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Nummer 153*
Donnerstag, 3. Juli 1930
20. Jahrgang
Deutschenhaß in Jugoslawien
Die Mißhandlungen einer deutschen Journalistin / Oie Oeutfchnationalen lehnen Steuervorlagen ab / Eisenbahnunglücke in Frankreich und Italien
Der Fall Isolde weiter Eigener Drahtberichl.
Berlin. 3. Juli.
- Der ReichSverband der Deutschen Presse übermittelt uns folgende Entschließung:
„Der ReichSverband der Deutschen Presse hat mit großer und schmerzlicher Entrüstung von der barbarischen Behandlung der Schriftleiterin HildeJsol- <d e Reiter durch Organe der jugoslawischen Polizei Kenntnis genommen. Aus Gründen der Menschlichkeil und aus dem Gefühl der Solidarität der Presse aller Kulturländer legt er gegen die s ch w e - r e n Mißhandlungen einer Angehörigen des
Schuldigen suspendiert und das öffentllche Gerichtsverfahren gegen sie eingeleitet wird. Das ist heute, sechs Wochen nach diesen ungeheuerlichen Ausschreitungen gegen eine wehrlose Frau noch immer nicht geschehen. Em solches Verhalten der Regierung kann nicht gerade günstig auf den Ausbau der deutsch-jugoslawischen Freundschaftsbeziehungen wirken. Wem es ernst ist, eine gute politische Atmosphäre zwischen Deutschland und Jugoslawien zu schassen, der muß erwarten, daß die Belgrader Regierung endlich handelt. . Es muß ferner , erwartet werden, daß der Kultusminister von Jugo- |
slawien, Baza Maximowitsch, her Träger der Deutschenunterdrückungspolitrk, endlich seine Tätigkeit aufgibt.
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Oer indische Freiheitskampf geht weiter
London, 3. Juli.
Dem neuen Präsidenten des Allindischen Kongresses wurde bei seiner Ankunft in Bombay ein begeisterter Empfang bereitet. Er erklärte bei seiner Ankunft, daß der Arbeitsausschuß des Kongresses trotz der Ungesetzlichkeitserklärung der indischen Regierung seine Funktionen nach wie vor ausüben werde. Die Repressalien der indischen Regierung könnten seiner Ansicht nach nur dazu führen, den Widerstand und die Hartnäckigkeit der Inder zu stärken.
* LlKsrientierun j?
Bon unserer Berliner Schriftleitnnz.
Die Bemühungen des Kabinetts Brüning, eine parlamentarische Mehrheit für das abgeänderte Deckungsprogramm zu finden, find mit recht intet« essanten koalitionspolitischen Begleiterscheinungen verknüpft. Wir haben zwar augenblicklich im Reiche überhaupt keine wirkliche Koalition. Die Parteien, die durch einzelne ihrer Mitglieder im Kabinett vertreten sind, legen vielmehr großes Gewicht auf die Feststellung, daß ein derartig enges Bündnis nicht vorhanden ist, ja in letzter Zeit ist sogar hier und da der Wunsch nach möglichst deutlicher Distanzierung von dieser Regierung bei einzelnen „Regierungsparteien" hervorgetreten.
Pressoberufes schärfste Verwahrung ein. Jede Ein
mischung in die inneren Verhältnisse des jugoslawi
schen Staates liegt dem Reichsverband der Deutschen Presse fein. Er erwartet vielmehr von den Gerichten Jugoslawiens die strengste Untersuchung der Vorgänge und die exemplarischeBestrafungder S ch uld i g e n, die sich gegen die Ehre Jugoslawiens
ONVP. gegen Gieuervorlagen
(Bon unserer Berliner Schriftleitung.)
ebenso vergangen haben wie gegen die Gebote der Menschlichkeit und gegen die Würde der Presse.
Lkür den Gesamtvorstand: G. Bernhard» C. Freund. G. Richter, W. Ackermann, A. Günther, M. Horn- dasch."
*
Im Anschluß an die Wiedergabe der Protestkundgebung des Reichsverbandes der Deutschen Presse gegen die barbarische Behandlung der deutschen Schriftleiterin Isolde Reiter durch Organe der südslawischen Polizei veröffentlicht die „Deutsche Allgemeine Zeitung" in großer Aufmachung Einzelheiten aus der Beschwerdeschrift Isolde Reiters an den südslawischen Ministerpräsidenten und hebt in Fettdruck die Schilderung der furchtbaren Mißhandlungen, die die Deutsche hat erdulden müssen, hervor. Als die auf so schauerliche Weise mißhandelte deutsche Frau zwei Tage später sich bei dem Polizeiivizekapitän beschwerte, und ihm
ihre infolge der furchtbaren Schläge geschwollenen | Füße zeigte, antwortete der leitende Polizeibe- | amte ironisch: „Ich habe schon schönere Füße gesehen!"
Unter der Ueberschrist: „Und was tut die Belgrader Regierung?" schreibt das genannte Blatt: Von der Regierung eines Kulturstaates, in dem derartige ungoheuerliche Dinge geschehen, darf erwartet werden, daß dieselben sofort öffentlich gebrandmarkt, die
th. Berlin, 3. Juli.
Die Verhandlungen über das Deckungsprogramm oer Reichsregierung befMben fich vollständig in der Schwebe. Heute wird der Reichsrat voraussichtlich mit geringfügigen Aenderungen dem Programm der Regierung mit großer Mehrheit zustimmen, und dann werden die Fraktionen in.der Lage sein, aus Grund der vom Reichsrat gewählten Fassung des Programms ihre Abänderungswünfche zu formulieren. Inzwischen hat
die deutschnationale Reichstagsfraktion bereits gestern einen Beschluß gefaßt, der großes Aufsehen erregt hat. Aus diesem Beschluß geht nämlich hervor, daß die deutschnationale Fraktion zur Ablehnung der Steuergesetze entschlossen ist.
Dte weitgehenden Folgerungen, die man daraus im Parlament in dem Sinne gezogen hat, daß nunmehr auf die Bildung einer Mehrheit der Rechten für einen Teil des Regierungsprogramms überhaupt nicht mehr zu rechnen sei, sind allerdings vollkommen verfrüht, denn in dem Beschlüsse der Deutschnationalen ist zunächst nicht von dem gesamten Finanzprogramm, sondern nur von den Steuergefetzen die Rede. Weiterhin wird man als selbstverständlich voraussetzen müssen, daß, wenn diese Ablehnung sich nur auf die Steuergesetze, nicht aber aus das Gesamtprogramm bezieht, die Möglichkeit besteht, die Stimmen der Rechten für ein in ihrem Sinne abgeändertes Finanzprogramm zu gewinnen. Die
Deutsche Volks Part ei wivd in dieser Entwicklung sogar eine Chance für eine Abänderung des Programms im Sinne ihrer in Aussicht stehenden Anträge erblicken. Diese Anträge sollen zwar erst formuliert und beschlossen werden, wenn der Reichsrat gesprochen hat, aber man kann schon jetzt mit einiger Wahrscheinlichkeit Voraussagen, daß sie sich ungefähr in folgender Richtung bewegen werden:
Die Volkspartei wird vorausfichtlich die Ablehnung des öprozentigen Zuschlages zur Einkommensteuer und die Ablehnung des Notopfers verlangen und wird weiterhin fordern, daß der dadurch entstandene Ausfall, der rund 180 Millionen beträgt, durch eine Kürzung der Ueberweisungen an die Länder und durch weitere Abstriche am Etat eingebracht wird, während den Ländern und Gemeinden für diese Kürzung wiederum die sogenannte Kopfsteuer freigegeben werden könnte.
Einem derartigen Programm würden die Deutschnationalen ebenso wie Wirtschaftspartei und die Christlich-Nationalen ohne weiteres zustimmen können, man könnte sogar auf die Zustimmung der Demokraten rechnen, und infolgedessen würde es möglich fein, daß dem Kanzler diese Abänderungsanträge gleichzeitig mit der Mitteilung bekanntgegeben werden, daß für diese Anträge bereits eine klare Mehrheit gesichert erscheint.
Außerdem ist zu berücksichtigen, daß der nicht zu den eigentlichen Steuerplänen gehörende Teil des Finanzprogramms, vor allem also die Reformen an der Arbeitslosen-Versicherung und an der Krankenversicherung ebenfalls von der Rechten mitgemacht werden, während gerade hierfür die Sozialdemokraten keinesfalls zu haben sein werden.
Bollkommen umstritten bleibt nur die Ledigensteuer, der weder die Sozialdemokraten, noch die Deutschnationalen zustimmen wollen und für die daher eine Mehrheit sehr schwer zu finden fein dürfte.
Prinz Otto von Habsburg in Genf
Ausrottung der ungarischen Königfrage?
’ Genf, 3. Juli.
Aus gutunterrichteten Kreisen verlanter, daß Prinz 011 o v o n H a b s b u r g still au Sonntag und Montag in Genf aufgehalten hat. Er war in einem Heinen Hotel abgestiegen, wi er sich in das Fremdenbuch als Otto von Bourbon eintrug. In »einer Begleitung befand sich ein Prinz von Bourbon. Prinz Otto ist gestern vormittag nn4> Cannes toedergereift.
Die Gerüchte, daß er arlcgnttlich seines Genfer Aufenthaltes mit maßgebenden Völkcrbundsvertte- tern in Fühlung getreten sei, find nicht zutreffend.
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London. 3. Juli. Zu den Genfer Meldungen über einen Aufenthalt des Prinzen Otto von Habsburg in Genf will der Genfer Korrespondent der „Morningpostt» aus einer, wie er unterstreicht, sehr zuverlässigen privaten Quelle erfahren haben, daß während des Aufenthaltes »es Prinzen in Genf Besprechungen zwischen rbm und "einer Mutter ter früheren Kaiserin Zita, einerseits und mehreren einflußreichen ungarischen Diplomaten und Offizieren andererseits stattgetmiden hätten, die der Frage der Einsetzung des Prinzen als König von Ungarn gegolten hätten.
Zum gleichen Thema berichtet noch der Genfer Korrespondent des „Daily Telegraph" daß an oer Konferenz auch ein hoher geistlicher Würdenträger aus Rom teilgenommen hätte.
Wasserhose über Weinbergen
Paris, 3. Juli.
lieber die Gegend von Vouvray ging gestern abend eine Wasserhose nieder. Während einer halben Stunde fielen große Hagelkörner über einem Gebiet von 2000
Hektar. Die Reben, die den Reichtum dieser Gegend bilden, sind vollkommen zerstört worden. Der Sachschaden wird auf 10 Millionen Franken geschätzt. Selbst die nächstjährige Ernte ist teilweise zerstört worden.
Ein furchtbarer Sturm hat Hunderte von Bäumen und Telegraphenstangen umgelegt. Mil zahlreichen Ortschaften ist die Telegraphenverbindung unterbrochen.
Schwere Eisenbahnunglücke
bei Bologna: 14 Tote.
Bologna, 3. Juli.
In dem 18 Kilometer von hier entfernt liegenden Bahnhof Sasso stießen heute früh kurz vor Uhr ein aus Mailand kommender Personenzug mit einem Güterzug zusammen. 14 Personen wurden getötet, zahlreiche verletzt-
bei Cannes: 2 Tote, 20 Verletzte.
Paris, 3. Juli.
Ein schweres Eisenbahnunglück ereignete fich am Mittwoch abend in der Nähe von Cannes. Ein Perfvuenzug stieß auf eingleifiger Strecke mit einem elektrischen Zug zusammen. Der Anprall war so heftig, daß der Motorwagen des elektrischen Zuges hochgehoben wurde und auf den Anhänger fiel, der vollkommen zertrümmert wurde. Aus den Trümmern wurden 2 Tote und über 20 Verletzte geborgen, von denen eine ganze Anzahl kaum mit dem Leben davonkommen dürste. , .... ........ ..........
Immerhin wird der Kanzler wahrscheinlich vor die Frage gestellt werden, ob er ein abgeändertes Programm mit der Mehrheit der Rechten oder ein durch Konzessionen an die Sozialdemokraten in anderem Sinne abgeändertes Programm mit einer Mehrheit der Linken vorziehen will. Darüber wird fich aber erst in der nächsten Woche im Lause der interfraktionellen Beratungen der Ausschußfitzungen näheres ergeben, denn die erste Leiung der Deckungsgesetze wird voraussichtlich erst am Montag im Plenum des Reichstages beginnen.
Ankurbelung der Wirtschaft
Das Reichskabinett hat inzwischen gestern eine Reihe Gesetzentwürfe verabschiedet, die der Ankurbelung der Wirtschaft, insbesondere der Senkung des Preisniveaus bienen sollen. Darunter befindet sich ein Entwurf über Maßnahmen zur Verbilligung von Kleinwohnungen, fo tote der Bereitstellung von Krediten für den Kleinwohuungsbau und bea Straßenbau. Außerdem wird der Arbeitsminister ermächtigt, 100 Millionen ans dem gußerorbenllusten Etat im Wege des sogenannten Vorgriffes zur Belebung des Bai,Marktes in Anspruch zu nehmen In der nächsten Woche will sich das Reichskabinett in einer besonderen Sitzung mit der Frage der Preissen- k u n g befassen.
Gestern war eigentlich beabsichtigt, die Antwort der Reichsregierung auf oas Memorandum des französischen Außenministers Brianb über die Paneuropa-Frage zu n»rnbfrfiiebe;t. Dazu ist es aber nicht mehr gekommen. Diese Antwort ist vom Auswärtigen Amt im wesentliche,, fertiggestellt und wird voraussichtlich am Sonnabid vom Kabinett beguta-^tet werben, tnh*i6 K« «n ft *mr -em, *icraV e= beten Termin des 15. Juli nach Paris abgesandt werden kann. ______ .. .
Das Kabinett Brüning beruhte von Anfang mt auf einer Art Arbeitsgemeinschaft mit recht lockeren Bindungen der daran beteiligten Parteien. Immer« hin war nicht zu verkennen, daß Ende März, als die große Koalition gesprengt und durch die jetzige Regierung abgelöst wurde, eine Wendung nach rechts eingetreten war, die umso entschiedener von einem klaren politischen Willen diktiert zu sein schien, je deutlicher es wurde, daß das Ende des Kabinetts Müller keine zwingende Notwendigkeit war. Das Zentrum war damals recht gern bereit, den Versuch einer Regierung mit der gemäßigten Rechten zu machen, und so ließ man die Sozialdemokraten in die Opposition abwandern. Inzwischen hat fich das Blatt doch recht merklich gewendet, und man kann nuq wahrnehmen, daß das Kabinett Brüning, welches fich damals als rein bürgerliche Regierung auftat, neuerdings starkes Interesse für die Frage einer eventuellen sozialdemokratischen Vundesgenossenschast zeigt.
Die Ursachen für diese bemerkenswerte Erscheinung liegen zum Teil in den Veränderungen des Regierungsprogramms, zum Teil in einem Abflauen der Kampfstimmung des Kabinetts, wel» ches heute — offenbar unter dem Einfluß des demokratischen Finanzministers Dr. Dietrich — nicht mehr Tag für Tag mit dem Artikel 48 und der eventuellen Reichstagsauflösung droht. Man sucht nach einer parlamentarischen Lösung des Deckungsproblems, und zwar auf einer Basis, auf der sich eine rein bürger« liche Mehrheit keinesfalls zusammenfinden würde. Man ist also auf wechselnde Mehrheiten angewiesen, und infolgedessen muß man wohl oder übel etwas bessere Nachbarschaft mit der große« Oppositionspartei der Linken halten. Die Wandlungen, die das Regierungsprogramm in der Deckungsfrage durchgemacht hat, sind überaus zahlreich. Das heiß umstrittene Notopfer ist zwar erheblich gemildert worden, aber nicht auf dem Wege strengster Ersparnisse, sondern durch die Abwälzung eines Teiles der Last auf eine allgemeine Erhöhung der Einkommensteuer. Hierin liegt das stärkste Zugeständnis an die Sozialdemokraten, besonders, da die Regierung dabei einen Weg beschritten hat, den sie wenige Wochen vorher selbst noch als wirtschaftshemmend entschieden ablehnte. Man kann aber anderer» Teils nicht in Abrede stellen, daß auch den Wünschen der D. V. P. in einigen Punkten Rechnung getragen wurde, so vor allem in der sehr beachtlichen Erhöhung der geplanten Etatabstriche, aber die Konzessionen, die man teils den Sozialdemokraten, teils den bürgerlichen Parteien gemacht hat, bringen erst recht die Notwendigkeit mit sich, mit wechselnden Mehr« heilen zu arbeiten.
Dieser Versuch wird gegenwärtig im Parlament auf Grund eines merkwürdigen Stimmungsumschwunges, der sich schon in der Sitzung der Ministerpräsidenten der Länder zeigte, als verhältnismäßig aussichtsreich beurteilt. Man glaubt, daß der Reichsrat den Vorlagen der Regierung im wesentlichen zustimmen wird (was ja vom Kabinett durch ein neues Geschenk an die Länder gar nicht ungeschickt vorbereitet worden ist). Ein „Ja" des Reichsrates unterstützt aber wieder die Stellung der Regierung gegenüber dem Reichstage. Die Sozialdemokraten haben im Augenblick noch kein Interesse am Zerfall des Kabinetts und des Parlaments, und die Deutsche Volkspartei, die für Freitag ihren Zentralvorstand nach Berlin einberufen hat, wird angesichts der in letzter Zeit erlittenen Rückschläge zunächst ebenfalls für ihr weiteres Verhalten die Frage berücksichtigen müssen, was der Partei am wenigsten schadet. Vorläufig hat jedenfalls Dr. Eurtius die Oberhand behalten, und die Fraktion wird in der Praxis nicht auf der lückenlosen Durchführung ihres eigenen Programms be- tehen können. So sind im Augenblick die Aussichten gar nicht allzu schlecht, das Regierungsprogramm etwa in der zweiten Hälfte des Monats Juli mit wechselnden Mehrheiten im Parlament durchzubringen, immer wie gesagt, unter der Voraussetzung der erwähnten Linkswendung des Kabinetts Brüning.
Eine derartige Linkswendung würde jedoch ihr« Wirkungen zweifellos erheblich über die Tagesfrag, der Erledigung xbes Finanzprogramms hinaus ee