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Rümmer 62

Einzelpreis: Wochentags 10 Pfennig.

Freitag, 14. März 1930

Einzelpreis: Sonntags 20 Pfennig.

20. Jahrgang

Amerika befürchtet Finanzkatastrophe

Kaiastrophale Lage auf dem Weizenmaift / Rechisoppvfllion gegen Hindenburg / Heut Kirchenschließungen in Rußland

Wachsender Pessimismus

Der Transport geht zunächst i von dort weiter nach Bahia.

Brasilien an.

Eigener Drahtberichr.

Rio de Janeiro und

MlitSrbmo in der Kirche

Um das Finanzprogramm

mit trösten köime, daß nicht nur seinem unmittel­baren Amtsvorgänger, sonoern auch den früheren kaiserlichen Regiecung:n von nationalistischen Krei­sen noch ganz anderes mitgespielt worden sei.

dende Frage einer Arbeitszeitverkürzung von acht auf siebeneinhalb Stunden dadurch unerledigt bleiben könnte.

Basel, 14. März.

Die Verwaltungsratssitzung der B. I. Z-, die auf »en 15. März anberaumt war, ist aus April verschoben worden, da die deutschen Delegierten zum Verwal­tungsrat erst Anfang April bezeichnet werden, nach­dem der neue Reichsbankpräsident Dr. Lucher fein Amt übernommen haben wird.

- Durch diese Verzögerung wird auch die für den 1 April vorgesehene Eröffnung der Bank auf den L Mai verschoben.

«aris, 14. März. Briand. der nach einer länge­ren Resvrechung mit Macdonald und Stimson feinen Plan geändert hat, wird nun die Antwort des Mini­sterpräsidenten Tardieu in London abwarten und »em für Sonnabend und Montag vorgesehenen Be­sprechungen beiwohnen. Tardieu wird außerdem die Gelegenheit seines Zusammentreffens hüt Bnand benWen um den endgültigen Wortlaut des Gesetz­entwurfes festzulegen, der die Ratifizierung der Haa­ger Abkommen vorsieht und am Donnerstag im Büro der französischen Kammer vorgelegt wird.

Mcdonald auf dem Rückzug?

Rom, 14. März.

Nach einer. Meldung desObservatore Romano" sind in Rußland die katholischen Kirchen in folgenden Städten geschlossen worden: Wjatka, Samara. Kasan, Witebsk und Nishninowgorod. In Nishninowgorod ist die Kirche in ein Militiirburean verwandelt worden. Die Schließung der Kirche in Smolensk und Tschelja­binsk steht bevor. In Mohilwe ist der Berwalter der dortigen Diözese gefangengesetzt worden.

Paris md die Haager Mommeu

Beschleunigte Beratung im Parlament.

\ Paris, 14. März.

Wie ein Pariser Morgenblatt meldet, beabsichtigt d« französische Regierung, die Vorlage über die Haa­ger Abkommen von dem Auswärtigen Ausschuß u. dem Finanzausschuß beschleunigt durchberaten zu las­sen, sodaß sie von der Kammer noch vordeuOster- f erien verabschiedet werden kann.

Prälat Dr. Kaas beurlaubt. Zu den alarmieren­den Meldungen über den Gesundheitszustand des Prälaten Dr. Kaas teil die .Germania" aus authen­tischer Quelle u. a. mit: Richtig ist, daß der Gesund­heitszustand unseres Parteichefs sehr zu wünschen übrig läßt. Auf den dringenden Wunsch seiner Par­teifreunde und auf strikste Anweisung des Arztes hin hat nun Dr. Kaas einen längeren Urlaub angetreten Während des Urlaubs des Prälaten Dr. Kaas wird seine Vertretung durch den Abgeordneten Joos ge­führt werden.

Hamburg, 14. März. Mit dem Harnburg-Südame- rika-Dampfer9)tonte Sarmiento" traten gestern wei­tere 22 deutsch - russische Flüchtlings- f a milien, die aus dem Sammelläger Hammerstein in Hamburg eingetroffen waren, die Fahrt nach . Der Transport geht zunächst bis

Berlin, 14. März.

Wie wir erfahren, hat der Vertreter der Deutschen Volkspartei in der gestrigen interfraktionellen Be­sprechung über die Finanzfragen, der Abgeordnete Cremer, an die sogenannten Weimarer Parteien die Frage gerichtet, ob diese Parteien sich übe; ein Finanzprogramm geeinigt hätten. Es wn-de ihm ge­antwortet, daß ein solches Programm nicht vorhanden sei.

In parlamentarischen Kreisen schließt man daraus, daß der Gedanke der Weimarer Koalition damit zu­nächst erledigt 'st, da die Haltung der Batzern, die stark von der Frage des § 135 des Finanzausgletchsgesetzes beeinflußt war, einer Verständigung zu große Schwie­rigkeiten machte.

Die gestrige Besprechung stellte sich damit als eine Fortführung der früheren Verhandlungen über ein Finanzprogramm dar. In beteiligten Kreisen rechnet man aber damit, daß die Verhandlungen sich noch recht lange hinziehen werden.

Severing gibt Rechenschaft^

Was dir Abwehr des Volksbegehrens kostete.

Berlin, 14. März.

Im Haushaltsausschuß des Reichstages wurde die Beratung des Nachtragsetats des Reichs­ministeriums des Innern fortgesetzt, bei dem Fonds persönliche und sächliche Kosten für Maßnahmen zum Schutze der Republik", für den ein Mehrbedarf von 350 000 Mark besteht.

Die Deutschnationalen verlangten eine genaue Rechnungslegung über diesen Fonds, der früher nur 200 000 Maik betragen habe, letzt einschließlich des Mehrbedarfs aber 650 000 Mark.

Reichsminister des Innern Severing erklärte: Die 350000 Mark haben wir gebraucht, um der Agi­tation des Reichs aus sch usies für das Volksbegehren entgegenzutreten. Die Propaganda der Regierung konnte erst nach dem Ab- Muß 'der Haager Verhandlungen entfaltet werden. In dieser Situation hatte die Regierung die Pflicht, alles zu tun. um die Jniereflen des Deutschen Reiches währzunehmen. Im einzelnen sind von ven 350 000 Mark für Flugblätter und Broschüren 267 000 Mark ausgeqeben worden, der Rest für deren Verbreitung.

In der Abstimmung wurde gegen dir Deuischna- tionalen die Christlich Rationale Arbeitsgemeinschaft und die Kommunisten der Mehrbedarf von 350000 Reichsmark vom Ausschuß genehmigt.

Regierungskrise in polen?

Warschau, 14. März.

In politischen Kreisen rechnet man mit dem Aus­bruch einer Regierungskrise. Da die Linksparteien er- llärt haben, daß sie für den Mißtrauensantrag gegen den Arbeitsminister P r y st o r stimmen werden, ist die Annahme des Mißtrauensvotums nahezu sicher. Nach der Solidaritätserklärnng des Ministerpräsiden­ten Bartel mit dem Arbeitsminister wird für morgen oder spätestens Samstag die Demission des Kabinetts erwartet.

Man ist jedoch allgemein der Ansicht, daß die Krise nicht von langer Dauer fein wird. Man betrachtet es als sicher, daß der Staatspräsident den bisherigen Mi­nisterpräsidenten Bartel mit der Neubildung der Regierung betrauen wird.

Hugenverg ruft den

Parteivorstand ein

' Berlin, 14. August.

Der deutschnationalc Parteivorsitzende Geheimrat Hugenberg hat, wie von deutschnatioiialer Seite mitgeteilt wird, in der gestrigen Fraktionssitzung feinen Dank für die Abwehrtatigkeit der Fraktion gegenüber dem Noungplan ausgesprochen. Er hat an­gekündigt, daß in Kürze der Parteivorstand einberufen wird.

Wie verlautet, soll er auch zu dem Verhalten des Reichspräsidenten gegenüber den Nounggesetzen Stel­lung nehmen.

stattfinden sollen. Dabei sollen von Jugendverban­den überall Abschriften des A o u n g p l a n e s öffentlich verbrannt werden. Ein Versuch ei­ner derartigen Kundgebung wurde bereits gestern abend in Berlin gemacht Zwischen dem Reichstags- aebäude und dem Bismarckdenkmal wurde ein solches Feuer angezündet und eine Tafel daneben gestellt, mit der Aufschrift:Deutschlands Jugend verbrennt den Youngplan". Die Polizei verhinderte die Kund­gebung und beschlagnahmte die Tafel. Gegenüber diesen Angriffen der Rechten

findet der Reichspräsident auf der Mitte und

auf der Linken Dank und Zustimmung.

Die .Germania" spricht dem Reichspräsiden­ten insbesondere ihren Tank dafür aus, baß er dem Volke mit der ganzen Autorität seiner Person und seines Amtes zugerufen habe, daß nunmehr nach dem parlamentarischen Kampfe auch der streit um den Noungplau zu Ende geführt werden könne Eine breite Front der Gutgesinnt e n toeree dem Reichspräsidenten treue Gefolgschaft leisten uno feine Bemühungen unterstützen

DaS »Tageblatt" verlangt, daß die Kundgebung Hindenburgs öffentlich angeschlagen werde, weil es bei der Haltung des Reichspräsidenten zweifellos sei daß diese Kundgebung dis zu allen Teilen Les deutschen Volkes Vordringen müsse

wärts" schließlich wird gesagt, daß der Reichsprä­sident sich gegenüber den Angriffen der Rechten da-

Zestgefahren!

' Die Krise der Londoner Konferenz.

London, 14. März.

Die Londoner Morgenpresse begrüßt die Verrnei- «ng eines Zusammenbruches auf der ylot enkonse- ten$. Sie bewertet aber die Möglichkeit erfolgreiche! Weiterverhandlungen nach wie vor sehr zuruayat- tenb.

Während von amtlicher britischer Sette bestrit­ten wird, daß sich die Verhandlungen aus einen ver­einigten Druck Italien gegenüber konzentrieren gibt die .Morningpost" zu. daß die Derhandlungen der vier übrigen Seemächte mit aller ^uft versuchen Italien zu einer Verringerung seiner Forderung zu bewegen.

.Daily Telegraph" stellt fest, daß die gestrige französische Veröffentlichung bestätigt, die franzö­sische Flotte würde 1936 tatsächlich 833000 Ton­nen und nicht 713 000 Tonnen, wie von amtlicher französischer Seite behauptet wird, umfassen. Außer­dem würde die französische Flotte völlig modernisier sein. Pertinax kommt in einem Bericht dtefen Fest­stellungen sehr nahe, indem er von 793 000 Tonnen spricht.

Die Aussichten auf ein Dreimächte - Abkom­men werden vorläufig durch die amerikanisch-iapa- nifchen Meinungsverschiedenheiten beelntrach'tgi. Das letzte amerikanische Angebot ist, wie zuver­lässig verlautet, von den Japanern nicht angenom­men worden.

London, 14. März.

Das Kabinett beschloß am Donnerstag, etne Ab­stimmungsniederlage bei der weiteren Behandlung der Sohlenbergbauvorlage nicht als Grund für einen Rücktritt aufzuiassen, sonoern dann die ge­samte Vorlage zurückzuziehen.

Die Bedeutung dieses Kabinettsbeschlusses liegt darin, daß diejenigen Streife bet ^ubenbentzer, die die ganze Bergbauvorlage entschieden bekämpfen, nun mit Nachdruck aus eine Zuruckziehung der Vorlage dringen.

Die Bergarbeiter -Vereinigung hat noch am Donnerstag eine Zufammenkunst nach London einbe­rufen, um eine Zurückziehung der SSetflbauöorlage unter allen Umständen zu verhindern. Man ist be­sorgt, daß die für die Bergarbetter allein entschei­

London, 14. März.

' Nach einem Neuyorker Bericht desDaily Tele d-«Ph" tonn Amerika nur durch eine schwere Mißernte vor einer drohenden Finanzkatastrophe be wahrt bleiben. In den amerikanischen Lagerhäusern seien gegenwärtig bereits 155 Millionen Bushels (1 Bushel ist etwa 36 Liter) Weizen aufgespeichert, die bis zum 1. Juli auf 250 Millionen angewachsen fein dürf­ten. Das würde bedeuten, daß die Vorräte zu biefer Zett größer seien als die gesamte Weizenausfuhr eines Jahres.

Rur durch eine Mißernte oder ein Wunder könne bas Land von einer Finanzkatastrophe verschont blei­ben. Die Lage auf dem Weizenmarkte sei so schlimm, daß eine Einkommenssteuerverminderung von etwa zwei Milliarden Mark als die unmittelbare Folge eingetreten fei.

Die Bemühungen der Washingtoner Regierung zur Verhinderung eines allgemeinen Zusammen­bruches werden pesstmistifch beurteilt.

Parteifehden um Hindenburg

Von unserer Berliner Schriftleitung.

th. Berlin, 14. März.

Die Kundgebung des Reichspräsidenten von H i n- d e n b u r g, die er aus Anlaß der Unterzeichnung des Noungplanes erließ (siehe Seite 2') ist sofort der Gegenstand für parteipolitische Auseinanderset- zungen geworden.

Die radikale Rechte rückt nunmehr von der Person des Reichspräsidenten in aller Form ab.

DieD e u t s ch e Z e i t u n g", die gestern mit einem brci,en Trauerrand erschien, hat an der Haltung des Reichspräsidenten von Hindenburg die allerschärfste Kritik geübt. In einem .Abschied" betitelten Artikel schreibt das Blatt:Wir müssen erklären, daß wir in dem Reichspräsidenten von Hindenburg den Poli­tischen Gegner erblicken, dem zur Abwendung weiteren Unheils der Kamps derer gilt, die au Deutschland auch jetzt nicht verzweifeln, die sich auch weiterhin mit allen Kräften ihrer Seelen, ihres Kön­nens für seine Rettung einsetzen wollen."

Die auch zu den Deutschnationalen zählende Deutsche Tageszeitung" sagt dagegen, die nationale Kritik solle vor allem nicht übersehen, daß der Reichspräsident in einer solchen Lage, tote sie durch die Annahme des Aoungplanes gegeben ist, ohne jede reale Machtmittel sei. Der Youngplan wäre nur noch durch einen Volksentscheid zu verhindern gewesen, aber das Manöver des Volksent­scheids sei bereits durchexerziert und zwar mit einem Ergebnis, daß noch nicht einmal 15 vom Hundert der Wahlberechtigten sich zur Ablehnung des Aoungpla- nes entschließen konnten. Es sei

ausgeschlossen.

daß ein Volksentscheid burchgebrungen wäre.

Dann hätte man aber eine Reihe von für uns le­benswichtigen Fragen fallen lassen müssen, und eine frühere Räumung des Rheinlandes wäre nicht er­reicht worden. Diese Gründe seien besonders maß­gebend dafür gewesen, daß der Reichspräsident den Entschluß faßte, sich für die Unterzeichnung des Noungplanes einzusetzen.

Die .Deutsche Allgemeine Zeitung" fürchtet, daß es den nationalen Interessen nicht dienlich sein könne, auch noch einen schweren und tragischen Kamps mit dem Reichspräsidenten zu entfesseln. Wir wollen, so betont das Blatt, neu an die Arbeit gehen im Sinne der Mahnung des Reichspräsidenten zur Einigkeit.

Die radikale Rechte scheint ihre Kundgebungen,auch außerhalb des Parlaments und der Presse fortsetzen zu wollen So berichtet dieDeutsche Zeitung", daß im nächsten Sonntag in allen Teilen des Reiches

Kundgebungen unter dem NamenAktion bet J ugend"

Ein neuer Abschnitt

Bon unferet Berliner S ch rist le itu n g.

Das Ziel einer Iss jährigen außenpolitischen Aktion >st erreicht. Die internationalen Verein­barungen über die Festsetzung der deutschen Repa­rationsleistungen und über die Räumung des Rheinlandes haben in Dcutschlano Gesetzeskraft er­langt. Nach unendlich schweren Kämpfen ist der Noungplan gesichert, unb das nächste Ziel, der neue Abschnitt der deutschen Außenpolitik muß nun so widerspruchsvoll es klingen mag darin be­stehen. sobald als möglich von diesem soeben zn- standogekominenen Noungplan wieder los zu kom­men, ihn zu revidieren, zu verbessern, ober durch etwas gänzlich Neues zu ersetzen. Man wird fra­gen. warum wir -ms überhaupt so sehr bemüht haben, diesen neuen Reparationsplan zu erlangen, wenn im Augenblick seines Zustandekommens die Gedanken sich schon wieder auf feine Revision rich­ten müssen. Die Antwort ist einfach genug: Die­ser Noungplan ist nichts anderes als eine Stufe auf Dem Wege, der der deutschen Außenpolitik in her Nachkriegszeit ganz von selbst vorgcschrieven ift Man mußte erst auf diese Stufe treten, ehe man von ihr aus weiterschrettcn kann Es war notwen­dig vom Dawesplan den Schritt zum Noungplan zu machen, aber es ist selbstverständlich/ daß mau auf der Stufe des Noungplanes nicht stehenbleiben kann.. Je eher wir den nächsten Schritt tun kön­nen, um so besser!

Die tot Noungplan niedergelegte neue Repara- lionsregelung bedeutet im wesentlichen den Ab­schluß der L o e a r n o p o l i t i k. Wenn bet Außen­minister Dr. Curtius jetzt einige Urlaubstage in Lo- carno zubringt, so wird ihm dort beim Ausruhen von den überaus aufreibenben unb kampfersüllten letzten Monaten dieser geschichtliche- Zusammen­hang zwischen Locarnopakt unb Noungplan am deut­lichsten vor Augen treten. Auch die gesamte Locar- uopolitfl kann nur als ein Abschnitt in ber Linie der deutschen Außenpolitik der Nachkriegszeit anac- sprochen werden, deren gegebenes Ziel in maju anderem bestehen tonn, als in ber Befreiung vom Versailler Vertrage unb in der Wiedereingliederung Deutschlands in das-politische und wirtschaftliche System der Großmächte. So steht eine rückwärts» schatzende Tendenz der Befreiung und ber Wieder­gutmachung von dem uns angetanen Unrecht-neben ber vorwärtsfchauenhen Aufbauarbeit, bie auch für unsere Außenpolitik mancherlei neue Wege und. siele bringen wird, da ja der Sinn dieser- Außen- Politfl sich selbsiverstä «blich nicht darin erschöpfen kann, einfach die (auBirbcm unmögliche) Wiederher­stellung des. Zustandes von 1914 mit allen seine r Dpanunrsen und Erplosionsgeieibren anzustreben.

Zur Befreiung von den Fesseln und Uugerechsig- keiten des Versailler Vertrages gehört natürlich in er­ster Linie die Abwicklung der Reparationszahlungen. Schritt für Schritt sind wir vom Londoner Ultima­tum mit feiner bisher geltenden Forderung von i-32 Milliarden über den Dawesplan zum Noungplan mit seinen fühlbaren Erleichterungen gekommen. Trotz­dem besteht attgemeinbie Ueberzeugung, daß auch der Noungplan auf die Dauer nicht erfüllbar ist. In­folgedessen muß in dem jetzt beginnenden neuen Ab­schnitt der deutschen Außenpolitik in erster Linie auf eine Verbesserung dieses Noungplanes hingearbeilet werden Das wird nicht in diesem oder im nächsten Jahre möglich sein, aber Wenn in einigen Jahren einmal das Morawriumsrecht von uns in Anspruch genommen wird, dann bedeutet das selbstverständlich nichts anderes als den Beginn einer solchen Revision. Kvar lautet ber Noungplan aus eine Zahlungsver­pflichtung von beinahe 60 Jahren, aber in Wirklich­keit glaubt boch kein Mensch, weder bei uns noch bei unseren Gläubigern, daß in den bevorstehenden Jahr­zehnten kein I-Punkt an den Haager Abmachungen verändert wird. Vielmehr ist Wohl schon in verhält­nismäßig kurzer Zeit mit neuen Apstrengungen z« einer Verbesserung unserer Zahlungs­bedingungen zu rechnen, und wenn man dieses Ziel einmal klar vor Augen hat, so ist es durchaus nicht grotesk, am Tage be*- Verkünbung ber Hamer Gesetzes bie Parole der Befreiung vom Noungplan aufzustellen.

Diese Befreiung vom Noungplan wird ja nur ein Teilstück aus bem Bestreben nach ber Befreiung vom Versailler Vertrage fein. Tiefes höhergesteckte Ziel umfaßt natürlich auch andere Probleme. Dahin ge­hören vor allem die territorialen Fragen, bie befonders bie Notwendigkeit einer künftigen Re­vision unserer Ostgrenze unb eine Wiedergewinnung des jetzigen polnischen Korridors mit friedlichen Mit­teln umfassen Um zu derartigen weitschauenben Ak­tionen überhaupt fähig zu fein, ist felbstverstänblich erst bie Wiebergewinnung ber alten Großmachlstel- lung und die Wiedereingliederung in die Reihe ber maßgebenden Staaten erforderlich. Hier greifen die beiden oben erwähnten Tendenzen ber beufchen Außenpolitik ineinander über. Tie Aufbauarbeit ber Zukunft wird zugleich zum Hilfsmittel für bie Ver­wirklichung der Befreiung von unseren Fesseln und Lasten. Diese Aufbauarbeit geht jeboch über diesen Rahmen weit hinaus. Nachdem die nächstliegenden Ziele ber Locarnopolitik erreicht sind, kann bie deut­sche Außenpolitik sich wieder stärker als bisher um internationale Fragen großen Sti­les kümmern. Dabei wird sowohl ber Boden des Genfer Völkerbundes wie auch bas Parkett ber internationalen Diplomatie Schauplatz und Werkzeug dieser Außenpolitik fein. Das Abrüstungsproblem, bie Minberheitenfrage, die Vereinbarungen über Zollbindungen und wirtschaftliche Zusamuienarbeit sind nur einige ber wichtigsten Stücke aus bem Gen­fer Arbeitsbereich. Das russische Problem, die Ent­wicklung in Ostasien, bie uns wesentlich näherliegende italienisch-französische Auseinandersetzung, ja auch bie ungarische Königsfrage unb das Schicksal bet anbeten österreichischen Nachfolgestaaten sinb Fragen, an denen Deutschland zweifellos ein »nmittelbares Interesse hat, und bei denen es künftig tr härterem Maße als bisher versuchen kann unb mnV, "ch als polnischen Faktor einzuschalten.

Es wird toieber reichlicher als bisher Arbeit für die Diplomaten geben, bie ja in ben ersten Jahren