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Kasseler Neueste Nachrichten
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Nummer 92
Sonnabend Sonntag, 26 /22. April 1930
20. Layrgan«
Von der Flotienkonferenz zum Völkerbund
Macdonald überweist dem Völkerbund das Londoner Material / Rauscher bei Zaleski / London kn Erwartung des Zeppelins
„Das verblendete Europa"
(Eigene Drahtmelduug.)
Genf, 26. April.
Die Ergebnisse der Londoner Seeabrüftungskon- ferenz mit dem Londoner Vertrag, den Protokollen der Vollsitzungen und der Berichte der Konferenzaus- schüffe sind von dem englischen Premierminister in seiner Eigenschaft als Präsident der Londoner Konferenz dem Generalsekretär des Völkerbundes zuge- stellt worden.
In einem Begleitschreiben erwähnt Macdonald die Entschließung der letzten Völkerbundsvrrsamm- lung. In einer kurzen Würdigung der Konferenzer- gebniffe kommt er zu dem Schluß, daß sie gegenüber dem bisherigen Stande der Seeabrüstungssrage einen Fortschritt darstellt Er habe deshalb die feste Hoffnung, daß der Vorbereitungsausschuß darin einen Beitrag zur Erleichterung seiner Aufgaben sehen werde.
Weiter werden in dem Schreiben des Mnister- präsidenten die aus der Konferenz zutage getretenen gegensätzlichen Auffassungen Frankreichs und Englands eingehend behandelt.
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Das „Journal" hat Paul Boncour die Frage vorgelegt, ob der Fried« durch die Londoner Per- h-indlung-n gestärkt worden sei. Paul Boncour erstarke, was die Beziehungen Englands, Amerikas und Japans zueinander betreffe, so könne man di« Frage mit ja beantworten. Was Europa anlange, so set es nicht sicher, ob die Arbeiten des Völkerbundes dadurch erleichtert werden würden. Angesichts der Widerstände der europäischen Mächte gegen eine Abrüstung auf militärischem und wirtschaftlichem Gebiete könne man sich nicht wundern, daß die Vereinigten Staaten zögern, dem verblendeten Europa Hilfe zu leisten. Der Kelloggpakt habe einen Wert gehabt gegenüber einer Macht, die außerhalb des Völkerbundes stehe, er bedeutete nichts gegenüber Nationen, die sich bereits durch das Völker- bundsstamt als gebunden hätten ansehen müssen.
Gegenüber allen Widerständen, so suhr Paul Boncour fort ist immerhin ein kompakter Block vorhanden, der weiß, was er will: Frankreich, Polen, die kleine Entente. Hierzu kommen Finnland, die baltischen Staaten, Spanien und Griechenland. Ihr und unser klarer Gedanke hat seinen berechtigten Ausdruck gefunden in dem Genfer Protokoll vom Jahre 1924. An ihm muß man festhalten, anderenfalls ist nur eine scheinbare, einseitige Abrüstung möglich, und Beunruhigung und Mißtrauen bleiben bestehen.
Es genügt nicht, daß man das Abrüstungsproblem aus London nach Gens verlegt. Es würde Genf nicht verlassen haben, wenn der Völkerbund mit weniger Langsamkeit und mit mehr Entschlossenheit es in Angriff genommen hätte. Der Völkerbund mutz auch feine Aufgabe erfüllen, die darin besteht, die allgemeine Rüstungsherabsetzung zu ermöglichen, die eines seiner wesentltchsten Ziele, seine Daseinsberechtigung, ist. Man braucht kein Prophet zu fein. Es genügt, die Augen offen zu halten, um festzustellen, datz im Falle eines endgültigen Scheiterns der Abrüstungsverhandlungen oder auch nur im Falle ihrer fortwährenden Vertagung Deutschland, das vom sonstigen Zwange befreit ist, sich anfchicken würde, diese Abrüstung abzuschütteln und nicht mehr allein eine Rüstungsbeschränkung zu dulden, die der Versailler Vertrag selbst als die Bedingung, aber auch als das Versprechen für eine allgemeine Rüstungsherabsetzung bezeichnet Hal.
(An diesen Ausführungen Paul Boncours ist das Geständnis wichtig, daß die deutsche Abrüstung als das Versprechen für eine allgemeine Rüstungsherabsetzung bezeichnet wird. Was Paul Boncour dagegen an Abrüstungs-Methoden empfiehlt, besonders Die Propagierung des Genfer Protokolls, stimmt bedenklich. Denn es läßt erkennen, daß Frankreich immer noch lief im Dickicht der Eicherheitsthc'en steckt. Ehe es sich her von diesem Mißtrauen nicht befreit, wird eine «oirkliche Abrüstung nicht möglich sein.)
polnisches Mißtrauen
Rauscher bei Zaleski.
Warschau, 26. April.
Der deutsche Gesandte Rauscher wurde amFrei- fctg von Außenminister Zaleski ja einer längeren Unterredung empfangen. Vermutlich wurde auch dir Drage der letzten deutschen ZollerhöHungen »rührt. Die Besprechung hatte jedoch lediglich informatorischen Charakter, zumal btt offizielle Antwort der Reichsregierung auf die polnische Rote bekanntlich ebenfalls in Form einer Rote erfolgen wird.
*
Die polnische Presse benutzt die Unterredung zur Veröffentlichung einer von polnischer amtlicher Seite
stammenden Verlautbarung folgenden Wortlauts: Der Standpunkt Polens zu den deutschen Zollerhöhungen sei nach wie vor völlig gleich, zumal auch die Genfer Abmachungen vom März d. I. verletzt würden (?). Mit Rücksicht darauf, daß die Lage in Deutschland im Zusammenhang mit den Erhöhungen hinsichtlich des Agrarprogramms unklar sei und Polen die Auswirkungen auf die deutsch-polnischen Handelsbeziehungen im Augenblick noch nicht übersehen könne, müsse sie sich Zurückhaltung auferlegen und mit Mißtrauen allen deutschen Versicherungen begegnen, es sei denn, daß sich tatsächlich die deutschen Behauptungen bestätigen.
Boykott englischer Waren
Simla, 26. April.
Pat«l, bet, tote bereits gemeldet, seine Würde als Präsident der gesetzgebenden Versammlung niedergelegt hat, richtet an die Bevölkerung Indiens
Basel, 26. April.
Das Luftschiff „Graf Zeppelin" ist heute morgen 6 Uhr 2 bei herrlichem Frühlingswetter in Friedrichs Hafen zu seiner Fahrt nach London aufgestiegen. Paris wird voraussichtlich gegen Mittag überflogen werden.
Unter den Passagieren befindet sich unter anderem die bekannte Ladp Drummond Hap, ferner eine Miß Cleaver aus London, der ehemalige Luftschiff führer Dietrich aus Kassel, sowie ein englischer Lord, dessen Rame noch nicht bekannt gegeben wurde.
Um 7 Uhr 35 erschien das Luftschisf bei bedecktem Himmel über Basel und flog in der Richtung auf Besancon weiter. Zwei Doppeldecker gaben dem Mir senvogel eine Strecke lang das Geleite.
Besuch des Wembley-Stadions
London, 26. April.
„Graf Zeppelin" wird heute nachmittag zwischen 3 und 4 Uhr in London erwartet und dürste anläßlich des Fußballwettspieles um den englischen Pokal derart
niedrig das Stadion überfliegen, daß viele tausend Engländer aus nächster Nähe den „Graf Zeppelin" sehen können.
Dr. Eckener wurde vom englischen Lust- schiffahrtsminister Thompson gestern abend ein Essen gegeben, an dem bekannte Führer bet englischen Lustschiffahrt teilnahmen. Dom »Aaily Telegraph" zu-
eine Botschaft, In der er sie, int Sinne Ghandis, auffordert, alle ausländischen Stosse von sich zu werfen, auf indischen Handwebstühlen gefertigten Stoff zu tragen und für den Erfolg der nationalistischen Bewegung zu' beten. Es ist beabsichtigt, Patel am nächsten Sonntag vor seiner Abreise nach Allahabad, wo er mit Motilal zusammentreffen wird, in einem großen Umzug durch die Bazarstraßen von Simla zu geleiten.
Im Laufe des gestrigen Tages ist der Generalsekretär des Nationalistischen Kongresses Sriprakash in Benares wegen Verstoßes gegen das Salzmonopol verhaftet worden.
In P e s ch a to a r ist die Ruhe einigermaßen toie- derhergestellt worben. Wie ernst aber bte Sage noch immer von ben Behörden betrachtet wirb, geht aus ber Tatsache hervor, datz alle europäischen Frauen und Kinder aus Peschawar evakuiert werden.
folge, hat Dr. Eckener während seines Aufenthaltes in London Gelegenheit genommen, sich mit den englischen Behörden über eine Reihe von wichtigen Fragen übet die Zukunft der Luftschiffahrt zu unterhalten. Die Besprechungen sollen in bet Hauptsache in dem Austausch technischer Erfahrungen und der Standardifierung ber Luftschiffe bestanden haben. Weiter sei übet die Frage ber Einrichtung eines ständigen regelmäßigen Luftschiffverkehrs und bet babei zu benutzenden Routen verhandelt worden, bann auch über bte Vorteile gegenseitigen Zusammenarbeitens. Ueber bie
Zuteilung einzelner Sphären fit die verschiedenen Länder
sei bereits eine Einigung erzielt worden, und es scheine, daß sich habet England den Lustschiffverkehr nach Kanada und Indien und Deutschland den nach Südamerika übet Spanien und Portugal Vorbehalten hat. z
Die Landung in Cardington dürste zwischen 5 und 6 Uhr erfolgen. Der Ankermast wird dabei nicht benutzt werden. Das Luftschiff wird von der dortigen Haltcmannschast während des Aufenthalts, für den etwa zwei Stunden vorgesehen sind, sestgehalten werden. Der Rückflug, für den bereits alle Plätze vergeben sind, wird vor Eintritt der Duu- kelhett gegen 8 Uhr abends angetreten werden und wahrscheinlich aus derselben Strecke wie beim Hinflug vonstattcn gehen. Tie Landung in Friedrichshafen wird am Sonntag früh voraussichtlich zwischen 7 und 8 Uhr vor sich gehen.
Der Reichspräsident
Am 26. April jährt sich zum fünften Mal der Tag, an dem Paul von Hindenburg zum Reichspräsidenten gewählt wurde.
W. p. Die Chronisten berichten, baß unter den zahlreichen Eingaben, bte an bie Weimarer Nationalversammlung gerichtet wurden, eines Tages auch ein Telegramm war, in dem die Wahl Hindenburgs zum Reichspräsidenten vorgeschlagen wurde. Es kam ir- genwoher, und es wanderte schnell in irgendeine der Aktenmappen, in denen die undiskutierbaren Pläne unb Anregungen ihre Ruhe- unb Grabstätten fanden. Als lächerliche Phantasterei ober als schönet Traum galt ben Männern von Weimar der Gedanke, für den dieses Telegramm warb; sie ahnten nicht, baß das, was ihnen Utopie zu sein schien, ein paar Fahre später Wirklichkeit werden sollte, Wirklichkeit werden mußte. Unb sie konnten damals noch nicht erkennen, nach welchen geschichtlichen Gesetzen sich die Entwicklung des staatlichen Lebens später vollziehen würbe; sie überblickten nur die erste Strecke des Weges, und sie erfüllten eine Notwendigkeit, als sie Friedrich Ebert zum ersten Präsidenten der deutschen Re- publik wählten.
Notwendig war diese Lösung, die in Weimar gefunden wurde, um deswillen, weil die Aufgabe, die revolutionäre Bewegung abzudämmen und wieder gesetzliche Verhältnisse zu schaffen, das deutsche Volk an „eine Freiheit in Selbstzucht zu gewöhne«' und zu der neuen Arbeit zu erziehen, am ehesten und umfassendsten von einem Manne gelöst werden konnte, ber selbst den Schichten angehörte, die im November 1918" ben Vormarsch angetreten hatten. Das war die Mission, die Friedrich Ebert auf getragen wurde; er hat sich ehrlich um ihre Durchführung bemüht, und die Worte der dankbaren Anerkennung, die ihm nach seinem Tode die damalige Reichsregierung widmete, sanden auch in ben Kreisen, bie dem ersten Präsidenten der Republik politisch fernstanben, lebhaften Widerhall.
Wer sollte Eberts Nachfolger werden? Heute, fünf Jahre später,- scheint es uns, als ob diese Frage nur so beantwortet werden konnte, wie es schließlich am 26. April des Jahres 1925 geschah. Heute erkennen wir die schicksalhafte Bedeutung der Wahl Hindenburgs, heute wissen wir, daß sich damit ein geschichtliches Gesetz vollzog. Damals war man in beiden Lagern, bei den Gegnern ber Hindenburg-Kandidatur unb bei ihren Befürwortern, von dieser Erkenntnis noch weit entfernt. Spät erst taucht überhaupt der Name Hindenburg tm Wahlkampf aus, unb als er in die Debatte geworfen wird, rufen die einen zu scharfem Abwehrkampf auf, die anderen befürchten, daß „bie historische und ehrwürdige Gestalt Hindenburgs nunmehr in bie Niederungen des politischen Tageskampfes" gezogen werden würde, die dritten können ihren Jubel nicht verhehlen, weil sie glauben, daß die Wahl des Feldmarschalls der erste Schritt auf dem Rückwege zur Monarchie fein werde, unb die Leute aus ber Wilhelmstraße schließlich haben aus außenpolitischen Gründen Bedenken gegen die Kandidatur. Sie alle irren, weil sie den Charakter Hindenburgs noch nicht richtig einzuschätzen wissen, weil sie bie Gründe nicht verstehen, die den Achtundsiebzigjährigen veranlassen, sich dem Rus, der an ihn ergeht, nicht zu versagen.
Der tiefe Sinn für Pflicht und Opfer »st ber Stern von Hindenburgs Wesen. Er wies dem Feldmarschall, der mehr als fünfzig Jahre hindurch ein seinem König treu ergebener Offizier gewesen war, den rechten Weg in den Novembertagen des Jahres 1918, als Königtum unb Kaisertum zufam- menbrachen. Tas Pflichtgefühl diktierte chm jenen Bries an Friedrich Ebert, der bie ganze Größe Hindenburgs entbüßt Tie „Rettung unseres Vaterlandes vor dem drohenden Zusammenbruch" ist das höchste Ziel seines Handelns. Sie zu erreichen, zögert ber Feldmarschall, so sehr ihm auch das Herz dabei blutet, keinen Augenblick, feine persönlichen ®einungen unb Wünsche zurückzustellen. Er erklärt sich bereit, mit ber neuen Regierung zusammenzuar- beiten, er sühn das Heer zurück unb hilft so, bas Vaterland vor dem Untergang zu retten. Unb wie im Jahre 1918 ‘ft Hindenburg der große Pflichterfüller, als er bie Kandidatur für bie Reichspräsibentschast annimmt, als er nach der Wahl den Eid aus die Weimarer Verfassung leistet. Den Eid, der ihn zwingt, wieder seine persönliche Ansicht hintanzustellen, weil ihn die Pflicht zu neuem Dienst am Vaterlande aufruft.
Aus schlichtem Pflichtgefühl gegen Volk und Vaterland wird Hindenburg, wie ber frühere Reichsminister Dr. Külz einmal gesagt hat, ein treuer Diener auch bes neuen Staates. Ein treuer Diener unb ein Mahner, ber zur Mitarbeit beim Neubau bes deutschen Hauses, zur Einigkeit unb zur Ausschaltung aller egoistischen Regungen aufruft Fünf Jahre hindurch hat Hinbenburg nunmehr in diesem Sinne sein Amt verwaltet, er hat seine früheren Gegner längst entwaffnet, unb er hat einen großen
Der Gouverneur der Präsidentschaft Bombay, Sir Frederic Syl<.s, hat die Mobllisterung von 1&> Mann ber englischen Eiscnbahnregimenter in Indien angeordnet, bie erforderlichenfalls zur Verstärkung der regulären englischen Truppen herangezogen werben sollen.
Hindenbmg-Ehrenmünze 1925/30
Die Hindenburg-Jubiläumsmedaille, die aus Anlaß des fünfjährigen Regierungsjubiläums des Reichspräsidenten von der Preußischen Staatsmünze nach dem Entwurf des Bildhauers Oskar Glöckler geprägt wurde.
Graf Zeppelins Lnglandfahrl
Eigener Drahtbericht