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Kasseler Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung

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Hessische Abendzeitung

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Nummer 100 *

Mittwoch, 30. April 1930

10. Za-rgau-

Oie Umgruppierung der Parieifronten

Abg. Kloenne über -ie Pläne -er -eutfchnationalen Oppositton / Demokraten und Kabinett Brüning / Millionen-Oefiztt im bayerischen Etat

Partei -er Werte fchaffen-en Stände

Von unserer Berliner Schriftleitung,

____-*;_____ z' th. Berlin, 30. April.

3** politischen Kreisen beschäftigt man sich natur« tzemLtz lebhaft mit der morgen stattfindendeu Be­sprechung der unter der Führung des Grafen

Den Fraktionsvorfitz würde man Treviranus an­bieten für die Zeit, in der er nicht mehr Minister sein sollt«.

Es scheint außer jedem Zweifel zu sein, daß die Besprechungen, die über eine derartige Partei­bildung geführt werden, bis zum Reichskanz­ler Brüning gehen. Ob bei der Bildung der neuen Partei eine Umbildung des Kabinetts vorge- nommen werden müßte, da ja bann die Fraktion Schiele einen erheblich stärkeren Einfluß auf die jetzige Regierung nehmen würde als gegenwärtig, steht natürlich noch dahin.

Tleuer Kurs bei -en Demokraten?

Berlin, 30. April.

Die Zahl der Kundgebungen demokratischer Par­teiorganisationen. die den Austritt der Demokraten aus der Regierung Brüning fordern, hat sich wie­derum vermehrt. Der Verstand der Demo­kratischen Partei Berlin-Mitte hat näm­lich folgenden Beschluß gefaßt:

Der Vorstand der demokratischen Partei Berlin- Mitte hat mit Bedauern und Befremden von den

Dorkommnifsen Kenntnis genommen, die sich bei der Bildung des Kabinetts Brüning abgespielt haben. Er erblickt in der Unterstützung dieser Regierung durch die demokratische Partei einen Mangel an ziel­bewußter Führung und einen Bruch mit den Grund­sätzen und Forderungen der Partei sowie eine Ge­fahr für ihren Fortbestand. Er ersucht den Berliner Parteitag, die sofortige Einberufung eines außer­ordentlichen Reichsparteitages zu fordern mit der Parole, die BeziehungenderPartei zu der Regierung zu lösen. Diese Forderung ist das Gebot bet ©lunbe."

Der Geschäftsführer der demokratischen Fraktion des Preußischen Landtages erklärte dem »Demokra­tischen Zeitungsdienst, daß die Landtagsfrak­tion durchaus hinter dem Parteivorstand und der Reichstagsfraktion stehe. Eine scharfe Oppositionsstellung gegen die Regierung und eine da­durch herbeigeführte, wenn auch unabsichtliche Unter­stützung der Sozialdemokratie sei wegen der unaus­bleiblichen Rückwirkungen auf die anderen preußi­schen Koalitionsparteien nur geeignet, die bisherige feste republikanische Koalition in Preußen zu ge­fährden.

Der Reichsvorstand der Demokratischen Partei '.st wie schon in einem Teil der gestrigen Auflage ge­meldet wurde, zum nächsten Mon'ag einberufen wor­den. Es wird auch angenommen, daß der Parteiaus- fchutz, eine Art verkleinerter Parteitag, Mitte Mai zusammentreten wird.

!!»*" ......hum

Reichsiagsabgeor-ueLer Dr. Tantzen bet in einem sehr scharfen Schreiben seinen Aus­tritt aus bet Demokratischen Partei bekanntgab unb gleichzeitig sein Reichstagsmandar nieberlegte.

poincares alte Melodie

(Eigene Drahtmeldung.)

Westarp stehenben oppofitionellen Gruppe bet Deutschnationalen. Von dieser Besprechung erwartet man bie Bekanntgabe bes neuen Kurses ber im Ge­gensatz zur Politik ihres Parteiführers Hugenberg stehenben Abgeorbneten.

In biesem Zusammenhänge sinb bie Mitteilungen interessant, bie ber bekannte volkskonservative rhei­nische Industrielle Kloenne in betRheinisch-West­fälischen Zeitung" über bie angeblichen Pläne bieser deutschnationalen Abgeorbneten bekannt gibt Kloenne teilt mit, falls tatsächlich bie Spaltung innerhalb ber Deutschnationalen eintritt unb ein großer Teil bei Abgeordneten den Austritt aus bet Partei erklärt, beabfidjtige man, eine neue Partei zu gründen.

Die Führung bieser neuen Partei soll Schiele über­nehmen, falls Graf Westarp erklären sollte, baß er nicht bei Hugenberg bleiben, sich aber auch nicht mehr einet neuen Partei anschließen könne. Westarp soll erklärt haben, baß er sich nicht mehr kräftig genug fühle, eine neue Partei aufzu­bauen. Die Treviranus-Eruppe unb bie Christlich- nationalen Bauern wollen anscheinenb mit bei neu zu grünbenben Partei über ein Zusammengehen bei ein­zelnen Gruppen verhanbeln. Ob es zu einer Ver­schmelzung mit ber jetzigen deutschnationalen Arbeits­gemeinschaft kommen wirb, steht indessen noch dahin.

Die neue Sammelpartei würde voraussichtlich den NamenPartei der Werte schaffenden Stände" er­hallen. Zhr Parteiführer würde Schiele weiden.

* » >* Paris, 30. April.

Der ehemalige Ministerpräsident P o i n c a r e schreibt in einem am Mittwoch imExzelsior" veröf­fentlichten Auflatz unter dem TitelVon London nach Genf" u. a. folgendes: Man müsse wohl erkennen, daß weder ber Vertrag von Locarno, noch der Kcllogg- Pall Frankreich schon jetzt eine Sicherheit gebe, bie es ihm gestatte, nach der durch den Wiederaufbau bedingten Verzögerung in der Instandsetzung der Grenzverteidigung ohne vorherige Vorsichtsmaßnah­men weiter abzurüsten.

Frankreich dürfe auch geteilten Symptomen gegen­über nicht gleichgültig bleiben. Wenn man beispiels­weise erfahre, daß Deutschland, nachdem es des öfteren Briand gegenüber habe erklären lassen, vor Ablauf von zehn Jahren gewisse Rheinbrücken nicht bauen zu wollen, bereits heute seinem Haushalt die für den Bau dieser Brücken erforderlichen Bettäge ein- verleibt habe, toer.n es ferner

Kriegsmaterial in Sowjetrußland (!?) Herstellen lasse, ober wenn die deutsche Regierung zur Dementie­rung der Nachricht, daß der Stahlhelm seine offi­zielle Genehmigung erhalten werde, lediglich antworte, diese Informationen fien verfrüht, so seien dies für die Zukunft keine beruhigenden Anzeichen.

Poincare zieht dann einen Aufsatz des Engländers Norman Angel an, ber in den letzten Tagen imDaily Herold" erschienen ist, unb in bem es u. a. heißt:

Frankreich wird von einer Jahrhunderte alten Feind­schaft flankiert, die eige weit zahlreichere Bevölkerung als bie feinige besitzt. Wenn sich eine deutsch-russische ober eine

deutsch-italienische Kombination

ergeben würde, so könnte Frankreich sich einer europäi­schen Lage gegenüber befinden, in der es in einem Zu­stande einer nicht wieder gutzumachenden Unterlegen­heit sein würde.

Poincarö schließt feinen Artikel mit den persönli­chen Sätzen:Sprechen wir nicht davon, von der Jahr­hunderte alten Feindschaft, betrachten wir eine deutsch- italienische Kombination als eine Unmöglichkeit. Be­wundern wir die Schönheiten eines Zeppelin, wenn er über Paris fliegt. Auch dies lasse ich noch gelten, er­kläre indessen, aber die Stunde noch nicht für ge - kommen, um uns auf weichen Kissen einzuschläfern!"

City urr-Reparatr'onsanleihe

London, 30. April.

Der diplomatische Mitarbeiter besDaily Tele­graph" stellt im Zusammenhänge mit der Verteilung der leitenden Posten der B. I. Z. fest, daß in ber Londoner City bie Abneigung wegen der Auf­nahme eines größeren Teiles der deutschen Re­parationsanleihe zunehme, da das Ergebnis bieser Anleihe fast ausschließlich an Frankreich und der Keilte Rest an andere kontinentale Staaten ginge.

Staatssekretär Zweigert in Weimar (Eigene Diahtmelbung.) .i»;

Weimar, 30. April.

Staatssekretär Zweigert vom Reichsinnenmini- sterium ist in der Rocht zum Mittwoch in Weimar ein­getroffen, um der Landesregierung den geplanten Ge­genbesuch abzustatten.

20 Millionen neue Steuern in Bayern

München, 30. April.

Tie außerordentlich schwierige Finanzlage des bayerischen Staates macht die Erschließung neuer Steuerquellen notwendig. Aus de.n vorläufigen Finanzausgleich kann der Haushalt-Fehlbetrag 1930 in Höhe von über 40 M.llionen Mark allein nicht ge­deckt werden.

Das bayerische Finanzministerium hat deshalb Vorschläge für 20 Millionen neue Steuern ausgearbettet, mit denen sich bereits der bayerische Miniperrat beschäftigt hat. Die neuen Steuervor­

schläge werden bei der Vorlegung des bayerischen Haushaltes in der kommenden Sonnabendssitzung be­raten werden.

Zörgie-el ist zuversichtlich

Berlin, 30. April.

Wie Polizeipräsident Zörgiebel gestern in einer Pressekonferenz mitteilte, ist die Polizei für den 1. Mai gerüstet. Polizeipräsident Zörgiebel beurteilt die Lage sehr zuversichtlich. Er glaubt, daß es am 1. Mai zu keinerlei Zusammenstößen unb Ausschreitungen kommen wird. Die Haupttätigke't ber Polizei wird sich daraus richten, b»e feindlichen Parteien vor Be­rührung zu bewahren. Zu diesem Zwecke sind die An- und Abmarschstraßen von der Polizei gemein- fchastlich mit den Organisationen genau festgelegt worden. ......

Dresden, 30. April. Der Polizeiprädent hat sich emschloffen, die Maikundgebungen in Dresden nicht zu verbieten.

Der polnische Gefan-te -ei Litwinow

Konnte, 30. April.

Wie amtlich aus Moskau gemeldet wird, stattete der polnische Gesandte P a t e t am Dienstag dem stell­vertretenden Außenminister Litwinow einen Be­such ab, wobei er im Auftrage seiner Regierung seiner Genugtuung über die Vereitelung des Anschlages auf die sowjetrussische Gesandtschaft in Warschau Ausdruck gab. Patel versicherte, daß bie polnische Regierung alles unternehmen werbe, um des Täters habhaft zu werden. Litwinow nahm die Erklärungen Pateks zur Kenntnis.

*

Warschau, 30. April. Die Warschauer Polizei hat gestern einen der bedeutendsten Kommunisten- sührer, Alexander Eranas, verhaftet. (Branas ist langjähriges Mitglied ber Moskauer kom­munistischen Partei und gehörte seinerzeit zu den ver­trautesten Mitarbeitern Lenins.

Unterschlagungen

-ei einem Finanzamt

Stettin, 30. April.

Beim Finanzamt Stettin-Randote wurden große Unterschlagungen eines Obersteuersekretärs aufgedecki, dem es durch geschickte Fälschungen an der Addier­maschine im Laufe der Jahre gelungen ist, namhafte Beträge zu veruntreue». Die Höhe bei veruntreuten Summe ist noch nicht ermittelt. Ter Beamte wurde verhaftet, --------- '

Turksib

Von unserem ständigen Korrespondenten K.-H. Görbing.

Unser Moskauer Korrespondent hat sich nach Turkestan begeben, um an den Eröffnungs­feierlichkeiten bei tuikmenisch-fibiiischen Eisen­bahn, bie am 28. April ftattfanben, teilzuneh­men. Det Bau ber Bahn lieferte bekanntlich ben Stoff für ben auch in Kassel zur Ausfüh­rung gelangten Film.Zurksib".

Ans ber Fahrt nach Ajnabulak, Enbe April.

Am 28. April soll ber Zusammenschluß bes südlichen unb nörblichen Streckenbaus bei turkmenisch-sibirischen Eisenbahn kurz Turksib genannt auf bei Sta­tion Ajnabulak stattfinden. Am 20. April, dem Oster­sonntag ausnahmsweise fielen biefes Jahr bie europäischen unb russischen Feiertage zusammen, würben bem fahrplanmäßigen Zuge einige Wagen angehängt, bie bie verschiedensten Delegationen noch rechtzeitig zu ben Eröffnungsfeierlichkeiten nach Ajna­bulak bringen sollen. Ein Waggon beherbergt bie« jenigen auslänbischen Korrespondenten, bie Lust hat­ten, einen kleinen Abstecher nach bem auch schon zur Zarenzeit so ängstlich abgeschlossenen Turkestan zu machen. Unter biesen Neugierigen befinde ich mich auch.--

Zunächst etwas über bie Bedeutung dieser neuen Eisenbahnstrecke! Die ganze Regiestrecke hat eine Länge von ungefähr 2500 Kilometern. Als ihren Ausgangs- puntt kann man bie Station Aris an der Tasch­kenter Eisenbahn betroSten, ihre,-EstbstattatkHl bie Station Nowosibirsk der Omsker Linie. Sie verbinbet also Sibirien mit Turkestan unb den zen­tralasiatischen Säubern ber Sowjetunion. Hierbei ist selbstverstänblich zu berücksichtigen^ baß die Strecke ArisFrunse bereits bestand.

Wenn nun auch bie neue Bahn an bie Bedeutung ber großen Turkestan burchquerenben, oder gar ber transsibirischen Bahn weder an Länge, noch an wirt- schaftlicher unb politischer Bedeutung heranreichen kann, so darf man trotzdem nicht ihre außerordentlich große Aufgabe unterschätzen und vor allem nicht ver­gessen, baß mit ihrer Vollendung bie Sowjetregierung ein Machtmittel sich geschaffen hat, das sich n i ch t nur wirtschaftlich, sonbern auch in bei sowjeti- ftischen Außenpolttik politisch unb militär­politisch auswirken kann unb auswirken wirb. Unter biesen Umftänben ist es verständlich, daß man sich mit Fertigstellung dieser Bahn sehr beeilte. In­wieweit dieser Bahnbau nicht nur formell, bas heißt, nicht nur für leichtere Transporte, sonbern auch eine ben verschiebenen Zwecken entsprechende Belastung aushalten kann, wirb vielleicht schon eine Besichtigung lehren können.

Das Gebiet, bas bie turkmenisch-sibirische Eisen­bahn burchschneibet, ist äußerst abwechslungsreich, reich an schärfsten Kontrasten. Im Nor­den unb Siibosten wird bas Gebiet von einer ber höchsten Gebirgsketten bei Welt mit von ewigem Schnee bebeckten Berggipfeln umsäumt. Im Süden sind es bald Schneeberge, bald felsige Bergriesen, bald heiße, wüstenähnliche Gebiete, bald Zaubergärten der Natur, bie unsere Aufmerksamkeit erregen. So ver­schieben wie bie Natur, find,yuch bie Menschen, Noma­den, ansässige Viehzüchter, seltener Weinbauern. Im ganzen Bahngebiet wohnen wenig mehr als VA Mil­lionen Menschen, was eine Bevölkerungsdichte von nur 4,71 ergibt. Weise Professoren haben errechnet, daß im nächsten Jahre bie Bevölkerung sich bereits auf übet sechs Millionen vermehrt haben soll. Bei bem Kolonisationszuwachs ist an sich diese Berechnung nicht unmöglich, hat aber vorläufig herzlich wenig prakti­schen Wert.

Einer bei Hauptgiünbe, bie diesen Eisenbahnbau bedingten, wat bet Austausch zwischen Weizen und Baumwolle: sibitischei Weizen gegew Wolle aus Turkestan. Ein altes Problem. Die Weizenpteise sinb in ben einzelnen Gebieten Turkestans sehr verschieden, betragen aber meistens ein Vielfaches ber sibirischen Preise. Aus ber an­deren Seite benötigt bie sibirische Textilindustrie Wolle, Wolle und nochmals Wolle. Turkestan ist als Land ber Wolle, sowohl ber Schafwolle, wie bet Baumwolle bekannt. In der Schafzucht steht an erster Stelle bas zu Kasakstan gehörend« Gouver­nement Dshetysu (früher Semirjetschensk, Siebensttom- lanb), wie überhaupt Nordturkestan. Im Gebiet von Semirjetschensk kamen vor dem Kriege auf je 100 Ein­wohner 427 Schafe, in den Gebieten von Semipalatinsk 240, in Syr-Darjinsk 228 unb in Kubanj 150 Schafe. Selbstverständlich haben heute diese Zahlen keine Geltung mehr, denn auch an dem russischen Mittel­asien ist die Revolution nicht spurlos vorübergegangen.

Die Zucht von Großvieh hatte in den Jahren 1924-26 einen nicht unbedeutenden Aufschwung nach den Jahren der kaialttyphalen Bürgerkriege genom­men. Im Jahre 1926 ergab eine Zählung, daß Ka- fakstali, Rordkirgisien und Westsibirien zusammen 27234000 Großvieh besaßen. Heute kann diese Zahl auch nicht entfernt Geltung haben, da die bauern- feindliche Agrarpolitik des letzten Jahres, die beson-