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Kaffeier Abendzeitung

20. Jahrgang

Gonnabend/Sonntag, 7./8. Juni 1930

Nummer 132

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Kasseler Neueste Nachrichten

Hessische Abendzeitung K

Geringe Aussicht für Annahme des Notopfers

Vorwiegend ablehnende Haltung der Parteien / Prinz Carols plötzliche Heimkehr / Rumänien noch ruhig

Parteikritik am Notopfer

(Son unserer Berliner Schriftleitung.)

Mehr Frieden!

Kämpfe, Konflikte und Krisen gehören zu dem Betrieb der Wintersaison, der politischen und gesellschaftlichen. Im Sommer will der Mensch ausspannen. Soll nicht auch die Menschheit eia bischen Sommer haben und ein bischen ausspannen können, insbesondere die sorgen« gequälte deutsche Menschheit? Mehr Frieden! Ist das nicht das Gebot des Sommers? Unser Berliner Mitarbeiter Bens Kraus erhielt auf diese Frage die nachfolgenden Ant­worten und Erklärungen von bekannten Staatsmännern, Dichtern und Gelehrten

Die neuen, vom Kabinett angenommenen Gesetz­entwürfe zur Hebung des Defizits (Einzelheiten siehe 2. Seite!) werden heute dem Reichsrat zugeleitet. Offizielle Verhandlungen mit den Parteiführern ha­ben noch nicht stattgefunden, sondern nur eine unver­bindliche Fühlungnahme der einzelnen Minister mit ihren Parteifreunden. Das Ausgabensenkungsgesetz, durch welches das Kabinett seinen Sparwillen in großzügigster Form dokumentieren will, wird erst nach Pfingsten vom Kabinett verabschiedet und dann an den Reichsrat gesandt. Schon vorläufig will man in der Verwaltung mit dem Sparprinzip ernst machen, und freiwerdende Planstellen bei den Ressorts nur aus­nahmsweise wieder besetzen. Alle diese Dinge weiden aber zunächst sicher nur als Beiwerk empfunden wer­den, und man wird sich in der zweiten Hälfte Juni zu­nächst auf einen sehr heftigen Kampf im Parlament und in der Oeffentlichkeit um die außerordentlich hohe Sonderbelastung gefaßt machen müssen, die jetzt der Beamtenschaft und einem Teile der Angestelltenschaft von der Reichsregierung zugemutet wird.

Angesichts der außerordentlich schwer zu über­blickenden Einzelheiten und des großen Umfanges des Finanzprogramms ist es nicht verwunderls^i, daß vor­läufig noch wenig abgeschlosiene Urteile uns Meinun­gen in der Parteipresse über die neuen Vorschläge des Kabinetts vorliegen. Von den Presiestimmen, die bis jetzt vorhanden sind, seien folgende hervorgehoben:

DerTag" sucht im Sinne Hugenbergs eine Verbindung zwischen dem neuen Steuerprogramm und dem Poungplan herzustellen und schreibt u. a., die Pa­role des Reichsfinanzministers laute nicht:Die Tri­bute zwingen uns zum Weißbluten durch diese neuen Steuern", sondern vielmehr:Die Reichshilse bringt den Lohn- und Preisabbau in Gang, und dann wird auch die Arbeitslosigkeit schwächer werden." Das Blatt bemerkt dazu, der Finanzminister vergesse dabei nur das eine, daß

schon weiteste Kreise angesichts dieser Steuer­schraube ohne Ende allmählich die Geduld ver­lieren und nicht mehr den Glauben daran Haden, daß sie für eine bessere deutsche Zukunft opfern, sondern, daß sie für die Fehler einer schlechten Führung zahlen.

Ein sehr scharfes, abweisendes Urteil fällt die Deutsche Tageszeitung", die u. a. schreibt: Das ganze Programm krankt an einem absoluten Mangel schöpfe­rischen Wiederaufbauwillens und an Ideen über­haupt. Es ist Laienarbeit, die in erschreckendem Maße wirtschaftliche Kurzsichtigkeit und sozialpolitische Einseitigkeit in sich trägt und in dieser Form ganz und gar ungeeignet ist, eine dauernde Gesundung un­serer Finanzen und unserer Wirtschaft zu bringen.

Im Zentrum herrscht vorläufig noch vorsichtige Zurückhaltung, und dieGermania" beschränkt sich demgemäß auf die Wiedergabe der von den Ministern Stegerwald und Moldenhauer gegebenen Infor­mationen.

Die demokratische Presse druckt im wesent­lichen die Aeußerungen des demokratischen Zeitungs­dienstes ab, welcher darauf hinweist, daß

in demokratischen Kreisen »ie schwersten Bedenken

bestehen, und daß man vor allem die soziale Unge­rechtigkeit des Notopfers bedauere. Außerdem findet man bei den Demokraten, daß angesichts der riesigen Neuanforderungen eigentlich auf einschneidende Spar­maßnahmen verzichtet worden sei, und daß die jetzigen Zwischenvorschläge in einem aufiallenden Gegensatz zum Notopfer stehen.

Sehr eingehend befaßt sich die Sozialdemo­kratie mit dem neuen Steuerprogramm, und der Vorwärts" bemüht sich demzufolge ofienfichtlich, diesen Vorschlägen sachlich und objektiv gerecht zu wer­den und nicht, wie es bei Oppofitionsblättern manch­mal vorkommt, die Regierungsvorschläge von vorn­herein in Bausch und Bogen zu verurteilen. Das Blatt weift besonders auf die geplante Reform bei der Krankenversicherung hin und erklärt, daß eine Ein­schränkung der Leistungen für die Kranken denselben Widerstand finden werde wie ein Abbau der Leistun­gen in der Arbeitslosenversicherung. Ob und inwie­weit durch die angekündigten Maßnahmen die Bele­bung der Wirtschaft erreicht und für bte Arbeitslosen Beschäftigung beschafft werden kann, steht noch dahin, aber es ist bemerkenswert, daß der .^vorwärts" es ausdrücklich begrüßt, daß man die Aufnahme aus­ländischer Kredite zugunsten der öffentlichen Hand jetzt fordern will, die man Jahre hindurch zu erschweren gesucht hat. 3m übrigen jedoch schließt sich der vor­

wärts" vollkommen dem Ton der anderen Stimmen an, die abgesehen von Zustimmung oder Ablehnung fast alle darin einig sind, daß es

außerordentlich fraglich sei, ob und wie bte Re­gierung für dieses Programm eine Mehrheit i« Reichstag finden werd«.

positive Verhandlungen zwischen Industrie und Gewerkschaften

Die Verhandlungen der Vertreter des Reichsver­bandes der Deutschen Industrie und der Vereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände mit den Führern der drei Gewevkschaftsrichtungen sind gestern fortge-- führt worden. Die Arbeitgeberseite legte neue Vor­schläge vor. Von beiden Seiten wird uns versichert, daß die gestrige Besprechung einen durchaus günstigen Verlauf genommen habe. Sie werde in der Mitte oder zweiten Hälfte der nächsten Woche fortgesetzt werden, und es wird als durchaus wahrscheinlich be­zeichnet, daß sie dann bereits zum Abschluß kommt. Das Verhandlungsgöbiet umfaßt nicht nur das Pro­blem der Preis- und Lohnsenkung, es, wird vielmsbr eine Einigung auch über alle Fragen erstrebt, die der Wiederankurbelung der Wirtschaft und damit der Uöberwindung der Arbeitslosigkeit im Wege stehen.

Bombay, 7. Juni.

Ein Aufgebot von 350 Polizisten unter Führung von 30 europäischen Polizeioffizieren unternahm eine Razzia gegen das Hauptquartier des indischen Natio- nalkongresies. Die Polizei verhaftete sechs Mitglieder desKriegsrates", darunter den Vorsitzenden Iashi, und beschlagnahmte eine Anzahl Dokumente. Es ist dies die dritte derartige Razzia seit Beginn des Gandhi-Feldzuges.

Entsprechend dem Beschluß des Kriegsrates des Nationalkongresies begann heute das Boykott-Posten- stehen vor den zwölf europäischen Läden im Festungs­bezirk. Dor jedem nahmen zwei Freiwillige Auf­stellung. Sie forderten die indischen Käufer auf, die Läden nicht zu betreten, ließen aber europäische Kun­den unbehelligt. Diese Maßnahme ist vomKriegs­rat" als Antwort auf die Verordnung des Vizekönigs gedacht, durch die solches Postenstehen verboten wurde. Einer Meldung aus Dharasana zufolge, versuchten 167 Freiwillige aus verschiedenen Teilen des Landes einen neuen Angriff auf das Salzlager. Die Polizei unternahm einen Angriff mit Bambusstäben und ver­trieb die Freiwilligen.

*

Verluste in den Grenzkämpfen.

London, 7. Juni.

Bei den Kämpfen der englischen Truppen mit be­waffneten Afridis, die den Vormarsch auf die Grenz­stadt Peschawar angetreten hatten, sind vier englische Soldaten getötet und drei verwundet worden. Die Verluste der Afridis sind unbekannt. Die Eingebore­nen sollen von den englischen Truppen zerstreut wor­den sein. An der Grenze von Belutschistan sind ein englischer Major, ein englischer Hauptmaann und des­sen Gattin von Eingeborenen in einen Hinterhalt ge­lockt und über die Grenze entführt worden.

Was plani Prinz Carol?

plötzliche Ankunft in Bukarest

Das Heer ist begeistert

Bukarest, 7. Juni.

Prinz Carol ist gestern abend hier eingetroffen. Angesichts der Rücüohr Carols ist das Kabinett noch gestern zu einem Ministerrat Msammengetreten, der, in ständiger Verbindung mit dem Prinzen, die ganze Nacht hindurch beriet. Für heute ist eine Sitzung der Constituante angefetzt, die über die erforderlichen Be­schlüße und insbesondere über die Thronrechte des

Arbeit... der Adel unserer Zeit

Von

Geheimrat Professor Dr. Adolf von H a r n a ck-Berlin, Präsident der Kaiser-Wilhelm-Eesellschaft.

Man wird unsere Zeit und ihre Wirren erst aus der Entfernung von Jahren gerecht beurteilen können. Gewiß, es ist eine aufgeregte und lärmende Zeit. Es will mir aber doch scheinen, als würde der Lärm un­serer Tage vom deutschen Arbeitsrhythmus übertönt werden. Die Gebildeten im Lande find unablässig schaffend und forschend bemüht. Wichtiger erscheint mir das hohe Arbeitsethos, das durch alle Schichten, durch die breitesten Massen des Volkes geht. Wie klein nehmen sich doch, an der Größe dieses Arbeitsrhythmus gemesien, die Tagesstreitigkeiten aus! Unsere Zeit ist vielleicht doch beste, als der Ruf, den Kampf und Wirren ihr machen. Gewiß, das Echo dieser Kämpfe und Wirren klingt nicht immer erfreulich. Aber

Prinzen Carol, die durch das Gesetz vom 4. Januar 1926 aufgehoben wurden, beraten soll. In politi­schen Kreisen erwartet man, daß Carol vorerst nur anstelle des Prinzen Nicolaus in die Regentschaft eintreten wird. Die Frage seines Vevhältnisies zu seiner Gattin bleibt besonders zu regeln; wie erinner­lich, hat die Königin-Mutter immer erklärt, daß sie dem Prinzen Carol keinerlei Hinderniste in den Weg legen wolle, aber auch nicht geneigt sei, einen gemein­samen Haushalt wieder aufzuneihmen.

Im ganzen Lande herrscht vollkommene Ruhe. Alle militärischen und zivilen Behörden halten sich der Regierung zur Verfügung. In der Armee wurde die Nachricht von der Rückkehr des Prinzen mit Begeiste­rung ausgenommen. In der Oeffentlichkeit wird bte Tatsache nur als Verwirklichung einer längst erwar­teten Lösung angesehen, in politischen Kreisen wird Manius meisterliche Regie lebhaft besprochen/ Die telephonischen und telegraphischen Verbindungen mit dem Auslande wurden über Nacht eingestellt.

Einsteins neue Entdeckungen

London, 7. Juni.

Professor Einstein kündigte in einem Vortrag an der Universität Nottingham an, daß er vor der Ent­deckung einer Reihe von neuen Theorien stehe, wo­nach der Raum die Grundeinheit bildet, von dem alle Materien und Weltphänomene abgeleitet werden. Ein Teil seiner Kollegen beurteil'' seine Ansichten als ver­rückt, aber er habe volles Vertrauen in die von ihm durchgeführten Forschungen, und er sei überzeugt, daß ein Erfolg doch anzunehmen fei. Die während des Vortrages durch Prof. Einstein beschriebene Tafel, die von dem Gelehrten unterzeichnet wurde, ist von der Universität als Andenken aufgehoben worden.

Schweres Autounglück.

Paris, 7. Juni.

Ein schweres Autounglück ereignete sich in der Nähe von Angers. Ein mit 15 Personen besetzter Lastwagen wurde in voller Fahrt von einem anderen Auto gerammt und überschlug sich. Der Führer des Kraftwagens war auf der Stelle tot, zehn Insassen waren so schwer verletzt, daß sie sofort ins Kranken­haus überführt werden mußten.

stärker noch klingt der Widerhall deutscher Arbeit, die der Adel unserer Zeit ist.

Staatsgesinnung über partetgeifi

Von

Reichskanzler a. D. Dr. Wilhelm Marx-Köln.

Das öffentliche Leben in Deutschland leidet schwer unter den Auswüchsen des politischen und geistige« Radikalismus. Diese« zu steuern, ist eine der vor­nehmsten Aufgaben im Dienste an Deutschlands Wie­dergenesung. Es gilt, hemmungslosen Parteigeift und schrankenlosen Parteiegoismus zu überwinden. Es geht nicht an, daß die Parteien einander immer wie feindliche Heerhaufen gegenüberstehen sollen. Der Weg zur allgemeinen Gesundung in Deutschland kann allein über die Erweckung wahrer Staatsgesinnung führen. Wir haben immer wieder in unzähligen Re­den und Aufsätzen verlangt, daß im Bewußtsein der deutschen Oeffentlichkeit diese wahre Staatsgefinnung die Oberhand gewinne über jeglichen kleineren und kleinlichen polittschen Gesichtspunkt. Gewiß muß noch ein ungeheures Stück Aufklärungsarbeit geleistet wer­den, ehe das deutsche Volk sich selbst wiedergefunde« hat. Man möchte beinahe sagen, daß wir die Demo­kratie zu früh empfangen haben. Nicht, als hätten wir sie erst für später gewünscht. Was wir aber ge­wünscht hätten, das ist eine bessere Vorbereitung der deutschen Oeffentlichkeit auf ihre demokratische Sou­veränität. Diese früher versäumte Vorbereitungs­arbeit heute oder morgen nachzutragen, mag der tie­fere Sinn deutscher Politik sein. Ueber Entgiftung der Parteikärnpfe muß Deutschland zur friedlichen Ver- einigung in selbstverständlicher und phrasenloser Staatsgefinnung gelangen.

Menfchen-Oekonomie

Von

Professor Dr. Willi H e l l p a ch - Heidelberg, ehemaligem Staatspräsidenten und Reichstags- abgeordneten.

Warum gehen unsere Politiker nicht angeln? Es ist das eine sehr ernste Frage: die Frage der Menschen­ökonomie. Man braucht gar nicht aus Stresemanns tragisches Schicksal zu verweisen, um zu erkennen, wie fürchterlich rasch der Betrieb unseres öffentlichen Le­bens dessen Protagonisten verbraucht Schon mit fünfzig Jahren find die Männer, die im Vordergrund stehen, beinahe alle schwer leidend und nur noch ge­mindert arbeitsfähig. Das ist bei dem Leben, das sie Saison für Saison, Jahr für Jahr führen müssen, kein Wunder. Unser Reichstag tagt von Montag bis Sonnabend. Es gibt kein Wochenende und kein Aus­spannen. Es gibt natürlich auch keinen freien Sonn­tag, denn dieser Sonntag ist mit Reden und Versamm­lungen im Wahlkreis mehr als besetzt. Es gibt keinen Ausflug, keine Stunde im Grünen, keinen Abend bet der Familie. Schaudernd denkt jeder des letzten Dinerwinters. Es wird Mißbrauch getrieben mit der physischen Kraft des deutschen Politikers. Chronische Nervenüberreizung und das ist kein Scherz chronische Magenverstimmung erschüttert die Widerstandsfähigkeit eines jeden. Dabei gibt es kaum Freiheit der Ferien und des Sommers. So ist man natürlich nicht in der Verfassung, ganze Arbeit zu leisten.

Nehmen wir uns ein Beispiel an England! Eng­land weiß, daß der Politiker und Volksführer genau so Ausspannung braucht, wie jeder Mensch. So kommt es, daß England nicht nur seine großen Männer hat, sondern auch seine großen Greise behält denken wir nur an Lord Balfours leuchtendes Beispiel, die es, jeden an seinen Platz, einzusetzen versteht. Tuen wir es den Engländern gleich. Es liegt im Interesse der deutschen Politik und somit des deutschen Volkes, daß wir unsere Politiker im Sommer auf Urlaub gehen und das ganze Jahr hindurch übers Wochenende sich ausruhen lassen.

Frieden zwischen den

Arten und den Jungen

Von

Thoma« Manu- München.

Der Unterschied zwischen meiner Generation, jener von etwa 1880 und unseren Vorgängern, denEpi-

Razzia gegen den Aaiional-Kongteß

Indischer Boykott gegen europäische Läden