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Montag, H W>rU l«m

Knappe Mehrheit für Sröning

Das Sofortprogramm -er Regierung in 2. Lesung angenommen / Ein großer Teil -er Oeutfchnationalen stimmt für das Kabinett

Berlin, 14. April.

, Ä>« Sonnabend nachmittag erfolgte die mit grotzer «pannung erwartete Entscheidung über die Reform- Vorlagen und über vas Schicksal des Kabinet s und des Rerchsrags. Ter Antrag der Regierungsparteien wonach di, Teckungsvorlage zugleich mit der Agrar, Vorlage in Kraft gesetzt werden soll wurde, wie wir bereits iin größte» Teil unserer Zonnabenb Ausgabe berichtet haben, mit 217 gegen 205 Stimme» bei 424 bbgegebcnen Sorten und 1 6»thal ung angenommen

«0<f) bis zuletzt war der Ausfall der Abstimmung völlig ungewiß, wach auch darin zum Ausdruck kam daß Der Reichspräsident dein Reichskanzler wiederum das Auflosungsdekrct zur Verfügung gestellt bwc.

einet Erklärung, die der Reichskanzler zu Beginn der eitning abgab, richtete die Regierung einen letz­ten Appell an das Parlament und brachte gleichzeitig zum Ausdruck daß bei Ablehnung des Antrages vom Kabinett die nötigen Konsequenzen gezogen werde» wurden. Dieser Appell hat seine Wirkung nicht ver­fehlt. Tie, wenn auch knappe Mehrheit, ist dadurch zustande gekommen, d a ß e i n T c i l der D e u t s ch- nationalen für das Kabinett gestimmt hat. In einer der Abstimmung voraitgehenden Iraklio,,-, sitmng der Tentschnationalen war beschlossen worden, kie Abstimmung freizugeüen.

Wie die Oeutfchnationalen stimmten

Bei der Abstimmung über den entscheidenden Antrag der Regierungsparteien, die Tecknngs- und die Agrarvorlage miteinander zu verknüpfen zett steleit die Deutschnationalen in folgend« Gruppen:

Lecks ihrer Abgeordneten: Graf Eule,tburz, Gorheimer, Hergt, Tr. Kleiner, Kock-Düsseldorf und Tr. Prey er beteiligten sich nicht an der Abstimmung. Abgeordneter Biener. gab eine Enthaltungskart« ab.

31 stimmten mit Ja. und zwar die Abgeord- uetx» Bachmann, Bazille, Tingler, Domsch, p. Trv. ander. Fromm. Gern« Haag, Hamp«, Hartmann, Dr. Haßlocher, Hemcker, Jandrey, Leopold, v. Letlow- Dorbeck, Lind, Menzel, Ohler Dr. Philipp, Tr. Rademacher, Dr. Reichert, v. Richthosen, Sachs, Schmidt Stettin. Schröter-Hiegnitz. Sckuly-Bwmbcrg Stafsehl, Dr. Itraihmann, Vogt-Würüemberg, SL. tlraf, Gras Westarp.

Mit Hnaenberg zttsammen stimmte» insgesamt 23 tmt Nein, und zwar die Abgeordneten Dr. Agena. Tr. Banz. Berndt, Barie.-.werser, Tr. Everling, v. Jreyiagh-Lvringboven. v. Goldacker, Graef-Thürin- fltit. Dr. Habneman n, Laverrenz, Frau Lehmann, Iran Müller-O friöd, Tr. Oberfchrea, Dr. Ouaatz. Riescberq, Lckmidt-Hannoder, So.h, Tr. Spann, Dr. Steiniger, v. Siubbendorss, v. Troilo, Tr. Wieubeck.

Don der sozialdemokratischen Fraktion fehlten 16 Abgeordnete, von denen acht wegen Krankheit ober aus anderer Gründen entschuldigt waren.

B»n der Deutschen Volkspartei fehlte der Außen­minister (Sur tiu s, der durch die Unterzeichnung des deuischosierreickischen Handelsvertrages in An­spruch genommen war.

Sie Einzelabstimmungen

Rack eine Pause folgten im Laufe des Sonn- abrndmachmutags dann dite Einzelabstimmungen.

Die Zölle für Benzin und Benzol wurden nach Ablehnung der sozialdemokratischen AeuderungSaniräge mit den Stimmen der Regie­rungsparteien und der Reckten in der Fassung der Regierungsvorlage angenommen. Einen Antrag der Regierungsparteien auf Wnkderaufhebuug der im Ausschuß beschlossenen Be,remng des Petro, leums von der Steuer wurde in namentlicher Ab­stimmung mit 244 gegen 178 Stimmen bei 8 Ent« Haltungen angenommen.

Das A g r a r p r o g r a m m der Ragierungspar- sete-n wurde in etnfacyer Abstimüiung ebenfalls an­genommen. Dagegen stimmtsn Sszialdemo,'raten, Kommunisten und von der demokratischen Fraktion die Abgeordnetn Lemmer uno Ronneburg

Angenommen wurde auck bte Entschltetzung der Regierungsparteien, die die baldige Verabschiedung «Utes Gesetzes über die Osthilse verlangt.

Die Tabaksteuer wurde in namentlicher Ab- stimung mit 241 gegen 184 Stimmen angenommen Die Zuckersteuer wurde in etnsacher Abstirt- inung angenommen.

Das Kompromiß der Regierungs­parteien zur Bier st euer fand mit 215 gegen 2U8 Stimme» Annavni«.

Die Erhöhung her Itmsatzsteuer von 0,75 auf 0,85 v. H. wird Mil 220 Stimmen gegen 204 Stimmen befehlonen.

Die Sonderumsatzfieuer für Großbe­triebe. ste direkt an die Konsumenten liefern, die sogeuauitteWarenhaussteuer-, wurde mit 214 gegen 204 Stimmen bei einer Stimmenthaltung ange­nommen

Tie Äineralwassersteuer wurde mit 213 gegen 204 Stimmen bet zwei Enthaltungen ange­nommen. Mit 240 gegen 185 Stimmen fano ein sozialdemokratischer Antrag Ablehnung, der für Krankenhäuser: Heilanstalten, Jugendheime usw. bte Befreiung von der Mineralwassersteuer verlangte.

Der sozialisti sch« Antrag, als Rot- o p f e r von den Einkomen Über 8400 Mark 10 Pro­zent der Einkomensteuer zu erheben, wurde mit 239 gegen 187 Stirnen abgelehnl.

Schließlich wurde noch Über die Sanierung der Arbeitslose nversicherutngHan. stalt abgestimmt. Ter Kompiomißvorschlag Metzer- Brnning wurde im Hammelsprung mit 73:186 Stimmen angenommen. Rack) dem Kompromiß ist die Darleheitspflicht des Reiches sestgelegt. Die Beiträge sollen aber über 3% v. H. nicht erhöht und zum Ausgleich Reformen in die Weg.; geleitet wer­den.

An der vorausgegangenen Aussprache hatten sich nur die Sozialdemokraten und Kommunisten be­teiligt. Bemerkenswert war hte Ankündigung deS sozialdemokrattsckien Abgeordneten Tarnow, eines StiÄrtrS des Holzarbeiterverbandes, daß die Ge­werkschaften die Vertenerungcn durch Lohnforde­rungen wektmachen Würden.

Veutschnaiionaler parteivorsiand einberufen

B « rli«. 14. April.

Wie di«Vossische Zeitung- berichtet, hat der Par- teivorsitzende der Deutschnationalen Bolksportei de« Parteioorstand zum L Mai »inberusen

Gefättigkeiien" bis zu 25000 Mark

Berlin, 14. April.

Der Unteruckiingsaussckutz des Preußischen Land­tags über bte Mißwirtschaft in ber Berliner Perwal hing vernahm am Sonnabend den Gauimann Sacks, einen alten Bekannten des Busch. Er hat an zwei größeren Geschäften für von Busch ermög­lichte Vermitlertätigkeit rund 325 000 Mark verdient, davon dem Güntber 25 000 Mark abgegeben und will vor allem an Busch selb st 75 000 Mark für die Wirtschastspartei bezahlt haben, und zwar zu einer Zeit, als Bitsch bereits von der Wirtschaftspar­tei ausgescklossen war. Ob Busch tatsächlich die 75 000 Mark an die Wirtschaftspartei abgeführt habe, totffe er nicht Sachs sagte mich, daß er dem Oberbür­germeister 30000 Mark für Unter- stützunasfonds Persönlich überbracht und dafür ein Dankschreiben erhalten habe.

Dann wurde ein weiterer alter Bekannter von Busch gehört, Alfons Pollack, der sichFinanzier"' nennt und erklärte, er habe von Busch auf feinen Wunsch die Möglichkeit erhalten, als Vermittler für die Stadt bei Grundstück-käufen aufzutreten, wenn die Stadt nicht direkt genannt fein wollte. Dafür habe er Beträge bis 20000 Mark erhalten. Er habe aber auch an der Vermittlung des Erwerbes des Flug­platzes Johannistal für' die Stadt mitgewirkt und daran 10'7500 Rm. verdient. Er habe Busch manch­

malGefälligkeiten" erwiese«, etwa bis zu 25 000 Mark. Pollacks Vernehmung wird noch sortgesetzt werden.

politische Zusammenstöße tn Magdeburg

Magdeburg, 14. April.

Bei einer Sonnabend veranstalteten Erwerbs- losen-Aundgebung kam es zu einem Zusammenstoß zwischen Kommunisten und Straßenpas­santen Wie die Pressestelle des Polizeipräsidiums dazu mitteilt, wurde ein P o l i z e i b e a m t e r, der die entstehende Schlägerei verhindern wollte, zu Boden gerissen, mit Schlagringen bearbeitet und am Kopse erheblich verletzt, sodaß er ins Krankenhaus gebracht werden mußte. Es wurden zwei Verhaf­tungen vorgenommen

Sonntag mittag kam es wiederum zu schweren politischen Zusammenstößen. Die Nationalsozialisten, die einen Demonstrationszug durch die Stadt veran­stalteten, wurden von Kommunisten angegriffen. Es kam zu einer schweren Schlägerei, während der mit Steinen geworfen und auch geschossen wurde. Auch die angreisenden Polizisten wurden mit Steinen be­worfen. Ms die Pölizet von der Schußwaffe Ge­brauch machte, flüchteten die Kommunisten. Sowohl auf Seiten der Kommunisten tote ber Nationalsozia­listen gab es mehrere Verletzte.

Wallace geht unter die Politiker. Zu dem Thema: Wiederbelebung der Liberalen Partei- berichtet die Frankfurter Zeitung-, daß der bekannte Schriftstel­

ler Edgar Wallace eine Kandidatur für einen Sitz int Unterhaus in einem südenglischen Wahlkreis über­nehmen wird Die Ebancen, daß er Unlerhansmitt glied wird, sind allerdings nicht fehr groß. Bei der letzten Wahl erzielten in diesem Wahlkreis die Kon­servativen 20 000, die Liberalen 16000 und die Labourpartei 400 Stimmen. Es bleibt abzuwarten, ob die große Popularität des Schriftstellers der Libe­ralen Partei zu diesem Sitz verhelfen wird.

Schwere Niederlage Tardieus

Paris, 14. April.

Tardieu bat in der Kammer eine neue Niederlage erlitten. Mit 367 gegen 206 Stimmen mchm die Kam­mer anläßlich der Beratung des vom Senat zuruck- erhalienen Budgets 6en ursprünglich von der Kam-, mer angenommenen und vorn Senat bann gestriche­nen Gesetzentwurf an, wonach bte Beamtenpen-- f ton en bei einer etwaigen allgemeinen Gehaltserhö­hung biefer angepaßt werden sollen.

Der Budgetminister Martin sowie MimsserprM- dem T a r b i e u bekämpften bissen von bem Radika­len Bouvssou eingebrachten Antrag auf Wtodereitrset- zung des vom Senat gestrichenen Textes mit der Be­gründung, dadurch würde das Gleichgewicht des Bud­gets bedroht werden. Tardieu stellte jodoch nicht die Vertrauensfrage, wie dies in der letzten Zeit üblich geworden ist, feit Jener Überraschenden Niederlage des Finanzministers Cheron, die den Sturz der ersten Re­gierung Tardieu hervorgerusen hatte. Tardie kündigte jedoch an,, er werde die Vertrauensfrage stellen, wenn das Budget zum weiienmale vor der Kammer er­scheinen werde, denn es ist nicht zweifelhaft, daß der Senat erneut die Streichung des Textes vornehmen wind.

Wh fteigesprochen!

Oie polnische Justiz macht ein Ltnrecht wieder gut Mitz über -ie Aufgaben -er Min-erheiten

Kattowitz. 14. April

Im überfüllten GcrichtSsaol verkündet« am Sonn­abend im Miy-Prozeß um 17,45 Uhr der Vorfitzend« deS Appellationsgericktshofes unter ungeheurer Spannung folgende^ Urteil: Das Urteil gegen de« Angeklagten Uli« vom 26. Juli 1929 wird auf­gehoben. Ter Angeklagte wird von der Anklag, der Beihilfe zurDesertion s r«ig «sP r och« n. Die Koste» de» Verfahrens der ersten und zweiten Instanz trägt die Staatskasse. In bei

Urteilsbegründung,

deren Verlesung imr ganz kurze Zeit in Anspruch nahm, wird u- a. ausgcführt, daß nach der durch- gesührten Verhandlung das Gericht angenommen habe, daß das Dokument tatsächlich bestand, sonst hätte es nicht photographiert werden können. Der Widepfpruch zwischen den Aussagen der Zeugen Lis und Ptelawski hab« sich nicht aufifiären lassen, ins­besondere nicht, wo sich Has Dokument befand, ob beim VEebund ober beim Generalkonsulat. Ob­wohl der Dchr stsachversiäii'diae Krol gesagt habe, daß die Urotctfdjrifi echt sei, hätte das Gericht nicht die Uederzeugung gewonnen, daß die Unterschrift tat- säcklick von Witz geleistet sei. zumal bte beiden an­deren Sachverständigen große Zweifel an ber Echt- hett ber Unterschrift hegten. Es dränge sich die Annahme auf. daß eine dritte Person das Dokument versaßt und vor der Uebergabe an den Osfiziers- posten in die Wten eingefügr hab«

In seinem Schlußwort hatte

Ulitz

n a. ausgeführt:Tie Anklage behauptet, daß td) einem Menschen zur Desertion vcrholfen habe. Ich bin 15 Jahre in der preußischem Armee gewesen. <sn der preußischen Armee galt- Desertion als Ehrlosig­keit. Mit dem Wechsel meiner Staatsangehörigkeit haben stch die Ehrbegriffe, die uh früher erworben, nicht geändert. Ich würde perfönlich die Unter» stütznng eines Deserteurs als Ehrlosigkeit anspre­chen.

Wie immer man in Europa politische Grenzen zieht, so wird es doch unmöglich fein, daß innerhalb

ein«« bestimmten Territoriums mir Menschen «netz Nation leben. Und das ist das, was OlC »tu« l1» Minderheiten lernen und «kennen müssen: daß er teilte Möglichkeit gibt, durch politische Grenzziehun­gen ihr Schicksal zu ändern. Der moderne Staat! muß anerkennen, daß es in feinem Territorium Menschen fremden Stammes gibt: Der Staat Hai den Anspruch, daß biefe Bürger sich einordnen, must ihnen aber seinerseits auch die zugestandenen Rechte geben. Die deutsche Minderheit soll die Brücke bil­den zwischen Böltern verschiedenen Blutrs. Diese Auffassung wird immerhin, selbst bei sehr gehäjftger Einstellung gegen mich, dazu fuhren müssen, daß man das Ethos meiner Anschauungen anerkennt. Falsch ist es, daß, well ich einer Oppositionspartei ongehöre, man mir nachsagt, ich sei staatsfeindlich. Daß ich für mein Vollstmn eintrete, ist meine Pflicht. Daß ich dadurch mit den Behörden in Kon­flikt gerate, ist nicht meine Schuld. Für bte Rechte meines Volkstums werde ich kämpfen mit den Mit­teln. bte mir das polnische und das international Recht geben *

Eine Verurteilung der Ankläger^

Rattowitz, 14. April.

Das Urteil im Ulitz-Prozetz wirb im allgemeinen von ber Ätoierungspreffe fehr zurückhaltend ausge­nommen. Es wirb betont, baß man ein anderes Urteil erwartet hätte. Zn den Artikeln, die bte polnische Regierungspresse ber Angelegenheit wid­met, wird erklärt, daß bas polnische Gericht tm Ge­gensatz zu den deutschen Gerichten (?) eine beispiel­lose Objektivität und Loyalität bei der Prozeßführung an den Tag gelegt habe.

DieDolonia , das Organ Korfantys, schreibt da­gegen, daß jeder gerechtdenkende Pole ein solches Ur­teil erwarten mutzt«. Das Blatt bet polnischen So­zialisten,Robotnik", stellt fest, daß bet Freispruch von Ulitz gleichzeitig eine Verurteilung seiner Anklä­ger darstelle. Die Beamten undPolitiker", die diesen Prozeß herausbeschworen unb den Namen Polens im Ausland gefäbrbet hätten, mutzten ber verbienten Strafe zugeführt werben.

Lob -es Schweigens /

In ber laufen, überlauten, überaus geschwätzige» Welt möchte ick einmal bas Schweigen loben, bie hei­lige Tngcnb bes Schweigens. Wer sic zu üben ver­steht, verfügt über eine ganz verkannte Möglichkeit zu beglücken unb glücklich zu fein. Tie Zunge stört das Auge und das Ohr, sic stört oft das Her; mehr, als man eiujuräunien liebt. Vor jedem Raturgenuß. nach jeder musikalischen oder dichterifchen Offenbarung un­ablässig reden und unablässig Worte hören zu müssen, niemals in andächtiges Schweigen versinken zu dür­fen, beeinträchtigt das Entfalten der besten Seelen- Iräftc.

Wenn man sich lieb hat und nicht zusammen zu schweigen versteht, beraubt man sick selbst de» seligsten Gonusfes. lind wenn man haßt und nicht stumm blei­ben kann, wird man nie dem Widersacher gegenüber stolz und gerecht bleiben. Große Worte sind uns als heldische Taten überliefert. Aber nicht nur große Worte, auch großes Schweigen ist oft einer Heldentat gleich. Eine griechische Hetäre ließ sich die Zunge ber» ousschnetden, um ihr Vaterland nicht zu verraten. Ich glaube ihr Raute war Leonftunt und zu ihrem Anden­ken wurden Münzen geprägt- Von vielen großen Männern wirb die Tugend des Schweigens gerühmt, ich wußte keinen, der geschwätzig gewesen, aber man­chen, den der Rubin, ein großer Schweiger zu sein, durch bas Leben in bie Geschichte begleitete.

Zwar gilt bas Volk, bem wir herrlick le unb reifste Kunstschätze verbankcn, für redselig; die Griechen sind bekannt dafür, mit vielen und schönen Worten gerne verschwenderisch uinzugeheii, und ihre Philosophen preisen das Gespräch mit höchstem Lob. Aber sie ziehen eine Grenze, sie verstehen genau jenen Untersckied feft- ziibalten, den die Hetäre Leontinm so gut verstand den Unterschied zwischen Schweigen und Verschweigen. Tic Denker von Althellas geboten jedem, ber wirklich "was zu sagen habe, baß er es willig in schöner Form znm Ausbruck bringe; aber sie rieten allen, die nur Klatsch, flacke Alltäglichkeiten, unnützes Kritisieren von Dingen, die nicht zu ändern sind, auf den Lippen tragen, sie möglickst lange geschlossen .zu halten. Hier begegnet sich griechische Philosophie mit altorientalt- scker Weisheit. Den Anhängern eines Sokrates oder Plawn mutzte es vertraut klingen, wenn ste das Sprichwort östlicher Weisheit vernahmen:Am Baume des Schweigens hängt feine Frucht, der Friede.- .

Es ist etwas ganz anderes, ob jemand fdünetgfam oder verschwiegen ist. Jeder, ber eine Angelegenheit

Von Alexander von Gleichen-^ußwunn

betreibt, eine Sache durchsetzen, für eine Idee Propa­ganda machen will, muß reden, gut reden, manchmal auch vi»l reden. Und dercausenr-, der eine ganze Gesellschaft geistreich zu unterhalten versteht gehört feit alters her zu den notwendigsten, beliebtesten Mitglie­dern seines Kreises. Aber well es leichter ist, amüsant über Menschen als über Dinge zu erzählen, liegt für den Causeur die Versuchung nahe, zum Bösmaul zu werden, und auszuplaudent, was verschwiegen wer­den sollte, oder auch in Ermangelung eigener Gedan­ken über eigene Verhältnisse zu schwätzen, was entwe­der langwollig für die Hörer oder gefährlich für den Sprecher ist. In diesem Sinne lehrt der vorsichtig« Schopenhauer:Unsere sämtlichen persönlichen Ange­legenheiten haben wir als Geheimnisse zu betrachten und unseren guten Bekannten müssen wir, über das hinaus, was sic mit eigenen Augen sehen, völlig fremd bleiben.' Tenn ihr Wissen, felbst um unschuldige Dinge, kann durch Zeit und Umstände Nachteile bringen

Das störende Weltbild

Das größte Ereignis im Leben etneSMenscken bat noch niemals Irferariscke Schilderung, Erklä­rung unb Ausdeuiuna erfahren: jener Moment, da mandos Licht ber Welt erblickt'. Schmerz unb Freude, Enttäuschung uno Ucbcrraschung in ihren allerftärkstcn Auswirkungen sind dock wohl Lappa­lien gegen diesesAus dem Nichts Erwachen'. Auch der Tod ist nickt damit zu vergleichen, weil er nur dem Außenstehenden, nicht dem Individuum selbst einErlebnis' ist. Tos Erlebnis des eige­nen Lebendigiverbens mutz ein so elementar er­schütternder Chock sein, daß bie Natur wohl ge­wußt haben mag, warum sie bem Menschen die Fähigkeit einer berarttgen Erinnerung nahm. Nie­mals hat unb niemals wirb ein Mensch uns be­richten können, «wie sick, bas zutrug' und «welchen Eindruck e« aus ihn gemacht hat"'

Diez als Präludium zur Anftchrung des Schick­sals, das bem Musiker ft. widerfuhr. Er erblickte das Acht ber Welt bei vollem Bewußtsein. Unb wen« ber Vergleich feiner Person mit der eines Säuglings auch nachbrücklickst hinkt, so finden wir doch noch eine Unzahl gut brauchbarer Parallelen:

Perschweigen ist Takt, Anstand, Notwendigkeit, Schweigen kann Tugend fein oder Ungezogenheit, je nachdem, von wem und wann es geübt wird. Schweig­same Menschen sind achtenswert und können sogar zu den liebenswürdigsten Gesellschaftern gehören, tote es einem Moltke nachgerühmt wird;.maulfaule Leute sind eine Strafe für ihre Umgebung. Reden ist gut, aber schwätzen ist vom Uebel.Was heißt schwätzen?' fragt sich ber Satiriker Lichtenberg unb meint:Es heißt mit einer unbeschreiblichen Geschäftigkeit von ben ge­meinsten Dingen, di« entweder schon jedermann weiß oder nicht wissen will, so weitläufig zu sprechen, daß niemand darüber zum Wort kommen kann und jeder­mann Zeil und Weile lang wird.'

Geschwätzigkeit ist ein Hauptgrund der Entfrem­dung zwischen ben Geschlechtern unb bei ben Frauen vielfach eine Folge verkehrter Erziehung, ba etn« ge­wisse Redseligkeit oft mit liebenswürdigem Wesen ver­wechselt und deshalb von Jugend an gepflegt wird. Vor dem Schwätzer hilft nur die Flucht, behauptet Theophrast in den Charakteren und meint, baß die töricht« Lust, mit jedem ein Gespräch anzufangen, nur der Gewohnheit entspringe auch zu Hause viel und ohne Ueberlegung zu reden.

/ Das Erlebnis des Musikers K.

Er hatte zwar ein Bewußtsein unb durch bieseS Bewußtsein ein eigenes Weltbild Aber bas Er­wachen aus dem eigenen Weltbild in dos ander«, allgemein gültige, ist nicht minder erfchiitternb und eindrucksvoll, als es das Erwachen aus dem ab­soluten Nichts fein mag

Der Musiker K ist heute viermtdvterztgiäbrig. Er ist blind geboren, hat nieinaU einen Schein des Lichtes der Welt gesehen. Seinen Lebensunter­halt verdiente er wie veh> Leckensgefähtten als Munklehrer und Klavierstimmer im tschechisch-schle­sischen Jägerdorf. Zufällig erkannte der junge Assistenzarzt einer Augenklinik, daß bte Blindheit des Musikers nur durch den sogenannten «grauen Star' bedingt war, der sich auf operanvem Wege behoben läßt. ft. wurde operiert, und als man ihm einige Tape nach der Operation bie Binde von den Augen nahm, konnte er sehen

Das Erlebnis wär durchaus nicht von überwäl- tigenber, überraschender Art. ES löste keinerlei TriumphAefühle aus. Es war vielmehr ein völli­ger Zusammenbruch. Ein «Nicht mehr aus «och eüt Wissen', Er hielt Gegenstände in den Händen,

bie er sonst täglich benutzt hatte und wußte nickt, was er damit an fangen sollte. Er konnte nicht gehen. Er konnte nicht einmal richtig sprechen.

Das Weltbild, das stch ein Mensch in vier Jahr­zehnten ausgebaut hatte, war mit einem Schlag zer­trümmert. Es war als etwas durckans Störendes, bte Funktion eines weiteren Sinnes hmzugckom-- men, bet bisher gar nicht nötig war. Tenn dieser Mensch, der niemals sehen konnte, dem ber Be­griff bes Sehens ein leerer Begriff war, der es sich gar nicht vorstollen konnte, daß man Dinge nicht nur betasten unb riechen, sondern auch «sehen" kann, hatte doch zwoifcllos ein vollkommen-s Welt­bild, hi dem durchaus nichts gefehli hat. Uns jetzt machte er Wahrnehmungen, bte in gar keinem Eui- tlnng zu ben bisherigen standen. Er sah garbeit, ohne zu wissen, was ein« Farbe ist. Er sah For­men, die er nickt kannte, weil ihm die Form immer ckwas war, was man nut den Fingerspitzen .be­griff".

Der Musiker K. wird das Sehen lernen. <$n einigen Monaten wird er ein normaler Mensch fein- Aber man müßte fehr forgfdltig versuchen, fein Erlebnis irgendwie zu beuten und den allge­meinen Begriffen anzugleichen. Denn bei Menjch- heil wird hier etwa» ganz Ungeheures offenbart: das Erlebnis einer neuen Dimension. Wir spreche« unglaübto^skeptisch vom «sechsten Sinn'. Und er ist doch für unser Weltbild durchaus nicht «unmög« kicher', als oct Gesichtssinn für das Welrblld dcS Musikers. Ter fühlte stch mit fernen vier Sinnen als durchaus volltoinmeuen Menschen, der die Wc-t restlos erfassen konnte. Wir tun das gleiche mit unseren fünf Sinnen. Wurden es mit sechs, sieben, acht Sinnen tun. Und wissen nun doch, daß wir uiivolltommen sind, Weil es auch einen neunten, zehnten, elften Sinn geben könnte.

Tie Seit ist durchaus nicht so sÄbstvcrständlich, tote sie auSsieht.

Wieviel Aerzte gibt c§ in Deutschland? Nach dctz jetzt vorl-sgeitden endgültigen Ziffern bei letzten Berufszählung betrug bie Zahl der in Deutschland tätigen Aerzte 45 382; das lind 35 Proient mehr als 1913 1928 würben sogar 47388 Aerzte ge­zählt, so daß fettbem eine Abnahme festzustellen ist. Ter Anteil der weiblichen Aerzte tritt immer stär­ker hervor: während eS 1913 nur 250 gab. hnb es jetzt 2562. Ebenso ist «S bei ben Zahnärzten und ben Dentisten; ei gibt jetzt ruttb 10 000 Zahnärzte, darunter 900 weibliche und 24000 Dentisten, dar- mchxr 400 weibliche