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Kasseler Abendzeitung

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Hessische Abendzeitung

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Nummer 93

OienSiag, 22. April 1930

20. Jafrrgane

400 Tote bei einem Gefängnisbrand

Ln Columbus (Ohio) / Oie Schlußsitzung der Flottenkonferenz / Zwei polizetkeamte beim Kommunistischen Retchsjugendtag erschlagen

Blutige Zusammenstöße in Leipzig

wurde« festgenommen, LiS auf drei aber wieder ent­lasten. Diese Drei aber stehen auf Grund gewisser Anzeichen in starkem »erdacht, an der Errnor-

Llnruhezenirum polen

(Eigene Drahtmeldung.) -M

Leipzig, 22. April.

An den Aufmärschen zum Kommunistischen zjugendtag beteiligten sich Ostersonntag 15 000 Personen, die zahlreiche Plakate, Transparente und Fahnen mitführten. In einigen Fällen beschlagnahmte die Polizei Plakate mit aufreizenden Inschriften.

Während bei den Umzügen verhältnismäßig Ord­nung herrschte, kam es bei der Kundgebung auf dem A u g u st u s p l a tz, zu der sich auch eine große Anzahl unbeteiligter Zuschauer eingefunden hatte, zu einer schweren Ausschreitung. Aus dem Grimmaischen

ähnlicher Weise in Empfang genommen. Auch in Hanau und in Frankfurt a. M. hatten die dortigen Polizeibehörden ähnliche Maßnahmen er­griffen.

In Halle wurden bei der Durchsuchung der dort zurückkehrenden Kommunisten zahlreiche Waffen ge funbeit. Es handelt sich in der Hauptsache um Dolche und feststehende Mester. Etwa 100 Kommunisten

düng der Leipziger Polizeibeamten beteiligt ge­wesen zu sein.

Hochzeit im Hause Muffolini. Graf ®t<nto, der Sohn des italienischen Bertehrsministers und seine Braut Edda Muffolini sind im Beisein des italie­nischen Regierungschefs in der Villa Savoia von der Königssamilie empfangen worden. Dem Braut­paar wurde ein goldenes, mit wertvollen Steinen besetztes Armband als Hochzeitszeschenk überreicht Die Hochzeit soll am 24. April in Rom stattfinden.

Steinweg versuchten Demonstranten ein Auto, das vom Augustusplatz in den Grimmaischen Steinweg einbog, aufzuhalten und umzustürzen. Es gelang den eingreifenden Polizeibeamten, dem Auto die Durch­fahrt zu ermöglichen, doch wurden sie von den nach­drängenden Demonstranten angegriffen und mit Lat­ten, Fahnenstangen usw. geschlagen. Die Polizei machte von der Schußwaffe und Gummiknüppeln Gebrauch.

Polizeihauptmann Galle wurde durch Schläge und Stiche so schwer getroffen, daß er tot zusammen» brach. Der Polizeioberwachtmeister Karte erlag einige Stunden später seinen schweren Hieb- und Stichverletzungen. Ein weiterer Beamter schwebt noch in Todesgefahr. Drei Beamte wurden zum Teil er­heblich verletzt. In schwerster Notlage gaben die Be­amten einige Schüffe ab. Einer der Demonstranten er­hielt einen tödlichen Schutz.

Außerdem wuroen, soweit bisher festgestellt werden konnte, vier Demonstranten verletzt. Sie wurden ins Krankenhaus gebracht. Beim Abmarsch kam es nicht zu besonderen Zwischenfällen. Das Polizeipräsidium hat wegen dieser Vorkommnisse alle für den Nachmit­tag angesetzten Veranstaltungen auf öffentlichen Stra­ßen und Plätzen verboten.

Nach einer Mitteilung des Leipziger Polizeipräsi­diums von gestern 11 Uhr abends ist das vom Polizei­präsidium zum zweiten Osterfeierlag wegen der am Vortage verübten Gewalttätigkeiten erlassene Verbot von Demonstrationen int Freien im allgemeinen von den Veranstaltern des Kommunistischen Reichsjugend- tages befolgt worden. Im Laufe des Tages wurde eine Anzahl Transportlastkraftwagen nach Waffen und solchenPersonen durchsucht, die im Verdacht der Teil­nahme an den blutigen Gewalttätigkeiten aus dem Augustusplatz stehen. In Verbindung damit erfolgte eine Anzahl Festnahmen.

Der Rücktransport der auswärtigen Teilnehmer hat sich ohne wesentliche Zwischenfälle abgewickelt. Ledig­lich aus Göhren (zwischen Altenburg und Leipzig- liegt eineMeldung vor, wonach es dort zwischen heim- fahrenden Kommunisten und Berliner Nationalsozia­listen, die sich auf Lastkraftwagen begegneten, zu einer Schlägerei gekommen ist, wobei es auf beiden Sei­ten Leichtverletzte gab.

Eine der schwersten Brandkaiastrophen

Eigener Drahtbericht.

Reuhork, 22. April.

Ein entsetzliches Brandunglück hat sich nach Mel­dungen aus Columbus im Staate Ohio im dortigen Staatsgefängnis ereignet. Bei dem Feuer, das zur Zeit noch anhält, soll eine große Zahl von Sträf­lingen in dem brennenden Gebäude eingeschloffen ge­wesen sein. Bisher konnten 90 Leichen geborgen werden. Nach den ncuesteii Berichten solle» aber 300 Personen getötet und 300 verletzt worden sein.

Das Feuer brach zu einer Zeit aus, als der größte Teil der Gefangenen bereits in den Zellen eingeschlos­sen war. Man vermutet, daß das Feuer von den Ge­fangenen selbst angelegt worden ist, in der Absicht, während der dadurch hervorgerufenen Berwirrung zu entkommen. Die Wörter weigerten sich aber, trotz der Hilferufe der Gefangenen, die Zellen zu öffnen.

In dem Gefängnis, das für 2000 Gefangene ein­gerichtet ist, befanden sich zur Zeit der Katastrophe 4950 Sträflinge.

lieber die Brandkatastrophe im Staatsgefängnis von Ohio werden noch folgende Einzelheiten bekannt: Tas Feuer entstand im Westflügel des. Gefüngniffes. Es kam zu einem unbefchreiblichen Durcheinander. Die Türen wurden schließlich aufgeriffen, und unge­fähr 500 Menschen waren imstande, auf den Hof zu flüchten. Tie Gefangenen stürzten aus den Zellen nach den Ausgängen.. Doch war auch auf dem Hof der Rauch sehr dick. 100 Krankenpflegerinnen wurden angefordert, nm den Verletzten und Sterbenden Bei­stand zu leisten, die nicht alle im Krankenhaus unter­

gebracht werden konnten, tt m8.45 Uhr abends ame­rikanischer Zeit lagen 350 Leichen im Hofe des Gesängniffes, und das Feuer war noch immer im Gange.

Das Gefängnis wurde von Truppen mit Maschi­nengewehren umstellt. Eine große Menge Tränen­bomben und Gasmasken wurden bereitgelegt. Die Erregung wuchs, als auch die Werkstätten in Brand gerieten, und nach der Löschung das Feuer wieder aufflammte, was den Verdacht der Brandstif­tung seitens der Sträflinge zu bestätigen schien.

*

Rach späteren Schätzungen beträgt die Zahl der Toten 400, die der Verletzten mindestens 300. Das Gefängnis, das nur für 2000 Sträflinge borge- sehen ist, hatte nahezu 5000 Insassen. Das Feuer brach um 6 Uhr abends zur Zeit der Einschließung der Sträflinge in ihre Zellen an zwei verschiedenen Stellen gleichzeitig aus und breitete sich bei starkem Westwind rasch aus, fodaß die Sträflinge der oberen Zellenstockwerke wie in Fallen gefangen waren.

Der Brand stellt die folgenschwerste Feuersbrunst dar, die die Bereinigten Staa­ten in den letzten Jahrzehnten erlebt haben. Er ist, was die Zahl der Opfer anlangt, nur zu ver­gleichen mit dem Brand im Jrognois-Theater in Chicago 1903 imd der Erdbeben- und Brandkaia- ftrvphe von Sau Franrisko 1906, wo 400 bis 500 Menschen umkamen. Jrn Gegensatz zu diesen Ka­tastrophen war bei dem gestrigen Brande der Sach­schaden ganz gering. Er betrug noch nicht 20 000 Dollar.

Vor Llnierzeichnung des Kloiienpakis

Polizeiaktion in großem Stil

Wichtige Berhaftungen in Halle.

th. Berlin, 22. April.

Im Zusammenhänge mit den blutigen Kommu- nisten-Ausschreitungen in Leipzig fand gestern abend in ganz Preußen eine umfangreiche polizeiliche Aktion statt, die den Zweck hatte, alle am Leip­ziger Treffen beteiligt gewesenen Kommunistengrup­pen festzustellen und sie auf Waffen zu durchsuchen. Von der Leipziger Polizei war auf dem Wege über Die sächsische Regierung bte preußische Regierung um ihre Mithilfe ersucht worden, die auch ohne weiteres zugesagt wurde. Die Leipziger Polizei hatte sestge- stellt. aus welchen Städten kommunistische Abordnun­gen in Leipzig waren. Die Lastwagenzüge wurden von Ort zu Ort den verschiedenen Polizelbehörden gemeldet, ebenso wurden die aus dem Eisenbahnwege eintreffenden Kommunisten in ihrer Heimatstadt den der Polizei in Empfang genommen.

In Berlin waren die nach Leipzig führenden gro­ßen Autostraßen von einem starken Polizeiaufgebot besetzt. Der größte Teil der Berliner Kommunisten kam tm Lastauto auf dem Wege über Potsdam. Beim Erreichen des Stadtgebietes wurden die Transporie nach einem bestimmten Ziele geleitet. Tort wurden sie von einem großen Aufgebot Kriminal- und Schutz­polizeibeamten erwartet.

Der gesamte Kommunisten-Transport, etwa 60 Last­autos, wurde von der Polizei cinfictrcift, und bann begann die Durchsuchung auf Waffen.

Außerdem wurden die Personalien sedeS einzelnen Kommunisten eingehend geprüft und oieienigen. Du­ld) nicht einwandfrei ausweisen konnten, zum Poli- zeipräsidium gebracht. Die Namen sämtlicher an der Fahrt beteiligten Kommunisten wurden von der Po­lizei notiert. Die auf dem Anhalter Bahnhof mit den Zügen eintreffenden Kommunisten wurden m

(Eigene Drahtmeldung.)

London, 22. April.

Die Unterzeichnung des Flottenvertrages wird heute mittag erfolgen. Macdonald als Borsit­zender der Konferenz wird die Eröffnungsansprache der letzten Sitzung hallen. Hierauf werden die Füh­rer der vier anderen Delegationen in der alphabeti­schen Reihefolge ihrer Länder sprechen. Tann wird die Unterzeichnung des Vertrages in folgender Reihenfolge vorgenommen: Bereinigte Staaten, Frankreich, Großbritannien, die Dominions und In­dien, Italien, Japan. Namens der italienischen Re­gierung wird, da der Außenminister Grandi nicht zurückgekehrt ist, Sgr. Sirianj unterzeichnen.

Der diplomatische Korrespondent des »Daily Telegraph" ist in der Lage, bereits den Wortlaut der »Sicherheitsklausel* des Flottenvertrages (Artikel 21) mitjuteilen. Der Artikel lautet:

Wenn während der Laufzeit des gegenwärtigen Vertrages die Ersorderniffe der nationalen Sicher­heit einer der hohen vertragschließenden Parteien hinsichtlich von Kriegsschiffen, die durch Teil 3 des gegenwärtigen Vertrages beschränkt werden, nach Ansicht dieser Partei durch Neubauten einer anderen Macht als der mit Teil 3 dieses Ver­trages beteiligten wesentlich berührt werden, dann wird diese hohe vertragschließende Partei den an­deren am Teil 3 dieses Vertrages Beteiligten Mit­teilung machen, welche Tonnageerhöhung sie in einer oder mehreren der betreffenden Kriegsschifflategorien vornehmen muß. Sie wird die geplanten Erhöhun­gen und die Gründe dafür im einzelnen angeben und wird berechtigt sein, diese Erhöhungen vorzunehmen. Hierbei werden die anderen am Teil 3 des Vertrages beteiligten Parteien das Recht haben, eine entspre­chende Erhöhung in der betreffenden Kategorie oder Den betreffenden Kategorien vorzunehmen. Die er­

wähnten anderen Parteien werden unverzüglich auf diplomatischem Wege über die dadurch entstandene Lage beraten.

Knistern im Gebälk

Die Gegensätze in der englischen Arbeiterpartei.

Birmingham, 22. April.

Der bisherige Präsident der Unabhängigen Ar- beit.rpartet James Matton ist zum sechsten Male auf der hter abgehaltenen Besprechung der Parte: wiedergewählt worden.

In ausführlicher Weise wurde auf der Tagung das Arbeitslosen-Problem erörtert uns eine Reihe von Entschließungen angenommen, tn denen die Re­gierung zn -iner tatkräftigeren Unterstützung der Etwerbslosen ausgeford-rt wird. Zn einer Spal­tung zwischen der Unabhängigen Arbeiter-Partei und der Labourpartei ist es auf Dem Kongreß je­doch nicht gekommen Ti« Gefahr einer sol­chen ist aber keineswegs abgewendet, vielmehr haben sich infolge der Tagung die Verhältnisse zwischen dem linken Finzel der Si bombartei und der Par­tei sclvst Wetter verschärft, und es ist nicht unwahr­scheinlich, daß die Arbeiterpartei im Interesse ve: Paneidisztplin selbst die Trennung von den radi­kalen Elementen vornehnten wird.

Als unmittelbare Folge der Oftertage dürsten zahlreiche Unterhausmitglieder der unabhängigen Arbeiterpartei dem Beispiel Macdonalds fojlgend aus der Kartei der Unabhängigen austreten.

Don £>r. Paul Rohrbach

In dem kürzlich erschienenen Buch des Franzosen Rene Märtel über die deutsche Ostgrenze (Les Frön- tieres Orientales de l'Allemagne, Paris, Marcel Ri- viere, 1930) wird ausführlich erzählt, wie es zu Punkt 13 der Wilfonfchen Erklärung über die Grundlagen des zukünftigen Friedens ge­kommen ist. Der russische Kriegsminister, General Poliwanow, hatte im Oktober 1915 "einen Vertrauens­mann polnischer Herkunft, Sosnowski, nach Wa­shington geschickt, um Wilson für die Unterstützung der Alliierten zu beeinflussen. Sosnowski gab seine Mis­sion preis, wurde amerikanischer Bürger und Agent für den polnischen Gedanken.Sosnowski," fährt Märtel fort,merkte wohl, daß der Präsident Wilson ohne die elementarsten Kenntnisse in der Geschichte und Geographie von Europa war." Am 30. März 1917 wurde er privatim von Wilsons Privatsekretör Tumulty empfangen, und am 7. April 1917 deckte er sein Spiel in einem Brief an den Präsidenten, der von drei erläuternden Karten begleitet war, auf. Da­bei hatte auch Graf Adam Tarnowski mitgewirkt, der 1913 als Gesandter Oesterreich-Ungarns nach Wa­shington gekommen war, aber als Pole die Sache seiner Ratoin über die der habsburgischen Monarchie, die er zu vertreten hatte, stellte.

Wir hören weiter bei Märtel, wie in sailles zwischen den Alliierten über die polnisch­deutsche Grenzziehung hin und her gestritten wurde, wie es beinahe dazu gekommen wäre, daß auch Ostpreußen den Polen ausgeliefert wurde, und wie schließlich der ganze Korridor das Ergebnis einer Reihe kartographischer und statistischer Fälschungen wurde, die unter den Alliierten, bei ihrer absoluten Unkenntnis der Verhältnisse, niemand zu kontrollie- ren imstande war. (Lloyd George hat bekanntlich ein­mal Schlesien und Cilicien verwechselt, englisch: Sile- sia und Cilicia, und Poincarö hat noch im Jahre 1924 alles Ernstes nicht glauben wollen, daß Danzig eine deutsche Bevölkerungsmehrheit hat.)

Langsam werden jetzt die wirklichen Tatsachen auch auf der Seite unserer früheren Kriegsgegner bekannt, wenn auch vorläufig nur in einem engen Kreise. Es ist auch schon eine Reihe englischer Schriften über die Korridorfrage im Sinne der Unmöglichkeit, den Korridor dauernd bestehen zu lassen erschienen. In Polen verfolgt man das mit Unruhe. Man weiß, daß im allgemeinen kein Punkt des Versailler Friedens­diktates als zweifelhafter in bezug auf seinen Bestand angesehen wird, als der Korridor. In Versailles gab es, als über die Grenzziehung gesprochen wurde, unter den polnischen Vertretern auch eine kleine ge­mäßigte Partei, und aus englischer Quelle verlautete seinerzeit, daß speziell Pilsudski zufrieden gewesen märe, die Internationalisierung der Weichsel, eine Eisenbahnkonvention über den Durchgangsverkehr nach Danzig und Königsberg und Freihafenbezirke an diesen beiden Plätzen zu erhalten. Wäre das damals so beschlossen worden, so wäre damit der größte Gefah­renherd in Europa im voraus beseitigt worden, und zwischen Deutschland und Polen könnte es jetzt gute Beziehungen geben. Die Entscheidung im Sinne der Zerstückelung von Ostdeutschland fiel in Versailles auch am meisten auf französisches Drängen. Eben das wird von einem Politiker wie Mattel bedauert im In­teresse Frankreichs.

Auch in Polen selbst sind die Verhältnisse wenig stabil. Der Marschall Pilsudski drängt nach Osten. Sein Ziel ist die Angliederung von ganz Weißrußland und die Errichtung eines großen ukraini­schen Gemeinwesens unter der militärischen und wirt­schaftlichen Kontrolle Polens. Auf diese Weise soll Odessa als polnischer Hafen am Schwarzen Meer ge­wonnen werden. Man wird kaum fehlgehen, wenn man annimmt, daß dieser Punkt auch eine Rolle in den intimen polnisch-rumänischen Besprechungen vor zwei Jahren gespielt hat. Pilsudski weiß aber, daß mit der gegenwärtigen polnischen Verfassung so große Gedan­ken kaum verfolgt werden können. Die Vielzahl der gegeneinander arbeitenden Parteien erschwert jedes System, und mit einem Parlament, in dem die Ver­treter einer mehr als 40prozentigen Gruppe nicht- polnischer yfinberbeitsDÖIter künstlich niedergehalten und ausgeschaltet werden, kann man nicht noch wei­tere Annexionen (auch Litauen gehört zu Pilsudskis Programm) betreiben.

Pilsudski bezeugt dem Parlament fortdauernd seine ostentative Verachtung. Im Mai 1926 trat er mit Der Parole:Gegen den korrumpierten Parlamenta­rismus" hervor und ergriff eine Art von diktatorischer Gewalt. Bei der nächsten Parlamentswahl bekam aber der von ihm befehligte Regierungsblock nur we­nig über ein Viertel der Mandate, 122 von 444. Die Mehrheit des Sejm ist grenzenlos zer­spalten, nur in her Gegnerschaft gegen Pilsudski geschloßen. Pilsudski verlangte unlängst vom Sesm einen sechsmonatlichen Verzicht auf seine verfassungs­mäßigen Rechte. Die Mehrheit lehnte ab. Nun er-