MtttwaÄ. L «prv ISN»
Raffelet Neueste «achrichte«
Celle 1
Düffeldorf 2. April.
Berlin, 2. SlprU.
Die neue Reichsregierung stellte sich gestern in einer kurzen Sitzung dem Reichstag vor Tie Tri- stützen, auch die Diplomatenloge, waren bis auf den letzten Platz besetzt, und auch im Sitzungssaal gab es nicht die sonst üblichen Lücken. Ms Reichskanzler Tr. Brüning sich zur Verlesung der Regierungserklärung anschickte, wurde ihm von den Kommunisten zuge- Tufen: „Der Hungerkanzler". Die Kommunisten machten auch nächster verschiedene Zwischenrufe, für die die kommunistischen Abgeordneten Dr Neubauer und Ewert Ordnungsrufe einstecken mußten. Die übrigen Oppositionsparteien hörten die Regierungserklärung ruhig an.
Generaldirektor Dr. Dorpmüller machte gestern abend vor dem Düsseldorfer Jndustrieklüb beachtenswerte Ausführungen über aktuelle Reichsbahnfragen.
Der Redner beschäftigte sich zunächst mit der Umstellung der Reparationsverpslichinngen Deutschlands vom Dawesvlan auf den Poungplan. Er wies dabei aus die Slufsichtsreckke des Reiches hin, die insbesondere das große Gebiet der Einnahme- und Ausgabewirtschaft stark beeinflußten, und erklärte, ein Mißbrauch der Selbständigkeit der Re'.bstmhn sei auSaeschlcssfen. weis die Verwaltung des „größten ReiLsunrernehmens niemals gegen die öffentliche Meinung angehen "könne.
Generaldirektor Dr. Dorpmüller kam auf den verbängnisvol.en Einfluß der Arbeitsdrosielung und sonstigen Einschränkungen zu sprechen Er erörterte di« Fraoe der bevorstehenden Tariferhöhungen in Bezug auf den Personen- wie aus den Güterverkehr in allen Einzelheiten.
Der Teil des Perkonenverkehrs, der bei der 'etzten Tariferhöhung ersaß» touttie. solle zunächst nicht weiter belastet werden.
Sehr eingehend beschäftigte sich der Redner mit den Ausgaben der Reichsbahn Er setzte auseinander, wie der Etat der Bahn insbesondere durch die G" - Halter und Löhne belastet wird Seien doch die Ausgaben für das Personal vpn der Gründung der Gesellschaft an bis jetzt nm rund 750 Millionen Mark im Jahre gestiegen, während die Entnähmen im gleichen Zeitraum nur um 700 Millionen stiegen. Die Aufrechterhaltung der sog. Leistungszulagen erklärte Dr. Dorpmüller für unbedingt erforderlich. Die Reichsbahn habe das Rech', in jedem Jahre 65 Millionen Rm. für Leistungszulagen aus-
Die Finanzpolitik der Reichsbahn
Seneraldirettor Or. Dorpmütter über akiuelle Ireichsbahnfragen / Rückgang der Betriebseinnahmen / Die neuen Tariferhöhungen
für einzuseüen. Das Werk des versghitenden Ausgleichs zwischen den einzelnen Bernsöstanoen und Schichten der Bevölkerung verträgt keine« Perziig. Diesem Gedanken mutz auch der Reichstag i« seiner Stellungnahme zur neuen ReichSregierunq Rechnung tragen. Parteipolitische Erwägungen müssen in dieser Stunde in den Hintergrund treten lBewegung, Beifall bei den Regierungsparteienl. Sach liche Einstellung zu diesem Programm des Reichs kabinetts allein sichert die Zukunft des veutschen Volkes. (Beifall und Händeklatschen bei »en Regierungsparteien. — Pfuirufe bei den Som.).
Präsident Löbe teilt mit, daß von den Aba. Sroecker (Kom.) und Genoflen der Antrag cinge- gangen ist: Tie Reichsregierung besitzt nicht das Vertrauen des Reichstages.
Die nächste Sitzung des Reichstages wurde nach Debatte auf heutt mittag 12 Uhr festgesetzt.
und Gemeinden in ihrer schwierigen finanziellen Lage ist das Dringendste. Ohne eine schnelle Ordnung der Kassen- und Finanzlage fehlt die Gewähr der dringend notwendigen Entlastung der Wirtschaft und der Milderung der Arbeitslosigkeit.
Durch Uebernahme des von dem jetzigen Finanz- Minister aufgestellten Entwurfs eines Reichsbaus- haltsgesetzes für das Rechnungsjahr 1930 können die Arbeiten des Reichsrats in den festgesetzten Fristen durchgeführt werden. Die Reicksregierung übernimmt das zu diesem Haushaltsplan gehörende Deckungs- Programm. Diese Teckungsvorlagen sind in der Form des letzten Vermittlungsvorscklages der bisherigen Regierungsparteien mit der finanziellen Sicherung der Arbeitslosenversicherung (Ruf bei den Kommunisten: Abbau!), der gesetzlichen Festlegung der Steuersenkung und der Aus- g a b e n e r s p a r n i s ein einheitliches Ganzes. Neue Steuerlasten zur Sanierung der Kassenlage sind nur tragbar, wenn sie im Rahmen eines arf weite Sicht gestellte«, Schritt für Schritt durchzuführenden Gesamtprogramms stehen. Eingehende Sparvorschläge auf allen Gebieten des öffentlicken Lebens werden in kürzester Frist seitens der Reichsregierung den zuständigen Körperschasten unterbreitet werden. Diese Sparmaßnahmen sollen nicht von einem antisoz-alen Geist getragen sein. Sie haben lediglich den Zweck, ihrerseits zur Senkung der Steuern, zur Hebung der Produktivität der Wirtschaft, zur Stärkung der Kreditwürdigkeit Deutschlands beizutragen (Beifall.) Die Regierung wird alle Kräfte einsetzen, um den gewerblichen Mittelstand in Landwirtschaft, Handel und Gewerbe zu fördern.
Die Notwendigkeit einer planmäßigen, auf Wirtschaftlichkeit und Ersparnifle gerichteten Vereins a- chung auf allen Gebieten der öffentlichen Verwaltung schafft die Garantie und die Voraussetzung für die Weiterverfolgung der
Sozialpolitik,
Wunschzettel der Parteien
zum Kultus Haushall.
Berlin, 2. April.
Dem Umfang der Rednerliste nach zu urteilen, ipird der Preußische Landtag mit der 2. Lesung des Kultus-Haushalts in dieser Woche nicht mehr fertig werden.
Die Fraktionen tragen weiter ihre Künsche an den neuen Kultusminister vor. Abg. Tck w a r z - Haupt (DVP.) verlangte Schutz der christlichen Grundlagen unserer Kultur und schnellen Abschluß des evangelischen Vertrages.
Borfigs Brief an Moldenhauer. Zu dem in der gestrigen Morgenausgabe eines Berliner Blattes veröffentlichten Artikel Borsig stürzt Müller-Wiffell »Zur Vorgeschickte der Regierungskrise" wird von zuständiger Stelle erklärt, daß Reichsminister Molde n h au e r den Brief der Vereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände erst erhalten habe, nachdem in der Kabinettssitzung bereits die Entscheidung über die Vorlage gefallen war. Er hat an der Regierungsvorlage über die Arbeitslosenversicherung bis zum letzten Tag festgehalten. An den Verhandlungen, die ein Kompromiß suchen sollen, hat et garnicht teilgenommen. Aus diesen tatsächlichen Feststellungen geht hervor, daß der Bries der Vereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände ohne reden Einfluß auf den Reichsminister der Finanzen gewesen ist.
Dr. Bohner (Dem.) rühmte die Persönlichkeit Beckers und trat vor allem für neuzeitlichen staatsbürgerlichen Unterricht ein. Abg. Rhode (SJ.* war mit der Betonung der Toleranz durch den Minister einverstanden, wollte aber Fernhallnng d-y Politik von Schule und Lehrern. _
Dr. Ley (Nat.-Soz.) meinte, daß es bet dem Gegensatz der religiösen und der antireligiösen Weltanschauung keine Toleranz, sondern nur Sieg oder H^Abg^^L?n d"n e r""Chr.-Soz. B.) wollte auch di« Bildungssckranken gegen die Arbeiterschaft beseitigt willen, bedauerte abe?, daß es der Republik bisher nicht gelungen sei, Wesentliches auf dtesm Gebiete zu leisten.
Im Preußischen Landtag ist folgender Antrag zur zweiten Beratung des Haushalts des Ministeriums für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung für das Rechnungsjahr 1930 von den Abg. Stendel, Schwarhaupt, Meier-Wiebaden und den übrigen Mik gliedern der D. Vp. eingebracht worden:
„Der Landtag wolle beschließen, in Kapitel 19 bet einmaligen Ausgaben (Universität Marburg) für eilten Neubau der Frauenklinik einen ersten Teilbetrag von 400 000 Rm. emzusetzen."
Das Programm des Kabinetts Brüning
Außenpolitik: Fortsetzung des bisherigen Kurses / Innenpolitik: Finanzreform, Hilfe für die Landwirtschaft und den Osten Durchführung des Programms: Sin letzter Versuch mit dem Reichstag
Reichskanzler Dr. Brüning
der sogleich das Wort erhielt, führte u. ä. aus: Ich habe die Ehre, Ihnen die neue RefchSregieruug vorzustellen Tabei ergreife ick die Gelegenheit, um dem scheidenden Kanzler für feine hingebende, vön ernster Sachlichkeit getragene Arbeit im Dienste des Vaterlandes die aufrichtige Hochachtung der neuen Regierung auszusprechen (Lachen bei den Kommunisten.!
Tas neue Reichskabinett ist entsprechend den mir I vom Reichspräsidenten erteilten Auftrag an keine Koalition gebunden. Doch konnten selbstverständlich | die politischen Kräfte dieses Holsen Hauses bei fei’ ] ner Gestaltung nicht unbeachtet bleiben. Tas Rabt- I nett kst gebildet mit dem Zweck, die nach allgemei- I ner Auffassung für das Reich lebensnotwendigen ! Aufgaben in kürzester Frist zu lösen. Es wird der I letzte Versuch sein, die Lösung mit diesem I Reichstag durchzuführen. (Hört, Hört bei den Korn.). I Einen Aufschub der lebensnotwendigen Arbeiten V kann niemand verantworten. Die Stunde fordert ' schnelles Handeln.
■ Die neue Regierung wird Deutschlands Lebensinteressen in organischer Weiterentwicklung der bis- herigen Außenpolitik aktiv vertreten. Nationales Selbstbewußtsein, Vertrauen in die innere Kraft des Volkes, sind die Grundlagen dieser
Außenpolitik,
ebenso wie die Erkenntnis, daß der Wiederaufstieg Deutschlands nur im friedlichen Zusammenwirke t mit allen Völkern und durch loyale Durchführung der internationalen Vereinbarungen erreichbar ist. Besonders herzlich in dieser Stunde gedenkt die Reicksregierung der Rhein lande, bereit endliche Befreiung von der Besetzung unmittelbar bevorstehl. (Beifall — Zwischenrufe bei den Kommunisten). Nickt vergessen bleibt die Treue der Bevölkerung der besetzten Gebiete in schwersten Stuitden, tt'ckt zu Ende geht die Fürsorge für ihre Notlage. (Beifall). Alsbaldige Rnckgliederu tt g des Saargebietes als Vollendung des begonnenen Befreiungswerkes ist das Ziel der von der Reichsregierung iatkräs- tia zu fördernden Verhandlungen. ,
Innenpolitisch gibt unsere Lage angesichts . -per sozialen und wirtschaftlichen Notstände und der mit ihnen verbundenen radikalen Strömungen Anlaß zu besonderer Wachsamkeit. Diesen Strömungen läßt sich nicht nur mit dem Einsatz staatlicher Mittel begegnen, sie müssen in erster Sinte durch wirtschaftliche Aufbauarbeit behoben werden.
Die Reichsregierung fühlt sich stark genug, mit I den Mitteln, welche das Grundgesetz unserer staatlichen Ordnung, die Weimarer Berfassuug, der Deuschen Republik zur Verfügung stellt, allen gefahrvollen Bedrohungen entgegenzuwirken. (Beifall,. Was unser Volk zum gemeinsamen Denken unv Handeln, zur Ausammengehör.gkeit zwingt, wird im Mittelpunkt unseres Wirkens stehen. Der Blick must auf die gemeinsame Not und die gemeinsam zu beschliestende Abhilfe und nicht auf das Trennende gerichtet sein.
Me infolge der langjährigen Verhandlungen über den Doungplan noch nicht erledigten
finanziellen und wirtschaftlichen Maßnahmen
müssen sofort durchgeführt werden. Sanierung der Finanz- und Kassenlage, Unterstützung der Länder
zugeben, sei aber bis jetzt noch niemals über 27 Mtl- lionen Rm. binausgegangen. Dr Toipmüller erkannte die Pflichttreue und den Fleiß des Personals lobend an. Am Schlüsse seiner Rede bekamtte er sich zu dem Grundsatz,
unter aOen Umständen die Finanzwirtschast gesund zu erballcn.
Der Ernst der Lage ergebe sich daraus, daß in den ersten drei Monaten des Jahres 1930 die Betriebseinnahmen dauernd zurückgegangen seien und zwar bereits um mehr als 10» Millionen im Vergleich zum Vorjahre. Er schloß mit den Worten: »Der einzige Trost, der uns bleibt, ist der. daß wir schon durch schlimmere Zeiten hindurch- gekommen ftnb."
Gerückte um Lindeirrer-Wtl-au
Kandidat für den Londoner Botschafterposten? 1
Berlin, 2. April. '
Zu den Nachrichten über eine Ernennung des volkskonservativen Abg. v. Lind einer -Wildau zum Botschafter in London hört der „Hann Kurier", daß ein Ersuchen um eine solche Ernennung vom Reicksminister Treviranus an den ReichskanzlL herangetragen worden ist. Es bleibt dahingestellt, ob der Kanzler dem nachkommen wird, und vor allem muß es der Entscheidung des Reichsaußenministers Vorbehalten bleiben, welche Vorschläge er für die seit langem fällige Neubesetzung des Londoner Bptschaf- terpostens macht. Immerhin erscheint dem genannte« Blatt zufolge die Ernennung des Herrn von Lind- einer nicht ausgeschlossen, da er persönlich über sehr gute Beziehungen nach England verfügt.
die als eine staatliche Mtwenbigkeit von der neuen Reichsregierttug unbedingt anerkannt wird (Ruf Bei ben Kommunisten: Heuchelei!) Finanzielle, soziale und wirtschaftlicke Aufgaben müssen von einheirltchen Gesichtspunkten aus angefaßt werden.
Gerade von diesen Standpunkten ans ist das Rettungswerk unterer im schwersten Ringen um bie Eristenz kämpfenden Landwirtschaft vordringlich (Rufe bei den Kommunisten: Schiele! Hugenberg!) Stützung und Wiederbelebung der ländlichen Wirtschaft ist das wirksamste Mittel zur Drosselung der Ländfluckt und zur Schaffung neuer Absatz- und Ar- beitsmöglichkeiten für Gewerbe und Arbeiterschaft. Don hier aus muß der Druck auf den Arbeitsmarkt und die ständige Bedrohung der Lebenshaltung des deutschen Volkes beseitigt werden (Sehr wahr! im Zentrum! Deshalb ist die Regierung entschlossen, in Fortführung und Erweiterung der von dem bisherigen Reichsernährungsminister bis in die letzten Tagen getroffenen Maßnahmen ein umfassendes und durchgreifendes
Hilfsprogramm für die Landwirtschaft schleunigst zu verwirklichen. Sie scheut habet angesichts der ernsten Sage nicht vor außergewöhnlichen Mitteln zurück (Zurufe bei den Kommunisten: Hun- gerregierung!)
Diese Maßnahmen schaffen allein nicht die Gewähr, um das deutsche Volkstum in der Ostmark wieder fester mit seiner Heimat und seiner Schotte zu verbinden. Durchgreifende und umfassende Ost- hilfe, Zug um Zug mit dem allgemeinen Agrar- Programm, ist hier eine besondere Notwendigkeit. Umschuldung und Entschuldung, Zins- und Lastensenkung, Ordnung der Kreditverhäftnisse stehen im Vordergrund. Festigung und Erhaltung der bestehenden wirtschaftlichen Betriebe schaffen erst die Möglichkeit einer zielbewußten Bauern- und Arbeitersiedlung. Zur Deckung dieser notwendigen Mehrausgaben wird die ReichSregierung. ohne ben Steuerzahler neu zu belasten, eine besondere Vorlage , unterbreiten.
Die Reichsregierung wird an diesen Vorschlägen und an ihrer schnell st en Durchführung unter allen Umstanden festhauen. Sie ist gewillt und in der Lage, alle verfassungsmäßigen Mittel hier-
Cosima Wagner t / Don Louise Freifrau von Tleibnih-Maltzan
Krau (5o,ima Sntttr ist in Baoreuth. in bet Villa Wnhniricd. llAabrig gestorben. /Ter Tod bedeutete für sie eine Erlösung. da ne seit wahren fast völlig erblindet und iniotgt der Alters,chwache bettlägerig war.
Welch' merkwürdiges Loben. Nicht ein geben, viel- Leben hat Cosima Wagner gelebt. Ihre fugend verbringt sie als Tochter des berühmten Kom- pontsren uno Pianisten Llszi. Neuuzehniahrtg betratet sie den Mannten Orchesterdirigenlen Hans von Bulow. Die schenkt thm drei Tochter und verläßt chu acht Jahre später, um Richard Wagners Frau i’.t werden. 1883 wird sie Witwe. Nun verliest sie Wnaners Werk, gewinnt ihm Weltruhm, mack! Bayreuth zmn internationalen Fcstspielplatz. Dann kcn'.mt der letzte Akt. Kurz vor dem Kriege wird sie müde, sie siebt sich aanz in Einsamkeit zurück, sieht nur noch Kinder, Enkel, ganz selten alte Freunde.
Ungarische, französische uns deutsche Kultur stoßen in ihr zusammen, machen sie zur Kosmopolltin. Jtzre Mutter 'st sie Gräfin Marie d'Agoull, geborene Gräftn Flavignh. Die trennt sich früh von ihrem Mann, lebt zehn Fahre als Liszts illegitime Gattin Unter dem Namen „Daniel Sterns hat sie allerlei geschrieben, Romane, Novellen, Erinnerungen, ein Buch über Dante und Goethe. Ihr Name steht in Frankreichs Literaturgeschichte. Cosimas Großmutter Gräfin Flavignv lst eine ggoorene Bethmann. Sie entstammt der bekannten ?;rani- snrter Banftersamilie. Durch sie ist Cosima ein giertet deuttch. Dom Vater Ltszt hat sie das mn,i- >liscke Talent geerbt, aber auch sein Tempckera- kaliscke Taleitt geerbt, aber auch sein Temperament.
Mit männlicher Energie nahm sie nach Wagners Tode — ihr einziger Sohn Stegsried war damals dreizehn Jahre — die Leitung der Bavreuther Festspiele in dte Hand und machte diese, die ein um das andere Jahr, später öfter stattfandeu, zu einem großen internationalen Kunstereignis. Fremde aus allen Ländern strömten nach Bavreuth, lebe Vorstellung war schon Monate lang vorher ausverkauft. Aber trotz der uneittgeltlichen Mitwirkung der Solisten »lieben die Festspiele ein Desizttunternehmen. Freilich brachte es mittelbar große Erträgnisse. Wirkten doch die Festspiele so stark für die Ausbreitung Wag- nerscker Musik, vor allem im Ausland, daß die Tantiemen aus seinen Opern von Jahr jri Jahr wuchsen.
Während die Schulden des berühmten Komponisten noch Ende der siebziger Jahre, besonders durch das Defizit der Festspiele 1876, so groß waren, daß er zu ihrer Abtragung als Konzertdirigent Herumreisen mußte, brachten seine Werke in den drei Jahrzehnten von 1883 bis zum Ablauf der Schutzfrist 1913 enorme Summen. Das Vermögen der Familie Wagner wurde kur; vor dem Kriege auf zwanzig Millionen Mark geschützt. Ihre finanziellen Berater haben es freilich in Übertriebener Gewissenhaftigkeit in mündelsicheren Papieren angelegt, so daß man sich denken kann, aus ein wie aerinaes «s inzwischen zusammengeschmolzen ist. Nur die Spenden reicher Wagnerianer, besonders ans den Vereinigten Staaten, wo Siegfried Wagner 1921 und 1922 war, ermöglichten Die immer größere Zuschüsse erfordernden Festspiele 1924 und 1925. Die diesjährigen Fest spiele sollte sie nicht mehr erleben.
Die finanziellen Sorgen der Festspiele und die großen Vermögensverluste ihrer Familie sind Cosima Wagner unbekannt geblieben. Ganz zurückgezogen lebte sie im Haus Wanfried tn einer reut geistigen Welt. Schon in ben letzten Jahren vor bem Kriege erschien sie nur noch, selten auf den großen Empfängen, zu benen „Haus Wanfried", so stand auf den Einladungskarten, prominente Gäste, die nach Bavreuth gekommen waren, einzulapen Pflegte. Mit rührender Sorgsamkeit nnd Aufopferung haben ihr Kinder und Enkel die Nöte des Krieges und der Nachkriegszeit ferngehalten. Sie bat nie erfahren, daß Brot, Fleisch, Butter, Zucker unb anberc Tinge tn ben Kriegsfahren nnd in der ersten Zeit nach dem Kriege rationiert waren. Ihre Töchter haben erst alles getan, damit ihre gewohnte Lebensweise nicht gestört wurde
Cosima Wagner wird es schwer empfunden haben als vas Mter sie zwang, jede große Geselligkeit am"» zugeben. Denn sic war nicht nur Künstlertochter und Künstlerfrau, sondern gleichzeitig auch Dame der großen Welt, die, wenn sie wollte, überall die erste Rolle spielte. Dabei batte ihr die Natur rein äußer- lich nickt viel gegeben. Hager, Dünn und zerbrechlich hat sie große männliche, dem Vater Lttzt ähnliche Züge. Das wirkte häßlich. Und deck konnte ,te leben bezaubern, und wer sie näher kannte, fand sie nicht nur charmant unb liebcnwürdlg sondern c- oentlick schön. Bei großen Empfängen hielt sie Cercle Wie eine Königin. Wiederum verstand Zerade sie eS, mit Fürstlichkeiten umzugehen. Und ack Wi« viele gab es tn Bayreuth während der FeMieie. Si« harte die selten«, gerade Fürsillchketten bezau
bernde Gabe, ihrem Partner das Gefühl yt geben, er führe das Gespräch sehr geistteich, während sie selbst anscheinend in den Hintergrund trat. Do gab sie jeder Majestät und jeder Hoheit das beglückende GSfuhl, heute vast du aber gut abgefchnitten. Aus ihrer ersten Ehe mit dem berühmten Pianisten Haus von Bülow bat Cosima zwei Töchter. Die arte sie bald stebsizjährige Daniela von Bulow, Geschiedene Gattin des verstorbenen berühmten Kunsthistorikers Henry Thode in Heidelberg, Pflegte die Wuier in Bayreuth. Die zweite, Blandme lebt als Witwe des Grafen Biagio Gravina aus dem Gc- 'cklecht der Fürstin von Ramacca tn rwrenz. Dte dritte Tockicr Cosimas Isolde, Gattin des Hozkapell- meisters Bechlor, ist vor einigen Jahren gefwrbe.l Pon ihr stand bekanntlich ntckt fest, ob sie tue Tochter Haus von Bülows oder Richard Wagners war.
Ein durch Erbschaftsansprüche entstandener, sehr peinlicher Zivilprozetz hierüber war bet den bayerischen Gerichten kurz vor Kriegsausbruch anhängig. Man hat nicht erfahren, was aus ihm geworden i|t. Die vierte Tochter Cöstmas, Eva, im Februar 1800 m Trtebschen in der Schweiz geboren, ist zweifellos eine Tochter Wagners und nennt sich daher nut Recht Eva Wagner. Da indessen die Ehe Cosimas Mit Hans von Bülow erst im Juli 1870 geschieden ist. heißt jt- offiziell Eva von Bülow. Unter diesem Namen nt ne auch im Gotha bet utabligen Familien verzeichnet, ceit 1908 war sie bie Gattin bes verstorbenen Schriftstellers Houston Stewart Chamberlain.
Auck bas jüngste Kind Cosimas, Siegfried der im Kuni 1869 in Luzern zur Welt kam. ist noch tn der Bülowschen Ehe gebaren. Da ihn Wagner aber als Kind anerkannt hat, führt er seit bet un August 1870 in Luzern geschlossenen Ehe Richards mit Cosima den Namen seines berühmten Vaters. Siegfried Wagner galt zwar als eingefleischter Junggeselle, hat aber vor einigen Jahren als Fünfzigjähriger doch noch ge- heiratet, und zwar Fräulein WiMsned Klindworth aus der bekannten Musikerfamilie. Sie hat ihm mehrere Kinder, Söhne und Töchter, geschenkt, so dag nach menschlicher Voraussicht der Stamm Richard und Cosima Wagners nicht aussterben wird.
Eine Ehrenrettung des „Londoner Bach“
Johann Christian Bach, der jüngste Sohn des großen Johann Sebastian, wird der „Londoner Bach" genannt, weil et die letzten 20 Jahre )eures
Lebens in der englischen Hauptstadt verbracht hat. Dieser Back ist von der Nachwelt recht Übel behandelt worden, und zwar erklärte man nicht nur seine Kompositionen für unbedeutend, sondern er wurde auch als ein Leichtfuß, Trunkenbold und charakterloser Gesell geschildert, der ans dem frommen Leipzig nach dem liederlichen Italien flüchtete, in seiner Musik das Vermächtnis seines großen Vaters verriet und auch in London wenig für seinen guten Ruf sorgte.
Durch die moderne Musiksorschung ist aber die Bedeutung Johann Christians in einem ganz an dern Lichte gezeigt worden. Zunächst einmal wtes man den großen Einfluß auf den jungen Mozart nach, ben feine Kompositionen gehabt haben, und daun hat man gezeigt, daß er ein Hauptvertreter jenes neuen Musikstiles war, der von der sog. „Mannheimer Schule" ausging. Nun unternimmt der bekannte Biograph des großen Bach, der englische Musikgelehrte Tr. Stanford Serio., in seinem soeben erschienenen Buch „Johann Christian Back auch eine Ehrenrettung des Menschen. Er hat neue Quellen für die Erforschung seines LebenserfaHcP fen und besonders seine Londoner Jahre auf Grund ganz neuen Materials eingehend bargeftettt.
In dicfem neuen unb gereinigten Bilde wirkt Johann Christian als eine liebenswerte und vornehme Perfönlichkeit seines berühmten Vaters nicht unwürdig. „Seine Figur erscheint nicht als die eines Riesen", so charakterisiert ihn Terrv. „aber in feiner Zeit war er bebeutenb unb geachtet, ein Bahnbrecher neuer Gebauten unb neuer Formen in ber Musik uno aeehrt von ben Riefen, bie diese foitfühi- ten. Der" Mann, dessen Tod Mozart als einen großen Verlust für bie Musikwelt betrauerte, bars nicht verkleinert werben, unb jede unparteiische Würdi- gung seines Schassens zeigt, baß er nicht nur seiner Verwandtschaft wegen ber Vergessenheit entrissen zu werben uerbieitt. Ans bem Hintergrund seiner Generation nimmt Bach seinen ehrenvollen Platz ein nicht als Erbe eines großen Namen, sonbern als ein eigenartiger Neuschöpser." Wenn auch Bachs Jüngster nichts von bei majestätischen Wüide und dem schweren Einst des Vaieis hatte, so wai ei doch kein leichrfinnigei Mensch. Ei ging nach Italien, um sich dort mir großem Eifer der Kunst zu widmen, die hier blühte. Es aibt keinen Grund, um an der Echtheit seines Glaubens zu zweifeln, als er zur katholischen Kirche übertrat, und wenn er auch als junaer Mensch in der Gesellschaft glänzen wollte und sich der weltlichen Musik widmete, so beweist dock sein Briefwechsel mit feinem Lehrer Martini, wie eifrig er sich der Kirchenmusik widmete,