Einzelbild herunterladen
 

< SeHel

Kasseler Neueste Nachrichten

Dienstag. 8. April INS

gesetzlicher Form für bas Gemeinherecht anerkannt, ^iuch das Prinzip der Selbstkontrolle der Eemeinde- ausgaben ist in diesem Entwurf ausgenommen. In Uebereinstimmung mit dem Entwurf des Etädtetages wird auch hier die Magiftratsverfassung beseitigt und das Tinkörpersystem eingeführt. Die preußische Re­gierung beabsichtigt, die Reform der kommunalen Selbstverwaltung als ein einheitliches Ganz« durch­zuführen, und zwar binnen möglichst kurzer Zeit, ob­wohl ein bestimmter Termin dafür im Augenblick noch nicht genannt werden kann.

Der interessanteste Punkt dieses preußischen Ent­wurfes, der zugleich die stärkste Abweichung von den Vorschlägen des Städtetages darstellt, ist die Neu­schaffung eines sogenannten Staats­ausschusses, der neben der bisher üblichen Auf­sicht der Staatsregierung ein neues Organ mit ganz bestimmten Befugnissen darstellt. Dieser Staatsaus­schutz bringt einen völlig neuen Gedanken in das Ver­hältnis zwischen Gemeinde und Staat. An der übli. chen Kommunalaufficht, wie sie jetzt in Preußen gilt, wird zunächst nichts geändert, aber diese Aussichtsbe- fugnis findet eine wesentliche Ausdehnung durch den neuen Ausschuß, über den es .im § 92 des Entwurfes heigt:Der Minister des Innern kann Beschlüsse von Organen der Gemeinden und Gemeindeverbände, die mit den übrigen Mitteln der Staatsaufsicht nicht an­gefochten werden können, mit Zustimmung des Staats- ausschusies aufheben, wenn der Gegenstand der Be- fchlutzfaffung nicht von rein örtlicher Bedeutung ist, und der Inhalt des Beschlusies mit dem Staatsinter­esse in Widerspruch steht." Es wird also eine Art zentraler Veschlutzbehörde mit dem NamenStaats» ausschutz" geschaffen, über deren Zusammensetzung noch nichts endgültiges feststeht, deren Befugnisse aber, be­sonders auf politischem Gebiete, offenbar sehr weit gehen sollen. Vermutlich werden in diesem Ausschuß hervorragende Persönlichkeiten aus der kommunalen

Praxis Sitz und Stimme haben und dieser Ausschuß soll in seiner Befugnis auch nicht auf den Tatbestand des § 92 beschränkt bleiben, sondern er soll auch an die Stelle der wegfallenden Provinzialräte treten. Vielleicht werden auch Mitglieder des Staatsrates, des Landtages und der Provinziallandtage in diesen Staatsausschuß berufen werden, der ganz allgemein eine Art Mitverwaltung bei wichtigen Fragen der Kommunalpolitik, soweit sie zentral entschieden wer­den müssen, haben soll. Gerade deshalb ist aber die Frage von besonderer Wichtigkeit, welcher Art diese Angelegenheiten sein sollen, bei denen der Staatsaus­schutz seine Stimme abgeben soll.

Es ist anzunehmen, daß über diese Frage ein leb­hafter Meinungsaustausch entstehen wird, denn bis­her ist man sich auch im preußischen Innenministerium offenbar noch nicht recht klar darüber, wo die Grenzen der Zuständigkeit dieses Ausschußes liegen sollen. Der Hinweis des § 92, daß es sich um solche Fälle handeln soll, die mit den übrigen Mitteln der Staatsaufsicht nicht angefochten werden können, legt die Vermutung nahe, daß dieser Staatsausschuß im wesentlichen poli­tische Funktionen haben wird, da ja in allen Füllen, in denen die Kommunen sich irgendwie mit rechtlichen Bestimmungen in Widerspruch setzen, auf dem Wege der üblichen Staatsaufsicht eingeschritten werden kann. Zwar betont die preußische Regierung, daß diese Neu­einrichtung keine Verschärfung der Staatsaufsicht be­deuten soll, aber die verhältnismäßig geringfügigen Beispiele, die man vorläufig auf wirtschaftlichem und kulturpolitischem Gebiete ins Treffen führt, um die Art von Vorkommnissen zu kennzeichnen, in denen sich eine Gemeinde ohne Gesetzesübertretung mit den In­teressen der Gesamtheit in Widerspruch setzen kann, wirst doch die Frage auf, ob eine so wichtige Neuein­richtung sich ausreichend begründen läßt. Jedenfalls dürfte in dieser Frage die Konkurrenz zwischen der preußischen Regierung und dem Deutschen Städtetag besonders deutlich hervortreten. Dr. Thum.

Die Zoilerhöhlmg für Benzin

Oie Regierungsvorlage mit einigen Zusätzen vom Ausschuß angenommen Keine Erhöhung -er Zollsätze für Petroleum

Berlin, 8 .April.

Der Steuerausschuß des Reichstages setzte gestern feine Beratungen über die Deckungsvorlagen fori, und zwar zunächst mit dem Gesetzentwurf über f olländernngen, der im wesentlichen die Zollerhö- ungen für Benzin und Benzol betrifft. Ministerialdirektor Dr. Ernst erklärte, man hoffe, daß die Zollerhöhungen einen Mehrerlös von 65 Mil­lionen Rm. bringe; haben sind 40 Millionen für Ueberweisungen an bie Länder bestimmt, die diese Beträge für die Wegeunterhaltung zu verwenden haben. Der Antrag der Regierungsparteien, den Ausgleichssteuersatz von 4,80 Mark auf 3,s0 Mark herabzusetzen, entbehre nickt einer gew'.ssea Berechti­gung. Da aber mit der Möglichkerl gerechnet wer­den muß. daß das Ausland, um sich den deutschen Markt zu sichern, einen Teil des Zolls übernimmt, wird es sich empfehlen, der Reichsregierung nicht nur eine Ermächtigung aus Herabsetzung, sondern gegebe­nenfalls auch auf Erhöhung des Steuersatzes zu er­teilen. In der

Abstimmung

^tottrbc ein sozialdemokratischer Antrag angenommen, wonach Petroleum von der Zollerhötznag freigelassen wirb.

Ferner wurde ein Antrag des Abgeordneten von Snbel Mhristl.-Nat.f angenommen, worin Die Reichsregierung ermächtigt wird, anzuordue.i, daß diejenigen, die Treibstoffe aus dem Auslände ein» führen ober int Jnlande Herstellen, einen entsprechen­den Anteil Spiritus zur Verwendung als Treibstoff beziehen. ,

Weiter wurde ein Antrag der hinter der Negie­rung stehenden Parteien angenommen, wonach die Ausgleichssteuer 3M Mark für einen Doppelzentner Eigengewicht beträgt. Die Reichsregier inz w>rd er­mächtigt, wenn die wirtfchaftlichen Belange es er­fordern, den Steuersatz zu erhöhen oder zu ermäßigen.

Dann wurde ein neuer Artikel 4 beschloßen dem­zufolge der Zuschlag zur Kraftfahrzeug- stsm e r für das Rechnungsjahr 1930 uuf 10 v H. her­abgesetzt werden soll. Für Kraftdroschken wird über­haupt lein Zuschlag erhoben.

Artikel 3 über die Minerallllstener soll am 1. Mat

1930 in Kraft treten. Im übrigen tritt baS Gesetz am 15. April 1930 in Kraft. Der Retchsminister der Fi­nanzen ist ermächtigt, für die im Gesetz genannten Waren eine Rachverzollung vorzunehmen.

Mit diesen Zusätzen nahm der Ausschuß die Re­gierungsvorlage über Benztn- und Benzolzoll an.

Es folgte die Beratung des Gefeites zur Aeude- rung des Tabak- und Zuckersteuergesetzes. Rach der Vorlage sollen die Steuerlnger aufgehoben und die Zahlungsfristen verkürzt werden, bei Tabak von 3% auf 2 Monate beim Zucker von 70 auf 40 Tage.

Ministerialdirektor Ernst teilte mit. die Reaie- ntng habe sich damit einverstanden erklärt, daß die Zahlungsfrist bei Zigarren nur auf drei Monate, bei Zucker bis auf den letzten Werktag im zweiten Monat verkürzt wird. Die Regierung will auch auf die Aufhebung der Tabaksteuerlager verzichten, muß aber dann eine Verwalrungspebühr von 1 Prozent erheben. Der Ertrag aus der Aenderung der Tabak­steuer vermindert sich danach um etwa 2 Millionen Reichsmark.

Zentrum und Reichsbanner

Berlin, 8. April.

Diefer Tage ist eine scharf ablehnende Aeußerung aus Zentrumskreisen gegenüber dem Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold bekannt geworden. Dazu teilt der Reichsdienst der deutschen Preffe mit: Tatsächlich sei in leitenden Kreisen des Zentrums der Gedanke einer Loslösung vom Reichsbanner ernsthaft erwogen worden, und zwar mit der Begründung, daß das Reichsbanner sich vielfach parteipolitisch im Sinne der sozialdemokratischen Politik betätigt habe. So habe die Berliner örtliche Organisation des Reichsban­ners kürzlich gegen das neue Reichskabinett Stellung genommen. Die Mehrheit der Zentrumspariei scheine indessen der Auffassung zu sein, daß eine L o s - lösungvomReichsbannernichtin Frage kommen dürfe, sondern daß vielmehr im Gegenteil der Einfluß des Zentrums in der Führung dieser Organisation stärker als bisher zur Geltung gebracht werden müsse, um etnzelne Entgleisungen zu ver­hindern.

Sie SuisankSufe der Siadi derlin

Berlin hat dabei etwa 45 Millionen eingebüßt / Oie Methoden des Stadtrats Busch

Berlin, 8. April.

Der Untersuchungsausschuß bda Preußischen Landtags zur Prüfung der .Mißwirtschaft in her Berl'ner Stadtverwaltung" hörte am Montag einen Vortrag des Berichterstatters ütoennede (Tn.) über hen Akteninhatt über die Gutskäufe Der Stadt Ber­sin. Vorher teilte her Vorsitzende Schwenk (Komm.) mit. haß der Hauptzeuge iu diesem Komplex, her /frühere WirtschwstsparteÜer unb Grrmdstückshezer- nent Busch nach einer Operation im Sanatorium venieHmungsuMfäHig liege.

Koenuccke erklärte, nur einen Ausschnitt her ge­samten Guts'aufe geben zu wollen unh berichtete vor allem über die Käufe her Güter Biesdorf, Britz, Neu-Kladow, Düppel, Marienfelbe unb Scköneiche; sie umfaßten zusammen 3247 Hektar, unh

die Stadt Habe habet etwa 45 Millionen ein- gebüßt.

Im Biesdorfer Fall, wo ursprünglich die v. Sie- mnis scheu Erben als Eigentümer unb Verkäufer au {traten, Habe Stadtrat Busch sich geweigert, einem Preise von 1,20 Mark pro Quadratmeter zuzustim­men uno 50 bis 60 Pfennig für angemessen gehal­ten. Später schob sich hie Gewerkschaft Hildegarb als ZivischeneigcnEmerm vor unb fordert« und erhielt nunmehr von der Stadt einen Preis von 1.75 RM. pro Quadratmeter. Bufch erklärte, daß für den höheren Preis die Stundung des Kauf­geldes nut maßgebend sei, stimmte aber zu, daß der Gewerkschaft Hildegard von bei Staotbank ein hohes Darlehen sofort gegeben würbe.

Be'm Ankauf des Gutes Britz betrug der Quadratmeler-Preis 0.97 RM. Busch glaubte, er wurde den grdgien Teil für 2 Mark pro Quadrat­meter an die Wohnungssürforge-Gesellschast weiter verkaufen können, was aber mißlang. Im Falle Neu-Kladow wurden 2,60 RM. pro Quadratmeter gezahlt Hier wie überall wollten zunächst die Be­zirksämter Teilkäufe befürworten. Busch lehnte ab, zog immer nach dem Berichterstatter die Ver­handlungen an sich, in die Zentrale des Magistrats, mit dem Erfolge, daß teurere Preife bezahlt wer­den mußten. Der Berichterstatter klagte über un- vollsiäilviae Akten.

Vor allem fei bedeutsam bei Kauf des Gutes Düppel-Dreilinden von beer Prinzen Leopold unb Sig> smunb von Preußen Das Gur mit etwa 750 Hektar wurde für 11,3 Mil­

lionen erworben Me Vorwürfe gegen Bufch gehen nun vor allem dahin, baß er zwar davon unter« lichtet wurde, daß di« Prinzen direkt an die Stadt verkaufen wollten, trotzdem aber nichts dagegen unternahm, daß sich noch

einige GrundMckshändler, so Hiller, Bernau uiw. bazwischenschaltelen, in beten Taschen * etwa 2 Millionen Mark geflossen sei» sollen,

die zu Lasten der Stadt gingen. Die Grundstücks« bändlet selbst sollen wicht einmal über eigene Mittel fiir bre Zwischenschaltung verfügt habest. Nach­dem Htller sich als .Generalbevollmächtigter" ringe« schaltet hatte, soll er vielmehr erst durch Vermittlung des Bitsch 3% Millionen Kredit auf 3>4 Jahve zu 2 Prozent unter Reichsbankdiskont von der Stabt erhallen haben Dazu fei später noch ein weiterer Krehit von 1,3 Millionen gekommen. Hiller soll mit einem Teil dieses Geldes feine eigenen Betriebe finanziert haben, während die Stadt gezwungen ge­wesen feint soll, von ihm vermittelte andere Objekte abzunehmen, nur um nicht ihr Geld zu verlieren. Bei Den übrigen Käufen handelt es sich um kleinere Obiekle.

Nackoem in nichtöffentlicher Sitzung Staatsan­walt Weißenberg Über bie Ermittlungsverfahren berichtet harte, würbe bie Zeugenvernehmung u. a, von Boß auf den heutigen Dienstag vertagt.

Grzesinski neben Heilmann. Die sozialdemokratische Landtagsfraktion wird dem .Berliner Tageblatt" in­folge nach dem Zufammentritt des Landtages vor­aussichtlich neben ihrem jetzigen Fraktionsvorptzendcir Heilmann noch den früheren preußischen Innenmini­ster zum Fraktionsvorsitzenden mit gleichen Rechten wählen, ein Zustand, der in der sozialdemokratischen Landtagsfraktian vor der Ernennung Grzstnskis zum preußischen Innenminister bereits bestanden hat.

Das deutsche Geschwader in Vigo. Das deutsche Geschwader, das sich aus einer Kreuzerfahrt nach dem Mittelmeer befindet, hat Vigo angelaufen. Mit dem spanischen Flaggschiff wurde ein Ehrensalut ausge­tauscht.

Hoefch bei Briand. Der deutsche Botschafter vo» Hoesch hatte gestern eine Unterredung mit hem fran­zösischen Außenminister Briand. Dabei kamen ver­schiedene Fragen, bie sich aus bet nunmehr erfolgte« parlamentarischen Erledigung der Haager Abkomme« in Deutschland und Frankreich ergeben, zur Er­örterung.

Die Druckerei des Anarchisten

Oer Anarchist Friedrich auf seiner Molorjacht festgenommen Kommunistische Zersetzungsfchriften für Reichswehr und Polizei

Berlin, 8. April.

. Ter Polizeipräsident '. teilt mit : Äüt Sbitnabir.ib, ben 5. April,, wurde der Schriftsteller und Druckerei­besitzer Ern st Friedrich, Gründer und Inhaber der Antikriegsmuseen sowie Herausgeber der einge- gangenen anarchistischen WochenschriftDie schwarze Fahne", festgenommen. Er war nach den angestellten Ermittlungen der politischen Polizei dringend ver­dächtig,

kommunistische Zersetzungsschriften für die Polizei und Reichswehr,

wie .Der Polizeibeamte",Alarm! Polizeibeamte! Grenzbeamte! Beamte des Reichswasserschutzes unb der Bahnpolizei! Soldaten der Reichswehr!" undAn die Laterne!" ufto. bis in die letzte Zeit hinein ge­druckt zu haben. Bei der Durchsuchung feines Hanfes wurde Beweismaterial dafür gefunden, daß er außer den vorbezeichneten Zersetzungsschriften auch alle bis­her erfchienenen illegalen Nummern her Zeitung D i e rote Front", Organ des ausgelösten Rot- frontkämpserbundes, gedruckt hat.

Friedrich hielt sich auf feiner MotorjachtSee­räuber" auf dem Rummelsburger See auf

und hatte 300 Stier Brennstoff getankt. Er hatte bie Absicht, sich mit feiner Jacht nach Breslau zu be­geben. Kurz vor feinet Abfahrt konnte et von Be­amten her politischen Polizei unter Mitwirkung des Reichswasserfchutzes festgenommen werden. Auch a.v Bord wurde belastendes Beweismaterial vorgefunden und beschlagnahmt.

Bezüglich der von Friedrich hergestellten illegale« Zersetzungsschriften und der regelmäßig illegal er­schienenen ZeitungDie rote Front" schweben beim Oberreichsanwalt unb bei anderen Gerichtsbehörden zahlreiche Versahren wegen Vorbereitung zum Hoch­verrat, Ausreizung zum Klassenhaß, Aussonderung zur Begehung strafbarer Handlungen und Aufforde­rung zum Ungehorsam gegen Gesetze und Anordnun­gen der Obrigkeit. Friedrich wurde dem Verneh­mungsrichter zugeführt, der Haftbefehl er« lassen hat. Es ist dieses die dritte Druckerei, die innerhalb kurzer Frist wegen Herstellung der zur Zersetzung der Schutzpolizei und Reichswehr bestimm­ten illegalen Druckschriften von der politischen Poli­zei ermittelt, ausgehoben und überführt worden ist.

Berliner Musikleben

Von

Dr. Fritz Siege

ii.

Reue Musik.

Sie meldet sich unermüdlich, mit mehr ober weniger Erfolg zu Worke. Ein seltenes Bild bei­spielsweise im Beethoven-Saal: Joseph Szägeti spielt Be-la Bartok, und der' Komponist sitzt selbst am Flügel. Ich glaube nicht, daß die Akten über diesen allzu eigenwihic,en Komponisten bereits ab geschlossan sind, und sein unverkennbares Musikan- idntum berechtigt immer wieder zu Hoffnungen und Erwartungen. (Was für em herrliches Weik ist nicki die Oper .Herzog Maubarth"!) Aber wenn ich die Wahl hätte zwischen dcm Genuß der von Sziaeti »üigctrag.'neit Violinsonaie und einem Katzmaeschrei, so würde ich zweifellos das Katzen-- gesckrei vorziehen.

Und in »er Pyilharmonie bot Furtwängler so- tfcen bie Urauisichrung eines neuen Opus von Paul Hindemith, nämlich hie .Konzertmusik für Solobratscke urb größeres Kammerorchester". Das zweiteilige Werk in eigenartiger Beisetzung ohne Violinen und Bratschen, bevorzugt eine prägnante unb kurzatmige Thematik, ore in ein nm selten natürlich wirkendes bacmonisckes Gewand gekleidet wird und bei einigem orchestralen Eiaenhctien aus- horchen läßt. Wenn Hindemith in stärkerem Matze die in zeitweilig breiter ausgesponnenen Melodie- bögen verankerten Gcsublsmomente Wie zu Beginn 5es iWeiten Teils hätte hervortreten lassen, so wäre dies nur ;nm Vorteil des Gesamtrindrucks gewesen So aber hinterließ das Werk rin unbefriedigtes Griüol, das auch durch bie Vorzüge her solistischen Vortraaskrmst in her Darstellung durch den Kompo­nisten selbst Nicht verbessert wurde. Ter Beifall war matt

Vrin der Krolloper bis 6ur Sing­akademie.

Die Bilder wechseln mit dem Schauplatz der Darbietungen. Wir Wersen schnell einen Blick in Die Konzert« her Kroll-Oper unb sehen stempelet nm Werk, wie er Bach versachlicht, nüchtern, trocken, soft marionettenhnft. An her Linhen-Oper können wir vorübereilen. Denn es gibt nichts langweili­geres als Lteibers Konzerte ohne jegliche jotWche

Mitwirkung. Er biiigiert mehr zu seiner eigenen Freude als zur Freude her Hörer. Acker in der Philharmonie wollen wir etwas länger verwetten. Hier spielt Wilhelm Kempfs, ein Pianiist wahr­haft van Gottes Gnaden, voll unerhörter Aus­druckskraft, drei Beetbovenkonzerte. Ist aber bie weiche, fast mavch-nhaste. zarte Auffassung des An­dante m G-dur-Konzert noch echter Beethoven? Liegt nicht die Gefahr vor, daß dieser einzigartige Pianist allzu sehr einem Subjektivismus nachgibt, der Beethovens Charakterbild ein wenig ver­schleiert ?

Und sann die Singakademie da müssen wir unbedingt einen Augenblick unsere Wanderung

unterbrechen, ehe wir Misere Rundreise für diesmal beenden Georg Schumann, der Unermüdliche, diri­giert «Fanst's Verdammnis' von Berlio;. Dank­bare Ausgaben für leben Chorleiier in inhaltlicher Vielseitigkeit und Buntheit der Stimmungsbilder, prächtig 'ausgearbeitet. Aber Ä das Werk nicht schon reichlich matt und verblaßt für unser, wesent­lich andere Kost gewöhntes Ohr??

Kultusminister a. D. Dr Becker wieder Univer- sitäts-Professor. Der preußische Minister für Wissen­schaft, Kunst und Volksbildung. Grimme hat, dem Vorschläge her Philosophischen Fakultät entspre-

DiePioniere von Ingolstadt" vor Gericht

Bon besonderem Interesse für die Oefsentlichkeit, vor allem auch sür bas Schrifttum, wirb rin Prozeß sein, der am 12. April vor 6em Einzelrichter beim Amtsgericht Berlin-Mitte, Amtsgerichlsral Bues, ver- haubelt werben soll. Dem Verfahren liegt toi« Belei­digungsklage zugrunde, -bie für sein Mitglied Marie- Lui-se Fleißerher Schutzverband deutscher Schriftstel­ler gegen den Bürgermeister von Ingolstadt, Dr. Gru­ber, führt. In einem Schreiben mit dem Datum des 5. April 1929 hatte Dr. Gruber beim Berliner Poli- zeipräsiblum, beim preußischen Innenministerium und beim Deutschen Stabte tag Protest gegen toi« Aus­führung von Mari «-Luise FlöitzersPionier« von Ingolstadt' eingelegt. Er hatte in dem Schreiben er­klärt, -das Stück beleidige Ingolstadt, seine Einwoh­nerschaft unb die ehemalige Ptoniergarnison auf das schwerste; es sei ein gemeines Machwerk, ein Schmäh- stück und ein Schandstuck.

Marie-Luise Fleißer behauptet«, idatz toies« ckelridi- genoen Ausdrücke von dem Oberbürgermeister Gruber gebraucht worben seien, obwohl er Weber das Stück persönlich gesehen hatte, noch das Buch hatte lesen kön­nen, das damals noch nicht gedruckt vovlag. Er hacke vielmehr sein amtliches Urteil nur auf einseitig aus­gelesene Kritiken gestützt. Ans den Klageantrag des durch Rechtsanwalt Dr. Klee vertretenen Schutzver- banbes hat Oberbürgermeister Gruber, dessen Vertre­tung Rechtsanwalt Koch übernommen hat, mit dem Antrag erwidert, das Versahren nicht zu eröffnen, weil er nicht als Person, sondern namens des Stadt- rats von Ingolstadt fein« Kritik hab« ergehen lassen. Er bestritt auch die Zuständigkeit des Amtsgerichts Berlin-Mitt« und stützte sich für den Inhalt feiner Kritik auf Zuschriften von Besuchern und Schri-stM-

lern, -die einen Sturm der Entrüstung über das Stück feststellten. Er habe di« Verfasserin nicht beleidigen wollen, sonst hätte er nocheine ganz andere Form und ganz ander« Redensarten" gewählt.

Demgegenüber betonte der Sckutzverckanh, daß er unter Beweis stellen könne, daß das Vorgehen Dr. Grubers in der Ingolstädter Stadtratssitzung Protest hervorgerirsen hacke. Es werben mehrere Stab träte als Zeugen dafür benannt, daß Gruber selbständig die Aktion unternommen und auch im 3 tobt rat erklärt hätte, daß er auch die Verantwortung dafür trage. Gegen Grubers weiteren Einwand, dag er gemäß Pa­ragraph 193 in Wahrnehmung berechtigter Interessen gehandelt habe, macht der Schutzverbanb u. a. gel­tend, daß die Annahme, daß in dem Werk Marie- Luise Fleißers rin« Kränkung der Stadt Ingolstadt vorliege, eine völlige Verkennung des Wesens eines Kunstwerkes behütete. Ter Arzt Friedrich von Schil­ler habe auch nicht -die in ben böhmischen Wäldern gelegenen Kurorte beleidigen wollen, als er das Trei­ben'der Räuber in triefen Wäldern schilderte. Die Bürgermeister von Karlsbad unb MarienDad könnten daher beispiel sw eifc auch nicht mit Beleidigungskla­gen vorgehen. Auch wolle ein Werk wieKyritz-Py- ritz", gleichfalls nicht One lächerlich machen, sondern Zustände schildern; und es könnte ebenso gutRitze- cküttel-Schiltoa" heißen.

Nachdem das Amtsgericht zunächst den Klagean­trag abgelebnt hatte, ist aus die Beschwerde des Schutzverbandes nunmehr das Haupwerfahren doch eröffnet worben. Der Schutzverband wird als Dach- perstäNdigen wahrscheinlich Reh fisch und evtl. auch Arnold Zweig toben lassen.

chend, den früheren Kultusminister Prof. Dr. Becker die ordentliche Professur für Islam-Wissenschaft an her Universität Berlin angeboten.

Statt Berliner FeftfpieleBerliner Kunsiwochon-. Entgegen dem ursprünglichen Beschluß der Berliner Stiivtoerordnetenversammlung haben sich die Fsst- fpicHcttung und das Berliner Messeamt jetzt ent­schlossen, bie geplanten Berliner Festspiele in die­sem Jahre doch stattfinden zu lassen Allerdings sollen sie jetzt ben NamenBerliner Kunstwochen" sühren. Zurzeit finden Beratungen über die Aus­gestaltung des Programms staii, doch steht jetzt schon fest, daß die Städtische Oper an den Kunstwochen Mitwirken wird und auch das geplante Toscanini- Gasispiel soll bereits Ende Mai stattfinden.

Auflösung des Hamborner Stadttheaters. Tas Theater-Ensemble uitit das Orchester der Stadt Hamborn sind zum 1. Mai 1930 gekündigt worden. Das Theater wird jedoch nicht, wie vorerst geplant war. an private Hand verpachtet, sondern finden wöchentlich je zwei Gastvorstellungen her Duisbur­ger Oper und des Oberhausener Schauspielhauses statt.

Ein römischer Prunkhelm gesunden. Die schon feit einigen Jahren unter Leitung Dr. K. Woelcles vom Historischen Museum in Frankfurt a. M. tm Gange befindlichen Ausgrabungen in Nida, dem ein­stigen bieltorigen, befestigten römischen Militärstütz­punkt, über dem jetzt bie Frankfurter Siedlung -In der Römerstadt" erstanden ist, hccken zum Abschluß einen beisonderen Fund erbracht: Einen römischen Prunkhelm, der ein bisher einzigartiges Funbskück darstellt. Der Kops des Helmes, bei aus dem Ende des 2. Jahrhunderis stammt unb aus ben Werk­stätten an der unteren Donau herrührt, ist mit rei­chen plastischen und gravierten Bronceornamenten versehen. Ans dem Helmknauf sieht man bie Büsten der vier Jahreszeiten an der tedrien Helmwonge ist die Gestalt der Minerva eingrabiert, anstelle der Helmrripen ringeln sich vier Schlangen Über die Helmkappe. Ter werwrlle Helm wird das Pracht­stück der römvschen Abteilung des Frankfurter Histo­rischen Museums bilden.

Otto Gebühr spielt denErlkönig. Der bekannte Darsteller Friedrichs des Großen ist dieser Tage in Paris angekommen, um für die Filmgesellschaft Ar- tistes Reunis in dem FilmDer Erlkönig" bie Rolle bes Vaters zu spielen. Der nach her Goriheschen Ballabe bereits in Angriff genommene Film wirb in französischer und deutscher Version herauskommcii. Gebühr, der sehr gutes Französisch spricht, Wird in Heiden Versionen den Vater spielen.