Hessische Abendzeitung
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KaMer Neueste Mchnchlen
Nummer 115*
Sonnabend/Sonntag, 12./18. Mai 1930
10. Zahrgan«
Mieterhöhungspläne für das Jahr 1931
Zur Vermeidung von Schwierigkeiten auf dem Hypothekenmarkt / Briands Fragebogen in den Hauptstädten überreicht
Die Erhöhung der Hypothekenzinsen
Aus französischen Archiven
1301: Deutschland auf dem Höhepunkt seiner Macht.
Bon unserer Berliner Schriftleitung.
Die vom krauzöfischeu Ministerium de« Aeuheru ernannte Kommission zur Herausgabe der Dokumente zur Borgeschichte des Krieges legt soeben einen neuen Baud (2. Reihe, 1. Baud) ihrer Urkuu- deusammluug, das Jahr 19 01 umfassend, vor. Dieser Baud bringt ungemein iuieresiaute Dokumente, die in ihrer scharfen Beleuchtung der Macht des wilhelminischen Deutschland von sranzSstscher Seite geradezu sensationell wirken müssen.
In England umworben, in Sraukreich Hoffnungen «eckend, mit Recht damals noch auf die Zuoerläfftg. keit zweier BuiKtesgeuoffen zählend, fühlt Deutfchlaud sich als Schiedsrichter der Welt. Es ift uns schon beute möglich, einige besonders interefiante Stellen aus de« neuen Werk zu oerösseutlichen.
Es ist die Zeit nach dem Regierungsantritt Eduards VII. (22. Januar 1901). Führende britische Staatsmänner suchen das Bündnis mit Deutschland, um England aus der bisherigen Isolierung herauszu- führen. Ernste diplomatische Verhandlungen stnd im Gange. England wirbt um Deutschland. Doch der Kaiser fühlt sich allzu sicher; allzulange glaubt er wählen zu können, zwischen der Allianz mit England und dem Kontinentalbund mit Einschluß Frankreichs. Immer wieder schwankt er. Frankreich ist zwar vorsichtig, doch nicht ablehnend. Die Berichte der französischen Diplomaten zeigen, wie weit die Hoffnungen gewisier Kreise in Frankreich gingen: man erwartete von Deutschland Hilfe gegen England.
Am 28. Januar schrieb der französische Botschafter in Berlin, Marquis de Roail« les, an den Mini ft er des Aeutzern, Del- taffe: „ . . Eine große Veränderung hat sich in Europa vollzogen. England hat einen König. Doch in Wahrheit ist die Königin noch immer Königin. Rur von ihr spricht alle Welt. Mehr als 60 Jahre hat sie regiert; ihr Name gehört der Geschichte an.
Man beschuldigt uns im Ausland, wir seren
•th. Berlin, 17. Mai.
Die Ausführungen des Justizministers Dr. Brcdt in der gestrigen Reichs agssitzung waren besonders in jenen Par-ien bemerkenswert, in denen der Minister über die Rückzahlung der Aufwertungshypotheken sprach. Ein Entwurf in dieser Materie ist vom Kabinett dieser Tage verabschiedet worden, und diese Angelegenheit wird vor allem wegen der damit verbundenen Rückwirkungen aus den Hqpo- thekenmarkt, sowie auf die daraus zu erwartende Steigerung der Mieten von besonderer Wichtigkeit sein.
Es lmndclt sich daruin, zur Vermeidung großer Schwierigkeiten auf dem Hypothekenmarkte, vor Ablauf der Auswertungsfristen (also vor dem 1. Jan. 1958) eine rechtzeitige Erhöhung des Zinsfußes vorzunehmen. Zu diesem Zweck ist beabsichtigt, schon im Laufe des Jahres 1931 und zwar ent weder zum 1. April oder zum 1. Juni eine E t Höhung der Mieten für das ganze Reich vor zunehmen, weil dadurch eine Erhöhung der Hypo thekenzinsen ermöglicht wird. Dadurch würde den Hypothekeninhabern erleichtert, ihren Glaubern en'’ gegcnzukommen, sodaß durch rechtzeitige Zahlung höhrrer Zinsen wahrscheinlich die Kündigung der
meisten Auswertungshypotheken vermieden werden kann. Es würden also durch eine allgemeine Miets- erhöhun« im Laufe des Jahres 1931 die anderen falls zu erwartenden Schwierigkeiten auf dem Hypotheken- bezw. auf dem Kapitalmarkt vermieden.
politische Zwischenfälle in Berlin
Zwei Tote.
Berlin, 17. Mai.
In vergangener Nacht kam es an verschiedenen Stellen der Stadt zu mehr oder weniger schweren Auseinandersetzungen zwischen politischen Gegnern, wobei zwei Personen getötet und mehrere andere zum Teil schwere Verletzungen erlitten. Ein 29 Jahre aller Arbeiter wurde bei einem Streit tut Osten der Stadt so schwer verletzt, daß er bereits auf dem Wege zur Rettungsstelle verstarb. Em anderer Beteiligter erhielt einen schweren Rücken- schuß. Kurz nach 12 Uhr nachts wurde ein 35jah tuier Arbeiter in der Hauptstraße in Schöneberg crstockcn tot ausgesnnden. Es scheint sich um einen politischen Racheakt zu handeln.
Sechshundert Zeilen Paneuropa
Eigener Drahtbericht.
wankelmütig und unbeständig. Was bedeutet die Regierung der Königin Viktoria für Frankreich? In den traurigen Tagen von 1870 gab es eine Hetze der aesamtten englischen Presse gegen uns, die ,Ttmes» an der Spitze. Wir wurden beschimpft und verhöhnt;; die englischen Blätter überboten einander in der Verkündigung des Endes Frankreichs, und die Königin Viktoria zeigt in ihren Memoiren wenige gute Gefühle für Frankreich. Auch das Londoner Kabinett arbeitet gegen uns. Rach unserer ersten Niederlage führte es aus Angst, irgend ein Staat könnre uns zu Hilfe kommen, eine Art Liga der Neutralen gegen uns herbei.
Ein dsutscher Staatsmann erklärte mir vor emiger Zeit; „England bat aus unserem unglückseligem Krieg von 1870 den Hauptvorteil gezogen." Tas ist durchaus zutreffend. Damals erhielt die englische Politik freie Hand. Mie Deutschen haben uns die Vogesen genommen; das Mitielmeer war uns geblieben; die Engländer haben es uns genommen.
„Ich war wütend gegen die Engländer", erklärte früher Wilhelm II.; heute wird er Marschall der englischen Armee, und fein Sohn, der Kronprinz, nimmt knieend den Hosenbandorden entgegen. Ter Kaiser hatte diese Aenderung der Politik angekündigt und sie sozusagen gerechtfertigt: Man will nicht mit mir gehen, man läßt mich Mein; ich habe keine Flotte, mein ganzer Handel ist ungeschützt, ich muß mich mit den Engländern verständigen. (Hier macht der Außen minister Delcass« die bedeutungsvolle Randbemerkung: Herr de Noailles, vergißt, daß er im Oktober 1899 auf die erste Eröffnung, die mir gemacht worden war, mit meiner Zustimmung die Frage gestellt hat; Was wollt Ihr? — daß er aber bis heute keine Antwort erhalten hat.)
Prinz Heinrich, der Führer der Expedition nack China, lief auf seiner Reise England an und besuchte seine Großmutter. Sicher erklärte er, daß sein Bruder mit dieser Reise ausschließlich kommerzielle Ziele verfolge; er hinterließ schöne Worte. Es war der erste Schritt zu einer Näherung. Sogleich wurde ein neues Zeichen wahrnehmbar. Die Beziehungen zwischen Wilhelm II. und seiner Mutter, Kaiserin Friedrich, die bis dahin sehr gespannt waren, da diese im Herzen und in der Seele Engländerin geblieben war, besserten sich sichtlich. Tann kam 1898 das Abkommen betreffs Südafrika, 1899 der Vertrag bezüglich der Samoainseln und Togos. November 1899 folgte der Besuch des Kaisers bei seiner Großmutter, die im Gefühl des nahenden Endes und des Verlustes ihrer Sehkraft, das Verlangen hatte, ihren Enkel und ihre Urenkel zu sehen. Es war kein Gang nach Canossa, aber auch keine völlige Entspannung, doch das Eis war gebrochen und die Familienbeziehungen waren leidlich wieder hergestellt Das Attentat in Brüssel gegen den Prinzen von Wales bot eine neue Gelegenheit zur Näherung. Der Kaiser erwartete auf dem Bahnhof von Altona seinen Oheim, der für diese Aufmerksamkeit sehr empfänglich war. Seit damals waren die Wolken zwischen London und Berlin verschwunden. Der Einfluß des Grafen Bulow mag dabei mit- gewirki haben.
Paris, 17. Mai.
Der Fragebogen Briands, der heute vormittag in den europiiiscksttt Hauptstädten überreicht und am Abend veröffentlicht werden wird, führt dem -Jour, ual" zufolge den genauen Titel „Memorandum über die Organisation eines Regimes der europäischeu Föderativ-Uuiou". Dieses Memorandum umfaßt nichi weniger als 16 Seiten und rund 600 Zeilen.
Eine dreißigseitige Einmhrung erinnert daran, unter welchen Bedingungen Briand seine Gedanken in Gens vorgetragen hat, und wie er beantragt wurde, einen Entwurf, der als Diskussionsgrund läge dienen könne, auszuarbeiten.
Der zweite Teil bildet den eigentlichen Fragebogen in Form von Kapitelüberschriften, zu denen die Mächte sich äußern sollen. Im dritten Teil, der Ko n k l u s i o n, wird die Unterstützung der 26 europäischen, dem Völkerbund angehörigen Rationen zur Durchführung dieses Planes erbeten.
Die Mächte werden, dem „Petit Parifien" zu folge, ersucht, ihre Antworten noch vor dem 15. Juli
scheihene Mechanismus, den Briand im September dieses Jahres ins Werk setzen wolle.
Wie der ;,Temps" berichtet, hatte Ministerpräsident T a r d i e u gestern eine Unterredung mit Kriegsminister Maginot, dem Generalsekretär im Außenministerium, Philippe Berthelot, dem Chef des französischen Eeneralstabes, General Weygand, und dem Befehlshaber der Besatzungstruppen, General Euillaumat.
Im Laufe dieser Besprechung wurden die Vorkehrungen geprüft, die im Hinblick auf die Räumung der dritten Zone durch die französischen Truppen nach der offiziellen Inkraftsetzung des Poungplanes getroffen werden müssen.
Schwierigkeiten in Basel
London, 17. Mai.
Wie der Pariser Vertreter der „Times" erfährt, besteht die Möglichkeit, daß sich die für den heutigen Sonnabend vorgesehene Eröffnungssitzung der B. I.Z. und die damit zusammenhängende Inkraftsetzung des Poungplanes verzögert.
Die Berzögerung hängt aber in erster Linie mit einem völlig unerwarteten amerikanischen Schritte zusammen. Der Reparationsagent Parker Gilbert hat am Freitag mitgeteilt, daß Amerika auf seinem Rechte des Borranges der Reparationszahlungen nach dem Abkommen vom 14. Januar 1925 bestehe, soweit diese Zahlungen fit die rückständigen amerikanischen Besatzungskosten Verwendung
nische Organe unter einer Jahr für Jahr wechselnden Präsidentschaft, das fei der zu Anfang sehr be- f finden könnten.
zu erteilen.
Wie der «ußeupolistker des „Motin" weiter schreibt, beabsichtigt Briand in feinem Plan einer europäischen Föderation vorzuschlagen: 1. eine periodische Konferenz, zweitens ein Wirtschaftskomitee, dellten» ein ständiges Sekretariat, alles dies im Rahmen und im Sitz des Völkerbunds. Ein feierlicher moralischer Pakt und außerdem repräsentative tech-
Als Wilhelm II. noch Osborne ging, um feiner Großmutter in ihren letzten Tagen zur Seite zu stehen, erfüttte er eine Familienpflicht; die Verlängerung seines Aufenthalts bedeutet eine Aktion von großer politischer Tragweite. Er will auf das Gemüt Des englischen Volkes wirken und es für sich gewinnen, er will, daß seine Persönlichkeit und fein Name mit dem historischen Augenblick verknüpft bleiben, den Großbritannien durchschreitet. Wenn auch mancher Engländer bei sich die Persönlichkeit des Kaisers etwas hemmend empfindet, hütet man sich doch, es auszusprechen. Bürgertum und Volk bewundern ihn, die Presse kriecht von, ihm und streut ihm Weihrauch. Bei den Leichenseierlichkeiien ist er der Löwe."
Der französische Botschafter in London Paul Cambon, berichtet nach Paris: „Als wir uns inach den Leichenfeierlichkeiten) dem Ausgang zuwanvten, bemerkte mich der deutsche Kaiser, der mit entern seiner Offiziere sprach, und berief mich mit vertraulicher Herzlichkeit zu sich: „Mein lieber Cambon, ich freue mich sehr, Sie zu soheu une Ihnen zu sagen, daß ich hier von Ihnen gesprochen habe: Sie werden es gewahr werden. Sie kennen bereits meine Gefühle für Ihr Land; ich betrachte Frankreich als unentbehrlich für das europäische Gleichgewicht; wir brauchen ein starkes Frankreich. Ich habe es Ihnen erklärt, wenn Sie irgend eine TchSvierigkell
haben, rechnen Sie auf mich, ich werde Ihnen zur Seite stehen."
Und am 30. Januar schreibt der Londoner Botschafter: „Bei der allgemeinen Verwirrung (anläßlich der Leichenfeierlichkeiten für Königin Viktoria) bietet der deutsche Kaiser alles aus, um die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen ... Tie vernünftigen Engländer, denen man begegnet, lassen sich durch diese Zurschaustellung von Sympathien nicht ködern und sprechen ganz leise -das Wort .Komödie" aus; doch sie sind selten und die Masse des Volkes ist dem deutschen Herrscher dankbar für die Kundgebungen, die der Eitelkeit so schmeicheln. DieernstestenBlät- ter wie die Firnes" sehen darin eine Bürgschaft des guten Einvernehmens zwischen Deutschland und Großbritan- m e n. Jene Kreise, die vorübergehend glauben mochten, daß wir in Berlin eine Stütze gegen England finden würden, erhalten durch die T a 1 s a ch e n, die ihnen die Augen öffnen muffen, ein Dementi."
Die Dokumente zeigen Deutschland auf dem Gipfel der Macht. Es hatte die Wahl zwischen Frankreich und England. Die Gelegenheit wurde versäumt. Wenige Monate später war das Schicksal entschieden, das Frankreich und England gegen Deutschland zusammenführte.
Hinter -en Kulissen
W. P. Es geht etwas vor hinter den Kulissen der politischen Bühne. Das Geranne und Getuschel ist bis in die ersten Reihen des Parketts, bis zu den Kritikerplätzen gedrungen. Nur Bruchstücke der Verhandlungen, die in den Bühnengassen geführt werden, freilich sind es, die von den aufmerksamen Parkettbesuchern gohört werden. Aber das Wenige genügt, um zu ahnen, was dort oben im Schatten der Kulissen debattiert und gekuhhandelt wird. Das Thema ist gegeben, und das Gerücht bemächtigt sich seiner und erprobt daran seine Kombinationskünste. Es fliegt durch die Telephondrähte an die Schreibund Setzmaschinen, und Schwarz auf Weitz stecht bann — vielleicht nur zu 50 Prozent richtig — zu lesen, was dem Licht der Oefsentlichkeit noch verborgen bleiben sollte. Bös gekränkt laden die Akteure, denen ihr Geheimnis nicht ahne eigenes Verschulden und nicht immer zum Schaden der Allgemeittheit entrissen war«, ihre Dementierkanone mit großkalibrigen Geschossen und eröffnen ein Vernichtungsfeuer, dessen Wirkung dem großen Aufwattd an Munition nicht recht entspricht.
Diesmal lautete und lautet bekanntlich das eine Thema, über das man sich hinter den Kulissen unterhielt, vielleicht sogar ereiferte: Um- oder Neubesetzung einiger wichtiger politischer Rollen. Welche Pläne dabei im einzelnen erörtert wurden und welche Vorschläge auch jetzt noch zur Debatte stehen, ist natürlich nickst immer mit Sicherheit festzustellen. Gar manche von den Nachrichten, die durch die Presse zirkulierten, verdankten nur der Freude am Kombinieren und am Gerüchiebrauen ihr Dasein. Vieles wurde dementiert, und nur Weniges wurde amtlich und in aller Form für richtig und wahr befunden. In diese zweite Kategorie sind bekanntlich nach langem Hin und Her die Nachrichten von der Neubesetzung des Staatssekretär-Postens im Auswärtigen Amt und von dem Wechsel in der Londoner und der römischen Botschaft eingcorditei worden. Sie sittd fürs erste das einzige greifbare Ergebnis der Pläne, die sich um das große diplomatische Revirement drehten; aber daß diese umfassenderen Pläne nicht einfach ab acta gelegt worden sind, ist anzunehmen, und es ist ganz bezeichnend, daß auch jetzt auf diesem Gebiet die Konjunktur für Gerüchte, wie kürzlich die Meldung über bett angeblich bevorstehenden Rücktritt des Moskauer Botschafters zeigte, noch nicht ganz abgeflaut ist.
Ist der Nachkriegszeit ist es geradezu Brauch geworben, die großen außenpolitischen Fragen durch persönliche Fühlungnahme der leitenden Staatsmän- ner zur Entscheidung zu bringen. Diese zweifellos erfreuliche Entwicklung, die vor allem durch den Völkerbund gefördert wurde, hat den auswärtigen Vertretungen wohl manche Ausgabe, die ihnen früher zufiel, genommen, ihre große politische Bedeutung hat sie aber keineswegs erschüttert. Die Botschafter und Gesandten sind auch heute nicht nur Repräsentanten des Staates,, den sie vertreten, sondern sie sind zugleich Vevbitchungsoffiziere zwischen den Regierungen und Wegbereiter der großen politischen Entscheidungen. Wenn man nach Beispielen sucht, an denen sich die Bedeutung ihres Schaffens demonstrieren läßt, so braucht nur an die richtige, ja ausschlaggebende Rolle, die Ulrich Rauscher, der deutsche Gesandte in Warschau, bei den deutsch-polnischen Verhandlungen spielte, erinnert zu werden.
Umso größer aber ist die Verpflichtung, die Auswahl der Diplomaten, die Deutschland draußen im Auslande vertreten, mit größter Sorgfalt uno nur nach den Gesetzen der Sachlichkeit zn treffen. Im Dunkel der vertraulichen Verhandlungen, die der Ernennung eines auswärtigen Sekretärs naturgemäß vorausgehen müssen, ist für die Parteien gut munkeln, und auch bei dem jetzigen Revirement tauckte die Behauptung auf, daß die Fraktionen versucht hätten, auf die Wahl Einfluß zu gewinnen, und zwar wurde vor allem der Name des Staatssekretärs von Schubert im Zusammenhang mit diesen Einmischungsversuchen genannt. Merkwürdigerweise allerdings nicht deshalb, weil Herr von Schubert der Liebling irgend einer Partei gewesen wäre, sondern ans dem Grunde, weil er überhaupt nicht int Besitze eines Parteibuches fein soll und daher auf keine Partei rechnen kann! Wie dem auch sei — bei der Teilentscheidung, die inzwischen getroffen wurde, scheint der Parteiismus zweiter Sieger geblieben zu sein —, auf jeden Fall muß an dem Grundsatz feit« gehalten werden, daß bei der Auswahl unserer diplomatischen Vertreter nicht das Parteibuch, sondern die persönliche Eignung ausschlaggebend ist. Der Bewerber muß selbstverständlich den heutigen Staat bejahen, aber um die Gunst der Parteien zu buhlen, sollte er nicht notwendig haben. Und noch eins sollte für die Wahl nicht bestimmend fein: Der Geldbeutel. Bei aller Sparsamkeit muß der Etat des Auswärtigen Amtes so gestaltet werden, daß auch Kandidaten, die über kein Vermögen verfügen der Weg zur Diplomatie offcnstcht. Hebet die alte Ehe