Nummer 127*
Montag, 2. Juni 1930
LS. Iahrgau,
Hessische Abendzeitung
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Kasseler Abendzeitung
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Das Urteil im Prozeß Zeileis-Lazarus
Schwere politische Zusammenstöße / Hindenburg gegen Goebbels / Ein Brief Gandhis aus -em Gefängnis
Der Streit um Goebbels
Die Beleidigungsklage -es Reichspräsidenten (Von unserer Berliner Schriftleitung.)
Dienst an der Oeffentlichkeit
Von -er Iahrestagung -er Deutschen presse
Berlin, 2. Juni.
Der Prozeß gegen den nationalsozialistischen Abgeordneten Dr. Goebbels hat am Sonnabend nachmittag mit der Verurteilung zu 800 Mk. Geldstrafe geendet, nachdem der Staatsanwalt neun Monate Gefängnis beantragt hatte. Die Beleidigungen, die den Gegenstand der Anklage bildeten, waren in einem Artikel eines nationalsozialistischen Berliner Wochenblattes enthalten, der die Ueberschrift trug: „ßebt der Reichspräsident noch?". Unter dem betreffenden Artikel befand sich eine Karikatur des Reichspräsidenten.
Rach Eröffnung der Sitzung hatte der Verteidiger die Ablehnung eines Berufsrichters und eines Schöffen beantragt, weil sie jüdischer Raffe seien. Das Gericht wies diesen Ablehnungs-Antrag jedoch zurück. Dr. Goebbels erklärte, er stände hier als der Vertreter einer bestimmten Partei. Im Grunde sei es sehr grotesk, daß der Reichspräsident und er, die doch in dasselbe Lager gehörten und wohl die gleiche Erund- einstellung hätten, sich im Eerichtssaal gegenübertreten müßten. Mit dem unter Anklage gestellten Artikel sollte nicht die militärische und die menschliche Autorität des Reichspräsidenten getroffen werden, sondern man habe nur den politischen Hindenburg angreifen wollen. Er habe aus idealer Gesinnung gehandelt und fühle sich daher völlig unschuldig.
Das Urteil hat großes Aufsehen erregt, hauptsächlich wohl wegen der sehr großen Spanne, die zwischen dem Urteil und dem Antrag des Staatsanwaltes bestehen. Infolgedessen wird in der rechtsstehenden Presse die Vermutung ausgesprochen, daß der hohe Antrag des Staatsanwaltes nicht ganz freiwillig gestellt worden fei, und im übrigen ist man in den rechtsstehenden Blättern sehr zufrieden damit, daß das Urteil so viel niedriger als der Antrag des Staatsanwaltes gewesen ist.
Die linksstehende Preffe wiederum ist anderer Meinung und bedauert ein so niedriges Urteil. Vor allem ist man mit der Urteilsbegründung in den Blättern der Linken und der Mitte nicht einverstanden. Wie verschiedene Blätter erfahren, wird der Oberstaatsanwalt gegen dieses Urteil Berufung einlegen. Die Berufung wird sich vor allem auf die nach der Ansicht des Oberstaatsanwaltes viel zu milde Straf- bemeffung beziehen. In der letzten Zeit sind gegen verschiedene Kommunisten eine Anzahl von Urteilen wegen Beleidigung ergangen, in denen eine Strafe von eintausend Mark bis zu sechs Monaten Gefängnis verhängt wurde. Die Oberstaatsanwaltschaft ist der Meinung, daß gerade die Persönlichkeit des Reichspräsidenten vor Verunglimpfungen geschützt werden müffe, wie sie Dr. Goebbels in seiner Zeitung „Der Angriff" ausgesprochen habe. Das fei aber bei einer so milden Geldstrafe nicht möglich.
Goebbels wird sich in nächster Zeit wegen einer Anzahl anderer Beleidigungen zu verantworten haben. Auch diese Anklagen werden durch den Oberstaatsanwalt Sethe vertreten. Goebbels hat z. B. zwei sozialistische Redakteure beleidigt und der Reichstag hat auch in diesem Falle seine Immunität aufgehoben, so daß das Hauptverfahren eröffnet werden konnte.
politische Zusammenstöße
Leipzig, 2. Juni.
In der vergangenen Nacht kam es in der Dresdener Straße zu einem Zusammenstoß zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten. Vier Nationalsozialisten wurden von einem Trupp Kommunisten, der etwa 15 Mann stark war, überfallen. Dabei wurden zwei der Nationalsozialisten durch Messerstiche nicht unerheblich verletzt, sodaß sie ins Krankenhaus gebrächt werden mußten. Einer der Verletzten war in ein Grundstück geflüchtet, wo er von den Verfolgern niedergestochen wurde. Ebenso kam es zu einem Zusammenstoß zwischen Angehörigen der beiden Parteien in Lindenau, wo etwa 50 Kommunisten auf einen kleineren Trupp von Nationalsozialisten eindrangen. Die Kommunisten führten Latten und auch ein Seitengewehr mit sich. Zwei Nationalsozialisten wurden am Kopf verletzt. In beiden Fällen wurde das Ueberfallkommando herbeigerufen, das weitere Ausschreitungen verhindern konnte.
Breslau, 2. Juni. Aus Anlaß des zweiten Schlesischen Etahlhelmtages hatte die Polizei während des ganzes Sonntages einen äußerst schweren stand. Ihr Hauptquartier war im Stadttheater eingerichtet. Dort wurde auch in den frühen Nachmittagsstunden polizeiliche Verstärkung nach der Scheitinger Vorstadt angesordert, wo die Kommunisten einen Demonstra- tionszug bilde« wollten. Im Osten der Stadt Lun es
am Nachmittag zwischen Stahlhelmern und etwa 15 Kommunisten zu einer Prügelei, wobei ein Stahlhelmer im Gesicht erheblich verletzt wurde, während es dem anderen gelang, die Flucht zu ergreifen. Durch zu Hilfe eilende Nationalsozialisten wurden die Kommunisten in die Flucht geschlagen. Insgesamt sind nach einer polizeilichen Feststellung 27 Personen festgenommen worden, von denen allerdings einige wieder entlassen wurden. Drei Personen sind verletzt, jedoch keine ernstlich. Gegen einige der Festgenommenen wird ein Verfahren wegen Landfriedensbruches eingeleitet werden. Bei dem Rückmarsch der ätahlhelm- leute von Scheiting versuchten Kommunisten die Stahlhelmer zu belästigen. Dabei wurden neun Personen festgenommen.
München, 2. Juni.
Beim Festmahl des Reichsverbandes der Deutschen Preffe, der hier seine Jahrestagung abhielt, ging der bayerische Ministerpräsident Dr. Held auf die Bedeutung der Preffe für Volk und Vaterland ein. Der Beruf der Preffe mutz in erster Linie Liebe zu Volk und Vaterland sein. Wenn die Tätigkeit der Presse immer so aufgefatzt werde, dann gebe es keine Opposition um der Opposition willen, sondern nur eine Opposition um eines Befferen willen. Es sei notwendig, in der Zeitung wieder mehr die Persönlichkeit zum Ausdruck kommen zu lassen. Zwischen Zeitungsverleger und Redakteur werde das beste Ver-. hältnis bestehen, wenn Verleger und Redakteur sich in' ihrer Aufgabe eins fühlten, der Oeffentlichkeit zu dienen. Der häßliche innenpolitische Streit sollte auf-
Der Streik bei Mansfeld
Oie Sireiken-<m verhin-ern Noisian-s^arbeiien
E,sieben, 2. Juni.
In den Betrieben der Mansfeld AG. ist heute die Arbeit fast allgemein nicht ausgenommen worden; nur die Rotstands-avbeiton werden zum Teil verrichtet. Die Lage im Mansfelder Revier war heute früh äußerst gespannt. Die Kommunisten versuchten die von de« Gewerkschaften zugesagte Durchführung der Rotstandsarbeilen auf den bestreikten Betrieben zu verhindern, indem sic den Wolfsschacht vollständig umzingelten, so daß nur zehn Arbeitswillige zur Ausführung der Notstands- arbeiten gelangten. Heute früh besetzte eine ununterbrochene Kette von Streikposten die kilometerlangen Zufahrtsstraßen von den Arbeiterwohnstätten bis zu den einzelnen Betrieben der Bkansfelder AG. Infolgedessen sind auf dem Wolfsschacht zur Frühschicht von einer Belegschaft von 2100 Mann nur 362 eingcfahrcn, auf der Krughütte von 700 nur
19 Arbeitswillige, auf dem Clotildr Schacht von 600 mm 144, auf dem Mcsfingwerk Hettstedt von 500(1 nur 50. Die Polizei ist nicht in der Lage, den Schutz der Arbeitswilligen zu gewährleisten. Es wird infolgedeffen erwogen noch Polizei aus Halle und dem Landkreis Querfurt heranzuziehen.
Schon 24 To-esopfer in Lübeck
Lübeck, 2. Juni.
In der Zeit von Sonnabend bis heute starben zwei weitere Säuglinge an den Folgen der Cal- mette-Fütterung. Die Zahl der Todesopfer ist damit aus 24 gestiegen. Erkrankt sind zurzeit 104 Kinder, gebessert 37 Kinder, gekund bezw. unter ärztlicher Beobachtung 80 Säuglinge. Unbekannt ist der Gesundheitszustand eines Kindes.
hören, und es müßte eie lebhaftes Interesse dafür bestehen, das Reich in seiner Außenpolitik stark zu machen. Bei der Frage Föderalismus oder Zentralismus handele es sich um die Frage der deutschen Zukunft.
Reichspreffechef Ministerialdirektor Dr. Zechlin übermittelte darauf die Grüße und besten Wünsch« der Reichsregierung und des Reichskanzlers. Stoffers- Düsseldorf hielt ein Referat in der Frage der Presse- lammet. In der Aussprache wünschte Chefredakteur Profeflor Bernhard hinsichtlich der Preffekammern ei« Zusammengehen mit dem Teil der deutschen Verlegerschaft, der die Zeitungen nicht nur als kapitalistische« Unternehmen, sondern als ein meinungsbildendes Instrument im Dienste von Volk und Staat erhalten sehe« will. Als Ort der Hauptversammlung 1931 wurde auf Einladung des österreichischen Verbandes Wien bestimmt. Für die Hauptversammlung 1932 liegt eine Einladung nach Frankfurt a. R. vor. w .
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Zeileis-Klage abgewiesen
• Berlin, 2. Juni.
In dem Rechtsstrei» zwischen dem Gallsp.nher Wunderdoktor Valentin Zeileis und dem Berliner Umversitätsprofeffor Dr. Lazarus ist heute vormittag von der 17. Zivilkammer des Landgerichtes III folgendes Urteil verkündet worden:
Die Klage wird abgewiesen, die Kosten des Rechtsstreites werden dem Kläger Valentin Zeileis auferlegt. — In dem Klageeinspruch war man davon ausgegangen, daß die von den Wägern als gemeinsamen Leitern ihrer Institute angestrengte Ünterlassungsklage einen doppelten Inhalt hatte: Dr. L. sollte die Behauptungen unterlassen, daß er 1. das Verfahren in Gallspach studiert hatte und daß er sich 2. in dem Zeileis-Jnstitut in München der Behandlung nach dem Zeileisversahren ausgesetzt habe, in vem man an ihm, dem bisher Gesunden, einmal einen Lungenspitzenkatarrh und eine Colangitis, i« dem anderen Falle eine RückemnarkÄranchcit feststellte.
Milizsys m In Oesterreich?
Wie«, 2. Juni.
Irrenanstalt
(Eigene Dr
Central Jstip (Lang Island), 2. Juni.
In der hiesigen staatlichen Irrenanstalt brach zum vierten Male innerhalb eines Jahres ein Grotz- feurt aus, durch das das Gebäude, in dem die Pflegerinnen wohnten, vollständig zerstört wurde. 28 Personen, darunter neun Feuerwehrleute, erlitten Verletzungen mehr oder minder schwerer Art. D,e 6000 Patienten, unter denen sich zahlreiche gemeingefährliche Irre befanden, konnten von dem Personal nur mit größter Mühe in Sicherheit ge- brartn werden, da sich der Kranken eine Panik bemächtigte, als während des Brandes einige heftige Explosionen erfolgten. Die Pflegerinnen, die sich in dem brennenden Gebäude befanden, mußten infolge der rafchen Ausbreitung des Feuers mit Hilfe von Sprungtüchern gerettet werden. Anscheinend ist das Feuer auf Brandstiftung zurückzusühren.
Gandhi gegen Gewalt
London, 2. Juni.
Der Sonderkorrespondent des Daily Herald in Simla meldet: Gandhi hat aus dem Gefängnis einen Brief an den Vizekönig geschrieben, in dem er seinem Bedauern über die gewalttätigen Zwischenfälle Ausdruck gibt, die auf feinem Feldzug zugunsten des zivilen Ungehorsams gefolgt sind. Gandhi lehnt alle Verantwortung dafür ab und bekräftigt erneut, daß seine Anhänger entschlossen seien, an dem Grundsatz des passiven Widerstandes festzuhalten. Außer einer formellen Bestätigung wird das Schreiben Gandhis keine Antwort erhalten; denn die Behörden scheinen fest enffchlossen zu fein, sich nicht auf schriftliche oder mündliche Verhandlungen mit den indischen Führern eiuzulaffen, bis die Bewegung des zivilen Ungehor-
in Mammen
h t m e l d u u g.)
sams unterdrückt ist. Der Berichterstatter bemerkt, die vielleicht ernsteste Seite des Konfliktes sei die wachsende Bitterkeit gegen Europäer sowie die Verschärfung des Boykotts britischer Waren.
(Sturm auf Salzlager
Bombay, 2. Juni.
An einem Sturm auf das staatliche Salzlager von Waidana am Sonntag haben nidr1 weniger als 15 000 Freiwillige teilgenommen. Den ganzen Tag über trafen immer neue Scharen in Wadana ein, denen es teilweise gelang, die Salzpfannen zu stürmen. Den 15 000 Freiwilligen standen nur 8000 zum Teil unbewaffnete Polizisten gegenüber. Ein ähnlicher Angriff, wenn auch in bedeutend kleinerem Umfange, wurde von Kongretzanhängern auf das Salzbergwerk in Dharsana unternommen. Hier schlug die Polizei alle Angriffe erfolgreich ab. Hundert Personen erlitten Verletzungen, mehrere Freiwillige wurden verhaftet.
Sensation im Zeitungsviertel
Der Zusammenbruch des Daily Chronicle.
London, 2. Juni.
In einem Kommentar zu der Meldung von der Fusion der liberalen Matter Daily News und Daily Chronicle spricht Daily Mail von einem Zusammenbruch des Daily Chronicle und bemerkt, das Blatt sei dem Ansturm des heftigen Wettbewerbs erlegen. Sir Robert Donald, der von 1902 bis 1918 Chefredakteur des Daily Chronicle war, erklärte, das Ende des Mattes sei die größte Tragödie, die in Fleetstreet, dem Zeitungsviertel von London, vorgekommen sei. Niemals zuvor habe der Betrieb eines Mattes mit einem Umsatz von etwa einer Million Exemplaren eingestellt werden müssen. Der größte Teil der 1*00 Augostellteu des Mattes werden erwerbslos werden.
Minister Schumy, der vor kurzem wegen seiner im Parlament gehaltenen Rede mit den Heimwehren in Konflikt geraten war, äußerte sich gestern in einer bemerkenswerten Rede zu seiner Stellung zur Heimwehr. Er erklärte, daß er solange der Heimwehr Gefolgschaft geleistet habe, als sie sich zur Staatstreue bekannt habe. Die Führung der Heimwehr habe aber in letzter Zeit Diktaturgelüste an den Tag gelegt, mit denen er, der der demokratischen Republik Treue geschworen habe, sich nicht identifizieren könne. Er teilte mit, daß man in Oesterreich an der Einführung des Milizsystems arbeite, und daß Aussicht bestehe, daß die Auslandsmächte diesem Projekt ihre Zustimmung erteilen werden.
Blutiger Zusammenstoß.
Wien, 2. Juni. Bei der Heimfahrt von Heimwehrleuten nach einer Kundgebung kam es bei Neunkirchen in Niederösterreich zu einem blutigen Zusammenstoß mit Sozialdemokraten, als das Heimwehrauto durch eine Arbeitersiedlung fuhr. Es entwickelte sich eine Schlägerei, in deren Verlauf einige Schüsse fielen. Ein Heimwehrmann wurde durch einen Kieferschutz, ein Sozialdemokrat durch einen Bauchschuß schwer verletzt. Außerdem wurden mehrere Personen leicht verletzt.
Tornadolaiastrophe in Neu Mexiko
Las Begas sNru-Mexiko), 2. Juni.
Ein Tornado suchte Wagomnound (Reu-Mexiko) heim. Es Wird berichtet, daß sechs Personen getöter wurden und daß die halbe Stadt in Ruinen liegt.
Millionendiebstahl im Bahnhof von Marseille
Paris, 2. Juni.
Wie aus Marseille gemeldet wird, sind aus einem Büro des Bahnhofs Lohngelder in Höhe von über 1,5 Millionen Frank verschwunden. Es besteht der Verdacht, daß ein Angestellter, der seit vier Jahren dort Dienst tut, uns sich den Schlüssel zu dem Zimmer ausgebeten hatte, um etwas Vergessenes zu holen, die drei Kisten mit Barffnnien, s-.e 45 Kilogramm wogen, entwendet hat.