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DienStag, 10. Juni 1930

Staffelet Neueste SUdfrrMttew

Sette 3

Tiere gehen zum Arzt

Von Carl Marilaim

Der Patient heißt Bully.

Auch em so schöner Name wie Bully schützt nicht davor, eines Tages in die Klinik zur Behandlung gebracht zu werdenl Uebrigens ist das ein Miß­geschick, das Bully weit weniger ausregr als seinen Besitzer. Bully ist nämlich kein wehleidiger Mensch, sondern ein stichelhaariger Fox. Er trägt um >en Bauch zwei Taschentücher als Notverdand und wedelt freundlich lächelnd mit dem elegant gestutzten Schwanzstummel, indes sein Herr die erschüiternoe

«Sitte Me Zunge recht weis hinaus!'

Geschichte von der Karambolage seines Lieblings m't einem Lastauto erzählt. Das Lastauto hat sich un» beschÄugt aus dem Staube gemacht, und Bully wird nun einige Tage lang die Tierklinik aufsuchen müssen.

Die sich hier m Begleitung ihrer Kanarienvögel, BullyS und Angorakatzen einsindenden Leute be­stehen ausnahmslos aus „Herrchen" und „Frau­chen", die sich im Wartezimmer erschütternde und sehr lange Geschichten vom unverdienten und mir rührender Geduld ertragenen Leiden ihrer Lieb­linge erzählen. Der Tierwelt ganzer Jammer könnte einen anfasien, wenn man erfährt, daß auch die reinrassigsten Schäferhunde nicht vor der Staupe bewahrt bleiben, daß Bullys mir nicht dir nichts zwischen zwei Ecksteinen Berlehrsunsälle erleiden, daß Legehühner infolge eines ChokS unbekannter Herkunft eines Tages keine prima Eier mehr her- vorzubringen vermögen imd Kanarienvögel, die gestern noch schmetternd sangen, heute den Pips haben.

Die ins Sprechzimmer führende Tür öffnet sich, und der Arzt im Weißen Kittel ruft den nächsten Patienten hinem. Kein Mensch könnte es dem Herrn Doktor anschen, daß et vielleicht größere Sor­ge» als die nicht zufriedenstellend verlaufene Mause­rung eines Edelrollers oder die Blesiur des Schnau­zers Bully hat. Mit unerschütterlicher Geduld läßt er sich den Verlaus von BullvS Unfall berichten. Dann bewirbt er sich um Bullys Sympathie. Denn es gehört zu den Eigenschaften der Schnauzer, daß sie der ärztlichen Wissenschaft mit eingeklemmtem Schweif gegenüber stehen und ihre ablehnende Hal­tung erst aufgeben, wenn sich der -Arzt in den Ge­ruch eines „fluten Herrchen" zu setzen versteht. Der beste Ambulatoriumsarzt Ist infolgedessen immer derjenige, der zuerst die Idiosynkrasien ünd Kom­plexe seiner Patienten erforscht und sich dann erst ihre Zunge zeigen läßt. Man muß das Vertrauen einet Angorakatze gewonnen haben, wenn man sich vermessen will, ihre Staupe zu kurieren. Mit einem Wort: nur ein gutes Herrchchl kann ein erfolgreicher Tierarzt sein! *

Pferde in der OrdlnMon.

Auch das feinste Hündchen ist nicht immer ein reizender Patient. Pferde sind es fast immer. Mit gelassenem Gleichmut erleiden sie, was des Lebens Unverstand ihnen antut. Und mit demselben Gleich­mut begeben sie sich in die Behandlung eines Arztes, auf dessen — einem Pferdegehirn nicht ohne wer­teres einleuchtende — Bemühungen sie nur ganz selten mit Berßen oder Ausschlagen der Hinterbeine reagieren. Da trabt zum Beispiel mit tief gesenktem

Kopf ein Gaul mit einer großen, offenen Fleisch- wunde heran. Die Deichsel eines Wagen ist rhm in di« Seite gefahren, und es muß zunächst sestgestellt werden, ob das Tier nicht auch innere Verletzungen erlitten hat. Zuerst wird die Temperatur gemessen, dann wird der Gaul vorsichtig abgeklopst und eine stippe nach der andern genau untersucht. Schließ­lich muß er. ob er will oder nicht, die Schnauze auf- machen und die Schleimhäute des Maules unter­suchen lassen. Also, außer der unangenehm anS- sehenden, aber leicht zu behandelnden Fleischwunde hat das Tier keinen besonderen Schäden davonge­tragen, und der Besitzer, ein Kutscher mit vorge­bundener blauer Schürze, atmet erleichtert attf. Zärtlich klopft er dem Tier beide Hinterteile ab, in­des der Assistent die Wunde mit Job einpinselt.

Uebrigens sind keineswegs alle hierher gebrach­ten Pferde krank. Viele müsien sich nur der soge­nannten Kausuntersuchung unterziehen. Das Pferd soll den Besitzer wechseln und um beim Verkauf keine Anstände zu haben, holt sich der Verkäufer ein Attest über den Gesundheitszustand seines Tieres. Die Un.ersuchung ist sehr eingehend. Lunge, Herz. Nieren, Sehnen, Hufe und Augen werden geprüft, auch die Gangart des Tieres muß genau auSpro- biert werden. Ganz besonderes Augenmerk richtet man "daraus, ob das Tier auch nicht an HufkebS leidet. DaS ist eine verhältnismäßig häufig vor- komMende Krankheit, deren Erreger man nicht kennt und über deren Heilmethoden die Aerzte sich noch nicht einig sind.

»

In der SchönhettSkttnA.

Starker Betrieb herrscht immer in bei Abteilung, in der die Klauenkorrekruren vorgenommen werden. Die Mehrzahl der Patienten besteht hier aus Kühen deren Klauen nicht so gewachsen sind, wie es den für Kühe gültigen Schönheitsgefetzen entspricht. Die Diere werden also nach allen Regeln der Kunst pe­dikürt, weniger aus Gründen der Aestherik aller­dings, als weil normal wachsende Klauen er- faHrungsHe näß einen großen Einfluß auf die Milch- sekretion der $*ete haben.

Auch Mängel an den Husen der Pferde müsien beseittgt werden. Mit schlechtgewachsenen Hufen gehen die Pferde nicht ordentlich, sie ermüden leicht und schlagen sich an den Fesseln, was oft Wunden

oder Sehnenentzündungen zur Folge hat. Die Hufe müssen also sorgfältig und regelmäßig zurecht- gestutzt werden, oft ist auch ein orthopädischer Be-

Der Angsttraum des Tierarztes

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cbiofl nockve-ndtfl. Aus Eitelkeit 6-..Pferde unv Kühe nicht in den Schönheitssalon. Aocr im Grunde verhält es sich bei den Tieren nicht anders als bei den Menschen: je augenersreuender sie sich präsen­tieren. desto gesünder sind sie!

Die bettlägerigen".

Da haben wir zunächst das Pserdefpital. Licht und luftig ist es hier. In langer Reihe steht Pferd neben Werd in den peinlich reingehaltenen Boxen. Manche, deren Beine dick bandagiert sind, leiden an einer Verletzunfl oder Entzündung der Sehnen. An- vere wieder haben Rißwunden von einer nicht ganz harmlos ab gelaufenen Karambolage. Die Wunde ist genäht und einflepinselt. Der Schwanz wird aus die Sette gebunden, daytii das Tier nicht mit aus die noch unverheilte Wunde schlagen kann. Einem Gaul wird gerade Medizin eingeflößt. Vier starke Männer sind not!3, um den Schlauch mit der Arznei in den Schlund des Tieres einrusühren.

Im Saal nebenan liegt auf einer Strohschütte ein gesesieltes Pferd. Das Tier wird gerade operiert Es ist örtlich narkotisiert worden und liegt nun ganz still,. Eine Schar junger Studenten der tierärzt­lichen Hochschule sieht aufnierkam der Operation zu. Es ist so still in dem Saal, als ob ein Mensch hier in seiner schweren Stunde läge und nicht -nur" ein Tier dessen Schicksal sich binnen einer halben Stunde entschieden haben wird.

Viel lautet geht es im Hundespital zu. Den Eintretenden empfängt ein ohrenzerreißendes Ge­kläff. Hunde ertragen das Kranksein nicht mit ab­geklärter Ruhe. Selbst tot Gipk-verband begrüßen sie den an ihre Box Tretenden mit neugierigem, kla- aendem, freudigem, jedenfalls aber frenetischem Ge­bell. Die meisten von ihnen sind ausnehmend

Mx Reinhardts erster Mm

...und das Programm der neuen Terra.

Nachdem die Flut der ersten Gerüchte über die Renaissance der Terra abgeebbt ist, erscheint Curtis Melnitz jetzt mit einem fertig ausgearbeiteten, zwei­fellos mtereffanten und reichhaltigen Programm auf dem Plan. Por allem dreht Reinhardt den be­reits angelündigten Film .Pariser Leben" nach der Operette von Offenbach. Kurt Bernhardt »erftunt Claüde Faireres Roman -Der Mann, der den Mord beging", Fritz Kortner wird in einem Mm mit dem Titel .Staatsstreich tm Hotel" Regie führen, wah­rend er in einem anderen, nach Dostojewskis Roman .Die Brüder Karamasoss" gedrehten Film unter Ozeps Regie die Hauptrolle spielt. Ebenfalls Ozep wird einen Film inszenieren, den die Gruppe junger Schauspieler Herstellen soll, und der den Namen „Die in der Großstadt..tragen wird. Max Hansen er­scheint in drei Filmen: einmal in dem Trwfrlm „Das Kabinett des Dr. Larifari" mit Paul Morgan, Karl Jvken und Gisela Werbezirk (die Aufnahmen zw diesem Film sind bereits im Gange), dann noch in zwei Operettenfilmen. Max Glaß dreht für b'e Terra einen Film nach dem Lindauschen Drama Der Andere", das schon vor dem Kriege den Stoss zu dem ersten „literarischen" deutschen Film ge­liefert hatte, mit Fritz Kortner und Heinrich George in den Hauptrollen. Die Regie dteseS gttnti führt Robert Wiens. Karl Wilhelm verftlmt in Ton ine Posie .Die Firma beiratet", mit Ralph Artur Ro­berts und Trude Lieske in den Hauptrollen. Zu diesen Filmen gesellt sich noch ein Afrfla-Tonfflm.

Verwandlungen

Die Frau, die 51 mal porträtiert wurde.

In Paris haben 51 Maler (und bekannte Na­men darunter) den Versuch gemacht, jeder nach stt- ner Weise und seiner eigenen, höchstperzonltchen Auffassungsart ein und dieselbe Frau zu malen. Und die 51 Bilder hat man jetzt ausgestellt. Eine höchst interesiante Sammlung---

Als die deutsche Schauspielerin Maria Lani — die den 51 Künstlern Modell gesessen hatte — zum ersten Male in dies« absonderliche Schau kam, soll sie gesagt haben: „Werden hier nur Frmtrnbildnisse ausgestellt?" Aber dann wurde sie doch stutzig: beim schärferen Hinsehen entdeckte sie, daß — jedes-

schöne Tiere, und gerade damit hängt auch ihr Auf­enthalt im Hundefpital zusammen. Bei hochgezüch­teten Hunden, namentlich bei großliöpfigen Rassen, geht das Werfen des Nachwuchses ost nur mit schweren Komplikationen vor sich. Es ist also rat­sam, die teuren Tiere, wenn sie trächtig sind, unter ärztliche Aufsicht zu geben. Ein Heiner goldbrauner Dackel kommt fteundltch wedelnd zum Gitter und steht den Besucher mit einem rührend treuherzigen Blick an. Merkwürdig ist seine schiefe Kopfhaltung. Er leidet an einer Störung des GleichgeWichtS- simteS, die bei dem in der Box nebenan liegenden Huhn noch weiter fortgeschritten ist. Der Kops dieses armen Tieres ist ganz auSgerenkt. Der Kamm be­rührt den Boden, und fortwährend pendelt bet Kopf Hin und her — ein unheimlicher Anblick. Harm­loserer Art ist die Erkrankung der kleinen TerrierS, der Mit dem Leichtsittn seiner Jugend etwas Un­verdauliches geschluckt hat und jetzt, bitterlich wei­nend, greuliche Mixturen einnehmen muß, bis man ihm feinet freudestrahlenden Besitzerin wieder zuriick- geben kann.

Am wenigsten zu klagen haben die Kühe. Me in einem abgegrenzten Hof friedlich spazeren gehen. ES sind schön«, gesunde Tiere, die als Studien­material gekauft und hier behalten werden, bis sie gekalbt haben. Sie werden tadellos verpflegt, haben herrliche Ställe. Sie müssen es sich nur gefallen lassen, daß ihnen beim Wersen zwanzig Stu­denten höchst interessiert zuschauen werden. Wer eine Kuh geniert so etwas nicht. Und später, wenn sie längst an einen Bauer verkauft worden ist, wird sie wahrscheinlich mit Wehmut an die Tage einer goldenen Jugend zurückdenken, in denen sie als Demonftrationsobiekt und Studienkuh die Tierärzt­liche Hochschule absolviert hat.

mal sie selbst es sein sollte, die da gezeigt wurde. Daß es ihre eigenen Bilder waren, die da hingen!

Ja, aber erkannt hat sie sich doch nicht! Einmal wurde sie schwarz gezeigt, dann blond, bann brand­rot. Per Krogh malte sie dunkelbraun, Mate Cha­gall machte aus tht eine Nefretete mit Mankem Halz und edel gezeichnetem Proftl. Bei Papazoff wurde sie zur Traumerfcheinung eines Chamäleons, mit bunten Augen wie Laternen. Rouault zeigte Maria Lani als Sudseeinsulanerin, Bourdelle alS Meduse mit aufgeschwemmten Zügen Poiret — der berühmte Modenschöpfer — zeichnete, Henri Matisse malte sie. Und jeder, jeder zeigt nicht Maria Laut, sondern--seinen ureignen Stü,

seine Auffassung--und die „Aehnlichkett"---

ie nun, die ging halt flöten dabei---

Vom Impressionismus bis $um letzten Schrei des Surrealismus reicht diese sonderbare Parlser Schau, die 51 verschiedene Frauen zeigt, die doch alle 51 die eine, gleiche deutsche Schauspielerin Maria Lani sind! Aehnlichkett? Nein! Ader „Stil", „Auffassung", „Eigenart" « » —

roher.

Ein aussichtsreicher Freier.

Der durch seinen „Struwwelpeter" unfterblich ge­wordene Frankfurter Arzt Heinrich Hoffmann be­warb sich als junger Anfänger um die Tochter eines hochangesehenen Frankfurter Patriziers. Die­ser betrachtete den kühnen jungen Mann mit streu- gen Micken und fragte nüchtern: „Was habe» Die denn für Aussichten für die Zukunft?"

Hoffmann, der eilte so prosaische Frage nicht er­wartet hatte, stutzte einen Augenblick, dann aber fand er seinen nie versagenden Humor wieder und erklärte munter: .Ich spiele ein Achtelchen in der Lotterie." Damit brach er selbst den Ernst des ge­strengen VaterS; dieser mußte hell auslachen., wurde gemtü»lieber und flöfc schließlich seine Zustimmung zur Heirat.

Sie heutige Nummer umlM 12 Beiten

Verantwortlich für den politischen Teil: I. B.: German M. P o n au: für das Feuilleton: GermanM.B ona«: für oen lokalen und Heimatteil: Dr. Hans Joachim Gl atz er: für den Handel: Rudolf Gläser: für den Sportteil Herbert Sveich: Photoredakteur: Tduar» $ ?.«!■

Eröffnung -er Marburger Festspiele -1930

Eine ».Ze-ermann"-Aufführung, doch nicht von Hugo von Hofmannschal

ttm es gleich vorweg zu sagen: Der diesfährige Auftakt der „Marburger Festspiele" war nicht nur eine Enttäuschung, sondern er birgt die Gefahr in sich, das künstlerische Ansehen der altehrwürdigen Umoersttätsstadt zu schädigen. Dian gab „Jeder­mann", das Spiel vom Sterben des reichen Man­nes Doch nicht etwa in der auf dem Programm anaekündigten Fassung Hugo von Hosmannsthals, sondern in einer „Versachlichung" von Dr. Budde, öem Leiter der Marburger Festspiele. Text und Handlung sind in dieser „Marburger Fassung" auf fast die Hälfte zusammengestrichen, und in einem Zeitraum oon nur 80 Minuten („modernes Tempo , versteht sich!) entrollt sich vor den Augen des er­staunten Publikums eine geistig nichtssagende Btl- derfolae vom „Sterben des reichen ManneS".

Wer den jüngst verstorbenen Dichter und Erneue­rer des „Jedermann" gekannt, wird wissen wie die­ser leidenschaftliche Kämpfer um die Erhaltung und Reinheit deutschen Sprachgutes, gerade in „Jeder­mann" eine Vollendung seines unermüdlichen Scksaffens gesehen und so aus alten Ueberlieferun« gen und Texten, ein Kleinod mittelalterlicher Dich­tung und Geisteshaltung in meisterlichem Sprachge­wand unserer Gegenwan geschaffen hat. Aus der Totalität tiefreligiöfer Lebensauffassung c«s mtt- telalterlichen Menschen heraus, hat dieser -tchter uns in „Jedermann" ein wahre« Gnadengeschenk für das Msterienspiel der modernen Buhne gemacht Seit Jahren schon ging dieser „Jedermann" über das Theater unserer Tage und kein Mensch nahm Aitstoß daran, daß hier ein Dichter in einer stark betonten katholischen Sprache zur modernen Welt redete. Denn Die Lauterkeit der Gesinnung deS Richters und ebenso die wundervolle Sprachgestal- tung und künstlerische Meisterschaft seines Wettes, waren die besten Zeugen dafür, daß hier konfesfto- nelle Voreingenommenheit und einfettig, kirchlich be­tonte Apologetik auch nicht den geringsten -ebens- laum hatten. Ein Meister wie Max Reinhardt hat das besondere Verdienst, durch seine weltberuhnnen »altburaer Festspiele", den HofmannSthalschen ^Jedermann" unserem Bewußtsein lebensnah und nachhaltig wirkend erschlossen zu haben.

Der Marburger veitsPieLletter Dr. Budde hat nun HofmannsthalS „Jedermanns",assnng^auf fast die Hälfte zusammengestrichen Doch ntcht genug dEit7daß er so bie geistige Substanz des Stückes

geradezu tödlich getroffen, erlaubt er sich weiterhin, dem Dichter niemals beabsichtigte Worte in den Mund zu legen. An Stelle des tiefcrschütternden mittelalterlichen Sterbegebets läßt Budde den „Jedermann" einfach das „Vater unser" in prote- statischer Version sagen. Es liegt uns fern, hier weder für eine katholische, noch protestantische kow fessionelle Ausprägung der christlichen Lehrauffas- sung über Buß«, Gnade, Rechtfertigung und Reue zu plädieren. Aber ganz entschieden müssen wir es verurteilen, wenn hier die geistig religiöse Einheit einer Dichtung ohne Grund durch solche Aenderttn- gen zerrissen wird. Im Zusamenhang hiermit stehen die weiteren Streichungen Buddes; besonders aber jener Stellen des Textes, die eigentlich eine ideel.we Berechtigung für da« Auftreten der sym­bolisierten Gestalten von „Glauben" und „Werke" abgeben.

Wenn die Marburger Festspielleitung glaubte, den stark katholischen Charakter des „Jedermann" eben nicht in ihrer Situation rechtfertigen zu können, Iwas übrtzrns nach dem einhelligen Urteil matz- gebeniber protestantischer Kreise Marburgs ei« grober Irrtum und eine keinesfalls berechtigte Befürchtung wäre) so hätte sie dieses Stück eben nicht auf den Spielplan fetzen dürfen. Aber keineswegs können und dürfen wir er billigen, daß man dieser gründ- kosen Befürchtung wegen ein Stück deutschester und bester Dichtung so beraub ett. Einmal verbietet uns

Die Achtung vor der Ueberzeugutrs auch de» Andersdenkenden im Religiösen und Weltanichau- lichen, und dann auch müssen wir diese unselige Kor- rektur doppelt entschieden ablehnen, weil uns »ie Ehrfurcht vor dem geistigen Eigentum des wahrhaf­tigen Dichters und der Totalitär seines Kunstwer­kes als solches, hierzu gewissenmäßig verpflichtet.

Gerade Marburgs alte Kultur- und Kunsttradi- tion verpflichtet die maßgebenden Stellen zu einer baldigen Korrektur der jetzigen Situation, damit Ne weitere, auch von uns geförderte Entwicklung her „Festspiele" nicht empfindlich geschädigt wird. Tiesonders bedauerlich ist diese Entgleisung aber auch deswegen, weil sich in dieser „Jedermann"auf- sührung" ganz hervorragende deutsche Schauspiel­kräfte bemüht haben. Das gleiche gilt von der aus­gezeichneten Regiekunst Ernst Wendig «er eins»

wohltuenden Ausgleich der sehr beengten Raum» und Bühnenverhältnisse anstrebte.

Warum man zur Aufführung dieses „Jeder­mann" die Marienkirche wählte und nicht etwa die hierfür geradezu ideal geeignete gotische Stelbühne des doch für diese Zwecke eigens errichteten Frei­lichttheaters, ist ein weiteres Geheimnis der Mar. burger Fastspielleitung. Der herangezogene Ver­gleich mit Salzburg und der Reinhardtschen Jeder- mannaufführung ist hier wegen der gänzlich unge­nügenden Raum- und perspektivischen Dehverhält- Nisse kspeziell für das Publikum, das ja doch fast mit der Nase vor der Bühn« und gotischen Fassade sitzt) an der Marienkirche keineswegs am Platze. Im Hinblick auf alle diese Schwierigkeiten berührt es den Nachdenklichen doppelt peinlich, wenn sich die Marburger Festspielleitimg in ihrer programmati­schen Einleitung des Festspielbuches den besseren „Scherz" erlaubt, von „ihrem" Jedermannspiel, „in gewisser Hinsicht einen reineren Eindruck zu .Erwar­ten, als von dem bekannten Salzburger Äufführun- qen---". „

Alem.

Die drei Taschentücher des Königs

Don

Professor Or. Th. Dolbehr

Die Chronisten aus der Zeit Ludwig XIV. von Frankreich haben uns die seltsame Mär überliefert, daß der König an jedem Morgen bei seinem Aufstehen drei wundervolle Taschentücher auf einem silbernen Tablett überreicht erhielt. Die Kulturhistoriker Frank­reichs und Deuffchlands haben sich lange den Kopf darüber zerbrochen, weshalb es gerade drei Taschen­tücher waren und warum ihm nicht eines genügte. Der König hätte bei starkem Bedarf doch jeden Augen­blick die Möglichkeit gehabt, durch einen Kammerdie­ner sich ein neues bringen zu lassen.

In dieser Dreizahl steckte aber — wie wir gleich sehen werden — ein eigenartiges Stück Sittenge­schichte. Schon zur Zeit der Römer gab es zweierlei Taschentücher: das Schweißtuch (fubartum), mit dem man sich das erhitzte Antlitz trocknete, und das Mund­tuch (orarium), daS lediglich bei der Mahlzeit als Serviette verwandt wurde. Mit diesen beiden Arten, die je nach dem Geldbeutel und der gesellschaftlichen Stellung ihrer Benutzer bald aus Seide, bald auS

ägyptischer Leinwand, bald nur aui Hanf- und Flachsgarn angefertigt wurden, behalf man sich bis in das 16. Jahrhundert hinein. Für die Nase zu sor­gen, daran dachte in all den Jahrhunderten kein Mensch. Erforderte es doch einmal der Anstand, auf die säubernde Tätigkeit der Fingerspitzen zu verzichten — etwa, wenn der Schauspieler ober Redner vor einer großen Korona von einem Schnupfen befallen wurde — dann machte man eine schüchterne Anleihe bei den Tüchern des Antlitzes und der Lippen.

Das wurde erst anders, als Jean Nicot 1560 die Tabakpflanze nach Frankreich brachte, und alS der Königin von Frankreich, Katharina von Medici, klar gemacht wurde, daß Schnupftabak ein Universalheil­mittel fei. Diese Empfehlung des „Krautes der Kö­nigin", wie man das aus der Nicotinpflanze gewon- nene „Gesundheitskraut" nannte, sorgte dafür, daß die Sitte des Tabakschnupsens sehr bald beliebt wurde; zuerst als Medikament gegen Kopfschmerzen und sonstiges Unbehagen des Leibes und der Seele, bann als reines Genußmittel. Da ber Schnupftabak nun aber bie Eigentümlichkeit hatte, die Absonderung der Rase zu vermehren, so erwies ei sich sehr bald als notwendig, für diesen besonderen Zweck ein Nasen- t u ch bei sich zu führen, ein Tuch also, daS als Mund­tuch, als Serviette ebensowenig benutzbar war, wie das Antlitztuch tm eigentlichen Sinne. Schon des­halb nicht, weil der Schnupftabak trotz aller seiner Erfreulichkeiten eigentlich eine recht unsaubere Sache war und man für diesen Zweck farbige Tücher bevor­zugen mußte. So wurde Jean Nicot der Schöpfer deS eigentlichen Rasentuches. Und am Hof, Wie in Kreisen der Hofgesellschaft suchte man etwas darin „reinliche Scheidung" zwischen den drei nunmehr er­forderlichen Taschentüchern durchzuführen. Schon im 16. Jahrhundert, mehr aber noch zur Zeit Lud­wigs X V., der das Zeremoniell bei seinem „Lever", dem Morgenempfang, aufs raffinierteste auszugestal­ten suchte, kam man dann ganz folgerichtig dazu, dem König die drei Taschentücher für die verschiedenen Be­dürfnisse auf einem Präsentierteller zu überreichen.

Selbstverständlich war die äußere Erscheinung dieser drei Tücher genau so verschieden wie die Zwecke, für bie sie geschaffen waren: das Tuch der Rase brauchte weniger ätherisch zu sein, als das wohlpar- fümierte Tuch, mit dem man daS Abtrocknen der Stirn und das Betupfen ber Wangen besorgte, und das Mundtuch mußte »ieberum seine besondere „Nuance" haben. Dar ber Grund weshalb die Tücher, bie unter bem .ammenfaflenden Namen ber „Taschentücher" aus dem 17. und 18. Jahrhundert auf uns gekommen sind, so verschiedene Charaktere haben und weshalb die Möglichkeiten zu jeder Art Lurus auf diesem Gebiete von der Mode gründlich ausgenutzt wurden.