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Hummer 134*
Mittwoch, 11. Juni 1930
20. Jahrgang
Kampf um Notopfer und Lohnsenkung
Mtttelparteien -och für -ie Kabinettsvorlage? / Kampfansage des Metallarbeiterverban-es
Wer billigt das Notopfer?
(Von unserer Berliner Schriftleitung.)
Richtung, daß wir uns bereits in den Anfängen dieser Preissenkungsaktion befinden. Man verweist dabei auf den Schiedsspruch in der Eisenindustrie (siehe an anderer Stelle) und auf die bevorstehende Senkung der Eisenpreise. Die Zustimmung maßgebender Volksparteiler und Demokraten zu den Vor-
Selten ist die öffentliche Kritik an einem Vorschlag der Reichsregierung so schnell, so scharf und so allgemein ablehnend gewesen, wie gegenüber dem neuen Steuervorschlage des Reichsfinanzministers. Die „Reichshilfe", wie man das Notopfer oder den Krisenzuschlag jetzt nennt, hat nicht nur bei den Organen der Opposition, sondern vor allem auch in den Kreisen der Regierungsparteien den lebhaftesten T,.del hervorgerufen. Am sanftesten lautete noch das Urteil der Sozialdemokraten, da ja von dieser neuen Maßnahme die Arbeiterschaft und der weitaus größte Teil der Angestelltenschaft verschont bleiben, während bei allen Parteien, die sich insbesondere als Vertreter der Beamtenschaft fühlen, eine einzige Stimme der Abwehr, ja, man kann schon beinahe sagen, ein einmütiger Schrei der Entrüstung, laut geworden ist. Es ist allerdings auch eine sehr starke Zumutung, wenn man von den Beamten und den höherbezahlten Angestellten verlangt, daß sie in Zukunft-— denn es handelt sich aller Voraussicht nach nicht nur um das laufende Etatsjahr — ungefähr 50 Prozent mehr Steuern zahlen sollen als bisher. Das bedeutet einen so scharfen Eingriff in den Haushalt des Einzelnen, besonders wenn er eine Familie mit mehreren Kindern hat, daß vom ersten Tage an über sehr harte Notwendigkeiten einer Einschränkung der bisherigen Lebensweise gesprochen, vor allem aber über die Ungleichmäßigkeit und die daraus hervorgehende Ungerechtigkeit einer solchen Steuervorlage geklagt wurde Man hat demgemäß sofort die stärksten Zweifel geäußert, daß eine solche Vorlage im Reichstage jemals eine Mehrheit ftnden könnte.
U« so mehr Aufsehen wird es erregen, wenn jetzt aus Regierungskreisen mit großer Bestimmtheit verlautet, daß die Führer der hinter der Regierung stehenden bürgerlichen Mittelparteien im Prinzip diesem Plane des Reichskabinetts bereits zugestimmt hätte».
Belastung der Eesamtwirtschast mit sich bringen würde, die man, wie oben gesagt, unbedingt vermeiden wolle.
Eine weitere Erhöhung der Biersieuer jedoch, die ebenfalls nahegelegen hätte, würde nach den Versicherungen des Finanzministeriums, nicht den gewünschten Erfolg haben, da schon die letzte Steigerung dieser Abgabe einen starken Konsumrückgang zur Folge hatte, was bei einer Wiederholung sogar zu einer Unergiebigkett der Steuer selbst führen könnte.
Alle diese Darlegungen bringen im Grunde nichts Neues und würden wohl auch für die Führer der Regierungsparteien schwerlich ein ausreichender Grund gewesen sein, um dem Notopferplane des Kabinetts zuzustimmen. Diese Beweggründe müssen vielmehr auf einem anderen Gebiet gesucht werden Regierung und Regierungsparteien find bemüht, die steuerlichen Maßnahmen, die augenblicklich zur Dek- kung des Defizits getroffen werden muffen, in den großen Rahmen der Wiederbelebung der Wirtschaft und der Preis- und Lohnsenkung hinein zu stellen. Von maßgebender volksparteilicher Seite ist noch vor kurzem betont worden, daß an eine Senkung der Gehälter für Beamte und Angestellte — und etwas anderes ist ja dieses Notopfer in der Praxis nicht —'• erst dann gedacht werden könne, wenn die Senkung der Preise und Löhne vorangegangen sei. Es wurde also zugegeben, daß natürlich die Beamten und die Festangestellten allein nicht abseits stehen könnten, wenn durch den gesamten Bereich unserer Volkswirtschaft hindurch eine derartige Senkungsaktion wirklich durchgeführt würde. Zugleich aber witrde eine Reihenfolge als Voraussetzung angenommen, bei der die Preissenkung an erster und die Gehaltssenkung an letzter Stelle stehen sollte. Die Schlußfolgerung, die man jetzt in den Besprechungen mit den Parteiführern zu vertreten scheint, geht offenbar m der
schlügen des Reichskabinetts dürfte daher Wohl nur unter der Voraussetzung gegeben sein, daß die großzügige und umfasiende Durchführung dieses wirtschaftlichen Verbilligungsprozesses auch wirklich gelingt. Man Wird sich zweifellos starke Garantien für dieses Gelingen verschaffen müssen, ehe man endgültig Ja und Amen zum Notopfer sagt, und daß dieses Ja von allen Mitgliedern der bürgerlichen Mittelpar- teien im Reichstage zu erlangen wäre, mutz trotzdem als ausgeschlossen gelten. Diejenigen zum Beispiel, die selbst aus der Beamtenschaft und der Angestelltenschaft stammen, werden zweifellos durch keine noch so schöne Argumentation über den inneren Zusammenhang zwischen der allgemeinen (aber doch erst in den Anfängen steckenden) Preissenkungsaklion und der Sonderabgabe der Festbesoldeten zur Zustimmung zu bewegen sein.
Bei der Kritik des Noiopfers ist auch das böse Wort von dem „geringsten Widerstand" gebraucht worden, den die Regierung sich für ihren Vorstoß ausgesucht habe. Das soll bedeuten, daß man sich an. die Wirtschaft nicht heranwage weil diese sich ,u wehren weiß, während die Festbesoldeten feine Waffe wie Preissteigerung, Werkstillegung.!n und Kapitalflucht tu der Hand haben. Eine solche Kritik zetgt, wie groß das Mißtrauen gegen die Neglerunqsvor- schläae m der Bevölkerung ist Durch die Heranziehung der Aufsichtsräte zum Notopfer wird dieses Mißtrauen schwerlich beseitigt werden. Die Einseitigkeit dieser Sonderstener läßt sich mit einem solchen Schönheitspflästerchen nicht verhüllen.
Mast kann nicht die Kaviialbildung im Großen fördern bezw. schonen wollen, in dem man zugleich der Spartätigkeit im Kleinen einen so schweren Stoß versetzt.
Die Zustimmung der Führer ist nun zwar noch nicht dasselbe wie die Bildung einer wirklichen Parlamentsmehrheit, besonders da der gegenwärtige Regierungsblock jeweils der Ergänzung durch eine Oppositionspartei bedarf, um eine Majorität zusammenzubringen.
a&er "och vor kurzem gerade aus führenden Kreisen der bürgerlichen Mittelparteien am energischsten gegen den Notopferplan Front gemacht wurde, so fragt man sich, auf welchen Gründen diese neue Stellungnahme beruht.
Die Deutsche Volkspartei, der bekanntlich der Reichsfinanzminister Dr. Moldenhauer angehört hat seit langem den Grundsatz vertreten, daß ein einseitig begrenztes Notopfer abzulehnen sei. Es ist erinnerlich daß vor Ostern, als der gleiche Plan bereits einmal erörtert wurde, und als man sogar die Autorität des Reichspräsidenten von Hindenburg für dieses Projekt mobil machte, der Führer der Volkspartei Dr Scholz, dem Reichspräsidenten persönlich erklärte daß er und seine Partei eine solche Vorlage nicht bewilligen konnten. Die Gründe dafür liegen offen zutage Gerade bet der Deutschen Volkspartei gehört ein großer Teil der Wählerschaft den nunmehr vom Notopfer betroffenen Volksschichten an, und
das „Berliner Tageblatt" stellt daher mit gute« Grunde a» de» Reichsfinanzminister die Frage wer denn das nächste Mal die Deutsch« Bolks- partei wähle» solle.
An der gleichen Stelle wird auch gegen den Gedanken protestiert, daß es sich um ein wirkliches Opfer für eine wirkliche Not handele, und daß man es vielmehr mit einer gewißen Schwäche oder Geistesarmut der Regierung zu tun habe, für die einzelne Kreise der Bevölkerung jetzt bezahlen sollen. Es scheint, daß die Regierung in dieser Hinsicht selbst kein allzu gutes Gewißen hat, da sie ja das Wort „Notopfer" ebenfalls nicht gern gebraucht sehen möchte. Die einseitige Begrenzung dieser sogenannten Reichshilfe wird nun von der Regierung vor allem damit begründet, daß man tm Augenblick nur zu einer solchen Besteuerung greisen dürfe, durch die eine neue Belastung der .Wirtschaft" vermieden werde, weil man andernfalls die Bestrebungen zur Neubelebung des Wirtschaftslebens durchkreuzen und zugleich die Kapitalflucht weiter begünstigen würde. Zugleich habe man den Gedanken verfolgt, daß diejenigen Volksteile, die gegen Arbeitslosigkeit im allgemeinen geschützt find, eine Hilfeleistung für das große Heer derjenigen vollbringen sollen, die dauernd in der Gefahr der Erwerbslosigkeit stehen. Weitere Gründe, die die Regierung für sich in Anspruch nimmt, und mit denen sie andersgeartete Vorschläge zur Behebung der Finanzschwierigkeiten ablehnt, gehen in der Richtung, daß z. V. eine Erhöhung bet Umsatzsteuer, durch die man sofort aus allen Schwierigkeiten heraus wäre, eben jene
Vor schweren Lohnkämpfen
Die Parole des ^Vorwärts" / Sozialdemokraten gegen Zentrum
Berlin, 11. Juni.
Die Preis- und Lohnsenkungs-Aktion, die mit der soeben erfolgten Verbindlichkeitserklärung des Schiedsspruches von Oeynhausen (der eine Gehalts- und Lohnkürzung bis zu 7^ Prozent für die Gruppe Nordwest der Eisenindustrie vorsieht) einen wichtigen Schritt vorwärtsgekommen ist, hat weit über die zunächst daran beteiligten Wirtschaftskreise hinaus Bedeutung und steht in engem Zusammenhänge mit der neuen Steuerpolitik des Reichskabinetts, weil diese Preissenkung die wichtigste Grundlage für die Steuererhöhungen bilden soll, die die Reichsregierung jetzt dem Parlament vorschlägt. Allerdings ist die ganze Aktion, soweit sie sich auf Preise und Löhne erstreckt, noch stark umstritten, und nicht nur zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, sondern auch zwischen den politischen Parteien find starke Meinungsverschiedenheiten über diese Versuche vorhanden. Besonders scharfe Kritik wird an den bisherigen Maßnahmen von bett Sozialbemokraten geübt, unb ber „Vorwärts", ber sich heute in eingehender Kritik mit ben Steuern beschäftigt, erklärt, daß die Folgen ber Der- bindlichkeitserklärung bes Schiedsspruches von Oeynhausen ganz unabsehbare seien. Durch diesen Schiedsspruch werden im wesentlichen für rund 200 000 Arbeiter die Bestimmungen ber sogenannten Severing- Klausel aufgehoben, welche besagt, daß der Akkordlohn, der mindestens 15 Prozent über dem Tariflohn liegen müsse, nur abgebaut werden könne bei eintre- tonden Materialverbesserungen oder technischen Aenderungen.
Die Unternehmer haben sich nun zwar verpflichtet, die Stahlpreife zu senken, aber die Sozialdemokraten weifen darauf hin, baß es sich hierbei zunächst um ein Versprechen hanbele. für welches eine Garantie nicht gegeben fei. Den Arbeitern stünde jetzt lediglich die Klage beim Arbeitsgericht bis hinauf zum Reichsarbeitsgericht offen, wobei es sich dann aber um eine Unzahl von Prozessen handeln würde, die niemand bewältigen könne. Urter diesen Umstände, habe
ber Deutsche Metallarbeiterverband jede Lohnsenkung abgelehnt und seinen Mitgliedern die Anweisung gegeben, sich in den Betrieben jeder Lohnsenkung zu widersetzen.
Das bedeutet, daß in allen Betrieben mit schweren Lohnkämpfen für die nächste Zeit zu rechnen ist. Der „Vorwärts" meint, es sei sinnlos und ungerecht, eine einzelne Arbeitergruppe herauszugreifen und dieser »ie Kosten eines sehr zweifelhaften Preisabbaues auf-
zubürden. So kommt der „Vorwärts" zu dem sehr harten Urteil, daß der Reichsarbeitsminister „mit seinem dilletantischen Eintreiben die größte Verwirrung erzeugt, bi« Ueberwindung der wirtschaftlichen Krise in Frage gestellt und Kämpfe ausgelöst habe, deren Folgen garnicht abzusehen seien."
Gegenüber diesem außerordentlich scharfen Urteil wird in der „Germania" eineZ -schrdst veröffentlicht die fragt, was geschehen märe, wenn man die Derbind- lichkeitserklätung nicht ausgesprochen hätte. Die Folge wäre ein tarifloser Zustand gewesen, und das hätte bedeutet, daß die jetzt im Manteliaris niedergelegten wichUgenArbettsbedingunzen ohne vertrauliche Regelung gewesen wären. Wenn auch mit dem Fortfall der Mkord-Ueberverdienstklausel für einige Teile der Arbeiterschaft gewisse Schwierigkeiten verbunden seien, so müßten dies« Bedenken für die Dauer des jetzigen Rahmentarifvertrages zurücktreten, weil es das Zn- tereffe der Arbeitnehmerschaft und das Interesse der Allgemeinheit erfordere.
Aus diesen starken Meinungsverschiedenheiten, die hier zwischen Sozialdemokratie und Zentrum offen zu- tae>.e treten, ist deutlich zu ernennen, daß der Streif nm Preissenkung, Lohnsenkung und Eehältersenkung nicht nur zwischen den beteiligten Wirtschaftsgruppen, sondern auch zwischen den politischen Parteien lebhaft im Gange ist, und daß daraufhin bei der Beratung der neuen Steuergesetze im Reichstage mit den schärfsten Auseinandersetzungen zi> rechnen ist.
Hoher Auflegungskurs derHoung-Anleihe
Paris, 11. Juni
Die Arbeiten des Bankausschusses der Vertreter der intereffierten Schatzämter und der B. I. Z., die über die AuflegungsbeDingunaen der ersten Tranche ber Voung-Obligationea zu beraten hatten, wurden in ben späten Abendstunden des Dienstags endgültig abgeschlossen. Der Auflegungskurs. bei ur sprünglich auf 85 bezw. 80 v. H. festgelegt war, wurde auf 90 v. H, erhöht, ausgenommen Frank reich, wo er fast 98 v. H. erreicht. Dr. Luther holte sich sofort telephonisch die Zustimmung des Reichsfinanzministers, worauf die getroffenen Vereinbarungen unterzeichnet wurden. Die Auslegung der Anleihe wird an nenn verschiedenen Plätzen noch im Lause dieser Woche stattfinden. Tie Gesamtsumme der ersten Tranche beläuft sich auf 340—350 Mill Dollars.
Innere Erneuerung
Dr. W. Th. Wer von allen denen, die täglich mit der Praxis der Politik zu tun haben, ist für ein Wort wie „innere Erneuerung“ nicht längst unempfänglich geworden! Nur wer außerhalb steht, mag der Meinung fein, daß die Wirklichkeit in der Politik mitunter noch von Ideen und Begriffen derart idealistischen Charakters beeinflußt werden könnte, daß diese Praxis noch etwas anderes sei, als eine endlose Kette nüchternster, oft genug zwangsläufiger Einzelhanblun- gen, rechnerischer Ueberlegungen unb kühler Abwägung gegenseitiger Interessen unb Kräfte. Aus ben neuer» bings roieber recht häufigen öffentlichen Reben unb Kunbgebungen ber verantwortlichen Staatsmänner klingt zwar immer unb immer wieder das Bekenntnis zu derartigen weittragenden Ideen von gemeinschaftlicher vaterländischer Aufbauarbeit. Aber jeder dieser Redner, der draußen mit mehr ober weniger lieber» zeugungskraft unb einem großen Aufwand moralischer Allgemeinbegriffe auf feine Hörer zu wirken fucht, legt doch, sobald er in sein Arbeitszimmer tritt, alle diese Worte und Begriffe wie eine Kostümierung beiseite, die für bas öffentliche Auftreten zweckmäßig, für bie praktische Arbeit nur hinderlich ist. Paragraphen, Zahlen unb Personen mit ihren Wünschen, Fähigkeiten unb Einflußmöglichkeiten sink» bas Material bes Politikers, nicht aber idealistisch orientierte Bestrebungen.
Für den Praktiker der Politik ist „innere Erneuerung" ein Schlagwort ohne Inhalt. Und doch ist gerade in der Politik der Gegenwart diese Erneuerung auf allen Gebieten nicht nur ein Wunsch, sondern eine Notwendigkeit. Nicht weil bas Wort Mephistos gälp „Denn alles was besteht, ist wert, baß es zugrunde geht", sondern, weil die überaus rasche Entwicklung der Nachkriegszeit eine ebenso schnelle Regeneration der Formen unseres öffentlichen Lebens bedingt, wenn diese Formen sich nicht allzu schnell als vollkommen unbrauchbar erweisen sollen. Man kann die politische Tatsachenwelt an jedem beliebigen Punkte betrachten. Ueberall tritt diese Notwendigkeit ber Erneuerung hervor, unb sofort gewinnt ber verschwommene Allgemeinbegriff btefer inneren Erneuerung greifbare Gestalt.
Das Realste vom Realen zuvor: DieFinanzen. Die Erneuerung nicht nur ber augenblicklichen Haushaltrechnung bes Reiches, bie sich als fehlerhaft erwiesen hat, fonbern vor allem bes Systems dieser Rechnung ist gerabezu eine brennende Tagesfrage geworben. Dieses System — fehlerhaft nicht so sehr durch die Höhe von Steuern, die eine schwere, aber schließlich unvermeidliche Last darstellen, als vielmehr durch bie Verteilung ber aufkommenden Gelber an bie verschiedenartigen Organe des komplizierten Reichskörpers — bedarf eben um dieses kostspieligen Mangels willen dringend der Erneuerung. Gesetzestechnisch wird diese Arbeit in erster Linie bei ber Neuregelung bes Finanzausgleiches zu leisten sein, besten Bedeutung auf die Dauer weit größer ist als die einzelnen Steuergesetze, Ausgabensenkungsgesetze, Etatabstriche und ähnlicher finanzpolitischer Maßnahmen. Die Aen- derung des Verteilungssystems nicht nur nach der zahlenmäßigen Schlüsselung, sondern vor allem nach der grundsätzlichen Anerkennung, daß die Verantwortung für Einnahmen und Ausgaben bei Reich, Ländern und Gemeinden jeweils möglichst in der gleichen Hand liegen muß, ist eine der notwendigen Reformen, die wegen ihres grundsätzlichen Charakters mehr als sonstige Finanznovellen die Bezeichnung einer „inneren" Erneuerung verdient.
Einer Erneuerung im innersten Kerne ist weiterhin vor allem das parlamentarische System in Deutschland bedürftig. Leider muß hier im Gegensatz zu den sinanz- und wirtschaftspolitischen Vorgängen festgestellt werden, daß nicht das leiseste Anzeichen einer solche» parlamentarischen Neugestaltung zu spüren ist. Weder die Parteien noch die Parlamente zeigen irgendwelche Neigung, sich von den Mängeln des Systems frei zu machen, von denen jeder Parlamentarier und jeder Parteimann in aller Offenheit spricht, zu deren Beseitigung jedoch niemand einen Finger rührt. Dieser geradezu paradoxe Zustand findet seine überaus einfache Erklärung durch das in diesem Zusammenhang bis zum lleberdruß zitierte Wort, daß niemand den Ast absägt, auf dem et sitzt. Die Zusammenfassung und Neubildung der bürgerlichen Mittelparteien hat die Zerschlagung der alten Parteiformen zur Voraussetzung. Der erste Anlauf, der hier unternommen wurde, ist an der mangelnden Bereitwilligkeit der Partner gescheitert. Vis auf weiteres wird man davon schwerlich wieder etwas hören. Ein neues Wahlrecht, welches die Reform der Listenwahl bringt, würde zur Folge haben, daß ein erheblicher Teil derjenigen Abgeordneten, die einer solchen Reform zustimmen sollen, auf Grund bet gleichen Reform nicht wieder in das Parlament gewählt würde. Man sieht, daß zu einem solchen Beschluß ein gewisses Maß von Selbftoerleugnung gehört, und bie praktische Politik ist nun einmal nicht bet Nährboden füt betartige idealistische Regungen.
Wie nahe einander jedoch bie nüchternste politische Paragraphenarbeit und die Möglichkeit weitsliegender