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vir. 14 ✓ Zwanzigster Jahrgang

Kasseler Neueste Nachrichten

Freitag, 28. März 1930 / 2. Beilage

Das Ende -es Kasseler Genders

Das verhaßte Vörichen

r Zu unserem, unter dieser Ueberschrtfr erschiene- iten Ärttfvi m Nr. 71 wird uns vonr Polizeiprä- sidciuen geschrieben:

Als tm September 1927 das Droschkenwesen in Kassel vurch eine Polizewerordnung geregelt wurde, wurden gleichzeitig damit Bestimmungen über die Art, Bcschafsenhei unid Ausrüstung der Kraftdrosch­ke» erlassen. Diese Bestimmungen, die lebtgüd) im Interesse des Publikums cüassen wurden, bezweck­ten zweierlei:

i die persönliche Sicherheit des Fahrgastes und j die Sicherheit seines Geldbeutels Var Ucbervor- I tcilung.

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Tiefe Sicherungen waren aus den verschicidensten Gründen notwendig geworden, und das Publrkum harte ein Recht darauf, ,u verlangen, daß den gro­ßen Vorteilen, die mit der Erteilung einer Kon- zesswn kür eine Kraftdroschke verbunden stnd, auch eine Pflicht dem Publikum gegenüber verbunden wurde, nämlich die Pflicht zur Beförderung zu ganz bestimmten Preisen. Deshalb wurde in § s der Bekanntmachung über die Art, Beschaffenheit und Ausrüstung der Kraftdroschken in der Stadt Kassel bestimmt, daß die Kraftdroschken mit einer Karoborte zu versehen sind, um dieses öffentliche Verkehrsmittel deutlich kenntlich zu machen.

Unter diesen Gesichtspunkten ist auch heute noch Nach Festlegung des Einheitstarifs die Karoborte unbedingt als ein Fortschritt anzusprechen, denn ’"u ermöglicht es jedem, der eine Autodroschke benutzt, die Droschken sofort aus den ersten Blick als solche zu erkennen. Dazu genügt keineswegs die Ausrüstung der Droschken mit Freilampen und der Tarenuhr; denn einmal ist die Uhr nicht sofort, be­sonders nicht auf größere Entfernungen zu erken- nm, und zum anderen Hai die Vereinigung priva­ter Kraftwagenbesitzer Wagen im. Verkehr, di« ge­nau wie die Droschken mit Freilampen ausgerüstet sind, aber nicht zu dem festgesetzten Einheitstarij fahren. Deshalb kann gerade im Interesse des Publikums aus die weithin sichtbare Karoborte n'cht verzichtet werden, um Irrtümer und damit Schädigungen der Wagonbenutzer vorzubeugen. Die

Kirfiine Bredsten in der Titelrolle.

Phot. Nehrdich

„Turandot" im Siaaisiheaier

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Die S üdwestd cutsche Rundfunk A.-G. bestätigt in folgendem im wesentlichen unsere Aussührungen:

Von einem Abbau des Kasseler Senders, d. h. der technischen Einrichtung, kannkeine Rede sein. Auch nach Aufstellung eines Erotz-Senders im Bezirk oer Südwestdeutschen Rundfunkgesellschaft wird aller Voraussicht nach

ei» eigener Sender für Kassel nicht entbehrt i werden können.

Es handelt sich lediglich um eine Beschränkung bzw. den Fortfall der Darbietungen von der Besprechungsstelle Kassel. Die pro­grammorganisatorische Entwicklung hat eine stärkere Zusammenfassung der Programme verschiedener Gesell' schäften mit sich gebracht. Beispielsweise wurde, wie be­kannt, mit der Süddeutschen Rundfunkgesellschaft auf paritätischer Grundlage eine Programmgemeinschaft eingcgängen, die weiteren Programmgemeinschaften in Deutschland zum Vorbild gedient hat. Infolge dieser Zusammenfassung ist zu Gunsten der Qualität eine zeitliche Beschränkung in den Möglich­keiten der Sendungen eingetreten. Die Besprechungs­stellen werden nicht nur in Kassel, sondern allenthalben aufgehoben. Dies besagt nun keinesfalls, daß die Städte, an denen sich bisher Be­sprechungsstellen befanden, im Rundfunk nicht mehr zu Wort kommen. Jede Stadt des Bezirks wird unaw hängig von bet Existenz einer Besprechungsstelle nach ro!e vor entsprechend der Bedeutung und den Möglich leiten von Progromm>arb'etungen Berücksichtigung finden. So ist z. B. für Kassel abgesehen von den Theaterübertragungen beabsichtigt, wes ent-

Karoborte an den Autodroschkeu ist daher auch in fast allen größeren Städten eingesirhrt worden.

Nun wird in Ihrem Artikel darauf hingewiefen. daß es viele Leute gäbe, die aus irgendwelchem Grunde eine gewisse Deklassierung darin erblicken in einem als Droschke gekennzeichneten Auw zu fahren Es dürste vielen Leuten gerade in der heutigen Zeit wir^chaftl:cher Rot unbegreiflich er­scheinen, daß man sich durch die Benutzung einer Autodroschke deklassiert fühlen kann. Aber wenn es tatsächlich Mitbürger geben sollie, bereit Selbstge­fühl hierdurch beeinträchtigt werden könnte, so ist bereu Empfinden ja daduirch Rechnung getragen, daß eine ganze Reche von Stute firmen Privatwagen nach fiaer Vereinbarung vermieten. Wenn also eine FamSlie bei einer Fahrt ins Grüne oder ein Geschäftsreisender unbedingt ein Privatauto be­nutzen will, so ist dazu durchaus die Möglichkeit vorhanden. e*

Für die Kennzeichnung der Autodroschren durch ciNte Kairockorte sprechen außer ben eingangs er­wähnten noch eine Fülle von grunbsätzlichen unb praktischen Gründen, auf die im Rahmen bieser Zuschrift im einzelnen nicht eingegangen werben kann. Nur aus einen Grund soll an dieser Stelle noch hingewiesen werden:

Im Sommer des vorigen Jahres isst aus ver­schiedene Beschwerden des Publikums über die w genügende Zahl der AuwdroschkeN hist eine Ver­mehrung dieser Zahl vorgenommen worden Würde nun die Karoborte von den Droschken verschwinden, so wäre die Umwandlung dieser als öffentlich- rechtliches Verkehrsmittel zugelaflenen Wagen in Privatwagen eine Kleinigkeit Dadurch würde aber wiederum auf der einen Seite eine Verminderung der für die Bedürfnisse der Bevölkerung als notwen­dig erkannün Droschkenzahl ermöglicht, was bei­des im Interesse der Bevölkerung nicht geduldet werden tonn. Daß darüber hinaus auch die Ueber- wackmug des Droschkiiwesens und damit die poIU ;etliche Regelung des Troschkengewerbes f<Lr er­schwert torübe, was ebenfalls wiederum nur zum Nachteil der Bevölkerung ausschlageu würde, sei nur nebenbei bemerkt.

Zum Schlüsse sei noch auf eine tatsäMiche Un­richtigkeit hingewiesen. Sie schreiben, daß die Po-

liche öffentlich? Konzerte zu übertragen Dem Interesse der einzelnen Städte selbst dürfte auch mehr dadurch gedient werden, daß nur qualitativ hoch­stehende bzw. repräsentative Darbietungen übertragen werden, als daß, wenn auch zeitlich öfter, unwesent­liche Programme gegeben werden. Selbstverständlich sollen auch weiterhin Vorträge von Kassel gesandt werden." --

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Der Sinn dieser etwas widerspruchsvollen Erklärung des Rundfunks ist leider der. daß angeblich zu Gunsten der Qualität bet Da^netungen eine regelmäßige llebertragung von Kasseler Sendungen nicht mehr stattfinden wird. Die Rubrik .Kassel sendet", die bis­her in unserem Blatt zu finden war, ist in der Praxis so gut wie ausgeschaltet. Es ist nur ein schwacher Trost, wenn ab und zu eine Konzert- ober Opernüber­tragung, vielleicht sogar einmal ein Vortrag von Kas­sel in Aussicht gestellt wird. Tatsache ist, daß unser nettes Rundfunkorchester längst aufgelöst werden mußte und daß die kleinen belehrenden und für unsere engere Heimat werbenden Vorträge so gut wie ganz ver- schw'nden werden, was auch im wirtschaftlichen Inter­esse Kassels bedauerlich ist Was nützt die schönste Be­sprechungsstelle, wenn sie nicht besprochen wird?

Diese amtliche Erklärung ist wie alle anderen der gleichen Quelle zwischen den Zeilen zu lesen »Kas­sel sendet" — endet. Nach dem Tode des Rund­funk-Orchesters war schließlich auch wenig anderes zu erwarten. Den Kasseler Rundfunkhörern wird man mit der Neuregelung keinen Dienst leisten.

lizei einen Kasseler Kraftdroschkenbesitzer wegen Richtanbrtngung der Karoborte an seinem Wagen „ein nicht kleines Strafmandat" erteilt habe. Das M unrichtig. Der Kraftdroschkenbesitzer hat ledig- !>ch auf Grund des § 132 LVG eine Zwangsan­drohung erhalten Es ist deshalb auch nicht richtig, daß „an Gcrichtsstclle der behördliche Kompetenz- konslikt fein fröhliches Dasein bekunden wird", weil einmal für einen Einspruch gegen diese Zwangsaw drohnng nickt das Gericht zuständig ist, und well cs sich zum anderen vor allen Dingen nicht um einen Kompctenzkonflikt der Behörden handelt, denn die Beschaffenheit und Ausrüstung bet Kraft­droschken zu bestimmen, ist allein Sache der Polizei

Kaufmännisch-wirtschaftliches Handeln

Vortragsabend der Verwaltungsakademie.

rgr. Unsere Zeit verlangt Initiative, selbständiges Denken und Handeln, aus klarer Erkenntnis geboren. Sie verlangt restlose Ausnutzung gebotener Möglich­keiten kaufmännisch • wirtschaftliches Handeln, für jeden, Kaufmann, Privatmann und Behörde.

Ueber die Erziehung zum kaufmännifch-wirtschäft- > lichen Handeln, besonders in ■ der Beamtenschaft b ex Reichsbahn, sprach am Dienstag Reichsbahn-Vizeprä­sident Tr. Honold für die Verwaltungsakademie Kassel. Von jeher habe die Reichsbahn ihre Bctriebs- führung auf kaufmännische Grundsätze gestellt, doch erst nach 1918 sei auf der ganzen Breite toufmänni- scher Sinn eingedrungen, in dem Maße, als der Be­amte sich mehr als verantwortlicher Teil einer Ge­samtheit denn als Träger staatlicher Gewalt zu fühlen begann. Neben der Gewissenhaftigkeit und dem Ord­nungssinn, wie sie für unser-» Bamten bezeichnend sind, bildet sich die Fähigkeit zu kaufmännisch-wirt­schaftlichem Denken heran,

Ter kaufmännische Geist läßt sich zerlegen in Un- ternehmungs- und Spekulationsgeist, in Werbe-, Wirt­schafts- und Organisationsgeist. Frn Beamten ist der Wirtschaftsgeist anszubilden, der aus Erzielung höch­ster Wirkung bei geringstem Aufwand bedacht ist, und der Werbegeist, der die möglichst erschöpfende Auswir­kung des Effekts erstrebt. Diese Fähigkeiten sucht die

Reichsbahngesellschaft durch Schulen und Kurse an» zuerziehen. In das fein durchdachte System dieses Unterrichtswesens gab der Vortragende einen inten essanten Einblick. —

Vom Rätsel des Bösen

-ln dem Taale 6er Cbri'tengemeinschaft hielt Dr. Sun ras einen Vortrag über das „SJtikfel des Lüsen". Der Redner gab znnäckst einen gesckicktticken Einblick in die Aw- febaunngen vom Menschentum innerhalb der Geschichte. Der Grieche fall noch im Menschen das absolut Schöne und Gute Ter Israelit aber empfand feine eigene Unheilts- keit, und Moies gab die Gesetze gegen die menschlichen Schwächen. Diese beiden entgegengesetzten Stimmungen wiederholen sich in der nachchristlichen Zeit: einerseits iit der Renaissance und anderer,eiis innerhalb der Änichau- unaen des katholischen Mittelalters.

Wie stebt zur <vragc nach dem Bösen der moderne Mensch'? Hier trifft wohl Rietfches Ausspruch zu: menschliche Seele ist der Kriegsschauplatz, ans dem Götter sich bekämpfen" — An der Hand des alten germanischen Mythos vorn Tode Baldurs durch den Miftelzwe'g wies Tr. Kurras aus das Geheimnis des Lösen hin: Alles, was in irgend einer Aorm Mistelbildung. Schmarotzertum im Weltenganzen ist, — das ist das Löse. — Zuletzt ent­warf der Vortragende an der Gestalt des Parsual ent Vorbild für die menschliche Seele: wie sie nur durch ben heiligen Speer, die Kraft des höheren Ich. das Reich des StlingfoT. der Dämonen, zu ubenvinden vermag.

Es gibt ein Gut-Sein, das Schwäche ist, — ebenso rote es ein Böse-Sein gibt, das aus einer gröberen, Starke hervorgeht. Richt ein altes mitgebrachtes Gut-«ein, ist schon wirkliche Güte. Es gibt ein höheres Gut-Sein, das man mit Nietsche nennen könnte: ein Gut-Sein .jenseits von Gut und Böse'-. Das ist nicht der Uebermensch. sondern der neue Parsisal-Mensch. der den Schritt getan bat _pom Selbst zum Ich. tr. «t.

—--- J

Wohin geben wir am Sonnabend?

Staatstheater: „Ausstieg und Fall der Stadt Mahagonuo"« 19X> Uhr.

Kleines Theater: ..Der Kaiser von Amerikas 20 Uhr. 1 Stadipark: Varietee, 20,15 Uhr.

Ufa-Theater: -Tonfilm „Die letzte Kompagnie'. Wochen­schau.

Paln ft-Theater: Die Tanztragödin Bella SiriS und Mlle, Kitto Gellaert. intern. Siimmphänomen: im Stint» teil „Es tut sich was in Hollowood". Wochenschau.

Lino des Westens: „Alraune", Lustspiel, Lehrfilm, Wochen» schau.

EavUol-Theoier: „Mutter Krausens Sabri ins Glück" und Kulturfilm „Turksib", Wochenschau.

Cbaffalla-Tbeater: „Die weihe Sckntester von St. Beiths und „Das rote Schwert". Wochenschau.

Geheimrat Prof. Dr. med. H.

(Ohrt trott seiner 64 Jahre noch die schwierigsten Opera­tionen mit sicherer Hand aus, obwohl Hui seine Praxis von früh bis spät und häufig noch des Nachts in Anspruch nimmt. Seine Patienten rühmen die wundervoll beruhigende Wirkung, die von seiner starken Persönlichkeit ausgeht.

Wie oft hat er in seiner Praxis den Rat gegeben: „Machen Sie es wie ich, trinken Sie Kaffee Hag, er regt an aber nicht auf und schont Herz und Nerven. Mir ist dieser prächtige Bohnenkaffee ein unentbehrlicher Helfsr Se* worden - für meine Patienten wie für mich!*

Glauben Sie anPhilo?

Eine dunkle Geschichte aas einer guten Familie Von S. S ven Qine Bearbeite: von Elsa Staudemeyer Copyright by Verlag Knorr & Hirtb m München •

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r Rex Greene war ein bleicher junger Mensch Ende der Zwanzig — klein, mit schmalen, nach vorn ge­krümmten Schultern unb einem unnatürlich großen Kopf, der auf einem erschreckend mageren Hals saß Eine dicke Strähne glatten Haares fiel ihm tief in die stark gewölbte Stirn, er hatte die Angewohnheit, sie alle Augenblicke mit einem Ruck hintenüber zu werfen. Seine winzigen, verfcklagenen Augen hinter der riesigen Hornbrille schienen überhaupt nicht zur Ruhe zu kommen, und die dünnen Lippen zuckten unaufhörlich. Das unverhältnismäßig kleine, spitzige Kinn vervollständigte den Eindruck des Grotesken Trotz allem war etwas an dem Menschen, was hin­ter dem abstoßenden Aeußeren ungewöhnliche Fähig­keiten ahnen ließ. Ich sah einmal einen jugendlichen Schachkünstler. der hatte die gleiche Schädelbildung und sehr ähnliche Gesichrszügc wie Rex Greene.

Philos Augen schienen nach innen gerichtet, aber ich wußte, cs entging ihm nichts von der äußeren Erscheinung des Mannes. Schließlich legte er die Zigarette neben sich und heftete den Blick angelegent­lich auf die kleine Tischlampe, die in Reichweite vor ihm stand »Sie sagen, Miner Greene. Sie haben die Tragödie dieser Nacht verschlafen. Wie erklären Sie sich dieses erstaunliche Faktum? Sie wissen dock, daß einer von den Schüssen in dem Zimmer neben Ihnen

gefallen ist." ... ,

Rer schob sich bis zur nutzeren »tutiEtonte nach vorn. Er drehte den Kopf bin und her und ver­mied es geflissentlich, einem von uns w die Augen ru sehen. -Bis jetzt habe ich noch nicht ben Versuch gemacht, es mir zu erklären", entgegnete er gereizt Dann aber schien er sich in die Defensive zu^ckzie. hen zu wollen, benn er fuhr haitig fort. »Dte Wände in dieses« Haus sind ziemlich dlck, außerdem ist ia im­mer Lärm auf der Straße. . . . vielleicht auch hatte ich den Kops in die Kissen vergraben.

»Hättest bu ben Schuß gehört, dann hättest du len Kopf bestimmt in die Kissen gesteck . warf Che­ster dazwischen Er gab sich leine Muhe, ,eine Ver­achtung für ben yruber vor uns zu verbergen.

Rer fuhr herum unb wollte heftig entgegnen, aber Philö kam ihm mit feiner nächsten FlE zuvor „Was haften Sie von bem Verbrechen, Mister Gree ne? Sie haben ja alle Einzelheiten gehört unb uxv

xen bie Situation." - . . . .

»Ich r>achte, bie Polizei ist sich darüber einig, baß cs sich um einen Dicbstabläversuch hanbell. Rer Greenes Augen richteten sich aus Hcattz. »~auteic nufi* so ** „ ^... .

Dos war und ist unsere Ueberzeugung, erklärte Set sergeant, der bis jetzt gelangweilt cagejenen

unb stillschweigend zugehört hatte. »Aber Ihr Herr Bruder hier — der scheint anderer Ansicht zu sein."

»So, so, Chester ist anderer Ansicht." Rex blickte mit unverhohlener Bosheit zu seinem Bruder hin­über. »Vielleicht kamt uns Chester sogar noch mehr betraten.“ Die Andeutung war nicht mißzuverstehen

Wiederum rettete Philo bie Situation. »Ihr Bru- ber hat uns alles gesagt, was er weiß", bemerkte er ruhig. »Im Augenblick liegt uns batAn. zu hören, wieviel Sie wissen." Die Strenge in Philos Ton und Miene schien Einbruck auf Rex zu machen. Er sank in sich zusammen. Die farblosen Lippen zuck­ten heftiger, unb feine Finger spielten nervös mit den Schnüren seiner Hausioppe. Mir fiel auf, dgß er kurze rachitische Hände hatte mit krummen, ver­dickten Knöcheln. . .

»Sie sind sich.ganz sicher, daß Sie keinen Schutz gehört haben?“ fuhr Philo fort. Seine Stimme klang eindringlich fast drohend.

»Zum dutzendsten Mal sage ich Ihnen — nein!“ Rer's Stimme ging ins Falsett über, mit beiden Händen Packte er die Stuhllehnen.

»Beruhige dich. Rer", mahnte Chester malitiös. »Du bekommst sonst wieder deinen Anfall."

»Scher' dich zum Teufel!" schrie der Junge. »Wie oft soll ich noch -sagen, daß ich nichts weiß, rern nichts?"

»Eben das wollten wir ja nur noch einmal von Ihnen bestätigt hören", begütigte Philo. »Sie be­greifen doch, daß uns daran liegt, alle Punkte ein­wandfrei klarznstellen. Ich möchte nicht wissen, was Sie sagen würden, wenn infolge mangelnder Ge­wissenhaftigkeit unsererseits der Tod Ihrer Schwester ungerächt bliebe!" . .

Rer schien etwas besänftigt. Er holte tief Atem. »Ich würde Ihnen ja gern alles sagen, wenn ich nur etwas wüßte“, sagte er und feuchtete feine trok- kenen Lippen mit isr Zunge. »Was mich aufregt, ist bloß dies: für alles, was im Haus passiert, bin ich »der Sündenbock — das heißt — das heißt, eigentlich Ada und ich. Ob Julia gerächt wird oder nicht, ist mir gleichgültig Aber der Hund, der Aba nieber- gefchoffcn hat, ber soll büßen! Sie bat's ohnehin schon schlecht genug bei uns. Mutter läßt sich von ihr bebienen, als wäre sie eine Magb."

Philo nickte voller Vcrstänbnis. Tann stand er aus unb legte Rer mitsühlenb bie Hand auf bte Schulter. Tiefe Geste sah ihm so.unähnlich/ baß ich mich orbenilich verwunberle. Denn trotz seiner tiefwurzelnbe« Güte unb Menschlichkeit scheute Philo herb vor jeder Gefühlsäußerung zurüch,

»Lassen Sie sich von dem schrecklichen Fall nicht ganz und gar umwerfen, Mister Greene“, mahnte er gütig. »Sie dürfen versichert sein, daß wir alles tun, was in unserer Macht steht, um den Verbrecher aufzuspüren. — Und jetzt Wollen Wir Sie nicht län­ger mit Fragen quälen.“

Rex erhob sich und verbeugte sich gegen Philo »War nicht so schlimm." Mit einem versteckt trium­phierenden Blick auf seinen Bruder verließ er das Gemach.

»Rex ist ein sonderbarer Heiliger", bemerkte Che­ster nach kurzem Schweigen. »Tag unb Nacht liest er ober beschäftigt sich mit abgrünbigen Problemen aus ber Mathematik unb Astronomie. Der richtig­gehende Stubenhocker unb Bücherwurm. Kein Wun­der, daß seine Gesundheit zu wünschen übrig läßt. Ich sage es ihm immer wieder, er geht zu wenig an die Luft. Aber Sie haben ja gesehen, wie er zu mir ist. Halt mich für einen Schwachkops — weil ich Golf spiele!"

»Was sind das für Anfälle, die Sie vorhin er­wähnten?" fragte Philo. »Ihr Bruder sieht so aus, als wäre er Epileptiker."

»O nein, so schlimm ist es nickt. Aber er ist hvpcr- nervös, — ein Neurasthencker, wie er im Buch steht, sagt Dr. van Blon. Bei der geringsten Kleinigkeit gebt er hoch. Und wenn er sich aufregt, wirb er geisterhaft bleich unb kriegt bas Zittern. Er kennt sich bann fclbst nicht unb fagt Dinge, bie ihm hinter­her leib tun. Aber was Ernstliches ist es nicht. Was ihm nottut, ist Bewegung in frifcher Luft. Er müßte mal ein Jahr aufs Lanb gehen unb tüchtig körper­lich arbeiten. Tann würden sich seine Nerve« bald erholen."

»Ihr Bruder ist der Liebling Ihrer Mutter, nicht wahr?" Philos Frage brachte mir die Tempera- mentsährilichkeit zwischen der alten Tarne unb Rex Greene, bie ich vorhin, als Rex sprach, bunlel emp- funben hatte, erst voll zum Bewußtsein.

»Ja". Ehester nickte fhtnenb. »Soweit man bei Mutier überhaupt bavon sprechen kann. Im Grunbe existiert ja für sie nur ihre eigene Person. Immer­hin hat sie Rer noch' nie so runtergemacht wie ihre übrigen Sprößlinge."

Wiebemm trat Philo ans Fenster und sch.tnie hinaus. Plötzlich wandte er sich um. »Uebrigcns, Mister Greene, haben Sie Ihren Revolver gefun­den?“ Sein Ton war mit einmal ein völlig anderer. In Miene unb Halmng malte sich kühle Sachlichkeit.

Chester Greene zuckte zusammen unb warf einen schnellen Blick auf Hcath, der jetzt bie Ohren spitzte.

»Rein, ich habe ibn nicht gefunden", sagte er langsam und kramte in seiner Hosentasche nach der Zigarettenspitze. »Komisch“, er schüttelte den Kops — »das alte Ding lag immer bei mir im Schlafzim­mer. Immer int gleiche« Schubfach. Obwohl ich

mich, wie ich dem Herrn da gestern erklärte", — er deutete ungeniert mit der Zigarettenspitze auf Heath — »schon seit. Jahren nicht drum gekümmert habe. Immerhin — wie kann ein Revolver so mir nichts dir nichts verschwinden? Zum mindesten mvstertös. Hier im Haus Hat ihn bestimmt keiner angerührt. Die Mädchen gehen nicht an die Schubkästen, wenn sie die Zimmer aufräumen, — man tonn von Gluck sagen, wenn sic das Bett machen und oberflächlich Staub wischen. Möchte bloß wissen, wo das Ding hingekommen ist.“

»Haben Sie denn auch wirklich gründlich danach gesucht, wie Sie versprachen, Mister Greene?“ fragte Heaih streng und streckte kampflustig den Kopf vor. Warum er eigentlich eine derart kriegerische Haltung annahm, toenit er seiner Tiebstahliheoric wirklich so sicher war, war mir unerfindlich.

»Selbstverständlich habe ich nach der Waffe ge­sucht“, erwiderte Chester in hochmütig abweisendem Ton. »Das ganze Haus habe ich umgekehrt. Ader sie ist unb bleibt spurlos verschwunben... Wahrschein­lich ist sie bei einem ber jährlichen Scheuerfeste ab» Hauben gekommen."

»Gut möglich“, nickte Philo. »Was für ein Re» volver war es benn?“

»Zweiunbbrcißiger-Kalibcr. Mark Smiih u. Wes- son". Chester schien bemüht, sich bie Einzelheiten ins Gebächinis zurückzurusen. .Perlmuttergriff, ein paar Verzierungen cm Lauf, glaube ich — kann mich nickt genau entsinnen. Ich kaufte ihn vor fünfzehn Jahren, — vielleicht ist es auch langer her. Habe ihn vantals zum Scheibenschießen benützt. Tie ganze Sache ist mir bann aber sehr balb übcrgeworben, unb ich habe bie Waffe beiseite getan."

(Fortsetzung folgt.)'

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