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Jiummer 119*

10. Jahrgang

Donnerstage 22. Mai 1930

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Graf Zeppelin" über dem Aequaiorgebiet

Ankunft in pernambuco heute abend / Interfraktionelle Besprechungen über die Finanz- und Amnestiefragen / Krise in England?

Schon setzt Festfreude in pernambuco

Eigener Drahtbericht.

Leisten dieAlten" weniger?

Eine Umfrage

Pernambuco, 22. Mai.

Nach einem Funkspruch von Bord desGraf Zep­pelin" hatte das Luftschiff um 5 Uhr 30 eine Position von 5 Grad 12 Minuten nördlicher Breite und 27 Grad 42 Minuten westlicher Länge. Der Aeguator wird voraussichtlich heute vormittag überschritten werden. An Bord befindet sich alles wohl.

Die Fahrt des Luftschiffes macht weiter gute Fort­schritte, und man rechnet damit, daß die Landung heute abend in Pernambuco erfolgen wird. Die Flugplatzleitung rechnet mit dem Eintreffen des Luf ischiffes gegen 22,30 Uhr M. E. Z.

In Pernambuco treffen mit Eisenbahnzügen und Autos Tausende von Menschen aus den ver- verschiedensten brasilianischen Landesteilen ein, um der Ankunft desGraf Zeppelin" beizuwohnen. Die Hotels sind überfüllt, und auch am Flugplatz von Camp Affondo haben sich bereits Neugierige einge- funden.

Die Behörden tun alles, um auch die geringsten Schwierigkeiten zu vermeiden. Die Regierung hat 12 000 Dollar zur Deckung sämtlicher Unkosten wäh­rend der Brasilienfahrt desGraf Zeppelin" zur Ver­fügung gestellt.

Aus brasilianischen Südstaaten sind zahlreiche deutsche Kolonisten eingetroffen. Auch sonst- fei en gesehene Typen kann man -eobachle»' iv.e z.B sogenannte Sertanejos, mit Flinten and Patronen gürteln ausgestaltete Siedler der abgelegenen Gegen­den, die der Zeppelinlandung wie einem Wunder entgegensehen. Auf dem Flugplatz sind große Fässer mit mehreren tausend Litern deutschen Bieres eingefnhrt worden. In ganz Pernambuco wird ein wahres Volksfest gefeiert.

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Ueber den Kap V e r d i s ch e n I n s e l n, die ge­stern 15,10 Uhr amerikanischer Zeit erreicht wurden, warf das Luftschiff Post ab.

Das erstmalige Erscheinen desGraf Zeppelin" bedeutete für Praia, den Hauptort der Kap Vevdi-

schen Inselgruppe, eine mit Spannung erwartete Sensalion. Nachdem die Bevölkerung zwei Stunden lang erwartungsvoll nach dem Luftschiff Ausschau gehalten hatte, tauchte es endlich am nördlichen Ho­rizont auf und kam langsam näher. Es flog so nie­drig, daß die Passagiere deutlich zu erkennen waren. Die genaue Lage des Postamtes war der Führung anscheinend bekannt, denn das Luftschiff steuerte direkt darauf zu und ließ den Postsack, der an einem kleinen Fallschirm befestigt war, fallen. Es bewegte sich so­dann über der Stadt, verweilte einige Minuten über dem Landungsplatz der Postflugzeuge und nahm dann mit erhöhter Geschwindigkeit Kurs nach Süd­westen.

Neuwahlen in England?

Macdonalds Dreifrontenkampf.

London, 22. Mai.

Die innerpolitische Lage in England wird im Zusamenhange mit der Zuspitzung der Arbeitsloscn- vorgange sehr ernst beurteilt, so daß man bereits mit der Möglichkeit einer Parlamentsauf­lösung und Neuwahlen rechnet.

Den ersten Anlaß zur Erschwerung der Krise gibt der Rücktritt von Dir Oswald Mosley. Die Krise dürfte ihren Höhepunkt erreichen, wenn aus konservativen Antrag am Mittwoch tiächster Woche abermals eine Debatte über die Ärbeitslosenpol-ttik int Unterhaus und eine nochmalige Abstimmung über das 'i-ar W Arbeitslosenministers Tho­mas stattfinden wird.

Die Regierung ist von drei Seiten heftigen An­griffen ausgesetzt. Sowohl die Konservativen als auch die LibetAen und der linke Flügel der Arbeiterpartei wollen gegen die Regierung verstoßen. Sollten sich die Liberalen und eine Anzahl von Arbeiter-Abgeordneten wiederum der Stimme bei der Abstimmung enthal­ten, so dürste die Regierung eine Niederlage davon­tragen, die von schwerwiegenden Folgen begleitet sein müßte.

Wieder Llliimo-Schwierigkeiien?

Don unserer Berliner Schristleitung.

th. Berlin, 22. Mai.

Die Fortdauer der außerordentlich hohen Arbeits­losigkeit und der gleichzeitige schlechte Eingang der Steuern und Zölle haben für die Reichskafie wiedcr einmal eine Situation geschaffen, in der Hunderte von Millionen erforderlich sind, um Schwierig- keitenfür den nächsten Ultimo zu vrr- meiden. Infolgedessen sind die Regierung und die Regierungsparteien des Reichstags genötigt, zu ra­schen Entschlüssen zu kommen, um zur Sanierung der Arbeitslosenversicherungsanstalt wie auch zur Ankur­belung der Wirtschaft und zur Entlastung der Reichs­kaffe das Notwendige zu tun.

Im Reichstag haben mehrere interfraktio- nelleBeratungen stattgefuuden, sie diesem Zwecke dienten. Dabei handelt es sich zunächst um die Maßnahmen, die zur Finanzierung der vor weni­gen Tagen vom Kabinett beschlossenen Maßnahmen zur Wiederankurbelung der Wirtschaft erforderlich sind. Die entsprechenden Gesetzentwürse liegen dem Reichstag bereits zur Unterschrift vor und handeln vor allem von der

Erleichterung der Kreditbeschaffung.

Die Regierung hat nun gestern in Kreisen der Finanz­sachverständigen der Regierungsparteien Auskunft darüber gegeben, in welcher Weise sie von dieser im Gesetzentwurf vorgesehenen Erleichterung Gebrauch zu machen gedenkt. Dabei kommt in Betracht vor allem die

Aushebung des Steuerabzuges vom Kapitalertrag zum 1. Sali nächsten Jahres. Weiterhin bei der Kapitaloerkehrsfteuer die Herabsetzung des Emisstousstempels von vier auf zwei Prozent, bzw. von 2 auf 1 Prozent, ferner die geplante Herabsetzung der Börsenamsatz- steuer von 1% pro Mille aus 1 pro Mille. Schließ­lich ist die Senkung der Gruodertrags- steuer in Aussicht genommen.

Die Regierungsparteien haben sich bei der gestrigen Besprechung darauf geeinigt, daß diesem Plan der Regierung zuzustimmen ist, und es ist anzu­nehmen, daß in der heutigen Sitzung des Steueraus­schusses des Reichstags auf dieser Basis eine Mehrheit mit den Deutschnationalen gebildet werden kann, wäh­rend von den Sozialdemokraten voraussichtlich scharfe Opposition gemacht werden wird. Eine andere Maß­nahme ist die Liquidierung der Bank für JnduKrie- Lbligationen.--------

Der Termin dieser Liquidierung soll nach dem vor- liegenden Entwurf in die Hände der Regierung ge­legt werden. In der gestrigen Besprechung hat man sich aber über neue Maßnahmen insoweit geeinigt, daß die Liquidierung der Bank noch für andere Maß­nahmen verwendet werden kann, insbesondere für die Ueberführung der aus den verschiedenen Obligationen stammenden Mittel zum Zwecke der Verwendung für den agrarischen Teil des O st Hilfe Programms.

Im Rahmen dieser interfraktionellen Besprechun­gen spiele« jetzt vor allem auch der Vorschlag einer

weiteren Erhöhung der Beiträge in der Arbeits­losenversicherung und der Vorschlag eines Rot- opfees

eine erhebliche Rolle. Während noch vor wenigen Tagen der Gedanke einer Erhöhung der Beiträge über 4 Prozent hinaus selbst beim Vorstand der Reichsan­stalt als mdiskutabel b. trachtet wurde,

spricht man jetzt von der Notwendigkeit einer Er­höhung der Beiträge in der Arbeitslosenversiche­rung auf 4'A Prozent. Eine Entscheidung darüber ist natürlich noch nicht gefallen. In der Frage des Notopfers besteht ein wesentlicher Gegensatz zwi­schen den Anschauungen der Sozialdemokraten und denen des Zentrums. Die Sozialdemokraten wol­len alle Leistungsfähigen heranziehen, während das Zentrum mit Rücksicht auf die Bedenken der Regierung über die drohende weitere Kapitalflucht sich lediglich auf die Heranziehung der Feftbesol- deten beschränke» will.

Das letzte Wort über Beitragserhöhung und Not­opfer ist natürlich noch nicht gesprochen, aber es ist an­zunehmen, daß binnen kürzester Frist die Entscheidung darüber im Kreise der Regierung und der Regie­rungsparteien falle» wird.

Weitere interfraktionelle Besprechungen haben sich gestern auf agrarische Maßnahmen und auf die Amnestie erstreckt. Bei der Am­nestie hat man eine Annäherung der Parteien in der Richtung herbeigeführt, daß die Ministermörder von einer solchen Amnestie ausgeschlossen bleiben sollen, daß aber im Uebrigen alle politischen Vergehen, also auch die sogenannten Fememorde unter diese Amnestie fallen werden. Man nimmt an, daß die Deutschnationalen und möglicherweise auch die Kommunisten für den Gesetzentwurf stimmen weiden. ---- - -

Das Problem der älteren Arbeiter und Angestell­ten beschäftigt die öffentliche Meinung in starkem Matze. Die Ausscheidung dieserMieten Arbeiter und Angestellten wird vor allem aus zwei. Gründe ge­stützt: die Möglichkeit der Ersparung von Lohnkosten durch Einstellung jüngerer Arbeitskräfte und trie ver­meintliche Leistungsminderung in vorgerückten Le­bensjahren. Gegen das erstere Argument ist einzu­wenden, daß die durch die Beschästigung von .Mie­ren Arbeitnehmern entstehenden höheren Lohnkosten sich zweifellos durch das aus der Erfahrung fließende größere Wissen und die gesteigerte Zuverlässigkeit der Arbeit bezahlt machen. Gegen das zweite Argument sprechen aber die angestellten Untersuchungen. Sie be­stätigen im allgemeinen die Ergiebigkeit der mensch­lichen Produktivität in den höheren Altersstufen, je­denfalls gerade in den Lebensalteru über 35 Jahre, in denen heute bereits die Abstoßung oder Ablehnung beginnt.

Aus einer zu diesem Thema veranstalteten Umfrage geben wir folgende interessanten Antworten von Per- söiÄchkeiten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik wieder:

Appell an die Arbeitgeberschaft

Von Staatssekretär a. D. Oskar Meyer, Syndikus der Industrie- und Handelskammer zu Ber­lin, M. d. R.

Im allgemeinen Interesse halte ich es für außer­ordentlich unerwünscht, wenn ältere Ange- st e l l t e verbittert und dadurch mit ihren Fami­lien in eine Mißstimmung gegen die heutige Staats- und Eefellschaftsordnung getrieben werden. _3)em Ap­pell an die Arbeitgeberschaft, bei der Entlassung älte­rer Angestellter größte Zurückhaltung zu üben und bei Einstellung neuer Kräfte deren Bewerbungen unvoreingenommen zu prüfen, schließe ich mich soweit aus innerster Ueberzeugung an. Aller­dings glaube ich, daß es zur vollen Wirksamkeit dieses Appells notwendig sein wird, in den Tarifverträgen den Arbeitgebern einen größeren Spielraum für die Vereinbarung der Gehälter mit älteren Angestellten zu gewähren und insbesondere die progressive Stafte- lung der Gehälter nach dem Lebensalter zu ver­meiden.

Oie Eignung

zur Arbeit ist maßgebend"

Von Henry Ford.

Wir würden, wenn wir frei wählen könnten, nur Leute zwischen 35 und 60 Jahren einstellen, dann hät­ten wir eine zuverlässige und erfahrene Belegschaft. Wir kümmern uns nicht darum, wieviel älter als 60 Jahre unsere Leute sind, solange sie ihre Arbeit leisten. Unter keinen Umständen aber möchten wir eine Beleg­schaft haben, die nur aus jungen Leuten besteht. Die Arbeit, die Ausdauer erfordert, wird am besten von Leuten im Alter von 40 Jahren und darüber ge­leistet. Die Eignung zur Arbeit ist allein maßgebend.

Eine Kulturfrage

Von Dr. Gertrud Bäumer, M. d. 9L

Die Frage der älteren Angestellten ist nicht nur eine wirtschaftliche Frage. Sie ist auch in hohem Maße eine Kulturfrage. Meiner Ueberzeugung nach wird der Wert des älteren Angestellten heute auch wirtschaftlich unterschätzt. Vom Standpunkt der Volks­kultur mutz aber auch daran gedacht werden, daß die Arbeitslosigkeit älterer bewährter Menschen auch eine tragische Familienkatastrophe und eine schwere Erschütterung elterlicher Autorität mit sich bringt. Das Bitterste für den älteren Angestellten als Familienvater ist wohl die Beschämung vor seinen Kindern, die ihm auf dem Arbeitsmarkt vorgezogen werden, und denen durch seine Entlassung gewisser­maßen seine Wertlosigkeit demonstriert wird. Auch daran sollte viel mehr, als es dem engeren wirtschaft­lichen Denken naheliegt, gedacht werden.

Reife und Erfahrung

Bon Pros. Dr. Martin Mrudelsoh».

Von der kleinen Zahl derjenigen Genies abgesehen, welche die Gotter liebte« und die sie darum früh aus

der Welt wieder abberufen haben, haben wir jeden großen Mann der Vergangenheit immer nur, geistig wie bildlich, als gereifte, erfahrene, weise Persönlich­keit in der Erinnerung: Solon und Homer, Dante und Tizian, Bismarck und Helmholtz sich als rosige Jüng­linge vorzustellen, würde jedem Empfinden wider­sprechen. Männer der Tat und des prakti­sche nLebens müssen zur Reife gekom­men sein, müssen Erfahrungen gesammelt haben und die zur Anwendung zu bringen wissen, müssen ihr Handwerk gründlich und in langer Ausbildung ge­lernt haben und verstehen; und wenn die Jugend heute noch glaubt, daß ihr all das intuitiv zufliege, so ist dies ein äußerst verhängnisvoller Irrtum, von dem bald zurückzukehren der Wunsch eines jeden sein mutz, den unsere derzeitige staatliche unO soziale Entwicklung mit ernster Sorge erfüllt.

Alter und Erwerbsfähigkeit

Von Prof. Dr. Fritz Straßmann, Geheimer Medizinalrat.

Ich habe in meiner bald 40jährigen gerichtsärzt- lichen Tätigkeit sehr zahlreiche Gutachten über Er­werbsfähigkeit abzuqeben gehabt. Ich finde in meinen Beobachtungen nicht die gering st e Stütze für die Annahme, datz schon mit 35 Jahren die Lei­stungsfähigkeit des arbeitenden Menschen s i ch vermindert.

Die Gefahr der Verallgemeinerung

Von Prof. H. Reichenbach, Institut fit med. Chemie und Hygiene der Universität Göttingen.

Daß die physische Leistungsfähigkeit des Menschen bei beiden Geschlechtern mit dem Alter abnimmt, ist natürlich nicht zu bestreiten. Es gibt eine Reihe von körperlichen Betätigungen, für die das Maximum der Leistungsfähigkeit sicher vor dem 35. Lebensjahre liegt. Geradezu unsinnig wäre es aber, wenn man aus dieser banalen Tatsache folgern wollte, daß all­gemein der Mensch durch Abnahme der physischen Lei­stungsfähigkeit nach dem 35. Lebensjahre ungeeigneter für den Beruf würde. Rach meinen Erfahrungen ist es vielfach umgekehrt, insofern, als ein vielleicht vor­handener Ausfall an körperlicher Elastizität durch größeren Ernst, größere Erfahrungen und vor allen Dingen auch durch Wegfall a b lenkender Momente reichlich ausgewogen wird. Eine für alle Menschen und alle Berufe allgemein gültige Regel läßt sich aber nicht geben.

Gesetzliche (Sicherungen notwendig!

Bon Prof. Dr. med. A. Grotjahn, ord. Prof, der soziale» Hygiene.

Ihre Anfrage, ob die physische Leistungs­fähigkeit des arbeitenden Menschen nach dem 3 5. Lebensjahr eine Minderung erfährt, die feine Berufstauglichkeit beschränkt, ist vom ärzt­lichen und hygienischen Standpunkt aus zu ver­nein e n. Denn es gibt nur wenige Berufe, wie z. B. den, der unter Tage und unter den widrigsten Neben- umständen schaffenden Bergarbeiter der Steinkohlen­reviere, bei denen das der Fall ist Aber selbst bei diesen beginnt die physische Minderung ihrer körper­lichen Leistungsfähigkeit erst etwa zehn Jahre später als in dem angegebenen Alter. Bei dem Beruse des Angestellten kann unter.ber Voraussetzung eines Gesundheitszustandes von durchschnittlicher Normalität von einer Minderung der körperlichen Leistungsfähig­keit vor dem 60. Lebensjahre wirklich keine Rede sein.

Die Gepflogenheiten mancher Betriebe und Ge­schäfte, bei der Einstellung junge Leute vorzuziehen, ist eine bedauerliche Gedankenlosigkeit. Sie stammt noch aus jener Zeit, in welcher die Angestellten nur vorübergehend vor der damals noch leichter möglichen geschäftlichen Selbständigkeit in Stellung gingen und deshalb auch gern alsunser junger Mann" bezeich­net wurden. Zur Zeit ist jedoch der Angestelltenberuf ein Lebensberuf wie der eines Beamten geworden und sollte auch demgemäß mit einer besonderen Sicherung gegen ungerechtfertigte Entlassung und dem Recht auf bevorzugte Einstellung älterer An­wärter gesetzlich ausgestaltet werden. Das würde auch bevölkerungspolitisch von Wichtigkeit jein, weil es der unter den verheirateten Angestellten ver­breiteten allzu großen Beschränkung der Kin- derzahl entgegenwiiUn würbe.