Hessische Abendzeitung
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Kasseler Neueste Nachrichten
Nummer 147*
Donnerstag, 26. Juni 1930
20. Jahrgang
Zwei Parteien gegen zwei Minister
Vorschläge für ein deutsch-französisches Bündnis / Oie Tausendjahrfeier in Island
Der Kanzler -ei Hindenburg
Er verlangt außerordentliche Vollmachten
Ist die Außenpolitik schuld?
Don Staatssekretär z. O. Frhr. v. Meinbaben, M. X
Berlin, 26. Juni.
Der Schwerpunkt der innerpolitischen Auseinandersetzungen ist für den heutigen Tag von Berlin nach Neudeck in Ostpreußen verlegt worden. Heute früh treten Reichskanzler Dr. Brüning und Staatssekretär Meißner die Reise nach Neudeck an, wo heute nachmittag eine wichtige Konferenz beim Reichspräsidenten stattfinden wird. Der Reichspräsident soll über die Vorgänge der letzten Tage in Berlin genau unterrichtet werden und dann wird der Reichskanzler vom Reichspräsidenten
erstens die Ernennung Dr. Dietrichs zum Reichs- fim Minister, und zweitens die llebertragung auß dentlicher Vollmachten für die Durch, uh- rung des finanzielle» Deckungsgesetzes verlangen,
d. h. die Ermächtigung zur Anwendung des Artikels 48 und zur eventuellen Reichstagsauflösung. Man nimmt außerdem an, daß der Reichskanzler dabei die Ernennung des jetzigen Ministers für die besetzten Gebiete Treviranus zum Wirtschaftsminister vorschlagen wird, da Treviranus bei der demnächst bevorstehenden Auflösung seines Ressorts Minister ohne Portefeuille werden würde. Inwieweit der Reichs- prästdent von Hindenburg die Wunsche des Kanzlers bewilligt, muß vollkommen dahingestellt bleiben.
Der Reichspräsident ist durchaus iyr Bißdc darüber, baß Dr. Brüning ohne jeglichen parlamentarischen Rückhalt seine Finanzpolitik durchführen will, da ja nur die Zentrumsfraktion — und auch diese nicht einmal in geschlossener Front — hinter ihm steht, während Volkspartei, Wirtschaftspartei und Demokraten sich von seinem Finanzprogramm vollkommen abgc- wendet haben. Auf einer so schmalen parlamentarischen Basis den Artikel 48 anzuwenden, ist immerhin ein ungewöhnliches Verfahren und man wird infolge- deflen durch Mutmaßungen dem Ergebnis der heutigen Besprechung in Neuöeck nicht vorgreifen dürfen.
Eurtius und die Volkspartei
Die Entwicklung der Dinge hat gestern abend einen gewissen Abschluß insofern gesunden, als das Kabinett seine Beratungen über das Finanzprogramm zu Ende geführt hat. Dabei wurde der Versuch gemacht, eine Mittellinie zwischen dem Programm der Regierung und dem Gogenentwurf der Deutschen Volkspartei zu finden. Hinter diesem Entwurf steht ja nicht nur die volksparteiliche Reichstagsfraktion, sondern gestern hat auch die Fraktion der
Wirtschastspanei sich im wesentlichen auf den Michen Boden gestellt,
ja die Wirtschaftspariei geht sogar in einigen Punkten noch weiter. Der Versuch, eine Mittellinie zu finden, ist anscheinend nur in unvollkommenem Maße gelungen, denn obwohl die Beschlüffe des Kabinetts erst morgen nach der Rückkehr des Kanzlers aus Reudeck. veröffentlicht werden sollen, verlautet schon jetzt, daß das Notopfer nach wie vor im Programm der Regierung enthalten ist. Allerdings sei es auf 2,5 Prozent herabgesetzt worden, es soll aber neben den Beamten nun doch wieder die Festangestellten der Privatwirtschaft betreffen. Auch die Einkommensteuerzuschläge scheinen im Regierungsprogramm beiböhalten zu sein, so daß die Unterschiede gegenüber den volksparteilichen Wünschen stark in den Vordergrund treten. Unter diesen Umständen ist es besonders bemerkenswert, daß in einer amtlichen Mitteilung, die gegen Mitternacht über die gestrige Abendsitzung des Kabinetts ausgegeben wurde, von einer
völligen Einigung des Kabinetts über diese Finanzvorschläge
gesprochen wird. Das muß umso mehr Verwunderung erregen, als die volksparteiliche Reichstagsfraktion noch gestern abend auf Grund einer neuen Fraktionssitzung den Reichsaußenminister Dr. Eurtius von ihren Wünschen eingehend unterrichtet hat und ihm noch vor der Kabinettssitzung die Bitte übermitteln ließ, er möge im Kabinett für die volksparteilichen Wünsche eintreten, und dementsprechend gegen die Vorschläge von Dr. Brüning stimmen. Ta nun die völlige Einmütigkeit des Kabinetts amtlich mitgeteilt wird, so muß daraus gefolgert werden, daß Dr. Eurtius den Wünschen seiner Fraktion nicht entsprochen hat, sondern sich auf den Boden der Kabinettsvorschläge stellt, zum mindesten aber, daß er nicht gegen die Kabinettsvorschläge gestimmt hat. Diese Tatsache kann in ihren letzten Konsequenzen dazu führen, daß Dr. Eurtius sein Amt als Außenminister niederlegt. Wahrschein
ist freilich, daß er als Fachminister im Kabinett b... ji und sich von der volksparteilichen Reichstags- jratlwu trennt. Ein« Entscheidung darüber wird erst
möglich sein, wenn der Kanzler aus Rendeck zurückgekehrt ist und wenn über die Vorgänge, die sich in der letzten Nacht im Kabinett abspielten, nähere Mitteilungen möglich sein werden.
Der weitere Gang der Dinge dürfte so sein, daß der Kanzler morgen die vom Kabinett verabschiedeten Entwürfe über das Notopfer, Einkommensteuerzuschläge, Ledigensteuer usw. dem Reichsrat zuleitet, sodaß sie in den üblichen parlamentarischen Geschäftsgang gelangen. Die Beratungen im Reichsrat und in den Ausschüssen des Reichsrates werden mindestens 14 Tage in Anspruch nehmen, sodaß, wenn man die Arbeiten über die Osthilfe und die sonstigen Fragen hinzurech- net, die
Entscheidung über den Etat und das Deckungsgesetz erst in der zweiten Hälfte des Juli fallen kann.
Erst dann würde sich auch Herausstellen, ob der Kanzler ein Ermächtigungsgesetz bekommt, oder ob er den Artikel 48 anwenden muß, der unter Umständen zur Auflösung des Reichstages führen könnte.
Dietrich und die Demokraten
Rach einer Aeußerung des B. T. über die Frage der Anwendung des Artikels 48 liegen die Dinge in Bezug auf den Reichsminister Dietrich ähnlich. Wir würden es nicht begreifen können, so sagt das demokratische Blatt, wenn der demokratische Reichswirtschaftsminister Dietrich unter diesen Umständen — nämlich unter Anwendung der Notmaßnahme des Artikels 48 — zur Uebernahme des Reichs sinanzmini- steriums bereit wäre. Herr Dietrich müßte sich bewußt fein, daß er sich als Repräsentant eines Dek- kungsprogramms, das aufgrund des Artikels 48 durchgesetzt werden soll, in den Kreisen aller wirkli
Paris, 26. Juni.
In der Volonte beschäftigt sich Pros. Dauzat wieder mit seiner unlängst im gleichen Blatt gegebenen Anregung des Abschlusses eines deutsch-französischen Bündnisses. Er geht auf die gegen seinen Vorschlag erhobenen Einwendungen ein und erklärt heute u. a.: Gewiß setzt eine deutsch-französische Entente eine tat- ächliche Revision des Vertrages von Versailles voraus. Ich habe kürzlich ein Manifest zu Gunsten dieser Revision unterzeichnet. Wenn ich den Ausdruck Revision darin nicht gebraucht habe, so darum, weil eine feierliche Revision auf diplomatischem Wege mir schwierig und nicht ohne Gefahr zu fein scheint. Aber die Anregung, die ich formuliert habe:
Bewilligung von Kolonien an Deutschland. Zurückerstattung des Korridors mittels eines Ausgleichs für Polen, Harmonisierung der deutsch- französischen Rüstungen,
all das bildet ja eine teilweise Revision. Ich füge hinzu, daß Frankreich den Artikel 231 über die Reparationen, der von sämtlichen französischen Pazifi- len als skandalös anerkannt wird, künftig für null und nichtig erklären müßte, und daß den von Deutschland geleisteten Entschädigungen lediglich die Wiedergutmachung der angerichteten Schäden zu Grunde liegt, gemäß den Grundsätzen des internationalen Rechts.
Wahlunruhen in Mexiko
Juarez, 26. Juni.
Bewaffnete Anhänger des Gegenkandidaten für den Gouverneurposten unternahmen heute einen Angriff auf den Regierungspalast in Chihuahua. Drei Abgeordnete und der Polizeidirektor wurden getötet. Der jetzige Gouverneur, Francisco Alma do, begab ich in_ einem Flugzeug hierher und erklärte Juarez zum Sitz der Regierung.
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Blutige Zusammenstöße in Bolivien.
Buenos Aires, 26. Juni. Als eine Menschenmenge in La Paz Kundgebungen gegen General
Die innerpolitischen Wogen gehen wieder einmal hoch. Wie immer in außerordentlichen Krisen und Spannungszeiten spielt die Schuldsrage eine besondere Rolle. Vor allem haben die Wahlen in Sachsen Gelegenheit gegeben, die durch Parteikämpfe und den fröhlichen „Kampf Aller gegen Alle" geschürte Methode der Anschwärzung Anderer praktisch anzu- wenden. So verliert der deutsche Mensch leicht die Ueberficht und seine int großen Umfang gewiß berechtigte Klage über die „Not der Zeit" bekommt eine falsche Richtung. Ich will mich hier kurz nur mit einer dieser Richtungen beschäftigen, die, wenn auch mit geringerer Stärke als früher, wieder einmal die angeblich völlig verfehlte Außenpolitik zum Sündenbock der gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise machen will.
Wie liegen die Dinge in Wirklichkeit? Haben diejenigen recht, die jetzt mit Hohngelächter oder zum minöeften mit Selbstzufriedenheit auf sogenannte
Island feiert
Hohe Gäste aus dem Süden
Kopenhagen, 26. Juni.
Heute beginnen auf Island die eigentlichen Festlichkeiten aus Anlaß der 1000-Jahrfeier des Althings. Im Laufe des Mittwoch sind die letzten Festgäste in Reykjavik eingetroffen. Am frühen Morgen hielten Studenten aus Dänemark, Norwegen und Finnland, die gleichzeitig eine Tagung in Reykjavik abhalten, ihren Einzug. Im Laufe des Vormittags traf dann das dänische Königspaar und der schwedische Kronprinz ein. Nach einem Festessen begaben sich die Gäste nach der Thingvalla, wo eine Feldstadt mit 5000 Zelten errichtet worden ist. Als Vertreter des Deutschen Reichstages nehmen an den Feierlichkeiten teil der ehemalige württembergische Gesandte Jldenbrand, der Bürgermeister von Berlin-Friedenau, Berndt, und Oberlehrer Hofmann, Leipzig.
Kundt, den Stabschef der Regierungsstreitkräfte, veranstaltete, eröffneten die Truppen Feuer auf die Demonstranten. 30 Personen sollen getötet und Hunderte verwundet worden sein. Andere Meldungen besagen, daß die Revolution zusammengebrochen und der Führer Hino Josa nach Argentinien geflüchtet sei, doch ist es wegen der Zensur schwer, Klarheit über die Lage zu gewinnen.
44 Lalmetie Opfer
Lübeck, 36. Juni. In der Nacht zum Donnerstag sind zwei weitere Säuglinge an den Folgen der Calmette-Fütterung gestorben, so daß sich die Zahl der Todesopfer damit auf 44 erhöht.
Abflauender Generalstreik in Sevilla
Paris, 26. Juni.
Wie die Agentur Havas aus Sevilla berichtet, scheint der Generalstreik zurückzugehen. Ein Teil der Arbeiter ist wieder zur Arbeit erschienen. Mehrere Gruppen von Streikenden, die zu demonstrieren versuchten, wurden zerstreut. Mehrere Personen wurden verhaftet. Der Zivilgouverneur scheint die Lage optimistischer anzusehen.
27 Klugzeuge verbrannt
Reuyork, 26. Jmn.
Bei dem gestrigen Brand im städtischen Flughafen sind zwei Flugzeugschuppen mit 27 Maschinen eingeäschert worden. Unter den vernichteten Apparaten befinden sich 12 große dreimotorige Passagierflugzeuge. Der Sachschaden wird auf 2,5 Millionen Dollar geschätzt. —
frühere „Prognosen* Hinweisen, die sich vor einigen Monaten mit dem Unheil und dem Unglück befchäf- tigten, das die Annahme des Aoungplans über das deutsche Volk bringen würde? Vor meiner eigenen Stellungnahme zitiere ich zunächst einen Satz aus einer Rede von Dr. Krupp von Bohlen, die er als Vorsitzender der Bank für deutsche Jndustrieobliga- tionen vor wenigen Tagen gehalten hat: „Die Gründe der wirtschaftlichen Stockung sind tiefet liegend und weiter verzweigt, als daß sie von einer Abänderung der Schuldleistungen an das Ausland, wie sie der Uoungplan Vorsicht, entscheidend beeinflußt werden könnten." Diese Aeußerung deckt sich völlig mit der Auffassung, zu der eigentlich jeder objektiv Denkende gelangen müßte. Ich halte nicht allzuviel von dem Versuch, die von Außen und von Innen kommenden und unsere gegenwärtige Krise verursachenden Einflüsse in Prozentzahlen gegeneinander abzuwägen. Immerhin gibt es eine Menge Unger und verantwortungsvoll denkender Führer der deutschen Wirtschaft, die sich öffentlich zu der These bekennen, daß die inneren Gründe und Einflüsse bei weitem stärker als die aus dem Druck der Reparationslasten kommenden sind. Es ist also nichts anderes als erneute bewußte Irreführung des deutsche« Volkes, wenn man ihm jetzt wieder vvrreüet, die Wirtschafts- und Finanzkrise würde sich verflüchtige» oder doch auf ein ganz geringes Maß reduzieren, wenn wir die Reparationszahlungen nach Außen ein« stellen würden. Wie auch immer der Verlaus der letzten unausweichlichen Konferenzen und die Auseinandersetzungen über die deutsche Kriegsentschädigung in den letzten Jahren vorstellbar fein mögen, nichts hätte uns davor bewahren können, in der Folge des verlorenen Krieges und der darauf fußenden inneren Umwälzung eine große innere Reinigungskrise durchmachen zu müssen. Der wichtigste Grund dafür ist sehr einfach: Wir haben als Gesamwolk seit der Revolution systematisch und trotz aller Warnungen aus den verschiedensten Kreisen weit über unsere Verhältnisse gelebt und immer mehr ausgegeben, als wir eingenommen bezw. erarbeitet haben. Kann jemand im Ernste wirklich glauben, daß irgend eine Art von Außenpolitik in einer von Macht und Hochkapitalismus diktierten Umwelt aus einem medergeworsene-n, enttäuschten, zerrütteten und militärisch ohnmächtigen Volke heraus an dieser Tatsache irgendetwas hätte ändern können?
Im Großen liegen die Dinge so, daß wir nunmehr in wenigen Tagen wenigstens die Befreiung des Rheinlandes von fremder Besatzung feststellen können und daß wir damit gegenüber dem Zustand vergangener Jahre eine sehr viel größere Freiheit der poli- tischsn Aktion überhaupt bekommen haben. Die Erreichung dieses Zieles — abgesehen von der uns noch vorenthaltenen Rückgabe des Saargebietes — ist die Beendigung eines langen und opferreichen Abschnittes der Nachkriegszeit, der insgesamt nach Außen hin unsere Lage nichi unerheblich verbessert hat. Nun kommt schicksalhaft und unentrinnbar die zweite Nachkrieg saufgabe, eben die Herstellung geordneter Finanzen, einer Verwaltungsreform und einer Wirtschaftsrentabilität, unter der wir auf die Dauer leben, aus- kommen und allmählich zu eigenem deutschen Kapital und Wohlstand zurückkehren können. Ehe wir diese zweite große Aufgabe nicht gelöst haben werden, wirb und kann nach menschlichem Ermessen auch in der Außenpolitik nichts Entscheidendes für Deutschland erreicht werden!
Wie kommt es denn überhaupt, daß im Gegensatz zu fast allen anderen Völkern Europas das deutsche Volk heute, säst zwölf Jahre nach Beendigung des Krieges, seine innere Ruhe und einigermaßen harmonischen Ausgleich noch nicht wiedergefunden Hat? Die Antwort auf diese oft von Ausländern gestellte Frage ist verhältnismäßig einfach. Wir haben in den ersten Jahren nach dem Kriege trotz aller großen Phrasen von „Freiheit' und „neuer Zeit", bei allem Umwerfen des Alten und Bewährten und trotz aller Arbeit und Opfer uns im Großen und Ganzen doch lediglich mühsam gegen die französische Vernich- tungspolitik wehren können und geradezu einen „Kamps um unsere staatliche Existenz" führen müssen. Wirkliche zukunftsgestaltende Aufbauarbeit konnten wir unter solchem Druck nicht leisten. Wir haben dann — notgedrungen! — in einer zweiten Periode von 1924 ab auf Grund der Stabilisierung unserer Währung große Mengen fremden Kapitals zur Wie- derankurbelung unserer Wirtschaft nach Deutschland hineingenommen. Als ganz besonderer Glücks- und Ausncchmezusall kam uns im Jahre 1926 der englische Bergarbeiterstreik, dann der englische Generalstreik zu Hilfe und belebte künstlich von den SchlüsseliNdustrieen Kohle und Eisen aus die deutsche Gesamtwirtschaft. Aber Inflation in der ersten Nachkriegszeit und bann remdes Kapital plus künstlicher Belebung in einer Meilen haben doch letzten Endes den wirklichen inut*
chen Demokraten für die Zukunft unmöglich machen würde.
pariser Stimmen gegen Versailles
Professor Oauzats Bündnispläne