsregierung haben »reder einmal eine Periode der Rachtfitzungen mit sich gebracht. Gestern abend hat die Parteiführer- besprechnng beim Reichskanzler sich bis gegen 12 Uhr ausgedehnt und für heute ist ähnliches zu erwarten. Allerdings mutz dabei festgestellt werden, daß diese Bemühungen nicht ganz erfolglos verlaufen find, sondern, dah man sich zum wenigsten einer Ber- standigung innerhalb der Regierungs- «ruppen mit große» Schritte» nähert.
Zunächst handelt es sich dabei, wie gesagt, nur um die Regierungsgruppen, also um eine Minderheit, und der Weg zur eigentlichen Mehrheitsbildung ist vorläufig noch nicht beschritten worden. Die Bemühungen, innerhalb der Regierungsparteien zu einer Verständigung zu gelangen, werden jetzt auf der Basis eines neuen Kompromißvorschlages geführt.
Ls haudelt fich darum, die Beitragspflicht des Reiches für die Arbritsloseuverficherung einzuschrän- ken. Bisher ist durch den § 163 des Arbeitslosen- verstcherungsgesetzes die «ubeschräntte Darlehns- pfli<A des Reiches festgesetzt, die fich jedoch in der Praxis als eine Zuschuhpflicht auswirkte, da die Darlehen niemals zurückgezahlt werden können. Nunmehr soll eine wirkliche Zstschutzpflicht festgestellt werden, aber in begrenzter Höhe, die nicht überschritten «erde« darf. Außerdem ist beabfichtigt, dah das Regierungsprogramm die Kopfsteuer aufzunehmen hat, die in den Gemeinden obligatorisch eingeführt werden soll, damit fie ihre sozialen Fürsorgelasten abbürden können. Dafür aber sollen die Gemeinde» denjenigen Betrag, de» fie au der Kopfsteuer einnehmen, an der Gewerbesteuer seuke».
Es scheint, daß diese Kombination (Einführung der Kopfsteuer und Beschränkung der Leistungen des Reiches zur Arbeitslosenversicherung) die Berständi- gungsbafis für den Regierungsblock abgeben wird. Ursprünglich war in der Besprechung des gestrigen Nachmittags zwischen dem Reichskanzler und dem volksparteilichen Führer Dr. Scholz ein anderer Kompromißvorschlag beabsichtigt, nämlich die Beseitigung der fünfprozentigen Erhöhung der Einkommensteuer und die Ersetzung dieses Ausfalles von 48 Millionen Mark durch weitere Abstriche am Etat. Auf diese Bafis hat man aber in den weiteren Verhandlungen verzichtet, und es scheint daß man den oben erwähnten Vorschlag zur Grundlage der Verständigung wählen wird. Jedenfalls hat die Parteiführerbesprechung, die gestern abend gegen 8 Wr beim Kanzler begann, im wesentlichen zu einer Diskussion über die Abänderungsvorschläge geführt.
Angesichts dieser Sachlage wüvde es für die Volks parteiliche Fraktion Wohl nicht mehr unmöglich sein, einem derartig abgeänderten Programm zuzustimmen. Heute nachmittag wird nun zunächst das Kabinett zu einer Beratung zuiammentreien, um fich über die mit den Parteiführern vereinbarten Richtlinien schlüssig zu werden, wobei vor allem der Reichsarbeitsminister Dr. Slege r w a l d sein Votum abzugeben hat, da die Arbeitslosenversicherung in sein Ressort fällt. Dann werden die Fraktionen des Reichstags zusammentreten, um sich ebenfalls über Annahme oder Ablehnung dieser Kompromißbasis schlüssig zu werden, und am , späten Abend will man in einer Besprechung des Kabinetts mit den Parteiführern versuchen, die gestrigen Verhandlungen zum Abschluß zu bringen.
Es bestehen verhältnismäßig gute Aussichten dafür, daß diese Basis allgemeine Billigung bei den Regierungsparteien findet, aber um so schwieriger dürste es sein, mit den Deutschnationalen zu einer Verständigung zu gelangen. Der Kanzler will nach wie vor die Mehrheitsbildung zunächst auf dem Wege nach rechts anstreben. Wie man hört, würden die Deutsch»» tionalen dem zweiten Eventualvorschlag (Beseitigung der öprozentigen Einkommensteuer) eventuell zugestigemt haben, während sie verlauten lassen, daß sie die jetzige Kvmpromißbasis nicht für annehmbar halten.
Besprechungen mit den Deutschnationalen haben vorläufig noch nicht eingesetzt. Man vermutet, daß die Deutschnationalen möglicherweise dieselbe Taktik verfolgen wir vor Ostern, d. h. daß sie bis zur letzten Minute an ihren Erklärungen festhalten, wonach sie die empfohlenen Vorschläge ablehnen, daß sie dann aber im entscheidenden Moment vielleicht auch diesmal wieder dem abgeänderten Regierungsprogramm Anstimmen werden.
Jedenfalls ist im Augenblick die Diskussion über die Anwendung des Artikels 48 in den Hintergrund
in
Die vertagten Saarvcrhandlunaen
London bedauert
preußisches Sparprogramm in Sicht
Eigener Drahtbericht.
Pernots Rechtfertigungsversuche. Leon Blum wird deutlich.
Berlin, 9. Juli.
Trotz der schwierigen Verhältnisse der öffentlichen Finanzen hat der allgemeine Rus nach Staars- subventiouen nicht ausgchört. Wenn es stch darum
Paris, 9. Juli.
Der Minister für die Oeffentlichen Arbeiten Pe r- n o t gab am Dienstag vor Vtriretern der Pariser Presse Erklärungen ab über den Verlauf der Saarverhandlungen und die Gründe, die nach französtscher
- . Paris, 9. Juli.
Die ungeheuren französischen Rüstungsausgaben werden selbst der französischen Oefsentlichkeit nur tropfenweise vorgesetzt. Die Rüstungsausga- ben, die Tardieu kürzlich mit 650 Millionen bezifferte, haben fich inzwischen auf nicht weniger als 1126 Millionen erhöht, sind aber der Form halber in zwei Abschnitte geteilt worden, um so vielleicht etwas unauffälliger zu erscheinen.
Während die erstgenannte Summe von 650 Millionen am Dienstag in Form eines Gesetzesvorschlages der Kammer unterbreitet wurde, wird die zweite Hälfte gelegentlich der Beratung über die Verabschiedung dieses Gesetzentwurfes von der Regierung gefordert werden. Der größte Teil dieser außerhalb des Haushalts liegenden Summe soll dem Ausbau der schweren Artillerie und der Anschaffung von Tanks und Bombenflugzeugen und der Wiederauffüllung der Munitionslager dienen.
Wie der sozialistische „Peuple" ankündigt, sicht sich die sozialistische Kamincrfaktion durch die Unklarheit üocr die Höhe der tatsächlich angeforderten Kredite veranlaßt, heute eine Beratung abzuhaltcn. Sie beabsichtigt, von der Regierung Aufklärung darüber zu fordern.
Auffassung zu ihrer vorläufigen Unterbrechung geführt Huben. Zu Beginn der Verhandlungen habe es den Anschein gehabt, als ob beide Parteien nur den einen Wunsch hätten, durch die Lösung der Saarsrag« die Grundlage für ein« enger« wirtschaftliche Zusammenarbeit zu finden. Im weiteren Verlaus hätte aber die französische Abordnung festgestellt, daß die wenigen Vorteile, die man der französischen Regierung angeboten habe, garnicht im Rahmen einer französisch-deutschen Zusammenarbeit liegen. Das Augenmerk der französischen Abordnung sei weniger darauf gerichtet gewesen, sofort greifbare Vorteile zu erzielen, als ein System zu schaffen, das die Gründung einer Interessengemeinschaft und damit di« Annäherung der beiden Völker ermöglichen solle (!?).
Im Gegensatz zu den Erklärungen des französischen Führers der Abordnung, weist der Sozialisten-Führer Leon Blum darauf hin, daß die Lösung der Saarfrage und die Auswirkung der französisch-deutschen Annäherung durch den Druck einiger Jndu» striegruppen verhindert werde, die stch in Form einer Beteiligung an den Saargruben die Ent- schädigung für die Rheinlandräumung persönlich bezahlen lassen wollten. LLon Blum verurteilt es, Verhandlungen internationaler Angelegenheiten von einem derartigen Umfange von dem Privatintereffe einiger Industrieller abhängig zu machen. ,
getreten und es besteht gewisse Hoffnung, daß man im Laufe der nächsten Woche eine Parlamentarisch r L ö s u n g des schwierigen Problems findet.
. Berlin, 9. Juki.
Entsprechend dem vom Preußische» Landtag angenommene» Antrag, der verstärkte Sparmaßnahme» fordert, bereitet die preußische Staatsregierung, wie der Demokratische Zeituugsdienst erfährt, ein großes Sparprogramm vor, das im Herbst dem Parlament als Gesetzentwurf vorgelegt werde» soll.
Wie verlautet, ficht das Programm u. a. di« Aufhebung von rund 100 Amtsgerichten und einigen Landgerichten vor. Außerdem sollen etwa 50 Landkreis« und drei Rcgierungspräfidien aufgehoben werden.
Neues aus Aordtvesi
Gewerkschaften und Arbeitgeber verhandelten.
Essen, 9. Juli.
Am Dienstag fanden in Essen die ersten Verhandlungen zwischen den Vertretern des Arbctt- geber-Verbandes der nordwestlichen Gruppe der Eisen- und Stahlindustrie und den Vertretern der Gewerkschaften über die Frage der Kündigung des Arbeitszcitabkommens und des Lohntarifs statt. Die Verhandlungen wurden, nachdem beide Teile ihre grundsätzliche Stellungnahme dargelegt hatten auf den 27. Juli vertagt, in der Hoffnung, durch eine freie Vereinbaruna über Lobn und Arbettszett ein« Kündigung der beiden Abkommen, di« bekanntlich am 1. August zum 30. September erfolgen müßte zu vermeiden.
Verstärkter Sicherheitsdienst in Trier
Trier, 9. Juli.
London,^. Juli. 1
Di« Vertagung der Saarverhandlungen in Paris wird hier, obwohl sie nicht unerwartet gekommen ist, aufrichtig bedauert. Die Hoffnungen aus Entfernung dieses letzten wichtigen Dis- ferenzpunktes in den deuisch-sranzösischen Beziehungen wurde in allen englischen Lagern unterhalten und kam besonders gelegentlich der Rheinlandräumung wieder zum Ausdruck. Allerdings vermag man hier schwer zu erkennen, wie die auseinandergehenden Interessen der deutschen Regierung und der französischen Industriellen aufeinander abgestimmt werden sollen. Man befürchtet, daß die Vertagung nur eine verblümte Ausdrucks weise für den off e« nen Abbruch der Verhandlungen darstellt.
Man sicht hier keineswegs ein, daß zwischen den Unruhen gegen di« Separatisten und den Saar- vcchandlungen ein innerer Zusammenhang besteht, obwohl dies in den Pariser Meldungen betont wird. Die politischen Kreise Englands haben gegenüber den Vorfällen im Rheinland nach der Räumung eine deutliche Zurückhaltung gezeigt und sich jedenfalls gehütet, mit irgendeinem Worte die Separatisten zu verterdi- gen. Andererseits gibt es nicht wenige, denen der Ausbruch der Bevölkerung gegen di« Landesverräter in dunklen Tagen nicht völlig unverständlich ist, obwohl das natürlich im Interesse des guten Einver- nchmens bedauert wird.
Berlin, 9. Juli.
Wie wir von unterrichteter Seite erfahren, sind bei Der Unterhaltung des französischen Botschafters tl Berlin de Margcrie mit Reichsaußenmtnifter Dr. Curtius keine Schadenersatzforderungen wegen de» Scparatistenunruhen im Rheinland angemeldet «orde».
Konferenzschluß in Moskau
Deutsch-russische Verhandlungen beendet.
Moskau, 9. Juli.
Die deutsch russische Schlichtungskommission, die Moskau seit dem 16. Juni tagte, ha, am gestri
gen Dienstag abcnd, wie die Tclegraphcnagentur der Sowjetunion meldet, ihre Arbeit beendet. Die Ergebnisse der Tagung werden in einem gemeinsamen Bericht dargelcgt, der den beiden Re- gierungen unterbreitet werden wird.
Nach Beendigung der Sitzung tauschten Rcichs- minifter a. D. von Raumer und Stimonja- kosf freundschaftliche Ansprachen aus. Von Raumer ist bereits nach Berlin abgereift, während oas Mitglied der deutschen Kommission, von Moltke und dir deiltsche» Sachverständige» in Moskau bleiben um den Bericht der Schlichtungskommission.anSzu- fcrngcn.
«-Ein neuer Kriegsfchrecken"
Flugzeuge mit Geschützen?
London, 9. Juli.
Unter der Ueberschrift „Ein neuer Kriegs schrecken" bemerkt der Korrespondent des „Star" für Flugwesen Großbritannien prüft wie andere Länder gegenwärtig die Frage, ob cs möglich ist, Fl u g z c u g e mit Geschützen auszustatten, die Granaten abfeuern. Bisher hatten die Kriegsflugzeuge bekanntlich nur Maschinengewehre an Bord. Die Versuche werden mit mehrmotorigen Vickcrs-Napier-Bombenflugzcu- gen unternommen.
Der Dienstag verlief, abgesehen von einigen Zusammenrottungen, ruhig. Es war der Polizei gemeldet worden, daß ein Sturm auf ein großes Geschäft, eine Druckerei und eine Brauerei vorgesehen sei. Die Polizeiverwaltung war deshalb beim preußischen Innenminister wegen Verstärkung des Sicherheilsdienstes vorstellig geworden. Die Bc- amten wurden mit Karabinern ausgerüstet und em verstärkter Patrouillendienst in der Stadt eingesetzt. Ueberfallkommandos durchzogen auf Lastwagen die Straßen. Ei» Lastkraftwagen mit Tränengas und Handgranaten stand für alle Fälle bereit.
Abgesehen von einigen Zwischenfällen ganz geringen Ausmaßes verlief jedoch die Nacht ziemlich ruhig Gegen 1 Uhr nachts drangen einige junge Burschen in die Wohnung eines ZigarrenhändlerH, schlugen die Fenster scheiben ein und zerschnitten d«e Lichtleitung. Als das Ueberfallkommando erschien, waren die jungen Leute schon in den nahegelegen« Wald abgerückt.
handelt, aus irgendwelchen öffentlichen Notstandsfonds Gelder zu erhalten, ist alles dabei. Da hat jeder seine Nöte und Beschlverden vorzutragen, da verlangen auch die Bayern Gelder aus dem Osthilfc- sonds. In den Jahren guter Wirtschafts- und Finanzlage hat das Reich leider zu bereitwillig dem Ruf nach Hilssak"onen Folge geleistet.
Natürlich herrscht unter heutigen Verhältnissen auch an der südbayerischen Grenze, im Bayerischen Wald und noch in vielen anderen Gegenden Deutschlands bittere Not. Aber das Osthilfegesetz ist doch nun wirklich nicht dazu da, allen denjenigen zu helfen, denen es infolge der gegenwärtigen Win- schaftskr'ise schlecht geht. Eine Zersplitterung der für den Osten bestimmten Gelder muß im Gegenteil strengstens vermieden werden Tie Regierung hat zwar nach dem Gesetz die Möglichkeit, die Gemeinden zu bestimmen, denen die Hilfsmaßnahmen zugute kommen sollen, aber in der Hauptsache wird doch nur der Osten in Frage kommen.
Schon hier wird es schwierig sein, eine gerechte Verteilung der öffentlichen Hilfsgelder durchzu- fützren. Die Notlage ist auch im Osten nicht überall gleich groß. Dazu kommen noch politische und wirt- schastliche Einflüsse aller Art, die stch bei der Verteilung der Gelder durchsetzen wollen. Aus früheren Notstandsaktionen weiß man, welche unerfreulichen Dinge sich ost dabei abspiclen.
Ein preußisches Krieger-Ehrenmal?
Berlin, 9. Juli.
In dem noch immer unentschiedcnen Meinungsstreit über den Platz des Reichsehrenmals ist jetzt Preußen mit einer bemerkenswerten Vorentscheidung borangegangen, insofern in aller Stille die Vorbereitungen getroffen worden sind, für Preußen ein eigenes Krieger-Ehrenmal zu schaffen. Und zwar soll als Platz die alte Hauptwache am Brandenburger Tor, die sogenannte Schinkelwache, die zu diesem Zweck ausgebaut Iverden soll, gewählt werden. Die. Schinkelwache War seinerzeit auch für den Platz des Reichsehrenmals der>enige Vorfchlag, für den sich die Vertreter Preußens in der Kommission eingesetzt hatten.
Mit welcher Beschleunigung das Ehrenmal geschaffen werden soll, geht schon daraus hervor, daß der Termin für die Einsendungen der Entwürfe schon in diesen Tagen abläuft, fc daß also der breiteren Oefsentlichkeit kaum mehr Gelegenheit gegeben ist, zu dem Plan im ganzen sich zu äußern. Zum Wettbewerb eingeladen sind die Architekten Poelzig, Peter Behrens, Teffenow, Mies van der Rohe, Ministerialrat Grube und Professor Erich Blunck von der Technischen Hochschule.
Auch Bayern fordert „Osihilfe"