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20. Jahrgang

Nummer 142*

Freitag, 20. Juni 1930

Kasseler Abendzeitung

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Hessische Abendzeitung

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Kasseler Neueste Nachrichten

Lehren aus dem Moldenhauer-Fiasco

Personalunion des Finanzminisiers in Preußen und Lm Reich? / Scharfe Kritik an Hoovers Zollpolitik

überall großes Aufsehen erregt.

NeuesüberdenMindenerSpionagefall

(Eigene Drahtmeldung.)

Nieder mit »en Zollmauern!"

Das SkSimdmemvravdüm und wir

Jules Gauerwein

Anschein geben, dem Reichskanzler bei einem der- artigen Versuch tatsächlich unüberwindliche Hinder­nisse bereiten würden.

Echo des Auslands

Paris, 20. Juni. "

Der Außenpolniker bes Matt», Jule» der, wie bereits gemeldei, eine Enquete über die Aufnahme des BriandmemoranDums bei den einzel­nen Regierungen veranstaltet, hatte auch eine Unter­redung mit Reichskanzler Dr. Brüning. Sauerwein berichtet über dieses Interview in einem interessanten Artikel seines Blattes: der Reichskanzler habe ihm, so führt Tauerwein u. a. aus, erklärt, daß das Me­morandum der französischen Regierung von der deut­schen pünktlich, ö. h. bis zum 15. Juli, beantwortet werden würde, daß darüber hinaus auch die wirt­schaftliche und politische Seite des Problems in ihrer Bedeutung für Deutschland eingehend behandelt wer-

Paris, 20. Juni. Das Rücktrittsgesuch des Reichs­finanzministers Dr. Moldenhauer beschäftigt die Pa­riser Morgenpresse lebhaft. Der Malin betont, daß Moldenhauers Deckungspläne die Kaufkraft des deut­schen Volkes noch mehr geschwächt hätten, ein Um­stand, der jetzt für Deutschland indiskutabel sei. Tas Journal bezeichnet die deutsche Krise als eine direkte Antwort auf die kritischen Erklärungen Parker Gil­berts. Die deutsche Finanzlage und die deutsche Po­litik seien derart, daß man täglich vor Ueberraschun- gen stünde,

Wer wird Kinanzminister?

(Von unserer Berliner Schriftleitung.)

Berlin, 20. Juni.

Die Entscheidung über den Rücktritt des Reichs- sinanzministers Dr. Moldenhauer ist nunmehr als definitv anzusehen, nachdem gestern noch zwei Be- spreckmnzen zwischen dem Reichskanzler und dem Abgeordneten Dr. Scholz, sowie ferner mit dem Reichsfinanzminister Dr. Moldenhauer stattgesun- den haben. In diesen Besprechungen wurde end­gültig klargestellt, daß on dem weiteren Verbleibxn des Retchsfinanzministers in fernem Amte nicht zu denken ist, und Dr. Moldenhatter hat sowohl mit politischen wie mit privaten Gründen, die vor allem im Verhallen der rheinischen Freunde Dr. Molden­hauers liegen seinen Rücktritt motiviert. Der Reichskanzler hat sich davon überzeugt, daß es zwecklos iss, den Versuch fortzusetzen, der daraus ge­richtet ist, den Fiitanzminister tn seinem Amte zu halten. Infolgedessen wird der Reichskanzler die beabsichtigte Reise nach Reudeck zum Reichspräsi­denten von Hindenburg nicht antreten, vielmehr hat sich Staatssekretär Meißner nach Reudeck be­geben, wo er den Reichspräsidenten von den Vor­gängen der letzten Tage unterrichtet. Man nimmt an. daß der Reichspräsident daraufhin ohne weite­res das Rücktrittsgesuch des Reichssmauzministers genehmigen wird, und alles Weitere dürfte sich dann wahrscheinlich sehr rasch telephonisch zwischen Reudeck und Berlin, zwischen dem Reichskanzler uns dem Staatssekretär Meißner erledigen lassen.

Mit der offiziellen Bestätigung.des Rücktritts Dr. Moldenhauers ist daher vielleicht noch im Laufe des heutigen Tages zu rechnen.

Damit wird die Frage der Nachfolgerschaft im Reichsfinanzministerinm akut, aber Dr Brüning war bisher noch nicht in der Lage, offizielle Ver­handlungen daüber zu führen. Jli den internen Besprechungen, die bisher stattfanden, hat sich er­geben. daß die Deutsche Volkspartet von der Mög­lichkeit, einen Nachfolger für Dr. Moldenhauer zu nominieren, keinen Gebrauch machen will. Infolge­dessen tritt die Möglichkeit in den Vordergrund, daß das Reichsflnanzmintsterium in die Hände der Demokraten übergeht, und daß auch der Reichs­kanzler auf den ursprünglichen Plan verzichtet hat, der dahin geht, daß er selbst das Reichsfinanzmini- sterium in die Hano nehmen wollte.Im Vorder­grund stehen gegenwärtig die Rainen des Reichs-

den würbe. Die «deutsche Regierung betrachte die Be­antwortung als eine sehr wichtige Arbeit, sie wolle keineswegs sich mit der Rolle eines Zuschauers oder Kritikers begnügen, sondern, da ihrer Meinung nach die Anfrage der französischen Regierung viel zu ernst sei, um nur Gelegenheit zu rednerischen Tiraden zu geben, wolle man positive Vorschläge machen. Es handle sich um eine Arbeit auf lange Sicht und der Reichskanzler glaube, daß Deutschland und Frank­reich vor einer hervorragenden Aufgabe ständen.

Krawall um Severing

Zürich, 20. Juni.

In Zürich kam es gestern abend nach 8 Uhr vor dein Vokkshaus, wo der preußische Innenminister Severing. einen Vortrag halten sollte, zu Zusammen­stößen zwischen sozialistischen und kommmunisttschen Demonstranten, wobei von sozialistischer Seite zur Abwehr Hydranten in Tätigkeit gesetzt wurden. Ein Tteiiibonidanderneut setzte ein, worauf 120 Polizisten zur Säuberung der Straße schreiten mutzten.

Krist» Owen Youngs. iT*130 ADk Neuyork, 20. Juni.

interviewt Reichskanzler Brüning . m bedeutsamen Rede

'nn- diger Begeisterung b-mächtig internatio-

' So sieht das Großstadt-Kind ben16^^ der uortge».-. _e>eit ai? >><>>, M>ec,ut>rne mi tei. amen- kas Ueberschutz an Geld, Industrie- und landwirt­schaftlichen Erzeugnissen, sowie Rohprodukten nutzbar zu machen. Sein Mahnruf gipfelte in der schonungs­losen Verurteilung einer selbstsüchtigen Wirtschafts­politik, wobei Young unverkennbar auf den neuen amerikanischen Zolltarif anspielte. Zollmauern zwi­schen den Völkern könnten den allgemeinen Wohlstand nut verhindern. Amerika brauche den Weltmarkt dringend und dürfe nicht die unbedingt notwendige Förderung des Absatzes durch eine engstirnige Poli­tik beeinträchtigen. Die Rede Owen Youngs hat

wirtschaftsmimsters Dr Dietrich und des preu- htschcn Finanzmtnistetrs Dr. pt-e r-Ascho ff. Falls Dr. Dietrick das Finanzministeriutn über­nehmen sollte, wozu er allerdings anscheinend keiner­lei Neigung hat, würde das Wirtschaftsmtntsterium eventuell mit einem Volksparteiler besetzt werden Man nennt dafür den Abgeordneten von Raumer. Dr. Scholz hat nicht die Absicht, sich aktiv an der .Reichsregierung zu beteiligen.

Der interessanteste Plan der Neubesetzung

r des Reichssinanzministeriums

bezieht sich auf den preußischen Finanzminister Dr. Höpker-Aschoff, denn in diesem Soll denkt man daran, den Preußischen Finanzminister nicht mehr aus dem preußischen Kccktnett heraus in das Reichs- fabinett übergehen zu lassen, sondern ebne Personal­union zwischen dem preußischen Finanztnintsterium und dem Reichsfin-anzmintsteritnn in der Person Dr. Höpker-Aschosss herbeizusühren. Leider war Dr. Hopker-Aschofs in den letzten Tagen von Berlin abwesend, so daß man noch nicht erfahren konnte, vb er geneigt ist, auf einen derartigen Plan einzu- gehen, der angesichts der Bestrebungen um die Reichsreform und angesichts der Notwendigkeit der Neuregelung des Finanzausgleiches politisch von der größten Bedeutung sein würde.

Wenn das Reichssinanzministerium neu besetzt ist, wird der Reichskanzler seine Hauptsorge der Mehr- heitsbildung für das Finanzprogramm zuwenden müssen. Das hat zur Voraussetzung, daß das Finanzprogramm selbst eine gründliche Umarbeitung erfährt, und es werden zurzeit Pläne erwogen, vor allem

das Rotopfer umzugestalten.

iDafür kommt u. a. der Vorschlag in Frage, daß die Angestellten, falls sie nach dem preußischen Vor­schlag zu Leistungen für die Arbeitslosenversiche­rung herangezogen werden, dann auch Anspruch aus den Genuß der Versicherung erhalten sollen. Es fragt sich dann, ob der Reichskanzler die Mehrheits- bildung im Reichstage nach rechts oder nach ltnks versuchen wird. Gestern wurde ein Plan erörtert, auf eine Koalition mit den Bayerischen Volksparte, hinzusteuern. Aber dieser Plan tritt heute anschei­nend wieder in den Hintergrund, und man gewinnt den Eindruck, daß der Reichskanzler entsprechend seiner gesamtpolitischen Einstellung doch wohl einer MehrheitSbikdung nach rechts den Vorzug geben würde. Es wird also alles darauf ankommen, ob die Deutschn-altonalen, wie sie sich jetzt freilich dea

Minden, 20. Juni.

Die Verhaftung des Obermuflkmeisters Adam und dessen Gattin erregt in Minden noch immer alle Ge­müter. Da der Mindener Presse und auf diesem Wege der Bürgerschaft von den militärischen Dienststellen offizielle Meldungen nicht zugingen und auch die Kri­minalpolizei in vaterländischem Interesse schweigt, haben sich vorerst falsche und übertriebene Gerüchte gebildet, die lawinenartig anwuchsen. So wird u. a. verbreitet, daß der Weggang eines politischen Haupt­schriftleiters, der vor Pfingsten Minden verließ und mit dem Obermusikmeister Adam befreundet war, mit der Spionageaffäre in Zusammenhang zu bringen sei. Dieses Gerücht ist jedoch vollkommen aus der Luft gegriffen. Ebenso ist es nicht wahr, daß Obermusik­meister Adam im Flugzeug nach dem Reichsgerichts­gefängnis in Leipzig abtransportiert wurde. Ob überhaupt die Verfehlungen so schwer sind, daß sie vor dem Reichsgericht verhandelt werden, läßt sich noch nicht Übersehen.

Er werden Stimmen laut, daß es sich um Weiter­gabe militärischer Instruktionen, die jedem Offizier der Truppen zugänglich sind, und die sich Oberrnustk- meifter Warn zu verschaffen wußte, handelt. Die betreffenden Wien sollen nicht gestohlen, sondern in Mainz von französischen Agenten photographiert worden sein. Ob die Verhaftung nach der ersten Verfehlung vorgenommen wurde, oder über das Ehepaar sich schon seit langem auf diesem Wege Nebeneinnahmen verschafft hat, wird endgültig erst die Gerichtsverhandlung ergeben, die, falls sie nicht vor dem Reichsgericht geführt wird, vor dem Ober­landesgericht in Hamm stattfindet. Bekannt ist, daß das Ehepaar weit über seine Verhältnisse lebte und daß auch vor kurzem der 50. Geburtstag des Ober- musikmeisters in üppiger Weise gefeiert wurde. Eine Mindener Möbelfirma, die Neueinrichtungen ge­liefert hatte, ließ heute die noch nicht restlos be­zahlten Möbel wieder abholen. Die vier unmün­digen Kinder der Verhafteten sind vom Städttschen Jugendamt in Pflege genommen worden.

Italien heb deutsche ll-Boote

Eine vor einigen Tagen aus Triest gekommene Nachricht über die bevorstehende Hebung deutscher U-Boote, die von ihren Besatzungen bei Kriegsende in der Nähe von Pola versenkt worden seien, wird henfe vom Messaggero als den Tatsachen entspre­

chend bezeichnet. Nach der Darstellung dieses Blat­tes sinh an den Vorarbeiten auch die italienischen Marinebehörden beteiligt, die von der Versenkung der U-Boote Kenntnis hatten. Die Taucher haben dem Blatt zufolge bis jetzt 25 U-Boote, darunter 5 von 3000 Tonnen festgestellt, die zum größten T'il unbeschädigt feien. Bereits Anfang nächster Woche soll mit der Hebung der beiden ersten U- Boote unter Verwendung modernster technischer Hitssmittel begonnen werden.

,0er Fächer der Moral^ an der Arbeit

Reuyork, 20. Juni.

Der von der Polizei fieberhaft gesuchteRächer der Moral", dem, wie bereits gemeldet, zwei Men­schen zum Opfer fielen, ist noch immer nicht gefaßt worden. Trotz der riesenhaften Razzia, die in der Nacht zum Donnerstag von nahezu 2300 Polizisten unternommen wurde, hat der anscheinend Irrsinnige wieder einen Mann angeschofsen. Um Mitternacht sprang plötzlich ein Unbekannter in ein Auto, zwang den Lenker, der mit seiner Frau im Wagen saß, zum schnellen Fahren, schlug ihn mit dem Revolver nieder und schoß ihn in die Brust. Die Polizei forscht nach einem im vergangenen Monat aus dem Irrenhaus Entsprungenen, der von dem Wahn besessen ist, Frauen gegen die Zudringlichkeit von Männern zu beschützen.

Sensation in Chicago

Chicago, 20. Juni.

Der oberste Richter Chicagos hat den Großen Rat einberufen, der hinter all den moralischen und politi­schen Unrat leuchten soll, in dem die Stadt seit Jahren steckt und fast zu ersticken droht. Die Ermordung des Kriminal-Reporters Lingle derChicago Tribüne" hat wieder eine Sensation ans Tageslicht gebracht. So soll dieser Reporter sich keineswegs nur auf seine journalistische Tätigkeit beschränkt haben, innerhalb deren er gegen die Banditen zu kämpfen hatte, er soll mit ihnen im Gegenteil sehr enge Beziehungen unterhalten haben und an manchen Dingen, die sie drehten", selbst beteiligt gewesen sein. Er hat auch als Mittelsperson zwischen einer der wichtigsten Ban- diten-Organisationen der Stadt und verschiedenen offiziellen Persönlichkeiten gewirtt, und seine Ermor­dung soll als eine Warnung für eine höhere Persön­lichkeit Chicagos gedacht gewesen sein.

Moldenhauer

Von unserer Berliner Schrift! ei tun g.fs

Dr. Th. Kaurn ein halbes Jahr hat Professor Dr. Moldenhauer, der als Spitzenkandidat der Deutschen Volkspartei aus dem Wahlkreise Köln-Aachen in den Reichstag gewählt wurde, das Reichsfinanzmini- terium geleitet. Mit sehr hochgespannten Erwartun- gen ist er seinerzeit als der Nachfolger Dr. Hilfer- dings begrüßt worden, und es ist daher um so bit­terer, wenn man heute feststellen muß, daß das Ende [einet Zugehörigkeit zum Reichskabinett leider den Schlußpunkt einer schiefen Ebene darstellt, auf der die Politik und die Autorität dieses Ministers sich ständig nach unten bewegten. Es sei in voller Loyalität an- erkannt, daß Moldenhauer vor einer außergewöhnlich schweren Aufgabe stand, daß er ein sehr schwieriges Erbe übernahm und während seiner Tätigkeit

von einem mehr als durchschnittlichen Maße von ! Pech verfolgt

war, daß also an ihn Anforderungen weit über den Durchschnitt einer ministeriellen Leistung hinaus ge­stellt wurden. Das enthebt aber nicht von der be­dauerlichen Feststellung, daß der jetzt aus dem Amte scheidende Minister diese sehr große Aufgabe nicht zu bewältigen vermochte und daß neben den von außen kommenden Schwierigkeiten, die sich vor ihm auf* türmten, doch auch eine Reihe schwerwie^er Feh­ler, die er selbst verschuldete/ zu seinem 'Mißerfolge führten.

Als Stresemann starb, befand sich Dr. Molden- Hauer, unbeschwert von Regierungssorgen, aus der Rückkehr von einer Amerikareise, die er als promt- nentes Mitglied der rheinischen Industrie zu privaten Studienzwecken unternommen hatte. Der damalige Wirtschastsminister Dr. Curtius übernahm das Erbe Stresemanns im Außenministerium und die Volks­partei entsandte ihr Fraktionsmitglied Moldenhauer als neuen Chef in das Wirtschaftsministerlum. Dort ist er aber gar nicht richtig warm geworden. Rur vom Oktober bis zum Dezember vjar er Reichswtrtschafts- Minister und dann wechselte er, als Dr. Hilferding dem Angriff Dr. Schachts erlag, mit überraschender Schnelligkeit in das Finanzministerium hinüber, wo er vor der Aufgabe stand, ein gewaltiges Aufräumen und zugleich einen schleunigen Neuaufbau 'N die Wege zu leiten. Er sollte das riesige Defizit beseitigen, welches Hilferding ihm hinterließ und er sollte ein Finanzprogramm durchführen, dessen Kernstück tn einer Steuersenkung zum Zwecke einer allgemeinen Erleichterung und Ankurbelung der Wirtschaft er­blickt wurde. Schon damals haben sich besonders tn volksparteilichen Kreisen mancherlei Zweifel geregt, ob Moldenhauer der richtige Mann für diese Aufgabe sei wie er denn sowohl beim Beginn als auch tm weiteren Verlauf seiner Ministertätigkeit niemals den erforderlichen engen Konnex mit seinen Parteifreun­den gehabt hat. Anfangs sah man darüber hinweg, weil man ja immerhin hoffen konnte, daß Molden­hauer durch seine Arbeitsleistung den Befähigungs­nachweis erbringen würde, den manche bei ihm be­zweifelten. Jedenfalls regte sich im Anfang nirgends Widerspruch und Moldenhauer ist sogar allgemein sehr freundlich in seinem Amte begrüßt worden. Er behielt dieses Amt auch bei, als Ende März das Ka­binett Müller zurücktrat und der jetzige Reichskanzler Brüning die Regierung übernahm.

Leider ist Moldenhauer in den sechs Monate« feiner Tätigkeit als Finanzminister ein Musterbei­spiel für die alte Erfahrung geworden, daß ei« Minister, so lange er überhaupt parlamentarisch re­giert, in erster Linie aus die Möglichkeit der Mehr­heitsbildung für seine Projekte bedacht sein muß, und daß die allerschönsten Programme keinen Heller wert find, wenn man nicht weiß, wie man ihnen im Reichsrat und im Reichstag zur Annahme verhilft.

Man hat oft davon gesprochen, daß das Kabinett einen starken Führerwillen entwickeln und das Parla­ment mit sich reißen müsse. Das ist gewiß mitunter möglich, besonders, wenn man, so wie es bei Dr. Brü­ning vor Ostern der Fall war, die Auflösungsorder des Reichspräsidenten in der Tasche hat und wenn man dabei eine vernünftige und gute Sache vertritt. Es ist nicht mehr möglich, wenn die Pläne der Regierung selbst allzu viele Schwankungen durchgemacht haben und mit Recht einer allzu starken Kritik ausgesetzt waren, so daß niemand die Auflösungsdrohung mehr ernst nimmt. Ein Kanzler und ein Minister muß ent­weder konsequent mit dem Parlament arbeiten, oder er muß entschlossen sein, auf Grund einer wirklich vor­handenen Machtstellung sich auch gegen das Parlament durchzusetzen. Moldenhauer ist daran gescheitert, daß er zwischen diesen beiden Methoden allzu häufig zu wechseln versuchte. Im Anfang schien es, als ob er ein durchaus geradliniges Programm zur Sanierung der Reichsfinanzen durchführen werde und als ob er dabei nicht allzu viel darnach fragte, ob das Parlament ihm Gefolgschaft leisten würde. Die Reform- und Steuer»