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Raffelet Neueste «achrichte«

Celle 1

Düffeldorf 2. April.

Berlin, 2. SlprU.

Die neue Reichsregierung stellte sich gestern in einer kurzen Sitzung dem Reichstag vor Tie Tri- stützen, auch die Diplomatenloge, waren bis auf den letzten Platz besetzt, und auch im Sitzungssaal gab es nicht die sonst üblichen Lücken. Ms Reichskanzler Tr. Brüning sich zur Verlesung der Regierungserklärung anschickte, wurde ihm von den Kommunisten zuge- Tufen:Der Hungerkanzler". Die Kommunisten machten auch nächster verschiedene Zwischenrufe, für die die kommunistischen Abgeordneten Dr Neubauer und Ewert Ordnungsrufe einstecken mußten. Die übrigen Oppositionsparteien hörten die Regierungs­erklärung ruhig an.

Generaldirektor Dr. Dorpmüller machte ge­stern abend vor dem Düsseldorfer Jndustrieklüb be­achtenswerte Ausführungen über aktuelle Reichs­bahnfragen.

Der Redner beschäftigte sich zunächst mit der Um­stellung der Reparationsverpslichinngen Deutschlands vom Dawesvlan auf den Poungplan. Er wies dabei aus die Slufsichtsreckke des Reiches hin, die insbe­sondere das große Gebiet der Einnahme- und Aus­gabewirtschaft stark beeinflußten, und erklärte, ein Mißbrauch der Selbständigkeit der Re'.bstmhn sei auSaeschlcssfen. weis die Verwaltung desgrößten ReiLsunrernehmens niemals gegen die öffentliche Meinung angehen "könne.

Generaldirektor Dr. Dorpmüller kam auf den verbängnisvol.en Einfluß der Arbeitsdrosielung und sonstigen Einschränkungen zu sprechen Er erörterte di« Fraoe der bevorstehenden Tariferhöhun­gen in Bezug auf den Personen- wie aus den Gü­terverkehr in allen Einzelheiten.

Der Teil des Perkonenverkehrs, der bei der 'etzten Tariferhöhung ersaß» touttie. solle zunächst nicht weiter belastet werden.

Sehr eingehend beschäftigte sich der Redner mit den Ausgaben der Reichsbahn Er setzte auseinander, wie der Etat der Bahn insbesondere durch die G" - Halter und Löhne belastet wird Seien doch die Ausgaben für das Personal vpn der Gründung der Gesellschaft an bis jetzt nm rund 750 Millionen Mark im Jahre gestiegen, während die Entnähmen im gleichen Zeitraum nur um 700 Millionen stiegen. Die Aufrechterhaltung der sog. Leistungszu­lagen erklärte Dr. Dorpmüller für unbedingt er­forderlich. Die Reichsbahn habe das Rech', in jedem Jahre 65 Millionen Rm. für Leistungszulagen aus-

Die Finanzpolitik der Reichsbahn

Seneraldirettor Or. Dorpmütter über akiuelle Ireichsbahnfragen / Rückgang der Betriebseinnahmen / Die neuen Tariferhöhungen

für einzuseüen. Das Werk des versghitenden Aus­gleichs zwischen den einzelnen Bernsöstanoen und Schichten der Bevölkerung verträgt keine« Perziig. Diesem Gedanken mutz auch der Reichstag i« seiner Stellungnahme zur neuen ReichSregierunq Rech­nung tragen. Parteipolitische Erwägungen müssen in dieser Stunde in den Hintergrund treten lBe­wegung, Beifall bei den Regierungsparteienl. Sach liche Einstellung zu diesem Programm des Reichs kabinetts allein sichert die Zukunft des veutschen Volkes. (Beifall und Händeklatschen bei »en Re­gierungsparteien. Pfuirufe bei den Som.).

Präsident Löbe teilt mit, daß von den Aba. Sroecker (Kom.) und Genoflen der Antrag cinge- gangen ist: Tie Reichsregierung besitzt nicht das Vertrauen des Reichstages.

Die nächste Sitzung des Reichstages wurde nach Debatte auf heutt mittag 12 Uhr festgesetzt.

und Gemeinden in ihrer schwierigen finanziellen Lage ist das Dringendste. Ohne eine schnelle Ordnung der Kassen- und Finanzlage fehlt die Gewähr der dringend notwendigen Entlastung der Wirtschaft und der Milderung der Arbeitslosigkeit.

Durch Uebernahme des von dem jetzigen Finanz- Minister aufgestellten Entwurfs eines Reichsbaus- haltsgesetzes für das Rechnungsjahr 1930 können die Arbeiten des Reichsrats in den festgesetzten Fristen durchgeführt werden. Die Reicksregierung übernimmt das zu diesem Haushaltsplan gehörende Deckungs- Programm. Diese Teckungsvorlagen sind in der Form des letzten Vermittlungsvorscklages der bis­herigen Regierungsparteien mit der finanziellen Sicherung der Arbeitslosenversicherung (Ruf bei den Kommunisten: Abbau!), der gesetzlichen Festlegung der Steuersenkung und der Aus- g a b e n e r s p a r n i s ein einheitliches Ganzes. Neue Steuerlasten zur Sanierung der Kassenlage sind nur tragbar, wenn sie im Rahmen eines arf weite Sicht gestellte«, Schritt für Schritt durchzuführenden Ge­samtprogramms stehen. Eingehende Sparvorschläge auf allen Gebieten des öffentlicken Lebens werden in kürzester Frist seitens der Reichsregierung den zustän­digen Körperschasten unterbreitet werden. Diese Spar­maßnahmen sollen nicht von einem antisoz-alen Geist getragen sein. Sie haben lediglich den Zweck, ihrer­seits zur Senkung der Steuern, zur Hebung der Pro­duktivität der Wirtschaft, zur Stärkung der Kredit­würdigkeit Deutschlands beizutragen (Beifall.) Die Regierung wird alle Kräfte einsetzen, um den gewerb­lichen Mittelstand in Landwirtschaft, Handel und Ge­werbe zu fördern.

Die Notwendigkeit einer planmäßigen, auf Wirt­schaftlichkeit und Ersparnifle gerichteten Vereins a- chung auf allen Gebieten der öffentlichen Verwaltung schafft die Garantie und die Vor­aussetzung für die Weiterverfolgung der

Sozialpolitik,

Wunschzettel der Parteien

zum Kultus Haushall.

Berlin, 2. April.

Dem Umfang der Rednerliste nach zu urteilen, ipird der Preußische Landtag mit der 2. Lesung des Kultus-Haushalts in dieser Woche nicht mehr fertig werden.

Die Fraktionen tragen weiter ihre Künsche an den neuen Kultusminister vor. Abg. Tck w a r z - Haupt (DVP.) verlangte Schutz der christlichen Grundlagen unserer Kultur und schnellen Abschluß des evangelischen Vertrages.

Borfigs Brief an Moldenhauer. Zu dem in der gestrigen Morgenausgabe eines Berliner Blattes veröffentlichten Artikel Borsig stürzt Müller-Wiffell »Zur Vorgeschickte der Regierungskrise" wird von zuständiger Stelle erklärt, daß Reichsminister Mol­de n h au e r den Brief der Vereinigung der Deut­schen Arbeitgeberverbände erst erhalten habe, nach­dem in der Kabinettssitzung bereits die Entscheidung über die Vorlage gefallen war. Er hat an der Regierungsvorlage über die Arbeitslosenversiche­rung bis zum letzten Tag festgehalten. An den Ver­handlungen, die ein Kompromiß suchen sollen, hat et garnicht teilgenommen. Aus diesen tatsächlichen Fest­stellungen geht hervor, daß der Bries der Vereini­gung der Deutschen Arbeitgeberverbände ohne re­den Einfluß auf den Reichsminister der Fi­nanzen gewesen ist.

Dr. Bohner (Dem.) rühmte die Persönlichkeit Beckers und trat vor allem für neuzeitlichen staats­bürgerlichen Unterricht ein. Abg. Rhode (SJ.* war mit der Betonung der Toleranz durch den Mi­nister einverstanden, wollte aber Fernhallnng d-y Politik von Schule und Lehrern. _

Dr. Ley (Nat.-Soz.) meinte, daß es bet dem Ge­gensatz der religiösen und der antireligiösen Welt­anschauung keine Toleranz, sondern nur Sieg oder H^Abg^^L?n d"n e r""Chr.-Soz. B.) wollte auch di« Bildungssckranken gegen die Arbeiterschaft beseitigt willen, bedauerte abe?, daß es der Republik bisher nicht gelungen sei, Wesentliches auf dtesm Gebiete zu leisten.

Im Preußischen Landtag ist folgender Antrag zur zweiten Beratung des Haushalts des Ministe­riums für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung für das Rechnungsjahr 1930 von den Abg. Stendel, Schwarhaupt, Meier-Wiebaden und den übrigen Mik gliedern der D. Vp. eingebracht worden:

Der Landtag wolle beschließen, in Kapitel 19 bet einmaligen Ausgaben (Universität Marburg) für eilten Neubau der Frauenklinik einen ersten Teilbetrag von 400 000 Rm. emzusetzen."

Das Programm des Kabinetts Brüning

Außenpolitik: Fortsetzung des bisherigen Kurses / Innenpolitik: Finanzreform, Hilfe für die Landwirtschaft und den Osten Durchführung des Programms: Sin letzter Versuch mit dem Reichstag

Reichskanzler Dr. Brüning

der sogleich das Wort erhielt, führte u. ä. aus: Ich habe die Ehre, Ihnen die neue RefchSregieruug vor­zustellen Tabei ergreife ick die Gelegenheit, um dem scheidenden Kanzler für feine hingebende, vön ernster Sachlichkeit getragene Arbeit im Dienste des Vater­landes die aufrichtige Hochachtung der neuen Regie­rung auszusprechen (Lachen bei den Kommunisten.!

Tas neue Reichskabinett ist entsprechend den mir I vom Reichspräsidenten erteilten Auftrag an keine Koalition gebunden. Doch konnten selbstverständlich | die politischen Kräfte dieses Holsen Hauses bei fei ] ner Gestaltung nicht unbeachtet bleiben. Tas Rabt- I nett kst gebildet mit dem Zweck, die nach allgemei- I ner Auffassung für das Reich lebensnotwendigen ! Aufgaben in kürzester Frist zu lösen. Es wird der I letzte Versuch sein, die Lösung mit diesem I Reichstag durchzuführen. (Hört, Hört bei den Korn.). I Einen Aufschub der lebensnotwendigen Arbeiten V kann niemand verantworten. Die Stunde fordert ' schnelles Handeln.

Die neue Regierung wird Deutschlands Lebens­interessen in organischer Weiterentwicklung der bis- herigen Außenpolitik aktiv vertreten. Nationales Selbstbewußtsein, Vertrauen in die innere Kraft des Volkes, sind die Grundlagen dieser

Außenpolitik,

ebenso wie die Erkenntnis, daß der Wiederaufstieg Deutschlands nur im friedlichen Zusammenwirke t mit allen Völkern und durch loyale Durchführung der internationalen Vereinbarungen erreichbar ist. Be­sonders herzlich in dieser Stunde gedenkt die Reicks­regierung der Rhein lande, bereit endliche Be­freiung von der Besetzung unmittelbar bevorstehl. (Beifall Zwischenrufe bei den Kommunisten). Nickt vergessen bleibt die Treue der Bevölkerung der be­setzten Gebiete in schwersten Stuitden, tt'ckt zu Ende geht die Fürsorge für ihre Notlage. (Beifall). Als­baldige Rnckgliederu tt g des Saargebie­tes als Vollendung des begonnenen Befreiungswer­kes ist das Ziel der von der Reichsregierung iatkräs- tia zu fördernden Verhandlungen. ,

Innenpolitisch gibt unsere Lage angesichts . -per sozialen und wirtschaftlichen Notstände und der mit ihnen verbundenen radikalen Strömungen Anlaß zu besonderer Wachsamkeit. Diesen Strömungen läßt sich nicht nur mit dem Einsatz staatlicher Mittel be­gegnen, sie müssen in erster Sinte durch wirtschaftliche Aufbauarbeit behoben werden.

Die Reichsregierung fühlt sich stark genug, mit I den Mitteln, welche das Grundgesetz unserer staat­lichen Ordnung, die Weimarer Berfassuug, der Deuschen Republik zur Verfügung stellt, allen ge­fahrvollen Bedrohungen entgegenzuwirken. (Beifall,. Was unser Volk zum gemeinsamen Denken unv Handeln, zur Ausammengehör.gkeit zwingt, wird im Mittelpunkt unseres Wirkens stehen. Der Blick must auf die gemeinsame Not und die gemeinsam zu beschliestende Abhilfe und nicht auf das Tren­nende gerichtet sein.

Me infolge der langjährigen Verhandlungen über den Doungplan noch nicht erledigten

finanziellen und wirtschaftlichen Maßnahmen

müssen sofort durchgeführt werden. Sanierung der Finanz- und Kassenlage, Unterstützung der Länder

zugeben, sei aber bis jetzt noch niemals über 27 Mtl- lionen Rm. binausgegangen. Dr Toipmüller er­kannte die Pflichttreue und den Fleiß des Perso­nals lobend an. Am Schlüsse seiner Rede bekamtte er sich zu dem Grundsatz,

unter aOen Umständen die Finanzwirtschast gesund zu erballcn.

Der Ernst der Lage ergebe sich daraus, daß in den ersten drei Monaten des Jahres 1930 die Be­triebseinnahmen dauernd zurückgegan­gen seien und zwar bereits um mehr als 10» Mil­lionen im Vergleich zum Vorjahre. Er schloß mit den Worten: »Der einzige Trost, der uns bleibt, ist der. daß wir schon durch schlimmere Zeiten hindurch- gekommen ftnb."

Gerückte um Lindeirrer-Wtl-au

Kandidat für den Londoner Botschafterposten? 1

Berlin, 2. April. '

Zu den Nachrichten über eine Ernennung des volkskonservativen Abg. v. Lind einer -Wildau zum Botschafter in London hört derHann Kurier", daß ein Ersuchen um eine solche Ernennung vom Reicksminister Treviranus an den ReichskanzlL herangetragen worden ist. Es bleibt dahingestellt, ob der Kanzler dem nachkommen wird, und vor allem muß es der Entscheidung des Reichsaußenministers Vorbehalten bleiben, welche Vorschläge er für die seit langem fällige Neubesetzung des Londoner Bptschaf- terpostens macht. Immerhin erscheint dem genannte« Blatt zufolge die Ernennung des Herrn von Lind- einer nicht ausgeschlossen, da er persönlich über sehr gute Beziehungen nach England verfügt.

die als eine staatliche Mtwenbigkeit von der neuen Reichsregierttug unbedingt anerkannt wird (Ruf Bei ben Kommunisten: Heuchelei!) Finanzielle, soziale und wirtschaftlicke Aufgaben müssen von einheirltchen Gesichtspunkten aus angefaßt werden.

Gerade von diesen Standpunkten ans ist das Ret­tungswerk unterer im schwersten Ringen um bie Eristenz kämpfenden Landwirtschaft vordringlich (Rufe bei den Kommunisten: Schiele! Hugenberg!) Stützung und Wiederbelebung der ländlichen Wirt­schaft ist das wirksamste Mittel zur Drosselung der Ländfluckt und zur Schaffung neuer Absatz- und Ar- beitsmöglichkeiten für Gewerbe und Arbeiterschaft. Don hier aus muß der Druck auf den Arbeitsmarkt und die ständige Bedrohung der Lebenshaltung des deutschen Volkes beseitigt werden (Sehr wahr! im Zentrum! Deshalb ist die Regierung entschlossen, in Fortführung und Erweiterung der von dem bishe­rigen Reichsernährungsminister bis in die letzten Tagen getroffenen Maßnahmen ein umfassendes und durchgreifendes

Hilfsprogramm für die Landwirtschaft schleunigst zu verwirklichen. Sie scheut habet ange­sichts der ernsten Sage nicht vor außergewöhnlichen Mitteln zurück (Zurufe bei den Kommunisten: Hun- gerregierung!)

Diese Maßnahmen schaffen allein nicht die Ge­währ, um das deutsche Volkstum in der Ostmark wieder fester mit seiner Heimat und seiner Schotte zu verbinden. Durchgreifende und umfassende Ost- hilfe, Zug um Zug mit dem allgemeinen Agrar- Programm, ist hier eine besondere Notwendigkeit. Umschuldung und Entschuldung, Zins- und Lasten­senkung, Ordnung der Kreditverhäftnisse stehen im Vordergrund. Festigung und Erhaltung der beste­henden wirtschaftlichen Betriebe schaffen erst die Möglichkeit einer zielbewußten Bauern- und Arbei­tersiedlung. Zur Deckung dieser notwendigen Mehr­ausgaben wird die ReichSregierung. ohne ben Steuerzahler neu zu belasten, eine besondere Vorlage , unterbreiten.

Die Reichsregierung wird an diesen Vorschlägen und an ihrer schnell st en Durchführung un­ter allen Umstanden festhauen. Sie ist gewillt und in der Lage, alle verfassungsmäßigen Mittel hier-

Cosima Wagner t / Don Louise Freifrau von Tleibnih-Maltzan

Krau (5o,ima Sntttr ist in Baoreuth. in bet Villa Wnhniricd. llAabrig gestorben. /Ter Tod be­deutete für sie eine Erlösung. da ne seit wahren fast völlig erblindet und iniotgt der Alters,chwache bett­lägerig war.

Welch' merkwürdiges Loben. Nicht ein geben, viel- Leben hat Cosima Wagner gelebt. Ihre fu­gend verbringt sie als Tochter des berühmten Kom- pontsren uno Pianisten Llszi. Neuuzehniahrtg bet­ratet sie den Mannten Orchesterdirigenlen Hans von Bulow. Die schenkt thm drei Tochter und ver­läßt chu acht Jahre später, um Richard Wagners Frau i.t werden. 1883 wird sie Witwe. Nun ver­liest sie Wnaners Werk, gewinnt ihm Weltruhm, mack! Bayreuth zmn internationalen Fcstspielplatz. Dann kcn'.mt der letzte Akt. Kurz vor dem Kriege wird sie müde, sie siebt sich aanz in Einsamkeit zu­rück, sieht nur noch Kinder, Enkel, ganz selten alte Freunde.

Ungarische, französische uns deutsche Kultur sto­ßen in ihr zusammen, machen sie zur Kosmopolltin. Jtzre Mutter 'st sie Gräfin Marie d'Agoull, gebo­rene Gräftn Flavignh. Die trennt sich früh von ihrem Mann, lebt zehn Fahre als Liszts illegitime Gattin Unter dem NamenDaniel Sterns hat sie allerlei geschrieben, Romane, Novellen, Erinnerun­gen, ein Buch über Dante und Goethe. Ihr Name steht in Frankreichs Literaturgeschichte. Cosimas Großmutter Gräfin Flavignv lst eine ggoorene Bethmann. Sie entstammt der bekannten ?;rani- snrter Banftersamilie. Durch sie ist Cosima ein giertet deuttch. Dom Vater Ltszt hat sie das mn,i- >liscke Talent geerbt, aber auch sein Tempckera- kaliscke Taleitt geerbt, aber auch sein Tempera­ment.

Mit männlicher Energie nahm sie nach Wagners Tode ihr einziger Sohn Stegsried war damals dreizehn Jahre die Leitung der Bavreuther Fest­spiele in dte Hand und machte diese, die ein um das andere Jahr, später öfter stattfandeu, zu einem großen internationalen Kunstereignis. Fremde aus allen Ländern strömten nach Bavreuth, lebe Vorstellung war schon Monate lang vorher ausverkauft. Aber trotz der uneittgeltlichen Mitwirkung der Solisten »lieben die Festspiele ein Desizttunternehmen. Frei­lich brachte es mittelbar große Erträgnisse. Wirkten doch die Festspiele so stark für die Ausbreitung Wag- nerscker Musik, vor allem im Ausland, daß die Tan­tiemen aus seinen Opern von Jahr jri Jahr wuchsen.

Während die Schulden des berühmten Komponisten noch Ende der siebziger Jahre, besonders durch das Defizit der Festspiele 1876, so groß waren, daß er zu ihrer Abtragung als Konzertdirigent Herumreisen mußte, brachten seine Werke in den drei Jahrzehnten von 1883 bis zum Ablauf der Schutzfrist 1913 enorme Summen. Das Vermögen der Familie Wagner wurde kur; vor dem Kriege auf zwanzig Millionen Mark ge­schützt. Ihre finanziellen Berater haben es freilich in Übertriebener Gewissenhaftigkeit in mündelsicheren Papieren angelegt, so daß man sich denken kann, aus ein wie aerinaes «s inzwischen zusammengeschmolzen ist. Nur die Spenden reicher Wagnerianer, besonders ans den Vereinigten Staaten, wo Siegfried Wagner 1921 und 1922 war, ermöglichten Die immer größere Zuschüsse erfordernden Festspiele 1924 und 1925. Die diesjährigen Fest spiele sollte sie nicht mehr erleben.

Die finanziellen Sorgen der Festspiele und die großen Vermögensverluste ihrer Familie sind Cosima Wagner unbekannt geblieben. Ganz zurückgezogen lebte sie im Haus Wanfried tn einer reut geistigen Welt. Schon in ben letzten Jahren vor bem Kriege erschien sie nur noch, selten auf den großen Empfängen, zu benenHaus Wanfried", so stand auf den Ein­ladungskarten, prominente Gäste, die nach Bavreuth gekommen waren, einzulapen Pflegte. Mit rührender Sorgsamkeit nnd Aufopferung haben ihr Kinder und Enkel die Nöte des Krieges und der Nachkriegszeit ferngehalten. Sie bat nie erfahren, daß Brot, Fleisch, Butter, Zucker unb anberc Tinge tn ben Kriegsfahren nnd in der ersten Zeit nach dem Kriege rationiert waren. Ihre Töchter haben erst alles getan, damit ihre gewohnte Lebensweise nicht gestört wurde

Cosima Wagner wird es schwer empfunden haben als vas Mter sie zwang, jede große Geselligkeit am"» zugeben. Denn sic war nicht nur Künstlertochter und Künstlerfrau, sondern gleichzeitig auch Dame der großen Welt, die, wenn sie wollte, überall die erste Rolle spielte. Dabei batte ihr die Natur rein äußer- lich nickt viel gegeben. Hager, Dünn und zerbrech­lich hat sie große männliche, dem Vater Lttzt ähnliche Züge. Das wirkte häßlich. Und deck konnte ,te le­ben bezaubern, und wer sie näher kannte, fand sie nicht nur charmant unb liebcnwürdlg sondern c- oentlick schön. Bei großen Empfängen hielt sie Cerc­le Wie eine Königin. Wiederum verstand Zerade sie eS, mit Fürstlichkeiten umzugehen. Und ack Wi« viele gab es tn Bayreuth während der FeMieie. Si« harte die selten«, gerade Fürsillchketten bezau­

bernde Gabe, ihrem Partner das Gefühl yt geben, er führe das Gespräch sehr geistteich, während sie selbst anscheinend in den Hintergrund trat. Do gab sie jeder Majestät und jeder Hoheit das beglückende GSfuhl, heute vast du aber gut abgefchnitten. Aus ihrer ersten Ehe mit dem berühmten Pianisten Haus von Bülow bat Cosima zwei Töchter. Die arte sie bald stebsizjährige Daniela von Bulow, Geschiedene Gattin des verstorbenen berühmten Kunsthistorikers Henry Thode in Heidelberg, Pflegte die Wuier in Bayreuth. Die zweite, Blandme lebt als Witwe des Grafen Biagio Gravina aus dem Gc- 'cklecht der Fürstin von Ramacca tn rwrenz. Dte dritte Tockicr Cosimas Isolde, Gattin des Hozkapell- meisters Bechlor, ist vor einigen Jahren gefwrbe.l Pon ihr stand bekanntlich ntckt fest, ob sie tue Tochter Haus von Bülows oder Richard Wagners war.

Ein durch Erbschaftsansprüche entstandener, sehr peinlicher Zivilprozetz hierüber war bet den bayeri­schen Gerichten kurz vor Kriegsausbruch anhängig. Man hat nicht erfahren, was aus ihm geworden i|t. Die vierte Tochter Cöstmas, Eva, im Februar 1800 m Trtebschen in der Schweiz geboren, ist zweifellos eine Tochter Wagners und nennt sich daher nut Recht Eva Wagner. Da indessen die Ehe Cosimas Mit Hans von Bülow erst im Juli 1870 geschieden ist. heißt jt- offi­ziell Eva von Bülow. Unter diesem Namen nt ne auch im Gotha bet utabligen Familien verzeichnet, ceit 1908 war sie bie Gattin bes verstorbenen Schrift­stellers Houston Stewart Chamberlain.

Auck bas jüngste Kind Cosimas, Siegfried der im Kuni 1869 in Luzern zur Welt kam. ist noch tn der Bülowschen Ehe gebaren. Da ihn Wagner aber als Kind anerkannt hat, führt er seit bet un August 1870 in Luzern geschlossenen Ehe Richards mit Cosima den Namen seines berühmten Vaters. Siegfried Wagner galt zwar als eingefleischter Junggeselle, hat aber vor einigen Jahren als Fünfzigjähriger doch noch ge- heiratet, und zwar Fräulein WiMsned Klindworth aus der bekannten Musikerfamilie. Sie hat ihm mehrere Kinder, Söhne und Töchter, geschenkt, so dag nach menschlicher Voraussicht der Stamm Richard und Cosima Wagners nicht aussterben wird.

Eine Ehrenrettung desLondoner Bach

Johann Christian Bach, der jüngste Sohn des großen Johann Sebastian, wird derLondoner Bach" genannt, weil et die letzten 20 Jahre )eures

Lebens in der englischen Hauptstadt verbracht hat. Dieser Back ist von der Nachwelt recht Übel behan­delt worden, und zwar erklärte man nicht nur seine Kompositionen für unbedeutend, sondern er wurde auch als ein Leichtfuß, Trunkenbold und charakter­loser Gesell geschildert, der ans dem frommen Leip­zig nach dem liederlichen Italien flüchtete, in seiner Musik das Vermächtnis seines großen Vaters ver­riet und auch in London wenig für seinen guten Ruf sorgte.

Durch die moderne Musiksorschung ist aber die Bedeutung Johann Christians in einem ganz an dern Lichte gezeigt worden. Zunächst einmal wtes man den großen Einfluß auf den jungen Mozart nach, ben feine Kompositionen gehabt haben, und daun hat man gezeigt, daß er ein Hauptvertreter jenes neuen Musikstiles war, der von der sog. Mannheimer Schule" ausging. Nun unternimmt der bekannte Biograph des großen Bach, der eng­lische Musikgelehrte Tr. Stanford Serio., in seinem soeben erschienenen BuchJohann Christian Back auch eine Ehrenrettung des Menschen. Er hat neue Quellen für die Erforschung seines LebenserfaHcP fen und besonders seine Londoner Jahre auf Grund ganz neuen Materials eingehend bargeftettt.

In dicfem neuen unb gereinigten Bilde wirkt Jo­hann Christian als eine liebenswerte und vornehme Perfönlichkeit seines berühmten Vaters nicht un­würdig.Seine Figur erscheint nicht als die eines Riesen", so charakterisiert ihn Terrv.aber in feiner Zeit war er bebeutenb unb geachtet, ein Bahnbre­cher neuer Gebauten unb neuer Formen in ber Mu­sik uno aeehrt von ben Riefen, bie diese foitfühi- ten. Der" Mann, dessen Tod Mozart als einen gro­ßen Verlust für bie Musikwelt betrauerte, bars nicht verkleinert werben, unb jede unparteiische Würdi- gung seines Schassens zeigt, baß er nicht nur seiner Verwandtschaft wegen ber Vergessenheit entrissen zu werben uerbieitt. Ans bem Hintergrund seiner Generation nimmt Bach seinen ehrenvollen Platz ein nicht als Erbe eines großen Namen, sonbern als ein eigenartiger Neuschöpser." Wenn auch Bachs Jüng­ster nichts von bei majestätischen Wüide und dem schweren Einst des Vaieis hatte, so wai ei doch kein leichrfinnigei Mensch. Ei ging nach Italien, um sich dort mir großem Eifer der Kunst zu wid­men, die hier blühte. Es aibt keinen Grund, um an der Echtheit seines Glaubens zu zweifeln, als er zur katholischen Kirche übertrat, und wenn er auch als junaer Mensch in der Gesellschaft glänzen woll­te und sich der weltlichen Musik widmete, so beweist dock sein Briefwechsel mit feinem Lehrer Martini, wie eifrig er sich der Kirchenmusik widmete,