Xr. 132 Zwanzlgster Jahrgang
Kasseler Neueste Nachnchien
Sonna-evd/Sonntag, 7./8. Juni 1930 / 2. Beilage
einer Schlägerei, in deren Verlaus der litauische Beamte seinen Revolver zog. Fritz S. schlug dem Beamten mit einem Knüppel so heftig Mer den Arm, datz er schwer verletzt wurde. Damals gelang es dem jungen Menschen, über die Grenze nach Tilsit zu kommen. Jetzt erreichte den einen von ihnen nach sechs Jahren doch das Geschick, als er sich Mer die Grenze begab. Er wurde von der Paßkontrolle in Untersuchungschaft nach Heydekrug gebracht, wo er bis zur gerichtlichen Verhandlung verbleiben muß.
Bomben Paket explodiert
Parts, 7. Juni.
Ein cm die Baronin Edouard de Rothschild adressierter dicker Brief ist heute morgen in einem Saal der Hauptpost in der Rue de l'Ouvre explodiert. Der Beamte, der mit der Verteilung der Post beschäftigt war, warf den Umschlag, der ein Buch zu enthalten schien, in den Wagen, der die Postsendungen für den Bezirk am Concorde Platz enthielt. Eine starke Detonation folgte. Mammen fliegen zur Decke auf, die elektrischen Lampen zersprangen in Splitter. Da zufällig kein Beamter in der Nähe des Wagens stand, wurde niemand verletzt. Bei der Untersuchung wurde festgestelll, daß der Umschlag einen dicken Geschästskatalog enthalten hatte, dessen Seiten entfernt waren. Zwischen die Deckel scheint eine mit Pulver gefüllte Höllenmaschine eingebaut gewesen zu sein. Die Sendung ist im Montmatre-Viertel aufgegeben. Es wird vermutet, daß der Absender die gleiche Perlon ist. die vor einiger Zeit ähnliche Sendungen an den Grafen de Vienne und den RennstotSöeptzer de Boisgelin abgeschickt hat.
Das Geheimnis
eines amerikanischen Schatztempels
, Der englische Archäologe Dr. Thomas Gann, der hervorragende Kenner der vorkolumbischen Kulturen, ist jetzt nach langen Vorbereitungen aufgobrochen, um die vielbesprochene Tempelruine im Peten-Gsbiet von Guatemala auszusuchen, die nach den Sagen der Ma- va-Jndianer den verschollenen RiesenschatzMon- tezumas, des letzten Kaisers von Mercko, bergen soll. Der Ichatziempel, der seit vielen Jahrhunderten in den Tiefen des Urwalds und der Sümpfe verborgen liegt, ist schon einmal 1867 von dem Engländer
John Carmichael gesucht worden, dem zwei Peten» JMianer Goldschmuck aus der Mayazeit brachten, den sie in den Sümpfen gefunden hatten. Aber Carmichael starb, bevor er den Tempel entdeckt hatte. Auch Dr. Gann hat bereits zwei vergebliche Expeditionen unternommn. Diesmal aber hofft er mehr Glück zu haben, denn er hat genauere Kunde Mer die Lage des Tempels von einem alten Indianer in einem Dorf an der Grenze von Guatemala erhalten, der sich erinnerte, daß in der Nähe des verlassenen Dorfes, in dem er seine Kindheit verbrachte, sich tief im Urwald ein See befindet, an dem die Ruinen eines großen Tempels liegen. Der Indianer wird ihm als Führer dienen, nachdem er von der Regierung von Guatemala die Erlaubnis erwirkt hat, auf ihrem Gebiet die Forschungen und Grabungen veranstalten zu ibnrfen.
Steine Lhrvnik
Zeitgemäße Bettler müflendie beide« Burschen fein, die man kürzlich in dem pommerschen Städtchen Damgard erwischte, wobei man feststellte, daß sie ihre Betteltouren per Motorrad absolvieren. Das Rad stellen sie in einem Wirtshaus ein, wenn sie in einen Ort kommen, und gehen dann mit unverbrauchten Kräften an die Arbeit.
Einen Zoo auf Reparatßvnskoivto will sich Paris zulegen; einer der Brüder Hagenbeck ist nach Paris berufen, um Pläne für den Umbau des .Jardin des Plantes" nach dem Muster des Tierparks Stellingen auszuarbeiten.
Der schnell st e Zug der Welt fährt jetzt in Kanada und verkehrt auf der Strecke zwischen Montreal und Toronto, wobei er nach dem neuen Fahrplan unter Verivendung stärkerer Lokomotiven 535 Kilometer in 6 Stunden zurücklegt.
Der Beweis für die Erdumdrehung, der sog. Foucaultsche Pendolversuch soll in Wien, in der Kuppel des naturhistorischen Museums mit einem 42 Meter langen und 180 Kilogramm schweren Pendel zu einer ständigen Einrichtung des Museums geuracht werden Bekanntlich bleibt die Schwingunzsebene eines Pendels im Raum immer dieselbe, so daß infolge der Erdumdrehung eine ent« sprechenoe Veränderung der Schwingungsebene den handgreiflichen Beweis für die Tatsache der Erddrehung liefert.
„Graf Zeppelin" daheim
27000 Kilometer zurückgelegt
Friedrichshafen, 7. Juni.
Das Luftschiff »Graf Zeppelin", das am Donnerstag um 18,40 in Sevilla aus gestiegen war, ist Freitag um 19,20 Uhr in Friedrichshafen glatt gelandet und hat damit seine große Südamerikaretse beendet. Das Luftschiff erschien um 17,13 bei strahle idem Abendsonnenglanz über Friedrichshafen. Auf dem Werftgelände und um den Landungsplatz harte sich eine riesige Menschenmenge angesammelt, die mit dem Sichtbarwerden des Luftschiffes in begeisterte Hochrufe ausbrach. Der Landungsplatz selbst war von einem starken Aufgebot von Schutzpolizei ab gesperrt. Langsam näherte sich »Graf Zepneltn" der Luftschrffhalle. Aus der Gondel winkten die Passagiere. Die Glocken läuteten dem heimkehrenden Luftschiff den Willkommensgruß zu. Nach und nach wurden die Motoren abgestellt. Langsam senkte
sich das Luftschiff, das die Haltemannschast sogleich in die Halle zogen.
Das Luftschiff, das am Sonntag, dem 18. Mai, nachmittags um 5,18 in Friedrichshafen gestartet war, ist also 19 Tage unterwegs gewesen und hat rund 27000 Kilometer zurückgelegt. Es har damit eine Leistung vollbracht, die der auf seiner Weltreise vom vorigen Jahre nicht nachsteht.
Auf der letzten Etappe der Fahrt von Sevilla führte der Kurs des Luftschiffes über die spanische Küstenstadt Alicante, die Insel Maiorca, Kap Sebastian nach Marseille, das um 11,15 Uhr erreicht wurde. Von da nahm das Luftschiff seinen Weg durch das Rhonetal, überflog um 12 Uhr Avignon und um 13,25 Uhr Valence. Da aus der Gegend von Lyon Gewitter gemeldet waren, änderte das Luft- schiff dann seinen Kurs, um die Gewittergegend zu umgehen. Um 18,10 Uhr passierte es Zürich.
Der Kanal wird nicht untertunnelt
Es gibt gewisse Pläne, die von Zeit zu Zeit immer wieder austauchen uni) die Gemüter in Bewegung setzen. Dazu gehören u. a. die Verwandlung der Sahara in einen riesigen afrikanischen Binnensee und die Untertunnelung des Kanals zwischen England und Frankreich. Wirtschatfliche u. technische Ideologen feie die politischen Zusammenhänge und Schwierigkeiten nicht beachten, treten dann mit ihren Berechnungen hervor und weisen nach, wie schön unb billig es doch sei, wenn man in etwa fünfzig Minuten Tunnelfahrt von Calais nach Dover fahren könne, während man jetzt eine umständliche Schiffahrt benötige, die das Vielfache an Zeit beanspruche und bei schlechtem Wetter unterbrochen werden muffe. Schon einmal, vor etwa fünfzig Jahren, unternahmen einige kapitalkräftige Engländer von sich aus den Versuch, einen Tunnel zu bauen. Sie trieben in der Nähe von Dover einen Stollen in die Kreidefelsen und gelangten auch tatsächlich ein Stück unter den Meeresspiegel. Sei es aber, daß chnen das Geld ausging, oder daß die Regierungen von England unb Frankreich sich der Fortnibrung des Planes entaepen-. stellten: der Tunnel blieb ungebaut und noch heute kann man den Eingang in den Versuchsstollen scheu.
Ms vor etwas Ober einem Jahre die Regierung Macdonald in England zur Herrschaft kam, glaubten alle Kanal-Fanatiker, datz nun der Augenblick gekommen sei, wo die politischen Schwierigkeiten nicht mehr den Ausschlag geben würden. Es bildete sich ein sogenannter Kanal-Ausschuß aus Politikern und Technikern, der die Pläne für den Bau des Tunnels bitz ins kleinste ausarbeitete unb sie dem Unterhaus zur Entscheidung übergab Aber Macdonald ha sich ja überhaupt nicht als ein sonderlicher Vorkämpser der internationalen Verständigung unb Abrüstung erwiesen. Es ist daher nicht verwunderlich, wenn er die Entscheidung fällte daß der Kanalüiunel nicht gebaut wird. Er beruft sich in seiner Entscheidung auf ein Gutachten des Reichsverteidigungsausschusses. Da ein Tunnel Mischen Frankreich und England keinerlei militärische Bedrohung für eines der beiden Länder barstellt, weil ja ein solcher Tunnel in wenigen Minuten unter Wasser gesetzt werden könnte, bleibt also nur die Auffassung übrig, daß England von Anfang an entschlossen war, diesen Tunnel nicht zu bauen. Die Reisenden werden also weiterhin sich bet schlechtem Wetter die Seekrankheit holen und nicht in behag- * sicher Untergrundbahn das Meer unterfahren.
■
-<■ ■■«■■■ ni
S '»< A,--. -MWM-
-
.W
I I
W
■ F
Oer Harburger Oelfabrik-Branö
Ein Großfeuer brach in der am Harburger Seehafen gelegenen Oelfabrik Dhörls aus, zu dem zahlreiche Hamburger Löschzüge alarmiert wurden. Der Brand, der an den Oelkuchenvorräten reiche Nahrung fand, richtet schweren Schaden an. Im Bild: Del säff er, die zum Teil äusliesen und fließend weiterbrannnten.
Tragödie im Berliner Lunapark
Berlin, 7. Juni.
Gestern abend ereignete sich im Lunapark ein aufregender Vorfall. Der 27 Jahre alte Elektromonteur Fritz Bestes gab in einem Kahn auf dem Halensee auf seinen Kameraden, den 28 Jahre alten Monteur Erwin Sötte, vier Schüsse ab, durch die Sötte lebensgefährlich verletzt wurde. Bestes brachte sich darauf einen Kopfschuß bei und sprang, während er die Waffe noch abdrückte, in den Halensee. Kurze Zeit später wurde er als Leiche geborgen.
Die grauenvolle Tat geschah, als der Betrieb im Lunapark auf dem Höhepunkt war. Das Publikum stob in panikartigem Schrecken auseinander. Die Motive für die Tat sollen in Eifersucht zu suchen sein.
Um 29 Mark das Leben verpfuscht
Köln, 7. Juni.
Vor dem Großen Schöffengericht in Köln wurde ein Wjähriger Postschaffner, der sich seit 13 Jahren im Dienste der Reichspost vorwurfslos geführt hatte, wegen Amtsunterschlagung in Tateinheit mit gewinnsüchtiger Urkundenvernichtung ’ur gesetzt. Mindest
strafe von einem Jahr Zuchthaus und einer Gel
strafe von 30 Mark verurteilt. Gleichzeitig wurde chm die Fähigkeit zur Bekleidung eines öffentlichen Amtes auf die Dauer von drei Jahren aberkannt. Der Angeklagte, sonst im Innendienst beschäftigt, hatte einen Postschaffner währeM dessen Ferien vertreten und hatte sich bei dieser Gelegenheit eine Postnachnahme über einen Betrag von 29 Mark angeeignet. Nach Vorzeigung der Nachnahme beim Adressaten hatte er die Zahlkarte abgetrennt und vernichtet. Ten erhobenen Betrag steckte er in die eigene Tasche. Das Gericht sah keine Möglichkeit, den Angeklagten von der Bestimmung des Paragraphen 349 StGB, zu befreien, der eine Minbestzuchlhausstrafe von einem tabre verliebt für den i*>am en. der n* eine ihm anvertraute oder ihm zugängliche öffentliche Ururtbe aneignet und vernichtet, um sich widerrechtlich einen Vorteil zu verschaffen
Aach sechs Jahren verhaftet
Tilsit, 7. Juni.
Dieser Tage erfolgte an der Paßkontrolle bei Tilsit die Verhaftung eines frMeren Memelländers Fritz S., der seit einigen Jahren in Tilsit wohnt. Diese Verhaftung ist insofern ungewöhnlich, als die Ursache dazu bereits sechs Jahre zurückliegt. Auf einem litauischen Fest hatten mehrere junge Leute versucht, deutsche Lieder zu fingen, was chnen von den lttau- i-ischen Polizeibeamten verboten wurde. Es kam zu
Lügen auf Rügen
Ein humoristischer Roman * von DOLLY BRUCK 15
dachte Lilo entsetzt — „Sagen Sie chm, et möchte in einer halben Stunde Miederkommen!" —
In fliegender Hast zog sich Lilo an. Wenn Herr Wieruszower wieverkam, mutzte sie ja das Haus schon Verlagen haben. Mochte er dann so beleidigt sein, wie er wollte, — das war immer noch besser, als durch seinen Besuch als das Kletnstadtmädel aus Muckenhausen vor sämtlichen Gästen der Villa Seeblick entlarvt zu werden!
Herr Wieruszower aber halte auf den Bescheid dem Zimmermädchen erklärt, er werde dann so lange warten, bts Fräulein Dornacker herunterkäme, und es hatte sich in dem kleinen Salon neben dem Speisezimmer gemütlich gemacht. —
Er batte etwa eine Viertelstunde dort lesend zugebracht, da öffnete sich die Tür. Herrn Wiernszower wich die Farbe aus dem Gesicht: lieber die Schwelle trat feine grau mit einem großen Blumenstrauß in der Hand.
,^James! Ja, was machst du denn hier?" rief grau Goldele. Keinerlei Verdacht, sondern nur höchstes Erstaunen lag auf ihren Zügen. — Es war ein Glück für Herrn Wiernszower, daß er gerade dem Fenster den Rücken kehrte unb sein Gesicht im Schatten lag. So konnte seine grau, vom Licht geblendet, nichts von feinem Erblassen hemerken.
„Wer, ich? — Was ich hier mach? — Nu, was werd ich machen? Ich will machen hier . . . nen Besuch will ich machen . . . bei . . . beim Kronprinzen von Afghanistan."
„Aber, James wieso? Du kennst'« doch gar nicht!"
„Nu, werd ich ihn kennenlernen! Ich hab mir gedacht, so Leute kann mer immer mal brauchen."
„Na, so ne Cbutzbe iS mer doch nich vorgekommen!" rief Frau Goldele voller Bewunderung. „Und ich wollte gerade der Li d'Orna ein paar Blumen bringen! — Nn, das iS nich schlecht! Warten wir also zusammen!"
Herrn Wiernszower wurde abwechselnd heiß und falt. Jeden Augenblick konnte Lilo Dornacker eintreten! Sie würde ihn wie einen guten alten Bekannten begrüßen, und da Goldele sehr eifersüchtig war, würde das entsetzliche Folgen haben.
Verzweifelt sann WieruSzower auf einen Ausweg. Da kam ihm eine gute Idee: Er sah plötzlich hastia nach der Uhr.
„Was iS. James?"
„Mir fällt ein, ich muß ein Telegramm aufgeben! Komm mit, Goldele! Wir können dann ja wieder hergehen."
„De Post iS bis zwölf offen. Was für ’ne Hast?" meinte Frau Goldele gelassen, -----.
„Ach, ich hab' mtch gefreut, dich vorzustellen dem afghanischen Thronfolger und der Li d'Orna," sagte Frau Wieruszower ettoaS verdrießlich. „Und nu höre ich, datz sie sind nach Satznitz gefahren."
„Die auch?"
„Wieso auch? Wer iS noch gefahren nach Satznitz?"
Wieruszower war nur für einen Augenblick verwirrt über seine unbedachte Bemerkung. Dann sagte er ruhig: „Im Cafe hab' ich gehört, oatz halb Binz heute is gefahren nach Satznitz. Da wird wohl im Kursaal nich viel los sein. Von wo weißte übrigens, datz die beiden sind in Satznitz?"
„Ich hab' angerufen bet der Li."
„Was? Biste schon so intim mit ihr?" fragte Wieruszower höchst interessiert, denn er war sehr stolz aus Goldeles gesellschaftliche Talente.
„Nich grad intim. Aber ich hab' doch angerufen, damit wir eben werden ä bissel intimer."
„Wo wohnt se denn, die d'Orna?"
„In Villa Seeblick "
„Was? Die auch? entfuhr eS abermals Herrn Wieruszower.
„Wieso auch?"
Wieder fatzte er sich schnell: „Nu, weil der Prinz doch auch dort wohnt. Das weiß mer doch in ganz Binz!"
„Mer weiß noch mehr, James", sagte Fran Gol- dele geheimnisvoll. „Aber mer soll nich drüber reden: Der Prinz geht um mit der Absicht, sich zu verloben mit der d'Orna. Die wird also mal lverden Königin von Afghanistan! — Ja, was man per Film heutzutage alles kann erreichen!"
„Von wo weißte das, Goldele?"
„Von ner Dame, die auch in der Villa Seeblick wohnt und die Vertraute is vom Prinz, — ein gewisses Fräulein Junghähnel. Se ts zwar ä bissel meschugae, aber se is gut orientiert." —
Am Sonntag, gegen zehn Uhr morgens, klopfte es an Lilos Tür. Sie fuhr aus dem Schlaf empor.
irga! — Wie spät ist es?" — Sie hatte nämlich am frühen Morgen schon wieder Binz zu einem Ausflug verlassen wollen, um Herrn Wieruszower zu entgehen, war aber nach dem Wecken um acht Uhr wieder eingeschlafen. —
„Gleich zehn Uhr, gnädiges Fraulein,' antwortete die Stimme des Zimmermädchens. „Unten ist ein Herr, der Sie zu sprechen wünscht. Ich habe hier die Karte." _ ,
„Wie heißt er denn?" fragte Lilo verängstigt.
„Wie—ruS—zo—wer," buchstabierte das Zimmermädchen mühsam zusammen.
„Um Gottes willen! Wie werde ich den jetzt los?."
„ES iS mer aber eilig!" Er erhob sich entschlossen „Hast du dich denn schon anmelden lassen bei der Li d'Orna?"
„Nein. Das Mädchen hat gesagt, se wird sowieso gleich runterkommen."
„Nu also! Dann kannste doch mich begleiten zum Postamt!" Wieruszower hatte nur den einen Gedanken, schnell mit seiner Frau aus der Villa Seeblick herauszukommen, ehe Lilo Dornacker aus der Bildfläche erschien.
„Nu, is recht", sagt Frau Goldele gutmütig, und trat mit ihrem Gatten aus dem Salon wieder auf den Korridor hinaus.
In demselben Augenblick stürmte Lilo die Treppe hinunter, um das Haus schnell zu verlassen. Sie prallte fast mit dem Ehepaar Wieruszower zusammen. Vor Schreck erstarrt blieb sie stehen: Nun war die Bescherung da! Mein Gott, was sollte sie nun sagen? ES gab nur eine Entschuldigung: daß sie niemals behauptet ober auch nur zugegeben habe, Li d'Orna zu sein! Aber die ungeheure Blamage blieb!
Herr WieruSzower stand gleichfalls wie gelähmt: Nun würde dieses verdammte Mädel, diese kleine Dornacker, gleich vergnügt rufen: „Guten Tag, Herr WieruSzower, das ist nett, datz Sie da sind!" — Er warf Lilo einen verzweifelt bittenden Blick zu, dem ein schnelles Blinzeln in der Richtung nach seiner grau folgte. Hoffentlich würde sie diesen Blick verstehen und so tun. als kenne sie ibn nicht!
Da aber geschah etwas so Unerhörtes, datz Herrn WiernSzower völlig wirr im Kopf wurde: Seine Frau streckte dieser Lilo Dornacker den Strautz entgegen und Tief:
„Guten Morgen, Perehrteste! Ich komme, um mich nach Ihrem werten Befinden zu erkundigen. Und zugleich möchte ich Ihnen jemanden vorstellen: Mein Mann — Fräulein Li d Orna."
Wieruszower sah, wie sich ihm eine leicht zitternde Hand entgegenstreckte, und hörte eine leicht zitternde Stimme sagen: „Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen, Herr WieruszMver! Aber bitte, treten Sie doch näher, meine Herrschaften!"
Hinter den Damen her taumelte James Wieruszower in den Salon zurück. In seinem Kopf drehte es sich, wie ein Propeller: „Bin ich meschugge — oder ist meine Frau meschugae — oder ist die kleine Dornacker meschugge — oder sind wir alle meschugge? Ist sie wirklich Li d'Orna oder eine Schwindlerin? — Er hörte kaum etwas von der belanglosen Konversation. die nun begann. — antwortete und fragte mechanisch Belanglosigkeiten.
Dann hörte man Gul Asims Stimme nebenan im FrühstückSzimmer. „Ah — der Prinz!" sagte Frau Wieruszower voller Ehrfurcht. Und Lilo mußte chn hereinrufen und mit Herrn Wieruszower bekanntmachen.
Die platte Unterhaltung über alles und nichts begann von neuem, bis sie durch das Telephon unterbrochen wurde. Der Apparat war in einer kleinen Lijche zwischen Salon unb Speisezimmer angebracht.
Ein Kellner, der mit Abdecken beschäftigt war, trat heran:
„Hier Villa Seeblick! — Wie? Ich verstehe nicht. — Herr Klinglmair? — Ah so? Stieglmair. Ja, wen wünschen Sie denn zu sprechen? — Jawohl, einen Augenblick!"
Der Kellner näherte sich Lilo: „Ein Herr Stieglmair aus Berlin, Hotel Bristol, wünscht Fräulein Li d'Orna zu sprechen."
Lilo fühlte sich am Ende ihrer Kräfte: das war ja der fremde Herr, dessen rätselhafte Karte sie unbeantwortet gelassen hatte! Mein Gott, nun kam ihr der auch noch auf den Hals! Und sie sollte nun „in Gegenwart der anderen als „Li d'Orna" mit ihm reden! — Noch eine Sekunde zögerte sie, ob sie nicht dem Kellner sagen solle: „Ich bin nicht zu sprechen." Aber dadurch hätte sie sich am Ende verdächtig gemacht, und dieser schreckliche Mann würde dann viel- licht selbst hier auftauchen, und ...
Mit wankenden Knien trat sie an den Apparat: „Jawohl, hier, Li d'Orna. Sie wünschen? — — Ja, ich habe die Karte bekommen, aber ... ich.., ich hatte, weiß Gott, keine Zeit, zu antworten. — — So, so! Ja, natürlich, baS wird mich sehr interessieren. --Wann? Morgen wollen Sie hierher
kommen? Hm, ja. Aber . . . wissen Sie .... eS würde mir lieber fein, wir würden uns vielleicht wo anders treffen, — nicht hier in Binz. — — Nein, ich meine nur, bei dem schönen Wetter sitze ich nicht gern zu Hause.--Wie? Ich soll Vorschlägen? --Gut, dann schlage ich vor ... . um
halb fünf Uhr zum Kaffee in der Waldhalle. Da ist es sehr schön. Herrliche Aussicht vom Hochufer auf die See.--Nein, mit dem Auto können Sie da
nicht hinkommen. Sie müssen schon ein Stück zu Fuß gehen. ES liegt zwischen Binz und Sellin. — — Also abgemacht! Auf Wiedersehen, Herr Stieglmair!"
Halb ohnmächtig kehrte Lilo zu den andern auf ihren Platz zurück, und die Hände gegen die Stirn pressend, sagte sie: „Mein Gott, nickt mal in der Sommerfrische lassen mich die Leute in Ruhe!"
(Fortsetzung folgt.)
^tiZdkkathreiner ?
— zur Hälfte öoppelstarker LLLremV-zurtzälfteMlch/ Ob heiß ober gefügt
gleichkWch/