T etmrteg, 12. Mai 1930
Raffelet Reueste Nachrichten
Leite 3-2. Beilage '
Unsichtbares Licht
Aus -em Wun-erreich -es Ltltraviolett / Ein Millimeier-LOO000 Lichtwetten / Ltliraviolette Strahlen -Le Vitamine unterer Lichtnahrung Von Emil Borm-Berlin
fiemt das bunte Farbenband des Regenbogeas aus Der grauen Wolkenwand des dahinziehenden Gewitters erscheint, so leuchten jene Farben auf, die wir auch in einem dreiseitig geschlissenen Glas- Prisma beobachten können: das strahlende Rot, ferner Orange, Gelb, Grün, Hellblau, Dunkelblau und Violett Diese Farben erzählen uns von der Zu- saminensetzung und Wellennatur unseres weißen Sonnenlichtes. Die Wasserwellen. die der hinein« geworfene Stein erzeugt, sind wenige Zentimeter hoch und lang, die Wellen des Lichtes aber sind sehr klein. Man muß ihrer 40000 bis 80000 nebeneinander legen, um die Länge eines Millimeters zu erhalten. Die längsten Lichtwellen bilden die rote Licht zoae des Regenbogens und siud acht Zehntau- sendstel Millimeter, die kürzesten aus dem violetten Rand nur etwa vier Zehtausendstel M llimctcr lang Nun gibt es aber auch Lichtwellen, bi« noch viel kleiner sind. Diese bilden, so widersinnig es klingen mag, ein dunkles, irns also uirsichtbares Licht, daS bei dem Regenbogenband über dem dunklen Rand des Violett hinausliegt und darum ultraviolett genannt wird. Dieses ultraviolette Lrchl, das eine Wellenlänge von nur etwa ein Zehn- tausendstel bis ein Hunderttausendstel Millimeter besitzt, ist
ein dunkles Reich voll ungelöster Rätsel, aber der Mensch verdankt ihrer Ersorschung nicht nur die tiessten Einblicke in das Raturgeschehen der kleinsten Räume, sondern sie find für das Leben etwas unerläßlich Wichtiges.
Bringt mm in diese uns dunkel erscheinende Zone des ultravioletten Lichts gewisse Stoffe, so flammen sie in wundervoll leuchtenden Farben auf sie »f'uoref.steten*. So leuchtet eine Papptafel, die mit Bariumplaiutzyanür überzogen ist, gelblichgrün au,. Solche Fluoreszenzschirme benutzt der Arzt beim Durchleuchten des menschlichen Körpers. Bald .rtonnte man, daß auch tm Sonnenlicht« solch ultraviolette Strahlen in großer Menge vorhanden sind, und gerade sie haben in unsern Lebensvorgängen eine äußerst wichtige Rolle zu spielen. Ihnen verdankt es dor Städter, wenn er von seinem Urlaub im Gebirge oder vom Meeresstrand auffallend gebräunt und sichtlich gekräftigt mit neuem Lebensmut hetmkehrt. Die Heilwirkung des Sonnen- und Höhenklimas ist, wie man weiß, nur auf die starke Wirkung der ultravioletten Lichtstrahlen im Sonnenlicht zurückzusühren. Sie lassen den Menschen gesunden, wenn er über die Dunst-, Rauch- und Staubschicht, die die ultravioletten Lichtstrahlen verschlucken, hinansgehoben wird Wie Rutz und Qualm unserer Großstädte diesen Segensstrahlen den Weg zn den Menschen versperren, so macht es auch unser Fensterglas, das für das ultraviolette Licht ebenso undurchsichtig ist wie ein Eickeabrett für den Hellen Sonnenstrahl. Heute weiß jeder, daß Lust und Sonnenlicht um Freien unferm körperlichen Wohlbefinden ebenso notwendig sind wie Essen und Trinken;
die eigentlichen Segensspender sind die ultra- violetten Lichtstrahlen.
Darum zttigen auch Büroangestellte stets ein blasses Aussehen und die bekannte Stubenhockerfarbe nur deshalb, weil das Fensterglas die lebenswichtigen ultravioletten Strahlen des Sonnenlichtes abge- sverrt hat. Das Licht allein macht es nicht, die uttr.rvioletten Strahlen müssen in ihm genau so enthalten fein, wie auch die Vitamtne in unferer Rainung nicht fehlen dürfen. Darum Hai man die ultravioletten Lichtstrahlen treffend die „Vitamine des Lichts* bezeichnet. Unser gewöhnliches Fensterglas ist also im eigen tlutzen Sinn gesundheits
schädlich, weil es die lebenswichttgsten Strahlen nicht in Die menschlichen Zimmer hinein läßt
In Deutschland kannte man längst Glas, das die ultravioletten Strahlen hinburchlüßt, aber es diente nur zu wissenschaftlichen Zwecken in den Laboratorien der Forscher. Da erregte vor etwa Drei Zähren in England ein besonders zufamutengefetztes Fensterglas Aufsehen, das die Eigenschaft besitzt, auch ultraviolette Strahlen hindurchzulasseu. Man versah in Birminghatn Schulküchen mit diesem „Vitaglas*. und die Schitlkinder dieser Klassenzimmer zchgten eine auffallende Gewichts- und Größenzunahme und eine kräftigere Blut Zusammensetzung als die Kinder anderer Schulen. Leider war dieses Glas für Den Allgemeingebranch viel zu teuer. Fetzt half wieder die deutsche Te.imik und es gelang einem ostdeutschen Glashüttenwerke, ein Fensterglas („Ultravitglas*) herzustellen, das reichlich die Hälfte der lebenswichtigen nltravioletlon Strahlen hin- durchläßt und das so preiswert ist, daß es bereits im Großen bei Treibhäusern. Sanalovien, Kinder- heirnen usw. verwende: wird.
Dieses Glas zeigt wunderbare Wirkungen.
Frisch geschlüpfte Winterküken, denen em durch Ultravttglas geschützter Auslauf zur Verfügung steht, gedeihen ungleich besser und wachsen viel schneller heran, als die Witter gewöhnlichem Glas. Gärtner die ihre Treibhäuser mit Uliraviiglas deckten, konnten bei einem kräftigeren Wuchs der Pflanzen bei Tomaten eine Mehrernte von 60 As 70 Prczeitt, bei Gurken eine solche von 4o bis 50 Prozent feststellen Kulturen von Eiter- und Typhns- bakrerien wurden durch eine vier- bis sechsstündige Besonnung unter Ultravttglas getötet, unter gewöhnlichem Glas aber biteben noch viele Könne leb->nsf,ihig. Ebenso büßten Tuberkelkultt'.ren unter Ultrav'iglas den größten Teil ihrer Giftigkeit arn.
Als man Vie LebenArichtigkcit der ultravioletten Strahlen erkannt hatte wollte man es der Sonne nachmachen und Lampen konstruieren, die reichlich ultraviolettes Licht ausstrahlen. Auch das ist, wie bie' in jedem Kvankenhause sich vorfindende „künstliche Höhensonne* besveist, gelungen Ste besteht aus einer luftleeren, etwa singerstarken Röhre aus gefchmoltenem reinem Quarz (Bergkristall), in der sich etwas Quecksilber befindet. Durch den elektrischen Strom bildet sich ein glühender, grell-leuchten- der Lichtbogen ans Queckstsberdampf. der so viele ultraviolette Lichtstrahlen aussendet, daß schon bei fünf bis sieben Minuten langer Bestrahlung die Haut Berbrennungs.-rscheinungen zeigt >wte tm Hochgebirge und an der See), trotzdem das Licht der kuustlichm Höhensonne vollständig kalt ist. Diese „künstliche Höhensonne* wirkt Wunder; sie bräunt die Haut, ein Beweis für ihre kräftige Durchblutung, der Stofswechstti wird gesteigert, Xii» Aussehen bessert sich Körpergewicht und Appetit nehmen zu (oft bis zu wahrem Heißhunger), gesunder Schlaf tritt em. Kalte und feuchte Hände und Fuße verschwinden schlecht heilende offene Wunden schließen sich, Hautkrankheiten wie Rofe und Lupus »eigen auffallende Besserung usw, und darum ist es kein W-tttder. wenn schwächlichen Kindern bei RhaMtis-, Stromlose- und Tuberkuloseverdacht künstliche Höhensonne verordnet wird
Aber noch andere Wunder zeigt das nltra- Violetie Licht.
denn man benützt es bei Untersuchungen, und da blickt es IN die innere Befct>asfeuheit der Körper viel schärfer als der gewiegteste Unterfuchunqschemi- ker. Halt man unter eine solche Analysen-Quarz- lampe gewisse Körper, ko erstrahlen sie in den ver- ichiedenslen Farben, obgleich das schärfste Auge
keine Unterschiebe wahrzun-hmeu Verma'. Gleich aussehende Papierproben erscheinen wegen der in ihnen verarbeiteten verschiedenen Rohstoffe in gelblichen, rötlichen oder bläulichen Farbentönen. Die Quarzlampe steht anders als unser 'Auge; so erscheinen Hände sahlgrau, die Nägel aber Mnulidi. Zwischen den echten Zähnen markieren sich Die falschen als Dunkle Lucken. Butter erscheint kana- rrcugelb. gl-ichaussehende Margarine aber bläulich Tie Analvsen-Quarzlampe erleichtert in der Industrie die Untersuchung der Rohmaterialien, bereu Beschaffenheit deut gelebten Chemiker große Schwierigkeiten bereitet. So können auch vom Laien aus Den ersten Blick die verfchiedenen Kunstseldeuartcn und die auch vom Fachchemtter sehr schwer zu unlerscheiDenben Anilmfarbstofse, Tone, Cele u>w. ohne weiteres festgestellt werbe». Die merkwürdigste Anweubung ber ultravioletten Lichtstrahlen batrite aber wohl die fein, bei der sich diese nnstchMareu Lichtstrahlen den Einbrechern in beit Weg stellen. Sie fallen ans einem Versteck aus d'.ne als Empfänger arbeitende lichtcmpfinbliche Zelle, und alles bleibt ruhig. Sowie aber der unstchtbch.e Lichtstrahl durch Das Dazwischentreten des Einbrechers uuierbrocheii wird, ertönt die Alarmglocke.
ErwachsenemachenAbiiur
Oer Erfolg einer guten Idee
d. Berlin, 12. Mai.
In Berlin hat die erste Reifeprüfung des neuen Abenbgymnasiums stattgefunden. Von dreizehn Damen und dreizehn Herren haben bis auf drei Herren alle die Prüfung bestanden. Und dieses günstige Ergebnis wurde erzielt, obwohl die „Abendgymnasiästen" unter erschwerten Umständen arbeiteten, obwohl sie allesamt tagsüber anderen Berufen nachgehen und kaum Zeit zum Erledigen der Repetitionen haben.
Das Lbendaymnafium weift gegenwärtig 240 Schüler auf. Ihr Alter schwankt zwischen 18 und 35 Jahren, sie rekrutieren sich aus allen Berufsständen. Es sind Arbeiter, kaufmännische Angest-llte, Sekretärinnen dabei, die alle mit Feuereifer bei der Sache sind.
Ihre Aussichten scheinen bei der Uebersüllung der akademischen Berufe natürlich gering. Aber man mutz bedenken, datz diese so bildungseifrigen Menschen ja ohnehin ihren Nebenberuf haben, so datz sie wirtschaftlich eigentlich besser stehen, als die jüngeren „Kollegen", die auf einen späteren Gelderwerb durch das Studium angewiesen Md. Man mutz weiter damit rechnen, datz sie auch auf der Universität oder auf ber Hochschule eifriger sein werden als die Normal-Studenten. Sie find nicht aus Familien-Ueberlieferung Akademiker geworben, fie find Selfmade-Leute, die ihren eisernen Willen zum Fortkommen längst bewiesen haben, als sie als Berufsmenschen in den freien Abendstunden freiwillig die Schulbänke drückten. Das Abrndssymnafium scheint also tatsächlich geeignet zu sein, eme Auslese besonders befähigter, arbeitseifriger Studenten hervorzubrinaen. Seine Nachahmung in anderen Städten wäre sicherlich erwünscht.
Dor einiger Zeit ist gleichfalls in Berlin der Gedanke aufgetaucht, nunmehr auch eine Abend-Universität zu gründen. Sie würde all diesen Menschen, die gezwungen sind, während des Studiums einem Beruf nachzuaehen, große Erleichterungen verschaffen. Die Idee ist also durchaus nicht so abwegig. Sie ließe sich I« tm Rahmen der bestehenden Universitäten auch leicht verwirklichen, sie könnte mit den gleichen Lehrkräften und Lehrmitteln an den gleichen Lehrftätten arbeiten.
Opfer der Spielleidenschafl
Selbstmord eines bekannten Berliner Rechtsanwalts
Berlin, "12. Mai.
Der bekannte und geschätzte Berliner Rechtsan- lwali und Notar Harlswig Neumesnid hat in einem bekannten Berliner Luxushotel vergiftet. Neumond, der 56 Jahre alt geworden ist, hatte sich auf urheberrechtliche und sonstige ans dem Gebiet der Bühne des Films, ber Ltteratur und Musik er-
Vor kurzem wurde in aller Stille in Berlin da« Institut für Stratzlcnforfchung errichtet. Mit äußerst wertvollen Apparaten aitSge* ftaitet, will es der Erforschung dieses dunklen Stra» lenrttchcs (der Röntgenstrahlen, der ultravioletten, aber auch der ultraroten Strahlen) bienen. Eina mächtige Gleich- unb Tiehsttomaulage im Keller, eine riesige Mkumulatorctibatterie fehlen ebensowenig wie chemische und biologische Laboratorien; Aeuarien und ein kleines Gewächshaus versorgen bas Institut mit tebenbem Material für bie Unter« fuchungiii. Noch find viele Geheimnisse bes Lich« tes man erforscht, aber eines ist gewiß: alles irbische Lebe- verdankt fein Dasein dem Licht Es ist die köstlichste Himmelsgabe. Die überall ihren Segen spendet, ob hoch oben in den Bergen, ob an Der rauschenden See, ob es die natürliäie Sounenstray- lung ''ft ooer das ultraviolette Licht Der „künstlichen Hohensonne*. Neber all weiß ber Mensch bim Segen des Lichts nachzuspürcn. Auch in bas geheimnisvolle Reich ber dunklen Lichtstrahlen ist er borge« brimgcn, um ihre Rätsel zu Deuten und die Sprache Dieser ultravioletten Strahlen zu übersetzen und Wündepkräfte nutzbar zu machen.
wachsende rechÄ'ictzei Streitfragen spezialisiert und aal» hier als Autorität.
Das Motiv zur Tat bildeten große Unterschlagung gen, über die bereits Gerüchte in Umlauf waren, ohne baß allerdings der Name des angesehenen Anwaltes damit in Verbindung gebracht wurde. Reu« monb hat ihm anbei traute Gelder im Betrage von mchreren Hunderttausend Mark für sich verwendet. Wir der Berliner Lokalanzeiger feststellt, war Der Anwalt in Berlin als Spieler bekannt. Vor einigen Jahren, als er schon einmal in bebräugter Lage war, erbte er von zwei Bnidern, die im Auto tödlich verunglückt waren, 1Z Millionen Mark, nut deren Hilfe er feine finanziellen Verhältnisse wieder in Ordnung brachte. Neue Spielverluste nahmen ihm jetzt jede Möglichkeit, sich erneut zu sanieren.
Dreifacher Mord in RaiiSor
Ratibor, 12. Mak.
Am Sonnabend wurde ber 30 Jähre tüte Z« schneiber Josef Danis im Statdtteil Altendorf'a, der Oder von einem Unbekannten durch einen Messerstich in die linke Brustseite getötet. Paflamen fanden den Ermordeten am Sonntag morgen gegen 5 Uhr auf. Die Mordkommission und vie Kriminalbeamten stellten fest, daß es sich bei der Wmrd« um einen gleichen Stich wie bei dem am 5. Mai Anter dem Schützenhaus ermordeten Schüler Bruno Zeller handelt.
In der Nacht zum Sonntag wurde m ber Kolonie Niodane der Kaufmann Alfred Rusk« auf dem Hof feines Hanfes von einem Unbekannten durch einen Ttich in den Unterleib verletzt. Der Täter konnte unerkannt entkommen. Rnske wurde mH einer lebensgefährlichen Darmverletzung ins Krankenhaus eingeliefert. In allen Fällen dürfte es sich um den gleichen Täter handeln, dem auch der Mord an dem Schüler Zeller zugeschriebeii wird. Rati^- befindet sich in begreiflicher Erregung.
Rätselhafter Selbstmord
Essen, EL Mai.
_ Leiter der Essener Wetterwart«,
Dr. Eckhardt, hat bnrch Ertrinken in der Ruhr fe£ «em Leben cm Ende gemacht. Die Leiche wurde bis- her noch nicht geborgen. Die Beweggründe die Dr. Eckhardt in den Tod getrieben haben, stehen noch nicht fest Seine wirtschaftlichen und Familien- verhalmisse waren nach zuversichtlichen Jnformatio. nen durchaus geordnet. Kleidungsstücke und Brief- Dr. Eckhardts wurden nachmittags auf einer Rnhrwlese Kettwigs gefunden; im Mantel befand sich ern Mtschiedsbrief an seine Frau
Glauben Sie an Philo?
Eine dunkle Geschichte ans einer guten Familie. Von S. S van Dine Bearbeitet von Elsa Staudemeyer Copyright by Vertag Knorr * Hirtb in München *
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„Sibylla? Hat bie sich den Schal öfters ausgeborgt?*
Ada nickte unter Schluchzen. „Sie — sie findet den Schal — so — so schön . . . O, warum zwingen Sie mich, — das zu sagen!*
„Jemand anders haben Sie nie mit dem Schal gesehen?*
„Nein, kein Mensch sonst hat ihn jemals getragen. nur Mutter und Sibylla.*
Philo bemühte sich, ihren offenbaren Kummer mit ein paar scherzenden Worten zu bannen.
„Da sieht man, wie töricht kleine Mädchen fein können*, sagte er mit gutmütigem Spott. „Wahrscheinlich haben Sie Ihre Schwester Sibvlla in der Diele gesehen, unb nur, weil Sie von der Mutter bös geträumt hatten, glaubten Sie, sie wäre es. — Gibt man zu, baß man ein Dummerchen war?* Aba lächelte unter Tränen.
Ein paar Minuten darauf empfahlen wir uns.
„Ich habe von jeher behauptet*, bemerkte Inspektor Moran, als wir im Auto saßen, „ein erregter Mensch könne nicht richtig identifizieren. Hier haben wir ein eklatantes Beispiel dafür.*
„Ich wünschte, meine Freundin Sibplla wäre in erreichbarer Nähe*, murmelte Heath, mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. „Eine intime kleine Unterhaltung mit ihr unter vier Augen käme mir jetzt gerade gelegen.*
„Trösten Sie sich, Sergeant*, spöttelte Philo. „Es wäre auf jeden Fall eine Enttäufchmig. Am Ende Jahres tSte-Ltöte wüßten Sie genau so viel ober so wenig wie am Anfang, weil nämlich die junge Dame Ihne» nur bas mitteilen würde, was sie mitzuteilen für gut befände.*
Für eft»e Weile blieb es still im Wagen.
„Unb .«o stehen wir jetzt?* Markhams bange Frage brach das Schweigen.
„Genau da, wo wir vorher standen*, antwortete Philo niedergeschlagen. „Mitten in einem undnrck> dringlichen Rebel. — Unb ich bin nicht im geringsten überzeugt*, fügte er hinzu, „daß es Sibvlla war, die nächtlicherweile in der Diele lustwandelte.*
Markham starrte Philo fassungslos an. „Wer um alles in der Welt soll es sonst gewesen sein?*
Philo seufzte tief und schwer. „Geben Sie mir die Antwort aus diese Frage, Markham, dann erzähle ich Ihnen alles übrige.*
Die Nacht vom 3. aus den 4. Dezember verbrachte Philo bis morgens zwei Uhr schreibend in seiner Bibliothek.
Sonnabend, 4. Dezember, 1 Uhr nachmittags.
Für den nächsten Tag — Sonnabend — hatte Markham ««§ znm Lunch ht ein Weinrestaurant
nahe seinem Büro eingeladen. Aber als wir ihn um die ausgemachte Zeit im Kriminalgericht abholen wollten, steckte er so tief in Arbeit, daß wir ihm zuredeten, uns ohne alle Umstände fchnell einen Imbiß in feinem Privatkonferenzzimmer servieren zu lassen. Worauf er denn auch nach längerem Sträuben einging.
Als der also improvisierte Lunch vorüber war, lehnte sich Philo bequem in seinem Sessel zurück und zündete sich mit langsamen, gemessenen Bewegungen eine Zigarette an.
„Geliebter Markham*, sagte er schmeichelnd, „wenn ich* Ihre heutige Einladung akzeptierte, so geschah es lediglich in der Absicht, mit Ihnen über Kunstfragen zu diskutieren. Ich hoffe, Sie sind in aufnahmefähiger Stimmung.*
Markham warf ihm einen ehrlich entrüsteten Blick zu. _ „Was fällt Ihnen ein, Vance? Meinen Sie, jch hätte Zeil und Lust, mir ausgerechnet jetzt Ihre ästhetischen Albernheiten anzuhörcn? Wenn Sie sich künstlerisch „disponiert* suhlen, dann verziehen Sie sich mit Van Dine ins Metropolitan- Museurn. Mich lassen Sie gefälligst in Frieden mit Ihrem Kram!*
Philo seufzte, schüttelte mit vorwurfsvoller Miene den Kopf. „Albernheiten*! „Kram*! O du materialistisches Amerika! Wann wird je der göttliche Funke der Kunstbegeisterung deine trockene matter-of-fact- Seel« aufglübcn lassen? Traurig, traurig. Aber Ihre liebevollen Ratschläge, teuerster Freund, können Sic sich schenken. Keine zehn Pferde bringen mich in^ Metropolitan-Museum, dieses Mausoleum von Kunll- leichcn, die Eurova über Bord geworfen hat. Es fehlt noch, daß Sie mir vorfchlaaen, ich möge mir mit dem armen, unschuldigen Pan Tine unsere städtische Statuensammlung ansehen!*
„Meinetwegen können Sie auch ins Aquarium gehen, wenn Ihnen das lieber ist.*
„Ich weiß, ich weiß. Jedes Mittel ist Ihnen recht, mich loszuwerden, — Sie egoistischer, Sie ganz und gar unveran'wortlicher Mensch' Aber Sie haben kein Glück, Markham — ich bin eifern entschlossen, hier auf diesem Stuhl an diesem Tisch sitzen zu bleiben und den verehrten Anwesenden einen erbaulichen unb gleichzeitig bildenden Vortrag zu halten über künstlerische Kompositionsprobleme.*
„Tann möchte ich Sie nur bitten, Ihre Weisheit nicht allzu schallend von sich zu geben*, sagte Markham aufstehend. „Weil ich nämlich im Zimmer nebenan arbeite.*
„Aber mein Vortrag hat Bezug auf den Fall Gucne*, erklärte Philo hinterhältig. sollte»
ibn nutzt versäumen, verehrungswürdiger Lykurg,
Der Bezirksrichter, schon auf dem Weg zur Tür, verhielt beit Schritt und wandte sich um.
„Sie sind einfach unausstehlich, Philo.* Er nahm seufzend wieder Platz. „Alfs, wenn es denn sein muß — ich höre zu. Aber lassen Sie fich's gesagt setn: auf wortreiche Prologe lege ich keinen Wert. Wenn's mir zu bunt wird, laufe ich einfach davon *
„Sehr wohl, gnädiger Herr.* Philo imitierte Sproot in Stimme und Tonfall derart vollendet, daß wir trotz unserer gedrückten Stimmung hellauf lachen mußten.
„Ich darf wohl voransfehen, Markham*, begann er bann mit sachlicher Miene, „daß Ste trofc Ihres leider so gänzlich schönheitsfremben Gemü's imstande sind, den funbflineittaTen Unterschied zwischen einem guten Gemälde und einer Photographie ohne weiteres zu erkennen . . .*
Markham wollte ihn unterbrechen, aber Philo erhöh Schweigen gebietend die Hand. „Lassen Sie m°ch gefälligst ruhig ausreden Markham. Ich versichere Ihnen hoch und heilig, ich verliere mich nicht in leeres Geschwätz. Also ich wiederhole — es eristiert eine unüberbrückbare Kluft zwilchen einem Gemälde und einer Photographie. Worin besteht dieser ae- wal'ige Unierschieb? In folgendem: Das Gemälde wirb anaelegt, komponiert, organisiert. Die Photographie da gegen ist Weiler nichts als die mechanische vom Zufall abhängige Wiedergabe eines SGckchens Natur, ein Ausschnitt aus ber Wirtlichkeit. Mit an deren Worten: das Gemälde hat Form, die Pqo grapb-e ist chaotisch. Wenn ein wahrhafter Küust'et ein Bild malt, verstehen Sie. dann gruvviert er Schatten und Licht unb Linien enifprechmib ber ftbce, bie er hinsichtlich Der Kompostüon seines Werkes im Kops bat, — das heißt, er ordne' jede Einzelheit des Bildes dem Grundgedanken des Ganzen unter. Es gibt bei einem Gemälde ferne überflut figen. keine beziehungslosen Details, Formen, Linien unb Farben stehen in innigstem Zusammen Hang mitehianber, eins ist sinnlos ohne bas andere Jeder einzelne Gegenstand, ja, ick möcht« sagen, jeder Pinsclsirich, nimmt seinen ganz bestimmten, im voraus festgeleqten Platz ein. erfüllt die ihm von Anbeginn zugewiesene Funk'ion. Um es kur, aus- zudrücken: das Gemälde stellt eine Einheit bar.*
„Aeußerst lehrreich*, kommentierte Markham mit einem ostentativen Blick auf die Uhr. „Und der Fall Greene?*
„Die Photographie auf ber anderen Seite*, fuhr Pbilo fort, Markhams Einwurf ignorierend, „entbehrt des Grundgedankens. Auch bon einer Gruppierung im ästhetischen Sinne ist nicht die Rede. Ja gewiß — ein Phonograph kann seinen Gegenstand in der oder jener Stellung aufnehmen, «r kann ihn drapieren, kann ihn fchinücken. Aber es ist unmöglich für ihn, nach einer vorgefaßten Idee, nach einem bestimmten Plan zu tamponieren, aujzubamm, in bei
*0® bi-Lc«. Maler tut. Auf jeder Photogra- Einzelheiten, die keinen Sinn haben, i-c11 s.v . bie vom
Standpunkt der Harmonie salfch sind, Linien die .K°"wlere, die nicht sineingehörcu. iit J 7? in die letzte Konsequenz ehrlich, .immer st« vor sich hat, ohne auf künstlerische Werte oder Effekte. In- 7nc Fbo'ographie weder Draani- ^‘0" Einheit. Sie ist voll von irrelevanten ioren, von Gegenständen ohne Sinn und Zweck. ifAii Ihr ber Geist, die Logik der Konzeption. ?ie.ist vom Zufall abhängig, betrogen, ziellos, amorph, — genau wie die Natur, bie sie kopiert.* rvinEn« bbiesen Punkt nicht weiter auszu- spinnen, fiel Markham nngednldig ein. „Ich »r« rüge »amlich über eine gewisse rudimentäre Jnielli- , Atahin wollen Sie uns mit diesen hin ft» voll eingekleideten Gemeinplätzen führen, Vanee?*
Philo lächelte ibn gewinnend an. „Z»r 5$. Straße wenn Sre gestatten. Aber bevor wir unseren Bestimmungsort erreichen, muß ich Sie bitten gütigst noch einer weiteren kleinen Amplifikation Ihr geneigtes —br zu leihen. — Bei Gemälden, denen eine komplizierte, subtile Idee zugrunde lieat, fällt es dem uneingeweihten Beschauer oft recht schsvec, die Komposition des betreffenden Kunstwerkes zu ergründen. Er muß das Bftd lange und soraföltig nudieren, muß seinen Rhythmus erfühlen seine Formen vergleichen, seine Details gegeneinander abwagen und alle seine Augenfälligkeiien finnbcjl zu- lainmensugen bevor sich ihm die Idee bei Werkes offenbart. Viele wundervoll organisierte, in höchster Vollkommenheit konzipierte Gemälde — wie ; B. Renoirs Figuren-Snicke. Ma'isse's Interieurs, Ee- zannes Aquarelle, Picaffos Hullebc» und Leonardos anatomische Studien — mögen aus den ersten Blick vom Standpunkt der Komposition sinnlos ersckeinem Der oberfläckliche Beirach'er maa den Eindruck baden, die Formen dieser Werke seien ohne Einheit, ohne Zusammenhang, ihre Linienführung, ihre Lickl- unb Schattenpartien von Willkür bikttert. Aber wer sich voller Andacht ttnd Hingebung in diefe Geistes- schovfungen vertieft, wer es ersteht, zwischen den einzelnen Komponenten die Verbrndung Herzustellen, dem enthüllt sich die Idee des Künstlers, das Motiv seiner Konzeption.*
„Ja doch, ja* unterbrach ihn Markham nngebul« big. „Zwilchen Gemälde und Photographie besteht ein Unterschied. Einem Gemälde liegt eine Idee ;u- grunbe, einer Photographie nicht. Man muß oft ein Gemälde lange studieren, bis man die ihm zugrunde liegende Idee erfaßt. — Das ist doch wohl der langen Red« kurzer Sinn, nicht wahr? Eine geschlagene Viertelstunde verbreiten Sie sich jetzt über einen Gegenstand, der — wie Sic sehen, — sich mit drei Sätzen abtun läß^*
V (Fortsetzung salgt^ j