TTr. 83 / Zwanzigster Jahrgang
Kasseler Treueste Nachrichten
Dienstag, 3. April 1930 / 1. Beilage
Aeues aus Kassel
Kassel, 8. April.
Freie Dabn -en Sextanern
Magistrat und Haushalts-Ausschuß tagen-
Der Magistrat und der Haushaltsausschuß der Stadtverordnetenversammlung haben Montag die Beratung des städtischen Voranschlages in Angriff' genommen, nachdem in der vorausgegangenen Zeit Verwaltung und Sparkommission ihres rotstiftbewehrten Amtes gewaltet haben. Die Vorberatung in den beiden Körperschaften vollzieht sich so, daß am Vormittag der Magistrat tagt und nachmittags der Haushalts- ausfchuß seinerseits die am gleichen Tage vom Magistrat verabschiedeten Teilstücte des Etats berät.
Am Akontag wurde zunächst der Voranschlag der Schulverwaltung beraten. Ter Magistrat hatte einen Antrag gestellt, der für die Benutzung des Hallenschwimmbades durch alle Schulen einen Betrag von 5000 Jl eingesetzt wissen wollte. Auf der anderen Seite erwartet der Magistrat durch die
Einrichtung von zwei weiteren Sexten in de« höheren Schulen
eine Mehreinnahme von 7000 M an Schulgeld. Die sozialdemokratische Fraktion habe nicht weniger als 6 umfangreiche Anträge eingebracht, deren wichtigster die.Erhöhung des Zuschusses für die W a l d s ch u l e in Wilhelmshöhe von 47 000 aus 75 000 also um 28 000 Mark bezweckte. Da im Ausschuß eine Einigung über sämtliche Anträge nicht herbeigeführt werden konnte, wurde ein Unterausschuß eingesetzt, der die verschiedenen Anträge noch einmal durcharbeiten soll, damit sie Dienstag nachmittag zur Abstimmung gestellt werden können.
Verabschiedet wurden die Voranschläge für den Schlachthof, für den Viehhof und für das Stadtgartenamt. Hier wurde ein Antrag der Arbeitsgemeinschaft der Mitte, zusammen 3000 Mark für den Neuanstrich der Ruhebänke aus Straßen und Plätzen und für die
Ausschmückung des Rathauses mit Blumen,
angenommen, unter der Voraussetzung, daß die 3000 Mark an einer anderen Stelle des Gesamtetats wieder eingespart werden.
Was ist an diesem Bilde falsch?
$ee Preisausschreiben der Ä asseler Neuesten Nachrichten.
Wir veröffentlichen heute das s e ch st e (l e tz t e'» B t l d unseres Preisausschreibens, das einen Ausschnitt des Straßenlebens in der Königstraße, Ecke Friedrichsplatz, wiedergibt.
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Damit schließen wir die Bildveröffentlichungen und bitten, die Lösungen sämtlicher erschienener sechs Bilder unter Benutzung des untenstehenden Formulars bis zum Dienstag, den 15. April, nachmittags sechs Uhr, an uns einzusenden. Hebet Preise und Bedingungen bergt unsere Ausgabe vom 26. März.
Auflösung
Folgende Fehler habe ich in den Bildern gefunden:
Dom Rathaus
Wie uns vom städtischen Nachrichtenamt mitgeteilt wird, hat der M a g i ft r a t in seiner letzten 6 i fe u n ö als Vertreter der Stadt in dem Ausschuß für die Beurteilung von vergnügungssteuerpflichtigen Veranstaltungen Stadtiat Dr. Theiß und als Stellvertreter Stadtrat Eonnermann vorgeschlagen.
Ferner hat der Magistrat der Wahl des Lehrers Wolff zum Konrektor an der Bürgerschule 9, desgleichen der Lehramtsbewerberin Anna Kürlemann als technische Lehrerin für den städtischen Volksschuldienst zuaestimmt.
Den Entwurf des Ortsgesetzes für das Wohlfahrtsamt hat der Magistrat im Hinblick auf die zu seiner Vorlage in der letzten Stadtveroidnetensitzung beantragten Aenderungen einer gemischten Kommission zur Beratung überwiesen.
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Quer Ober den KochenmaM
Der ^ochenmarkt wird reichhaltiger mit jedem Markttag. Das Kopfzerbrechen, dessen es sonst um diese Jahreszeit bedurfte, um einen auch nur einigermaßen abwechslungsreichen Mittagstisch nach dem Hausfrauen-Grunidsatz: „Gut, reichlich und billig!" zu schaffen, kann man bies-mal ungesännälert nicht min- der wichtigen'Dingen, als da sind: dem österlichen Festkleid, dem Ostersonntagsspaziergang, Frühjahrs- out, dem neuen Osterschlips von Vadder etc. zuwen- «den, und da „schicket" es auch noch gerade. Denn die Zwanzigmarkscheine sind eben immer noch nicht aus Gummielasticum! Und das größte hausfrauliche Fi- nanzgeme leidet zuweilon bei der Aufstellung des Familieneinkleidungsetats im Frühjahr Schiffbruch.
Jedenfalls haben wir Hausfrauen jeden Markttag aufs neue unsere Freude an dem so reichhaltig Gebotenen. Und wir wählen mit Vergnügen aus den Gemüsen und frisch-zarten Salaten aus, wonach uns der Appetit steht. Kopfsalat hat etwas im Preise nachgelassen und war zu 20—30 Pfg. das Stück zu haben, Nüßchen ju 20 Pfg. das Viertelpfund. Eine Treibhausgurke immerhin beachtlichen Formates kostete 70—80 Pfg., ein Pfund Tomaten 70 Pfg., Sellerie 30 Pfg., Lauch 20 Pfg., zarter Spropenkohl 15 Pfg. und Grünkohl 12 Pfg. das Pfund. Spinal (das Pfund zu 15—20 Pfg.) mit Spiegelei (durchweg 10 Pfg. das Stück) steht augenblicklich aus dem Küchen- zettel obenan. Wer herzhaftere Kost liebt, greift zu einer dicken Meerrettichstange zu 30 Pfg., die er durch ein stattliches Eisbein (90 Pfg. das Pfund) schmackhafter machen kann. Und vor allem „Grün« Sauce mit Rindfleisch" — wem läuft da nicht das Wasser im Munde zusammen (Saucengrün 25—30 Pfg. das Viertelpfund, Rindfleisch von 80 Pfg. bis 1 Mark das Pfund) ? Auch ein Kerbelsüppchen (20 Pfg. das Viertelpfund) ist nicht zu verachten. Und aus dem Abendbrottisch bildet ein Tellerchen mit leckerroten Radieschen einen ebenso dekorativen wie magenreizenden Fleck!
Die Butterpreise lösen bei unseren Hausfrauen mit 1.60 Mk. für Landbutter und 1.70 Mk. für Süßrahm nach wie vor Befriedigung aus, wohingegen man leise hofft, daß die Konkurrenz des eierlegenden Meister Lampe auch bei dem Hühnersabriiat einen kleinen Preissturz noch vor Ostern herbeiführen wird. Aber der kluge Mensch soll nicht hoffen!
Die Ziegenlämmer sind sich ihres Wertes für Bratpfannen auch bewußt geworden, sie hielten heut« mit 60 Pfg das Pfund ihren Preis. Junge Tauben gab «s in Hüll« und Fülle zu 90 Pfg. bis 1 Mark das Stück, auch einige Hühner, fett oder mager, wie sie verlangt wurden, zu 1.10 bis 1.20 Mark das Pfund.
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\ Der Fischmarkt tst Dienstags gewöhnlich ein Ahmerzenskind. Er war mit einem einsamen Aal zu 1,80 Mark das Pfund, eut paar stattlichen Barben zu 90 Pfennig, einigen Brassen zu 70 Pfennig. Zander zu 1,10 Mark, Rotzunge zu 75 Pfennig, Schollen zu 60 Pfennig, Schellfisch zu 5o Pfennig, Kabeljau und Goldbarsch zu 40 Pfennig und grünen Heringen zu 20 Pfennig das Pfund 'beschickt. Man sah auch hier uno da eine Hausfrau, die Kurs auf diese schuopige Magenfrage nahm.
Dte Fleischer und Wwrsthändler brauchten sich ebenfalls nicht zu überarbeiten, «s herrschte Frieden auf allen Fluren.
Nur an den großen Schüsseln mit goldgelben Himmelsschlüsselchen machte fast jede Hausfrau Halt, um sich mit einem Sträußchen dieser leuchtende» Pracht ein Stück Frühling mit heimzunehmen.
Messebilanz
In bet am Sonntag vormittag vom Reichsverband ambulanter Gewerbetreibender einberufenen Versammlung kamen hauptsächlich die örtlichen Meß-Verhältnisse zur Sprache. Ter Redner, Popp- Marburg, erkannte an, daß die Kasseler Verhältnisse im allgemeinen gute seien, daß allerdings die einzig dastehende Versteigerung der Plätze den Interessen der Gewerbetreibenden zuwiderlaufe. Die Stadt solle doch aus der Vermietung keine Gewinne erzielen, sondern es sollten lediglich die Unkosten gedeckt werden.
Es werde energisch gefordert, auch den Sonntag für den Verkauf auf der Messe freizugeben. Das Sonntags-Verkaufsverbot sei für die ambulanten Gewerbetreibenden eine schwere Schädigung. Allgemein anerkannt werde die Zusammenlegung sämtlicher Verkaufsstände auf dem Friedrichsplatz, dte ein sichtliches Zeichen der Vorwärtsentw'cklung sei. Vielseitig wurde der Vorschlag gemacht, Vergnü- gungs- und Verkaufsmesse zusammen
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den Verlag der Kasseler Neuesten Nachrichten
Abteilung Preisausschreiben, Kassel, Kölnischestraße 10.
zulegen. Sollte der Friedrichsplatz in diesem Falle nicht ausreichen, so sei das Bowlinggreen der bestens geeignete Platz dafür.
Gegenstand einer Protestrede des Referenten Popp war ferner
die Aenderung der Reichsgewerbeordnung.
Gegen die in dem Gesetzentwurf der Novelle in Erscheinung tretende Absicht die Gewerbefreiheit zu beschränken müsse von den ambulanten Gewerbetreibenden energisch Front gemacht werden, um so mehr, als diese Bestrebungen durchaus nicht im öffentlichen Interesse liegen, sondern lediglich aus Konkurrenzgründen von verschiedenen Jnterefl-ntengruppen betrieben werde.
Dem Einzelhandel drohe von Seiten der ambulanten Gewerbetreibenden durchaus keine Gefahren — eine Einschränkung seiner Gewerbefrsiheft wevde me- mals einen UmMvung zum Bessere» in den barm«- derliegenden wirtschaftlichen Verhältnisse der Einzelhändler bringen. Tas ambulante Gewerbe habe schwer um seine Existenz zu kämpfen und werbe sich deshalb gegen jede Benachteiligung seines Standes mit allen ihm zur Verfügung stehende» Mittel» wehren.
Mit einer Entschließung im Sinne der vom Redner gemachten Ausführungen sand die Versammlung ihren Abschluß. -ck-
Tag -es Gerichts
Das Wort von der „schönen goldenen Jugendzeit" ist eine jener feuillewnistischen Halbwahrheiten, mit denen unser Lebensweg gepflastert ist.
Tst« große Schar derjenigen, die in diesen Tagen mit einem unabänderlichen .unwiderruflichen „Nicht versetzt" unter dem vierenbunten Osterzeugnis mit niedergeschlagenen Blicken nach Hause schleichen, wird das mit dem Pech des Klebenbleibens besudelte Jugendgold jedenfalls als eine höchst problematische Angelegenheit betrachten. Vor diesen armen Sündern
machen die Osterhäschen im unnatürlichen gläsernen Grün des Schaufenstergrases vergebens chre possierlichen Sprünge. Die Nichtausgerückten stellen kaum Betrachtungen darüber an, obs ihnen an „häuslichem Fleiß", obs ihnen an „Begabung" fehlte. Für sie ist der Konserenzbeschlutz „Nicht versetzt" ein Unglück schlechthin... Fatum.
Wenn so ein Unglückswurm daheim ankommt, so schafft das Stück Papier in feiner Hand int ganzen Hause eine Atmosphäre so dräuend wie in einem Strindbergschen Kammerspiel, selbst dann, wenn diese Familie sonst kaum von eines Strindbergschen Gedankens Bläffe angekränkelt ist. . „ .
Jedes „Mangelhaft" gräbt eine Sorgenfurche ms Antlitz der Mama, und ruft in der Hand des Papas mehr oder weniger unbeherrschte motorische Reflex« hervor. Vater, Mutter, Schwestern, Brüder sehen big Welt nur noch im Zerrspiegel des „Nicht versetzt". Auch der freieste Republikaner ist der Schulzensur sklavisch untertan. Wir haben uns im Allgemeinen allzu sehr daran gewöhnt, alles Geschehen in der Welt als relativ zu betrachten. Nur das Zeugnis bleibt merkwürdigerweise von allen weltanschaulichen Relativitätstheorien unberührt und ist — absolut
Die Rangordnung in der Schule ist abgeschafft. Berechtigungen aber genießen nach wie vor göttlich« Ehren.
Es kommt vielen Vätern ttotz aller aufgeklärten Pädagogik weniger auf die Entwicklung des Kindes in seinen menschlichen Anlagen und Fähigkeiten, sondern daraus an, daß dem Kind die „mittlere Reife" und dem Heranwachsenden Jünglina die . Vollreife" zuerkannt wird. Ein Hockenbleiben ist ein Straucheln auf der Rennbahn der Berechtigungen, der Verlust einer Chance...
Weniger Angst vor dem Zeugnis!
Mehr Wissen um das Kind'.
Oft wirkt so ein Repctentcnj-chr Wunder. ^Sste ftzällc wo erst bei zweijährigem Besuch einer wchiÄ- klassc einem Kinde nicht nur das ^abrespensum, sondern überhaupt erft das Wesen „wissenschaftlicher Schulbildung" Wie em Lichtlein aufgeht, sind nicht selten Das verlorene Jahr kann also ein -.sagt des Gewinns, Beginn eines desto sicheren Aufstiegs sein. Ander- 2dritter bemühen sich ewig vergebens, um ein inneres Verhältnis zu dem wissenschaftlichen Betrieb m der Schule und fühlen sich greifbaren Dingen desto inniger verbunden. Warum st« auälen? Hinein mit ihnen ins praktische ~eben! Aus der Prafts heraus werden sie wirkliche und nicht papierene Berechtigungen gewinnen.
Und schließlich ist mancher Junge ein geistig und künstlerisch bedeutender Mensch geworden, dem sein -Wille im Denken und sfüblen int Wege stand, ein brav lernender Musterknabe auf der Schulbank zu fein. ,, , ...
^nt Gestrüpp mangelhafter Schulleistungen solche Talente zu entdecken, ist wenigen Sittern und ebenso wenigen Lehrern gegeben. Soweit es tun um latente Begabungen handelt, mögen sie durch ihre schlechte steniur — und vor allen Dingen dadurch, was d'e Umgebung dazu sagt — verwirrt werden, von dem mnertidi voigezeickneten Wege ihrer Bestimmung aber sind sie nicht abzubrimgen.
Ibsen, um nur cm wenig bekanntes Beispiel an- zufübr.n, der Repräsentant oes geistigen Europas ’m zwanzigsten Jahrhundert, hatte im Lateinische» itno Äiech: fchen so mangelhafte Kenntnisse, daß er bei der Abtturientenprüsung durckfisl. Das Examen der Welliteratur hat er dagegen summa cum laude bestanden.. ■ ■' . .... .
Im übrigen ist das „Nichtversctzt" selbftverstand- Kch n;d)t etwa immer Beweis einer besonderen, nur nicht olme Weiteres sichtbar werdenden, Intelligenz, die vorn großen und kleinen Familienrat mit srenettfchcm J'tbel begrüßt werden müßte . . .
Carl Ludwig Herbst.
Oer Tod in der Blüte
In Ihringshausen erlitt die Frau eines Schrankenwärters durch unvorsichtiges Umgehen mit einer Primel eine derartige Vergiftung, daß bei ihr Starrkrampf auftratt und ihre sofortig« Einlieferung in bedenklichem Zustande durch die Arbeitersamariterkolonne ins Krankenhaus notwendig machte.
Zwar ist nicht jeder Mensch für diese sogenannt« „Primelkrankheit" empfänglich, doch ist Vorsicht beim Berühren der Blüten u. Stengelenden sehr am Platze.
Witzenhausen. Verhaftung. Ein von auswärts wegen Unterschlagung gesuchter Geschäftsführer eines stirkus wurde hier verhaftet. Ter Verhaftete wurde dem Untersuchungsgefängnis in Kassel zugeführt.
Vandalen. In Ochshausen wurden in der Nackt 5um Sonntag mehrere jung« Burschen überrascht, als sie den sämtticken um den großen Sportplatz an- gepflanzten jungen Obstbäumen die Kronen abbrachen. Ein Polizeihund konnte zwar nur dte Spur vis zur Gastwirtschaft Thomas verfolge», doch ist man den Tätern dadurch aus die Spur gekommen.
Staatlühes Theater. .. .
Aw Palmsonntag gebt Richard Wagners Vübnernnefb- sestsviel „Parsifal" mit ■Sauren:, Hoier in der Tuelvartte in Szene. Beginn der Vorstellung 18 Uhr.
Wettervoraussage für Mittwoch, den 9. April.
Hefter, wärmer, zunehmende Winde aus südlichen
Richtungen.
Wohin geben wir a« 9Rttme6?
Ttaatstheoier: „Turandot". 19.30 Uhr.
Kleines Theater: „Geschält mit Amerika", 20 Uhr.
Stadtvark: „Tie schwebende Jungsrau . 20,1» Itor. .
Künftlerwiele Heffenland: 7 Attraktionen, Louserenmer Ludolf Köllisch. „ „
Ma-Tbeater: „Die keusche Sünderin" und 3 «nrz-Tonstlm«
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