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Hessische Abendzeitung
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KMl Neueste Nachrichten
Kasseler Abendzeitung
Mittwoch, 21. Mai 1930
Nummer 118*
ie. Lahrgan,
Schweres Eisenbahnunglück in Rußland
Viele Kinder unter -en Verunglückten / Auflösung des Sächsischen Landtags / Neue Verhaftungen in Indien
Sachsen die Massenpartei der Arbeiterschaft wieder die Hand an das Steuer des Staates legen kann. Dieser
Kampf in Sachsen zwischen Nationalsozialisten und Sozialdemokraten
findet begreiflicherweise nicht nur in Sachsen selbst, sondern im ganzen Reiche großes Interesse und wird auch in Berlin lebhaft diskutiert.
Man rechnet damit, daß der R e i ch s t a g unmittelbar vor den Sächsischen Wahlen einmal eine Woche Pause wird einlegen müssen, um den Abgeordneten Gelegenheit zu geben, sich am Wahlkampfe zu beteiligen.
Gandhis Nachfolgerin verhaftet
Bombay, 21. Mai.
Wie aus Dharasana gemeldet wird, wurde die Führerin der Gandhibewegung, Frau Raidu, verhaftet. Hundert Freiwillige wurden bei einer polizeilichen Razzia verwundet.
300 unbewaffnete und 50 bewaffnete Polizisten unter Leitung höherer Beamter umzingrlten heute vor
mittag 7 Uhr das Hauptquartier des Indischen Ratio» ualkongresses in Bombay und verhaftete« da* gesamte Kongreßbureau.
Deutsch-rumänische
Handelsverhandlungen
Bukarest, 21. Mai.
Die deutsche Abordnung für die Handelsvertragsverhandlungen mit Rumänien, die am Montag in Bukarest eintraf, hat am Dienstag die Verhandlungen ausgenommen. In Begleitung der deutschen Abordnung befinden sich die deutschen Getreide- Händler Kampfmeyer und Hirt, die über den Verkauf bestimmter Mengen rumänischen Getreides verhandeln sollen, sowie die deutschen Industriellen Vögler und Wenck, die über rumänische Bestimmungen auf Grund des Aoungplanes verhandeln.
Sowohl auf deutscher wie auf rumänischer Seite hofft man, nochvorEndedes Monats mit den Verhandlungen fertig zu sein. Bekanntlich forderten die rumänischen Vertreter seinerzeit, daq^eutschland ein Kontingent von 400 000 Tonnen Getreide übernehmen solle, während sich das deutsch« Angebot aus 150 000 Tonnen bezifferte.
28 Tote und 31 Schwerverletzte
Eigener Drahtbericht.
Sowno, 21. Mai.
Wie aus Moskau gemeldet wird, stieß am Dienstag auf der Strecke Moskau-Kasan im Dorfe Tschernaja ein Personenzug mit einem Güterzug zusammen. 28 Personen wurden getötet und 31 schwer verletzt.
In dem Personenzug befanden sich viele Kinder, die zur Erholung nach der Tartaren-Republik unterwegs waren. Vier Wagen gerieten in Brand und sind völlig vernichtet worden. Bis jetzt konnte nur festgestellt werden, daß der Personenzug anstatt mit der vorgeschriebenen Geschwindigkeit von 40 Kilometer mit 60 Kilometer-Stundengeschwindigkeit gefahren ist. Beide Lokomotivführer sind tot.
umkreiste fortgesetzt das Schift während beS Weiterfluges. Das Flugzeug übersandte dem Luftschiff folgenden Fuickfpruch: »Die Deutsche Presie und die Lufltzmrsaibesatzung des D 1089 wünschen dem Gras Zeppelin glückliche Fahrt'. Zur Antwort winkten die Zeppelinpasiagiere aus den dichtbesetzten Kabinen ihren Dank herüber. Das Flugzeug begleitete den Zeppelin in KreisMgen bis Cadiz und lehrte dann um.
Norwegisches Schloß eingeäfchert!
Der Wohnsitz des Kronprinzenpaares heimgesucht.
„Graf Zeppelin" macht gute Fahrt
Sevilla, 21. Mai.
Hier eingelaufeueu Funksprüchen zufolge befand sich das Luftschiff „Graf Zeppelin" heute morgen 4 Uhr 15 auf der Höhe der Kanarischen Inseln. Um 5 Uhr passierte es die Westküste von Teneriffa, wo es die Leuchtfeuer sichteten. An Bord war alles wohl.
Sevilla, 21. Mai. Mährend der letzten Stunde vor dem gestrigen Start des -Graf Zeppelin" über-
(j) Dipressionsgebietder^Nordost- Strömung (2) Depressionsgebiet der Südwest-Strömung
Karte der Windströmungen über dem Eüdatlantik
Geren Erforschung eines der HauPIMe der Süd- amerckasahrt ist.
flog das dreiuwtorige Lusthansastugzeug mit Berliner Pressevertretern an Bord den Zeppelin und
Oslo, 21. Mai.
Am Dienstagabeüd wurde der in der Nähe Oslos gelegene Wohnsitz des norweglschen Kron- prcnzenpaareS von einem großen Brande heimgesucht Das ganze aus Holz gebaute Schloß ist bis aus die Grundmauer abgebrannt.
Die Ursache des Großfeuers ist in einem Schornsteinbrand zu suchen.
der von zwei Dienstmädchen bemerkt wurde. WenKge Augenblicke darauf stand schon der größte TM des Schlosses in Flammen Die erste Hilfe brachten etwa 50 Schüler der in der Nähe gelogenen landwirtschaftlichen Schule. Bald darauf trafen auch die Feuerwehren aller umliegenden Ortschaften, sowie die aus OAo ein. Die Löscharbeiten gestalteten sich sehr schwierig.
Das Wasser mußte drei Kilometer entfernt herbeigeholt werden.
Das Kronprinzenpaar selbst war kurz vor dem Ausbruch des Feuers in das Schloß zurückgekehrt. Der Kronprinz beteiligte sich eifrig an de» Löscharbeiten. Auch der König untz die Königin weilten lange Zeit an der Brandstätte. Trotz des schnellen Ausbreitens des Feuers ist es gelungen. einen
Teil der wertvollsten Kunstgegenstände und Möbel, sowie die wertvollsten Stücke einer
» Gemäldesammlung zu retten.
Auch die Hochzoitsqeschenke des Kron- prinzenpaares konnten in Sicherheit gebracht werden Dir Juwelen der Kronprinzessin wurden in einem feuerfrstm Raum, der erst vor ganz kurzer Zeit eingebaut wurde, «tjvewahrt. Der Schaden wird vorläufig auf ungefähr 13 Millionen Kronen geschätzt
Sachsen wählt am 22. Juni
Don unserer Berliner Schriftleitung.
th. Berlin
, 2L Mai. |
Die gestern in Dresden mit 50 zu 46 Stimmen beschlossene Anflöfn«, des sächsischen Land- taaes und die Anberaumung der Neuwahlen für de» 2 2. Juni findet weit über die Grenzen Sachsens hinaus starke politische Aufmerksamkeit, da mau allgemein mit einem sehr scharfen Wahlkampf rechnet, nud da mau vor allem die Möglichkeit vor Bugen hat, daß sich i« Sachsen das Beispiel Thürtn- geus wiederholen könnte. Bei der entscheidenden Abstimmung im Landtag stimmten übrigens Sozialdemokraten, Nationalsozialisten nnd Kommunisten für dte Auflösung, während alle bürgerlichen Parteien dte
Anträge ablehnte». . hi
Man weiß, daß die Nationalsozialisten dte allergrößten Anstrengungen machen werden, um m diesem sächsischen Wahlkampfe bte Zahl ihrer Mandate im Sächsischen Landtag, die sich jetzt aus fünf belaust, mindestens auf zehn oder zwölf zu steigern.
in diesem Wahlkampf auswirken wird, da die Anhänger für Hugenberg wieder auf dem Lande, die Anhänger für den Grafen Westarp wieder in den Städten im Zunehmen begriffen sind. Ob dagegen die Volkskonservativen und die Jung.deut- s ch e n schon ausreichenden Boden in Sachsen gewonnen haben, um für die Neuwahl ernsthaft ins Gewicht zu fallen, bleibt abzuwarten.
Der jetzt aufgelöste Sächsische Landtag hat nur ein Jahr bestanden; er ist im Mai 1929 gewählt worden und jetzt daran gescheitert, daß die Mehrheitsverhältnisse außerordentlich unklar waren. Es wird sich nun im wesentlichen darum handeln, ob die Entwicklung auf einen neuen, von den Nationalsozialisten abhängigen Vürgerblock nach thüringischem Muster hinausläuft, oder ob in Sachsen eine neue Linkswendung eintritt, die die Sozialdemokraten ans Ruder bringt und die in Gestalt der Großen Koalition denkbar wäre.
Sie Nationalsozialisten haben erklärt, daß Sachse« plw Großkampfgebiet gemacht werden so», und es ist nicht ausgeschlossen, daß sie dabei einen erheblichen Erfolg erzielen werden, da dte Anhänger schäft der Nationalsozialisten auch «n Sachjen styl stark gestiegen ist.
Dagegen läßt es sich noch gar nicht übersehen, wie sich die Spaltung bei den Deutschnattoualen
Offenbar find die Sozialdemokraten gesonnen, ihre bisherige Taktik zu verlassen und fich wieder pofitiv auf die Sächsische Staatspolitik einzuftellen. Der „Vorwärts" kündigt jedenfalls heute bereits mit der Üeberschrift „Heran an die Macht" an, daß die Sozialdemokraten im Sächsischen Wahlkampf den Derfuch machen werden, für eine erhebliche Stärkung ihrer Stellung zu kämpfen und dafür zu sorgen, daß in
Parieuropäische"
'XV
irischast
Einige hervorragende Teilnehmer des Berliner paneuropäischen Kongresses äußern sich tm Folgen den vom Standpunkt des Wirtschafters aus über die Zukunft und die Entwicklungsmöglichkeitcn Paneuropas. Wir sehen in diesen Ausführungen einen interessanten Beitrag zu dem jetzt fo lebhaft erörterten Thema.
profeffor Or. Friedrich Aereboe
Direktor des Instituts für laickwirffchastliche Be- triebslehre an der Landwirtschaftlichen Hochschicke, Berlin.
Zwei Beispiele haben in der neueren Wirtschaftsgeschichte gslehrt, von welch außerordentlicher Bedeutung die Zusammenfassung einzelner Wirtschaftsgebiete zu einem großen einheitlichen Zollgebiet für die Prosperität der Wirtschaft ist. Das erste Beispiel ist der Deutsche Zollverein, das Kveite die Vereinigten Staaten von Nordamerika. Seit der Gründung des Zollvereins ist eine Zeit verflossen, die für die wirtschaftliche Entwicklung mehr bedeutet äls all die Jahrhunderte vorher. Der wirtschaftliche Aktionsradius hat sich derart erweitert, daß wir dem Gedanken paneuropärscher Wirtschaft heute genau so gegenüberstehen,, wie Deutschland vor etwa hundert Jahren dem Gedanken des Deutschen Zollvereins gegenüberstand. Wie damals die deutschen Rational-ötonomen wissen auch wir, daß nur eine sehr großzügige Vereinheitlichung des Wirtschaftsgebiets, das uns nur ein wirtschaftliches Paneuropa vordem Ruin retten kann, — wie damals der Deuffche Zollverein die deutsche Wirtschaft »or dem Zusammenbruch bewahrt hat.
Beinähe noch lehrreicher als der Deuffche Zollverein ist alber für uns das Beispiel der Entwicklung der Vereinigten Staaten. Es zeigt mit überzeugender Deutlichkeit, daß ebenso wie die Industrie die Landwirtschaft aus einer Vereinheitlichung getrennter Wirtschaftsgebiete ungeheure Vorteile zieht. Es wird immer wieder gesagt, Amerika sei vor allem deshalb so reich, weil es über viel wertvollere Bodenschätze verfuge als Europa. Demgegenüber ist richtigzustellen, daß 1. die klimatischen Verhältnisse Amerikas im ganzen betrachtet weit ungünstiger sind als die Europas. Außerdem schaffen die weiten Entfernungen in USA. derartige Ichwierigkeiten, daß man wohl sagen kann, Europa ist gegenüber Amerika in landwirtschaftlicher Hinsicht mehr als konkurrenzfähig' Was aber geschieht? Obwohl wir m Europa tatsächlich große Vorräte an landwirtschaftlichen Produkten haben, nnd obwohl wir an vielen Stellen dte Produktion künstlich darniederhalten, erobert sich bte amerikanische Produktion den Markt. Weshalb r Weil man in USA., in Kanada wie in Australien und Argentinien billiger und rationeller arbeitet und produziert als in Europa. Man kennt dort nickt den Wahnsinn der Zollgrenzen! Man hat auf großen wirtsckaftlichen Einheitsgebieten ganz andere Mittel und Möglickkeiten, rationell zu produzieren als in dem wirtschaftlich zerstückelten und zerschnittenen Europa!
D. Gerruys
Präsident der ftanzösifchen Delegation beim Völkerbund:
Es bestechen heute schon enge internationale Bindungen zwischen verschiedenen Produknons- und Ab satzorganisationen. Sie sind jedock noch völlig ungenügend, um den Zustand wirtschaftlicher Konzen
tration heNbeiführen zu können, den Europa heute unbedingt braucht, will es aus dem Weltmarkt konkurrenzfähig bleiben. Die wirtschaftliche Zeitparole heißt heute: Standardisierung, Normalisierung in stärkstem Maße. Sie kann in dem notwendigen Umfange nur bewirkt werden, wenn man dem Standardfabrikat ein großes Absatzgebiet sckafft.
Und das kann nur geschehen, wenn in Europa die Zollgrenzen fallen, wenn wirklich nur da produ- zirt wird, wo am rationellsten und vorteilhaftesten produziert werden kann. Wie die europäischen Verhältnisse liegen, ist es durchaus möglich, eine rationelle Produktionsverteilung zu schaffen, durch die teim- Land in seinem bisherigen Produktionsausmaß wesentlich geschädigt wird. Es ist nur eine Frage 'des guten Willens, um die Zollschranken fällen zu lassen, eine allgemeine Pofperität auf Grund veränderter Prodnktionsverteilung zu schaffen. Amerika, USA., hat heute ein außer- ordentlichesProduktionsniveau. Obwohl die Löhne, die Ford seinen Arbeitern zahlt, mehr als dreimal so hoch sind wie die Löhne in Europa, obwohl die Automobilzölle in Europa fast durchweg sehr beträchtlich sind, kann das amerikanische Auto auf dem europäischen Markt konkurrieren. Es kann sich durchsetzen, weil es infolge der Standardisierung, infolge der Größe seines Absatzmarktes prcismäßig außerordentlich leistungsfähig ist. Dabei hat Europa einen Vorteil von großer Bedeutung. Während in Amerika die Bodenschätze, namentlich Kohle und Eisen, weit auseinander liegen, haben wir in Europa alles, was wir von der Erde brauchen, in dichtester Nähe. Diesen Vorzug nützdn wir heute so gut wie gar nicht aus. Würden wir zu einem wirtschaftlichen Paneuropa kommen, so wäre vor allem natürlich unser Bestreben, nach einiger Zeit die Arbeitslöhne amerikanischen Verhältnissen anzupassen und so eine weitere, echte Grundlage für die wirtschaftliche Prosperität Paneuropas zu schaffen. — -
£. E Amery
früherer englischer Minister für di« Dominions nutz Kolonie».
Es würde keinen Zweck haben, noch Jahrzehnt« über Paneuropa zu reden. Denn inzwischen wäre Paneuropa wirtschaftlich längst zugrunde gegangen. Paneuropa ist eine Wirtschaftsfrage von heute. Die Entwicklung der Weltwirtschaft hat ein solches Tempo angenommen, daß man die Lösung
einer lebensnotwendigen Wirtschafts- frage kaum mehr um einige Zeit, keinesfalls aber auf längere Zeit hinausschieben kann. Ent- toeber man wird Paneuropa im wirtschaftlichen Sinne in den nächsten Jahren schaffen, oder man wird es gar nicht mehr schaffen. Ter latente Krisenzustand der europäischen Wirtschaft zeigt deutlich, daß die Krankheit der europäischen Wirffckaft nicht durch nationale Maßnahmen behoben werden kann — solches hat man ja schon zur Genüge versucht. Durch das gegenseitige Aneinanderreiben, durch Kampszölle, di« dem einen schaden und dem anderen nichts nützen, hat man soviel Kräfte verausgabt, daß eine Gesundung einzelner Teile des Wrffchaftskörpers von sick aus nicht mehr erfolgen kann. Erst, wenn der ganze Körper wieder in organische Bewegung kommt, wenn Produkffon und Absatz in normaler Weise zirkulieren. erst dann wird die Genesung Paneuropas lick fein.