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Hummer 104 *
Montag, 5. Mai 1930
19. Jahrgang
Gandhi von der indischen Regierung verhaftet
Auf Grund einer Verordnung aus -em Jahre 1827 / Oer demokratische Parteivorstand tagt / Große Waldbrände in Lt. S. A.
Oer Mahaima hat sein Ziel erreicht Die Differenzen bei den Demokraten
Eigener Drahtbericht. Von unserer Berliner Schristleituug.
Riesige
'Xx:
aldbrände in Amerika
Eigener Drahtbericht.
Reuyork, 5. Mai. e
In verschiedenen Statuen des Landes find groß« trockene Grasflächen und Fichtenwälder in Brand geraten. Bei dem gestrigen starken Müde erreichten die Brände teilweise ein« beängstigende Ausdehnung und richteten Schäden am, die bisher aus insgesamt 2 0 Millionen Dollar geschätzt werden.
In Lang Island hatte die brennende Fläch« zeitwise eine Ausdehnung von vierzig Meilen, so daß die Reuyorker Feuerwehr zu Hilfe gerufen wurde.
In New-Jersey mutzten mehrere Dörfer wegen der Waldbrände geräumt werden. — In Stalen Island und Lang Island brannten mehrere hundert Häuser nieder. In Rhode Island und in New Hampshire wüteten ähnliche Brände.
Namentlich in Mittel- und Süd-New Jersey gewannen die Brände eine solche Ausdehnung, datz sie als die schlimmsten in der Geschichte dieses Staates bezeichnet werden müssen. Ein Waldfeuer, das in Smithburg begann, brannte zwölf Meilen weit bis Lakehurst und zerstörte dabei unterwegs einen Teil der Ortschaft B a tz v i l l e. In Lakehurst war der Rauch dieses Feuers derart dick, datz die Feuerbeobachtungsstelle auf der Luftschiffhalle, die dem Zeppelin als Unterkunft diente, nutckos wurde. Die Waldbrände übersprangen breit« Landstratzen, die des nachts voll von Wild waren, das aus den brennenden Wäldern sich geflüchtet hatte.
22000 Briefe
sollen mit „Graf Zeppelin" befördert tverde«.
Reuyork, 5. Mai.
Die letzten Borbereituugen sür die Landung des ,Eraf Zeppelin" auf seiner Rückreise nach Friedrichshafen sind getroffen. Ter Leiter der Zeppelin -Werft S. W. von Meister hat mit der Leitung der Lakr- hurfter Luftschisfhalle alle Einzelheiten sür die Landung, die am 28. oder 29. Mai in aller Frühe er- solgen soll, festgelegt. Ein Depot von Pyrokax- und Wasserstoffgas ist angelegt worden. Diese Mischung wurde anlätzlich der Weltreise des „Graf Zeppelin" schon einmal te Los Angeles gebraucht.
22 000 Briefe und Postkarten, die 22 000 Dollars kosten, warten bereits auf das Luftschiff. Diese stattliche Zahl stellt einen neuen Rekord dar.
Tausend Volkswirtschaftler gegen eine Tarifvorlage
Reuyork, 5. Mai.
Die Morgenblätter bringen sämtlich aus ihrer ersten Seite einem Aufruf, der von über lausend tu Washington versammelten Nattonalökonomen unterzeichnet ist, die 46 Staaten und 179 Universitäten und Hochschulen vertreten. Der Aufruf ersucht den Kongreß, die Tarifvorlage abzulehnen, bezw den Präsidenten, die Vorlage nicht zu unterzeichnen da der Tarif in der vorgesehenen Gestalt weite Kreise der Vereinigten Staaten schädige, ohne der amerikanischen Industrie zu helfen.
Der Aufruf bezeichnet es ferner als eine Ironie, daß die Regierung einerseits die Förderung der Ausfuhr erstrebe, während sie andererseits den Außenhandel durch einen Tarif erschwere, der die herr- schendeArbeitslosigkeit zu bessern vermöge, dafür aber die amcrikan. Auslandsanlagen gefährde und sicherlich Vergeltungsmaßnahmen des Auslandes veranlassen werde.
Houngplan tritt in Kraft
Loudon, 5. Mai.
Der Aoungplan wird heute, wie die „Times" zu melde» weiß, von der englischen Regierung offiziell ratifiziert werden.
Da die ttalienische Regierung ebenfalls heute die Ratifizierung vorzunehmcn beabsichtigt, wird der Reparationsplan mit dem heutigen Tag in Kraft treten.
Paris, 5. Mai. Heute treten in Paris die Delegierten der Schatzämter der hauptsächsten Gläubiger- länder Deutschlands mit Vertretern des Reichsfi' nanzministeriums zusammen. An der Konferenz nehmen auch die Leiter der Bank für Internationale Zahlungen, Mac Garrah, Fraser, Quesnay und Dr. Hülse teil. Di« Beratung gilt der Vorbereitung der Auflegung der ersten Doungtranche in Höhe von 300 Millionen Dollar. Man nimmt an, daß die Ver- baudlungcn mehrere Tage in Anspruch nehmen werde»
Loudon, 5. Mai.
Mahatma Gandhi, der Führer der allgemeinen Gehorsamsverweigerung im Indien, ist heute nacht um 1 Uhr in Surat am Golf vom Eambay halbwegs zwischen Achmcdabad und Bombay verhaftet worden. Er wird einer offiziellen Ankündigung znfolge in das Aoroda-Gefängnis in Puna bei Bombay ein- geliefert werden. Formell stützt sich die Verhaftung Gandhis ans eine Verordnung ans dem Jahre 1827.
Damit hat Gandhi endlich das Ziel, das er seiner eigenen Ankündigung znfolge seit seinem berühmten „Marsch nach dem Meer" als wichtigste Etappe ansieht, seine eigene Verhaftung, erreicht. Es wird stch $u zeigen haben, wie seine Anhängerschast, die Kongretzpartei und die Millionen der indischen Bevölkerung auf diese Verhaftung reagieren.
Man hatte diese Matznahme in den letzten Tagen allgemein erwartet, besonders nach dem Beschluß, des englischen Kabinetts in der vergangenem Woche, der im Voraus die Billigung jeder Maßnahme der indischen Regierung ausspraL Die indische Regierung hat jedenfalls gezeigt, datz sie stch stark genug fühlt, Ordnung und Ruhe im Lande aufrecht zu erhalten, und daß sie entschlossen ist» die ihr $ur Verfügung stehenden Machtmittel wenn nötig straff einzusctzen.
31 Kommunisten vor Gericht
Loudon, 30. Mai.
Daß die indische Regierung jetzt entschlossen tft, fhr Ansehen unter allen Umständen zu wahren und ihre Autorität aufrecht zu erhalten, kann aus der Verhaftung Gandhis und aus der Ankündigung geschloffen werden daß der
Prozeß gegen die 31 Konlmunisten
die seit 1929 in Hast sind, mit äußerster Energie geführt werden soll. Der Prozeß kann unter Umständen eine ähnliche Bedeutung gewinnen, wie Der bekannte Prozeß von Meerut. Die 31 Kommunisten sind der Ermordung des Polizeikommiffars Saunders und einer Verschwörung gegen die indische Regierung angeklagt. Der Prozeß soll auch im Falle eines Hungerstreikes und ähnlicher Protestmaßnahmen durchzeführt werden. Er nimmt heute seinen Anfang.
In Lahore wurde der Sekretär des Kongreß- ausschuffes für den Pnndschab Kahandschand- Dev wogen Aufreizung der Bevölkerung verhaftet. Mehrere andere Verhaftungen wegen Verstoßes gegen das Salzgesetz wurden in Achmedabad und ViramgMna borgeno muten. In dem
loyalen Verhalten der Molgnnmedaner gegen- über der England feindlichen Bewegung
ist keine Aenderung eingetreten. Ferner liegt eine wichtige Erklärung des prominenten Führers Jtz mah aus Bombay vor. Dieser erklärte am Vorabend der Konferenz der Mohammedaner in Sukor, er fordere alle Indier, hauptsächlich aber die Mo- fhatnniodaner auf, sich nicht an der allgemeinen Gehorsamsverweigerung zu beteilige» oder auch sie nur zu unterstützen. Er fordere feilte Glaubensgenosse a auf, Geduld zu haben bis zu dem Zeir-punkl, wo die Round-Dable. Konferenz stattfinden kann.
Verlauf 5 Eingeborene getötet und 17 zum Teil schwer verletzt wurden.
Die Ursache der Ausschreitungen bildete die Verhaftung eines Eingeborenen durch den Polizeimajor Thomas, den Polizeiches von Kapstadt. Thomas war mit einigen Detektiven in Worcester eingetroffen, um den illegalen Alkoholausschank unter den Eingeborenen zu kontrollieren. Als ein wegen Verletzung des Alloholgesetzes verhafteter Eingeborener im Auto zum Gefängnis gebracht werden sollte .stellte sich den Polizisten eine etwa 500köpfige Menschenmenge in den Weg und verlangte die Freilassung. Als die Menge mit Messern und Aexten bewaffnet eine drohende Haltung gegen die Polizisten einnahm, griffen diese zu den Waffen. Mehrere Polizeibeamte wurden durch Messerstiche und Axthiebe verwundet.
Gespannte Lage aus Matta
Malta, 5. Mai.
Durch eine Verfügung des Gouverneurs der Insel Malta ist die Abhaltung der Neuwahlen auf der Insel „im Interesse der öffentlichen Dicherhett" bis auf weiteres verschoben worben. Die Verfügung des Gouverneurs Hal in den polttischen Kreisen der Insel lebhafte Bestürzung hervorgerufen; sie ist eine Folge des seit Wochen in Malta mit Leidenschaft geführten politischen Kampfes, in dem die Gegensätze zwischen der katholischen Nationalpartei, hinter der die beiben Bischöfe der Insel stehe», und der pro-englischen Verfassungspartei sich zu großer Schärfe herausgebildet haben. In dem Wahlkampf, durch den große Unruhe in die Bevölkerung getragen worben ist, haben die Aufrufe der beiden Bischöfe, die der Geistlichkeit die Beteiligung an den Wahlen untersagt haben, eine große Rolle gespielt.
th. Berlin, 5. Mai.
Der Reichstag hat am Sonnabend mittag programmgemäß die erste Lesung der neuen Haushaltspläne fortgesetzt und sich dann auf einundeinehalbe Woche vertagt, so daß nunmehr der Haushalts- ausschuß des Reichstages ausreichend Zeit und Gelegenheit hat, den Etat in allen seinen Einzelheiten durchzuberaten. Man kann daher parlamentarisch damit rechnen, daß zunächst keine wich- tigenEreignisse eintreten, bis sich bei der zweiten Lesung des Etats, voraussichtlich erst in der übernächsten Woche, die Notwendigkeit ergeben wird, für die Mehrheit Sorge zu tragen, mit Der man den Ee- famtetat in allen Einzelheiten annimmt. Aber auch in dieser Hinsicht macht man sich vorläufig noch kein großes Kopfzerbrechen, da man mit großer Wahrscheinlichkeit darauf rechnen kann, im Zusammenhänge mit dem Ostprogramm, sowie mit den erforderlichen Sparentwürfen eine Mchrheit für den Etat zu gewinnen.
Inzwischen gehen die Auseinandersetzungen innerhalb der einzelnen Parteien weiter; augenblicklich steht die demokratische Partei im Vordergründe des Interesses, da
heut« in Berlin der Parteivorstaud bet Demokraten
zu einer wichtigen Sitzung zusammentritt. Der Termin dieser Sitzung ist zwar schon seit langer Zeit anberaumt gewesen, so daß man nicht davon sprechen kann, daß diese Sitzung lediglich zur Besprechung der inneren Schwierigkeiten der demokratischen Partei einberufen sei, aber angesichts der Vorgänge der letzten Woche werden natürlich die Differenzen, die innerhalb der- Partei bestehen, den Hauptgegenstand der heutigen Besprechungen im Parteivorstand bilden.
Llnruhe unter -en Grenzstämmen
London, 5. Mai.
Wie „Daily Telegraph' feststellt, ist nach wie vor die Lage in Indien geeignet, die grüßten Besorgnisse zu erregen. Das gelte besonders für den Norden, wo eine gewisse Unruhe unter den Grenzstämmen festgestellt worden ist.
Der Sonderkorrespondent des Blattes meldet aus Bombay: Es bestätigt sich, daß sich bei den Unruhen in Peschawar Truppen eines Regiments von der Menge entwaffnen ließen. Unter den Verlusten der Eingeborenen wurden mindestens 20 dadurch verursacht, datz Panzerwagen über Leute fuhren, die sich auf den Boden geworfen hatten, in der Hoffnung, sie aufzuhalten.
Ter Ernst der Lage in Rordwest-Jndien wird ferner deutlich in einer Meldung aus Simla gekennzeichnet, derzufolge unter den Engländern in Indien Rekrut i e r nn g e n für die englischen Hilfstruppen vorgenommen werden.
Um -en Alkohol
Kapstadt, 5. Mai.
Der etwa 150 Kilometer von Kapstadt gelegene Ort Worcester war der Schauplatz schwerer Ausschreitungen von Eingeborenen gegen die Polizei, in deren
Der Parteivorstand besteht ans 40 Personen, und zwar befinden sich darunter sowohl die Vertreter de» rechten wie des linken Flügels innerhalb der demo« kratischen Partei. H e 11 p a ch, ebenso wie L e m m e r gehören dem Parteivorstand an, und man kann daher mit lebhaften Auseinandersetzungen rechnen. Vor allem wird es sich dabei auch um die Frage der
Neubildung einer Partei der Mitte 1 handeln, die gerade aus demokratischen Kreisen in letzter Zeit sehr widerspruchsvolle Beurteilung erfahren hat. Während der volksparteiliche Parteiführer Dr. Scholz noch vor wenigen Tagen in Königsberg offen erklärte, datz die Verhandlungen über die Bildung dieser Sammlungspartei Der Mitte sich in gutem Fortschritt befinden, wird von demokratischer Seite ein solcher Fortschritt in Abrede gestellt. Man gewinnt jedenfalls den Eindruck, daß bei den Demokraten ziemlich abweichende Anschauungen über dieses Problem herrschen. Es wird daher die Aufgabe der heutigen Vorstandssitzung bei den Demokraten sein, bei diesem Punkt eine Klärung der inneren Widerspräche herbeizuführen. Ein weiterer Punkt, der bei den Demokraten heute sicherlich eine große Rolle spielen wird, ist der
Konflitt zwischen Partei und Presse.
Tie Temolraten, die bekanntlich, besonders in Berlin, über eine Anzahl lehr bedeutender Blatter verfügen, sind in letzter Zeit in starken Konflikt mit ihren führenden Organen gekommen. Besonders das „Berliner Tageblatt' hat scharfe Kritik an der Haltung der demokratischen Parteileitung geübt, und andererseits ist auf dem Berliner Sonderparteitag dek-Tcmokraten, der am vorigen Freitag stattfind, die Haltung des „Tageblattes' scharf getadelt Worden. Tiefe Auseinandersetzungen werden zweifellos auch in der heutigen Parteivorstandssitzung ihr Echo finden.
Heute ergreift nun auch die links-demokratische „Welt am Montag' das Wort zu dieser Frage und sagt sogar, die demokratische Partei sei ebenso kaputt wie die denffchnationale Partei. Die einzige Aktivität innerhalb der demokratischen Partei bestehe zur Zeit in Protesten gegen die eigene Parteileitung. Tas Schlimmste an der Sache sei, daß die Parteimitglieder in ihrer Gesamtheit das Vertrauen zur eigenen Partei verloren hätten.
Diese Darstellung läßt immerhin erkennen, daß die Differenzen innerhalb der demokratischen Partei bestehen, die zwar von manchen maßgebenden Persönlichkeiten nur als Auseinandersetzungen bezeichnet werben, die aber immerhin der heutigen Sitzung des Vorstandes eine erhöhte Bedeutung zukommen lassen.
Ba- Kreuznach -esa-ungsfrei!
Bab Kreuznach. 5. Mai.
Gestern vormittag verabschiebete sich bet letzte Adjutant als Vertreter bet französischen Besatzungs- behörbe von bet Stobt, nachdem bet Abzug bet Besatzung in ben letzten Wochen stillschweigend unb ohne itgenbwelche offizielle militätische Form stattgefunben hatte. Zugleich mürbe bas letzte militärische Gebäude an bi« zuständige deutsche Behörde zutückgegebeu. Alle Kasernen find jetzt geräumt und nut noch einige Gendarmen unb Beaustragte bet Sicherheitspolizei verbleiben noch einige Wochen bis zu« offiziellen Rau« mungsschlutz in bet Stabt Auch bie Einholung bet Flagge vor dem Gatnifonkommanbo erfolgte ohne jegliche militärische Form.
Schober in Wien
Wien, 5. Mai.
Bundeskanzler Schober ist gestern nachmittag um 6% Uhr aus London wieder in Wien eingetroffen.
I» S t Pölten fand Sonntag ein großer Hcim- wehr Aufmarsch statt, demgegenüber der Sozialdemo- krattfche Schutzbund mit etwa 10 000 Mann aus Wie» bereits Sonnabend ebenfalls in St Pölten Gegen- kundgebungcn veranstaltete. Im Einvernehmen mit den Führern beider Parteien hatten die Behörden genaue Abmachungen getroffen, um Zusammenstöße zwischen Schutzbund und Heimwchr zu verhindern. Trotzdem die Gefahr von Zusammenstößen gegeben erschien, wurden die in St. Pölten zusammengezoge» nen Aufgebote von Gendarmerie und Militär durch Abteilungen des Bundesheeres aus Wien noch verstärkt.
Ten Heimwehraufmarsch versuchten einige Trupps des Schutzbundes zu stören. Daraufhin riegelte bie Gendarmerie den Schutzbund auf dem Trabrennplatz außerhalb St. Pölten gegen die innere Stadt trotz des Protestes der Schutzbundleitung bis zum Abtransport der Heimwehr ab, der sich nun nachmittags reibungslos vollzog. Ter Abtransport des Schutzbunds nach Wien erfolgte in den Abendstunden.